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Full text of "Griechische Paleographie"

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GRIECHISCHE 

PALAEOQRAPHIE 


Von 


V.  Oardthausen 


Zweite  Auflage 


Zweiter  Band: 

Die  Schrift,   Unterschriften  und  Chronologie 
im  Altertum  und  im  byzantinischen  Mittelalter 


Leipzig 

Verlag  von  Veit  &  Comp. 

1913 


DIE 

SCHRIFT,  UNTERSCHRIFTEN 
UND  CHRONOLOGIE 

IM  ALTERTUM  UND 
IM  BYZANTINISCHEN  MITTELALTER 

Von 

V.  Gardthausen 


Zweite  Auflage 


Mit  35  Figuren  und  12  Tafeln 


Leipzig 

Verlag  von  Veit  &  Comp. 
1913 


Druck  voc  Metzger  &  Wittig  in  Leipzig. 


Inhalt. 

Zweites  Buch.    Schriftwesen. 

Seite 

I.   Die  Schrift 3 

Erstes  Kapitel. 

Die  Schrift  und  ihre  Arten 3 

Schriftarten  in  Hellas 11 

Altkretische  Schrift 11 

Mykenische  Schrift 14 

Troische  Schrift 15 

Krpriotische  Schrift 16 

Zweites  Kapitel. 

Geschichte  der  griechischen  Schrift 17 

Drittes  Kapitel. 

Reform  des  Alphabetes 35 

Die  Zusatzbuchstabeu 41 

Viertes  Kapitel. 

Anordnung  der  Buchstaben 48 

Fünftes  Kapitel. 

Anordnung  der  Zeilen 58 

Sticho-  und  Colometrie 70 

II.  Arten  g-riechischer  Volksschrift  83 

Erstes  Kapitel. 

Unciale 88 

Alteste  Papyrusunciale 91 

Die  spätere  Papyrusunciale ...101 

Die  rechts  geneigte  Papyrusunciale 111 

O  Osi'Qvy/og  /aQny.irj^ 113 

Zweites  Kapitel. 

Pergamentunciale 116 

Die  älteste  Pergamentunciale 119 

Der  codex  Sinaiticus 122 

Dioscorides 134 

Freerhandschriften 138 

Prunkunciale 140 


—       VI       — 

Seifo 

Drittes  Kapitel. 

Die  jüngere  Pergameutiiuciale 142 

Praesla^-isch 151 

Liturgische  Unciale 153 

Überschriftsmajuskeln 157 

Die  Kleinunciale 158 

Viertes  Kapitel. 

Cursive  I 159 

Ptolemäisch-römische  Majuskelcursive ....  173 

Canzleischrift 183 

Fünftes  Kapitel. 

Cursive  II 186 

Byzantinisch-arabische  Minuskelcursive 186 

Ausläufer  der  Cursive 198 

Sechstes  Kapitel. 

Minuskel 204 

Alte  Minuskel 208 

Mittlere  Minuskel 217 

Junge  Minuskel 225 

Das  stumme  Jota 241 

Siebentes  Kapitel. 

Ductus  und  Nationalschrift  I 244 

Lateinische  Nationalschrift  in  griechischer  Cursive 246 

Koptische  Nationalschrift 248 

Konstantinopel 252 

Orient 252 

Achtes  Kapitel. 

Ductus  und  Nationalschrift  II 253 

Unteritalien 253 

Das  Abendland 257 

III.    Künstliche  Schriftarten 262 

Erstes  Kapitel. 

Die  Schrift  des  Akropolis-Steines 264 

Delphische  Verbindungstafel 268 

Zweites  Kapitel. 

Geschichte  der  Tachjgraphie 270 

Die  griechische  Tachygraphie  im  Altertum 272 

Die  gi-iechische  Tachygraphie  im  Mittelalter 284 

Drittes  Kapitel. 

Unterricht  und  System  der  Tachygraphie      .     .     .     .  • 290 

Die  Vocale 293 

Die  Consonanten 295 

Viertes  Kapitel. 

Kryptographie 298 

Kryptographie  des  Schreibens 300 

Kryptographie  des  Rechnens 307 


—      VII       — 

Seite 

IV.   Abgrekürzte  Schrift 319 

Erstes  Kapitel. 

Abkürzungen 319 

Inschriften 324 

Nomina  sacra 325 

Profane  Abkürzung 327 

Abkürzungen  der  Cursive 328 

Die  tachygrapbisclien  Abkürzungen 331 

Minuskelkürzung 331 

Endungen  und  kurze  Worte 335 

Hieroglypbisch-Conventionell 341 

Minuskelscbrift 343 

Zweites  Kapitel. 

Zahlen 353 

Zahlzeichen  durch  die  Anfangsbuchstaben  der  Zahlworte        .          ...  354 

Asiatisches  Zahlensystem 357 

Buchstaben  als  Zahlen 358 

Buchstabenzahlen  mit  Episema 363 

Stellenwert 374 

Null 376 

Arabische  Zahlen 380 

Drittes  Kapitel. 

Spiritus  und  Accente 381 

Accente 388 

Viertes  Kapitel. 

Lesezeichen 894 

Interpunktion  für  Silben-,  Wort-  und  Satztreunung              394 

Fünftes  Kapitel. 

Kritische  und  musikalische  Noten 410 

Kritische  Zeichen 410 

Musikalische  Noten 414 

Drittes  Bach.    Unterschriften  and  Chronologie. 

I.    üutersebriften  der  Bücher 424 

Erstes  Kapitel. 

Unterschriften  der  Bücher 425 

Zweites  Kapitel. 

Falsche  oder  gefälschte  Unterschriften 437 

II.   Chronologie 441 

Erstes  Kapitel. 

Ägyptische  Zeitrechnung 442 

Zweites  Kapitel. 

Ägyptische  Acren 444 

Provincialaeren 445 

Diocletianische  Aera 446 

Weltaera 447 

Die  christliche  Acra 450 


—       VIII 

Seite 

Drittes  Kapitel. 

Verschiedene  Cyclen 454 

Indictionen 454 

Die  ägyptische  oder  Is'ilindiction 457 

Die  anderen  Indictionen 465 

Sonnen-  und  Mondcyclen 468 

Viertes  Kapitel. 

Monate  und  Tage 473 

Monate 473 

Tag  lind  Stunde 476 

Sonntagsbuchstaben 479 

Anhang  (Besehreiben  einer  Handschrift) 484 

Chronologische  Tabelle 486 

Nachträge 498 

Regristor 501 


Zweites  Buch. 


Sehriftwesen. 


6  yoniiftuToji'  nneioo:  ov  ßi.enei  ß'/.eno)t'. 
Menander. 


<j  ar  dt  hausen,  Gr.  Paläographie.   2.AuS.    II. 


I.  Die  Schrift. 

Erstes  Kapitel. 


Die  Schrift  und  ihre  Arten. 

\6c  tT,^  ye  '/.t'/&f]Q  cfäofjLax'   uod'ojfjcig  ^lövoq 
urfcova  xal  rfcovovvra,  avX'/Mßdq,  ts  i^sig 
i^evoov  avffodmoKTi  yodfifiar'  eiÖkvui, 
(ij(tt'   Ol)  TraoövTa  Tiovriag  ü.teo  TiAuxdg 
rdxhT  xar'   oixovg  Tcdvr'  iniaxaa&ai  xaXcDg, 
Ticiicfiv  t'   d7ioO-vi',(Txovra  /or/fiäTCov  uirnov 
i^  ym/.xpavTccg  ei7iEh>,  rbv  kaßövva  J'   dÖivuf 

^i  IC  d"  eig  eoiv  rtinTovaiv  dv&ocoTioig  xccxd 

Ja\  i)t'ÄTog  d'iaioei,  xovx  kd  U'^vÖT,    '/.eyeiv. 

^^  Diese  Worte  des  Palamedes  beim  Euripides  ^  zeigen, 

j^  daß  die  Griechen  sich  noch  einer  Zeit  erinnerten  oder 

zu  erinnern  glaubten,  welche  die  Segnungen  der  Schrift 

nicht  kannte,  der  also  die  Anfänge  einer  höheren  Cultur  noch  fehlten. 

Jedenfalls  zeigen  diese  interessanten  Verse,  daß  die  Griechen  den  hohen 

Wert  der  Schrift  vollständig  zu  schätzen  verstanden. 

Der  flüchtige  Gedanke  verdichtet  sich  zum  Wort,  und  das  Wort 
verkörpert  sich  zur  Schrift;  nächst  der  Entwicklung  der  Sprache  ist 
die  Erfindung  der  Schrift  der  wichtigste  Fortschritt,  den  die  Cultur 
der  Menschheit  in  dei'  Frühzeit  gemacht  hat;  denn  durch  die  Sprache 
unterscheidet  sich  der  Mensch  von  dem  Tiere,  durch  die  Schrift  der 
Culturmensch  von  dem  Barbaren,  Die  Sprache  ist  nur  die  Voraus- 
setzung, die  Schrift  dagegen  ist  die  Trägerin  der  Cultur,  Sprache 
und  Schrift  stimmen  vielfach  überein,  sind  aber  doch  in  mancher  Be- 
ziehung sehr  verschieden;  jede  hat  ihre  besonderen  Kräfte,    Der  Buch- 


Spraclie  u. 
Schrift 


*  Poetae   scenici   ed.   Dindorf^   p.  333.     Nauck,   trag,  graec.  fragm.*  p.   542 
erwähnt  V.  7:  statt  fQuipaviag  sinecp  Scaligers  Conjectur  /oäi^aiTa  leineif. 


Stabe  tötet,  der  Geist  macht  lebendig.  Das  Wort  verhallt,  die  Schrift 
dauert;  also  die  Sprache  kann  niemals  die  Schrift,  die  Schrift  niemals 
die  Sprache  ersetzen.  Die  Sprache  wendet  sich  nur  au  das  Ohr,  die 
Schrift  nur  an  das  Auge;  und  selbst  die  neuerfundene  Blindenschrift 
macht  kaum  eine  Ausnahme,  wenn  sie  auch  zunächst  für  den  Tast- 
sinn erfunden  ist. 

Gerade  für  die  niedrigen  Stufen  der  Entwicklung,  ehe  es  eine 
Schrift  gab,  sind  die  Segnungen  der  Sprache  kaum  zu  überschätzen, 
denn  sie  ermöglichte  eine  ganz  andere  Art  des  Verkehrs;  und  in  diesem 
wechselseitigen  Verkehr  hat  sich  die  Menschheit  erst  gebildet.  Diese 
Keime  wurden  durch  die  Erfindung  der  Schrift  weitergebildet.  Schrift 
und  Sprache  haben  sich  vielfach  beeinflußt:  in  der  ersten  Zeit  wurde 
die  Schrift  nach  der  Sprache  gebildet,  aber  in  der  späteren  Zeit  hat 
auch  die  Schrift  auf  die  Entwicklung  der  Sprache  einen  bedeutenden 
Einfluß  ausgeübt,  namentlich  in  conservativem.  d.  h.  retardierendem  Sinne. 

Die  Sprache  übermittelt  das  Erkannte  und  Erdachte  des  einzelnen 
seinen  Zeitgenossen  und  macht  es  zum  Gemeingut;  das  tut  die  Schrift 
auch;  aber  die  Schrift  tut  viel  mehr  als  die  Sprache,  denn  mit  ihrer 
Hilfe  kann  der  eine  mit  den  Gedanken  eines  andern  arbeiten,  den  er 
nie  gesehen  hat;  der  einzelne  hat  also  verdoppelte  Einsicht,  ö  yoccf.i- 
^lur    slSco^  xcf  Tisgiaadr  vovv  e/e/.^ 

Die  Schrift  faßt  den  unausgesprochenen  Gedanken,  und  gibt  ihn 
genau  im  Bilde  wieder,  das  man  nicht  nur,  wie  Palamedes  sagt,  fern- 
hin über  das  Meer  senden  kann,  sondern  sie  bringt  auch  die  Vor- 
schriften der  einen  Generation  der  folgenden;  ihr  verdanken  die  Kinder 
den  letzten  Willen  ihrer  Eltern.  Auch  der  Beamte,  der  Priester,  der 
Kaufmann  kann  bei  etwas  entwickelten  Verhältnissen  die  Hilfe  der 
Schrift  nicht  entbehren.  Sie  wirkt  also  nicht  nur,  wie  die  Sprache, 
für  die  Gegenwart,  sondern  sie  verbindet  die  Vergangenheit  mit  der 
Zukunft,  indem  sie  Raum  und  Zeit  überwindet  und  die  Resultate  der 
verschiedenen  Zeiten  und  Völker  zusammenfaßt  und  verewigt.^ 
^"lung*^^'  ^s    hat    allerdings  lange  gedauert,  bis  die  Schrift  dieser  Aufgabe 

sich  gewachsen  zeigte;  sie  hat  im  Laufe  der  Jahrhunderte  große  Wand- 
lungen durchgemacht.  Die  Schrift  ist  nämlich  keineswegs  erfunden,  um 
Laute  oder  gar  Begriffe  durch  Buchstaben  zu  fixieren.  Wer  Erfinder 
der  Schrift  sein  will,  darf  sich  also  nicht,  wie  Palamedes,  rühmen, 
Vocale  und  Consonanten  erfunden  zu  haben;   diese  stammen  aus  einer 


^  Curtius,  E. ,  Wort  uud  Schrift  in  Altertum  und  Gegenwart  1,251,  warnt 
vor  Überschätzung  der  Schrift. 

*  Menander,  Fragm.  ed.  Dübner  v.  403  (Aristoph.  ed.  Didot)  p.  97. 

^  „Das  Lesen  wie  das  Schreiben  isoliert  den  Menschen  —  —  Darum  trennt 
die  Schrift  die  zusammen  wohnenden  Menschen,  während  sie  die  durch  Zeit  und 
Raum  getrennten  vereinigt.'-     E.  Curtius,  Altert,  u.  Gegenw.  1.  2(i4. 


—      o      — 


viel  späteren  Zeit.  Die  Schrift  ist  vielmehr  erfunden,  um  Sachen  resp. 
Tatsachen  wiederzugeben.  Es  war  bereits  ein  großer  Fortschritt,  wenn 
man  darauf  verzichtete,  die  Sache  selbst  zu  schreiben  und  sich  begnügte, 
das  Wort  der  Sache  wiederzugeben.^  Es  ist  sehr  zweifelhaft,  ob  die 
Entwicklung  jemals  wieder  zu  ihrem  Ausgangspunkt  zurückkehren 
wird,  ob  ihr  vielleicht  künftig  einmal  das  Ziel  gestekt  wird,  nicht  das 
Wort,  sondern  die  Sache  selbst  zu  bezeichnen;  das  wäre  in  der  Tat 
insofern  ein  großer  Fortschritt,  als  die  Schranke  der  nationalen  Sprachen 
dadurch  beseitigt  würde.  Man  hat  allerdings  schon  oft  eine  Pasigraphie 
vorgeschlagen,  allein,  daß  dieses  Ziel  jemals  erreicht  wird,  ist  doch 
nicht  wahrscheinlich. 

Aber    was    ist    denn    eigentlich    die    Schrift?      Die    Beantwortung  ^^.''V®'^^® 

°  "      Schrift? 

dieser  Frage  ist  keineswegs  so  einfach,  als  man  auf  den  ersten  Blick 
glauben  möchte.  Wir  haben  manches  Buch  über  die  Schrift,^  manches 
Handbuch  der  Epigraphik  und  Paläographie  der  verschiedensten  Zeiten 
und  Völker;  aber  ich  kenne  keines,  das  diese  einfache  Frage  scharf 
formuliert  und  eingehend  beantwortet  hätte. ^  Ein  französischer  Dichter 
(Brebeuf)  rühmt 

l'art  ingenieux, 

De  peindre  la  parole,  et  de  parier  aux  yeitx, 

Ei  par  les  iraits  divers  de  figures  tracees 

Donner  de  la  couleur  et  du  corps  aux  pensees, 


'  Über  Ideensclirift,  Lautschrift  und  Buchstabenschrift  vgl.  Steinthal,  Die 
Entwicklung  der  Schrift.     Berlin  1852. 

-  Brugsch,  H.,  Bildung  und  Entwicklung  der  Schrift.  Berlin  1868.  —  Mosso,  A., 
Le  origini  della  scrittura.  Xuova  Antologia  232.  Jahi-g.  45.  1910  p.  193 — 211 
(mit  7  Abb.).  —  Böckh,  Encyclopädie  d.  phil.  Wissenschaften  S.  786  Anm.  b.  — 
Wuttke.  Geschichte  der  Schrift.  1872.  —  Geiger,  Über  die  Entstehung  der  Schrift. 
In  der  Zeitschrift  der  Deutschen  Morgenl.  Gesellsch.  1869.  23  S.  159  fif.  —  Ohne 
wissenschaftlichen  Wert  ist  Faulmanu,  K. ,  Illustrierte  Geschichte  der  Schrift. 
Populär-wissenschaftliche  Darstellung    der  Schrift,    der  Sprache   und   der  Zahlen, 

sowie  der  Schriftsysteme  aller  Völker  der  Erde.  Mit  14  Tafeln.  Wien  1879 : ,  Das 

Buch   der  Schrift,   eutli.   die  Schriftzeichen   und  Alphabete  aller  Zeiten  und  aller 

Völker  des  Erdkreises.  2.  Aufl.  1880; ,  Nei^e  Untersuchungen  über  die  Entstehung 

der  Buchstabenschrift  und  die  Person  des  Ei-finders.  1876.  —  Erlenmeyer.  A.,  Die 
Schrift.  Grundzüge  ihrer  Physiologie  und  Pathologie.  Mit  .!  in  den  Text  ge- 
druckten Holzschn.  u.  12  lith.  Taf  Stuttgart  1879.  —  Javal,  E.,  Physiologie  de  la 
lecture  et  de  l'ecriture.  Paris  1893.  —  Andreoli,  La  scrittura,  sua  storia  dai  gero- 
glifici  ai  nostri  giomi.  Studii  comparativi  con  facsimili  specialmente  dei  caratteri 
latini  o  romani.  Milano  1893.  —  Taylor,  Is.,  The  aiphabet  1.  2.  London  1883.  — 
Jacob,  Scriptura:  Daremberg  et  Saglio,  Dictionnaire.  —  Hug,  J.  L.,  Die  Erfindung 
der  Buchstabenschrift.  Ulm  1801.  —  Alzheimer,  Die  Buchstabenschrift,  ihre  Ent- 
stehung u.  Verbreitung.  Würzburg  1860.  4**.  —  Berger,  Ph.,  Histoire  de  Tecriture 
dans  l'antiquite.  Paris  1891.  —  Clodd,  Ed.,  Storia  dell'  alfabeto.  Trad.  dall' 
Inglese  d.  G.  Xobili.     Turin  1903. 

'  So<'ben  erscheint  Brandi,  K.,  Unsere  Schrift.     Göttingen  1911. 


—     6     — 

Schreiben  ist  eine  Kunst,  welche  Gedanken  durch  (conventionelie) 
Redezeichen  wiedergibt.  Aristoteles,  De  interpr.  1  p.  16a,  3  nennt 
xa  yoc/.cpößn'a  tüjv  kv  rfj  cfcavfi  na&ijaccTCoi'  GVfjLßolc/..  Die  Schrift  ist 
also  ein  Bild  der  Sprache,  und  wie  diese  in  erster  Linie  ein  Mittel  der 
Verständigung  zweier  Individuen;  nur  zu  diesem  Zwecke  sind  ihre 
Zeichen  entstanden.  In  einer  indianischen  Bilderschrift  finde  ich  viel- 
leicht irgend  eine  Gruppe  oder  Szene  z,  B.  von  einer  Jagd,  die,  wenn 
auch  anders  stilisiert,  wiederkehrt  in  den  Handzeichnungen  eines 
modernen  Künstlers.  Der  Gegenstand  ist  derselbe  und  doch  darf  nur 
die  eine  Darstellung  zur  Schrift  gerechnet  werden,  weil  der  Künstler 
gar  nicht  die  Absicht  hatte  zu  schreiben,  und  er  in  seine  Zeichnung 
also  auch,  abgesehen  von  seinen  künstlerischen  Zwecken,  keinen  Ge- 
dankeninhalt hineingelegt  hat. 
Ornament  Namentlich   die  Grenzlinie   zwischen  Schrift  und  Ornamentik  ^   ist 

schwer  zu  ziehen,  wenn  es  sich  um  eine  unbekannte  Schrift  handelt. 
Schliemann  fand  inschriftartige  Charaktere,  bei  denen  man  in  der  Tat 
zweifelhaft  sein  kann.  Auch  bei  den  neueren  Papyrusfunden  hat  man 
Zeichnungen  gefunden,  die  wenigstens  als  Schrift  noch  von  niemand 
gelesen  sind.  Meistens  wird  man  aber  auch  bei  unbekannten  Schrift- 
arten über  ihr  Wesen  nicht  lange  zweifeln  können;  wenn  sie  nur  den 
nötigen  Umfang  haben,  erkennt  man,  daß  gewisse  Zeichen  oder  Gruppen 
von  Zeichen  nach  den  Lautgesetzen  der  Sprache  immer  wiederkehren, 
und  kann  bei  dem  gänzlichen  Mangel  von  künstlerischen  Gesichts- 
punkten mit  Sicherheit  schließen,  daß  sie  nicht  ornamental  sind. 
Anderseits  gibt  es  Schriftzeichen,  namentlich  orientalische,  die  sicher 
keine  Ornamente  sind,  die  aber  doch  im  Stil  der  Ornamente  ausgeführt 
sind,  wo  die  Schrift  durch  das  Ornament  stark  beeinflußt  ist.  Auch 
in  den  jüngeren  Minuskelhandschriften  lassen  sich  die  farbigen  Initialen 
häufig  von  dem  Ornament  nicht  trennen;  und  man  kann  nicht  immer 
mit  Bestimmtheit  angeben,  wo  die  Schrift  anfängt  und  das  Ornament 
aufhört.  Auch  bei  den  Wasserzeichen  des  Papiers  gehen  manchmal 
Ornament  und  Schrift  unmerklich  ineinander  über.  Aber  selbst  bei 
wirklicher  Buchstabenschrift  kann  man  manchmal  zweifelhaft  sein.  Es 
gibt  einfache  Zeichen,  wie  z.  B.  I,  0,  X,  die  man  entweder  als  Schrift- 
zeichen oder  als  Ornament  auffassen  kann;  nur  nach  der  Absicht  ihres 
Urhebers  wird  diese  Frage  zu  entscheiden  sein;  und  meistens  ergibt 
der  Zusammenhang  ohne  weiteres  was  gewollt  war. 

Die  Schrift  muß  also  einen  Sinn  haben;  sie  besteht  aus  Zeichen, 
die  nur  der  Eingeweihte,  d.  h.  wer  lesen  gelernt  hat,  versteht;  daher  die 
abergläubische  Ehrfurcht,  mit  der  der  Wilde  Geschriebenes  betrachtet, 

^  Auf  den  Unterschied  von  Schreiben  und  Zeiclinen  brauchen  wir  hier  natür- 
lich nicht  einzugehen. 


—     7     — 

als   ob    jeder  der   schreiben  kann,   ein  Zauberer  sein  müsse,  der  mehr 
vermag  als  ein  gewöhnlicher  Sterblicher. 

Dazu  kommt  noch  ein  weiteres  Kennzeichen.  Die  Mannigfaltigkeit  i^,^?^'^: 
der  Schrift  ist  eine  sehr  gi-oße.  Wir  haben  die  Bilderschrift  und  die  Hiero-  "^^'"  Schrift 
glyphen  der  Naturvölker,  die  Buchstaben  und  Notenschrift  des  antiken 
und  modernen  Menschen,  die  Silbenschrift  der  Tachygraphie,  die  ein- 
gewebten Inschriften  eines  Teppichs,  die  eingeschnittenen  Inschriften, 
Eunen  und  Oghani,  die  vertieften  Charaktere  der  Wasserzeichen,  nament- 
lich aber  auch  die  mannigfachen  Formen  unserer  Brand-.  Ätz-  und 
Druckschrift  und  die  erhöhten  Buchstaben  der  Münzen  und  Siegel,  um 
nur  einiges  aus  der  großen  FüUe  herauszugreifen.  So  verschieden  auch 
diese  Arten  sein  mögen,  so  stimmen  sie  doch  darin  überein,  daß  sie  auf 
alle  Fälle  nicht  einen  Schreibstoff,  aber  doch  einen  Beschreibstoff  Beschreib- 
voraussetzen, der  durch  den  Eingriff  des  Menschen  ^  in  der  Weise  ver- 
ändert wird,  daß  er  durch  erhöhte  oder  vertiefte  Zeichen,  über  deren 
Sinn  man  sich  geeinigt  hat,  den  Gedanken  seines  Urhebers  wiedergibt. 
Es  wäre  z.  B.  denkbar,  daß  auf  die  glatte  Fläche  eines  Eisblocks 
geschrieben  würde,  wenn  sich  das  Eis  dagegen  in  Wasser  auflöst,  ist 
das  nicht  mehr  möglich.  Zum  Schreiben  gehört  also  ein  fester  Be- 
schreibstoff. 

Ob   ein  Alphabet   dabei   angewendet  wird,  ist  nebensächlich,  denn 
es  gibt  Schrift  ohne  Alphabet  und  Alphabet  ohne  Schrift. 

Ein  optischer  oder  elektrischer  Telegraph  z.  B.  hat  sicher  ein  '''^'^''i^'  "• 
kunstreich  erdachtes  Alphabet,  das  jeden  Gedanken  ebenso  getreu 
wiedergibt,  wie  das  gewöhnliche  Alphabet,  aber  zur  Schrift  können 
diese  rasch  verschwindenden  optischen  oder  elektrischen  Signale  erst 
gerechnet  werden,  wenn  sie  auf  Papier  in  wirklicher  Schrift  dauernd 
fixiert  sind. 

Auch  die  Flaggensignale  unserer  Marine  sind  ein  Mittel  der  Ver- 
ständigung; auch  sie  haben  ihr  Alphabet;  ihre  Zeichen  bedeuten  Buch- 
staben, und  die  Buchstaben  bedeuten  ganze  Sätze.  Wenn  diese  Signale 
also  Schrift  wären,  so  hätten  wir  die  prägnanteste  Schrift,  die  sich 
denken  läßt.  Aber  zur  Schrift  dürfen  wir  dieses  Alphabet  doch  nicht 
rechnen.  Dagegen  der  Schlüssel  zum  internationalen  Telegi-ammen- 
€odex  gehört  wirkHch  zur  Schrift;  er  leistet  das  Höchste,  sagt  das 
Meiste,  das  sich  durch  die  Schrift  überhaupt  ausdrücken  läßt,  und  gilt 
dazu  noch  für  alle  Sprachen;  der  Paläograph  würde  diese  Art  von 
Schrift  zur  Kryptogi'aphie  rechnen. 


'  Beim  Seismographen,  den  wir  doch  sicher  nicht  aussehließen  dürfen,  ist 
nicht  die  Naturgewalt.  sondern  der  Mensch  der  Schreibende,  der  den  Apparat 
construiert  liat. 


Das  Signal  dauert  nur  einen  Augenblick,  im  nächsten  ist  es  bereits 

verschwunden,  während  umgekehrt  die  Schrift  nicht  für  den  Augenblick 

des   Schreibens  entsteht,  sondern  für  spätere,  aber  auch  viel  längere 

schrift^"^  Zeit;  das  ist  ein  Hauptunterschied,  der  besonders  betont  werden  muß. 

„Idee  und  Wort ans  Räumliche  zu  binden",  das  ist  die  Aufgabe 

einer  jeden  Schrift,  welche  die  Aufgabe  hat,  das  Geistige  ins  Materielle 
zu  übertragen  und  dadurch  dem  Gedanken  die  Dauer  der  Materie  ver- 
leiht. Der  subjektive  Gedanke  löst  sich  los  von  seinem  Urheber  und 
objektiviert  sich  durch  die  Sprache  wie  die  Schrift;  aber  nur  durch 
die  Schrift  verewigt  er  sich. 

Körper  und  Stimme  verleihet  die  Schrift  dem  stummen  Gedanken 
Durch  der  Jahrhunderte  Strom  trägt  ihn  das  redende  Blatt. 

(Scliiller.) 

Der  Begriff  des  Dauernden  und  Bleibenden  —  um  nicht  zu  sagen 
des  Ewigen  —  gehört  recht  eigentlich  zum  Wesen  der  Schrift.  Wenn 
die  Bibel  sagt:  Verbum  (Dei)  manef  m  aeternum,  so  ist  die  stillschweigende 
Voraussetzung  dabei,  daß  es  geschrieben  sei.  Byzantinische  Bücher- 
Schreiber  schlössen  manchmal  ihre  Arbeit  mit  den  Worten:  Die  Hand^ 
die  dies  geschrieben,  modert  bald  im  Grabe;  allein  was  sie  geschrieben 
bleibet  in  Ewigkeit. 

„Durch  die  Kunst  des  Schreibens  hört  die  Erkenntnis  (des  Menschen) 
auf,  so  vergänglich  zu  sein,  wie  er  selbst  ist."^ 

Erbe*'der  §0  entsteht  eiuB  ununterbrochene  Kette  zwischen  unserer  Zeit  und 

Menschheitjjgj^  entferntesten  Generationen,  auf  deren  Schultern  wir  stehen,  die 
auf  diese  Weise  sowohl  durch  mündliche  wie  durch  schriftliche  Tra- 
dition unsere  Lehrer  geworden  sind.  Wenn  die  mündliche  Tradition 
einmal  gewaltsam  unterbrochen  wurde,  so  gaben  uns  die  erhaltenen 
Schriften,  wie  z.  B.  in  der  Renaissancezeit,  die  Möglichkeit  den  zer- 
rissenen Faden  wieder  anzuknüpfen.  Ihr  geistiges  Erbe  verdankt  die 
Menschheit  also  in  erster  Linie  der  Schrift. 

Das  Buch  ist  der  verkörperte  Gedanke;  es  vererbt  sich  von  Gene- 
ration zu  Generation  und  macht  die  besten  Geister  der  Vergangenheit 
zu  Lehrmeistern  der  Gegenwart;  so  bewährt  sich  die  Schrift  als  die 
eigentliche  Trägerin  der  Cultur.^  Es  ist  eine  schöne  Sage  der  Hellenen, 
daß  Prometheus  den  Menschen  das  Feuer  vom  Himmel  herabgeholt 
habe,  und  daß  derselbe  Heros  zugleich  auch  durch  Erfindung  der 
Schrift  für  die  Menschheit  der  Bringer  des  Lichts  geworden  sei.  Bei 
Aeschylus,  Prometheus  476  rühmt  er  sich: 


'  Mommsen,  R.  6.  1,  207. 

^  Plinius  drückt  das  etwas  anders  aus,  s.  o.  1  S.  47:  cum  cliartac  usu  inaxim-^ 
humanitas  vitae  constet,  certe  memoria. 


—     9     — 

i^r/voov  uvTOii  yoafxfiäzfov  re  avv&iaen;, 
livi'jfxriv  aTiävTCov,  fiovaopLriTOo    koyävrjV. 

Was  der  Gebrauch  des  Feuers  für  die  Anlange  der  Civilisation  bedeutete, 
das  wurde  vielleicht  noch  überboten  durch  die  Erfindung  der  Schrift  ""^  cuitu^° 
in  der  Folgezeit.  Ohne  Schrift  mögen  die  Anfänge  der  Cultur  denkbar 
sein;  aber  mehr  nicht; ^  eine  wirkliche  Cultur  setzt  die  Schrift  voraus, 
die  dann  später  das  wichtigste  Mittel  für  ihre  Entwicklung  und  Ver- 
breitung werden  sollte.  In  der  Tat  hatte  jedes  Culturvolk  seine  Schrift; 
und  diejenigen  Nationen,  die,  wie  die  alten  Peruaner,  mit  Schrift- 
behelfen auskamen,  können  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  nicht  so 
genannt  werden.  Mit  der  Verbreitung  der  Schrift  in  den  verschiedenen 
Zeiten  steigt  und  sinkt  das  Niveau  der  Cultur.  Diejenigen  Perioden 
der  Weltgeschichte,  in  denen  wenig  geschrieben  wurde,  wie  z.  B.  das 
Mittelalter,  stehen  relativ  daher  tiefer  als  die  vorhergehende  und  die 
nachfolgende  Zeit.  Im  Mittelalter  war  die  Kenntnis  des  Lesens  und 
Schreibens  ein  Privilegium  Weniger,  namentlich  des  Klerus:^  und  diese 
Wenigen  waren  die  Führer  ihres  Volkes,  nicht  nur  in  geistigen,  sondern 
oft  sogar  in  weltlichen  Dingen.  Und  selbst  in  modernen  Verhältnissen 
l^flegen  wir  den  Bildungsgrad  eines  Volkes  zu  messen  an  dem  Prozent- 
satz seiner  Analphabeten.  Noch  heutzutage  ist  die  Schrift  eines  mo- 
dernen Culturvolkes  ein  untrügliches  Zeichen  für  den  Ursprung  seiner 
Civilisation;  die  Schrift  der  europäischen  Völker,  der  Romanen  einerseits, 
der  Russen  und  Türken  anderseits,  zeigt  deutlich,  von  welcher  Seite 
ihre  Vorfahren  vor  Jahrhunderten  oder  Jahrtausenden  die  Anfänge 
ihrer  Cultur  erhalten  haben.  Von  den  slavischen  Völkern  haben  die 
Russen  ein  griechisches,  die  Polen  undCzechen  ein  lateinisches  Alphabet; 
daraus  allein  müßten  wir  den  Schluß  ziehen,  wenn  wir  es  nicht  wüßten, 
daß  Entwicklung  und  Geschichte  dieser  verwandten  und  benachbarten 
Stämme  eine  ganz  verschiedene  gewesen  ist.  Auch  bei  anderen  Völkern 
weist  der  Unterschied  in  der  Schrift  auf  einen  tiefgehenden  Unterschied 
in  der  Culturentwicklung  und  erklärt  daher  manchen  Gegensatz  in  der 
Geschichte  Europas. 

Wie  also  eine  höhere  Cultur  ohne  Schrift  undenkbar  ist,  so  können  ^^^30";^^?^ 
wir  uns  auch  namentlich  eine  historische  Forschung  ohne  schriftliche 
Aufzeichnungen  nicht  vorstellen;  im  Gegenteil,  erst  wo  diese  anfangen 
endet  die  mythische  und  prähistorische  Zeit;  erst  dort  beginnt  die 
eigentliche  Geschichte  und  Geschichtsforschung;  aber  von  hier  an  ist 
auch  jede  Wissenschaft,  die  historische  Methode  anwendet,  auf  die 
Hilfe    des  Paläographen    angewiesen,    der  das   geistige   Erbe   der  Vor- 


^  Vgl.  Das  Buchgewerbe  und  die  Kultur.    Aus  Natur  und  Geisteswelt  Nr.  1S2. 
'^  Im  Französischen    heißt    der  Schreiber    noch    heute  clerc,   und  ähnlich  im 
Englischen. 


—     10 


fahren  behütet.  Es  gibt  noch  andere  Brücken,  die  von  der  Gegenwart 
zur  Vergangenheit  hinüberführen,  aber  die  schriftliche  Überlieferung 
ist  von  allen  bei  weitem  die  wichtigste. 


Schrift-  ^^^Qy  sich  über  den  Zustand  der  Schriftlosigkeit  in  frühester  Zeit, 

losigkeit  „  ... 

über  die  Atzschrift  („Tatuierung"),  Bilderschrift  und  Schriftbehelfe  ver- 
schiedener Naturvölker  unterrichten  will,  findet  die  gesuchten  und 
vielleicht  außerdem  noch  andere  nicht  hier  gesuchte  Aufklärungen  in 
H.  Wuttkes  Entstehung  der  Schrift,  die  verschiedenen  Schriftsysteme 
und  das  Schrifttum  der  nicht  alphabetarisch  schreibenden  Völker 
(Leipzig  1872). 
Selbständige         Wichtiger    sind    für  den  Paläographen   die  letzten  Partien   dieses 

Schrift-  o  . 

Systeme  Buchcs  Über  die  verschiedenen  Schriftsj^steme,  die  auf  Selbständigkeit 
Anspruch  machen  können,  nämlich  in  der  Alten  Welt  1.  das  der  Ägypter, 
2.  der  Chinesen,^  3.  der  Assyrer,  und  in  der  Neuen  Welt  die  Bilder- 
schrift der  Südamerikaner  (die  Quipuschrift  der  Peruaner)  und  die 
mittelamerikanische  Hieroglyphik.- 

Ob  einzelne  dieser  Systeme  untereinander  verwandt  sind,  kann 
hier  nicht  untersucht  werden,  aber  nach  der  Meinung  des  Leipziger 
Physiologen  Ludwig  kann  die  große  Tat  der  Zerlegung  der  Sprache 
in  die  Laute  des  Alphabets  nur  an  einer  Stelle  der  Erde  verrichtet 
worden  sein.^  Allein  die  Mannigfaltigkeit  der  später  entdeckten  Schrift- 
arten, die  daraufhin  zu  prüfen  wären,  ist  so  groß,  daß  heute  wohl 
niemand  mehr  diesen  Gedanken  festhalten  wird.^ 

Später  konnten  die  Griechen  sich  ein  Leben  ohne  Schrift  nicht 
mehr  vorstellen,    und   scheuten   sich   nicht,    diese  Kunst   auch   für  den 


*  Vgl.  Chalmers,  John,  An  account  on  the  structurc  of  Chinese  character.s 
under  300  primaiy  forms.     London,  Trübner  1882.    X,  199  S.  8".    Mit  2  Taf. 

-  Lenormant,  Fr.,  Sur  la  propagation  de  l'alphabet  phen.  (Paris  1872)  T.  1 
p.  11  unterscheidet:  1.  Les  hieroglyphes  egyptiens;  2.  Fecriture  chinoise;  3.  reeri- 
ture  cuneiforme  anarienne;  4.  les  hieroglyphes  mexicains;  5.  Tecriture  calculiforme 
ou  .,katouns"  des  Mayas  du  Yucatan.  Über  dieses  letzte  System  siehe  auch  das 
prächtige  Werk  von  Brasseur  de  Bourbourg:  Manuscrit  Troano.  Etudes  sur  le 
Systeme  graphique  et  langue  des  Mayas.  Vol.  1.  2.  Paris  1869  (—70).  —  Geiger, 
Zeitschr.  d.  üeutschen  Morgenl.  Gesellsch.  23.  1869  S.  160  unterscheidet  „mindestens 
sechs  selbständige  Lösungen  der  gigantischen  Aufgabe". 

3  Siehe  E[bers],  G.,  Lit.  Centralbl.  1893,  437. 

*  Über  unbekannte  Seliriftarten  s.  o.  1  S.  73  Anm.  6—7:  Preisigke,  Fr.,  Eine 
fremdartige  Schrift:  Zeitschr.  d.  Deutschen  Morgenl.  Gesellseh.  62.  1908  S.  111 
bis  112  (mit  Schriftprobe).  Lepsius  schi-ieb  an  Karabacek  über  die  neuen  Er- 
werl)ungen  des  Berliner  Museums  (Sitzungsljer.  d.  Wien.  Akad.  161  [Phil. -bist.  Kl.) 
1908  S.  4  Anm.  2):  Ferner  haben  wir  auch  eine  ziemliche  Anzahl  Fragmente  mit 
einer  bisher  noch  von  niemand  gekannten  oder  gar  gelesenen  Schrift  in  laugen 
Strichen. 


—    11    — 

Olymp  vorauszusetzen.^  Die  Götter  hatten  ihre  Sprache  und  ihre 
Schrift  so  gut  wie  die  Menschen.  Und  dementsprechend  scheuen  sich 
die  Schüler  der  Griechen,  die  Etrusker,  durchaus  nicht,  ihi-en  geflügelten 
mythologischen  Gestalten  eine  Tintenflasche  oder  ein  beschriebenes 
Diptyclion  in  die  Hand  zu  geben. 


Fig.  39. 
Corssen,  Etrusker  1.  19.  5. 


Schriftarten  in  Hellas. - 

Die  Hellenen  waren  sich,  wenn  auch  einzelne  Stämme  autochthon 
zu  sein  behaupteten,  auch  in  späterer  Zeit  noch  bewußt,  daß  ihre  Vor- 
fahren eingewandert  seien  und  ältere  Bewohner  aus  dem  Lande  ver- 
drängt hätten.  In  der  Theorie  muß  also  die  Möglichkeit  ohne  weiteres 
zugeben,  daß  auf  hellenischem  Boden  prähellenische  Inschriften  gefunden 
werden  können;  und  in  der  Tat  haben  die  neueren  Nachgrabungen  in 
den  verschiedensten  Teilen  von  Hellas,  namentlich  im  Osten,  diese 
Voraussetzung  bestätigt  und  gezeigt,  daß  in  Hellas  lange  vor  der  An- 
kunft der  Hellenen  geschrieben  wurde. 

Altkretische  Schrift. 

Selbst  Hieroglyphen^  fehlen  nicht  auf  griechischem  Boden.  Bei 
seinen  interessanten  und  erfolgreichen  Ausgrabungen  auf  Kreta  fand 
A.  J.  Evans  in  Ruinen,  die  sicher  dem  2.  Jahrtausend  v.  Chr.  angehören. 


1  Siehe  Birt,  Th.,  Schreibende  Götter.    X.  Jalirbb.  f.  kl.  Altert.  19.  1907  S.  700. 
-  Larfeld,  W.,  Hsindb.  d.  gr.  Epigraphik  1.     Leipzig  190". 

2  Anthropoly  ainl  the  elassics  ed.  by  R.  R.  Marett.  Oxford  1908.  Evans,  A.  J., 
The  European  diftiision  of  primitive  ))ictography  and  its  bearings  on  the  origin 
of  Script. 


—     12     — 

Probeil  einer  Schrift,  die  er  mit  den  Hieroglyphen  der  Hethiter  in  Ver- 
Inndung  bringt.  Man  sieht  Teile  des  menschlichen  Körpers,  Geräte, 
Waffen,  einzelne  Formen  des  Tier-  und  Pflanzenreichs  usw.  wie  wir 
sie  in  den  ägyptischen  und  anderen  Hieroglyphen  kennen.^ 

Bei  den  italienischen  Ausgrabungen  auf  Kreta  fand  man  den  be- 
rühmten Diskos  von  Phaistos^  mit  einer  vollständig  ausgebildeten 
Hieroglyphenschrift,  die  von  der  ägyijtischen  verschieden  ist;  daß  sie 
mit  beweglichen  Typen  hergestellt  sei,  ist  nicht  anzunehmen,  daß  sie 
griechisch  sei  ebensowenig.^  Der  Diskos^  ist,  wie  die  meisten  hiero- 
glyphischen Denkmäler  Kretas,  klein  und  leicht  transijortabel,  aber  zu 
der  Annahme,  daß  er  nicht  auf  der  Insel  entstanden  sei,  liegt  bis  jetzt 
wenigstens  kein  Grund  vor.  Der  Gebrauch  dieser  kretischen  Hiero- 
glyphen soll  nach  Evans,  Scr.  Minoa  1  p.  237  bis  in  die  Zeit  der 
11.  ägj'ptischen  Dynastie  (2200 — 2000  v.  Chr.)  hinaufreichen.^ 

Außerdem    entdeckte  Evans  Schriftdenkmäler    eines   ganz  anderen 


'  Vgl.  Xauthudides ,  S.A.,  6  Kotjunü:  noliinj^öi.  Atliea  1904.  Ö.  110—112; 
HQoiffioQiy.i/  YQuff'j  kv  Kqi'jzr)  iu  der  Zeitschr.  Ad^rjva  1906.  —  Evans,  A.  .J..  Cretan 
Pie-tographs  and  prae-phoenician  Script.   London  1895.    Vgl.  ßerl.  Philol.  AVochen- 

sckrift  1897,  1428—1431.  Rhein.  Mus.  55.  1900,  476- 479: ,  Further  discnveries  of 

Cretan   and  Aegean   Script  with  Libyan   and  Froto-Egyi^t.  comparison.     Journ.  of 

hell.  stud.  17.  1897,  327: ,  Knossos.   Excavations  1900   s.  Annual  of  the  Brit. 

School  at  Athens   6.    1900;  —  — ,  The  pictographic   and  linear  Scripts  of  Minöan 

Crete   and   their  relations.  s.  Proceed  of  the  Brit.  Acad.  1903,  136: .   On  th'- 

linear  Script  of  Knossos  Cl.  Rev.  19.    1905   p.  187; ,  Scripta  Minoa  1.     Oxford 

1909,  siehe  Erman,  Berl.  Philol.  Woeheuschr.  1911.  S.  1098.  Erinan  faßt  sein 
Urteil  über  diesen  Versuch  dahin  zusammen:  gelesen  ist  von  den  kretischen  In- 
schriften noch  nichts,  aber  wir  sehen  doch  viel  klarer  in  diesen  Dingen.  Rev. 
Grit.  1910,  Juli  28.  S.  58;  —  — ,  Die  europäische  Verbreitung  primitiver  Schrift- 
malerei und  ihre  Bedeutung  für  den  Ursprung  der  Schreibschrift,  siehe  Die  Anthro- 
pologie und  die  Klassiker,  übersetzt  von  H.  J.  Hoops.  Heidelberg  1910  S.  11 — 57. 
—  Larfeld,  Handb.  1.  1907  S.  319  if. 

^  Siehe  Pernier,  Ausonia  3.  1898,  255.  Rendiconti  d.  Lincei  V,  17.  1908 
p.  642;  vgl.  ebend.  V,  18.  1909  10  p.  297. 

^  Vgl.  Grardthausen,  Bewegliche  Typen  und  Plattendruck  (mit  Lichtdruck  des 
Diskos).     Dtsch.  Jahrb.  f.  Stenographie  1.    1911  S.  1  flf. 

*  Hempl,  G. ,  The  solving  of  an  ancient  riddle.  The  Phaestos  disk.  Tonic 
greek  before  Homer:  Harper's  monthly  Magazine  Januar  1911  p.  187 — 198  (siehe 
Wochenschr.  i.  klass.  Philologie  1911  S.  1107).  Ohne  irgend  ein  brauchbares 
Resultat. 

^  Inschriften  von  Kreta  in  gutem  Lichtdruck,  siehe  Monumenti  Antichi  13. 
1903  Tav.  IV.  —  La  scoperta  della  Biblioteca  del  Re  Minos  di  Cnosso.  siehe 
Bibliofilia  2.  Firenze  1901,  235  [mattoni  di  creta  ca.  1000,  perfettamente  conser- 
vati].  —  Nuove  osservazioni  relative  ai  segni  della  primitiva  sci-ittura  cretese, 
s.  Monuiii.  Antichi  14.  1905  p.  433.  —  Weil,  R.,  La  question  de  Tecriture  lineaire 
dans  la  mediterranee  primitive:  Revue  Arch.  IV.  1.    1903  p.  213— 232. 


—      13     — 

linearen  Schriftsystems.  Namentlich  in  Knossos  fand  man  ca.  2000  Ton^. 
täfeichen  mit  diesen  unbekannten  Schriftzeichen. ^ 

Interessant  ist  auch  ein  Mivcoixöv  axBvog  tvsTiiyoarfov,  ein  schild- 
förmiges Tongefäß,  in  der  Mitte  vertieft,  dessen  erhöhter  Rand  mit 
linearen  Schriftzeichen  bedeckt  ist.^ 

Nach  dem  Athenaeum  3971  (5.  Dez.  1903)  p.  757  behandelte 
A.  J.  Evans  die  Pictographie  und  die  Linearschrift  auf  Kreta;  beide 
sind  nicht  gleichzeitig.  Pictographische  Inschriften  fanden  sich  in 
einem  älteren  Palaste  der  „Mittelminoischen  Periode"  mit  Andeutungen 
einer  Verbindung  mit  der  12.  ägyptischen  Dynastie  (2800  —  2200  v.  Chr.). 


Fig.  40.     Lineares  Schriftsystem. 
Annual  of  the  Brit.  School  Bd.  ö  Tafel  II. 


In  dem  jüngeren,  über  dem  älteren  errichteten  Palast  (etwa 
1500  V.  Chr.)  findet  man  Linearschrift  (ältere  und  jüngere).  Beide 
Linearschriftsysteme  zeigen  große  Verwandtschaft  untereinander  und 
Abhängigkeit  von  einer  älteren  Bilderschrift.  Beide  Linearsysteme 
weisen  auf  Decimalzählung.  Manche  Zeichen  sollen  sowohl  ideo- 
graphischen wie  syllabischen,  vielleicht  auch  phonetischen  Wert  haben[?]. 
Proben  dieser  Schrift  hat  man  fast  nur  auf  Kreta  gefunden.  Eine 
Vase  von  Orchomenos  (jetzt  im  Museum  von  Athen)  ist  nach  Bulle 
mit  kretischen  Schriftzeichen  versehen,  und  Evans,  der  die  von  ihm 
entdeckten  kretischen  vSchriftzeichen  sicher  am  besten  kennt,  ist  der- 
selben Meinung  (Scripta  Minoa  1  p.  57).  Auch  auf  Henkelinschriften 
von  Mykene  und  Menidi  sollen  Proben  des  linearen  Schriftsystems 
gefunden  sein;  außerdem  meint  man  in  Delphi  eine  Spur  gefunden  zu 
haben;  darüber  sagt  Perdrizet  (N.  Jahrbb.  f.  kl.  Altert.  1908,  I  S.  23): 
„Eines  dieser  Denkmäler  war  in  Delphi  selbst  von  —  —  Rhussopulos 
aufgefunden  worden,  und  zwar  längere  Zeit  vor  den  Entdeckungen  von 
Knossos:  es  ist  eine  Bronceaxt  mit  zwei  eingeritzten  Schriftbildern;  das 
Stück  ist  von  Sir  John  Evans  dem  Ashmolean-Museum  seschenkt  wor- 


'  Evans,  Athenaeum  1900  p.  634  u.  793.  —  Wolters,  Jahrb.  des  arch.  Institut;* 
1900.    Anzeiger  S.  149,  mit  Tafel  zu  S.  141  ff. 

'^  Siehe  Xanthudides,  'Ecf.rj^.  nQxniol.  1909  p.  179 — 196. 


—     14     — 

den.  Derselben  Zeit  und  derselben  Civilisation  —  —  muß  ein  be- 
arbeitetes Steinfragment  zugeschrieben  werden,  das  im  Jahre  1894  in 
den  Fundamenten  des  Apollotempels  gefunden  worden  ist." 

Ehe  diese  Vermutungen  sich  bestätigt  haben,  wird  man  gut  tun, 
keine  weitgehenden  Schlüsse  daraus  zu  ziehen. 

Die  kretische  Schrift  ist  nach  Evans  einheimischen  Ursprungs. 
Im  minoischen  Kreta  gab  es  nur  eine  Sprache,  die  bis  in  die  älteste 
Zeit  zurückgeht,  vermutlich  die  eteokretische.  Diese  Sprache  war  jeden- 
falls nicht  semitisch.^  Aber  anderseits  waren  weder  Minos  noch  die 
Eteokreter  hellenischer  Nationalität;  das  zeigen  Inschriften  aus  Praisos 
ungefähr  aus  dem  6.  Jahrhundert  v,  Chr.,^  deren  Schrift  allerdings 
altgriechisch  ist,  während  die  Sprache  uns  vollständig  unverständlich 
ist.^  Wenn  die  Heste  der  älteren  Bewohner  von  Kreta  also  nicht 
griechisch  waren,  so  haben  wir  keine  Veranlassung,  uns  mit  ihrer 
Schrift  zu  beschäftigen.^ 

Mykenische  Schrift. 

Auf  den  engen  Zusammenhang  zwischen  Kreta  und  dem  Pelo- 
ponnes  ist  bereits  früher  hingewiesen;  er  ist  namentlich  durch  die 
neueren  Ausgrabungen  in  Knossos  und  Mykene  bestätigt.  Es  läßt  sich 
nicht  mehr  bezweifeln,  daß  die  Cultur  auf  Kreta  die  ältere  war,  und 
man  hat  sogar  vorgeschlagen,  den  Ausdruck  mykenisch  aufzugeben  und 
durch  „spätminoisch"  zu  ersetzen.  Wenn  also  auf  Kreta  geschrieben 
wurde,  so  wird  man  dasselbe  für  Mykene  voraussetzen;  und  die  Schlie- 
mannschen  Ausgrabungen  haben  diese  Voraussetzung  bestätigt.^ 

Alle  diese  rätselhaften  Schriftzeichen  glaubt  H.  Kluge,  Die  Schrift 
der  Mykenier.  Cöthen  1897,^  lesen  und  erklären  zu  können.  Wenn 
er  die  Hieroglyphe  eines  Fußes  ^  erklären  will,  so  weist  er  darauf 
hin,    daß    die  Griechen    an    Tiovg    dachten;    an    die  Stelle    des    ganzen 


1  Siehe  Wochenschr.  f.  klass.  Philol.  1904,  49—50. 

*  Monumenti  Antichi  3,  449  Nr.  208;  Anuual  Br.  school  of  Athens  1,  127; 
10.  ll.j— 124. 

^  Vgl.  Meister,  Dorer  und  Achäer  in  Kreta.  Abli.  d.  Sachs.  Gres.  d.  Wiss. 
24,  III.    Leipzig   1904  S.  61. 

*  Versuch  die  kretischen  Schriftzeichen  zu  deuten  siehe  Jahrbb.  f.  klass. 
Altert.  1908,  I  S.  126.  —  Dussaud,  Journ.  Asiat.  1905,  I  p.  357  u.  Les  civilisations 
prrhelleniques.     Paris  1910  p.  290.     L'ecriture  et  la  question  de  l'alphabet. 

*  Reinach,  S.,  Temoignages  antiques  sur  l'ecriture  mycenienne,  siehe  L'An- 
thropologie  11.  1900,  497— 502.  —  Tsountas  and  Mannat,  The  Mycenian  age.  Lon- 
d(m  1897  p.  268.  Writing  in  Mycenian  age.  In  Mykenae  hat  Schlieniann  (My- 
kenae,  deutsche  Ausgabe.  Leipzig  1878  S.  128 — 129)  drei  oder  vier  ..inschrift- 
ähnliche  Zeichen''  gefunden. 

•■■  Allzu  günstig  angezeigt  im  Lit.  Centralbl.   1897  S.  302. 
'  S.  u.  Abkürzungen,  Endungen  und  kurze  Worte  Nr.  143. 


—     15     -^ 

Wortes  trat  später  der  Anfangsbuchstabe;  also  jenes  Zeichen  bedeutet  .t. 
Au  diesem  einen  Beispiel  sieht  man  seine  Methode  und  die  Sicherheit 
seiner  Kesultate.  Sein  Versuch  ist  vollständig  mißglückt^  und  Larfeld, 
Handbuch  der  gr.  Epigraphik  1.  1907  S.  323—4,  hat  ihm  durch  eine 
ausführliche  Analyse  und  Widerlegung  noch  zuviel  Ehre  angetan. 

Bis  jetzt  ist  von  dieser  my kenischen  Schrift  noch  nicht  ein  Zeicheu 
gelesen  und  verstanden ;  wir  müssen  es  also  unentschieden  lassen,  ob 
sie  zur  griechischen  gerechnet  werden  darf  oder  nicht.  —  Giannopulos.  N., 
Oeafjahxai  7iooe?j.jjvixu}  t7i/yga(fai.  Athen  1908.  ttiv.  g'  gibt  eine 
Probe  von  einer  unbekannten  griechischen  (?)  Schrift,  die  aber  das  ge- 
wöhnliche Alphabet  vorauszusetzen  scheint. 

Troische  Schrift. 

Während  bei  den  mykenischen  Inschriften  von  allen  Seiten  zu- 
gegeben wird,  daß  es  sich  wirklich  um  Schrift  handelt,  hat  Schliemann 
in  Troja  Vasen  gefunden  mit  zweifelhaften  Inschriften. 

Zusammengestellt  sind  die  bis  dahin  bekannten  Inschriften  von 
Moritz  Schmidt:  Sammlung  kyprischer  Inschriften  in  epichorischer 
Schrift.  Jena  1875;  hier  findet  man  auf  der  letzten  Tafel  auch  eine 
Nachbildung  der  von  Schliemann  in  Troja  gefundenen  Inschriften. ^  c^ie^in^SiftTo* 
mit  Unrecht  für  kyprisch^  erklärt  worden,  jedoch  bis  jetzt  noch  nicht 
entziffert  sind;  s.  Schliemann^  Trojanische  Altertümer  S.  XXI,  Atlas 
Tat  13,  432;  Taf  19,  555;  Taf  168,  3273;  Taf  171,  3292.  3295;  Taf  190, 
3474.  Besonderes  Interesse  verdient  die  Inschrift  Taf.  161  Xr.  3092. 
Auch  in  Schliemanns  Troja  (Leipzig  1884)  S.  131  sieht  man  Terrakotten 
„mit  eingeschnittenen  Zeichen,  welche  Schriftzeichen  sein  mögen".  Da 
aber  Schliemanns  „gelehrter  Freund  Herr  Emile  Burnouf"  schreibt 
,,Les  caracferes  die  petif  vase  ne  sont  ni  grecs.  ni  sanscrits,  ni  pMniciens, 
yii.  ni,  ni  —  ils  sont  parfaitement  lisihles  en  chinois^' ,  so  haben  wir 
wenigstens  nicht  die  Pflicht,  näher  auf  diese  Inschriften  einzugehen. 
Das  Chinesische  ist  aber  bis  auf  weiteres  durch  das  Kyprische  verdrängt 
durch  einen  Aufsatz  von  Sayce  in  Schliemanns:  Ilios,  Stadt  und  Land 
der  Trojaner.     Leipzig  1881   S.  766. 

J.  Poppelreuter  "*  versucht,  die  „Troischen  Schriftzeichen",  die  man 
auf  Schliemann  sehen  Vasen  gefunden  hat,  mit  der  Evans  sehen  Schrift 
auf  Kreta  in  Verbindung  zu  bringen. 

'  Koepp,  Fr.,   \Vücliensclir.  f.  klass.  Philol.  IS97,  673  tt". 
-  Vgl.  the  Acadcmy  5.   1874  S.  6;{6  ff. 

'  Gomperz,  Zur  Entzifferung  der  Schliemann  sehen  In.Sfln-it'ten  in  der  Wicm-r 
Abendpost  vom  6.  Mai  und  25.  Juni   1874. 

*  Jahrl).  d.  Areh.  Instituts  10.  1890  S.  211-212. 


—      16     — 

Kypriotische  Schrift. 

Eine  ganz  abgesonderte  Stellung  nimmt  die  (ursprünglich  links- 
fcypriote"  läufige)  Schrift  der  Kyprioten  ein ,  die  bis  zur  Zeit  des  Euagoras 
(ca.  410  T.  Chr.)  geschrieben  wurde.  —  Es  gehört  zu  den  schönsten 
Eesultaten  wissenschaftlicher  Forschung  unserer  Zeit,  daß  es  endlich 
gelungen  ist,  die  rätselhafte  Schrift,  die  man  auf  die  Ureinwohner  der 
Insel  zurückführen  wollte,  zu  entziffern  und  als  griechisch  nachzuweisen. 
Nachdem  durch  die  umfassenden  Ausgrabungen  Cesnola's  ein  reicheres 
Material  zutage  gefördert  war,  wurde  die  Frage  nach  dem  Sinne  dieser 
wunderbaren  Inschriften  von  verschiedenen  Seiten  her  in  Angriff'  ge- 
nommen. Schon  G.  Smith  hatte  den  syllabaren  Charakter  der  Schrift 
erkannt  und  bereits  eine  Gruppe  von  fünf  Zeichen  [ßccffiXevg)  richtig 
gelesen.  Die  wirkliche  Entzifferung  jedoch  glückte  erst  dem  leider 
viel  zu  früh  verstorbenen  J.  Brandis.  dessen  „Versuch  der  Entzifferung 
der  kyprischen  Schrift"^  im  wesentlichen  als  vollkommen  geglückt  be- 
zeichnet werden  kann,  wenn  auch  nachher  Bergk,  M.  Schmidt,  Siegis- 
mundj  Deecke  und  jetzt  namentlich  R.  Meister  im  einzelnen  sehr  vieles 
,  ,  .^  nachgebessert  haben.  —  Die  wichtigsten  Resultate  von  Brandis'  ünter- 
'und die    suchung  siud  bestehen  geblieben,  daß  die  Schrift-  eine  2;riechische  und 

Keilschrift    -.,.,,  ,  „ 

doch  eme  syllabare  ist.  —  Es  ist  selbstverständlich,  daß  diese  sylla- 
bare  Schrift  nicht  aus  der  höher  entwickelten  Buchstabenschrift  der 
Phönicier  abgeleitet  werden  kann.  „Die  jüngst  auf  kyprischen  Denk- 
mälern zutage  getretene  Silbenschrift  ist  so  schwerfällig  und  unbeholfen, 
daß  ihr  Gebrauch  der  Annahme  der  bequemen  semitischen  Buchstaben- 
schrift ebensowenig  nachgefolgt  sein  kann  wie  etwa  die  Anwendung  der 
Streitaxt  jener  der  Flinte."^ 

Es  ist  eine  unbehilfliche  Silbenschrift,  die  sich  wahrscheinlich  aus 
asiatischen  Hieroglyphen,  vielleicht  der  Hethiter  entwickelt  hat."*  Lidz- 
barski,  Ephem.  2,  371  meint,  daß  vielleicht  die  kretische  Schrift  die 
Mutter  der  kyprischen  sei.  Andere  denken  an  eine  nahe  Verwandt- 
schaft mit  der  assyrischen  Keilschrift.  Diese  schon  früher  herr- 
schende Ansicht  zu  beweisen,  war  der  Zweck  der  Schrift  von  Deecke.^ 


*  Herausgegeben  von  E.  Curtius.  Monatsberichte  der  Berliner  Akademie 
1873  S.  643—671. 

*  Pierides,  Notes  on  Cypriotic  Palaeography ,  Transactions  of  the  Soc.  of 
Bibl.  Areh.  V.    1877  S.  88—96. 

^  Gomperz,  Griech.  Denker  1  S.  10—11. 

*  Siehe  Larfeld,  Handbuch  1  (1907)  S.  326  Taf.  HI. 

^  Der  Ursprung  der  kyprischen  Silbenschrift.  Straßburg  1877.  Vgl.  Lit. 
Ceutralbl.  1878  S.  190—191.  —  Über  die  Litteratur  hierzu  siehe  Jahresbericht 
über  die  Fortschritte  der  class.  Alterthumswissenschaft  1878.  HI  S.  125  ff.  u.  1879. 
ni  S.  82  ff.  —  Thumb,  Handb.  d.  griech.  Dialecte  1909  S.  285  und  die  kurze  Zu- 
sammenstellung in  L.  Stern's  Übersetzung  von  Cesnola's   Cypern    S.  17  —  19   und 


—     17     — 

Doch  läßt  sich  auch  hier  manches  von  dem  wiederholen,  was  ein- 
gewendet wurde  gegen  seinen  Beweis,  daß  auch  die  phönicische  Schrift 
aus  der  assyrischen  (s.  u.)  abzuleiten  sei. 

Die  große  Unregelmäßigkeit  des  Syllabars  und  die  Verschiedenheit, 
wenn  z.  B.  ein  k  mit  den  fünf  Vokalen  combiniert  wird,  zeigt  wohl 
am  besten,  daß  dieses  System  sich  auf  einem  ganz  anderen  Boden 
ausgebildet  haben  muß.  Während  man  früher  diese  epichorische 
Schrift  den  Ureinwohnern  der  Insel  zuweisen  wollte,  ist  jetzt  kein 
Zweifel  mehr,  daß  es  fast  ausschließlich  die  griechischen  Colonisten 
waren,  die  sich  dieser  Schrift  bedienten,  in  Inschriften  sowohl  wie  auf 
Münzen,  deren  Legenden  der  Zeit  vom  Ende  des  6.  bis  zum  Ende  des 
4.  Jahrhunderts  zuzuweisen  sind.  Als  Probe  diene  die  Inschrift  eines 
schweren  goldenen  Armbandes  von  Paphos. 

e     -     te   -  va  -  do    -    ro        to       pa  -  po    ba  -  si    -    le  -  vo  -  s 
Etea[n]drou  tou      Paphou  basileos. 

Fig.  41.    Palma  di  Cesnola,  Cypem. 
Deutsch  von  L.  Stern.   1879  S.  265. 

Wenn  auch  andere  Völker  dasselbe  Schriftsystem  angewendet 
haben,^  so  sind  doch  die  meisten  kyprischen  Inschriften  sprachlich 
sicher  griechisch,  graphisch  dagegen  nehmen  sie  eine  ganz  abgesonderte 
Stellung  ein;  und  wir  können  hier  um  so  eher  davon  absehen,  als  nur 
epigraphisches  und  numismatisches,  kein  paläographisches  Material  für 
dieselben  vorliegt. 

Zweites  Kapitel. 

Geschichte  der  griechischen  Schrift." 

Von  all  den  ebengenannten  Schriftarten  —  mögen  sie  nun  grie- 
chisch sein  oder  nicht  —  sehen  wir  ab  und  beschränken  uns  auf  die 
phöuicisch-griechische    Schrift,    aus    der   unser    eigenes    Alphabet 


293 — 295.  —  Collitz,  Sammlung  griech.  Dialectinschr.  HeftI:  Die  giiech.-kypri- 
schen  Inschriften  in  epichorischer  Schrift  von  W.  Deecke.  Göttingen  1883.  — 
Über  die  Sammlung  von  Mor.  Schmidt  s.  o.  —  D.  kyprische  Syllabar,  siehe 
Mf ister,  Griech.  Dialecto  2  S.  131  u.  Head,  Hist.  numorum  1911  pl.  III.  —  Mei.stcr,  R., 
Zu  den  Regeln  der  kyprischen  Silbenschrift.  Indogermanische  Forschungen  4. 
1894  S.  175^  Sitzungsber.  d.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  1908  S.  22;  1910  S.  233;  1911  S.  17; 
Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1910  S.  148  mit  2  Taf.;  1911  S.  630  mit  Tabelle  S.  632. 

*  Meister,  R.,  Kyprische  Syllabarinschr.  in  nicht  griech.  Sprache.    Sitzungsber. 
d.  Berl.  Akad.  1911  S.  166. 

*  Vgl.  GRM.  1909  S.  273  ff. 

Gardthausen,  Gr.  Paläographie.   2.  Aufl.    II.  2 


—     18     — 

abgeleitet  ist.  Wir  haben  die  Schrift^  erhalten  von  den  Römern,  die 
Römer  von  den  Griechen,  die  Griechen  von  den  Phöniciern;  und  die 
Phönicier? 

Weiter  können  wir  dem  Gang  der  Entwicklung  mit  Sicherheit 
nicht  folgen  bis  in  seine  ersten  Anfänge.  Agyptologen^  wollen  die 
phönicische  Schrift  aus  der  ägyptischen  ableiten,  Assyriologen -^  aus  der 
assyrischen  Schrift.  Es  sind  auch  noch  andere  Vorschläge  gemacht 
worden;  aber  nach  der  Geschichte  der  Phönicier  und  nach  der  geo- 
graphischen Lage  ihres  Landes  wird  man  in  erster  Linie  an  jene 
beiden  großen  Culturvölker  denken,  welche  nicht  nur  die  Herren,  son- 
dern auch  die  Lehrer  des  phönicischen  Volkes  gewesen  sind. 

Von  jeder  natürlich  gewordenen,  nicht  künstlich  erdachten  Schrift, 
wie  z.  B.  einem  stenographischen  oder  telegraphischeu  Alphabet,  kann 
schiift  man  voraussetzen,  daß  es  sich  aus  einer  Bilderschrift  entwickelt  hat,  die 
in  der  Praxis  allmählich  stilisiert  und  vereinfacht  wurde.  Sowohl  bei  den 
Ägyptern*  wie  bei  den  Assyrern  trifft  diese  Voraussetzung  zu.  Je  häu- 
figer ein  Bild  gebraucht  wurde,  desto  weniger  sorgfältig  wurde  es  gemalt. 
Der  Gebrauch  des  täglichen  Lebens  war  es,  der  einerseits  das  Bild  ab- 
kürzte und  stilisierte,  anderseits  aber  auch  die  Zahl  der  Bilder  ver- 
ringerte, weil  die  Gefahr  nahe  lag,  sonst  nicht  mehr  verstanden  zu 
werden.  Praktische  Gründe  der  Deutlichkeit  waren  es  ferner,  welche 
dahin  wirkten,  den  beibehaltenen  Zeichen  einen  immer  spezielleren 
Sinn  beizulegen.  Das  nunmehr  streng  stilisierte  Wortbild  bezeichnete 
nicht  mehr  einen  Begriff,  sondern  ein  bestimmtes  W^ort,  mit  Ausschluß 
der  Synonymen,  dann  wurde  es  auf  eine  Silbe  beschränkt  und  endlich 
auf  einen  Buchstaben.^ 

Glücklicherweise  haben  wir  die  Frage  nicht  zu  entscheiden,  ob 
die  Ägypter  oder  die  Ass}Ter  die  Lehrer  der  Phönicier  gewesen  sind; 


^  Über  die  Geschichte  der  Schrift  vgl.  besonders  Larfeld,  W.,  Handbuch  der 
gr.  Epigraphik  1.  Leipzig  1907.  Über  das  Werk  eines  Engländers,  Taylor,  Js., 
The  Alphabet,  an  account  of  the  origin  and  development  of  letters  1.  2.  London 
1883,  das  wenigstens  für  die  griechische  und  lateinische  Schrift  dilettantisch  ge- 
nannt werden  muß,  vgl.  meine  Anzeige  im  Philologischen  Anzeiger  1884  S.  1 — 6. 

-  Siehe  de  Rouge,  Mem.  sur  lorigine  egyptienne  de  l'alphabet  phenicienue. 
Paris  1874. 

^  Siehe  Delitzsch,  Die  Entstehung  des  ältesten  Schriftsystems.  Leipzig  1897 
S.  221  und  Zimmern,  Ursprung  des  Alphabets,  Zeitschr.  d.  D.  Morgenl.  Ges.  50. 
1897  S.  (>6T. 

*  Plato,  Phaedr.  p.  274  C.  —  Brugsch,  H.,  Über  Bildung  und  Entwicklung 
der  Schrift.  Berlin  1868  S.  15.  —  Foucart,  G.,  L'histoire  de  Tecriture  egyptienne. 
Revue  archeol.  III,  32.  1898  p.  20.  —  Müller,  G.,  Hieratische  Paläographie  l. 
Leipzig  1909. 

^  Über  den  Unterschied  von  fqünfiaxa  und  aioi/Bta,  siehe  Bekker,  Anecdota 
gr.  p.  770fF.;  vgl.  Eohde,  D.  Griech.  Roman,  u.  s.  Vorläufer*  S.  255  Anm. 


—     19     — 

für  unsern  Zweck  genügt  es,  darauf  hinzuweisen,  daß  die  griechische 
Schrift  aus  der  phönicischen  abzuleiten  ist.  Allerdings  ist  jene  Frage 
auch  schon  im  Altertum  gestellt  und  in  verschiedenem  Sinne  gelöst' 
Die  Gelehrten  des  Altertums  leiteten  das  phönicische  Alphabet  meistens 
aus  der  ägyptischen  (Plin.  n.  h.  7,  193),  seltener  aus  der  assyrischen 
Schrift  her  (Plin.  n.  h.  7,  192).^ 

Bei  Tacitus  finden  wir  eine  Geschichte  des  Alphabets  von  der 
ältesten  Zeit,  wie  sie  an  Deutlichkeit  und  Klarheit  nichts  zu  wünschen 
übrig  läßt,  Ann.  11,  14.  Primi  per  figuras  animalium  Äegyptii  sensus 
mentis  effingebant  iea  antiquissima  inonimenta  memoriae  hummiae  inpressa 
saxis  cernuntur)  et  litterarum  semet  inventores  perhibent;  deinde  Flioenicas 
quia  mari  praepollebant,  intulisse  Graeciae  gloriamque  adeptos,  tamquaiii 
reppererint  quae  aceeperant.  Quippe  fama  est  Cad?nu7H  dasse  Pkoenicum 
vectum  rudibus  adhuc   Graeeorum  populis  artis  eins  auctorem  fuisse. 

Bis  zu  einer  reinen  Buchstabenschrift  sind  die  Ägypter  niemals 
durchgedrungen;  sie  waren  diesem  Ziele  nahe,  haben  es  aber  nicht 
wirklich  erreicht.  „Die  mehrconsonantischen  Silbenzeichen  existieren 
neben  den  einconsonantigen  weiter,  die  der  Ägypter  wohl  gar  nicht 
als  alphabetische  in  unserem  Sinne,  sondern  nur  als  eine  Art  von 
Silbenzeichen  empfunden  hat.''^ 

Ebensowenig  wie  im  Altertum  ist  der  Streit  über  die  Herkunft  der 
phönicischen  Schrift  in  unserer  Zeit  zu  einer  definitiven  Entscheidung 
geführt  worden.  Es  sind  neuerdings  zu  wiederholten  Malen  Versuche 
gemacht  worden,^  die  ägyptische  Schrift  zum  Ausgangspunkt  für  die  ^^gn>tischer 
phönicische  zu  machen,  namentlich  von  E.  de  Rouge,  Mem.  sur  l'origine 
^gyptienne  de  Talphabet  phenicieone  pp.  les  soins  de  J.  de  Roug6. 
Paris  1874    und  Maspero    hat    ihm    zugestimmt,    wenn   er  auch  etwas 


*  Vgl.  Lepsius,  Über  die  Anordnung  nnd  Verwandtschaft  des  semitischen, 
indischen,  altjjersischen,  altägyptischen  und  äthiopischen  Aljihabets.  Berlin  1836. — 
Clarke,  J.  C,  The  origin  and  varieties  of  the  semitic  aiphabet.;  with  speciraens 
(20  Tafeln).  II  ed.  Chicago  1884.  —  Halcvy,  J.,  L'origine  de  l'alphabet.  Rev. 
Semit.  9.  1901  p.  856.  —  Astle,  Th. ,  The  Origin  and  progrcss  of  writing.  Lon- 
don 1803. 

*  Spiegelberg,  Schrift  u.  Sprache  der  alten  Ägypter  S.  10.  —  Vgl.  Stein- 
dorff,  G.,  Das  altägyi)tische  Alphabet  u.  seine  Umschreibung.  Zeitschr.  d.  D.» 
Morgenl.  Gesellsch.  46  S.  709.  —  Pleyte-Abel,  Zur  Gesch.  der  Hieroglyphenschrift 
übers,  v.  Abel.  Leipzig  1890.  Maspero  (Revue  crit.  1891  p.  141)  rühmt  la  faQon 
dont  l'ecriture  hieroglyphique  s'est  developpee  de  Tideogramme  h  la  lettre  alpha- 
betique.     Erman,  Äg.  Grammatik*.    Berl.  1911  S.  10  ff. 

^  Desjardins,  C.  R.  de  l'acad.  d.  inscr.  et  b.  lettr.  1859,  111  \^.  115 — 124. 
Bull,  deir  Inst.  arch.  1860  p.  126—128.  —  Steinthal,  H.,  Entwicklung  der  Schrift 
u.  Gesch.  d.  Sprachwissensch.  bei  den  Griech.  u.  Rom.  Berlin  1868  S.  20.  — 
Fabretti,  A.,  Paläogr.  Stud.     Aus  dem  Italien,  übers.     Leipzig  1867  S.  1  ff 

2* 


—     20     — 

abweichend  die  griechisclie  Schrift  aus  den  hieratischen  Grafitti  ableiten 
wollte.  1 

Im  Prinzip  ist  Halövy,  Mölanges  d'6pigr.  et  d'arch.  sem.  p.  168, 
Eev.  S^m.  9.  1901  p.  356  darin  einverstanden^^  daß  die  ägyptische  das 
Vorbild  der  phönicischen  Schrift  gewesen  sei:  er  nennt  das  phönicische 
Alphabet  modele  uniqite  de  tous  les  alphahets  conmis;  aber  nicht  die 
Schrift  der  Papyrusurkunden,  sondern  die  der  Hieroglyphen  der  Monu- 
mente, welche  die  Semiten  in  Ägypten  mehr  Gelegenheit  hatten  zu 
sehen,  als  die  Papyrusschrift.^  Auch  Lidzbarski*  sieht  im  Alphabet 
eine  Anlehnung  an  das  ägyptische  Schriftsystem.  Allein  die  meisten 
Ägyptologen  haben  bei  der  neueren  Entwicklung  ägyptischer  Paläo- 
graphie  diesen  Standpunkt  aufgegeben. 

Auf  den  Zusammenhang  der  einzelnen  semitischen  Alphabete  unter- 
einander können  wir  uns  hier  natürlich  nicht  einlassen.  Lidzbarski, 
Ephem.  1,  109;  2,  23  meint,  daß  das  nordsemitische  Alphabet  direkt 
nach  dem  Süden  importiert  sei,  und  später  in  stark  veränderter  Gestalt 
wieder  nach  Norden  sich  ausgebreitet  habe. 

Nach  der  anderen  Seite  standen  die  Phönicier  mit  den  Assyriern 
und  Babyloniern  in  Verbindung,  denen  sie  so  viele  Culturelemente, 
wie  Münze,  Maß  und  Gewicht,  entlehnt  haben ;  und  manche  Assyriologen 
haben  sich  demgemäß  bemüht,  einen  Zusammenhang  zwischen  assyri- 
scher und  phönicischer  Schrift  nachzuweisen.^ 
^M'haber  Deccke  leitet  in  einem  Aufsatze  „Der  Ursprung  des  altsemitischen 

"•jd  die   Alphabets  aus  der  neuassyrischen  Keilschrift"^  das  phönicische  Alpha- 
bet   aus    der    assyrischen  Keilschrift    ab   und  sucht  (S.  116)   einige  der 


^  Etwas  abweichend  ist  die  Ansicht  von  Ebers,  Über  d.  hieroglyph.  Schrift- 
system. Berlin  1871  u.  Euting,  Semit.  Schrifttafel.  Straßburg  1877;  vgl.  auch 
die  Tafel  1  bei  Thompson-Lambros ,  Palaeogr.  und  Derivation  of  the  greek  and 
latiu  alphabets  from  the  egyptian  s.  Palaeogr.  Soc.  II.  101.  —  Proctor,  H., 
Origin  of  the  aiphabet:  American  Antiquarian  1905  p.  128—130.  —  Kyle,  AI.  G., 
The  egyptian  origin  of  the  aiphabet.  An  historical  instance  in  support  of  de 
Rouge's  alphabctic  prototypes.  Siehe  Receuil  de  travaux  relatifs  ä  la  philologie 
et  ä  l'archeol.  egyptiennes  et  assyr.  23.  1901  Heft  3.  4.  —  Praetorius,  Fr.,  Bemerk, 
z.  südsemit.  Alphabet.  Zeitschr.  d.  D.  Morgenl.  Ges.  58.  1907  S.  715;  Über  den 
Ursprung  des  kanaan.  Alphabets.  Berlin  1906;  Das  kanaanäisehe  u.  d.  südsemit. 
Alphabet.    Zeitschr.  d.  D.  Morgenl.  Ges.  63.  1909  S.  189. 

*  Vgl.  die  Tabelle  über  den  Ursprung  des  phönicischen  Alphabets  nach  de 
Rougö  und  nach  Halevy  bei  Hommel,  Allg.  Gesch.  in  Einzeldarst.  I.  2.  Berlin 
1885  S.  51. 

^  Vgl.  Halevys  Polemik  gegen  de  Rouges  Auffassung  in  den  Comptes  rendus 
de  l'academ.  d.  inscr.  et  belies  lettres  1873  p.  21; ,  Revue  semit.  9.  1901  p.  356. 

*  Ephemeris  1.   1900  p.  134. 

^  Rev.  Peters,  J.  P.,   Notes   on  recent  theories  of  the  origin  of  the  alphabct; 
Journ.  of  the  American  orieutal  soc.  22.  1901  p.  177—198. 
«  Zeitschr.  d.  D.  Morgenl.  Gesellsch.  XXXI  S.  102—116. 


—     21     — 

bekannten  Classikerstellen  in  seinem  Sinne  auszulegen,  die  jedoch  nichts 
weiter  beweisen,  als  daß  die  Alten  von  assyrischer  Keilschrift  über- 
haupt Notiz  genommen  haben,  oder  daß  sie  Syrer  und  Phönicier  zu 
Erfindern  einer  wirklichen  Buchstabenschrift  machen,  welche  sie  den 
ägyptischen  Hieroglyphen  entgegenstellen.  Unterstützt  wird  diese  Hypo- 
these bis  zu  einem  gewissen  Grade  durch  die  später  gefundenen  keil- 
inschriftlichen  Briefe  von  Tell-el  Amarna  aus  und  über  Palästina;  sie 
zeigen,  daß  die  Keilschrift  dort  bekannt  und  benutzt  war.  Allein  auf 
der  anderen  Seite  steht  es  ebenso  fest,  daß  die  Schrift  der  Ägypter 
den  Phöniciem  ebenfalls  nicht  fremd  war.  —  Viel  besser  begründet  sind 
die  Annahmen  eines  wirklichen  Fachmannes,  Delitzsch,  der  nicht  die 
abgeschliffenen  Formen  der  jüngsten  Zeit,  sondern  namentlich  die  ur- 
sprünglichen Zeichen  der  ersten  Periode  zur  Vergleichung  heran- 
gezogen hat.^ 

Ebenso  beschwört  Honimel-  den  Mond  und  die  Sterne,  um  die 
phönicische  Schrift  aus  der  babylonischen  abzuleiten.  Auch  ßev. 
C.  J.  Ball,^  The  origin  of  the  phoenician  aiphabet,  macht  wieder  ein- 
mal den  A-^ersuch,  das  phönicische  Alphabet  aus  der  assyrischen  Keil- 
schrift abzuleiten.  Allein  wie  die  assyrische  Silbenschiift  die  Grund- 
lage sein  kann  für  das  ganz  fremdartige  Princip  des  phönicischen 
Alphabets,  ist  schwer  einzusehen:  die  Äg}-pter  waren  der  Buchstaben- 
schrift wenigstens  nahe. 

Evans,  Writing  in  prehistoric  Greece,*  will  von  den  22  phönicischen  ^^^^^^^^ 
Buchstaben    12    aus    der    kretischen    Schriftart    ableiten;     ihm     folgt 
Dussaud.    Ed.  Meyer,  Gesch.  des  Alt.  1  ^  S.  238  Anm.,  bringt  die  phö- 
nicische   Schrift    mit    der   Bilderschrift    der    Hethiter   in    Verbindung.  ° 


^  Delitzsch,  Fr.,  Die  Entstehung  des  ältesten  Schriftsystems  oder  der  Urspr. 
der  Keilschriftzeicheu.  Leipzig  1897  S.  221 :  Ausblick  auf  das  phönic.  Alphabet. 
— ,  Ursprung  d.  babyl.  Keilschriftzeichen.  Sitzuugsber.  der  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  1896 
(phil.-hist.  Kl.)  S.  167  ft.;  vgl.  dagegen  Jensen,?.,  Deutsche  Litteraturzeitung  1897 
S.  1175 — 1176.  —  Zimmern,  Zur  Frage  nach  dem  Ursprung  des  Alphabets.  Zeit- 
schrift d.  D  Morgenl.  Ges.  50.  1897  S.  667:  Übereinstimmung  der  Reihenfolge  der 
Zeichen  im  Phönic.  u.  Babylon.  —  Grimme,  Zur  Genesis  des  semit.  Alphabets. 
Zeitschr.  f.  Assyriol.  20.  1906  S.  49—80.  —  Delitzsch,  S.  226,  meint  von  den 
22  phönicischen  Schriftzeichen  15  als  assyrisch  nachweisen  zu  können.  „Ob  und 
wieweit  die  phönicischen  Zeichenformen  durch  die  babylonischen  Urzeiehen  be- 
einflußt sind",  läßt  er  unentschieden.  Gegen  Delitzsch  s.  Lidzbarski,  Ephemeris  1,  130. 

*  Gesch.  Babylon,  u.  Assyr.  in  Onkens  Allgem.  Gesch. ,  in  Einzeldarst.  I,  2. 
Berlin  1885  S.  50—57. ,  Müller,  Iw.  v.,  Haudb.  d.  klass.  Altert.  3.  1.  I  (1904)  S.  96. 

'  Proceedings  of  the  society  of  biblical  archaeol.  15.  1893  p.  392;  vgl.  30. 
1908  p.  243. 

*  British  Association.   Report  1900  p.  897—899.   Athenaeum  Xr.  3971  Dec.  5. 

1903  S.  757;   vgl. ,  Scripta  Minoa  1.     Oxford  1909  p.  89.     Cretan  Philistines 

and  Phoenician  aiphabet. 

^  Vgl.  zweite  Aufl.    1   S.  432. 


22     

Auch  Sayce^  schließt  aus  der  Form  und  den  Namen  der  phönicischen 
Buchstaben,  daß  sie  von  einem  westsemitischen  Stamme  erfunden  sind, 
welchen  die  Babylonier  Amoriter  nannten;  dieser  Nomadenstamm  be- 
rührte sich  einerseits  mit  den  Babyloniern,  anderseits  mit  den  Hethitern; 
von  beiden  sollen  sie  beeinflußt  sein. 

S.  A.  Fries,  Die  neuesten  Forschungen  über  den  Ursi^rung  des 
phönicischen  Alphabets,-  versucht  mit  Kluge  (siehe  oben)  das  phö- 
^^[.^®p^„''g'"'uicische  Alphabet  aus  der  mykenischen  Bilderschrift  abzuleiten.  Mit 
Eecht  wendet  sich  Lagarde  gegen  derartige  Hypothesen:  ,,Wenn  man 
wegläßt,  was  nicht  paßt,  und  zusetzt,  was  man  bedarf,  kann  man 
allerdings  viel  beweisen,  nötigenfalls  sogar,  daß  das  Bild  eines  Ochsen 
so  aussieht,  wie  das  eines  Adlers,  das  eines  Hauses,  wie  das  eines 
Lagarde  Reihers."^  Lagarde  vertritt  die  Ansicht,  daß  die  semitische  Schrift  auf 
semitischem  Boden  entstanden  sei,  weil  von  22  Buchstaben  ungefähr 
13  als  (wenn  auch  rohe)  Bilder  der  Gegenstände,  zu  erkennen  seien 
die  der  Name  bezeichnet;  l^b,  der  Ochsenstecken,  wurde. das  Zeichen 
für  1,  weil  das  Wort  mit  einem  1  anfängt.  „Bei  vielen  Zeichen  ist 
wirklich  eine  Übereinstimmung  zwischen  Namen  und  Form  vorhanden: 

<  Rind(skopf),    y    Haken,  c  Ochsenstachel,   n^   (der  Schweif  ist  viel- 
leicht sekundär)  Wasser,    o  Auge,  A^    Kopf,  W  Zahnreihe,  X  Zeichen."[?]^ 

Principiell  auf  einem  ganz  anderen  Boden  steht  Pilcher,  der  das 
sTtem  ö^i^ze  Alphabet  als  eine  Art  von  Strichsystem  ^  auffaßt,  aber  darin 
vollständig  allein  steht;  (dagegen  Lidzbarski,  Ephem.  2,  183);  aber  neu 
ist  dieser  Gedanke  nicht,  denn  schon  Wuttke,  Zeitschr.  d.  D.  Morgenl. 
Gesellsch.  11.  80  und  Levy,  M.  A.,  Phönic.  Studien  1  S.  49,  hatte  1856 
dieselbe  Vermutung  ausgesprochen. 

W^ährend  also  über  die  ersten  Anfänge  des  Alphabets  keine  Eini- 
gung bis  jetzt  erzielt  ist,  herrscht  doch  bei  allen  competenten  Forschern 
kein  Zweifel  über  die  oben  bereits  erwähnte  Abhängigkeit  der  griechi- 
schen Schrift  von  der  phönicischen.  Aber  auch  diese  fast  allgemein 
angenommene  Tatsache  ist  neuerdings  in  Zweifel  gezogen  durch 
Wartenberg  Wai"tenberg,  Die  Herkunft  der  Buchstabenschrift;  Korrespondenzbl. 
Steuogr.  Inst.  55.  Dresden  1910,  276  S.  283:  ,.Bis  jetzt  habe  ich  aber 
noch   nicht    den  Autor    gefunden,    der  auch  nur  den  Versuch  gemacht 


^  Über    den   Ursprung    des  phönic.  Alphabets.     Athenaenm    19.  Nov.    1910. 
4334  p.  630;  Intern.  Wochenschr.  1910.  1623;  Soc.  Bibl.  Arch.  32.  1910  jt.  215—222. 
"-  Zeitsehr.  des  Deutschen  Palästina-Vereins  22.  1900,  118. 
^  Lagarde,  Symmieta  Ö.  115. 
*  Vgl.  Lidzbarki,  Ephemeris  1.    1900,  132. 
5  Siehe  Pichler,  Procoed.  of  the  Soc.  of  Bibl.  Arch.  1904  p.l68— 173;  1905  p.  65. 


—     23     — 

hat,  die  Herkunft  des  griechischen  aus  dem  semitischen  Alphabet  zu 
beweisen.  —  —  Die  große  Ähnlichkeit  der  griechischen  Buchstaben 
mit  den  semitischen  gab  Anlaß  zu  der  Annahme,  sie  seien  aus  diesen 
entstanden."  Die  große  Ähnlichkeit  der  Buchstaben  in  Laut  und  Form 
gibt  der  Verfasser  zu,  aber  weigert  sich,  daraus  die  Folgerung  zu  ziehen, 
die  alle  Verständigen  gezogen  haben;  er  vermißt  Gewährsmänner  für 
eine  derartige  Verwandtschaft  des  Phönicischen  und  Griechischen. 
Diese  Gewährsmänner  sind  aber  u.  a.  Tacitus,  der  sie  behauptet,  und 
König  Mesa,  der  sie  beweist  durch  die  Form  seiner  Buchstaben.  Nament- 
lich' auch  die  Xamen  und  Reihenfolge  der  Buchstaben  usw.  (s.  u.  S.  25) 
lassen  keinen  Zweifel.  Der  Verfasser  sucht  dabei,  um  seine  Hypothese 
zu  stützen,  überhaupt  die  Cultureintlüsse  aus  dem  Osten  zu  leugnen;  das 
ist  natürlich  eine  noch  viel  weitergehende,  noch  viel  schwerer  zu  be- 
weisende Behauptung;  von  einem  Beweise  findet  man  bei  ihm  keine 
Spur.  Was  der  Verfasser  an  die  Stelle  setzen  möchte,  ist  sehr  un- 
genügend; S.  287:  „Die  Buchstaben  sind  ein  ürerbteil  der  indogerma- 
nischen Völker." 

Wenn  die  indogermanischen  Stämme  bei  ihrer  Wanderung  nach 
Westen  die  Buchstabenschrift  schon  mitgebracht  hätten,  so  müßten 
wir  auf  den  verschiedenen  Stationen  der  Wanderung,  namentlich  aber 
auf  den  letzten  im  Westen,  irgendwelche  Spuren  derselben  gefunden 
haben;  das  ist  aber  durchaus  nicht  der  Fall.  Im  Gegenteil,  von  diesem 
„ürerbteil  der  indogermanischen  Völker"  finden  wir  sichere  Spuren  in 
der  ältesten  Zeit  nur  bei  den  Semiten.  Jeder  Vernünftige  muß  also 
den  Schluß  ziehen,  daß  die  Semiten  vor  den  Indogermanen  geschrieben 
haben,  die  auf  der  Wanderung  die  Buchstabenschrift  überhaupt  noch 
nicht  gekannt  haben.  Erst  in  ihren  neuen  Wohnsitzen  kamen  sie  mit 
den  Phöniciern  in  Berührung. 

Die  Frage  also,  wer  die  Lehrer  der  Phönicier  gewesen  siud,  müssen 
wir  nach  so  vielen  entgegengesetzten  Versuchen  unentschieden  lassen, 
aber  entschieden  ist  die  Frage,  wer  ihre  Schüler  gewesen  sind.  Mit 
Recht  halten  wir  an  Lagardes  Annahme  fest,  daß  die  semitische  Schrift 
auf  semitischem  Boden  entstanden  ist  und  von  dort  langsam  ihren 
AVeg  nach  Westen  gefunden  hat.  Wenn  die  Phönicier  auch  nicht  Er- 
finder der  Schrift  waren,  wie  Tacitus  richtig  hervorhebt,  so  waren  sie 
doch  Erfinder  der  Buchstabenschrift,  die  vielleicht  den  wichtigsten 
Fortschritt  in  der  Entwicklung  bezeichnet. 

Der    ursprünglich    einheitliche   Strom    spaltete    sich    bald    in    drei 
Hauptarme,    den    semitischen    (aramäisch,    himj arisch,    hebräisch,   ara-  ^fu'Jllsc^^ 
bisch  usw.),    den    indischen    und    den   abendländischen  (den  griechisch-   ,g^^|g^"j, 
römischen).   Den  Stammbaum  der  Ausbreitung  des  phönicischen  Alpha- 
bets bei  den  Völkern  des  Orients  findet  man  bei  Frani^ois  Lenormant. 
Essai  sur  la  propagation  de  l'alphabet  phönicien  dans  l'ancien  monde. 


—     24     — 

T.  1.  2  I  Paris  1872;  die  Fortsetzung  über  die  griechische  Schrift  ist 
nicht  erschienen.  Sein  Programm  über  dieses  Thema  hat  Lenormant 
mehi-mals  (Eevue  arch^oh  1867—1868,  XVI,  273—278.  327—342. 
423—439;  XVII,  189—206.  279—329),  zuletzt  in  Daremberg  und 
Saglios  Dictionuaii'e  des  antiquit^s.  in  dem  längeren  Artikel  Alphabetum 
(S.  188)  entwickelt. 

Wenn  wir  von  den  semitischen  und  indischen  Schriftarten  absehen, 
und  uns  speziell  auf  das  giiechische  Alphabet  beschränken,  so  ist  es 
eine  zweifellose  und  allgemein  anerkannte  Tatsache,  die  für  unsere 
älteste  Cultur  von  der  größten  Wichtigkeit  ist,  daß  die  Hellenen  ihre 
Schrift  Ton  den  Phöniciern  erhalten  haben.^ 

,,So  verschaffte"',  sagt  Alexander  v.  Humboldt,-  ,.die  Übertragung 
der  phönicischen  Zeichen  fast  allen  Küstenländern  des  Mittelmeeres, 
ja  selbst  der  Xordwestküste  von  Afrika  nicht  bloß  Erleichterung  im 
materiellen  Handelsverkehr  und  ein  gemeinsames  Band,  das  viele 
Culturvölker  umschlang:  nein,  die  Buchstabenschrift,  durch  ihre  gra- 
phische Biegsamkeit  verallgemeinert,  war  zu  etwas  höherem  berufen. 
Sie  wurde  die  Trägerin  des  Edelsten,  was  in  den  beiden  großen  Sphären 
der  Intelligenz  und  der  Gefühle,  des  forschenden  Sinnes  und  der 
schaffenden  Einbildungskraft,  das  Volk  der  Hellenen  errungen  und  als 
unvergängliche  Wohltat  der  spätesten  Nachwelt  vererbt  hat." 

Die  Grammatiker  des  Altertums  haben  sich  vielfach  mit  den  Pro- 
blemen der  Schrift  beschäftigt.  Nach  Bekker,  Anecd.  gr.  p.  784  schrieb 
Asklepiades  von  Smjma  ein  Werk  über  die  Buchstabenformen;  erwähnt 
wird  ferner  Jiödcooog  xui  14:iicov  hv  tco  yreoi  aTot/eicov  und  IdTio'/.lcüvio^ 
ö  MeaaijVio.^  iv  reo  nsoi  uüxcJojv  azor/ucov  (s.  u.  S.  45).^ 

Wohl  werden  an  verschiedenen  Stellen  die  Musen,  die  Parzen, 
Prometheus,  Orpheus,  Linus,  Herkules,  Theseus,  Palamedes  usw.  als 
^•j^^j^^^^^*^  Erfinder  aller  oder  einiger  Buchstaben^  genannt,  doch  keiner  dieser 
Namen  fand  allgemeine  Anerkennung.  Die  meisten  Stimmen  vereinigen 
sich  auf  Cadmus,^  d.  h.  also  die  Personification  des  phönicischen  Ein- 
flusses. Auch  Lucan  (3,  220 — 224)  hebt  das  Verdienst  der  Phönicier 
hervor: 


*  Siehe  Praetorius,  Zeitschr.  d.  D.  Morgenl.  Gesellsch.  62.    1908  S.  283—288. 

*  Kosmos.    Stuttgart  u.  Tübingen  1847.  2  S.  161—162. 

^  Kühner,  Ausführl.  Gramm,  d.  gi'iech.  Sprache.  III.  Aufl.  von  Blass,  Han- 
nover 1890.  I,  1  S.  ■i\.  Kurze  Gesch.  des  griech.  Alphabets  u.  der  alten  Sehreib- 
weise.   Plut.  quaest.  conviv.  9,  2:   TL:  aiiia  8C  fjv  Tb"Alq:n  nooTUTieiut  rw*'  aiov/dbiv. 

*  Plutarch  quaest.  conviv.  9.  3,  2,  IV  p.  901  ed.  D. 

'"  Clemens  Alexandrinus,  Strom.  1,  16  §  75  (II  p.  63  ed.  Dindorf):  A'ud^o;  8ä 
001^1^  i]v,  6  TÜv  YQUfiiAuTCüi'  "EU.rjaiv  svqEirj:,  ü;  cprjaiy  "^qioQo;,  öd^BV  y.ai  0oifixrjca 
TU  'yo('cuuaj(t  'ffgodoiog  xf/.lT,altuL  yQttqjSi.     Vgl.  Diodor  3,  67  ed.  Bkk.  I.  292. 


—     25     — 

Phoenices  jyrimi,  famae  si  credäur,  ausi 
Mansuram  rudlbus  vocem  signasse  figuris 
Xondinn  fluinineas  Memphis  confexere  biblos 
Noverat,  et  saxis  tantum,  volucresque  feraeque 
ScuJptaque  servabant  magicas  animalia  linguas. 

Das  Altertum  ist,  wenn  auch  nicht  einmütig,  so  doch  vorwiegend, 
der  Ansicht  gewesen,  daß  seine  Buchstabenschrift  phönicischen  Ur- 
sprungs sei,  und  sein  Urteil  darf,  wie  ich  meine,  nicht  unterschätzt 
werden,  denn  daß  es  in  dieser  Beziehung  eine  directe  Überlieferung 
gab,  die  bis  auf  die  Anfänge  griechischer  Schrift  zurückging,  ist  nicht 
zu  bezweifeln.  Schon  Herodot  (5,  58)  nennt  die  Buchstaben  (foivixijiu 
yndfifiara.^  Philo  von  Byblos  schrieb  :7r£(J^  aTor/eicov  (fotvixixcov}  Kurz 
es  gibt  wenig  Tatsachen  aus  der  ältesten  Culturgeschichte  der  Hellenen, 
die  so  gut  beglaubigt  und  so  glaubwürdig  sind,  wie  der  phönicische  ^ur°pmnV 
Ursprung  der  griechischen  Schrift. 

Schon  die  große  Ähnlichkeit  der  ältesten  phönicischen  und  grie- 
chischen Charaktere  in  bezug  auf  die  Form  und  die  stilistische  Aus- 
führung lassen  auf  eine  nahe  Verwandtschaft  beider  Schriftarten 
schließen.  Auch  die  Zahl  der  Buchstaben  ist  bei  beiden  ursprünglich 
dieselbe.  Für  eine  directe  Entlehnung  der  einen  Schriit  aus  der 
anderen  spricht  dann  aber  namentlich  der  Umstand,  daß  die  an  und 
für  sich  willkürliche  Auswahl  und  Anordnung  der  Buchstaben  im  ^^ol^toing 
Alphabet  bei  beiden  die  gleiche  ist.  Auch  die  Eeihenfolge  der  Buch- 
staben war  ursprünglich  bei  den  Griechen  ganz  wie  bei  den  Phöniciern 
und  wurde  auch  später  durch  die  neu  erfundenen  Buchstaben  der 
Griechen  nicht  gestört. 

Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  aber  für  unsere  Frage  die  große 
Ähnlichkeit  der  Buchstabennamen,  die  von  den  Hellenen  nicht  erfunden,  "uameu*^"' 
sondern,  wie  schon  die  semitische  Etymologie  zeigt,  von  den  Phöniciern 
herübergenommen  sind. 

Aber  hier  ist  wieder  der  Zweifel  laut  geworden,  ob  das  griechische 
Alphabet  aus  dem  Phönicischen  oder  dem  Aramäischen  herzuleiten  ist,' 


1  C.  I.  A.  2,  706,  731  YQÜfiiiaia  qjoirixixä.  —  Christ-Schmidt,  Gesch.  d.  griei-h. 
Litteratiir  1^  190S  S.  17,  wollte  den  Ausdruck  (p.  ^Q-  auf  die  rote  Farbe  der  Stein- 
inschriften beziehen. 

-  Siehe  Müller,  F.  H.  G.  3  p.  511  n.  9  und  p.  560.  —  0oivi>iE;  S'ev^ov  j'p(i,u,a«r' 
nU^iXoYu  siehe  Poetae  lyr.  gr.  ed.  Pomptow  2  p.  128;  vgl.  Wuttke,  Entstehung  u. 
Beschaffenheit  iles  fönikisch-hebräischen  Alfabetes:  Zeitschr.  d.  D.  Morgenl.  Ges.  11. 
1857  S.  75.  —  Über  den  Ausdruck  des  Suidas  iv  (poifUcof  neiuloi;  siehe  Garnett. 
The  Library  IL  4.  1903  p.  225. 

^  Lidzbarski,    Der  Ursprung  der  nord-   u.   südsemitischen   Schrift  in   seiner 

Ephemeris  1.  1901  S.  109; ,  Die  Namen  der  Alphabetbuchstaben.  48.  Philologen- 

Versaraml.  in  Hamburg  1905;   —  — ,  Ephemeris  f.  sem.  Epigr.  2.  1906  S.  125.  — 


—     26     — 

mau  meinte,  auf  die  Buchstabeunameu ^  gestützt,  sich  für  die  letztere 
Annahme  entscheiden  zu  müssen.^  Dann  hätte  also  das  Alphabet  sich 
auf  dem  Landwege  durch  Kleinasien  bis  zu  den  Griechen  verbreitet. 
Allein  Nöldeke,  Die  semitischen  Buchstabennamen  (in  den  Beiträgen 
zur  semitischen  Sprachwissensch.  Straßburg  1904  S.  135),  hat  sich  in 
Übereinstimmung  mit  Lidzbarski,  Ephem.  f.  Sem,  Epigr.  1,  lb4,  ent- 
schieden für  den  phönicischen  Ursprung  der  griechischen  Schrift  aus- 
gesprochen. 

"^schrif"  Wann    diese    genannten   Schriftarten    sich  von   dem  Phönicischen 

abgezweigt  haben,  ist  natürlich  schwer  zu  bestimmen.  Selbstverständ- 
lich muß  die  Schrift  der  Schüler  jünger  sein  als  die  der  Lehrer.    Die 

Ägypter  Ag}'pter    mögen    um  4000  v.  Chr.    bereits   geschrieben  haben,  während 
der    älteste    uns    erhaltene  Papyrus    in    demotischer  Schrift    ins    dritte 
Jahrtausend  gesetzt  wird. 
Babyionier  Nicht  vicl  jünger  war    die   Schrift   der  Babylonier,    deren  älteste 

erhaltene  Denkmäler  der  Zeit  etwa  um  2900 — 2800  v.  Chr.  angehören, 
wo  diese  Schrift  in  ihren  Grundzügen  bereits  ausgebildet  w^ar.^  Auch 
die  Schrift  der  Kreter  ist  nicht  jünger  als  das  zweite  Jahrtausend.  Die 
Schrift  der  Phönicier  reicht  vielleicht  nicht  in  ebenso  frühe  Zeit  zurück, 
sie  kann  im  14.  Jahrb.  v.  Chr.  noch  kaum  existiert  haben;  sonst  wären 

Amarnä   die  Toutafeln  von  Tell-el-Amarna^  nicht  in  Keilschrift  geschrieben. 

Es  sind  Briefe  des  14.  Jahrb.  v.  Chr.  aus  Syrien  nnd  Phönicien 
von  ganz  verschiedenen  Orten  und  ganz  verschiedenen  Personen.  Ob- 
wohl nach  Ägypten  gerichtet,  sind  die  Briefe  dennoch  in  Keilschrift 
geschrieben.  Wenn  damals  die  viel  vollkommenere  phönicische  Buch- 
stabenschrift schon  erfunden  gewesen  wäre,  so  würde  doch  wahrschein- 
lich einer  oder  der  andere  der  vielen  Schreiber  sie  benutzt  haben. 
Ein  stringenter  Beweis,  daß  die  phönicische  Schrift  damals  noch  nicht 
existiert  habe,  ist  das  allerdings  nicht;  denn  alte  unvollkommene 
Schriftsysteme    haben    sich    manchmal    wunderbar    lange    neben    ver- 


— ,  Handb.  d.  Nordsemit.  Epigr.  Weimar  1898.  —  Peiser,  Das  semit.  Alphabet. 
Mitt.  d.  Vorderasiat.  Ges.  5.  1900  S.  43.  —  Hommel,  Aufsätze  und  Abhandl.  1 
S.  472.    Reo.:  Ephemeris  f.  Semit.  Epigr.  1.  1902  S.  261. 

*  Über  die  griechischen  Namen  der  einzelneu  Buchstaben  siehe  Athenaeus 
p.  453 d;  vgl.  Röscher,  Hermes  86.  1901  S.  475.  —  Siehe  Lewy,  Fremdwörter  im 
Griechischen.  Berlin  1895  S.  169 — 171.  —  Die  inschriftlich  überlieferten  Buch- 
staben-Namen siehe  Meisterhans,  Gramm,  d.  att.  Inschr.  1888  S.  5  A.  18.  —  Die 
Namen  der  Buchstaben  haben  gelegentlich  sogar  Personen  den  Namen  gegeben, 
s.  Crusius,  Alphins-Olphius,  Philolog.  65.  1906  S.  159. 

-  Nestle,  E.,  Zu  den  griechischen  Namen  der  Buchstaben.  Pliilolog.  59.  1900 
S.  476 — 477  (aramäische  Form). 

ä  Vgl.  Meyer,  Ed.,  Sitzungsber.  der  Berl.  Akad.  1908  S.  657. 

*  Winckler,  Die  Tontafeln  von  Tell-el-Amarna.  Keilin schriftl.  Bibliothek  5 
Nr.  151  ff. 


—     27     — 

besserten  Schriftarten  gehalten;  aber  diese  auffallende  Tatsache,  daß 
von  vielen  verschiedenen  Schreibern  nicht  ein  einziger  phönicische 
Buchstaben  anwendete,  macht  es  doch  in  hohem  Grade  wahrscheinlich, 
daß  die  phönicische  Buchstabenschrift  im  14.  Jahrh.  v.  Chr.  noch  nicht 
existierte.  ..Hätte  das  Alphabet",  sagt  Lidzbarski  mit  Recht,  „dort  zu 
der  Zeit  (1400  v.  Chr.)  schon  existiert,  so  würde  man  irgendwo  eine 
Spur  desselben  finden."^ 

Anderseits  glaubt  mau  im  Alten  Testamente  Spuren  von  einer  ^  ''^ameat 
frühzeitigen  Anwendung  der  Schrift  gefunden  zu  haben. ^  Das  braucht 
nicht  ohne  weiteres  in  Zweifel  gezogen  zu  werden;  es  fragt  sich  nur, 
ob  wirklich  von  Buchstabenschrift  die  Rede  ist.  Jetzt  nach  Ent- 
deckung der  Tell-el-Amarnabriefe,  die  meistens  aus  Palästina  stammen, 
wird  man  für  die  älteste  Zeit  zunächst  dort  andere  Schriftsysteme, 
also  das  assyrische,  in  dem  die  Amarnabriefe  geschrieben  sind,  oder 
vielleicht  das  ägyptische,  voraussetzen.  Dagegen  können  wir  mit 
Sicherheit  behaupten,  daß  um  die  Zeit  von  900  v.  Chr.  die  Buchstaben- 
schrift in  Palästina  bereits  angewendet  wurde.  Im  Moabiterlande  hat 
man  den  berühmten  Stein  des  Königs  Mesa  von  Moab  gefunden,  der 
nach  alttestamentlichen  Synchronismen  mit  ziemlicher  Sicherheit  der 
Zeit  von  890  v.  Chr.  zugewiesen  werden  kann. 

Aber  die  Mesa-Inschrift  bezeichnet  auf  alle  Fälle  nicht  die  Zeit  ingchn'ft 
der  Erfindung  semitischer  Schrift.  „Namentlich  ihr  fester  Sprachstil", 
so  schreibt  mir  Nöldeke,  „setzt  voraus,  daß  man  damals  schon  ziemlich 
viel  geschrieben  hatte.  Demnach  möchte  ich  die  Entstehung  der  semi- 
tischen Schrift  ein  paar  Jahrhunderte  über  1000  hinaufschieben."'  Auch 
Kittel,  in  dem  Leipziger  Reformationsprogramm  1911  S.  28  vermutet, 
daß  die  nordsemitisch-kanaanäische  Buchstabenschrift  (wenn  auch  nicht 
genau  in  der  späteren  Gestalt)  schon  um  1100,  überhaupt  im  aus- 
gehenden zweiten  Jahrtausend,  in  Übung  war.  Lidzbarski^  setzt  die 
Entstehung  des  südarabischen  Alphabets  in  die  Zeit  1200 — 1000  v.  Chr., 
während  die  ältesten  dort  erhaltenen  Inschriften  vielleicht  500  Jahre 
jünger  seien.  Dziatzko,  Buchwesen  S.  8,  meint,  die  Erfindung  der  Buch- 
stabenschrift sei  kaum  früher  als  ins  11.  Jahrh.  v.  Chr.  anzusetzen. 

Auch  die  interessante  Inschrift  von  Siloah  und  die  Bronceinschrift 
auf  Cypern  gefunden  (C.  J.  Sem.  1  p.  22 — 2(j  \)\.  IV),  die  von  einem 
Diener  des  Königs  Hiram  dem  Baal  geweiht  wurde,  steht  graphisch  den 
ältesten  griechischen  Formen  sehr  nahe  (s.  Taylor  the  Alphabet  1  p.  213). 


^  Lidzbarski,  EplifMueris  1,  HO. 

-  Siehe  den  Aufsatz:  Schreiber,  Schi-eibkunst  von  Merx  in  Sclicnkls  Bibel- 
lexicon.  —  Hengstenberg,  Anthentie  des  Pentateuclis  I,  415.  —  Beuzinger,  Hebrä- 
iselie  Archäologie.     Tübingen  1907  S.  172:  Schrift. 

'  Ephemcris  f.  sem.  Epigr.  1,  128. 


—     28     — 

C.  J.  Sera.  I  Nr.  5  ist  der  Zeit  und  den  Formen  nach  nahe  verwandt. 
Diese  Bronceinschrift  des  ßaalterapels  vom  Libanon  wird  in  das  Jahr 
1000  V.  Chr.  gesetzt  (?).! 

Dazu  kommen  noch  die  wichtigen  neuesten  Funde;  vgl.  Inscr. 
zakir  semitiques  de  la  Syrie  p.  H.  Pognon  p.  156;  Inscr.  arameenne  de  Zakir, 
roi  de  Hamat.  p.  178:  eile  a  ete  gravee  moins  cent  ans  apres  Vins&'iption 
sendschirii  fjg  Mecka,  Toi  de  Moah}  Ferner  die  Inschrift  des  Kalumo  von  Sendschirli 
aus  der  Zeit  733—727  (?)  v.  Chr.;  siehe  Mitteikmgen  aus  der  Oriental. 
Sammlung  (Mus.  Berlin).  Heft  11.  Berlin  1893  S.  55;  in  derselben  Zeit- 
schrift Heft  14  S.  375  ist  aber  gezeigt,  daß  die  Inschrift  ungefähr  dem 
9. — 8,  Jahrhundert  angehört^  (Alphabet:  S.  377).  .,In  dieser  Inschrift 
tritt  uns  die  semitische  Buchstabenschrift  in  ihrer  ältesten  Form  ent- 
gegen." Damals  im  9.  u.  8.  Jahrh.  war  das  neue  Schriftsystem  bereits 
fertig  und,  wie  die  festen  Formen  zeigen,  schon  eine  Zeitlang  im  Ge- 
brauch. Sie  hatte  sich  bereits  geographisch  weit  verbreitet  und  war 
bereits  in  so  entlegene  Gegenden  wie  das  Moabiterland  vorgedrungen. 
Wir  werden  also  nicht  allzusehr  irren,  wenn  wir  den  Ursprung  phöni- 
cischer  Schrift  nicht  gerade  ins  Jahr  1000  v.  Chr.  verlegen,  sondern 
vielleicht  noch  zwei  bis  drei  Jahrhunderte  zurückgehen. 

Ein  Geheimnis  haben  die  Phönicier  aus  ihrer  Entdeckung  nie 
gemacht;  sie  erkannten  bald  die  Wichtigkeit  der  Schrift  für  ihren 
Handel;  und  phönicische  Kauffahrer  haben  die  neue  Erfindung  zu  den 
Barbaren  des  Westens  getragen,  zu  denen  für  diese  frühe  Zeit  auch 
die  Griechen  gerechnet  werden  mußten. 

In  keiner  Zeit  waren  phönicische  und  griechische  Schrift  sich  so 
ähnlich  wie  in  der  allerältesten  Periode  beider  Völker;  für  diese  Zeit 
könnte  man  ihre  Schrift  beinahe  identisch  nennen,  was  später  durch- 
aus nicht  richtig  sein  w^ürde.  W^ährend  die  ältesten  semitischen 
Inschriften  (von  Keilschrift  abgesehen)  ungefähr  aus  dem  Jahre  890  v.  Chr. 
stammen,  besitzen  wir  gleichalterige  Denkmäler  der  Hellenen  nicht; 
aber  je  älter  sie  sind,  desto  größer  ist  die  Ähnlichkeit.  Wir  müssen 
also  schließen,  daß  damals  um  890  v.  Chr.  das  griechische  Alphabet 
sich  schon  von  dem  phöidcischen  abgezweigt  hat. 
grlecii's^chV  Wann  die  Griechen  die  phönicische  Buchstabenschi-ift  kennen 
lernten  und  annahmen,^    das  ist  eine  Frage,    die  bekanntlich,    seit  sie 

^  Joum.  of  the  Americ.  Orient,  soc.  22.    1901  p.  188. 

^  Siehe  Bruston,  C,  The  stele  of  Zakir.  B.  Soc.  Antiq.  Fr.  1908  p.  223.  — 
Lidzbarski,  Ephein.  Sem.  Epigr.  3.  1909  p.  1—11. 

*  Littniann,  E.,  Sitzungsber.  der  Berliner  Acad.  1911  S.  976  ff. 

*  Vgl.  Meyer,  E.,  Gesch.  des  Altert.  2.  1893  §  251  tK  —  Wiedeuiann,  F.,  Die 
Anfänge  d.  griech.  Alph.  Joum.  d.  russ.  Minist,  d.  Volksauf  klär.  Abt.  f.  kl.  Philol. 
1899  S.  57 — 96.  —  Videmann,  Fr.,  Anfänge  der  historischen  griech.  Schrift  (russ.) 
Leipzig  1908.  Mcht  berücksichtigt  ist  hierbei:  Sophocles,  E.  A.,  History  of  the 
greeck  aiphabet.    Cambridge  u.  Boston  1848. 


—     29     — 

von  Fr.  A.  Wolf  in  seinen  homerischen  Prolegomena  gestellt  wurde, 
nicht  mehr  von  der  Tagesordnung  verschwunden  ist.  Epigraphiker, 
wie  z.  B.  A.  Kirchhoff,  behandeln  diese  Frage  durchaus  kühl  und 
unbefangen;  um  so  größer  ist  dann  aber  der  Eifer  auf  den  Grenz- 
gebieten der  Geschichte,  der  Litterärgeschichte  und  Archäologie  im 
weitesten  Sinne  des  Wortes,  deren  Vertreter  vielfach  bemüht  sind,  den 
eigenen  Ideen  und  Hypothesen  eine  Stütze  zu  geben  durch  die  Ge- 
schichte der  Schrift.  Die  meisten  dieser  Versuche  laufen  darauf  hinaus, 
die  Anfänge  griechischer  Schrift  bis  ins  14.  — 15,  Jahrh.  v.  Chr.  zurück-  .^tT^^ö 

ö       '^  _  Jahrh.  (?) 

zuverlegen.  Nicht  ganz  so  weit  gehen  die  Historiker,  welche  aber 
doch  manchmal  annehmen,  daß  der  Gebrauch  der  Schrift  schon  vor 
der  dorischen  Wanderung  bei  den  Dorern  verbreitet  gewesen  sei;  dieser 
Stamm  habe  die  Kenntnis  der  Schrift  nicht  nur  nach  dem  Peloponnes, 
sondern  von  dort  sogar  nach  Kreta  gebracht.  Ich  nenne  nur  v.  Wila- 
mowitz-MöUendorff,^  der  das  Alter  der  Schrift  in  eine  so  hohe  Zeit 
hiiiaufrücken  möchte;  er  spricht  von  dem  Alphabet  der  Inseln  Thera. 
Melos,  Kreta  und  fährt  fort  S.  288:  „es  ist  nicht  auszudenken,  wie  sie 
es  erhalten  haben  sollten,  wenn  nicht  die  Dorer,  welche  die  Inseln 
von  Peloponnes  aus  besetzten,  selbst  die  Schrift  mitgebracht  haben"; 
er   hält    die  Schrift    der  Griechen    deshalb    für    älter  als   die   dorische    porische 

Wanderung 

Wanderung. 

In  der  Tat  aber  wissen  wir  nichts  Genaues  darüber,  ob  die  Schrift 
vom  Peloponnes  nach  Kreta  oder  von  Kreta  nach  dem  Peloponnes 
gebracht  ist.  Und  das  letztere  ist  entschieden  wahrscheinlicher.  Ein  Blick 
auf  die  Kirchhoffsche  Karte  der  griechischen  Alphabete  (s.  u.  S.  44)  zeigt, 
daß  nirgends  so  altertümliche  griechische  Inschriften  gefunden  sind, 
als  im  Bereich  der  uralten  minoischen  Cultur,  d.  h.  in  erster  Linie  auf 
Kreta.  Die  Cultur  von  Kreta  stand  damals  bedeutend  höher  als  die 
des  griechischen  Festlandes.  Seit  Jahrhunderten,  vielleicht  seit  einem 
Jahrtausend,  war  der  Gebrauch  der  Schrift  hier  verbreitet;  hier  hatte 
man  also  am  ehesten  Verständnis  für  die  Wichtigkeit  und  Vorteile 
der  neuerfundenen  phönicisch-griechischen  Schrift  und  ging  ohne  Rück- 
halt zu  dem  neuen  System  über  zu  einer  Zeit,  da  in  Griechenland  und 
speziell  im  Peloponnes  ein  derartiges  Bedürfnis  noch  gar  nicht  emp- 
funden wurde. 

Auch  die  verhältnismäßig  große  Übereinstimmung  der  Charaktere 
auf  den  ältesten  griechischen  Inschriften  mit  denen  der  Mesastele 
genügt  nicht,  um  die  ersteren  mit  Newton-  höher  hinaufzurücken;  es 
liegen  nur  reichlich  zwei  Jahrhunderte  dazwischen,  in  denen  überhaupt 
wenig    geschrieben  wurde;    auch    das    lateinische  Alphabet  war  bereits 


Philol.  Unters.  7.    1884  S.  286  ff. 

Die  Griechischen  Inschriften,   übers,  v.   J.  Imelmann,  Hannover  1881  S.  5. 


—     30     — 

Jahrhunderte  hindurch  im  Gebrauch,  ehe  man  Veränderungen  vorzu- 
nehmen wagte.  Taylor,  The  aiphabet  2,  40 — 41  will  sogar  die  In- 
schriften von  Thera  ins  10.  Jahrh.  setzen. 

Larfeld,  Gesch.  d.  griech.  Epigr.  1.  1907  S.  304  ff.,  meint,  daß  die 
europäischen  Hellenen  bei  der  Besiedelung  Kleinasiens  (die  E.  Meyer, 
1100  v.Chr.  Gesch.  d.  Alt.  III^  S.  613,  ungefähr  ins  Jahr  1100  v.  Chr.  setzte)  ihr  Al- 
phabet schon  mitgebracht  hätten.  Mir  ist  das  wenig  wahrscheinlich. 
Wenigstens  können  wir  in  einem  Falle  bestimmt  sagen,  daß  die 
hellenischen  Colonisten  das  Alphabet  sicher  nicht  mit  nach  Asien  ge- 
Cypern  bracht  habcu.  Als  sie  auf  Cypern  sich  niederließen,  war  ihre  spätere 
Schrift  ihnen  noch  fremd,  denn  sonst  hätten  sie  dort  die  viel  unvoll- 
kommenere kypriotische  Schrift  nicht  für  die  griechische  Sprache  an- 
gewendet. 

Die  homerischen  Gedichte,  die  ja  sonst  als  ein  einzigartiges  Denk- 
mal der  ältesten  hellenischen  Cultur  dastehen,  können  unsere  Frage 
nicht  lösen,  zumal  da  eine  ausgebildete  Buchstabenschrift  dem  home- 
rischen^ Zeitalter  noch  fremd  war.  Es  ist  dies  eine  Frage,  die  be- 
sonders seit  den  Prolegomena  von  Fr.  A.  Wolf  besonders  eifrig  erörtert 
wurde, ^  da  es  demselben  für  den  Gang  der  Beweisführung  natürlich 
Homer  uuerläßHch  war  zu  zeigen,  daß  in  homerischer  Zeit  so  lange  Gedichte 
wie  die  Ilias  und  Odyssee  noch  nicht  aufgeschrieben  werden  konnten, 
und  diesen  Beweis  hat  Wolf  in  der  Tat  gebracht.  Zwei  Stellen  waren 
es  besonders,  auf  welche  seine  Gegner  sich  beriefen:  II.  7,  175: 

äg  icfjuQ'\,  oi  Sa  x'/Sioov  kajjfi/jvavTO  'ixuaroi. 
Doch  besagt  diese  Stelle  natürlich  nichts  anderes,  als  daß  die  einzelnen 
Lose  mit  der  Marke  der  Helden  bezeichnet  wurden. 

Etwas  weiter  führt  uns  allerdings  die  zweite  Stelle:  II.  6,  168: 
TisfiTis  öi  fxiv  AvxirivÖE,  tiöqsv  (3'  6  ye  fn'jfxara  Ivyod 
YQdxpai  kv  nivuxi^  :irvxxco  &vfiOfp&öoa  7to?Jm, 
öel^cii  ^'  ijvcjyei  a  7ievO-so(L,  öffo    ocrzöloiTO. 
Bellerophon  Dieser  Uriasbrief,  welchen  Prötus  dem  Bellerophon'*  an  seinen  Schwager 
lobates  mitgibt,  läßt  allerdings  auf  die  Möglichkeit  irgend  einer  schrift- 
lichen Mitteilung  schließen,   die  bei  dem  Alter  der  Schrift  auf  griechi- 


1  Joseph,  contra  Apionem  I.  2,'ll— 12  ed.  Niese  (1889)  5  p.  4. 

*  Litteraturangaben  in  großer  Fülle  bei  Graefenhan,  A.,  Geschiclite  der 
klassischen  Pliilologie  im  Alterthum.    Bonn  1843.    I  S.  36—37. 

'  Hieran  denkt  sicher  Plinius  n.  h.  13,  21,  68:  pugillarium  enim  usum  fuisse 
etiam  ante  Troiana  tempora  invenimus  apud  Homerum. 

*  Bellerophon  m.  Diptychon:  Giomale  d.  scavi  di  Pomp.  N.  S.  1.  1868 
Tav.  VII  n.  2  und  Studi  e  materiali  di  arch.  e  numism.  p.  p.  Milani.  Firenze  1899. 
1  p.  62.  —  Scarborough,  Bellerophons  Letters  (Iliad.  6,  168).  Transact.  of  the 
Americ.  Philolog.  Association  22.  1891  p.  L— LH.  ~-  Dziatzko,  Buchwesen.  Leip- 
zig 1900  S.  12—13.     Über  den  ältesten  Brief  s.  o.  1   S.  168. 


—     31     — 

schem  Boden  z.  B.  in  Kreta  nicht  auffällig  ist,  hat  aber  keine  Beweis- 
kraft für  die  Existenz  einer  wirklichen  ausgebildeten  Buchstabenschrift.^ 
und  ein  Papyrusbrief  homerischer  Zeit  ist  schon  von  Plinius  als 
Fälschung  erkannt:  nat.  bist.  13,  13.  88  (ed.  Detl.  11  S.  252):  Praeterea 
Mucianus  ter  cos.  prodidii  nuper  se  legisse,  cum  praesideret  Lyciae,  Sarpe- 
donis  ab  Troia  scriptam  in  quodam  templo  epistulae  chartam,  qxod  eo  magis 
niircyr,  si  etiamnum  Homero  condente  Aegypius  non  erat. 

Es  liegt  in  derXatur    der  Sache,   daß   schriftliche  Aufzeichnungen 
zuerst  Anwendung  fanden  bei  Gesetzen,  Staatsverträgen,  Volkszählungen,  ^"'^Ic'ifrift^ 
aber  auch  im    sacralen   und  privaten  Gebrauch,  wo  es  genau  auf  den 
Wortlaut    ankam.      Die    Gesetze    der  Juden    sind    der  Tradition    nach  Gesetze 
unzertrennlich  verbunden   mit   den  Tafeln,   auf  denen  Moses   sie  ihnen 
brachte; 2    dagegen    bei    den  Griechen    haben    die    äyQUffoi    vönoi  viel 
länger  gegolten.^     Die    ersten    sicheren  Spuren    schriftlicher  Aufzeich- 
nung findet  Wolf  für  das  politische  Leben  in   den  geschriebenen  Ge- 
setzen, welche  Zaleukos,  dessen  Blütezeit  Eusebius  in  die  29.  Olympiade  zaieukos 
(ca.  664)  setzt,   den   epizephyrischen  Lokrern*  gegeben.     Doch  wird  es 
jetzt  von  den  meisten  zugegeben,  daß  Wolf  etwas  über  das  Ziel  hinaus- 
geschossen und  im  Eifer  der  Beweisführung  das  Alter  der  griechischen 
Schrift  allzu  gering  geschätzt  habe.^ 

Dracons  Gesetzgebung  in  Athen  fällt  schon  in  die  Zeit  fast  ein  cracon 
halbes  Jahrhundert  nach  Zaleukos.  Im  Altertum  kannte  wenigstens 
Josephus  keine  echten  offiziellen  Urkunden  größeren  Umfangs,  die  älter 
waren  als  diese  Gesetze,  und  bestimmte  darnach  das  Alter  der  Schrift. 
Josephus  c.  Apion.  1,  4:  ov  yäo  (xövov  Ttocoa  roli  ä'/.Xoiq,  E/2rif>iv 
ijfieli^d-j]  TU  7is(u  rTjg  dvayoatpTjg,  cilX  ovSe  nccoä  ToTq  !A&i]vaioig,  o'vg 
ai'TÖ/ifovag  elvai  '/.iyovßi  xal  naiÖBiug  ^:T/(ieleTg,  ovdiv  toiovtoi' 
fvoifTxszai  yevöuEVov,  uXlu.  tojv  Örjfioaiojv  ygafif^idTCov  aoxcnorc/.rovg 
fivai  (paai  rovg  V7i6  Aoäxovzog  uvroTg  Tiegl  tü)v  ffovixöjv  yoacfivrag 
i'öfjiovg,  ö?uyra  Tigöregov  TT,g  ITeifTKTTgäTOV  rvgavviöog  dvdgcoTiov 
yeyovÖTog.  —  Die  großen  gortynischen  Gesetze  sind  natürhch  zu  jung, 
um  lür  uns  in  Betracht  zu  kommen. 

Die    Gesetze    Lykurgs,    die    der   vorhergehenden    Zeit    angehören,    Lykurg 
waren  sicher  nicht  geschrieben;  nach  Plutarch,  Lykurg  13  verbot  eine 

1  Wolf,  Piolegg.  p.  7-4  Anm.  p.  82—87.  —  Wilamowitz-Möllendorff,  Philol. 
rntersuc-huiigen  7.  1884  S.  290  ff.  —  Iwan  Müllers  Handb.  d.  el.  Altt-rtli.  1.  S.  381  ff. 
—  Holwerda,  J.  H.,  Rhein.  Mus.  55.  1900  S.  470—179. 

2  „Die  älteste  Aufzeichnung  israelitischer  Gesetze  ist  sicher  nicht  älter  als 
etwa  das  8.  Jahrhundert."     Th.  Nöldeke. 

8  Siehe  Hirzel,  Abh.  d.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  20.  I.    Leipzig  1900. 

*  Strabo  6,  259:  Tlqüioi  dt  vö^oi;  tyyQi'mioig  XQn^^ucr&ui.  nBniffievfidvoi  dai. 

*  Franz  eleraenta  ep.  gr.  29—34.  —  ßergk,  Griech.  Litg.  1  S.  185—257.  — 
"Volkmann,  Gesch.  u.  Kritik  der  AVolfschen  prolegomena  und  Hartel,  Zeitschr.  f. 
d.  oest.  Gymn.  1873  S.  350  ff.;  1874  S.  822  ff. 


—     32     — 

seiner  Rhetren  (xij  xoTifrf^cci  vöiioig  iyyocccpoig;  das  bedeutet  auf  alle 
Fälle,   daß   es   ursprünglich   eine   schriftliche  Aufzeichnung  nicht  gab.^ 

Aber  deshalb  brauchen  wir  nicht  anzunehmen,  daß  dort  in  dieser  Zeit 
überhaupt  nicht  geschrieben  wurde,  s.  Plutarch  adv,  Colot.  17  p.  1116  F: 
Aaxeduifiöi'ioi  Tov  Tieol  Avxovoyov  /07]fTin6v  kv  roTg  Tialaiordroiq  uvu- 
yoaffalq,  s/ovreg.  Auch  ein  uraltes  lakedämonisches  Gesetz,  das  auf  den 
Lykurg  zurückgeführt  wurde  und  gegolten  hat,  solange  Sparta  selbständig 
war, 2  setzt  den  Gebrauch  der  Schrift  voraus,  indem  es  Grabschriften 
mit  Nennung  des  Namens  nur  bei  den  im  Kriege  Gefallenen  verstattete. 
Plutarch,  Lykurg  27:  avvß-c/.TiTEiv  ovSiv  s/Wer  [Lykurg]  —  —  — 
^TiiyQdxlJoci  d'k  Tovvofia  xtäxpavTaq  ovx  k^Tjv  rov  vsxo'ov,  7i)Jiiv  ccvöobq, 
kv  :toA£(Mw  xc/.l  yvvaixbg  töjv  ienäiv  duodavövTcov.^  Diese  Bestimmung 
gehört  jedenfalls  alter  Zeit  an;  vgl.  jedoch  Eoehl,  Mitt.  d.  athen.  Inst.  1 
S.  230.   Dittenberger,  Sylloge^  898. 

Der  Zeit  des  Lykurg  würde  auch  der  viel  besprochene,  von 
Aristoteles  für  echt  gehaltene  Diskos  des  Iphitus  gesetzt  werden 
müssen.*  Das  wäre  ferner  aber  auch  dieselbe  Zeit,  in  welche  bereits 
einzelne  Stimmen  aus  dem  Altertume  die  Anfänge  griechischer  Schrift 
gesetzt  haben,  so  z.  B.  im  zweiten  Jahrhundert  Justin,^  Cohortatio  ad 
Graecos  c.  12:  ^AAojg  rs  ov§e  tovto  dyvosTv  v/nßq  nooaijxsi,  Ötl  ovdev 
'ElhjfTt  :to6  tojv  'O/.vfiTuddcov  ocxotßeg  i(jröoi]rai,  oi'd'  SfTzi  ri  (Tvyyoccfijua 

TCuLciiöv,   Elh'ivojv   /)  ßc/.oßdiooiv  (Tijfiuhiov  Tioa^iv dÖivui  roivvv 

TioofTi'/XSi,  OTi  nünav  iaTOolav  roTq  tojv  'EXh'ivmv  varsgov  svoei}sifTi 
yodupiaai  yeyoäcfd'ai  nvfißaivsi,  xcu  eYra  Tioirixatv  rig  cco/airov  eYts 
rofioi^STöJv,  sI'ts  iarootoy oc'/.cf(ov  c/rs  (pi'/.oaörfoyv  /)  ötjtÖqojv  j^ivrif^iovsCaai 
ßoü/.oiTo,  evo/jaei  rovrovg  tu  iavTöJv  (TvyyodfjifiUTcc  xoJq  tojv  ^EDJivm' 
yeyQacpÖTaq  ygamiaaiv. 

Wie   der  fürs  Vaterland  Gefallene,  so   sollte  auch  der  Sieger  der 
heiligen  Spiele   ganz   besonders   durch  schriftliche  Aufzeichnung  geehrt 
werden, 
oiympio-  Viel  Gewicht  pflegt  man  diesen  ältesten  Aufzeichnungen  der  Olym- 

pioniken, die  später  sicher  gleichzeitig  waren,  meistens  nicht  beizulegen ; 
man  schätzt  sie  nicht  höher  als  die  anderen  Nachrichten  aus  dem  An- 
fang des  achten  Jahrhunderts,  und  doch  möchte  ich  glauben,  daß 
diese,  wenn  auch  sehr  laconischen  Siegerlisten  wirklich  auf  gleichzeitige 
Aufzeichnung    zurückgehen.      In    den    ersten    elf   Olympiaden    werden 


niken 


^  Spuren  einer  späteren  Aufzeichnung  siehe  bei  Hirzel,  ji^qacpog  vöfiog.    Abh. 
d.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  20,  I.    1900  S.  73  Anm.  1. 

*  Siehe  Sitzungsber.  der  Berl.  Acad.  1887  S.  990. 
»  Vgl.  Inst.  Lac.  VIII  p.  252. 

*  Vgl.  im  allgem.  Bergk,  Griech.  Litteraturgesch.  I  S.  195  ff. 

^  Justini  Opp.  ed.   Otto  1842  T.  I  p.  42  sq.     (Die  Schrift  ist  wahrscheinlich 
nicht  dem  Justin  angehörig,  aber  noch  aus  dem  2.  Jahrhundert.) 


—     33     — 

nämlich  sieben  Mal  Messenier  als  Sieger  genannt,  das  hört  mit  dem 
Jahre  736  mit  einem  Male  auf;  und  daran  sieht  man,  wie  ich  glaube, 
mit  Recht  die  Folge  des  zweiten  messenischen  Krieges,  der  die  poli- 
tische Selbständigkeit  des  Landes  vernichtete.  Wenn  das  also  richtig 
ist,  so  haben  wir  hier  einen  Beweis  dafür,  daß  diese  Listen  wirklich 
gleichzeitig  niedergeschrieben  wurden. 

Im  Altertum  gab  es  sogar  Inschriften,  die  von  Göttern  oder  Heroen 
herrühren    sollten.     Herodot  z.  B.   nimmt   keinen  Anstoß    an    den    ge- 
fälschten Inschriften  aus  mythischer  Zeit,^  welche  Amphitryon,  Scaeus  i^nscJjr^t^a 
und  Laodamas  geweiht  haben  sollen,  wie  (5,  59): 

ldfi(piTnv(ov  fjL    (h'ii)''t]xe  vioov  änb   TijXsßoäcov 
und  auch  Aeschylus  setzt  in  seinen  Sieben  gegen  Theben  in  mythischer 
Zeit  Kenntnis  und  Gebrauch  der  Schrift  voraus.^ 

Die    erhaltenen    Inschriften    können    die    Frage    natürlich    nicht 
lösen,  wie  alt  die  Schrift  auf  griechischem  Boden  ist;   sie  bieten  nur 

.1  .  .  Älteste 

eine  Grenze  nach  unten.  Die  ältesten  Inschriften,  soweit  dieselben luschriftea 
erhalten  und  echt  sind,  nämlich  die  von  Thera,  Melos,  Teos  usw.  können 
nach  Kirchhoff  ^  nicht  älter  sein  als  Ol.  40  (ca.  620  v.  Chr.  ,^  aber  es 
wäre  ja  ein  Wunder,  wenn  uns  gerade  die  ältesten  aller  damals 
existierenden  Inschriften  erhalten  wären;  da  in  jenen  Zeiten  überhaupt 
wenig  geschrieben  wurde,  so  können'  wir  annehmen,  daß  schon  vorher 
einige  Jahrhunderte  hindurch  geschrieben  wurde,  ohne  daß  sich  Spuren 
davon  erhalten  haben. 

Noch  etwas  älter  als  die  eben  genannten  mag  die  „älteste  attische"    attisd^e 
Inschrift  sein,  welche  beim  Dipylon  gefunden  wurde  (C.  I.  A.  IV  ^'',  492  a),  Inschrift 
die  sich  im  Schriftcharakter  wenig  von  den  phönicischen  unterscheidet.^ 
Kirchhofi'  a.  a.  0.  S.  93  Anm.  2  redet  nur  im  allgemeinen  von  jenem  „ur- 
alten Tongefäß";  nach  Larfeld,  Handbuch  1   S.  173  stammt  sie  vielleicht 
aus  dem  „Anfang  des  7.  oder  Ausgang  des  8.  Jahrhunderts". 

Daß  im  7.  Jahi'hundert  Inschriften  nicht  mehr  selten  sind,  zeigen  '•  Jahrh. 
z.  B.    eine  Inschrift  des  Kypselos    (I.  G.  A.  27  d  p.  173)   und   die    Bei- 
schriften   des  Kypseloslade.     Auch    die    in  Delphi    gefundene   Inschrift 
des  Kleobis    und   Biton    setzt  A.  v.  Premerstein    (Jahreshefte   des  Ost. 


1  Vgl.  Pausan.  8,  14,  6;  9,  11,  1.  Ps.-Aristoteles  mirab.  auscult.  133.  Flut, 
de  genio  Socrat.  5.  Siehe  auch  Wolfs  prolegoinena  ad  Homerum  p.  55.  Über 
die  gefälschten  Inschriften  der  Götter  und  Heroen  siehe  Larfeld,  Handbuch  der 
griech.  Epigr.  1.    1907  S.  173. 

-  Schmidt,  Erdm.  Osw.,  De  clypeoruin  insignibus  quae  in  Aeschyli  Septem 
contra  Thebas  et  in  Euripidis  Phuenissi«  describuntur.     Leipzig  1870. 

ä  Studien*  S.  64. 

*  Inschriften  des  7.  Jahrh.  v.  Chr.  siehe  Larfeld,  Handb.   1   1907  S.  403. 

^  Vgl.  Studniczka,  Die   älteste   attische  Inschrift.     Mitt.  d.  athen.  arch.  Inst. 
18.  1893  S.  225  (Taf.  X).  —  Larfeld,  Handb.  d.  Epigr.  2.  1898  S.  393. 
G  ar  dt  hausen,  Gr.  Paläographie.   2.  Aufl.   II.  3 


—     34     — 

Arch.  Institutes  12.  1910  S.  41)  mit  Eecht  in  die  Zeit  von  600  v.  Chr. 
Dittenberger,  Sylloge  inscr.^  beginnt  seine  chronologische  Übersicht  mit 
den  Inschriften  des  Krösus  (Nr.  1)  und  Darius  Hystaspes  (Nr.  2).  Auch 
die  vielbesprochenen  Söldnerinschriften  von  Abu-Simbel  J.  G.  A.  482, 
die  Kirchhoff  in  die  Zeit  Psammetichs  I  setzt,  sind  neuerdings  von 
A.  Wiedemann  (Ehein.  Mus.  N.  F.  35  S.  364)  u.  E.  Abel  (Wiener  Studien 
1881  S.  161  — 184),  wie  mir  scheint  mit  Eecht,  auf  Psammetich  II  be- 
zogen und  wären  deshalb  erst  OL  46 — 47,  also  ca.  590  niedergeschrieben; 
zu  den  ältesten  paläograpischen  Denkmälern  (im  engeren  Sinne)  gehören 
auch  die  Inschriften  der  Vasen,  die  sicher  vor  den  Perserkriegen  be- 
ginnen. 

Endlich  —  da  wir  jede  Spur  verfolgen  müssen,  die  zu  unserem 
Ziele  zu  führen  scheint  —  sei  noch  mit  einem  Wort  verwiesen  auf 
^"s^^me"''  d^s  Alter  der  Schrift  bei  den  italischen  Stämmen,  welche  ihr  Alphabet 
von  den  Griechen  erhalten  haben.  Heibig,  Annali  d.  Inst.  1876  p.  227  ff. 
setzt  die  Einführung  der  Schrift  in  Etrurien  in  die  Zeit  von  750 — 644 
V.  Chr.  und  Müller-Deecke,  Etrusker  2  (1877)  S.  560,  stimmt  ihm  im 
wesentlichen  bei.  Die  älteste  römische  Inschrift,  der  schwarze  Stein, 
stammt,  wie  jetzt  allgemein  zugegeben  wird,  noch  aus  der  Königszeit. 
Damals  also  war  die  Schrift  in  Hellas  nicht  nur  eingeführt,  sondern 
auch  schon  eingebürgert  und  wurde  nach  außen  verbreitet. 

Diese  Ansätze  von  dem  Alter  und  der  Verbreitung  der  Schrift 
werden  gestützt  durch  das  Alter  der  uns  erhaltenen  Inschriften,  welche 
zeigen,  wie  das  „Licht  aus  dem  Osten''  sich  allmählich  weiter  nach 
Westen  verbreitete. 


ca.  890 
9.-8.  Jahrh. 

8.  Jahrh. 
8.-7.  Jahrh. 

ca.  600 


Orient. 

Hellas. 

Italien. 

Mesa 

Kalumo 

Zakir 

Mitt.  d.  Ath. 
Inst.  18,  225 

Schwarzer 

Stein 

Wenn  wir  also  den  Tatbestand  für  Hellas  kurz  recapitulieren,  so 
kann  man  sagen:  es  ist  eine  unzweifelhafte  historische  Tatsache,  daß 
im  siebenten  Jahrhundert  geschrieben  wurde;  im  achten  Jahrhundert 
(wenn  auch  selten)  ist  es  glaublich;  im  neunten  ist  der  Gebrauch  der 
griechischen  Schrift  (bei  der  Verwandtschaft  mit  der  phönicischen) 
wenigstens  vorauszusetzen;  höher  hinauf  führen  keine  sicheren  Spuren. 


35 


Drittes  Kapitel. 

Die  Reform  des  Alphabetes.^ 

Die  Griechen  hatten  von  ihren  Lehimeistern  den  Phöniciern  ein 
Alphabet  von  22  Consonanten  (von  A — T)-  erhalten.  Dieses  semitische  A— T 
Alphabet  paßte  natürlich  schlecht  für  die  Lautgesetze  der  hellenischen 
Sprache.  Reformen  und  Veränderungen  waren  nötig  und  sind  in  der 
Tat  gemacht,  aber  von  wem  wissen  wir  nicht.  Es  werden  sehr  ver- 
schiedene Namen  genannt.  Fabius  Pictor  und  Cincius  Alimentus 
sprechen  von  einem  griechisch-römischen  Uralphabet  von  16  Buchstaben, 
das  Palamedes  und  Simonides  auf  23 — 24  vermehrten;  vgl.  Histor. 
Rom.  relliquiae  ed.  Peter  I  p.  5,  40. 

Palamedes^  soll  z.  B.  das  O  erfunden  haben  (s.  o.  1  S.  221).  Auson. 
Idyll.  12,  22:  Haec  grids  effigies  Palamedica  porrigitur  0.^  Auf  derartige 
Theorien  der  alten  Grammatiker  über  Erfindung  einzelner  Buchstaben^ 
ist  aber  nichts  zu  geben;  mit  Recht  sagt  Kirchhoff,  Studien^  S.  1:  Wenn 
die  Überlieferung  z.  B.  dem  Dichter  Simonides  von  Keos  die  Erfindung 
der  Buchstaben  i]  co  ip  ^  zuschreibt,  so  beweisen  die  Urkunden,  daß 
diese  Angabe  in  bezug  auf  rj,  |  und  \p  in  keinem  Sinne  —  —  richtig 
sein  kann  und  es  streitet  wider  alle  Grundsätze  einer  gesunden  Me- 
thode ihr  in  bezug  auf  das  oi  Glaubwürdigkeit  beizumessen. 

Vocale,  die  in  semitischen  Sprachen  von  sehr  untergeordneter  vocaie 
Natur  sind  und  nie  ein  Wort  beginnen  können,  gab  es  ursprünglich 
nicht.  „Erst  die  Inder  und  die  Griechen  haben,  jedes  Volk  selbständig 
und  in  höchst  abweichender  Weise,  aus  der  durch  den  Handel  ihnen 
zugeführten  aramäischen  Consonantenschrift  das  vollständige  Alphabet 
erschaffen  durch  Hinzufügung  der  Vocale."^ 

Die  Halbvocale  Aleph,  He,  Jod,  km  wurden  von  den  Griechen 
als  Vocale  gebraucht;  der  fünfte  dagegen,  v,  behielt  allerdings  als  Con- 
sonant  (Digamma'^  v)   seinen   alten  Platz   im  Alphabet;  für   den   Vocal  ^  uad  u 


'  Dieterich,  A. ,  ABC-Denkmäler.  Rhein.  Mus.  56  S.  77.  Hülsen.  Mitt.  d. 
röm.  Inst.  18.   1903  S.  73. 

^  iSiehe  S.  44  col.  II  nach  Kirchhoff  a.  a.  0.  S.  157.  —  Reinach,  S.,  Traite 
d'epigraphie  grecque.    Paris  1885.  —  Larfeld,  Griech.  Epigraph.  1.    1907  S.  345  ff. 

^  Vgl.  Schmid,  W.,  Die  Theorien  der  Alten  über  die  priscae  litterae  d.  gi'iech. 
Alphabets  (Philolog.  52.  1893  S.  373—379);  und  Szanto,  Alphabet  in  Pauly- 
Wissowa's  Realencyclopädie  1,  1612. 

*  Vgl.  Martial,  Epigr.  9,  13,  7;  13,  75,  2  (mit  Anm.  von  Friedländer). 

"  Vgl.  Röscher,  Lex.  Mytholog.  unter  d.  W.  Palamedes. 

*^  Mommsen,  R.  Ct.  1,  215. 

'  Salvelsberg,  J. ,  De  digammo  eiusque  immutationibus.  Mit  2  Tafeln.  4°. 
Berlin  1868. 

3* 


—     36     — 

(u)  wurde  ein  eigenes  Zeichen  eingeführt;  die  Gestalt  des  Buchstabens 
wurde  dabei  nur  wenig  verändert.^  Die  differenzierte  Form,  die  ziem- 
lich genau  dem  Vav     ^   der  Mesastele  entspricht,^  wurde  für  v  gebraucht 

und  an  den  Schluß  des  Alphabetes  geschoben.  Es  gibt  kein  altgriechi- 
sches Alphabet,  in  dem  dieser  23.  Buchstabe  gefehlt  hätte. 

Das  Y  ist  die  älteste  griechische  Ergänzung  des  phönicischen  Ur- 
alphabets.  Praetorius^  hält  das  Y  für  semitisch.  „Das  südsemitische 
Alphabet  hat  f  (d.  i.  0)  beibehalten  und  Y  aufgegeben/*  Da  aber 
auch  die  Mesainschrift  kein  Y  hatte,  so  müssen  wir  diesen  Buchstaben 
für  griechische  Erfindung  halten.  Auch  ..lautliche  Doubletten"  waren 
beide  Buchstaben  durchaus  nicht;  der  eine  war  consonantisch,  der 
andere  vocalisch;  und  da  die  Phönicier  reine  Vocale  nicht  hatten,  so 
folgt  schon  daraus,  daß  ihnen  das  Y  fehlte. 

Nur  in  alter  Zeit  hat  man  Digamma  und  Yav  nebeneinander  ge- 
braucht, später  siegte  das  Vav  (23.).  Von  dem  consonantischen  Zeichen, 
Digamma  (an  6.  Stelle),  sagt  Kirchhoff,  Studien*  S.  171,  daß  es  in  den 
verschiedenen  Dialecten  unter  verschiedenen  Umständen  und  zu  ver- 
schiedenen Zeiten  allmählich  gänzlich  ausstarb,  obwohl  es  die  Annahme 
des  ionischen  Alphabets in  einigen  Gegenden  noch  um  ein  Nam- 
haftes überlebte.* 

Schon  verhältnismäßig  früh  hatte  man  den  Buchstaben  aufgegeben, 
während    der  Laut   noch  gesprochen  wurde;    aber   er  wurde  durch   (p 
wiedergegeben:  !Aqi(ttövo^[=  (p)og  st.  L4oi<7r6vofoi{'  das  ist  wenigstens 
die  wahrscheinliche  Erklärung  von  Ducati. 
k^irzfvo'c^fe  ^as  Bedürfnis,    die    langen   und  kurzen  Vocale  zu  unterscheiden, 

trat  in  der  ältesten  Zeit  weniger  hervor;  aber  „schon  vor  der  40.  Olym- 
piade machte  sich  im  Osten  der  griechischen  Welt  das  Bestreben 
geltend,  langes  und  kurzes  e  zu  unterscheiden,  und  man  begann  in 
diesen  Gegenden  das  Zeichen  8  zum  Ausdruck  des  langen  e  zu  ver- 
wenden, während  dem  Zeichen  5  die  Functionen  des  kurzen  e  und 
des  Dehnlautes  belassen  wurden."^  —  Beim  o  dagegen  kannte  man  lange 
Zeit  nur  ein  Zeichen  (o),  das  dann  schließlich  in  zwei,  o  und  o,  ge- 
spalten wurde.    Auf  einigen  Inseln  (Paros,  Siphnos  usw.)  brauchte  man 


^  Auf  die  von  Kirclihofts  abweichenden  Annahmen,  die  Deecke  am  Schlüsse 
des  zweiten  Bandes  A^on  Ottfr.  Müller,  Etrm-ier  (II.  Aufl.)  entwickelt,  Ijrauche  ich 
nicht  näher  einzugehen,  sie  sind  bedingt  durch  dessen  Vorliebe  für  das  Kyprische, 
Syllabar,  Keilschrift  usw.  —  Vgl.  Wiedemann,'  Fr.,  Über  die  Entwickl.  d.  ältest. 
gr.  Alph.:    Zeitschr.  f.  Ost.  Gymn.  1908  ö.  673. 

*  KirchhoflF,  Studien*  S.  170  Anm.  1  hält  dies  allerdings  für  zufällig. 
'  Zeitschr.  d.  D.  Morgenl.  Ges.  63.  1909. S.  191. 

*  Über  das  Episeinon  s.  u. 

^  Melanges  darch.  31.  1911  p.  34. 
8  Kirchhoff,  Studien*  S.  169. 


—     37     — 

0  =  CO  und  ß  =  0  in  umgekehrtem  Sinne.  Wir  können  den  Unter-  ß 
schied  eines  langen  o  bereits  auf  den  Inschriften  von  Naucratis  nach- 
weisen.^ Eines  der  ältesten  Beispiele  bietet  die  Inschrift  des  Kypselos  I. 
G.  A.  27  d  p.  173:  r]od>[v]  ist  geschrieben  ^O®.  Daneben  verwendete 
man  auch  O,  einen  Kreis  mit  Punkt  in  der  Mitte  in  einer  Inschrift 
von  Thera  aus  dem  7.  Jahrhundert  (bei  Kirchhoff,  Studien^  S.  63. 

Dennoch  gehört  das  lange  co  zu  den  jüngsten  Neuerungen  des 
griechischen  Al]3habets.  Die  italischen  Stämme  haben  alle  Reformen, 
auch  die  Zusatzbuchstaben,  herübergenommen,  nur  nicht  das  o»;  obwohl 
man  doch  nicht  behaupten  kann,  daß  die  Italiker  ein  langes  o  nicht 
gekannt  hätten.  Damals,  also  um  750  v.  Chr.,  gab  es  noch  keine  w;  und 
Kirchhoff,  Studien  z.  Gesch.  d.  griech.  Alph.^  S.  31  (fehlt  in  der  neuen 
Auflage)  sagt  mit  Recht,  daß  die  Anwendung  des  £2  sich  über  die 
60.  Olympiade  nicht  hinauf  verfolgen  läßt.  Nach  G.  Hirschfeld,  Les 
inscr.  de  Naucratis  (Revue  des  et.  gr.  1890)  soll  Milet  spätestens  im 
7.  Jahrhundert  das  Omega  erfunden  haben. 

Ohne  Grund  leugnet  man  den  Zusammenhang  von  o  und  co,  so 
z.  B.  Wiedemann,  Zeitschr.  f.  öst.  Gymnas.  1908  S.  678  Nr.  18;  Gardner, 
.1.  H.  S.  1886  S.  233  will  das  Zeichen  sogar  aus  der  kyprischen  Schrift 
herleiten.  Der  Name  Omega  läßt  sich  nach  E.  Nestle,  Philolog.  70. 
1911  S.  155  erst  in  einem  Hymnus  aus  dem  Ende  des  7.  Jahrhunderts 
nachweisen. 

Einige  dieser  Yocale,  z.  B.  s  und  o,  dienten  sogar  auch  noch  oft  zur 
Bezeichnung  der  Diphthonge  et  und  ov;   während  man  das  achte  Zei- g^yj.^gjgjj_ 
chen,  Chet,  im  Osten  für  das  lange  e  anwendete,  wurde  es  im  Westen 
nur  als  Hauchzeichen  beibehalten  und  erst  nach  Einführung  des  ioni- 
schen Alphabets  wieder  aufgenommen. 

Die   Sibilanten^  waren  reichlich  im  phönicisch  -  griechischen  Ur-  sibUanten 
aiphabet  vertreten: 


7.  zain 


zu  reichlich  sogar  für  die  Bedürfnisse  der  hellenischen  Sprache.     Für 
das   einfache   s    brauchten   die   Griechen    in    der    späteren  Zeit  ^ ;    die 


# 

V 

W 

5.  samech 

18.  zade 

21.  schin 

ffl 

M 

^ 

*  Alphabet  v.  Naucratis,  siehe  Naucratis  I.  Revue  d.  et.  gr.  1884 — 1885 
p.  58 — 59  <^pl.  35  A.y.  —  Gardener,  The  early  ionic  aiphabet,  siehe  Journ.  of  the 
hellen,  stud.  7.  1886  p.  220.  —  Mallet,  Inscriptions  de  Naucratis.  Eevue  Archeol. 
III,  13  p.  204  fr.  —  Hirschfeld,  Rhein.  Mus.  N.  F.  42  p.  209;  44  p.  461;  über  die 
alte  Schrift  von  Thera  siehe  Kretschmer,  Mitt.  d.  Ath.  Inst.  21.  1896  S.  410  ff. 

*  Larfeld,  Handb.  d.  griech.  Epigi-.  1.  1907  S.  348—349;  vgl.  Wiedemann, 
Zeitschr.  f.  öst.  Gymnas.  1908  S.  675  Nr.  15. 


bJ> 


—     38     — 

anderen  Zeichen  verwendeten  sie  für  Abarten  des  S-Lautes:  x  für  ög- 
ffl  für  xa  (I). 
zade  1.  Die  Nameusform  Zade(18.)  ist  sj^äter  aus  dem  griechischen  Alpha- 

bet verschwunden,  ebenso  wie  der  Buchstabe  M  (als  hartes  S)  aus  der 
Reihe  der  Zischlaute  verschwindet.  Es  ist  deshalb  wahrscheinlich,  daß 
wir  beides  combinieren  dürfen:  Zade  ist  wahrscheinlich  M  (ff).  In  dem 
mit  dem  griechischen  so  nahe  verwandten  lykischen  Alphabet  wurde 
auch  später  noch  M  im  Sinne  von  ts  angewendet,  s.  Babelon,  Traite 
d.  monn.  gr.  et  rom.  2  Description  p.  182.  Sicher  ist  es,  daß  in  ver- 
schiedenen griechischen  Alphabeten  sowohl  M  (18)  als  Z  (21)  für  S 
nebeneinander  gebraucht  wurden.^  Ein  stehendes  und  ein  liegendes  M 
für  denselben  Zischlaut  schien  aber  zu  viel  zu  sein.  Man  verzichtete 
also  auf  das  stehende  M,  das  allzuleicht  mit  einem  fi  verwechselt 
werden  konnte,  oder  wenn  man  das  M  als  S  beibehielt,  so  wählte  man 
für  fi  die  differenzierte  Form  |W.  Dasselbe  Ziel  ließ  sich  auch  noch 
auf  anderem  Wege  erreichen,  indem  man  M  (ff)  zu  VI  verkürzte.  Anders 
half  man  sich  inKorinth;  von  dort  stammt  ein  bustrophedon  geschriebenes 
Tontäfelchen  ^ ;  es  enthält  ein  vorn  und  hinten  unvollständiges  Alphabet, 
das  mit  T  endigt;  M  und  5  sind  zusammengeflossen  zu  einem  M,  das 
die  Fonn  von  Zade,  aber  den  Platz  a  erhalten  hat.  Der  Platz  von 
Zade    wird    auffallenderweise    ausgefüllt    durch    J,    also    NOT  J?PM 

(S.  Fig.  42).  »^  0  71   ^  q  Qa 

Auch  die  ältesten  Inschriften  von  Thera  und  Korinth  verwenden 
das  M  im  Sinne  von  s'\  Aber  so  vollständig  wie  es  schien,  war  das 
Zade  doch  nicht  verschwunden,  es  hat  wenigstens  als  Zahlbuchstabe 
sich  an  18.  Stelle  behauptet,  allerdings  in  etwas  veränderter  Form; 
aus  M  wurde    m.^ 

Auf  Münzen  der  Stadt  Mesanibria.  die  ins  2. — 1.  Jahrh.  v.  Chr. 
gesetzt  werden,  liest  man  ME  '^AMBPIANQN,  s.  Gr.  Coins,  in  the  Brit. 
Mus.  Thrace  p.  133.  In  einer  keischen  Inschrift  I.  G.  A.  497  vertritt 
m^ffff  {d-a'k(/.(yai]i)\  in  einer  karischen  tg  oder  ffff  I.  G.  A.  500  =  Ditten- 
berger  Sylloge^  10. 

Auch  in  einer  Inschrift  von  Kyzikos*  ist  in  dem  barbarischen, 
vielleicht  karischen  Worte  vccv[(ja\ov  das  acr  durch  das  Zeichen  m 
ersetzt.  Dittenberger  n.  10  leitet  die  Form  ab  von  Sampi;  näher  liegt 
jedoch  vielleicht  die  alte  Form  M,  Zade.^  Ferner  fand  man  unter  dem 
Artemisium  von  Ephesus  eine  Silberplatte  aus  der  Zeit  vor  Krösus  mit 


^  Siehe  das  Alphabet  von  Veji  und  Caere. 
2  I.  G.  A.  20",  jetzt  in  Berlin. 

'  Über    die    verschiedenen    Formen    des    m    siehe    Keil,    Hermes    29.    1894 
S.  270—271.  —  Foat,  Tsade  and  Sampi.     .lourn.  of  hell.  stud.  25.  1905  p.  338. 
*  I.  G.  A.  491,  Dittenberger,  Sylloge  2^  p.  72  Nr.  464. 
'"  Vgl.  Gercke,  Hermes  48.  1906  S.  542. 


_     39     — 

den  Worten  ze^aoeg  und  rsTiaocc-  ^ovrc..^  Der  Fund  ist  deshalb  be- 
sonders interessant,  weil  diese  Zeichen  in  rein  griechischen  Worten 
angewendet  sind,  und  die  Provenienz  wieder  kleinasiatisch  ist.^ 
Der  Unterschied  von  M  und  m  ist  in  der  Tat  nicht  größer  als  der 
von  8  und  E.  Dieses  t^  hat  sich  später  nur  als  Zahlbuchstabe  erhalten, 
aber  in  der  abgerundeten  Form  m;  das  doppelstrichige  Sampi  "n^  ist 
ganz  jung;  s.  u.  das  Kapitel  Zahlen. 

Auch  die  übrigen  Zischlaute  schienen  bei  den  Griechen  noch  voll- 
zählig zu  sein. 

2.    Das    Zain    (gr.  San^)    wurde    ursprünglich    bei    den    dorischen  zaia 
Stämmen  im  Sinne  von  ö-  gebraucht. 

Schon  zu  Herodots  Zeiten  identificierte  man  M  und  I.  Herodot 
1,  139:  oi'vöfxarä  fxffi  —  —  relEvraxTi  Tidvxa  tg  tcovto  yoc^fifia,  z6 
Awoiisg  fibv  2äv  xu'kiovm  "Icoveg  dt  2iytxa. 

Vgl.  Athenaeus  11,  30  p.  467:  to  Öi  auv  ävx\  xov  rrly^cc  AcoontcHg 
Bioi]xaaiv  —  —  xal  rovg  'In-JTOvg  xovg  xb  C  t/xe/aoayfxivov  e/ovxag 
ac.fKföoag  xu7,ovaiv. 

Wenn  diese  Auffassung  richtig  ist,  wird  man  kaum  umhin  können, 
mit  Taylor,  The  aiphabet  2,  97.  IUI  eine  Vertauschung  der  Namen  an- 
zunehmen, denn  Zain  (phön.  7)  muß  doch  wohl  dem  San  (griech.  18) 
und  Zade  (phön.  18)  dem  Zeta  (griech.  7)  entsprechen.^  Später  haben 
die  Dorer  sich  der  gemeingriechischen  Schrift  und  Bezeichnung  an- 
geschlossen. Der  Name  San  kommt  vereinzelt  später  noch  vor;  Hippolyt 
Philosoph  6,  49  nennt  das  Schluß-Sigma  San  und  unterscheidet  es  von 
dem  Sigma  im  Inlaut. 

3.    Das    phönicische  Schin   stimmt  noch  am  ersten  mit  dem  grie-   schin 
chischen  Z    überein,    aber    daneben    finden  wir  in  alten  Inschriften  5- 
Hirschfeld  ^  trennt  das  drei-  und  vierstrichige  Sigma,  und  verbindet  das 


*  Siehe  Foat,  F.  W.,  Fresh  evidence  for  '^•.  Jouru.  of  hell.  stud.  26.  1906 
p.  286 — 287,  der  dort  Boch  einmal  kurz  das  Material  zusammenstellt. 

2  T^  siehe  Larfeld,  bei  Iw.  Müllers  Handb.  d.  class.  Altert,  l^  S.  510—511: 
Handb.  d.  griech.  Epigr.  1.  1907  S.  358;  vgl.  Wiedemann,  F.,  Zeitsehr.  f.  öst.  Gymu. 
1908  S.  678.  Weniger  wahrscheinlich  ist  die  ErkläruDg:  from  the  form  3  is 
derived  not  only  the  Pamphylian  l^,  but  also  the  Carian  hH  •y<  T*  (s*),  the 
Argive  J  (f ),  the  Tonic  •  J  (|)  the  Halicarnassian  T  {aa)  etc.  Arkwright,  Jahres- 
hefte d.  öst.  Arch.  Instit.  2.   1899  S.  73. 

^  Züv  als  Buchstabe  zweimal  im  Namen  Thrasymachus  siehe  Anthol.  Palat.  3. 
ed.  Dübn.  p.  443  Nr.  9  —  {xonnaiiui,  -/.onnacpoqoi  u.)  aaixcpooni,  siehe  Daremberg  u. 
Saglio,  Dictionnair  des  antiq.  u.  d.  W.  equus  p.  800.  —  (Alpha  u.  Omega)  San  u. 
Sigma.    Nestle,  Philolog.  70.  N.  F.  24.  1911  S.  156. 

*  Nöldeke  lehnt  diese  Auffassung  ab.  „Das  Zeugnis  Herodots  (s.  o.)  beweist, 
daß  San  das  alte  Schin  nicht  Zain  ist." 

*  Les  inscr.  de  Naucratis  et  l'histoire  de  l'alphab.  ionien,  siehe  Revue  des 
etudes  grecques  1890  p.  221. 


Samech 


Verein- 
fachung 


—     40     — 

erste  mit  dem  phönicischen  Zade  (vgl,  Alphabet  v.  Caere),  das  zweite 
mit  Scliin.  Innerhalb  der  ionischen  Schreibweise  unterscheidet  er  eine 
Zade- Gruppe  (z.  B.  in  Abu  Simbel)  und  eine  Schin-Gruppe.  die  neben- 
einander bestanden.  Szanto^  dagegen  bemerkt:  „Die  dreistrichige  Form 
kann  aber  durch  Kürzung  aus  der  vierstrichigen  ebensogut  entstanden 
sein,  als,  wie  kürzlich  G.  Hirschfeld  behauptet  hat,  aus  der  Form  für 
Zade  M,  und  da  kein  griechisches  Alphabet  den  S-Laut,  wenn  nur  einer 
vorhanden  ist,  in  der  Reihenfolge  des  Zade  ordnet,  so  halte  ich  auch 
weiter  an  der  Entstehung  des  S  aus  Z  fest.''  Vgl.  W.  Schmid,  Philolog. 
52.  1893  S.  368  Anm.  8. 

4.  Das  Samech  ffl  J  des  Uralphabets  hielt  sich  wenigstens  im 
Osten  bei  den  Hellenen  als  Zischlaut  in  seiner  richtigen  Form  und  an 
seinem  richtigen  (15.)  Platze,  wenn  es  auch  für  xa  gebraucht  wurde.- 
Auf  das  I  der  anderen  Gruppe  kommen  wir  später  noch  zurück.  — 

Je  häufiger  geschrieben  wurde,  desto  mehr  vereinfachten  sich  die 
Formen  der  Buchstaben;  aus  g  wurde  H,  aus  ffl  wurde  E,  neben  dem 
vierstrichigen  Z  entstand  die  di-eistrichige  Form  S  (s.  o.). 

Im  einzelnen  haben  die  localen  Alphabete  der  Inschriften  sich 
sehr  verschieden  ausgebildet,  wie  Kirchhoffs  Tabellen  zeigen;  und  die 
Form  des  einen  Buchstaben  hat  manchmal  die  verwandte  Form  anderer 
Buchstaben  beeinflußt,  d.  h.  umgebildet,  um  beide  leichter  unterscheiden 
zu  können.  In  Korinth  z.  B.  brauchte  man  für  E  vielfach  die  Form  B  (im 
Sinne  von  E);  dieses  Zeichen  konnte  nun  natürlich  nicht  mehr  daneben 
auch  für  3  verwendet  werden,  an  zweiter  Stelle  verwendete  man  daher 
ein  anderes  Zeichen  %.^ 
Deutlichkeit  Das  Streben  Verwechselungen    vorzubeugen    führte  auch    zu  einer 

Dissimilation  des  5  von  dem  gebrochenen  Jod  h,  die  dadurch  erreicht 
wurde,   daß  man  das  gebrochene  h   durch  das  gerade  I  ersetzte. 

Auch  /  und  A,  die  im  Phönicischen  gut  zu  unterscheiden  waren, 
konnten  im  Griechischen  leicht  verwechselt  werden:  T  und  A-  Deshalb 
kehrte  man  in  Athen  zu  der  phönicischen  Form  zurück  und  richtete 
beim  ).  die  Spitze  nach  unten  ^:  T  bedeutete  y:  während  z.  B.  die 
Ivleinasiaten  /  durch  T,  <,  C  und  /.  durch  A  ausdrückten.  So  wurde 
dasselbe  Ziel  in  verschiedener  Weise  eiTeicht. 


1  Szanto  in  Pauly- Wissowa  I  Sp.  1612—1616.  Mitt.  d.  athen.  Inst.  15. 
1890  S.  415. 

2  Vgl.  Lagarde,  Samech.  Nachr.  d.  Gott.  Ges.  d.  ^Yissensch.  1891  S.  164  ff. 
—  Halevy,  Origine  du  H  grec.  Journ.  Asiat.  1902.  IX  S.  20  p.  352—353.  —  Samech- 
zeichen  für  :  siehe  Athen.  Mitteil.  21.  1896  S.  842;  im  Namen  Zevc:  Wiedemann, 
Klio  8.  1908.  S.  525. 

bkias,  Andr.  N.,  ^^vfißoXrj  Big  ttjv  iaxoqiav  toü  iXXrjv.  aXffaßi'iiov.    Ephemeris 
archaiolog.     Period.  III.  1892  p.  107—114;  vgl.  Hermes  22,  136. 


—     41     — 

Allmählich  waren  auch  das  Yav  ^  (Digamma)  und  Koppa  überflüssig  By^^SlIf 
geworden,  mußten  aber  als  Zahlzeichen  beibehalten  werden,  weil  sonst 
auch  alle  nachfolgenden  Zeichen  ihren  Zahlwert  verändert  hätten. 
K  und  ?  konnten  sich  nebeneinander  nicht  halten;  das  erstere 
Zeichen  siegte;  aber  wir  haben  für  ?  (vor  o  und  v)  noch  zahlreiche 
Beispiele  des  7.  6.  und  5.  Jahrhunderts;  vgl.  Larfeld,  Handb.  d.  griech. 
Epigr.  1.  1907  S.  364—365:  ,,Sjrakus  schreibt  476  v.  Chr.  x,  Ai'gos  457 
noch  ?,  Korinth  zu  derselben  Zeit  x;  doch  behielt  letzteres  auf  den 
Münzen  die  traditionelle  Schreibung  des  Stadtnamens  mit  ?  bis  zu 
seiner  Zerstörung  146  v.  Chr." 

Die  Zusatzbuchstaben. 

Endlich  aber  erschien  es  notwendig,  die  Zahl  der  Buchstaben  zu  Zusätze 
vermehren  und  für  die  Doppelconsonanten,  die  früher  durch  Zusammen- 
setzung zweier  Buchstaben  ausgedrückt  wurden,  eigene  Zeichen  zu 
erfinden;  dies  geschah  verhältnismäßig  früh,^  denn  das  italische  Ur- 
alphabet^  hatte  bereits  die  Zusatzbuchstaben  (mit  Ausnahme  natürlich 
des  ft>);  alle  griechischen  Alphabete  mit  Ausnahme  der  ältesten  von 
Thera,  Melos  und  Greta  usw.  haben  diese  Neuerung  angenommen,  aber 
allerdings  in  verschiedener  Weise,  Die  ursprünglich  phönicischen 
Zeichen  gaben  nicht  scharf  die  griechischen  Laute  wieder;  allmählich 
macht  man  aus  dem  bekannten  Zeichen  ein  zweites  ähnliches  um  den 
ähnlichen  Laut  wieder  zu  geben.*     Durch  solche  Spaltung   entstanden 


1y(23)        Ua:(25)    ^  ix(/)(26;  ^U  Iq(28)      Ixibsu.ps)^ 

(27) 

Solche  Spaltung  der  Grundformen  (,«6Taö-;/?;iw«T/^6ö-i9'ß<  bei  Diodor 
sie.  2,  57)  konnte  gelegentlich  sogar  zum  Princip  des  ganzen  Alphabets 
gemacht  werden,  wenn  z.  B.  aus  7  Grundformen  28  Buchstaben  gebildet 
wurden  (s.  u.).  Namentlich  beim  Y,  Z  und  0  scheint  mir  diese  Auffassung 
sicher    zu    sein;    doch    auch  beim  B  ist  sie  wenigstens  wahrscheinlich; 

*  Alphabet  (m.  C)  Bull,  arcli.  1875,  57. 

-  Die  Einführung  dieser  Zusatzbuchstaben  im  eigentlichen  Hellas  setzt 
Kirchhoff,  Studien*  S.  172  in  die  Zeit  vor  dem  Ende  des  8.  Jahrhunderts. 

^  Das  Alphabet  der  "Vase  Chigi  (vgl.  Taylor  Alphab.  2,  74)  zeigt  das  phöui- 
cische  Uralphabet,  vermehrt  durch  die  Zeichen  v  %  cp  yj. 

*  Über  ähnliche  Spaltungen  im  semitischen  Alphabet  siehe  Lidzbarski,  Ephe- 
meris  1.  1900  S.  112. 

'"  &  und  <f)  sind  verwandte  Laute.  Sonst  könnte  das  0  auch  entstanden 
sein  durch  Verdoppelung  des  tt:  C  (auf  kretischen  Inschriften  bei  Kirchhoff, 
Studien*  S.  75). 

®  Nach  Larfeld,  Epigraphik  2.   1902  S.  390  Anm.  ist  ^  differenziert  aus  Y. 


—     42     — 
ich   erinnere  z.  B.   an   die   abweichende  Form   des  korinthischen  Buch- 
stabens    T-  • 

Über  die  Herkunft  der  Zusatzbuchstaben  des  griechischen  Alpha- 
bets hat  sich  ein  heftiger  Streit  entsponnen,  an  dem  sich  auch  der 
Verfasser  beteiligte  im  Ehein.  Mus.  N.  F.  40  S.  559,  wo  er  bereits  jene 
Buchstaben  durch  Spaltung  der  Zeichen  für  verwandte  Laute  (s.o.  S.  41) 
zu  erklären  suchte.  Eröffnet  wurde  die  Discussion  durch  die  Abhand- 
lung von  Clermont-Ganneau,  Origine  des  caracteres  complementaires 
de  l'alphabet  grec  vcf/xpoo:  Melanges  Graux  p.  415 — 460.  Während 
alle  anderen  die  neuen  Zeichen  durch  die  Ähnlichkeit  des  Lautes  oder 
der  Form,  oder  beider  zugleich  erklären  wollen,  beruft  sich  Clermont- 
Ganneau  auf  ein  Gesetz  der  Nachbarschaft  [contiguite).  Die  Zusatz- 
buchstaben hätten  ihre  Form  erhalten  durch  die  Form  eines  benach- 
barten Buchstabens  ohne  Rücksicht  auf  den  Lautwert,  als  ob  die  neu 
zu  erfindenden  Zeichen  bereits  einen  j^rädestinierten  Platz  im  Alphabet 
gehabt  hätten;  und  diese  ganz  unnatürliche  Hj'pothese  sucht  er  mit 
der  Geschicklichkeit  eines  Taschenspielers  zu  begründen: 

E     V(6)       r  .  .  ?     T^      Y 
F  (23)    ph  =  O         X        V 

Daß  diese  Erklärung  keinen  Beifall  fand,  ist  begreiflich;  der  leb- 
hafte Streit  ging  weiter.  Die  Frage  ist  übrigens  für  den  Epigraphiker 
wichtiger  als  für  den  Paläographen ;  außerdem  referiert  Larfeld  darüber 
ausführlich.^  Ich  begnüge  mich  also  hier,  die  später  (seit  1892) 
erschienene  Litteratur  nachzutragen: 
Kaiinka,  Eine  böotische  Alphabetvase.    '  Kr.  arbeitet  hauptsächlich  mit  laiit- 


Mitt.  d.  athen.  Instit.  17.  1892  S.  101 

bis  124. 
Szanto,  Ausgew.  Abh.  herausgeg.  von 

Swoboda  S.  159  ff. 
Schmid,  W.,   Zur  Gesch.    des    griech. 

Alphabets.     Philolog.  52.  1893  S.  366 

bis  373. 


physiologischen  Argumenten,  es  ist 
das  ein  Gebiet,  auf  das  ich  ihm  nicht 
folgen  kann. 
Earle,  M.L.,  On  the  supplementary  signs 
of  the  greek  aiphabet.  American  Journ. 
of  Arch.  1900  p.  175 f.;  vgl.  1902  p.  46. 
II,  7.  1903  p.  429—444. 


Kretschmer,  P..  Die  sekundären  Zeichen  Praetorius,  Fr.,   Zeitschr.  d.  Deutschen 

des  griech.  Alphabets.   Mitt.  des  ath.  Morgenl.  Ges.  1902  S.  676.   Z.  Gesch. 

Instit.  21.  1896  S.  410.  des  griech.  Alphabets. 

—  Die  sekundären  Zeichen  im  korinth.  Pr.  will,  die  ergänzten  Buchstaben 

Alphabet.     Mitt.    d.  athen.   Inst.   22.  des   griechischen  Alphabets  ableiten 

1897  S.  343—344.  1       aus  der  Schrift  der  phönicischen  Safä- 


1  Larfeld  bei  Iw.  Müller,  Handb.  d.  class.  Altert.  1^  S.  516—518,  u.  — ,  Hand- 
buch 1  S.  370  fF.  —  Ich  nenne  nur  Taylor,  Schlottmann,  v.  Wilamowitz-Moellen- 
dorf,  Deecke,  Hinrichs. 

'^  Das  T  hatte  im  Altphönicischen  wirklich  die  Grestalt  eines  X  (siehe 
unten  Fig.  42);  aber  „bei  den  Phöniciern  kommt  schon  früh  auch  die  Form  7  vor'', 
Nöldeke;  daher  soll  also  das  benachbarte  /  seine  Gestalt  erhalten  haben. 


—     43     — 


Inschriften  (S.  O.  v.  Damaskus),  die 
er,  wenn  auch  zweifelnd,  mit  Litt- 
mann dem  Jahre  106  n.  Chr.  zuweist. 
Wenn  diese  Inschriften  jünger  sind 
als  Alexander,  so  könnte  man  wohl 
eher  annehmen,  daß  die  Semiten 
diese  Zeichen  von  den  Griechen  ent- 
lehnt   haben;     dagegen     Lidzbarski, 


Ephemeris    f.    sem.    Epigr.    2.    1903 

S.  119—121,  vgl.  139. 
Dussaud,  Journ.  asiatique  1905,  I  p.  357. 
Foat,  Journ.  of  Hell.Stud.  25.  1905  p.359. 
Gercke,  A.,    Zur  Gesch.    des  ältesten 

griech.    Alphab.     Hermes    41.    1906 

S.  540—561. 


Fast  alle  griechischen  Stämme  haben  die  Ergänzungsbuchstaben 
angenommen  und  an  den  Schluß  des  Alphabets  gestellt,  aber  nicht  alle 
in  gleicher  Weise  und  in  gleichem  Sinne.  „Die  Frage  ist  nur,  welche 
von  beiden  Gruppen  als  diejenige  zu  gelten  hat,  die  den  ursprünglichen 
Zustand  am  treuesten  darstellt,  die  östliche  oder  westliche.'"^ 

Ist  also  das  oben  angedeutete  Prinzip  der  Spaltung  richtig,  so 
sind  die  Zusatzbuchstaben  beider  Gruppen  so  zu  verstehen: 

Osten  Westen  Bei  beiden  gleich;  nur  die  Stelle  im  Alpha- 

24  0  25  bet  ist  verschieden. 


+  (X)[II 


m\ 


k1 


l 


Es  ist  wichtig,  daß  das  östliche  und  das 
westliche  Zeichen  auf  dieselbe  Grundform 
zurückgehen.  Das  stehende  Kreuz  ist  ur- 
sprünglich: obwohl  die  Italiker  das  liegende 
angewendet  haben.  —  Kephalenia  braucht  0 
für  |,  das  ist  nur  die  abgerundete  Form  für 
die  ursprünglich  rechteckige  DD. 

X  und  /  sind  nahe  verwandt  in  Laut  und 
Form,  bei  dem  westhchen  ^  hat  man  den 
spitzen  Winkel  von  rechts  nach  unten  versetzt. 


B 


bs 
u. 

ps 


Ebenso    ist   beim  J^  der    obere    Halbkreis 
des    B    symmetrisch   links    unten    angebracht. 
Den    westlichen    Alphabeten    fehlt    ein    ent- 
sprechendes   Zeichen,    nur    die    Lokrer    und 
f/fT  (>K)  Arkader  gebrauchen  ^. 

In  den  ersten  beiden  Auflagen  hatte  Kirchhoff  sich  zugunsten  der 
westlichen  Gruppe  entschieden:  in  der  letzten  läßt  er  die  Sache  un- 
entschieden. Nach  unserer  Auffassung  kommt  cf  nicht  in  Betracht,  da 
beide  Gruppen  übereinstimmen.  Auch  die  Zeichen  für  |  (ffl  im  Osten; 
+  im  Westen)  sind  dieselben;  >l.  dagegen  im^ Westen  für  w.  im  Osten 
für  X  wäre  das  eine  Mal  von  B,  das  zweite  Mal  von  K  abzuleiten. 

Nach  der  Stellung  und  dem  Lautwert  dieser  Zeichen  zerfallen  die 
griechischen  Alphabete  in  zwei  große  Gruppen. 


Gruppea 


1  Kirchhoff,  Studien*  S.  174. 


—     44     — 

Der   Osten    nebst   (Athen),   Korinth    und   Argos; 
auf  Kirchhoffs  Karte:  blau. 

24  0 

25  X  =/ 

26  «t  =  1//  {(pa  athen.) 
I  =  H,  HH,  ffl  (/ö-  athen.) 

Hellas  und  der  Westen;    auf  Kirchhoffs   Karte: 
rot. 

24  X(+)  =  | 

25  (D 

26  i        =/ 
xjj  =  (frr  oder  5|<  (Lokr.)^ 

Kirchhoff-  gruppiert  am  Schlüsse  seiner 
Studien  zur  Geschichte  des  griechischen  Alpha- 
bets die  Nationalschriften  ^  der  Griechen  un- 
gefähr so: 

I. 

Kleinasien.   Inseln  des  Äg.  Meeres.   Vom  griechi- 
schen Festlande:  Athen,  Argos,  Korinth  mit  Ein- 
schluß der  korinthischen  Colonien. 

II. 

Festland    von   Griechenland    (mit    Einschluß  von 
Euboea).     Westliche  Colonien.* 

Daß  eine  solche  Verschiedenheit  der  Schrift 
in  den  einzelnen  Staaten  zu  manchen  Unzuträg- 
lichkeiten führte,  versteht  sich  von  selbst;  um 
denselben    zu    entgehen,    adoptierte    allmählich 

^  Greek  coins  of  the  Br.  Mus.    Peloponnes  p.  198  Nr.  2.     Psophis  =  O  ^. 
-  Vgl.  die  Karte  am  ScUusse  und  die  Ergänzungen  von  Wiedemanu  in  der 
Kilo  8.  1908  S.  523;  9.  1909  S.  364. 

'  Drerup,  E.,  Hist.  des  alphabets  grecs  locaux.  Le  Musee  beige  5.  1902 
p.  135—148.  Berl.  Wochenschr.  f.  class.  Phil.  1902  S.  591.  Von  wenig  griechischen 
Städten  haben  wir  eine  zusammenhängende  Geschichte  ihrer  localen  Schrift,  wie 
z.  B.  in  Kems,  Inschr.  von  Magnesia  a.  M.  Berlin  1900  S.  XXIX.  —  Paepke,  K., 
De  Pergamenorum  litteratura.    Kostock  1906. 

*  Franz,    Elementa    epigraphices    graecao   p.  25,    dem    sich    im  wesentlichen 
Lenormant  anschließt,  teilt  so  ein: 
DORES  ET  AEOLES lONES 

Ther.  Mel.  Boeot.  Pelop.  Magna  Graecia  Attica  lonia  aetate 

Simonidis 


M   r=     -7. 

Oi     ^    ,JS 

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m      .«    T"     SD 

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Fig.  42. 

—     45     — 


das   inzwischen^ifstölion- 

Alphabets 


ein  Staat    nach    dem    andern    das    ionische  Alphabet,^ 
die  vollkommenste  Ausbildung  erhalten  hatte. 

Die  Alten  waren  nicht  einig  über  den  Grund,  weshalb  gerade  das 
ionische  Alphabet  adoptiert  wurde,  nach  Bekkers  Anecdota  Graeca 
p.  784:  Aiä  tovto  öe  xal  ovx  äXXoiq  /«()«;cr?/0(7/  /ocLtf.is&a  raiv  aroi- 
X^icov  aXku  ToTg  'IcovixoTg,  loq  fiiv  'AaxhjniäSj]^  6  ^nvovaToc,  Hyut.  öicc 
rb  xdX)Mi  xai  ort  nlunru  t(i}v  (7vyyQafif.uhcoi'  roi'TOiq  tyiyoanro  roTq 
XCiQoiXTTjOGiv  (hg  Sa  AiöScooog  xat  'Aniow  kv  t(o  Treoi  tcov  aToi/eicov, 
öri  TtXdaroi  avyyoacpeig  xal  oi  7ioii]Tai  (ctio  rTjg  'Icoviag  rovroig  roig 
rv:TOig  txfjiifjocvro.  LdnoXXcoviog  de  ö  Msfraiji'iog  ii'  reo  Tiegl  dgxa/cov 
yocifxndrmv  rfijfrl  rivag  leystv  ön  Tlvd-ayogag  avTCjv  tov  xä'/.Aovg  ine- 
lixsh'j&7],  ix  rTjg  xuru  yE(opie.roiuv  ygccfifiTjg  Qvdp,iaag  uvrcc  ycoviuig  xcd 
TTegicpegeiaig  xal  svß-etuig.  Sehr  lange  zauderte  Böotien,  das  noch 
zur  Zeit  von  Epaminondas  gelegentlich  das  einheimische  Alphabet  an- 
wendete.^ In  Attica  dagegen  vollzieht  sich  dieser  Übergang  in  der 
letzten  Hälfte  des  fünften  Jahrhunderts;  wir  besitzen  eine  attische 
Grabschrift  für  die  bei  Potidaea  Gefallenen^  bereits  in  ionischen  Buch- 
staben und  ebenso  eine  Grabschrift  von  Orchomenos  ebenfalls  aus  der 
Zeit  vor  Beendigung  des  Peloponnesischen  Krieges,  die  gleichfalls 
ionisch  geschrieben  ist.  Am  längsten  sträubte  sich  der  Staat  der 
Athener,  der  mit  großer  Zähigkeit  an  seinem  einheimischen  Alphabet 
festhielt.  Privatpersonen  hatten  allerdings  schon  ihren  Widerspruch 
aufgegeben  und  bedienten  sich  des  ionischen  Alphabets,*  das  zeigt  die 
Beschreibung  einzelner  Buchstaben  durch  den  Euripides  bei  Athe- 
naeus  X  p.  454: 

KvxXog  rtg,  cog  röoroimv  bXf.iergoi'ixevog' 

ovrog  ö'  exet  (Ti](ieIov  iv  fieaco  aacfeg. 

rb  devreoov  de,   Tcg&ra  fiev  yga/j.ßai  d'vo, 

ravrag  Öieioyei   ö'   ev  piiauig  äXki]  \xia. 

rQirov  de  ßöorovxög  rig,  (og  elhy^evog. 

t6  d'  av  riragrov^  7]v  (xtv  slg  ögffbv  fiia, 

Xo^ai  ö'  tri    avrTjg  rgsTg  xare(jT7]uiyf.ievaf  E 

elfTiv.  rb  nefxnrov  Ö'  ovx  kv  svfiaget  (foäaai' 

ygaixficcl  ydg  slcrtv  hx  diearcorcov  Svo,  Y 

avrui  de  (Tvvrgexovaiv  elg  fxiav  ßdaiv. 

rb  koia&iov  de  reo  rgi'rq)  Tioofrefiefsgeg.  S 


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5 


^  Unterschied  des  ion.  u.  att.  Alphabets  siehe  Meisterhans,  Gramm,  der  att. 
Inschriften  (1888)  S.  4.  Ein  relativ  altes  ionisches  Alphabet  von  Kalymna:  The 
Collection  of  Ancient  Greeck  inscr.  in  the  Brit.  Mus.  II  p.  323. 

^  Siehe  Kirchhoff,  Stud.  z.  Gesch.  d.  griech.  Alphabets*  S.  143. 

8  Thiersch,  Acta  philol.  monac.  II  p.  409.  C.  I.  A.  1,  442  <Pal.  Society  Nr.  79.> 

*  Vgl.  Bergk,  De  reliquiis  coinoed.  Att.  p.  118. 

*  Vgl.  Wright,  Transact.  of  the  Americ.  Philol.  associat.  27.  1896  p.  84  n.  5 


Attica 


—     46     — 

Ähnlich  beschreibt  Kallias,  der  ebenfalls  vor  der  Reform  des  Eukleides 
lebte,  die  Buchstaben   W  und  £2  bei  Athenaeus  a.  a.  0.: 

ugd-ij  ficcxoa  yoc/jupt]  'ariv'  kx  zavTqi  (xiarjq, 
fiixoci  TiaosarcoG    hxaTtoco&ev  vtiticc, 
dTieiTce  xvxXog,  Tiööag  i/cov  ßga/etg  ovo. 

Auch  auf  den  öffentlichen  Inschriften,  z.  B.  C.  I.  Gr.  I,  149,  lassen  sich 
Spuren  eines  Kampfes  beider  Systeme  nachweisen;  aber  der  athenische 
Staat  hielt  noch  länger  fest  an  der  einheimischen  Schrift  und  gab  sie  für 
die  Staatsurkunden  ^  erst  auf  bei  der  Reorganisation  nach  dem  unglück- 
lichen Ausgang  des  Peloponnesischen  Krieges  nach  dem  Vorschlage  des 
d.  EuWeidls  Archinus  2  unter  dem  Archontat  des  Eukleides  ol.  94,  2  =  403/2  v.  Chr. 
Seit  dieser  Zeit  gehört  die  „attische  Schrift"  der  Vergangenheit  an  und 
"schrift^  wird  der  später  gebräuchlichen  gegenübergestellt,'^  z.  B.  von  Pseudo-De- 
mosthenes  gegen  Neaera  §  76  p.  1370:  xal  ccvri]  /y  arijh]  in  xal  vvv 
'iarrjxev,  äfivÖgoTq'^ ygäfifiacTiv ^ArrixoTg  dr]lov(jCi  ru  yr/gaufiivu.  Urkunden 
der  älteren  Zeit,  die  immer  noch  praktische  Bedeutung  hatten,  wurden 
umgeschrieben,"  so  z.  B.  die  ursprünglich  ßovaTgocpjjdov  geschriebenen 
Gesetze,  deren  Fragmente  wir  in  einer  Abschrift  des  Jahres  409/8 
C.  I.  A.  I,  61  besitzen.  Die  alte  Schrift  neben  der  neuen  hat  sich 
erhalten  in  einem  Privilegium  zu  Cyzicus  I.  G.  A.  491.  Nach  der  Ein- 
führung des  neuen  Alphabets  {rTjg  fier  EvxXs(ör]v  yoafificcrixTjg  Plut. 
Arist.  1,  6)  und  —  was  damit  zusammenhängt  —  der  langen  Vocale 
mußten  natürlich  die  alten  Texte  umgeschrieben  werden,  und  die 
Kritiker  verfehlen  nicht,  auf  diese  Fehlerquelle  hinzuweisen,  so  z.  B. 
der  Scholiast  zu  Eurip.  Phoen.  v.  682:  aoi  viv  exyovoi]  ygä^srai  xal 
,.(Tcp  viv  ixyövcp  XTiaocv^',  i'v  y  tcJ  kxyövo)  aov,  raJ  Käd'inco,  al  &sat 
xurtXTKTav  rccg  0/jßccg.  ytyove  d^  Tiegi  rtjv  ygacpijv  an(/.Qri}(xa.  "kog 
ägxovrog  yug  ]Ad''i]vriGiv  EvxXdSov,  (xijnco  rQv  fiaxQüJv  evor]fihicov,  roig 
ßgcc'/iaiv  ävrl  zcüv  ßaxgojv  ^;^oa;z'ro,  tm  s  ävrl  rov  t],  xcci  reo  o  ävrl 
Tov  ü).     lyoucpov    ovv    ro    8i)^(p    fieru   rov   i    dtjfxoi.     (iij   vo/jaavzeg  Ö^ 


Alte  Schrift 

neben  der 

neuen 


Trans- 
scription 


'  Siehe  Thiersch ,  Acta  Philol.  Monac.  II,  409 :  Statuendum  igitur  erit,  isto 
Eiiclidis  decreto  nihil  aliud  fuisse  contentum,  nisi  iit  ionicae  litterae  [rc.  ionicas 
litteras]  in  publicis  monumentis  inscribendis  adhibere  liceret. 

2  Müller,  F.  H.  G.  1  p.  306.  Theopomp  n.  169:  'S"  ort  noQn  Za^tioi;  svqb&t] 
TiQOJTOig  TÖc  y.d'  YQÖfifiata  im'o  KalliaiQÜtov,  wc  AvÖqcov  iv  T^inoöf  tov;  Ö'A&Tjvai- 
ovg  enBias  xQ^jaf^ac  twj'  'lüveov  f^äfiiiaaiv  'Aq%ii>o:  6  A&rjvaiog  inl  ÜQ/oviog  JSvxXsi- 
dov  —  —  Tisqi  de  rov  neiaavxog  laiogsi  @s6no(inoc.  Eadem  apud  Photium  in 
Lex.  h.  V. 

^  Harpokration  s.  v.  Anixoig  yqu^fiaaiv. 

*  Siehe  Heydemann,  Hermes  14  S.  317  u.  Szanto,  Em.,  Wiener  Studien  3. 
1881  S.  155—157. 

^  V.  Wilamowitz-Moellendorf,  Philol.  Unters.  7.  1884  S.  286:  MexaYqaijJÜ^Bvot,. 


—     47     — 
öri   icaru   xqv  (/.oxoclav  yQacpljv  hart  xccl  Sei  fieTciTS>fsTvc(i   rb  o  etg  rö 

So  hatte  das  griechische  Alphabet  seinen  definitiven  Umfang 
erhalten,  der  für  die  Folgezeit  ausreichte.  Die  in  Ägypten  lebenden  zlt^tl 
Schreiber  haben  wohl  gelegentlich  einheimische  Zeichen  und  Abkür- 
zungen verwendet,  wenn  sie  bequem  und  allgemein  bekannt  waren, 
aber  dadurch  wurde  das  griechische  Alphabet  nicht  vermehrt;  nur  für 
fremde  Laute,  die  der  griechischen  Sprache  fehlten,  haben  die  griechi- 
schen Schreiber  gelegentlich  Anleihen  bei  fremden  Sprachen  gemacht.^ 

Der    Stammbaum    griechischer    Schrift    mit    seinen    Wurzeln    und  Stammbaum 
seinen  Verzweigungen  würde  also  ungefähr  so  aussehen:^ 


Semitisches  Uralphabet 


Semitisch 


GRIECHISCH 


Indisch 


Majuskeln 


Minuskeln 


Lykisch     Phryg. 


Etrusk.  Umbr.  Osk. 

(750—644  V.  Chr.  ?j 


Latein.     Falisk. 


Kunen 


Got 

ca.  370 


isch 
n.  Chr. 


Roman.  Angelsächs 

Nationalschr. 

Cyrill 


'Celtiber.  (?) 
-Alt-Gall. 


""Koptisch 


Armen,     Georg, 
ca.  400  n.  Chr. 


Glagolit.  (?) 


Serb.  Russ.  Bulg. 

(Ductus) 


Bulgarisch     Kroatisch 


Deutsche  Schrift 


Neugriechische 
Cursive 


*  Vgl.  Lehrs  De  Aristarchi  stud.  homer.-  p.  372  und  Cobet,  Mise.  crit.  p.  290. 
Wackernagel  in  Bezzenbergers  Beitr.  4,  265  fF. 

-  Fremde    Buchstaben    im    griechischen    Alphabet:    Gr,  Pap.  Brit.  Mus.  4. 

Nr.  1420  (v.  J.  70G)     Q     ^^  addition  to  the  greek  aiphabet. 

^  Die  aus  dem  Griechischen  abgeleiteten  fremdländischen  Alphabete  sind 
auch  für  das  Griechische  wichtig  in  der  Zeit,  wo  sie  sich  abzweigten;  allein  aus 
Mangel  an  Platz  kann  ich  darauf  nicht  eingehen-,  ich  muß  hier  aber  einfach  auf 
die  erste  Auflage  verweisen  S.  107  ff. 


—     48 


Viertes  Kapitel.  ■. 

Anordnung  der  Buchstaben.' 

Die  Anordnung  der  griechischen  Schrift  zeichen  hat  mehrfach  ge- 
wechselt. Die  Griechen  schrieben  ursprünglich  natürlich  wie  ihre  Lehr- 
Linksiäufig  mcister  die  Phönicier,  von  rechts  nach  links.  In  späterer  Zeit  hatte  man 
diese  Richtung  der  Schrift  nur  noch  als  eine  Art  von  Kryptographie 
beibehalten;  Yerwünschungsformeln  sind  oft  von  rechts  nach  links 
geschrieben.  Auch  'die  gelegentlich  vorkommende  Spiegelschrift  ^  ist 
wohl  als  eine  Art  von  Geheimschrift  aufzufassen.  Linksläufige  Schrift 
zeigen  nicht  nur  die  ältesten  Inschriften,  sondern  auch  ausdrückliche 
Zeugnisse,  wie  Pausan.  5,  25,  5  yh/^ocnrai  Öe  xui  tovto  tnl  tu  "kaiu 
Ih  de^ißv  usw.  Dann  folgt  eine  Periode  des  Übergangs:  man  schrieb 
förmig"  furchenförmig  [ßovarooffriÖöv,^)  ein  Wort,  das  Pausanias  erklärt  (5, 17,6): 
tÖ  Öi  bGTi  TOiöi'Ss-  uno  rov  Tieoavog  tov  enov^i  -cniaroHfst  rcov  äncov 
t6  devzeoov  ügtibo  kv  Stavlco  doöfxfo,  d.  h.  in  der  ersten  Zeile  von  links 
nach  rechts,  in  der  zweiten  von  rechts  nach  links  oder  umgekehrt;  so 
waren  noch  im  Anfang  des  6.  Jahrhunderts  die  Solonischen  Gesetze 
geschrieben,  ebenso  wie  am  Ausgang  dieses  Zeitraums  eine  Weih- 
inschrift des  Histiaeus.*  Auch  einige  der  Inschriften  der  griechischen 
Söldner  zu  Abu  Simbel^  und  die  Inschriften  am  heiligen  Weg  zu  dem 
Branchidentempel  sind  furchenförmig  geschrieben,  und  Kirchhoif  ^  meint, 
daß  diese  Schreibart  im  6.  Jahrhundert  die  eigentlich  herrschende  ge- 
wesen. Auch  die  Silbenschrift  der  Kyprioten  hat  denselben  Wechsel 
durchgemacht.  „Die  Schreibrichtung  (der  kyprischen  Schrift)  ist  in  der 
Regel  linksläufig,  selten  bustrophedon,  auf  jüngeren  Denkmälern  auch 
rechtsläufig."  '^ 

Mit  besonderer  Zähigkeit  hielt  sich  diese  altertümliche  Schreib- 
art auf  der  dem  großen  Verkehr  fernen  Insel  Kreta;  die  großen 
Stadtgesetze  von  Gortyn  sind  alle  noch  so  geschrieben  und 
Bücheier  (Rhein.  Mus.  40,  1885.  Ergänzungsheft)  vermutet,  daß  das 
Bustrophedon  sich  hier  bis  zum  Jahre  400  v.  Chr.  gehalten  habe.  Der  Zeit 
des  Übergangs    möchte  man   eine  kretische  Inschrift  (Mitteil.  d.  Athen. 

^  Vgl.  Grundzüge  [u.  Chrestomathie  1.  Wilcken  1  S.  XLVII.  Auordaung 
der  Scbi-ift  auf  Papyrus. 

*  Siehe  eine  Pro})e  bei  Graux,  Gh.,  Les  articles  originaux  p.  124, 
'  Pal.  Society  Nr.  76. 

*  Kirchhoff,  Studien*  S.  17.     I.  G.  A.  490. 

^  Kirchhoff,   Studien*  S.  37.   —   Wiedemann,   A.,    Die   griech.  Inschrift  von 
Abu-Simbel.    Eheiu.  Mus.  N.  F.  35  S.  364—372. 
^  Studien«  S.  37.  25. 
'  Larfeld,  Handb.  d.  gr.  Epigr.  1,  327. 


—     49     — 

Instit.  10,  32)  zuweisen,  in  der  zwei  rechtsläufige  auf  eine  linksläufige 
Zeile  folgen. 

Als    einen  Rest    der   furchenförmigen  Anordnung   in  viel  späterer 
Zeit    könnte    man    auf   die  Legende    einer  Münze  von  Ilion    zu  Ehren 

des  Augustus  hinweisen   mit  dem  Worte   __„._:   aber  das  war  mehr 
'='  lEBAZ 

ein  Notbehelf,  in  größerem  Umfang  kommt  das  damals  nicht  mehr  vor. 
Erst  im  Anfang  des  5.  Jahrhunderts  zog  man  in  Hellas  die  Con- 
sequenzen  der  bisherigen  Neuerungen  und  ging  zur  rechtsläufigen  Rechtaiäaflg 
Schrift  über.  Während  die  Stele  von  Sigeion  I.  G. A.  492  (ca.  575  v.Chr.) 
noch  bustrophedon  geschrieben  ist,  wurde  das  Colonialgesetz  von  Salamis 
(s.  Larfeld,  Handb.  d.  Epigr.  2,  1902  S.  398)  bereits  rechtsläufig  ge- 
schrieben. Diese  Neuerung  war  in  Herodots  Zeit  schon  vollständig 
durchgeführt.  Herod.  2,  36  yadj^ifiara  yoc/.rfov(Ti  —  —  E'/J.ijveg  fikv 
ccTio  ccoifJTEocüV  km  XU  ÖB^icc  cpegovTsq  ri/V  /eioa,  ^iyvTiTtoi  de  ccno 
Tojv  de^iöjv  ini  Tcc  aoinreod.  —  Wie  fast  alle  Änderungen  der  Schrift, 
so  wußten  die  Grammatiker  auch  diese  auf  einen  bestimmten  Namen 
zurückzuführen.  Die  linksläufige  Schrift  soll  von  Pronapides^  aus 
Athen  erfunden  sein,  wie  uns  der  Scholiast  zum  Dionysius  Thrax^  ver- 
sichert, doch  in  Wirklichkeit  sind  die  Verdienste  des  Pronapides  um 
die  griechische  Schrift  natürlich  gerade  so  groß  und  so  klein,  wie  die 
des  Orpheus,  Linus  usw. 

Von  jetzt  an  gilt  als  Regel,  daß  man  von  links  nach  rechts  fort-  Regel 
schreitet,^  und  daß  die  geschriebenen  Buchstaben  räumhch  und  zeitlich 
dieselbe  Reihenfolge  haben,  wie  die  gesprochenen.   Nur  in  der  Cursive 
und  Minuskel  kommen  Ausnahmen  vor:   Irjo  (ßeitr.  z.  Gr.  Pal.  1  Taf.  3 
/.  5)  zeigt  das  Schema:.   1.  3.  2;  loyo  (Taf.  3   /  3—4):    1.  3.  4.  2;   eln^.v 

(Taf.  3  V  3— 5):  1.  2.  4.  5.  3.  Noch  künstlicher  ist  xovrov  geschrieben    S!^ 

1/2  3.  2.  733.  V26.  5.  V26.  1.  4.  Ähnliche  Freiheiten  findet  man  beson- 
ders häufig  bei  runden  Buchstaben,  die  ineinander  hineingeschoben 
werden.  Co  heißt  nicht  go,  sondern  -og  (auch  Öfjiog);  yhiov  =  ytvovg; 
?.oy{oi  =  löyoiq.     Complicierter  wird    die  Sache    noch    durch   die  über- 

und  ineinander  geschriebenen  Buchstaben.*  ©@  ^äöoiaroq,    0      = 


'  Diesen  Pr.  nennt  Diodor  3.  67  zbv  '  Ofi^gov  öidäffxaXov. 
2  Bekker,  Anecdota  II  p.  786—788. 

*  Eine  entgegengesetzte  Entwicklung  glaubt  J.  Voigt,  Quaestionum  de  titulis 
Cypriis  particula  (Leipziger  Studien  1  p.  251)  nachweisen  zu  können,  daß  die 
Kyprioten  erst  rechtsläufig,  dann  aber  später  unter  phönicischem  Einfluß  links- 
läufig geschrieben  hätten.  Über  die  Anordnung  der  Zahlen  auf  syrischen  In- 
schriften siehe  das  Kapitel  Zahlen. 

*  Vitelli,  Museo  italiano  I  p.  160  Nr.  45.  46. 

Gardthausen,  Gr.  Paläographie.    2.  Aufl.  II.  4 


—     50     — 
öi(ofi,a),  7^^    =  TiuouX  —  siehe  auch  die  Verbindung  von  ^nov  @^ 

ei'a(yye?.Xiov)    '^   .     Bei  monogrammatischen   Abkürzungen  (s.  u.)    wird 

auch  wohl  ein  Buchstabe   auf   den  Kopf  gestellt   (s.  S.  52   -rccTia^;)  oder 
auf  die  Seite  gelegt  (s.  S.  52  vnö^vrifxa). 

In   dem   c.  Ambros.  24   sind   gelegentlich  die  Initialen  dreier 

f  Zeilen  F  E  K  erst  geschrieben  und  verschmolzen  und  nachher 
die  anderen  Buchstaben  nachgeholt.  In  der  Minuskel  dürfen 
die  Buchstabenverbindungen  die  Grenzen  des  Wortes  nicht  über- 
schreiten; die  Präpositionen  machen  eine  Ausnahme,  die  entweder  ganz 
oder  teilweise  zu  dem  folgenden  von  ihnen  regierten  Casus  herangezogen 
werden  und  dann  sogar  den  Accent  verlieren.  Ungleichartiges.  w4e 
z.  B.  Buchstaben  mit  Zahlen  und  Abkürzungen,  zu  verbinden,  hat  die 
gute  Zeit  vermieden.  Es  ist  daher  ein  Zeichen  des  Verfalls,  -svenn  in 
der  Edingburger  Handschrift  von  1214  die  Zahl  H  mit  dem  ludictions- 

zeichen  zu  einem  Zuge   verbunden  wird:      akT 

Auch  in  dem  c.  Sin.  67U,  der  auf  dem  Sinai  1292  geschrieben 
"wurde,  ist  z.  B.  Indictionszeichen  und  -Zahl  untereinander  und  mit 
Jahreszahl  durch  künstliche  Schnörkel  zu  einem  Zuge  verbunden. 

Manchmal  dient  die  Schrift  dazu,  den  Sinn  zu  verhüllen  und  das 
Lesen  durch  Schnörkel  zu  erschweren,  so  z.  B.  in  den  späteren  Papyri: 
Protokolle  „uuscre  Protokolle,  vorzüglich  die  griechischen  (zeigen)  ein  sinnver- 
wirrendes Gemengsei  von  geraden  und  verschlungenen  Linien,  durch 
und  durch  verkünstelte  und  verschnörkelte  Schriftzüge,  welche  zuweilen 
sogar  nur  wie  sinnlose  Schraffierungen  aussehen."' ^ 

In  geradezu  verwirrender  Weise  werden  Worte  und  Buchstaben 
^d?iien°'  ineinander  verschlungen  in  den  sogen.  Monokondylien^  am  Schluß 
der  späteren  Minuskelhandschriften,  Chrjsobullen  und  Urkunden,  die 
den  phantastischen  Verschlingungen  arabischer  Züge  nachgebildet  sind; 
die  Deutlichkeit  und  Lesbarkeit  ist  in  diesen  stilisierten  Schnörkeleien 
von  sehr  untergeordneter  Bedeutung,  ja  sie  würd  absichtlich  vernach- 
lässigt,   denn   der  Schreiber   betrachtet  diese  Monokondylien  ^  als  eine 


^  Führer  durch  die  Ausstellung  S.  18. 

2  Siehe  oben  1  S.  195—196. 

'  Vgl.  Muceioli,  Catal.  codd.  mss.  Malatest.  Caesenat.  bibliothecae  I  p.  108.  — 
Montfaucon,  Pal.  Gr.  p.  350,  II.  monokondylion :  CoUez.  Fiorent.  Nr.  39  (vom 
Jahre  1358);  monokondylion  in  den  Laur.  gr.  150  (s.  XI).  Proben  der  Monokon- 
dylien  wie  sie  die  orthodoxen  Bischöfe  bis  in  unsere  Zeit  angewendet  haben  für 
ihre  Unterschrift,  gibt  Pappageorg,  Byzantin.  Zeitschr.  3.  1894  t.  5—7.  Deltion 
bist.  k.  ethn.  Hetair.  2.  1887  Taf.  g'.  —  Lambros,  N.  'ElXrjvo(Jivi](ib)v  2.  1905 
S.  192—193. 


—     51     — 

Art  von  Geheimschrift,  die  nur  für  Eingeweihte  bestimmt  ist,  denen 
er  ein  möglichst  schweres  Rätsel  aufzugeben  wünscht.  —  Montfaucon, 
Pal.  Gr.  p.  349,  meint,  daß  Monokondylien  sich  schon  in  Handschriften 


1.  izeleioj&ij  i]  naoovaa  ÖiXxoc, 

2.  iv  xfi  fxovfj  Tov  r6r[?,?]i](T/'ov  öicc 

3.  xeiooff  'A&avaaiov  f,j 

4.  äfxaoTcuXov  fiijvt  ffsoj 

5.  inraxaiöexärij  vu[f\o[o:'] 

Fiff.  43. 


—     52     — 

des  10.  Jahrhunderts  nachweisen  lassen;  allein  die  classische  Zeit  der 
alten  Minuskel  ist  gerade  durch  das  Fehlen  überflüssiger  Schnörkel 
bezeichnet;  mir  ist  wenigstens  von  datierten  Handschriften  keine  be- 
kannt, die  diese  Behauptung  erweisen  könnte;  dagegen  werden  diese 
verzogenen  Buchstaben  nach  dem  12.  und  besonders  nach  dem  13.  Jahr- 
hundert häufiger.  —  Eine  Anschauung  gibt  Seite  51  nach  dem  c.  Par.  857 
(c.  Reg.  2385)  vom  Jahre  1261.  aus  dem  Montfaucon  (S.  350)  dieses 
Monokondylion  bereits  publiciert  hat. 

Der  Schreiber  ist  bestrebt,  möglichst  viele  Buchstaben  zu  einem 
Zuge  zu  verbinden,  selbst  wenn  er  ihren  Formen  Gewalt  antun  muß; 
er  schreibt  nicht  um  das  Lesen  zu  erleichtern,  sondern  zu  erschweren. 
Auf  der  anderen  Seite  aber  fehlt  dem  Monokondylion  ebensowenig  wie 
dem  Monogramm  das  Streben  nach  einem  gleichmäßigen  oft  symmetri- 
schen Aufbau.     In   einer  Probe  bei  Cavallieri-Lietzmann  Spec.  Nr.  50 

^§\/"^^  Tov^  rosI[g]  (a.  1565) 

sind  die  Buchstaben  geordnet  nach  dem  Schema  \,|/^;     ^  =  AOY. 

Wenn  bei  Abkürzungen  zwei  Buchstaben  übereinander  stehen,  so 
müssen  sie  wenigstens  die  gleiche  Richtung  haben;  nur  ausnahms- 
weise kann  die  Abkürzung  für  :Tc/.7rccg,  z.  B.  <#'  in  einer  Überschrift 
des  c.  Sinait.  166  aus  dem  11.  Jahrhundert  angeführt  werden,  die 
entstanden  ist  durch  Verbindung  eines  stehenden  mit  einem  darüber 
liegenden  :i.   Montfaucon  erwähnt  eine  Abkürzung  (s.  u.)  von  vn6(ivr}(iu, 

^   bei  der  das  n  in  ein  liegendes  v  hineingeschrieben  ist.  —  Sonst 

Übereinan- 

derstehende  haben  natürlich  auch  die  übereinander  stehenden  gleiche  Richtung  und 

Buchstaben  °  ° 

-1-  .  .  .  .  ^         . 

nach^oben  '^^^^  immer  in  der  Richtung  von  unten  nach  oben  zu  lesen:  a  heißt  gco 

a  V  «6  ^^l 

(nicht  (og),  X  =  XU  (nicht  ax),  o  =  ov  (nicht  vo\  ebenso  tt  r  =  7ia[ou)  to  ^  usw. 
Vitelli  in  seinem  Spicilegio  fiorentino  in  dem  Museo  italiano  di  anti- 
chitä  classica  1883  p.  10  macht  auf  Verbindungen  aufmerksam  wie 
A  =  Xvffig  A  =  ?^6yog,  die  aber  doch  die  Regel  nicht  umstoßen  können, 

V  O 

weil  hier  der  erste  Buchstabe  nicht  über  den  zweiten,  sondern  der 
zweite  unter  den  ersten  geschrieben  und  genau  genommen  unter  der 
Zeile  steht. 

Nur  0  =  TO    bildet    scheinbar    eine   Ausnahme,    doch    sind    beide 


1  Vgl.  Bast,  Comm.  pal.  p.  783.    Rhein.  Mus.  1878  S.  440  Anm.     -     .     ^< 
^  Ebenso  gehen  die  von  Vitelli  a.a.  0  angeführten  Verbindungen  ov,  co,  ovg,  av 
auf  unciale  Ligaturen  zurück. 


—     53     — 

Buchstaben  niclit  übereinander  geschrieben, ^  sondern  bilden  einen 
Doppelbuchstaben,  eine  Ligatur.^  Ligatur 

Man  unterscheidet  verschiedene  Arten  von  Ligaturen: 

1.  primäre,  die  dadurch  gebildet  werden,  daß  zwei  Buchstaben    Primäre 
aneinander    geschoben    werden,     so     daß     sie     eine    Einheit    bilden: 

rf  r? "^  ili    tJkj  «X  •       ^^®    primären    Ligaturen    der    üncialbuchstaben 

werden  bei  Abkürzungen  verwendet,  so  z.  B.  TA  wird  in  Papyrus- 
urkunden  und  Inschriften  als  Abkürzung  für  räXccvrov  zu  einer  Liga- 
tur -X  verbunden,  indem  der  Querbalken  des  T  oben  auf  das  A  ge- 
setzt wird.^ 

2.  sekundäre,  bei   denen   zwei  Buchstaben  nicht  bloß  äußerlich  sekundäre 
verbunden,    sondern    innerlich  verwachsen    sind.     Ein  Teil    des    ersten 
bildet  zugleich  einen  Teil  des   zweiten  Buchstaben.     Durch   seine  Ent- 
fernung werden  beide  Buchstaben  unvollständig:    |-N  NU  rC  PH  H. 

3.  tertiäre  usw.  Ligaturen  nennt  man  diejenigen  Verbindungen,  Tertiäre 
wo  drei,  vier  usw.  Buchstaben  eine  unlösliche  Einheit  bilden:  MsH,  ^C 

(=  vTS^  Wattenbach,    Schrifttafeln  Taf.  1).      (fl  kann    im    c.   Sinaiticus 

fioi  und  fiov  gelesen  werden.  Noch  weiter  als  die  Paläographie  geht 
natürhch  die  Epigraphik,  in  der  Verbindungen  wie  z.  B.  ^^WV^■MAC 
{yvcofjLTjv  (bg)  zulässig  sind. 

Wilcken,  Grundzüge  u.  Chrestomathie  1  L  S.  XXXVIII,  faßt  den 
Begriff  der  Ligatur  etwas  anders  und  weiter;  er  redet  auch  noch  von 
„mittelbaren"  Ligaturen,  bei  denen  die  beiden  Buchstaben  durch  einen 
künstlich  eingefügten  (meist  horizontalen)  Ligaturstrich  verbunden 
werden.  —  Was  die  Ligatur  für  die  griechische  Schrift  bedeutet,  ist 
durchaus  nicht  in  seinem  ganzen  Umfang  anerkannt.  Es  ist  nämlich 
ein  Irrtum,  wenn  man  meint,  die  griechische  Schrift  außer  der  kalli- 
graphischen Uuciale  setze  sich  aus  Buchstaben  zusammen.  Der  Buch- 
stabe ist  nur  der  graphische  Ausdruck  des  gesprochenen  Lautes;  und 
die  Gesetze  der  Sprache  sind  andere  als  die  der  Schrift.  Die  gra- 
phische Einheit  ist  vielmehr  dasjenige,  was  der  Schreiber,  ohne  abzu- 
setzen, zusammenschreiben  kann  (niemals  z.  B.  ein  T).  Die  sprach- 
lichen Einheiten  werden  daher  von  dem  Schreiber  aufgelöst  und  die 
einzelnen  Bestandteile  nach  graphischen  Gesichtspunkten  wieder  zu 
Gruppen  vereinigt;    so  entsteht  die  Ligatur,  die  aber  in  vielen  Fällen 


*  Über  Ligaturen  siehe  unten  Cursive.  Die  epigraphischen  Details  siehe 
Franz,  Elementa  p.  353  de  ductibus  ligatis.   —  Larfeld,  W.,  Iw.  v.  Müllers  Handb. 

d.  kl.  Altert.  1^  537  u. ,  Handb.  d.  griech.  Epigraphik.  2.  Leipzig  1902  S.  513. 

Ligaturen. 

-  Franz,  Elementa  ep.  gr.  p.  350. 


—     54     — 

Cäsur  durch    eine    Cäsur    der  Buchstaben  (Plutarch,    Quaest.  Piaton.   10,  7: 
GTiccody^uTo)  erst  ermöglicht  wird.^ 

Nicht  Buchstaben  sind  also  vielfach  die  Elemente  der  Schrift  bei 
Cursive  und  bei  der  Minuskel,  sondern  eine  Verbindung  der  einzelnen 
Teile,  für  die  ein  Wort  uns  fehlt;  ich  möchte  dafür  Syllabe  vorschlagen; 
dann  wäre  der  Parallelismus  von  Sprache  und  Schrift^  vollständig: 

Sprache:  Laut     |  Silbe      |  Wort      |  Satz. 
Schrift:     Strich  |  Syllabe  ]  Gruppe  |  Zeile. 

Um  sich  den  Begriff  der  Cäsur  einerseits  und  den  Unterschied 
der  sprachlichen  und  der  graphischen  Einheit  klar  zu  machen,  braucht 

man  sich  nur  die  Form  (^J]x^  e;Ter  zu  analysieren,  und  diese  Minuskel- 
form findet  manches  Gegenstück,  namentlich  in  der  Cursive.  Ligatur 
und  Cäsur  geben  der  Schrift  erst  ihr  Gepräge.  Wer  die  Schrift  an 
losen  Buchstaben  erkennen  will,  wie  Sabas  in  seinen  Alphabeten,  der 
gleicht  dem  Manne,  der  sein  Haus  verkaufen  wollte  und  deshalb  einen 
Stein  desselben  bei  sich  führte.  Nach  einem  beliebigen  Steine  kann 
man  sich  keine  Vorstellung  machen  von  dem  Hause;  nur  nach  einem 
Stück  des  Bogens  oder  der  Kreuzblume  kann  man  einen  Schluß  ziehen 
auf  den  Stil  desselben. 

Die  engeren  Ligaturen  sind  für  die  griechische  Paläographie  fast 
ebenso  wichtig  wie  für  die  lateinische,  bei  der  die  Cursive  und  die 
Nationalschriften,  z.  B.  die  merowingische,  westgotische  geradezu  darauf 
beruhen.  Die  schlanken  langen  Buchstaben  der  Cursive  lassen  sich 
biegen  wie  dünner  Draht  und  müssen  ihr  Ende  dazu  hergeben,  zugleich 
den  Anfang  des  nächsten  Buchstaben  zu  bilden.  Im  Griechischen 
sind  die  Ligaturen  meist  nicht  so  eng.  Die  große  Umbildung  einzelner 
Formen  in  der  zusammenhängenden  Schrift  werden  vielmehr  bewirkt 
durch  die  Bequemlichkeit  des  Schreibers,  der  die  einzelnen  Buchstaben 
zerlegt  und  die  einzelnen  Teile  entweder  direct  oder  mit  Hilfe  eines 
(meist  diagonalen)  Hilfsstriches  mit  dem  nächsten  Buchstaben  verbindet. 
Wenn  der  eine  Buchstabe  horizontal  endigt  und  der  nächste  vertikal 
beginnt,  so  wird  ein  Compromiß  geschlossen  wie  beim  Parallelogramm 
der  Kräfte  und  der  Schreiber  stellt  die  Verbindung  her  durch  einen 
diagonalen  Hilfsstrich, 
gramm  Eine    Weitere    Ausbildung    der    Ligatur    ist    das    Monogramm.^ 

Unser  modernes  Monogramm  ist  meist  nur  eine  primäre  Ligatur  von 
zwei  Buchstaben,  das  antike  dagegen  ist  oft  anders  gebildet.    Ducange 

^  Von    geringerer    Bedeutung    für    den  Charakter    ist   der  A'erl)indung8strich 
getrennter  Teile  und  die  veränderte  Reihenfolge,  in  der  dieselben  sich  folgen. 
*  Rohde,  Griech.  Roman  *  S.  2bb  Anm. 
^  Mabillon  de  re  diplom.  2,  10.     Bruns,  Abh.  d.  berl.  Akad.  1876  S.  88. 


—      00      — 

erklärt  das  Wort  monogramma:  Nomnn  eompendio  descripfum  ac  certis 
litcrarum  implexionibus  condnnatum  ..qiiod  scüicet  tnagis  intelligi  quam  legi 
promptum  est-  nt  ait  Symmachus.  Die  meisten  der  erhaltenen  Mono- 
gramme ^  finden  sich  auf  Münzen,  Stempeln  und  den  jüngeren  Inschriften 
des  Altertums,  andere  aber  auch  auf  Siegeln,  die  bereits  früh  in  den 
Concilsacten  (ed.  Paris.  1714.  III,  13U8B)  erwähnt  werden:  Kai  insdö- 
i^ijrrav  ovo  /«or/c?  kucfnuyiayLiva  ccio  xvgiov  [rc.  xijoiov]  kxTVTiovvrcc 
jnoi'6yoafiino7>  Kcovaravrivov  ÖerrnÖTOV  ojnavrcoq  8k  xal  tu  :TQo8i]'Loi'HBVu 
xfoöixici,  Ti/V  ai'TijV  fxrfoayid'a  e/ovra.  Act,  15  p.  1376  A:  Kai  Tiooe- 
xöpiiGtv  6  ai'Toq  evlaßkrtraroq  ITo/.v/oöviog  /aoriov  ßeßovlhofxevoi'  dia 
.joi'DMg  kxTVTiovrrijg  fiovöyoaiifjtov  UoXv/poviov  öfioloytjTov.  Das  Mono- 
gramm unterscheidet  sich  von  der  Ligatur  durch  den  größeren  Umfang 
und  die  größere  Freiheit  der  Composition.  In  einer  Ligatur  müssen 
die  Buchstaben  in  derselben  Reihenfolge  stehen,  wie  sie  gesprochen 
werden;  beim  Monogramm  ist  dies  unnötig,  es  genügt,  daß  die  einzel- 
nen Buchstaben  überhaupt  nur  vorhanden  sind.'-^  In  der  Ligatur  müssen 
die  Buchstaben  meistens  von  links  nach  rechts  geordnet  sein,  das  Mono- 
gramm erlaubt  daneben  auch  die  Richtung  von  oben  nach  unten;  des- 
halb werden  aber  auch  an  seinen  Aufbau  symmetrische  und  archi- 
tectonische  Anforderungen  gestellt. 

Monogramme  findet  man  nicht  nur  auf  Münzen,^  wie  z.  B. 


\  I  ./ 


/  N  \ 


'A:toI- 
Xcovia- 


B  AiyiviiTCüV,  ()  AffQOÖiTtjg 

BP      TT  ~  X      C.I.Gr22fiJu 


li  p.  1037 


sondern  auch  auf  Siegeln  und  Bullen,'^  namentlich  der  byzantinischen 
Kaiser,  die  z.  B.  in  den  Acta  (s.  o.)  erwähnt  werden.  Monogramme  sind 
nicht  auf  den  ersten  Blick  zu  lesen  und  werden  daher  auch  zu  ma- 
gischen^ Zwecken  gebraucht. 

In    unseren    Handschriften  werden   die  Monogramme    oft   zu    Ab-     ?''1!^' 

^  scurilteii 

kürzungen  oder  Randnoten  verwendet: 


*  Proben  griech.  Monogramme  sielie  Annali  d.  Inst.  40.   1868:  Tav.  d'agg.  Ä". 
-  Ähnliche,  wenn  auch  nicht  so   große  Freiheiten   sind  in  der  tachygraphi- 

sehen  Schrift  gestattet. 

^  Monogramme  auf  Münzen  siehe  Sestini,  Museo  Hedevariano  und  den  Münz- 
tafeln von  Mionnet.  descr.  d.  med.  —  Walcher  de  Molthein,  Catalogue  d.  medailles 
gret-ques  pl.  XXXI.  Xumismatic  Chron.  I,  8.  1845/46  p.  174;  II,  8,  1868  pl.  VIII. 
Altgriechische  Münzen.  Wien  1.  1892  S,  110 — 111.  Journ.  Internat,  d'arch.  num.  8. 
1905  niv.  A'.  Monogramme  der  Seleucidenmünzen,  ebenda  13,  1911  pl.  lY,  vgl. 
p.  201.  318. 

*  Clermont-Ganneau,  Recueil  d'arch.  Orientale  t.  6  (Paris  1904)  §  7:  Mono- 
gi-ammes  byzantines  sur  tesseres  de  plomb.     Byzantin.  Ztschr.  4.  1895  S.  106. 

*  Magische  Monogramme  siehe  Wünsch,  Antik.  Zaubergeräth  aus  Pergamon. 
Berlin  1905  S.  15  Taf.  3. 


56     — 


*     recooyi'ov 


^^     l0}(77'j(p 


K{vQie)- 

ßoi'j&El 

Tip  aoj 
Sov)m  ^ 


TlOlTjTljq 


(xaQTVOoq 


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I 


%0Bfrßv- 
reoog 


7lQO<pi]T7]g 


('Jeotöxe 
ßo/j&ei 

Rev.  arch.  37 

1879  p.  199 

vgl.  1883  T.  XI,  19 


fff 

Maoxov 


Lateinische 
Mono- 
gramme 


Mono- 
gramme 


Auch  lateinische  Monogramme  wurden  bei  griechischer  Schrift 
angewendet,  besonders  in  Unteritalien  ^  und  von  den  ältesten  byzan- 
tinischen Kaisern.  I.  C.  Gatterer,  Elementa  artis  diplomaticae  universalis. 
Vol.  I  p.  251  §  299  de  imperaiorum  Constantinopolitanorum  monogram- 
matibus  meint  allerdings,  nach  dem  Schluß  des  11.  Jahrhunderts  habe 
es  keine  Monogramme  der  byzantinischen  Kaiser  mehr  gegeben:  ,,nam 
byz.  Kaiser  g^  f^^  tßjjipore  ix7]vo?^oyeiv,  fioc  est,  menseyn  et  indidionem  absque  ulla  alia 
suhscriptione  vel  noyninis  vel  monogrammatis,  propria  manu  diplomatibus 
subiicere  coeperunt."  Aber  Sabatier,  Monnaies  byzantines  p.  82 — 85 
pl.  I  gibt  noch  das  Monogramm  von  Alexius  IV.  (Nr.  69 — 70)  1208 — 04, 
und  der  lateinische  Kreuzzug  scheint  erst  dieser  Sitte  ein  Ende  ge- 
macht zu  haben.  Doch  auch  abgesehen  hiervon  ist  Gatterer  den  Be- 
weis schuldig  geblieben,  daß  die  byzantinischen  Kaiser  jemals  mit  ihrem 
Monogramm  unterzeichneten. 

Lateinische  Buchstaben  kommen  noch  vor  in  den  Monogrammen 
von  Anastasiusl.  (491  —  518)  und  Justinianl.  (527 — 566);^  rein  griechisch 
ist  dagegen  das  Monogramm  eines  der  späteren  Kaiser,  eines  Paläo- 
logus  nach  Georg.  Pachymeres  de  Mich.  Palaeol.  am  Schluß  des  sechsten 
Buches  (ed.  Bkk.  I  p.  532):  xal  ovtco  xal  x6  ^n  avTÖJ  (jijfxeTov  ^ts/moCto. 
i]v  yuo  ix  nX  (jTOixe.iov  roiyoufifiurov  ro  kn  kxsivm  avußoXov  Sißaaig 
d"  olfiai  ravTu  rov  re  xur  knix'hrjv  uvra  'A&yofiivov  [ITcc?Mio?Myog  yäo), 
Tov  TÖ710V  xud-'  öv  ifxeV^e  Televruv  {rov  Jlaxcofitov  yuo  ro  /('^Q^^'^ 
hXiyExo)  xui  Tfjg  knirekevrlov  knl  zovroig  7]fiEoag'  rifiioa  yug  i]v  naoa- 
ax(.vi]  xufy  7jv  ravT   knoaTTsro,  kvöexärr],  cog  £1'()t]tc(i,  ^xtooocfooicövog 

rov  ,gxpg(/.  irovg.    Die  wirkliche  Erklärung  des  fTpln   ist  natürlich  eine 

andere;  wahrscheinlich  wollte  der  Kaiser  damit  ausdrücken,  daß  er 
von  väterlicher  und  mütterlicher  Seite  ein  Paläologus  war.  Die  beiden  11 
rechts  und  links  beziehen  sich  also  auf  Vater  und  Mutter,  das  große 
in  der  Mitte  auf  den  Kaiser  selbst.^ 


1  C.  I.  G.  Nr.  9010  flP. 

*  Siehe  Montfaucon,  Pal.  Gr.  Tabula  tertia  post  p.  408. 
'  Siehe  Sabatier  monnaies  byz.  PI,  II. 

*  Siehe  Bekker  a.  a.  0.  I  S.  688. 


—     57     — 

Schließlich  muß  auch  noch  das  bekannteste  von  allen,  das  Mono- 
gramm Christi  erwähnt  werden.^  Zunächst  ist  festzustellen,  daß  jenes 
„Monogramm'"  nichts  weiter  ist,  als  eine  primäre  resp.  secundäre  Ligatur, 
doch  ist  die  Bezeichnung  dieser  Ligatur  als  Monogramm  schon  sehr  alt 
und  bereits  von  Primasius,  einem  Schüler  des  heiligen  Augustin,  an- 
gewandt zur  Apokalypse  4,  13:  In  Monogramma  qiiae  in  hunc  modum  fit 
exprimüur,  uhi  compendio  toium  Christi  nomen  induditur.  Neuerdings 
bricht  sich  aber  die  Erkenntnis  bereits  mehr  und  mehr  Bahn,  daß  dieses 
„Monogramm  Christi"  überhaupt  nicht  christlichen  Ursprungs  ist,  son- 
dern daß  dieses  Zeichen  sich  schon  bei  den  alten  Ägyptern  findet  in  dem 
Henkelkreuz  [erux  ansata)  ^,  das  in  Asien  mit  der  Liebesgöttin  in 
Verbindung  gebracht  wurde,  weshalb  noch  heute  ^  das  Zeichen  für 
den  Planeten  Venus  ist,^  aus  dieser  Form  entwickelte  sich  die  Gestalt  p. 
Bei    Buddhisten    ist    das    Andreaskreuz    das    Symbol    der    strahlenden 

Sonne,  ebenso  wie  das  Hakenkreuz^    j-^   {Svastica),   das   auf  indischen 

Denkmälern  und  auf  Schliemann  sehen  Funden  vorkommt  und  manchmal 
als  Monogramm  Christi  betrachtet  wird,  und  deshalb  scheint  mir  die 
Existenz  des  Monogramms  >p;  in  Pompei  (C.  I.  L.  2878^2880)  weniger 
zweifelhaft  als  dem  Herausgeber  des  C.  L  L.  IV  (S.  167).  Um  so  pro- 
blematischer ist  dagegen  seine  christliche  Beziehung.  Selbst  das 
Zeichen  des  constantinischen  Labarums,"*  ein  X,  das  in  der  Mitte  von 
einem  P  durchschnitten  wird,  läßt  sich  bereits  in  der  letzten  Hälfte 
des  zweiten  Jahrh.  v.  Chr.  auf  den  Münzen^  des  baktrischen  Königs 
Hippostratus  nachweisen  und  auf  den  Silbermünzen  des  pontischen 
Königs  Mithridates.**  Vielleicht  hat  auch  Kaiser  Constantin,  der  be- 
kanntlich ein  Anhänger  des  IMithrascultes  war,  dieses  Symbol  des 
Christentums   dem  Mithrasdienst  entlehnt.''     Damit  erledigt  sich   also, 


Mono- 
gramm 
Christi 


1  Zöckler,  0,,  Das  Kreuz  Christi.  Gütersloh  1875  S.  XIII— XXIV:  Mono- 
graphische Literatur  über  das  Kreuz  und  Kreuzeszeichen.  —  Versteyl,  H.  A.,  Die 
heiligen  Monogramme.  Düsseldorf  1879.  —  Lampel,  A.,  Die  Monogramme  Jesu 
Christi,  siehe  Kunstchronik  3  z.  24,  Deceraber  1891  S.  162. 

^  Außer  Letronne  hat  hierüber,  wenn  auch  ungenügend,  gehandelt  Brunati. 
Du  monogramme  du  Christ  et  des  signes,  qui  se  trouvent  sur  des  monumens  paiens 
anterieurs  ä  Jesus-Christ  (Annales  de  philos.  ehret.  III  s.  22  p.  188). 

^  Vgl.  Müller,  Ludwig,  Det  saakaldte  Hagekors's  Anvendelse  og  Betydning 
i  Oldtiden  (Memoires  de  FAcademie  K.  de  Copenhague  5.  serie  1877)  S.  113  im 
französischen  Resume.     VIII  La  signification  du  signe  chez  les  Chretiens. 

*  Vgl.  Jeep,  L.,  Zur  Geschichte  Constantins  des  Gr.:  Histor.  u.  Philol.  Auf- 
sätze f.  Curtius  S.  81. 

^  Eckhel,  Doctr.  numm.  II  p.  210  und  C.  I.  Gr.  4713  b  auf  einer  Isisinschrifl 
unter  Hadrian. 

6  Siehe  Zöckler  a.  a.  0.  S.  12. 

^  Über  ein  christliches  Monogramm  auf  einer  palmyrenischen  Inschrift  vom 
Jahre  135  n.  Chr.  siehe  de  Vogue,  Syrie  centrale.     Inscr.  semit.  p.  55. 


—     58     — 

was  Tischendorf  in  seiner  Ausgabe  des  cod.  Sinaiticus  I  p.  8  über  das 
Alter  des  Monogramms  zusammengestellt  hat. 

Ganz  abweichend  ist  das  christliche  Monogramm  bei  Kara- 
^^S    bacek,  Katalog  der  Th.  Graf  sehen  Funde  in  Ägypten,  Nr.  112. 
Das  Monogramm  Christi  ist  in  der  abendländischen  Diplo- 


chrismon     Sx«      matik ^  ZU  den  verschiedenen  Formen  des  Chrismon  ausgebildet 

x0¥%s    worden;    daß    dieses    Zeichen    auch    der    byzantinischen    nicht 

fremd  war,    scheint   ein  Brief  kaiserlicher  Kanzleischrift, ^  auf 

dem  wir  vor  dem  Worte  legimus  in  Zinnoberschrift  die  deutlichen  Reste 

eines  liegenden  Chrismon  erkennen,  zu  beweisen,  falls  nicht  etwa  dieses 

Chrismon  in  der  Kanzlei  des  Adressaten  hinzugefügt  wurde. 


Fünftes  Kapitel. 

Anordnung  der  Zeilen. 

Der  Scholiast  zu  Dionys  Thrax  (Bekker,  Anecd.  p.  786)  unter- 
scheidet vier  verschiedene  Schreibweisen,  die  er  bezeichnet  als  korbartig 
zugespitzt  [anvoidör],  backsteinförmig  {7i?.ivd-i]döi>);^  säulenförmig  [xto- 
VTjdöv)  und  endlich  furchenförmig  {ßov(TToo(pi]S6v)  (s.  S.  59). 

Kiovfjööv  war  z.  B.  die  Schrift  angeordnet,  welche  Diodor  2  c.  57 
schildert:  yodcfovai  §e  rov^  (jri'/ovi  ovx  eig  tö  Trläyiov  bXTeivovTEg 
ojfTTieo  'i]ntiq,  uXX  ävcod-ev  xarco  xarayQdcpovTe^  sig  ön&öv.  Eine  xio- 
vijööv  geschriebene  Inschrift  von  7  Zeilen  siehe  Eendi  conti  dei  Lincei 
1897,  Y  S.  6  Cl.  moral  p.  207.  Bei  den  griechischen  Inschriften  nennt 
man  aror/ri§6v  rechtsläufig  geordnete,  aber  genau  untereinander  ge- 
stellte Buchstaben. 

Die  säulenförmige  Anordnung  findet  sich  in  Handschriften  meistens 
auf  dem  Goldgrund  der  Gemälde,  wo  die  Namen  und  Beischriften  so 
geordnet  sind,  selbst  wenn  der  Eaum  die  Buchstaben  nebeneinander 
zu  stellen  erlaubt  hätte.  Auch  griechische  Inschriften  in  Pompei  sind 
xioviiÖöv  geschrieben,  so  C.  I.  L.  IV,  1722.  1825a.  b.  Pausanias  5,  20,  1 
nennt  diese  Anordnung  ki  evß-v  s.  u.  bei  der  Beschreibung  der  Kypselos- 

KE 
lade ;  noch  künstlicher  ist  die  säulenförmige  Anordnung  in  ^  ,  Fabretti, 


I 
OZ 


^  Gatterer,  Elementa  artis  diplora.  p.  U(j. 

«  Wattenbacli,  Schrifttafeln  X— XL 

*  Eusthath  p.  1305,  33:  ygacpr}  iihvx^rjbbv  <Txrmaiit,ouBvr]. 


—     59     — 


1. 

^TlVOldÖV.^ 

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y 

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V 

V 

V 

£ 

T 

X 

V 

2.    nXiv&rjSöv. 

Kvoioq  BiTia  tioö^ 
(IE'  viög  fiov  ei  av' 
ky  ü)  (7  i'j  fis  o  o  V 
y  e  y  e  V  V  r]  X  d 
(7  e-  a  i'  T  1]  (7  a  I 
%uo    k  fio  V  xa I 

d   0)  17  OJ      (7  0  1      €. 


4.    Bovarooffrifiövr 
Ki'otog  eJTie  nnög  fis 

Ol 

■^  sri'isj    o)/.^    ai)    ??    nori 

'S 

O). 

yevi'r]xd  rre-  uiTjjrrai  Ttao    itiiov. 


Paläogr.  Studien.  Leipzig  177  S.  112.  Als  fünfte  Art  fügt  ein  Gram- 
matiker die  gewöhnliche  Schrift  hinzu: '^ 

u   de   vvv   ijfMsTq   Aeyofxsv,    '/.iyovrai    rJcrr/idov    naou   xb    Hiaayjrsitui 
Tovg  f7Ti/ovg'  da'n'  ovv  ravra 

a     ß     y     ()     e     ^     i]     /f-     i     x     '/.     (jl 

V       ^       O        71       O      f7       T        V       ff       X      Iji      0) 

Rückwärts  geschriebene  griechische  Inschriften  in  Pompei  s.  C.  I.  L.  IV 
p.  264.  Es  gehört  nun  allerdings,  wie  die  erhaltenen  Inschriften  zeigen, 
durchaus  nicht  zum  Wesen  der  furchenförmigen  Schrift,  daß  in  der 
zweiten  Linie  die  Buchstaben  auf  dem  Kopf  stehen,  bald  beginnt  der 
Schreiber  rechts,  bald  links,  ohne  daß  w4r  gerade  deshalb  mit  Bergk, 
Gr.  Literaturgesch.  I  S.  194  und  Curtius,  Griech.  Gesch.  I*  S.  658— 659 


*  Wenn  man  sich  in  den  ersten  beiden  Zeilen  von  1.  und  2.  die  Worte 
xi'oiog  und  viö:  mit  den  uncialen  Abkürzungen  geschrieben  denkt,  verliert  die 
Kaumverteilung  das  Gezwungene,  das  sie  in  der  ausführlicheren  Miuuskelschrift 
angenommen  hat. 

2  Siehe  oben  S.  48.  Kirchhoff,  Studien  z.  Gesch.  d.  gr.  Alph.*  S.  30  Anm.  1 
erwähnt  sogar  eine  Bustrophedon-Inschrift,  die  von  unten  nach  oben  zu  lesen  ist. 
In  einer  lateinischen  Inschrift  C.  I.  L.  II  Suppl.  6259 "  ist  der  Name  P.  Mussidi 
Semproniani  bustrophedon  geschrieben  in  Form  von  /\/\- 

»  Bekker,  Anecd.  III,  1171. 


—     60     — 

religiöse  Motive  vorauszusetzen  brauchten.  Auch  herrscht  insofern 
eine  größere  Mannigfaltigkeit,  als  es  furchenförmige  Schrift  gab,  deren 
rechtsläufige  Zeilen  aus  Buchstaben  bestanden,  die  nach  links  gewendet 
waren,  und  umgekehrt.  —  Überhaupt  sind  mit  diesen  vier  Arten,  die 
der  Scholiast  namhaft  macht,  die  Möglichkeiten  durchaus  nicht  erschöpft. 
Sowohl  der  Zwang  äußerer  Umstände,  als  auch  der  freie  Wille  des 
Schreibenden,  veranlaßten  eine  große  Mannigfaltigkeit  in  der  Schreib- 
weise. Doch  sind  die  Griechen  niemals  so  weit  gegangen  wie  die 
Araber  die  bloß  aus  Buchstaben  das  vollkommen  deutliche  Bild  eines 
Löwen  usw.  zu  malen  verstanden,  siehe  Prisse  d'Avennes,  L'art  arabe 
unter  dem  Index  zum  zweiten  Bande. 
Quadrat  Die  Form  eines  offenen  Quadrats  ergab  sich  z.  B.  bei  einer  Weih- 

inschrift, wenn  der  Schreiber  den  drei  Seiten  der  viereckigen  Basis 
Kreis  folgte.^  Der  Diskos  des  Iphitus  trug  eine  kreisförmige  Inschrift-^  nach 
Pausan.  5,  20,  1:  tuvtijv  ovx  ^g  ev&v  e/ei  yeyoccfifiivi/v,  ulXu  kq,  xvti^Iov 
fy/jincc  TieoieifTiv  izl  tw  öirrzoi  xä  yoccfifiura^  Auch  ein  Vasenmaler 
ordnete  seine  Inschrift  (C.  I.  Gr.  545): 

Ki](fi(TOcp(jjVTog  i]  xvh^.  käv  §i  ti- 
g  xurä^rj,  Sga/fi^jV  </.7iOTSc(je[i, 
d'cüoov  öv  nufju  I£evv/.[o]v 

in    drei    concentrischen  Kreiseu.^      Ahnlich    sind    oft    auch  Stempelin- 
spiraien   Schriften  angeordnet.  Die  Inschriften  auf  der  Kypseluslade  waren  spiralen- 
förmig^  nach  Pausan.  5,  17,  6:  ykyoaTirui  Sk  kni  rfj  )movuxi  xccl  ä)JMg 
TU  iTir/oän^aru   thyfioig   (jv/jißccAea&ai  xa).e7ioTg.      Noch  willkürlicher 
sind   die  Buchstaben    des  Namens  Modestos  (Fig.  1)   in    einer   Wand- 
inschrift bei  de  Kossi,  Eoma  sotterranea  Taf.  XLIII,  44  geordnet.   Eine 
Dreieck    andere  Inschrift  (C.  I.  Gr.  2325)  hat  die  Form  eines  Dreiecks.     Christ- 
Kreuz    ^jche  MöDchc  Wählten  gern   die   eines  Kreuzes,''  um   das  sie  entweder 
die  Buchstaben  gruppierten  (Fig.  2.  3),  oder  sie  ordneten  auch  die  Buch- 
staben in  langen  und  kurzen  Zeilen,  so  daß  die  Umrisse  derselben  ein 
Kreuz  bilden  (Fig.  4). 

Die  Vorliebe  für  diese  Spielerei  ging  so  weit,  daß  in  dem  be- 
rühmten Josuarotulus  der  vaticanischen  Bibliothek  sogar  die  Stellung 
der  Beischrift  kreuzförmig  wurde;  das  Bild  der  Stiftshütte  wird  erklärt 


2  C.  I.  Gr.  2138. 

■'  Vgl.  den  Broncediskos  des  Grafen  Tyskiewicz :  Revue  Arch.  III,  18.  1891  p.  45. 

*  Über  die  epigi-aphischen  Details  muß  ich  verweisen  auf  Franz,  Elementa 
epigraphices  graecae  p.  35 — 86  c.  V  de  ratione  scribendi.  —  Zell,  K.,  Handbuch 
d.  Eöm.  Epigi-aphik  II  §  15  S.  45. 

*  Ein   handschriftliches  Beispiel   siehe  Graux,   Catalog  v.  Kopenhagen  PI.  2. 
®  Spiralförmig  in  Gestalt  eines  Eies:    B.  G.  U.  3  Nr.  956. 

'  Montfaucon,  Pal.  Gr.  p.  251  und  Spata,  Pergamene  gi-eche  p.  248  und  241 
(vgl.  271.  297). 


— 

61 

— 

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A 

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Fig.  5. 

X        CO 
V         7/ 

Fig.  6. 

A 

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Fig.  2. 

V       e 
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Fig.  1. 

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kXed^ao 

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viov  ywXiülfiov 

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0KEYPEMA 

Fig.  3. 

T  ulq 
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s   i   q 
X  6  V 

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Fig.  7. 

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ad- 1] 

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rfu  (TÖlot: 

A^ 

Fig.  4. 

*  Scholia  Graeca  in  Homeri  Iliad.  ed.  Dindorf  I  p.  VIII. 


—     62     — 

durch  uvXi'i^  (Fig.  5).  Auch  ^ög  und  ^wr;  wurden  häufig  über  Kreuz - 
geschrieben  (Fig.  6)  und  ähnlich  (Fig.  7)  'Elivr]  kx  ß-eov  evoefia  h§ö&ij 
bei  Montfaucon,  Pal.  Gr.  377.  Von  diesen  Künsteleien  findet  man 
immer  noch  am  wenigsten  in  den  Majuskelhandschriften,  um  so  mehr 
mußte  es  auffallen,  wenn  plötzlich  in  Ägypten  eine  Aeschylushandschrift 
förmige  auftauchte,  deren  hufeisenförmige  Überschrift  an  die  Form  des  grie- 
chischen Theaters  erinnern  sollte.  Auch  die  Subscription  ist  so  un- 
geschickt gemacht,  daß  es  Eitschl  (Rhein.  Mus.  27,  114)  nicht  schwer 
wurde,  die  Fälschung  zurückzuweisen. 

Vorstehende  Beispiele  (S.  61)  mögen  genügen,  um  die  kunstreiche 
Anordnung  der  Buchstaben  und  Zeilen  zu  erläutern. 

Zuweilen  muß  man  aber  auch  neben  der  einen  eine  zweite  An- 
ordnung der  Buchstaben  unterscheiden:  um  die  sogenannten  Akro- 
Akrostichen  Stichen^  ZU  verstehen,  genügt  es  nicht  von  links  nach  rechts  zu  lesen, 
sondern  den  geheimen  Sinn  erkennt  man  erst,  wenn  man  die  Anfangs- 
buchstaben der  Verse  von  oben  nach  unten  zu  einer  Zeile  verbindet.* 
Dasselbe  Princip  auf  Mitte  und  Ende  des  Verses  angewendet,  führt 
dann  zu  Meso-  und  Telostichen.  Die  Anfänge  dieser  Geheimschrift 
sind  wohl  im  Orient  zu  suchen,  es  gibt  eine  Eeihe  von  Psalmen 
(z.  B.  119.  145  usw.),  deren  einzelne  Verse  oder  Versgruppen  nach  den 
Buchstaben  des  Alphabets  geordnet  sind,  so  daß  man  sie  als  ein  gol- 
denes ABC^  auffassen  kann,^  dem  bei  den  Griechen  z.  B.  die  Akro- 
stichen auf  die  Ilias  und  die  Odyssee  entsprechen,''  die  0.  Jahn,  Bilder- 
chroniken S.  100,  112 — 113  hat  abdrucken  lassen.  Auch  in  Italien 
läßt  sich  eine  akrostichische  Anordnung  sehr  früh  nachweisen,  z.  B.  in  den 
sibyllinischen  Büchern,^  wo  auf  diese  Weise  natürlich  Zusätze  oder 
Auslassungen  erschwert  werden  sollten.  Cic.  de  divinatione  2,  54,  111: 
est  enim  magis  artis  et  diligenfiae  quam  incitationis  et  motus,  tum  vero  ea, 


^  Garucci,  Storia  d.  arte  crist.  III.  T.  152. 

-  De  Eossi,  Bulletino  crist.  1867  p.  78. 

^  Akrosticbis,  Litteratur  s.  Diels,  Sibyllin.  Blätter  35 — 36;  s.  a.  Krumbacher, 

Gescb.  d.  byzant.  Litteratur  S.  336; ,  Sitzungsber.  der  Münch.  Akadem.  1903 

S.  551  &     Die  Akrosticbis  in  der  griecb.  Kirebenpoesie. 

*  Zufallsakrosticha  von  4—8  Buchstaben  s.  Wiener  Stud.  21.  1899  S.  270. 

^  Ein  goldenes  ABC  in  griecbischeu  Inscbriften:  C.  I.  G.  4310.  4379";  Lebas 
Waddington  III,  1339.  —  Dragutin,  X.  Anast.,  Die  paränetiscben  Alphabete  in  der 
griechischen  Litteratur.  Inaug.-Diss.  München  1905  behandelt  die  akrostichischen 
Gedichte,  die  mit  den  24  Buchstaben  anfangen. 

^  Siehe  Sommer,  I.  G.:  Biblische  Abhandlungen,  Bonn  1846.  Auch  die 
byzantinische  Kirche  verwendete  das  goldene  ABC.  Im  c.  Sin.  785  liest  man: 
ICavu)v  sc;  TÖf  evayyehcrfibv  q)Bq(ov  u-ÄOoaiLylStn  A  B  T"  J^  im  c.  Sin.  792:  aii/rjQÜ 
uvaaiaaifia  y.urn   ulcpüßijioi'    Iconwov  (jiova/ov. 

"'  ÄxoMiiyu  SIC  Tijv  'Ilitidu  xuiü  öaipcoölav,  Anthol.  Palat.  IX,  385,  ed.  Dübner 
II  p.  80. 

®  Selbst  die  uns  erhaltenen  Oracula  Sibyllina  zeigen  noch  Spuren  davon. 


—     63     — 

quae  äxooGTiyJi  diciiur,  cum  deinceps  ex  primis  versuum  litieris  aliquid 
conectitur,  ut  in  qiiihusdam  Ennianis  .,Q  Ennius  fecit".  — -  —  atque  in 
Sibyllinis  ex  primo  versu  cuiusque  sententiae  primis  litteris  illius  sententiae 
earmen  omne  praeiexitiir.^  Die  Römer  waren  auch  in  dieser  Beziehung 
Schüler  der  Griechen.  Auch  Grabinschriften  der  Kaiserzeit  sind  manch- 
mal akrostichisch  abgefaßt  (C.  I.  L.  VI,  10ü27)  und  endigen  zuweilen 
mit  einer  beigegebenen  Gebrauchsanweisung,  z.  B.  Renier,  Inscr.  d'Alg.  Erklärung 
2928,  CLL. VIII 4681,  Wilmanns,  Exempla  593:  Inspic\ies  lec[tor)primordia\ 
uersiculorum,  cuius  per  capita  versorum  nomen  declaraiur.  IX,  4796  oder  Fa- 
bretti,  luscr.  ant.  p.  272:  Qui  legis  revertere per  capita  versorum  et  invenies 
pium  nomen.  Bücheier,  Carm.  epigr.  1814:  selige  litterulas  primas  e  versi- 
hus  octo. 

Gleich  der  erste  astronomische  Papyrus  ^  im  Louvre  aus  dem  zweiten 
Jahrhundert  vor  Christi  Geburt  gibt  seinen  Titel  Evdö^ov  rixinj  akro- 
stichisch in  den  ersten  Versen.  —  Das  Fischsymbol  war  in  altchristlicher 
Zeit  so  beliebt,  weil  1X0 YZ  erklärt  wurde  'hjfjovi,  Xaiarö^,  Oeov  viög 
^cotTjo,  siehe  Dölger,  F.  .1.,  1X0 YZ.  Das  Fischsymbol  in  frühchrist- 
licher Zeit.  1.  (siehe  Dtsch.  Lit.  Zeitung  22  S.  1363—1366).  Die  ccva- 
youcfli  TJys"  Ellädog  ist  eine  Schrift  Aiovvaiov  rov  Kalhcfotvroq  nach 
den  Anfangsbuchstaben  der  23  Anfangsverse  ^  und  stammt  nach  Letronne 
ungefähr  aus  der  Zeit  von  Christi  Geburt.  Ähnlich  wie  Eudoxus  seinen 
eigenen  Namen,  hatte  Dionysius  den  seines  Lieblings  Pankalos  in  die 
Anfangsworte  seiner  Tragödie  hineingewebt  nach  Diogenes  Laert.  VI,  93 : 
rov  (T  dovovfxevov  xui  äTiiaroiJVTO^  iniffreilsv  id'siv  r)jv  iia(Ja(TTixiSci' 
xai  eJ/s  TTdyxalO'i.  ovro^  d"  Ijv  koojpivo^  Jtovvai'ov.,  ein  anderes  Acro-  • 
stich  gibt  rnboyioq  ö  ()ijTC0Q  cod.  Bodl.  (Th.  Roe)  5  p.  462  und  der  cod. 
Paris.  708  aus  dem  Jahre  1296  auf  den  Pachomius  (Fol.  223).  Noch 
künstlicher  waren  die  sogenannten  Anakrostichen,  weil  hier  jeder  ^nakrosti,. 
Vers  mit  demselben  Buchstaben  anfangen  und  schließen  nmßte;  zwei 
Proben  für  dieselben  Worte:  „Sedulius  antistes''  gibt  Barth  in  seinen 
Adversaria  LIII,  5  zugleich  mit  der  Erklärung  der  Glossatoren:  Äcro- 
stichis  est  cum  ex  primis  versuum  litieris  connectitur,  Anacrostichis  est  cum 
ex  pri))iis  et  ultimis  versmim  litteris  aliquid  connectitur.  Porfyrius  Opta- 
tianus  ed.  M.  p.  55,  hat  lateinische  Verse  gemacht,  in  denen  gewisse 
Buchstabenreihen  horizontal  gelesen,  mesostisisch-griechische  Hexameter 
bilden.  In  der  eigentlich  klassischen  Zeit  waren  diese  gelehrten  Spiele- 
reien natürhch  unerhört,  sie  kamen  in  alexandrinischer  Zeit  auf.  Schon 
im    1.  Jahrb.  n.  Chr.   findet  sich   ein  Akrostichon:    P.  Tebt.  278;    vgl. 


*  Dionys.  halic.  4,  62  II  p.  85  ed.  Kiessl.:   'Ev  oh  (/^»/(j^otV)  tviiiiTnovini  jiveg 
iunEnoirjfxevoi,  xoiz  ^ißvXkeioic,  k'KEYXOvini  t)e  rnig  xa^ov/ueVaic  axqoviixidi. 
-  Notices  et  Extr.  18,  2  p.  43  —  46. 
3  Siehe  Rhein.  Mus.  1843  N.  F.  2  S.  355. 


—     64     — 

Krumbacher,  Byz.  Lit.  S.  697  und  P.  Amherst  2  p.  24  (4.  Jahrb.). 
Namentlich  in  Hadrians  Zeit  fand  diese  gelehrte  Dichtung  viel  Anklang. 
Wilamowitz-Moellendorf,  Bucolici  gr.  (Oxford  1905)  p.  170  erwähnt 
ein  Figurengedicht,  Besantiui  Bcofiöi,  mit  einer  akrosticbiscben  Wid- 
mung aus  der  Zeit  des  Hadrian.  Akrostichischer  Hymnus  auf  Papyrus 
des  4.  Jahrb.  siehe  Berl.  Classikertexte  6  S.  125.  Einen  akrosticbiscben 
Hymnus  auf  den  Erlöser  (aus  dem  6.  Jahrb.)  siebe  Pap.  J.  Rylands 
p.  13  Nr.  7.  Andere  akrostichische  Spielereien  s.  Patrolog.  gr.  ed. 
Migne  99  p.  435 — 442.  —  Weyh,  Die  Akrostichis  in  der  byz,  Kanones- 
dichtung.  Byz.  Zeitschr.  17.  1908  S.  1;  —  — ,  Eine  unbemerkte  alt- 
christliche  Akrostichis;  ebendort  20.  1911  S.  139.  —  F.  Boll,  Über 
eine  akrostichische  Inscbr.  aus  Sinope.     Arch.  f.  Rel.  13  p.  475 — 477. 

Die  Schwierigkeiten  einer  doppelten  akrosticbiscben  und  telo- 
stichischen  Composition  sind  gehäuft  in  einer  Inschrift  von  Philae, 
C.  I.  G.  4924b  und  Epigrammata  Graeca  ed.  Kaibel  1878  Nr.  979  in 
der  immer  die  beiden  ersten  Buchstaben  jedes  Verses,  die  den  letzten 
beiden  möglichst  entsprechen,^  die  Namen  des  Dichters  bilden:  Kari- 
hov  rov  xai  Nixcaiooo>i.  Diese  Künsteleien  werden  aber  noch  über- 
boten durch  Verse,  die  von  vorn  und  von  hinten  gelesen  werden  können: 
xaoxivoi  (TTi'xoi  äfifiSTQOi  xciTcc  äva%o8if>ix6v,  wie  sie  schon  aus  dem 
1.  Jahrb.  n.  Chr.  in  pompeianischen  Wandinschriften  (CLL.  IV,  2400a) 
und  in  der  Antbologia  Graeca  Planudea  ed.  D.  2  p.  608^  erhalten  sind: 

'H8r}  fjLOt   Aioq  üou  7r^j/jy/  naou  rroi,  Jiofi/jöt]. 
ferner  die  Inschrift  eines  Taufbrunnens  auf  den  Athos: 

JYnpov  dvofji>'jfia\T\a  fiij  fiövav  öxfjiv 
Raumers,  Hist.  Tascbenb.  1860  p.  57.  Viel  Verwandtschaft  zeigen  auch 
versus  anacyclici  des  Profyrius  Optatianus  (ed.  M.  p.  30)  d.  b.  Distichen, 
die  von  vorn  und  von  hinten  gelesen  werden;  s.  Petrides,  Les  xaoxhoi 
dans  la  litterat.  grecque:  Echos  d'Orient  12.  1909  S.  86—94.  Proben 
ähnlicher  Künsteleien  siehe  Byz.  Zeitschr.  16.  1907  S.  275  (Nr.  123). 
8pie°ere^n  Der  obcu  erwähnten  Evdö^ov  ri^vri  entspricht  0£O^a3o7/[  =  «/]og  ij^ 

rtxvrj,  zu  lesen  nach   dem  darüberstehenden  Verse   [ivO-äöe  rtjV  doxijv 
ov  /€  Xäfißcejvs  oh  tiote  ßov)M^ 


•  Siehe  Antbologia  palat.  ed.  D.  3  p.  24.  159.     Vgl.  Haupt,   Opuseula  3,  490. 
'■'  Vgl.  Anthol.  palat.  XVI,  387*,  387**,  ed.  Dübner  II  p.  608. 

^  Der  Stricb  zwiscben  t)  und  te/vi]  ist  kein  Iota,  sondern  ein  Füllungszeichen, 
vgl.  I.  G.  S.  p.  335;  Kircbhofif,  Stud.  z.  Gesch.  d.  griecb.  Alpbab.'  8.  63  Anm.  1 
(fehlt  in  der  4.  Aufl.).  —  Fröhner,  Ehein.  Mus.  47.  1892  S.  294,  erklärt  es  /}  i  xexvr] 
„es  war  die  zehnte  Tafel  von  der  Hand  des  Theodoros".  Siehe  unten  das  Kapitel 
Zahlen:  Null. 

*  Jahn,  Bilderchroniken  T.  III  C^  (cf.  p.  5).  Lehrs,  Rhein.  Mus.  1843  N.F.  2 
S.  355.  —  Bienkowski,  P.,  Lo  scudo  di  Achille  siehe  Mitt.  d.  Rom.  Inst.  6.  1891 
S.  200   Taf.  V:     (Äanig)   Ä/iXlsLog    OaoSüiqrjog   i)   i{exvri)    und   Äan'ig  A/Lllrjog  xa&' 


—  65  — 

IHI  TEXNH 
0    I    H    I    T    E    X    N 

0  I  H  I  T  E  X  N 
H    0    I    H    I    TEX 

H  0  I  H  I  TEX 
P    H    0    I    H    I    T    E 

P  H  0  I  H  I  T  E 
ß    P    H    0    I    H    I    T 

ö  P  H  0  I  H  I  T 
A    Q    P    H    0    I    H    I 

A  Q  P  H  0  Z  H  I 
OAQPHOIH 

OAQPHOZH 
EOAQPHOI 

EOAQPHOI 
0EOAQPHO 

eEOAQPHO 
E    0    A    Q    P    H 

Genau  dieselben  Spielereien  mit  Buchstaben  finden  sich  auch  bei 
den  Ägyptern  (vgl.  die  ägypt.-griech.  bilingue  Inschrift  bei  Lepsius, 
Ägypten.  Abt.  VI  Bl.  73)  und  bei  den  Indern  s.  v.  Schack,  Stimmen  von 
Ganges.  Stuttgart  1877  S.  222—1^23.  Das  ist  für  die  zeitliche  Be- 
stimmung von  Wichtigkeit,  denn  die  Entlehnung  von  Seite  der  Inder 
wird  doch  schwerlich  in  einen  anderen  Zeitraum  als  die  erste 
Diadochenzeit  gesetzt  werden  können;  damals  waren  die  Griechen  in 
Litteratur  und  Kunst  die  Lehrer  der  Inder. 

Ahnliche  Spielereien^  in  der  Anordnung  der  Buchstaben  waren 
noch  im  11.  Jahrh.  n.  Chr.  beliebt,  als  die  Kaiserin  Eudocia  Macrem-  Eudocia 
bolitissa^  sich  den  Vers  Evdoxia^  ij  öilroq  Avyovanjq  ntlsi^  machen 
ließ,  dessen  Buchstaben,  wenn  man  nur  von  der  Mitte  ausgeht,  sich 
von  rechts  und  links  nach  oben  und  unten  verbinden  lassen.  Bei  dem 
Eigentumsvermerk  eines  Buches  hat  dies  Verfahren  einen  gewissen  Sinn, 
als    diese  Notiz  von  29  Buchstaben   29  mal   geschrieben  werden    muß. 


"O/jrjQov,  siehe  oben  S.  65.  —  Montfaucon,  Ant.  Suppl.  IV  T.  XXXVIII,  hat  ver- 
gebens versucht,  dieses  Rätsel  zu  lösen.  Vgl.  die  Anordnung  C.  1.  G.  6126.  — 
Ludwich,  A. ,  Zu  den  Inschriften  d.  ilischeu  Tafeln.  Verzeichnis  der  Vorles. 
Königsberg  1898. 

'  Vgl.  Puchsteiu,  0.,  Epigrammata  graeca  in  Aegj'pto  reperta.  Straßburg 
1880,  und  Catalog  v.  Grottaferrata  p.  404. 

^  Flach,  H.,  Die  Kaiserin  Eudocia  Macrembolitissa.     Tübingen  1876. 

^  Siehe  Montfaucon,  P.  Gr.  p.  297.  Lateinische  Nachbildungen  in  african. 
Inschriften  beweisen  das  hohe  Alter  dieses  Schemas;  vgl.  C.  I.  L.  VIII,  9710 — 11. 
Gardthausen,  Gr.  Paläographie.    2.  Aufl.  II.  5 


—     66     — 

Die  Zerstörung  oder  Fälschung  ist  also  sehr  erschwert;  außerdem 
erfordert  es  ein  gewisses  Studium,  das  Princip  der  Anordnung  zu 
erkennen. 

I EAEnCHTCYOrYACAYrOYCTHCnEAE I 
EAEnCHTCYOrYACOCAYrOYCTHCnEAE 
AEnCHTCYOrYACOTOCAYrOYCTHCnEA 
EnCHTCYOrYACOTATOCAYrOYCTHCnE 
nCHTCYOrYACOTAEATOCAYrOYCTHCn 
CHTCYOrYACOTAEAEATOCAYrOYCTHC 
HTCYOrYACOTAEAHAEATOCAYrOYCTH 
TCYOrYACOTAEAHCHAEATOCAYrOYCT 
CYOrYACOTAEAHCACHAEATOCAYrOYC 
YOrYACOTAEAHCA I ACHAEATOCAYTOY 
OrYACOTAEAHCA I K I ACHAEATOCAYTO 
rYACOTAEAHCA  I  KOK  I  ACHAEATOCAYT 
YACOTAEAHCA I KOAOK I ACHAEATOCAY 
ACOTAEAHCA I KOAYAOK I ACHAEATOCA 
C 0 T A E AH C A I K 0 A YEY A 0 K I A C H AE A T 0 C 
ACOTAEAHCA I KOAYAOK I ACHAEATOCA 
YACOTAEAHCA  I  KOAOK  I  ACHAEATOCAY 
rYACOTAEAHCA  I  KOK  lACHAEATOCAYT 
OrYACOTAEAHCA I K I ACHAEATOCAYTO 
YOrYACOTAEAHCA I ACHAEATOCAYTOY 
CYOrYACOTAEAHCACHAEATOCAYrOYC 
TCYOrYACOTAEAHCHAEATOCAYrOYCT 
HTCYOrYACOTAEAHAEATOCAYrOYCTH 
CHTCYOrYACOTAEAEATOCAYrOYCTHC 
nCHTCYOTYACOTAEATOCAYrOYCTHCn 
EnCHTCYOrYACOTATOCAYrOYCTHCnE 
AEnCHTCYOTYACOTOCAYrOYCTHCnEA 
EAEnCHTCYOrYACOCAYrOYCTHCHEAE 
I  EAEnCHTCYOrYACAYrOYCTHCnEAE  I 

optatianuB  „üas  Unerreichte",  sagt  Burkhardt,^   „hat  in  diesen  zum  Teil  er- 

staunlich schwierigen  Spielereien  Publius  Optatianus  Porfirius  geleistet. 
Er  war  aus  irgend  einem  Grunde  in  die  Verbannung  geschickt  worden 
und  legte  es  nun  darauf  an,  durch  ganz  verzweifelte  poetische  Luft- 
sprünge sich  bei  Constantin  wieder  zu  Gnaden  zu  bringen,  was  ihm 
auch  gelang.     Es  sind  26  Stück  Gedichte,  meistens  in  20 — 40  Hexa- 


^  Burkhardt,  J. ,  Die  Zeit  Constantins  des  Großen^  S.  376.  Siehe  auch 
Müller,  Luc,  De  re  metr.  p.  461 — 470  und  dessen  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe 
des  Optatianus.    Leipzig  1877.    Vgl.  Havet,  L.,  Revue  de  philologie  I  p.  282  ff. 


—     67     — 

metern,  jeder  von  gleich  viel  Buchstaben,  so  daß  jedes  Gedicht  wie 
ein  Quadrat  aussieht.  Eine  Anzahl  Buchstaben  aber,  welche  durch 
rote  Farbe  erkennbar,  zusammen  irgend  eine  Figur  (z.  B.  das  Mono- 
gramm XPj  vorstellen,  bilden,  zusammengelesen,  wieder  besondere 
Sprüche  .  .  .  Am  Ende  folgen  vier  Hexameter,  deren  Worte  man  auf 
18  verschiedene  Weisen  durcheinander  mischen  kann,  so  daß  immer 
wieder  eine  Art  von  Metrum  und  Sinn  herauskommt." 

Dies  Beispiel  fand  im  Abendlande  mehr  Nachahmung  als  bei  den 
Griechen,  bei  denen  Gedichte  mit  dem  christlichen  Monogramm  nicht 
zu  den  Seltenheiten  gehören.^  Zur  Ehre  Christi  hat  Hrabanus  Maurus  ^a^u^ 
sich  und  seine  Leser  gequält  in  jenen  28  figurae?  ich  verweise  z.  B. 
auf  Figur  XII,  welche  die  Beziehungen  zwischen  Christus  und  Adam 
verherrlicht;  er  ordnet  zu  dem  Zweck  35  Hexameter  zu  einem  Quadrat, 
in  welchem  die  Buchstaben  AAAM  ein  Kreuz  bilden.  Diese  4  Uncialen 
bestehen  aus  51  kleinen  Buchstaben,  die  den  Vers  bilden:  Sancfa  metro 
atque  arte  en  decet  ut  sint  carmina  Christo  hinc.  Fig.  XXII  zeigt  ein  "^ 
dessen  X  zusammengesetzt  ist  aus  0EOC  .  XPHCTYC  .  IHCYC.  während 
das  P  aus  den  Worten  besteht  0  .  COTHP  .  IHCYC  .  AAH0IA. 

Im  Vergleich  mit  diesen  Künsteleien  sind  die  Versuche  einfach  gedichte 
und  harmlos;  zu  nennen,  wo  bloß  durch  die  Länge  und  Anordnung  der 
Zeilen  (s.  o.  S.  59)  gewirkt  werden  soll,  wo  der  Dichter  also  für  jede" 
Zeile  die  Zahl  der  Buchstaben  ausgezählt  haben  mußte.  Die  Inder 
schrieben  Gedichte  von  der  Form  eines  Baumes.  Ein  Gedicht  des 
Optatianus  zum  Lobe  der  Syrinx  erinnert  durch  die  immer  kürzer 
werdenden  Verse  an  die  Gestalt  der  Hirtenflöte:  es  ist  aber  ebenso 
wie  die  Ära  pythia  und  das  Organon  nur  eine  Nachahmung  griechischer 
Vorbilder;  wir  besitzen  griechische  Gedichte^  von  der  Gestalt  einer 
Syrinx,  eines  Ovals,  Altars,  Beiles  Flügels  usw.,  die  meistens  hinter 
den  älteren  Ausgaben  des  Theokrit^  abgedruckt  sind,  weil  man  eines 
derselben  diesem  Dichter  zuschreiben  wollte.^  Ein  Bild  dieser  An- 
ordnung   der    kürzeren    und    längeren    geraden    und    gebogenen  Zeilen 


^  Vgl.  Jemsteclt  in  dem  St.  Petersburger  Journal  Ministerstwa  Xarodnawo 
Prosweschtscheiiija.     November  1884  S.  34 — 35. 

-  Pthab.  Maur.  Opp.  I  p.  133—294  und  Migne  Patrul.  lat.  ser.  II  t.  107. 

'  Epigrammatum  Anthol.  palat.  ed.  Fr.  Dübner  II  p.  50ß— 511.  —  Bois-so- 
nade,  J.  F.,  Sur  les  poesies  figurees; ,  Critique  litteraire.    Paris  1863.  1  p.  367. 

*  Omont,  H.,  Dosiades  et  Theocrite  oflFraut  leurs  poemes  a  Apollon  et  a  Pan 
s.  Monum.  et  Mem.  Fondation  Piot  12.  1905  (Form  eines  Altars  und  einfr 
Hirtenflöte). 

'"  Wernsdorf,  Poetae  latini  minores  T.  II  p.  365:  de  veterum  idyllis  tiguratis 
et  de  Publ.  Optatiano  Porphyrio.  —  Bergk,  Anthol.  gr.  510 — 518.  —  Haeberlin.K., 
De  figuratis  carminibus  graecis:  Inaug.-Diss.  v.  Göttingen.  Hannover  1886.  — 
V.  Wilamowitz-Moellendorf,  Die  griech.  Technopaegnia.  Jahrb.  des  Areh.  Inst.  14. 
1899  S.  51;  siehe  auih  Hucolici  gr.  ed.  Wilaraowitz-Moellendorf  p.  170. 


—     68     — 

geben  die  Tafeln,  die  Ottley  dem  26.  Bande  der  Archaeologia  bei- 
gegeben, wo  die  Figuren  der  Sternbilder  (Lyra,  Schiff,  Centaur  usw.) 
nur  mit  diesen  Mitteln  dargestellt  sind. 

Die  einfachsten  und  für  uns  selbstverständlichen  Anforderungen 
in    bezug   auf   die  Anordnung    der  Schrift  bleiben  auffallenderweise  in 
den  kalligraphischen  Handschriften  unbeachtet,  daß  nämlich  jedes  Wort 
von   dem  andern  getrennt  sich   sofort  als  eine  Einheit  auch  äußerlich 
zu  erkennen  gibt.     Gerade  das  Gegenteil  ist  der  Fall  bei  der  scripiio 
coTtinua  continua   der    Uncialhandschriften ,    und    auch   bei    den    Minuskelhand- 
schriften   entscheidet   nicht    der  Sinn,    sondern    die  Gestalt  der  Buch- 
staben und  die  Bequemlichkeit  des  Schreibers,  der  zwei,  drei,  vier  und 
mehr  Buchstaben  miteinander  verbindet,  so  daß  das  Ende  der  Buch- 
stabengruppe   keineswegs    immer    mit    dem    Wortende    zusammenfällt. 
Namentlich    die    Trennung    der    Präposition    von    dem    nachfolgenden 
Worte  pflegt  sogar  in  der  Regel  vernachlässigt  zu  werden  (vgl.  S.  50); 
es    wird    daher    beim    Brechen    des    Wortes    getrennt:    Toi\(TnQ6TBQov. 
Doppelconsonanten  werden  nicht  gern  getrennt,  z.  B.  'Icüd\vvr]q,  yQd\a(jia 
cc\l.M,  8iGv\llaßoi  (vgl.  Uhlig,  34.  Philologenversammlung  Trier  1880, 163). 
Für  die  griechischen  Papyri  bezeichnet  Kenyon,  Pal.  p.  31  es  als 
Regel:    division   should    he    made    after   a  vowel,   exeept  in  case  of  doubled 
consonants,  where  it  is  made  after  the  first  consonant,  or  where  the  first  of 
two  or  more  consonants  is  a  liquid  or  nasal,  z.  B.  €ke\yov,  Si)\ixcp  dixa<T\Tai, 
äX\Aot,  £/oj'|res.     Die  Zahl  der  Buchstaben  ist  natürlich  bedingt  durch 
die  Größe    der  Schrift   und    die  Breite   des  Schriftraums,    sie    ist  also 
außerordentlich  schwankend.    Birt,  Buchwesen  S.  275  ff.  gibt  Zählungen 
der  Zeilen  von  105  bis  herab  zu  11  Buchstaben.    Als  Normalzahl  be- 
trachtet er  ungefähr  41  —  37.      Der  Timotheus- Papyrus,   den   er  noch 
nicht  berücksichtigen  konnte,  hat  bis   zu  55  Buchstaben  in  der  Zeile. 
^°b^e°"  ob  über  die   ganze  Breite   der  Seite  oder  in  mehreren  Columnen 

geschrieben  wurde,  das  hing  natürlich  vom  Belieben  des  Schreibers 
resp.  von  der  Übersichtlichkeit  ab.  Briefe  und  Urkunden  des  täglichen 
Lebens  hatten  meistens  Zeilen  so  lang  als  die  Breite  des  Blattes 
erlaubte,  manchmal  meterlange;  Kalligraphen  schrieben  meistens 
schmälere  Schriftcolumnen.  Titel  und  Anfang  des  ganzen  Werkes 
zeichneten  sie  durch  einen  freien  Raum  aus,  aber  auch  bei  kleineren 
Abschnitten  ließen  sie  das  Ende  der  Zeile  frei  und  begannen  den 
neuen  Abschnitt  mit  vorgerückten  oder  eingerückten  Buchstaben,  die 
sich  später  auch  durch  ihre  Größe  auszeichneten. 
^**'z^'i^°"  -^^^  ^®^'  Länge   der  Zeilen  war  denn   zugleich  auch  die  Zahl  der 

Columnen  und  das  Format  der  Handschriften  gegeben,  die,  ohne  un- 
bequem zu  werden,  eine  gewisse  Breite  nicht  überschreiten  durfte.  Die 
ältesten  Codices  zeichnen  sich  ebenfalls  durch  die  Zahl  der  Columnen 
aus.    Der  c.  Sinaiticus  hat  in  den  meisten  Büchern  vier,  der  Vaticanus 


—     69     — 

drei  Columnen;  wenn  diese  Handschriften  aufgeschlagen  sind,  hat  man 
also  acht  resp.  sechs  Columnen  vor  sich,  und  wird  dadurch,  wie  Tischen- 
dorf mit  Recht  hervorhebt,  an  eine  offene  Rolle  erinnert;  aber  natür- 
lich würde  man  viel  zu  weit  gehen,  wenn  man  behauptete,  daß  eine 
vierspaltige  Handschrift  ohne  weiteres  älter  sein  müsse,  als  eine  drei- 
oder  zweispaltige,  die  drei  ältesten  Bibelhandschriften:  der  c.  Sinaiticus 
mit  vier,  der  c.  Vaticanus  mit  drei  und  der  c.  Sarravianus  mit  zwei 
Columnen  gehören  vielmehr  in  dasselbe  Jahrhundert.  Bei  dem  großen 
Mangel  an  datierten  griechischen  Uncialhandschrifteu  ist  es  sehr 
dankenswert,  daß  Wattenbach  (Schriftwesen  S.  149)  Hilfszeugnisse  ^ 
heranzieht,  z.  B.  eine  syrische  Handschrift  im  Brit.  Museum,  die  im 
Jahre  411 — 12  n.  Chr.  in  drei  Columnen  geschrieben  wurde.  Diese 
Handschrift  kann  uns  bei  der  großen  Abhängigkeit  der  Syrer  von  den 
Griechen  auch  als  Beleg  dienen  für  die  gleichzeitige  griechische  Sitte. 
Auch  der  antiochenische  Priester  Lucian  schrieb  nach  griechischen 
Menaeen  (s.  d.  Monat  October  S.  93  in  der  ed.  Venet.  1843)  freliai 
Toi(7(TccTg^  ein  Neues  Testament,  das  er  der  Kirche  von  Nicomedien 
schenkte.  Später  kam  man  von  der  großen  Columnenzahl  zurück  und 
verwendete  sie  nur  noch,  wenn  durch  besondere  Umstände  die  Länge 
der  Zeile  gegeben  war,  so  bei  der  stichischen  Einteilung  und  bei 
bilinguen  oder  trilinguen  Texten. 

Im  Anfang  des  (5.  Jahrhunderts  wurde  bereits  häufiger  zweispaltig 
geschrieben,  so  z.  B.  der  Wiener  Dioscoridescodex,-^  und  diese  Anord- 
nung hat  die  Uncialschrift  überdauert,  sie  ist  auch  in  späten  Minuskel- 
codices nachweisbar,  namentlich  bei  Pergamenthandschriften  bis  zum 
14.  Jahrhundert,  z.  B.  Bodl.  Seid.  49  (s.  Catal.  I  S.  613)  s.  XIV  und  233 
(I  S.  78ö)  a.  1307;  doch  zeigt  der  c.  Bodl.  Mise.  205  (I  760),  daß  man 
im  14.  Jahrhundert  auch  Bombycincodices  in  zwei  Columnen  beschrieb. 
Als  frühes  Beispiel  des  Gegenteils,  daß  nämlich  ein  breiter  Codex 
schon  im  10.  Jahrhundert  überhaupt  nicht  mehr  in  Columnen  eingeteilt, 
sondern  in  seiner  ganzen  Breite  beschrieben  wurde,  verdient  ein  Psalter 
in  der  Marciana  hervorgehoben  zu  werden,  und  eine  Basiliushandschrift 
(c.  Sin.  329)  s.  X,  die  trotz  ihrer  Breite  von  21  cm  nicht  in  zwei  son- 
dern in  einer  Columne  geschrieben  wurde.  Gelegentlich  wechselt  der 
Schreiber  sogar  bei  derselben  Handschrift.  Bei  dem  Tetraevangelium 
c.  Sin.  193  (a.  1124)  beginnt  er  mit  einer  Columne,  geht  dann  aber, 
da  der  Codex  19  cm  breit  ist,  zu  zwei  Columnen  über,  ebenso  im 
c.  Sin.  395  saec.  XIII  (34  x  25  cm). 


1  Blau,  L.,    Stud.  zum  althebr.  Buchwesen   1.    Straßburg  i.  E.    1902   S.  115. 
Columnen  und  Ränder. 

^  Über  TQtnaftfffiög  vgl.  o.  1  S.  161.  159  Anm.  2. 
^  Facsimile  s.  o.  1  S.  22. 


—     70     — 

Auf  die  größeren  Abschnitte  am  Ende  eines  Buches  oder  die 
Sinnesabschnitte  des  Verfassers  können  wir  hier  nicht  eingehen,  diese 
gehören  nicht  in  die  Paläographie  sondern  in  die  Litteraturgeschichte.^ 

Sticho-  und  Colometrie. 

Wie  die  Anordnung  der  einzelnen  Buchstaben  zu  poetischen  oder 
uupoetischen  Spielereien  ausgebidet  wurde,  so  benutzte  man  anderseits 
die  Anordnung  und  die  Länge  der  einzelnen  Zeilen  ^  zu  sehr  prosaischen 
Zwecken. 

Durch  die  Praxis  hatten  die  Bücherschreiber  allmählich  gelernt, 
daß  die  Zeilen  der  Rollen  und  Bücher  gleichmäßig  und  weder  zu  lang 
noch  zu  kurz  sein  durften.  Obwohl  in  der  Praxis  die  so  gewonnenen 
Regeln  häufig  nicht  beachtet  wurden,  so  blieben  sie  doch  bestehen. 
Bei  Wilcken,  Tafeln  11  ist  der  Text  aus  dem  2. — 3.  Jahrb.  n.  Chr. 
wenigstens  teilweise  in  Normalzeilen  (zu  15  Silben)  geschrieben,  und 
wenn  von  einem  solchen  Normalexemplare  Abschriften  gemacht  wurden, 
so  pflegte  man  seine  Zeilenzahl  ganz  kurz  am  Schlüsse  eines  Abschnittes 
oder  des  ganzen  Werkes  zu  notieren;  das  sind  die  bibliographischen 
Angaben  des  Altertums. 
^ite?fums  T>em  Bücherwesen  der  Alten  fehlte   der  Begriff  der  Auflage,  der 

ihnen  erlaubt  hätte,  durch  genaue  Controlle  eines  Exemplars  Hunderte 
von  Exemplaren  zu  controllieren.  Wir  haben  jetzt  bibliographische 
Angaben  wieviel  Seiten  römisch  oder  arabisch  paginiert  sind,  wieviel 
'^^Neuzeif '  Tafclu  odcr  Karten  vorhanden  sein  sollen.  Um  die  Zahl  der  Zeilen 
kümmern  wir  uns  nicht,  weil  sie  in  gedruckten  Exemplaren  dieselbe 
sein  muß.  Das  konnte  man  im  Altertum  aber  nicht  voraussetzen. 
Jedes  Exemplar  eines  Klassikers  mußte  besonders  geprüft  werden, 
exe^iar  ^^^  natürlich  durch  bibliographische  Angaben,  die  sich  auf  ein  Normal- 
exemplar bezogen,  erleichtert  wurde. 

Wenn  ein  Käufer  sicher  sein  wollte,  nicht  von  einem  flüchtigen 
Schreiber  betrogen  zu  sein,  so  mußte  er  sein  Exemplar  nach  den  ver- 
schiedensten Richtungen  hin  durchzählen  und  controllieren. 

Zunächst  mußte  er  sich  ein  zuverlässiges  Normalexemplar  ver- 
schaffen, in  dem  die  Zahlen  vielleicht  schon  beigeschrieben  waren, 
und  dann  erst  ließ  sich  feststellen,  ob  alle  diese  Zahlen  für  das  neue 
Exemplar  Geltung  hatten.    Diese  Angaben  haben  also  denselben  Zweck 

^  Siehe  Frideriei,  R.,  De  librorum  antiquorum  capitum  divisione  atque  sum- 
mariis.     Inaug.-Diss.  v.  Marburg  1911. 

^  Bekanntlich  gab  es  eine  Homerausgabe,  die  als  nolvaiixog  bezeichnet 
wurde.  Haeberlin,  Beitr.  z.  Kenntn.  d.  ant.  Bibliotli.-  ii.  Buchwesens.  Centralbl.  f. 
Biblioth.  6.  1889  S.  481;  7.  1890  S.  1.  'JeTÖcrn/oj  nannte  man  eine  in  gleichmäßigen 
Zeilen  geschriebene  Handschrift;  s.  Zomarides,  Die  Dambasche  Evangelienhaud- 
schrift  vom  Jalire  1226.     Leipzig  1904  S.  7. 


—     71     - 

wie  die  kurzen  Notizen  des  Hausherrn,  der  bei  Sammlungen  z.  B.  von 
Silbergeschirr  usw.  zur  Controlle  der  Sklaven  genau  die  Zahl  darauf 
schreibt,  um  rasch  zu  sehen,  ob  ein  Exemplar  complet  oder  defect 
ist,  und  das  ist  im  wesentlichen  auch  der  Zweck  ähnlicher  Notizen  in 
den  modernen  Bibliographien.  Deshalb  hatten  sorgfältig  geschriebene 
Copien  im  Altertum  stichometrische  Angaben,  während  römische  Buch- 
händler, welche  eine  Controlle  erschweren  wollten,  avariciae  causa  diese 
Zahlenangaben  wegzulassen  pflegten.^ 

Die  Stichometrie^  oder  Stichotomie  hatte  den  Zweck,  ent-stichometrie 
weder  den  Umfang  eines  Schriftwerkes,  und  darnach  wahrscheinlich 
auch  den  Lohn  des  Schreibers,^  zu  bestimmen  und  außerdem  das 
eitleren^  zu  erleichtern  dadurch,  daß  am  Schlüsse  eines  prosaischen  Werkes 
die  Zahl  der  axixoi,  bei  einem  Gedichte  die  der  ini]  angegeben  wurde. 
Nach  Diogenes  Laert.  V,  27  hatten  die  Werke  des  Aristoteles 
445  270  Stichen:  yivovxai  al  nclaai  fivoiäSeg  an'zoiv  rirraoEq  xcei 
rBTTaodcxovra  7iod<  roig  Tcsvraxifyxih'oig  xal  Siccxoaioiq  ißdo^ijxovra.^ 
Auch  in  den  volumina  herculanensia  finden  wir  eine  entsprechende 
Zählung  der  arr/oi,  deren  Summe  kurz  ans  Ende  geschrieben  wird  (in 
der  älteren  Zahlenschrift  der  Anfangsbuchstaben  '^)  und  der  aüJöeg,  die  aemti 
in  gleicher  Weise  gezählt  werden.  Philodems  Werk  %eqI  i'^ccvchov 
hatte  (je[/jd']e^  kxazbv  (iEx\ju\oxTbj,  das  tisch  x<^^-i>t^og:  (TsXiÖeg  |^.  Voll, 
hercc.  IX — X  (1850),  außerdem  gibt  er  Zahlenangaben  von  xolh'jfiura 
und  aeXfÖEg  (Hermes  17,  383).  Und  dementsprechend  werden  außer  den 
Seiten  und  Zeilen  auch  die  ö/jfiarci'^  gezählt  in  dem  c.  Vatic.  2002,  Basil.  41  e»?,««ra 
unter  dem  Lucasevangelium:  '(-/ei  öe  Ql^iaxa  pöy  frrlxovg  ^^;  Ritschi, 
der  QYiyiuxu  und  arlxoi  identificiert  (Opusc.  I  S.  88),  sagt  über  die  Be- 
deutung: „Der  Ausdruck  qIiiiutu  wurde  von  andern  gewählt,  eben  weil 


*  Vgl.  Mommsen,  Hermes  21,  146. 

^  Wachsmuth,  Stichometrisches  und  Bibliothecarisclies  im  Rhein.  Museum. 
18T9  N.  F.  34  S.  38—51.  —  Rohde,  Stichometrie.  Rhein.  Mus.  43.  1888  S.  476. 
Kl.  Sehr.  2  S.  446.  —  Birt,  Buchwesen  S.  163.  Samml.  d.  stichometr.  Zahlen  S.  164  fiF. 

^  Edict.  Dioclet.  ed.  Mommsen  7,  39—40:  C.  I.  L.  III  1,  831.  —  Birt,  Buch- 
wesen S.  20" — 208.  Vgl.  auch  unten  (S.  79)  die  Bemerkung  Nöldekes  wegen  Be- 
zahlung der  Sloken,  der  mich  darauf  aufmerksam  macht,  daß  die  Stichometrie 
sich  allmählich  ähnlich  bei  den  Syrern  und  teilweise  auch  bei  den  anderen 
Orientalen  ausgebildet  hat. 

*  Z.  B.  Ascon.  in  Cic.  in  Pison.  p.  6:  circa  versum  a  primo  CCLXX;  p.  17: 
cirea  versum  a  novissimo  LXXXX,  Diog.  Laert.  7,  188:   xax«   tovc  xi^^^ovg  axixovg. 

^  Über  die  Zeilenzahl  der  Digesten  s.  o.  1  S.  63. 

*  Bassi,  D.,  La  sticometria  nei  pap.  Ercolanesi.  Rivista  di  filol.  37  p.  321. 
481;  38  p.  122. 

'  Ritschi,  Kl.  phil.  Sehr.  I  S.  88:  „Daß  die  Summen  beider  [ort/ot  und  ^»/juar«] 
für  ein  und  dasselbe  Buch  nicht  genau  stimmen  (dagegen  sie  auch  nie  bedeutend 
voneinander  abweichen),  findet  in  der  Verschiedenheit  stiehometrischer  Recensionen 
eine  ebenso  einfache  als  befriedigende  Erklärung." 


—     72     — 

er  passender  als  arixoi\  nimmermehr  bezeichnet  er  Wörter,  sondern 
steht  parallel  mit  öi'/freig.'^  In  anderen  Handschriften,  z.  B.  der  Vor- 
lage von  c.  Vatic.  1539,  werden  außer  den  Stichen  noch  die  Abschnitte 
()ee(fd?.aicc)  gezählt.^  In  dem  c.  Ambrosianus  24  ^  finden  wir  folgende  An- 
gaben: ^paÄ/^iol  ^,  Sö^ai  I,  xcc&iafiara 'x,  ari'/oi  ixxl.  ,B0MB:*,  icyio- 
iiolixov  ^AM^SG:'. 

Es  sind  also  rein  bibliographische  Angaben,  an  denen  man  die 
Vollständigkeit  anderer  Abschriften  prüfen  kann.  Auch  die  vier  Bücher 
des  Jamblichus  haben  am  Schlüsse  in  roter  Farbe  stichometrische  An- 
gaben in  diesen  alten  Zahlen,  die  nicht  mehr  verstanden  wurden  und 
daher  entstellt  sind;  sie  sind  hergestellt  von  Vitelli,  Museo  italiano  1  p.  5: 


^'    ^^^^_tiy_^J^^^^  ^^^^^)  ^^^-  ^^  ^'^'^  ^^"  (^'^-2) 

II:    XXX  HRHH  mÄÄÄ  IUI  (3484)  IV:  XXX  m  ÄÄÄÄ  (3540) 

Die  stichometrischen  Zahlen  geben  uns  in  einzelnen  Fällen  Mittel 
an    die  Hand,  spätere   Zusätze    auszuscheiden.     Mit  ihrer  Hilfe   ist  es 
Sauppe  ^  gelungen,  zu  zeigen,  daß  die  Urkunden  demosthenischer  Reden 
in  dem  Normalexemplar  gefehlt  haben  müssen. 
Kitschi  Fr.  Eitschl^  hat  bei  seiner  Untersuchung  über  dieses  schwierige 

Thema  sich  zunächst  einen  soliden  Grund  gelegt  in  einer  vollständigen 
Sammlung  stichometrischer  Angaben,  soweit  sie  gedruckt  waren.  Prak- 
tische Gründe,  die  in  der  Natur  des  Beschreibstoffes  und  der  größeren 
Deutlichkeit  ihre  Erklärung  finden,  hindern,  daß  die  Columnen  eine 
gewisse  Breite  überschreiten;  da  diese  aber  innerhalb  gewisser  Grenzen 
doch  sehr  schwankend  ist,  so  wurden  die  Zahlen  und  Verhältnisse 
eines  Normalexemplars  zugrunde  gelegt  und  nun  darauf  gehalten,  daß 
die  Zeilen  der  Abschrift  mit  jenem  Normalexemplar  übereinstimmten 
am  Schlüsse  der  einzelnen  Zeilen.  Montfaucon  beschreibt  in  seinem 
Diarium  Italicum  (Paris  1702)  p.  278  zwei  griechische  Handschriften 
einer  biblischen  Catena,  die  im  Zeilen-  und  Seitenschluß  genau  über- 
einstimmen. Meistens  aber  scheute  man  diese  Mühe  und  ßaumver- 
schwendung;  die  Länge  der  Zeilen  richtete  sich  nicht  mehr  nach  dem 
Original,  obwohl  dessen  Zahlen  noch  am  Schlüsse  notiert  werden.  Mag 
nun  aber  die  Länge  der  eigenen  Zeile  oder  die  der  Vorlage  zugrunde 
liegen,  so  sind  bei  den  meisten  klassischen  Schriftstellern  doch  ur- 
^Z^euen  sprünglich  immer  nrr/oi,  Eaumzeilen,  im  Gegensatze  zu  den  Sinn- 
zeilen {üüj'/.u),  die  erst  für  rhetorische  und  liturgische  Zwecke  erfunden 
sind.     Sinnesabschnitte   entstehen  von   selbst  bei  der  Niederschrift  von 


1  Scholz,  Biblisch-krit.  Eeise  S.  103. 

-  Nach  dem  neuen  Catalog  muß  die  Bezeichnung  falsch  sein. 
•*  Siehe  die  Vorrede  seiner  Ausgabe  und  Rhein.  Mus.  1843  N.  F.  2  S.  453  A. 
*  Kleine  philol.   Schriften  I    S.  74—112.    173—196.     Vgl.  Voemel:    ort/ot  in 
Handschriften  klassischer  Prosaiker.    Ehein.  Mus.   1848  N.  F.  2  S.  452  flF. 


—     73     — 

Versen;  dort  tindet  man  zuerst  xw'/.a.'^  Es  war  nämlich  entschieden 
z.  B.  für  den  Vorleser  in  der  Kirche  eine  schwere  Aufgabe,  längere 
Partien  aus  der  BibeP  richtig  vorzutragen,  wenn  er  sich  nicht  vorher 
genau  mit  dem  Inhalt  vertraut  gemacht  hatte,  da  die  großen  Uncial- 
codices  ohne  Wort-  und  Satztrennung  durch  keine  äußeren  Mittel  den 
Vortrag  unterstützen.  Doch  auch  die  lyrischen  Partien"*  der  Tragiker 
wurden,  um  den  Vortrag  zu  erleichtern,  ebenfalls  in  Kola  abgeteilt. 

„Die  poetischen  Bücher,  oder  wie  man  damals  sagte,  rä  arixrioa 
oder  al  (izr/rioai  resp.  nrixiioui  ßiß).oi  sind  in  B  stichisch  in  zwei 
Columnen  geschrieben,  während  sonst  drei  Columnen  auf  der  Seite 
stehen."^  Raumzeilen  haben  wir  also  auf  beiden  Seiten;  aber  in 
poetischen,  rhetorischen  usw.  Handschriften  waren  die  Zeilen  nach  be- 
sonderen Gesichtspunkten  angeordnet.  Daß  diese  Sitte  verhältnismäßig 
jung  war,  zeigt  eine  Handschrift  des  '6.  Jahrb.,  Frgm.  der  Antiope  des 
Euripides,^  in  der  die  Chorpartien  noch  nicht  kolometrisch  geschrieben 
sind.  Dagegen  haben  wir  z.  B.  einen  Hymnus  nach  cola  und  commata 
im  sechsten  Jahrhundert  geschrieben:  Pap.  Rylands  I  Nr.  7. 

Bei  dem  Zusammenhang  zwischen  Heiden  und  Christen  ist  es 
begreiflich,  daß  sich  Spuren  einer  Stichenzählung  auch  bei  letzteren 
nachweisen  lassen,  nämlich  beim  Origenes,  der  in  seinen  Hexapla  die  ongenes 
poetischen  Bücher  des  Alten  Testaments  (Psalter,  Hiob,  Sprüche,  Hohes 
Lied]  xarci  frri/ovg  geordnet  hatte;  auch  Gregor  von  Nazianz  (Carm.  33) 
und  Amphilochius  (Jambi  ad.  Sei.)  zählen  unter  den  Büchern  der  Bibel 
fünf  ßißlovi  (7ri'/r}oäq  auf.  Namentlich  für  den  heiligen  Hieronymus 
(ca.  340 — 420  n.  Chr.)  wird  die  Einteilung  nach  Sinnzeilen  {cola  et 
commata)  bezeugt  durch  die  Vorrede  Cassiodor's  zu  seinen  Divinae 
lectiones:  Illud  quoque  credimus  commonendum ,  sanctuni  Hieronymum 
simplicium  fratrum  consideratione  jjellectum,  in  Prophetarum  praefafione 
dixisse,  propter  eos  qui  distinctiones  non  didicerant  apud  magistros  secu- 
larium  litteraruyn  colis  et  commatibus  translationein  suam,  sieut  hodie 
legitur,  distinxisse,  und  ebendort  (Institut,  div.  lect.  I):  Sed  ut  his  Omni- 
bus addere  videaris  oi-naium,  posituras,   quas  Graeci  d-icreig   vocant,   id  est 


^  Etymol.  M.  p.  550:  y.cö).a  xvQiug  int  xCjv  utlonoicjv ,  /.leiufffiQiy.Cüg  ini  rwj' 
TieCoköfcov  xcüXoi?  fii]  /Qcofievav. 

-  Euseb.  Hist.  eccl.  H,  6,  Psalmenausgabe  des  Origenes  in  7  Col.:  Tuvia;  .  .  . 
anüaac  ini  xuviöv  avvayayüv,  öibIcop  ib  noö;  (corr. :  xain)  xtülof  xai  uviinaqui^elg 
ulXrjlttig  xtA.  —  Melanges  darcheol.  et  d'hist.  22.  1902  fasc.  2 — 3.  Serruys,  Ana- 
stasiana 3 :  La  stichometrie  de  l'Anc.  et  du  Nouv.  Testament  (Frgin.  d.  Anastasius 
Sinaita). 

*  Suidas  s.  V.:  ^vyeviog  Tgotpiftov  .  .  eyQurpe  xcjlofiBiqinv  (vgl.  G.  Dindorf  z. 
Aristoph.  Scholia  3  p.  395)  xibv  fishxcüv  Aiayvlov  ^ocpoxXiovg  xai  livQiniöov  (ca. 
500  n.  Chr.). 

*  Siehe  Eahlfs,  Götting.  Gel.  Nachr.  1899  S.  76. 

*  Hermathena,  Dublin  1891  Nr.  XVII  p.  38—51. 


—     74     — 

puncta  brevissima  pariter  et  rotunda  et  planissinia  singulis  quihusque  pone 
capitibus,  praeter  translationem  S.  Hieronymi,  quae  colis  et  oommatihus 
ornata  eonstitit.  Doch  darf  man  aus  diesen  Stellen  nicht  wie  Leo 
Allatius  schUeßen.  daß  cola  und  eommata  in  dem  Sinne  unseres  Colon 
oder  Semicolon  nichts  anderes  gewesen  seien  als  Interpunctionszeichen. 
Kcülov  ist  nach  Suidas:  fxöoiov  löyov,  kx  Ovo  )}  xal  7i)mövcüv  fieoöjv 
frvriardfjievov.  TUi  (JvXXaßaq  yuo  riuvovfTi,  xal  xä  xöj)m  tcov  voimdrcov. 
xööXov  ovv  ö  o:7iijOTifffievi]v  ivvoiccv  £/fov  arr/oq.  Daß  der  eben 
genannte  BQeronymus  nicht  nur  klassischen  Mustern,  sondern  auch 
jüdischer  Tradition  folgte,  hat  bereits  Kittel,  Reformations-Progr.  d. 
Univers.  Leipzig.  1901  S.  75  gesehen:  „Bedenken  wir  nun,  daß  die 
jüdische  Überlieferung  eine  alte  Einteilung  des  Bibeltextes  in  Sinn- 
abschnitte (Pesüqlm)  kennt,  die  durchaus  nicht  mit  den  heutigen  Bibel- 
versen übereinstimmt,  sondern  auf  kürzere  cola  in  der  Art  derjenigen 
des  Hieronymus  hinweist,  so  wird  es  durchaus  wahrscheinlich,  daß 
Hieronymus  tatsächlich  von  dieser  Einteilung  geleitet  wurde." 
EuthaUos  Außer  dem  H.  Hieronymus  war  es  besonders  der  Bischof  Euthalios, 

der  sich  um  die  Einteilung  neutestamentlicher  Schriften  ganz  besondere 
Verdienste  erworben  haben  soll.  Nach  der  gewöhnlichen  Annahme 
soll  Euthalios  diaconos  im  Jahre  396  oder  458  die  paulinischen  Briefe 
herausgegeben,  in  Kapitel  eingeteilt  und  in  Sinnabschnitte  zerlegt 
haben.  ^ 

Sehr  deutliche  Spuren  dieser  Einteilung  zeigt  noch  heute  der 
cod.  H  der  paulinischen  Briefe  (s.  u.  ältere  Uuciale),  und  Ehrhard  hält 
diese  Handschrift  sogar  für  das  Autographon  des  Verfassers,  den  er 
aber  nicht  Euthalios,  sondern  Euagrios  nennt.  In  den  cod.  H  lautet 
die  Unterschrift 2;  ////////  eyQaxvu  .  .  .  (ttbixijoov  töSb  tö  rev/o^  Ilavlov 
.  .  .  nobg  .  .  .  evxaTc/.h]fi'nTOV  avcr/vcofriv . . .  ccvreßlijO-i]  de  ij  ßi'ß?.o<i  ngbq 
TÖ  hv  KuiGuodcc  ävxiyoucfov  TT,i  ßißho&i'ixijq,  rov  äyiov  flaficfilov' 
'/biqI  ysypufjißii'ov'  H  ist  nahe  verwandt  mit  c.  Neap.  IIA.  27,  der  die 
Subscription  deutlicher  wiedergibt,  auch  da,  wo  sie  im  Anfang  in  H 
zerstört  ist:  Ei'dcyoiog  tyoaxi'U  xoci  ^^e&ii.uji'  (vgl.  Fabricius-Harless  5.  789). 
Dieser  Name  stammt  natürlich  aus  seiner  Vorlage;  eine  zweite  Classe 
von  Handschriften  hat  Ev&c/j.tog  du/xovog,  eine  dritte  Classe  hat 
Ev&c/.ho^  knifTxoTioi  2ov7.xr,q.  Ehrhard  hält  den  Namen  Euagrios  für 
ursprünglich,  v.  Dobschütz  (S.  66)  erklärt  ihn  für  den  Namen  eines  Schrei- 
bers, während  Euthalius  der  Verfasser  bleibt.^  Er  protestiert  dagegen, 
„daß  der  Name  eines  Mannes,   der  wegen  seiner  nicht  unbedeutenden 


^  Ehrhard,  Der  cod.  H  ad  epist.  Pauli  u.  ..Euthalios  diaconos".  Centralbl.  f. 
Bibl.  8.  1891  S.  385.  —  Texts  and  studies  ed.  by  Robinson.  Vol.  3.  Cambridge 
1895  Nr.  3  p.  1  - 120.    Euthaliana.     Unterschrift  des  Euthalius  p.  3  (nach  Omont). 

-  S.  Omont:  Notices  et  extr.  des  mss.  33,  1.    1889  p.  53;  vgl.  p.  189. 

^  V.  Dobschütz,  Zur  Euthaliusfrage.    Centralbl.  f.  Biblioth.  10.  1893  S.  49. 


4  0        — 

Tätigkeit  seit  langer  Zeit  ziemlich  in  jeder  neutestamentlichen  Ein- 
leitung genannt  wurde,  plötzlich  in  das  Reich  der  Sage  verwiesen  werde." 
F.  C.  Conybeare,  On  the  cod.  Pamphili  and  the  date  of  Euthalius. 
Journal  of  Philology  23.  1894/95  p.  240  meint  p.  259:  In  the  year  396 
Euthalius  took  the  cod.  Pamphili  of  Paul,  which  lay  in  the  Eusehian  lihrary 
of  Caesarea,  and  made  a  copy  of  it  f7Teix?]od)^,  adding  prologues  testimonia, 
sttmmaries  of  chapters  etc.  The  chaptering  of  his  new  copy  was  not  his 
oum,  hiit  hurrowed  prohahly  from  the  cod.  Pamphili.  Für  uns  kommt  es 
mehr  auf  die  Sache  an,  als  auf  den  Namen  des  Mannes,  der  sie  durch- 
führte, und  wir  können  den  hergebrachten  Namen  des  Euthalios  immer- 
hin beibehalten.  Er  knüpfte  also  an  die  heidnische  Tradition  der  axr/oi 
an,  indem  er  gerade  so  viel  zu  einer  Reihe  zusammenfaßte,  als  beim 
liturgischen  Vortrag  ununterbrochen  vorgelesen  werden  mußte,  um  dem 
Sinne  gerecht  zu  werden;  dafür  brauchte  man  den  Namen  GTixof.ieToia. 
der  sich  eingebürgert  hat,  weil  arixoi  als  der  allgemeinere  Begriff  die 
eigentlichen  (bibliographischen)  Stichen  und  die  (rhetorischen)  xCjIm  umfaßt. 

Euthalios  selbst  redet  bei  seiner  Arbeit  von  ari/oi,  nicht  von 
x(o/.a,^  auch  die  christlichen  Handschriften  wenden  bei  der  Summierung 
der  Zeilenzahl  stets  den  Ausdruck  ari'xoi  an.  Der  cod.  H,  der  auf 
alle  Fälle  die  Einteilung  des  Euthalius  am  treuesten  wiedergibt,  ist 
also  nach  Sinnesabschnitten  {xojka)  geordnet,  hat  aber  am  Schlüsse 
Zahlen,  deren  Summe  sich  nicht  auf  die  xoAcc  der  Handschriften  bezieht, 
sondern  vielmehr  auf  Stichen  zu  36  Buchstaben  gerechnet,  es  sind  also 
die  gewöhnlichen  bibliographischen  Angaben,  die  auch  in  klassischen 
Denkmälern  gebräuchlich  sind.  Als  Beispiel  dieser  Einteilung  führt 
Hug  in  seiner  Einleitung  zum  Neuen  Testament  I^,  222  eine  Stelle  aus 
dem  zweiten  Titusbrief  an.  Andere  Beispiele  bei  Montfaucon,  Pal.  Gr. 
216.  219.  237. 

Ich  ziehe  ein  Beispiel   aus  den  cod.  H  vor,   der  am  treuesten  die    cod.  H 
Einteilung  des  Euthalius  wiedergibt  (l.Corinth.  11. 13 ff.  bei  Omontp.  14): 

nPEnONECTirYNAIKA- 
AKATAKAAYnTONTQ 
GQnPOCEYXECGAl; 
OYAEH0YCICAYTHAI 

AACKEIYMAC- 
OTIANHPMENEANKOMA 
ATIMIAAYTQECTIN- 
Auch  einige  Psalterien,  c.  Sin.  29  (s.  IX)  u.  33  sind  nach  den  Regeln 
der  Colometrie   geschrieben.^     Aber  gerade  bei   den  Psalmen  muß  es 


^  Euthalius  Patrolog.  gr.  Migne  col.  p.  720  B. 

-  Inschriftlich  kenne  ich  nur  ein  Beispiel  (Psalm  15):    vgl.  Wachsmuth,  Ein 
inschriftliches  Beispiel  von  Colometrie.    Rhein.  Mus.  N.  F.  52.  1897  S.  461—462. 


—     76     — 

zwei  verschiedene  Einteilungen  nach  Kurz-  und  Langzeilen  gegeben 
haben; ^  schon  de  Wette-Schrader,  Einleitung  ins  Alte  Testament  (1869) 
haben  auf  eine  interessante  Stelle  des  Athanasius,  De  virginit.  hin- 
gewiesen: 

l4vi(JTU}iivr}  Se  tiocötov  tovtov  rov  arixov  sine' 

MsfTOVvxTior  ^^ijysioöfiijv,  rov  h^onoloyBia&al  aoi  ru  xoi\iUTa  tj/5  8i- 
xuioavvm  nov.  Dieselbe  Stelle  ist  im  c.  Sinaiticus  aber  anders  ab- 
geteilt: 

'yhaovvxTiov  ^^7]yEioöfiijv  rov  i^oj^ioloysTa&ai  aoi 

tii  ru  xotpiUTCi  zTjg  8ixciioavvi]i  rrov.- 
Daß  diese  Versabteilung  nicht  etwa  vom  Schreiber  des  c.  Sinaiticus 
erfunden  wurde,  ist  selbstverständlich.  Selbst  in  einem  Pap}Tuspsalter, 
der  ins  3.  Jahrb.  n.  Chr.  gesetzt  wird,  fand  Rendel  Harris^  dieselbe 
colometrische  Einteilung  wie  im  c.  Vaticanus  und  Sinaiticus  (ca.  400). 
Diese  Stichometrie  oder  richtiger  Colometrie  ist  so  natürlich,  daß  wir 
sie  unbewußt  noch  heute  vornehmen  bei  dichterischen  Werken,  deren 
Vortrag  wesentlich  unterstützt  wird  durch  die  gebrochenen  Zeilen. 
Bei  Sinneszeilen  sind  gebrochene  Worte  am  Schlüsse  natürlich  unmöglich. 
Auch  die  Verseinteilung  unserer  Bibeln  ist  eine  Art  von  Colometrie. 
Tischendorf ^  weist  darauf  hin:  „daß  die  Euthalianischen  Stichen, 
wie  sie  uns  z.  B.  im  c.  Claramontanus  vorliegen,  nicht  im  geringsten 
mit  der  von  Euthalius  selbst  verzeichneten  Stichenzahl  übereinkommen. 
So  hat  der  Philipperbrief  im  c.  Claramontanus  zwischen  4  und  500, 
der  Galaterbrief  über  700,  der  Epheserbrief  fast  800,  der  zweite  Ko- 
rintherbrief  über  1400,  der  Hebräerbrief  über  1300  Stichen.^' 
Philipi^erbr.     Galaterbr.     Epheserbr.  II.  Korintherbr.    Hebräerbr. 

fast  800     Über  1400     über  1300  c.  Ciaram. 
312  507  702         Euthalius 

312  612  750         c.  Sinait^ 

Erfindung  Nach  dem  Gesagten  ist  es  nicht  schwer  zu  bestimmen,  worin  denn 

des  *  '  . 

EuthaUos?  eigentlich  das  Verdienst  des  Euthalius  bestanden;  da  wir  schon  bei 
Origenes  und  sicher  beim  Hieronymus  eine  Einteilung  nach  Sinnzeilen 
nachweisen  können.  Wir  haben  seinen  eigenen  Bericht  in  den  Collec- 
tanea  vett.  monumentorum  von  L.  A.  Zacagni,  Rom  1698,  hier  sagt  er 
nur  p.  404:    ttoöjtov    S)]   ovv   ^ycoys  r'i^v  (y.nofiTohxifV  ßt'ß}^ov  ftroc/i^ov 


rrrr/oi   4 — 500 

700 

208 

292 

200 

312 

'  Heiurici,  Beitr.  z.  Erkl.  d.  N.  T.  IV.  Die  Leipziger  PapjTusfrgm.  d.  Psahnen 
(mit  2  Tafeln).  Leipzig  1903.  Ps.  44  hat  38  Sinnzeilen,  die  in  v.  8  und  v.  9  drei- 
gliedrig sind. 

^  Vgl.  Kittel,  Reformationsprogr.  d.  Univ.  Leipzig  1901  S.  74. 

^  Classical  Review  8.  1894  p.  74. 

*  Herzog's  Real-Eneyclopädie  f.  prot.  Theol.    Ergänzungsheft  S.  194. 

5  Subscriptions  giving  the  number  of  aiixoi  (Gospels  2600,  1600,  2800,  2800, 
Hebrews  750)  are  appended  to  the  several  books.     N.  Pal.  Soc.  180.    a.  1366. 


ävayvov^  re  xal  yguxpaq.  Er  schildert  seine  Verdienste  p.  409:  ivayxo^ 
iuoi  ye  r/jV  re  rcov  Ttoä^eojv  ßi'ßXov  a/xa.  xal  xatfohxöjv  iniGxo'LGjv 
avuyvG)Vui  re  xaroc  Ttooacpdiav,  xui  Tiojq  civuxEcfu'luidjGUfrd'ui,  xui 
8aXiiv  TOVTOJV  ixäarijg  rov  vovv  und  gleich  darauf:  (jTOi/7/döv  tb 
(Tvv&eu  TOVTfüv  rb  vcfo^  xuxu  x)]v  iaavTOv  fJv^ixEToiuv  7100^  evfTrji.ioi' 
ccvdyvoicjiv.  Verdienste  des  Euthalius  um  eine  neue  Einteilung  der 
Paulinischen  Briefe  lassen  sich  nicht  entdecken,  hier  trat  er  einfach  in 
die  Fußtapfen  seines  Vorgängers.  Zacagni  hat  dies  bereits  richtig 
erkannt  p.  LIX:  hatic  Paulinarum  epistolarum  partitionem  a  Syro  nohis 
ignoto  Patre  confectam,  Euthalius  noster  integram  servare  satitts  duxit,  quam 
aliam  de  novo  cndere.  Dieser  ungenannte  Geistliche  hatte  die  Einteilung 
vorgenommen,  die  Euthalios  im  Jahre  396^  wiederholte. 

An  der  Behandlung  der  Bücher  des  Neuen  Testaments  sieht  man, 
wie  dieses  allmählich  dasselbe  kanonische  Ansehen  erwarb,  das  die 
alttestam entlichen  Bücher  besaßen.  Deshalb  wurden  auch  hier  die 
Schriften,  welche  sich  zum  Vorlesen  eigneten,  wie  z,  B.  die  Paulinischen 
Briefe,^  in  dieselbe  Form  gebracht,  wie  die  entsprechenden  des  Alten 
Testaments,  nämlich  Propheten,  Psalmen  usw.  Euthalios  hat  also  nur 
die  letzte  Consequenz  eines  Princips  gezogen,  das  längst  vor  ihm  prak- 
tisch geworden  war,  indem  er  auch  die  Apostelgeschichte  ähnlich  ein- 
teilte. Diese  Einteilung  führte  er  aber  mit  solcher  Genauigkeit  durch, 
daß  er  von  50  zu  50  Versen  die  Zahl  der  Stichen  an  den  Rand  schrieb 
(a.  a.  0.  S.  541):  iaxiyjfja  7iär>i]v  xi/V  (/.Trorrxohxijv  ßtßXov  dxoißaig  xccxa 
nivxiixovxu  frxt'/ovg,  ganz  in  derselben  Weise,  wie  auch  in  der  Ilias 
Bankesiana  jeder  hundertste  Vers  bezeichnet  wird. 

Die  Sitte,  rhetorische  Abschnitte  auch  äußerlich  in  der  Handschrift  j^'jj^^f^^'^^ 
zu  bezeichnen,  ist  übrigens  nicht  ausschließlich  christlich,  das  ergibt  sich  Schriften 
aus  der  Einleitung  des  Hieronymus  zum  Jesaias  I  p.  473:  Xeyno  cum 
prophetas  versibus  viderit  esse  desoriptos,  metro  eos  existimet  apud  Hehraeos 
ligari,  et  aliquid  simile  habere  de  Psalmis  ei  operibus  Salomonis.  Sed  quod 
in  Demosthene  et  Tullio  solet  fieri,  ut  per  cola  scribantur  et  commata,  qui 
utique  prosa  ei  non  versibus  conscripserunt  nos  quoque  utilitati  legentium 
providentes,  interpretationcm  novam  novo  scrihendi  genere  distinximus.  Sal- 
masius  sah  in  Paris  eine  Handschrift  von  Ciceros  Tusculanen  (heute 
cod.  Paris.  G332  s.  Ciceronis  Opp.  ed.  Orelli  IV ^  S.  207),  deren  Zeilen 
geschrieben  waren  saltuatim  et  per  inaequales  periodos  eo  prorsus  modo 
quo  Biblia  sacra  videmus.  Selbst  kaiserliche  Eescripte,  die  ebenfalls 
öffentlich    verlesen    wurden,    scheinen    dieselbe    Anordnung    gehabt    zu 


•  Siehe  Zacagni  S.  536  Anra.  2. 

-  Die  von  der  ginechischen  Kirche  abhäugigen  Völker  folgten  auch  in  sol- 
chen Äußerlichkeiten  ihren  Lehrern,  siehe  Marold,  K.,  Stichometrie  und  Lese- 
abschnitte in  den  gotischen  Episteltexten.     Prgr.    Königsberg  1890. 


—     78     — 

haben,  das  schließt  Mommsen  aus  der  Widmung  des  Bonifatius  an 
den  Praefectus  praetorio  Marinus,  s.  Schoenes  quaestiones  Hieronym. 
p.  55  und  58:  te  qui  longos  agüibus  {per)  servata  cola  et  commata  periodos 
perniciler  transcurris  optutibiis,  und  dieser  Angabe  entsprechen  die  auf 
Papyrus  erhaltenen  Reste  kaiserlicher  Originalrescripte,  die  Mommsen 
im  6.  Bande  (S.  404  ff.)  des  Jahrbuches  des  gem.  deutschen  Eechts 
herausgegeben  hat. 
Ritschi  Eitschl  (a.  a.  0.  S.  94)  hatte  den  Unterschied  der  beiden  Arten  von 

Zeilen  so  zusammengefaßt:  „Im  übrigen  haben  Heidensitte  und  neu- 
testamentlicher  Gebrauch  nichts  gemein  miteinander,  als  die  Sum- 
mierung der  beiderseitigen,  unter  sich  ganz  ungleichartigen  Stichen." 
Bloss  Gegen  diese  Formulierung  des  Endurteils  über  Stichometrie  hat  Blass 
Einsprache  erhoben,  zunächst  in  einem  Aufsatze  des  Rhein.  Mus.^ 
und  später  in  seiner  Geschichte-  der  attischen  Beredtsamkeit  III,  1 
(Demosthenes).  Blass  nimmt  an,  daß  jede  demosthenische  Rede  in  eine 
Anzahl  von  xöj/.a  zerfalle,  deren  Zahl  sich  in  den  einzelnen  Teilen 
genau  entspreche  und  daß  in  den  einzelnen  xcölcc  bestimmte  rhyth- 
mische Gesetze  über  das  Zusammentreffen  kurzer  und  langer  Silben, 
den  Hiatus  usw.  beobachtet  wurden,  deren  Vernachlässigung  für  ihn 
ein  sicherer  Beweis  ist  für  das  Ende  des  zailov.  Er  stützt  sich  dabei 
besonders  auf  eine  Stelle  des  Kastor,  Rhetores  Graeci  ed.  Walz  III 
p.  721:  TovTov  [tov  olov  Ai]^oa&Evixbv  'JMyoi<'\  yc/.o  azi^oinev  rrvv  iJ-ea 
ffccvai  xarcc  xoAov  xcctcvt i'jaavTeg  siq  rtjv  TCoaÖTijza  rojv  xf6?Mv  xarcc 
TOV  aotd-fiöv  TOV  kyxei'fievov  h>  roTc,  uoxctioiq,  ßißXioiq,  ojq  iixeToijrrev 
avTo^  6  Jt/j.iond'U'i]^  tov  iSiov  Xöyov,  um  daraus  nachzuweisen,  daß 
wenigstens  beim  Demosthenes  an  Sinnzeilen,  nicht  an  Raumzeilen 
gedacht  werden  müsse. 

Aber  Blass  geht  noch  einen  Schritt  weiter.  Er  glaubt  nicht  nur, 
daß  auch  z.  B.  Isocrates,  Herodot  in  Sinnzeilen  copiert  wurden,  sondern 
hat  auch  praktisch  den  Versuch  gemacht,  ganze  Reden  des  Demosthenes 
in  so  viele  xcö?m  einzuteilen,  als  gti'zoi  handschriftlich  überliefert  sind. 
Diese  Identilicierung  ist  sicher  verfehlt,  denn  die  Stelle  beim  Kastor 
beweist  nur,  daß  in  Rhetorenschulen  nachchristlicher  Zeit  nach  Sinn- 
zeilen geschriebene  Exemplare  vorhanden  waren,  nicht  aber,  daß  die 
uns  erhaltenen  stichometrischen  Angaben  z.  B.  im  cod.  Z  sich  auf  cola 
und  commata  beziehen. 


'  Blass,  Zur  Frage  über  die  Stichometrie  der  Alten.  Ehein.  Mus.  24,  524  fiF.; 
femer  Ehein.  Mus.  N.  F.  33.  1878  S.  508  ff.  und  in  einem  längeren  Artikel  ,, Sticho- 
metrie und  Colometrie  im  Ehein.  Mus.  N.  F.  34.  1879  S.  214—236.  Vgl.  dagegen 
Eühl  im  Ehein.  Mus.  N.  F.  34.  1879  S.  593—602  und  Graux,  bei  einer  Eecension 
des  Blass'schen  Buches:  Xotices  bibliograph.  1884  p.  80  ff. 

^  Vgl.  Lit.  Centralbl.  1878  S.  551—554. 


—     79     ~ 

Darauf  hat  bereits  Ch.  Graux  aufmerksam  gemacht  in  einem  sehr  Graux 
gründlichen  und  vorsichtigen  Aufsatze:  Nouvelles  recherches  sur  la 
stichom^trie.^  Er  stellt  zunächst  {p.  98)  den  Satz  auf:  „Die  Zahl  der 
überlieferten  Stichen  steht  im  Verhältnis  zum  Umfang  der  vSchriften", 
und  beweist  diesen  Satz  durch  eine  Menge  von  Beispielen  (p.  100 — 112); 
er  hat  sich  die  große  Mühe  gemacht,  die  betreffenden  Stücke  bis  auf 
den  Buchstaben  auszuzählen;  hat  aber  auch  dadurch  das  überraschende 
Resultat  gewonnen,  daß  die  stichischen  Angaben  aufs  beste  miteinander 
übereinstimmen:  bei  heidnischen  und  christlichen,  rhetorischen  und 
nicht  rhetorischen  Schriftstellern  enthält  ein  nxivoq,  ungefähr  36  Buch-     ""'zos 

A    T>  o  3g  Buchst. 

Stäben.^  Diese  Bemerkungen  von  Graux  wurden  weiter  ausgeführt  von 
Cobet,  Mnemosyne  1878  p.  259 — 263.  Auch  der  sehr  klein  geschriebene 
Papyrus  des  Theopomp  (oder  Kratippos)  (Oxyrh.  Pap.  V  pl.  IV)  hat  in 
jeder  Zeile  ungefähr  39  Buchstaben.  Ferner  ergibt  sich  aus  der  Ein- 
leitung des  vierten  Buches  von  Galens  tieoI  ötccrfOQü^  acpvy/xbji',  daß 
1000  Zeilen  (zu  15 — 17  Silben)  als  der  Minimalumfang  eines  Buches 
angesehen  wurden.^  Auch  in  längeren  Inschriften'*  hat  die  Zeile  oft 
diesen  Umfang.  In  dem  Monumentum  Ancyranum  unterscheidet  sich 
die  griechische  Übersetzung  von  dem  lateinischen  Original  durch  kürzere, 
besser  zu  übersehende  Zeilen  von  durchschnittlich  18  Silben  oder  un- 
gefähr 37  Buchstaben.  Das  ist  aber  auch  gerade  die  Länge  eines 
homerischen  Verses,  und  es  begreift  sich,  daß  die  Alexandriner  diese 
Normalzeile  für  ihr  Bibliothek  zugrunde  legten  und  daß  unsere  sticho- 
metrischen  Angaben  davon  abzuleiten  sind,  die  also  aus  diesem  Grunde 
schon  von  der  rhetorischen  Einteilung  zu  sondern  sind.^  Wie  ich  von 
Nöldeke  erfahre,  werden  noch  heute  in  Indien  die  Abschreiber  nach 
der  Zahl  der  Sloken  (d.  h.  Zeilen  des  häufigsten  1 6  silbigen  Versmaßes) 
bezahlt,  selbst  bei  solchen  Werken,  die  nicht  in  Sloken  geschrieben 
sind.  Les  ouvrages  litteraires,  ainsi  que  les  Livres  saints  ont  ete  evalices 
en  stiques  [gtIxoi,  tTit],  versus)  ou  lignes  equivalentes  au  vers  et  Homere.^  In 
derselben  Weise  wurden  auch  beim  homerischen  Verse  nicht  nur  die 
Buchstaben,  sondern  auch  die  Silben  gezählt.  Diels  (Hermes  17,  377  ff.) 
verweist  besonders  auf  eine  von  Jac.  Bernays  an  C.  Wachsmuth  mit- 
geteilte Stelle  des  Galen. 


^  Revue  de  philologie  II.  1878  p.  9" — 143.  —  — ,  Les  articles  originaux. 
Paris  1893  p.  71  ff.,  mit  Litteraturangaben  p.  72. 

^  Auch  Vitelli  im  Museo  italiano  di  antichitä  classica  1883  p.  4 — 5  bestätigt 
dieses  Gresetz  durch  Auszählung  der  stichometrisehen  Angaben  in  dem  c.  Laurent. 
86,  3  des  Demosthenes;  vgl.  p.  29  (Gregor  Nazianz),  p.  160  (Sophocles). 

»  Siehe  Rohde,  E..  Stichometr.    Rhein.  Mus.  N.  F.  43  S.  476—478. 

*  Angaben  über  den  Umfang  von  Inschriftenzeilen  s.  Hartel,  Studien  über 
att.  Staatsrecht  und  Urkuudenwesen  II  S.  14:^. 

s  Vgl.  Graux  a.  a.  0.  S.  137. 

®  Graux,  Gh.,  Les  articles  originaux  p.  116. 


—     80     — 

Galen  V,  655  Kühn,  656, 6  Müller  ^  nach  Diels,  Hermes  17,378—379. 
Ovrag  yovv   ö  cilr)ß-ijq  Xöyog  kari   ßaa^vq,   ojq   h/cb    d'et'^co    aoi  <)'/' 
dh'ycov  GvV.ccßfov  Tieoaivöfxsvov  ccvröv  ovra  roiovTOV. 

1.  ivd-a  Tcöv  vsv()0jv  i]  cco/i),  h'Tccvt^a  t6  ij/Sfiovi- 

2.  xöv  ij  ö'  c/.Qxh  Töjv  vevocov  hv  h/xsrfäXa  '(tti'v  h'ravd-'   ä- 

3.  QU  t6  ijyei^onxöv 

eig   fih   ovTog   6  Xöyog  hvvia  xcci   xQiäxovxci  avXXaßcov  önsQ 
ifTTc  övoTv  xal  ijfii'ascog  knööv  i^aiiergcov.     'irsQog  ö'  kariv  nkvTE 

röJV    TtdvTCOV    tTlüJV 

4.  tvifu  TU  nä&7]  rfjg  ipv/Tjg  iTiirfavifjTEoov  xivsi 

5.  TU  uöo(oc  Tov  (jcofiarog,  kvravd^u  rb  tkz&ijtixÖv 

b.  TTjg  ipv'/Tig  kfTTtv  uXXu  fjLijV  ij  xaoSia  cfaivsrui  //6- 

7.  ydhjv  k^aV/Myiiv  \g'/ov(7U  rT/g  xivi'jaecog  kv  ß-v- 

8.  fioig  xal  (fößoig-   'cI'tuv&'  c/.qu  t6  7iaü-i]Tixbv  rTjg  ipvxTjg  kariv 
ü  8t    GVV&Ehjg    codi    TOVTOvg    rovg    dvo    ?.öyovg,  ov    tiXsTov   Itiöjv 

i^afiBT()(oi>  öxToo  t6  avyxBifxevov  k^  uvrojv  TcXTi&og  errrai.  riveg  ovv 
aiTioi  TOV  TiivTS  ßißh'a  yoarfTjvai  tibqi  tovtojv,  cc  diu  öxrco  rrn/ojv 
ijQcoixüv  tnifTTJJijiovixiiV  änödei^iv  ei/ev; 

um  zu  zeigen,  daß  Galen  nicht  die  Buchstaben,  sondern  die  Silben 
des    Hexameters    zählte.     Diels    unterscheidet    darnach    (S.  379 — 380): 

15  suben   1.    den    alten  Normalstichos   von  15  Silben    in    den   antiken  Ausgaben 
des  Herodot,  Demosthenes  usw.;    2.  einen  größeren  Normalstichos  von 

18  Silben  mindestens  18  Silben,  s.  z.  B.  in  der  von  Galen  benutzten  Hippokrates- 
K\xiz.ozixo;  ausgäbe;  3.  den  nicht  als  Maßstab  verwendeten  kurzen  arr/og,  wie  ihn 
die  herculanischen  Rollen  und  Hyperides  zeigen.^  Die  lateinischen 
Grammatiker  haben  dies  einfach  herübergenommen  und  den  versum 
Virgilianum,  computatis  syllabis  —  —  numero  XVI  an  Stelle  des 
homerischen  Hexameters  zugrunde  gelegt."*  Doch  gibt  es  natürlich  auch 
Ausnahmen  von  dieser  Regel.  Birt  (Verhandl.  d.  Philologenvers,  zu 
Trier  1879  S.  94)  sagt  mit  Recht:  Schon  der  Hippokrates,  den  Galen 
benutzte,  hatte  sechs  Buchstaben  mehr  auf  der  Zeile;  derjenige,  in  der 
Josephos  seine  Antiquitäten  edierte,  war  um  sieben  Buchstaben  kürzer. 
Seit  man  den  stichometrischen  Zahlen  der  Handschriften  mehr 
Aufmerksamkeit  als  früher  zuwendete,  entdeckte  man  solche  Angaben 
nicht  nur  am  Schlüsse,    sondern    auch   mitten  im  Texte.     Ebenso  wie 


*  Birt,  Buchwesen  S.  214. 

^  Schoene,  H.,  Sechzehnsilbige  Normalzeile  bei  Galen,  Ehein.  Mus.  52.  1897 
S.  135—1:37. 

^  Vgl.  J.  Rendel  Harris,  Stichometiy.  London  1893.  Reprinted  from  American 
Journal  of  Philology,  vol.  4  Nr.  2.  3  p.  183—157.  —  John  Hopkins  University 
Circulars,  vol.  3  Nr.  29.  30.    March  and  April.     Baltimore  1884. 

*  Vgl.  Mommsen,  Zur  latein.  Stichometrie.    Hermes  21  S.  146. 


—     81     — 

Waclismuth  (Rhein.  Mus.  34.  1879  S.  44)  hat  auch  Schanz  im  Hermes  16 
S.  308  ff.  darauf  hingewiesen,  daß  diese  stichometrischen  Zahlen  den 
Zweck  haben,  das  Citieren  (s.  o.)  zu  erleichtern,  die  er  dann  mit  einem 
nicht  gerade  glücklich  gewählten  Ausdruck  im  Gegensatz  zur  Total- 
stiehometrie  die  Partialstichometrie  zu  nennen  vorschlägt,  weil s,iehometr:e 
die  Zahl  der  Stichen  des  Textes  in  bestimmten  Intervallen  am  Rande 
eingetragen  war.^  Bei  manchen  Handschriften  findet  man  gerade 
bei  jedem  hundertsten  Verse  eine  beigeschriebene  Zahl.  So  beobach- 
tete Schanz  im  c.  Clarkianus  des  Plato  eine  zusammenhängende  Reihe 
von  Buchstaben  am  Rande  nach  je  68 — 75  (meist  jedoch  71)  Zeilen 
der  Handschrift.  Beim  Auszählen  der  Buchstaben  ergab  sich  im 
Ivratvlos  3556.  im  Symposion  3432  als  Gesamtsumme.  Da  nun  in 
der  Ilias  bankesiana  (s.  u.  S.  101)  immer  der  100.  Vers  bezeichnet  ist 
(200  =  ß,  300  =  y  usw.).  so  dividierte  Schanz  die  gefundene  Summe 
der  Buchstaben  und  berechnete  den  azl/oi  im  Kratylos  auf  ungefähr  35, 
im  Symposion  auf  ungefähr  34  Buchstaben  für  die  Vorlage  des  c.  Clar- 
kiaim^.  was  mit  den  von  Graux  gefundenen  Zahlen  vorzüglich  überein- 
stimmt. 

Die  Entdeckung  von  Schanz  wii'd  bestätigt  durch  W.  Christ,  der  ähn- 
liche Beobachtungen  an  den  Handschriften  des  Demosthenes  machte.^ 
und  vervollständigt  für  Demosthenes  durch  Buermann,  Hermes  21  S.  34  ^emosthe- 
und  Burger,  Hermes  22  S.  650  und  für  Isocrates  durch  K.  Fuhr.  Rhein,  isocrates 
Mus.  37.  1882  S.  468—471.  Er  faßt  das  Resultat  S.  471  dahin  zu- 
sammen: Der  Urbinas  [des  Isocrates]  zählt  am  Rande  jede  Rede  nach 
100  Zeilen,  die  Zeilenlänge  schwankt  zwischen  35.16  und  37,85  Buch- 
staben —  —  wir  haben  hier  den  interessanten  Fall  einer  Vereinigung 
von  Partial-  und Totalstichometrie.  Der  bereits  genannte  Fr. Bürger^  hat 
diese  Beobachtungen  weiter  verfolgen  wollen  im  Hermes  (1891)  26  S.  463: 
Stichometrisches  zu  Herodot.  Er  fand  im  c.  Paris.  1633  immer  nach  Heiodot 
57—61  Zeilen  der  Handschrift  den  Buchstaben  P,  der,  wie  er  meinte, 
immer  die  hundertste  Zeile  des  Archetypus  bezeichnet,  oder  genauer 
genommen,  den  Raum  von  100  Zeilen;  denn  bei  größeren  Überschriften, 
z.  B.  Buchanfängen,  ist  die  Zahl  der  Zeilen  geringer  (S.  470).  Stein 
(Hermes  27.  1892  S.  159)  hat  jedoch  den  Irrtum  aufgeklärt.  P(agina) 
bezieht  sich  auf  die  Herodotausgabe  von  H.  Stephanus  vom  Jahre  1570.* 

'  Auf  Cylinder-Inschriften  in  Niuive,  vgl.  Bezold,  Centralbl.  f.  Bibl.  21.  1904 
S.  271,  wird  Partialstichometrie  angewendet;  ein  54  zeiliger  Text  hat  als  Raud- 
ziffern  10,10,10,10,10,4.  Dabei  werden  nicht  die  Schriftzeilen,  sondern  die 
Sätze  (cola)  gerechnet. 

-  Die  Atticusausgabe  des  Demosthenes  s.  Abh.  d.  philos.-philol.  Kl.  d.  Kgl. 
Bayr.  Akad.  d.  Wiss.  16.     München  1882. 

^  Burger,  Fr.,  Stichometr.  Untersuchungen  zu  Demosthenes  und  Herodot. 
Inaug.-Diss.  v.  Erlangen.     München  1892. 

*  Vgl.  Drachmann,  Stichometrisches  zu  Plutarch.  Hermes  30.  1895  S.  475. 
Gardthausen,  Gr.  Paläograpliio.    2.  .\ufl.    II.  6 


—     82     — 
Eecapituia-  ^i^.    kommeu    also.    um   dies   hier  noch  einmal  zu  recapitulieren, 

tion 

ZU  folgendem  Resultat:  Es  gab  Eaumzeilen  und  Siunzeilen.  die  sich 
am  besten  so  unterscheiden  lassen,  wenn  wir  den  Ausdruck  mixoi  auf 
jene,  die  Bezeichnung  xGAa  dagegen  auf  diese  beschränken;  die  ersteren 
sind  natürlicher  und  älter,  während  die  letzteren  sich  nur  bei  (heid- 
nischen und  christlichen)  Büchern  nachweisen  lassen,  die  für  den 
rednerischen  Vortrag  geschrieben  wurden.  —  Die  Anfänge  der  Zeilen- 
Anfänge  Zählung  hängen  mit  der  Entwicklung  der  Papyrusrolle  zusammen.^ 
Aber  ihre  Ausbildung  haben  die  stichometrischen  Angaben  in  der 
Alexandrinischen  Bibliothek  erhalten.  Wir  finden  dieselbe  in  einem 
Fragmente  aus  Theopomps  Philippica  (F.  H.  Gr.  ed.  Müller  I  p.  282 
Nr.  26):  Kai  ojq,  ovx  äv  sir]  ccvra  jTccgä'Aoyor,  ävTiTtoiovfxivq)  rcov  ttoo)- 
retcov,  ovx  k.)MTT6vcov  fiev  })  Siafiyotcov  hnßv,  rovg  k7iiüeiXTixov<s  rojv 
}.öyav  (jvyy()aifjcifjievq},  TiXetovg  de  ))  Tievrexa/Öexc:  fivoidöag,  kv  oig  rag 
re  Tüjv  'Ekh'jvcov  xal  Bagßdoojv  Tigd^sig  fiexgt  vvv  cmayyeHofiu'ag  [eor/] 
laßsTv.  Nach  der  Angabe  des  Dionys  v,  Halik.  (De  Thuc.  jud.  10,  5) 
enthielten  die  87  Kapitel  des  ersten  thukydideischen  Buches  2000  rrT(/0(, 
die  Kämpfe  von  Sphakteria  usw.  mehr  als  300  frrt/oi  (c.  13,4)  das 
prooemium  (bis  c.  23)  500  (c.  19,  1),  die  Eeflexion  über  den  Bürgerkrieg 
auf  Kerkyra  (3,  82.  83)  100  ari/oi  (c.  33,  1).  In  gleicher  Weise  hat 
auch  Josephus  am  Schlüsse  seiner  Archäologie  die  Zahl  der  Stichen 
selbst  angegeben:  kiil  tovtoi^  xarancivcrco  tijv  ao-/aio'koyiar  ßißXoig 
f.iev  sYxoffi  7isyiei'Arjfif.dv7]v,  £|  de  f.LVoic/.(jt  axiyjov.  Diese  Angaben  des 
Theopomp  und  Josephus  sind  natürlich  rein  bibliographisch  aufzufassen. 
In  einem  Euripidesfragment  (ün  papyrus  in^dit  de  la  bibl.  de  M.  A.  Fir- 
min-Didot.  Paris  1879)  aus  der  ersten  Hälfte  des  2.  Jahrh.  v.  Chr.  lies 
man  am  Schlüsse  CTIXOI  MA.  Zu  den  ältesten  unter  den  erhaltenen 
gehören  auch  die  stichometrischen  Angaben  der  volumina  herculanensia 
s>lren  (Ritschl  a.  a.  0.  S.  81);  die  letzten  Spuren  führen  bis  ins  13. — 14.  Jahr- 
hundert,^  z.  B.  c.  Coisl.  XVII  saec.  XIII  fol.  302:  'lei^exit/k  frrixoi  i]Q-xe\ 
und  Bodl.  Seiden.  5  (I  p.  585)  s.  XIII  ineunt.  Ein  Plutarchcodex  s.  XIV 
c.  Matr.  55  trägt  die  Unterschrift: 

"J"   inxiccc:  —  ^i'/oi   fTvvä(xq)(o  ^•?|// .  "^|" 


^  Graux,  Ch.,  Les  articles  originaux.  Paris  1893  p.  71:  La  stichometrie  est 
bien  anterieure  aux  Alexandrins;  eile  leur  ä  survecu. 

-  Vgl.  Biblioth.  Coisliu.  p.  61.  Ein  Beispiel  aus  dem  Jahre  1168  .<.  Montf. 
Pal.  Gr.  p.  305—306.  Vgl.  im  allgem.  Haeberlin  in  Bursians  Jahresbcr.  85  (1895. 
III)  S.  13.5—189. 


—     83     — 

IL  Arten  griechischer  Volkssehrift.' 

Erstes  Kapitel. 

„Daß  die  geschichtlichen  Veränderungen  einer  Schrift",  sagt  Ritschl,^  Eitschi 
.,nicht  Sache  des  Zufalls  oder  der  Willkür  sind,  sondern  vielmehr  im 
Zusammenhange  mit  einer  inneren  Entwicklung  stehen,  die  nach  ge-  ^"u^g*^" 
wissen  hestimmenden  Gesetzen  oder  nach  leitenden  Trieben  vor  sich 
geht,  wird  wohl  im  allgemeinen  von  niemand  verkannt:  wie  denn  auf 
dieser  Einsicht  der  ganze  Begriff  einer  wissenschaftlichen  ,Paläographie' 
beruht.'' 

Die  Schrift  ist  wie  die  Sprache  ein  Mittel  zur  Verständigung  der 
Volksgenossen.  Der  Einzelne  hat  also  nicht  das  Eecht  und  die  Mög- 
lichkeit, an  einer  Volksschrift  beliebige  Änderungen  zu  machen;  auch 
wenn  er  überzeugt  ist,  daß  sich  dasselbe  auf  einfachere  Weise  erreichen 
ließe.  Wenn  ich  einen  Ochsenkopf  oder  eine  Tür,  obschon  vereinfacht, 
malen  muß,  um  einen  Buchstaben  zu  schreiben,  so  liegt  es  nahe,  die 
Zeichen  zu  vereinfachen.  Anderseits  ist  es  selbstverständlich,  daß 
die  Eeformen  sich  innerhalb  bestimmter  Grenzen  halten  müssen,  weil 
die  reformierte  Schrift  sonst  nicht  mehr  verstanden  wird. 

Darin  liegt    1.  das  conservative  und    2.  das  umbildende  Ele- u*!°umbnd.^' 
ment,  die  in  jeder  Volksschrift  miteinander  streiten;  und  die  Bequem-  ^'®™«°^ 
lichkeit  des  Schreibers,    der    die    größere   Mühe  scheut,    verschafft    oft 
jenem  zweiten  Elemente  den  Sieg. 

Wie  der  Sprachforscher  oft  geneigt  ist,  in  jeder  Neubildung  der 
Sprache  nichts  anderes  zu  sehen,  als  Verfall  und  Entartung  guter  verfall 
alter  Formen,  so  drängen  sich  auch  bei  dem  Bilde  der  Sprache,  der 
Schrift,  dem  Paläographen  ähnliche  Gedanken  auf.  Die  Grundlage, 
auf  welche  derselbe  alle  die  mannigfachen  Erscheinungsformen  der 
griechischen  Schrift  zurückführen  kann,  bleibt  immer  das  Alphabet 
der  Inschriften.  Wie  sich  aus  den  verschiedenen  Dialecten  eine  gemein- 
griechische xoiri]  gebildet  hatte,  so  war  auch  aus  den  Nationalschriften 
der  einzelnen  Stämme  ein  gemeingriechisches  Alphabet  entstanden. 
Schon  seit  der  frühesten  Zeit  hatte  man  mannigfache  Veränderungen 
durchgeführt  in  bezug  auf  den  Umfang  und  die  Formen;  und  das  so 
gebildete  epigraphische  Alphabet  hatte  dann  wieder  auf  paläographi- 
schein  (Tcbiete  noch  weitere  Reformen  durchzumachen,  denn  wenn  ein 
Alphabet  von  Stein  oder  Erz  auf  einen  anderen  Stoff  übertragen  wird, 
so  ruft  schon  dieser  Übergang  mannigfache  Veränderungen  hervor;  es 
ändert  sich  nicht  nur  das  Schreibmaterial,  sondern  die  Schrift  gewinnt 


*  Vgl.  Jacob,  Scriptura  bei  Daromberg  et  Saglio,  Dietionnaire  des  ant.  s.  v. 
2  Rhein.  Museum  1869  S.  1  (Opuscula  4^  691). 

6* 


—     84     — 

auf  Papyrus  und  Pergament  einen  wesentlich  neuen  Charakter,  nament- 
lich weil  auf  dem  neuen  Felde  die  Individualität  des  Schreibenden  in 
ganz  anderer  Weise  zur  Geltung  kommt. 

Wo  sich  die  alten  Traditionen  am  vollständigsten  erhalten  haben, 
wo    der  Schreiber    auf   durchgängige  Verbindung   der  Buchstaben  ver- 
zichtet und  dieselben  meist  unverbunden  nebeneinander  setzt,  da  pflegen 
Capital- und    •     ^-g  gchrift  als  Capital-  und  Uncialschrift  zu  bezeichnen.    Aber 

Uncialschnft  ^  t    i  j 

das  neue  Schreibmaterial,  Papyrus  und  Schreibrohr,  ermöglicht  und 
bewirkt  vielfach  neue  Formen  und  Verbindungen  der  Buchstaben,  und 
so  entsteht  aus  der  Unciale  die  Cursive.^ 

Wie  die  Unciale  ungefähr  der  Buchschrift  entspricht,  so  die 
Briefschrift  Cursivc  der  Briefschrift;  und  ich  würde  diesem  Namen  den  Vorzug 
geben,  wenn  der  Ausdruck  Cursive  sich  nicht  einmal  eingebürgert  hätte, 
und  die  Griechen  diesen  Namen  auf  ihre  eigene  Schrift  angewendet 
hätten.  Briefschrift  nannten  sie  aber  nur  die  demotische  Schrift  der 
Ägypter,  die  zur  hieroglyphischen  in  einem  ähnlichen  Verhältnis  steht 
wie  die  griechische  Cursive  zur  Unciale.  —  Mit  Recht  sagt  allerdings 
Kenyon:^  Papyri  wkich  were  meant  io  he  boocks  were  written  in  quife 
differents  hands  from  the  papyri  ivhich  were  meant  to  he  documents,  ivellw 
official  or  private;  allein  ganz  so  scharf  ist  die  Grenzlinie  zwischen 
Buch-  und  Briefschrift  doch  nicht  immer  gezogen.  Der  von  Kenyon 
herausgegebene  Aristoteles-Papyrus  hat  z.  B.  schon  manche  Anklänge 
an  die  Schrift  des  täglichen  Lebens  und  noch  mehr  die  Leipziger 
Papyruspsalmen,  die  Heinrici  herausgegeben  hat:  während  anderseits 
Actenstücke  des  täglichen  Lebens  gelegentlich  in  wirklicher  Bücher- 
schrift geschrieben  sind.  Von  einer  Petition  (Brit.  Mus.  Papyr.  CCCLIV) 
sagt  Kenyon  selbst:^  a  doeument  of  no7i-literary  charaeter,  hut  written  in 
a  careful  and  most  elaborate  hook-hand. 

Gewissermaßen  in  der  Mitte  zwischen  der  kalligraphischen  Buch- 
schrift des  Buchhandels  und  der  Briefschrift  des  täglichen  Lebens  steht 
die  Buchschrift  des  Privatmanns.^  Dziatzko,  Buchwesen  S.  152  ff.,  sucht 
.ibschrift  den  Unterschied  zwischen  Privatabschrift  und  Buchhändler-Exemplar 
an  den  erhaltenen  Papyrusrollen  nachzuweisen;  er  glaubt  sie  zu 
erkennen  1.  am  Ductus  der  Schrift;  2.  an  der  Art  der  Correcturen: 
3.  am  Zusammenfallen  von  Buch-  und  Eollenende;  4.  an  nicht  opisto- 
graphischer  Anordnung;  5.  an  stichometrischen  Zeichen;  6.  an  der 
sorgfältigen  Durchführung  der  kritischen  Zeichen. 


^  Diels,  Sitzungsber.  der  Berl.  Akad.  1899  S.  847:  Zuerst  leidlieh  feste  „Buch- 
f<clirift",  die  stellenweise  zur  Cursive  neigt  —  —  —  dann  zur  ausgesprocheiieu 
Cursive  übergeht. 

-  Palaeogr.  of  gr.  papyri  p.  9. 

^  Palaeogr.  of  gr.  pap.  p.  82. 

*  Siehe  oben  1  S.  64. 


—     85     — 

Es  tritt  entschieden  das  Streben  zutage,  das  ursprünglich  lapidare  cursive 
Alphabet  immer  flüchtiger  und  immer  verbindungsfähiger  zu  gestalten. 
Allerdings  kann  der  Paläograph  diesen  unstreitigen  Fortschritt  mit 
Eecht  als  Verfall  bezeichnen;  und  dieser  Verfall  nimmt  im  weiteren 
Verlaufe  sehr  rasch  zu,  so  daß  die  späteste  Cursive  in  der  Tat  sehr 
stark  von  der  älteren  sich  unterscheidet.  Der  Unterschied,  der  zwischen 
der  älteren  Cursive  und  der  Unciale  besteht,  ist  groß,  aber  doch  kleiner, 
als  bei  der  späteren.  In  der  Theorie  halten  sich  die  meisten  Buch- 
staben der  älteren  Schriftarten  innerhalb  der  Grundform  eines  Quadrats, 
die  der  jungen  Cursive  überschreiten  diese  Grenze  nach  oben  und  nach 
unten.  Es  empfiehlt  sich  daher,  hier  eine  Scheidung  eintreten  zu  lassen 
in  eine  Majuskel-  und  eine  Minuskelcursive,  je  nach  dem  Vor-  ^^'^in^d^'' 
walten  dieses  oder  jenes  Elements.  ^curs^^e'' 

Kenyon  hat  eine  andere  Einteilung  durchgeführt,  er  redet  von 
ptolemäischer,  römischer  und  byzantinischer  Cursive.  Allein  für  paläo- 
graphische  Fragen  brauchen  wir  Einteilungen  und  Perioden  der  Graphik 
nicht  der  politischen  Geschichte;  wenn  auch  beide  in  enger  Berührung 
stehen,  so  fallen  sie  doch  keineswegs  immer  zusammen.  Ob  ein  Schrift- 
stück der  Majuskel-  oder  der  Minuskelcursive  zuzuweisen  ist,  kann  ein 
jeder  nach  der  Schrift  selbst  sofort  entscheiden,  ob  aber  der  byzan- 
tinischen Cursive  oder  nicht,  ist  manchmal  sehr  schwierig.  Zunächst 
müßten  alle  darüber  einig  sein,  wann  die  byzantinische  Periode  beginnt, 
was  bekanntlich  sehr  strittig  ist^  Kenyon  beginnt  diese  Periode  erst 
mit  dem  sechsten  Jahrhundert. 

Aber  selbst  wenn  man  sich  über  beide  Grenzen  nach  oben  und 
unten  geeinigt  hätte,  so  erheben  sich  neue  Schwierigkeiten,  wenn  z.  B. 
an  der  Grenze  der  römisch-byzantinischen  Zeit  ein  Schriftstück  un- 
gewöhnlich lange  den  alten  Schriftcharakter  beibehalten  hat.  Nach 
der  Schrift  müssen  wir  es  der  römischen  Periode  zuweisen  und  können 
doch  vielleicht  geschichtlich  nachweisen,  daß  es  in  byzantinischer  Zeit 
geschrieben  ist.  Wenn  dagegen  eine  graphische  Einteilung  durch- 
geführt wird,  so  ist  diese  Schwierigkeit  nicht  vorhanden. 

Will  man  diese  graphische  Einteilung  mit  der  geschichtlichen  in 
Verbindung  setzen,  so  kann  man  zwischen  der  älteren  ptolemäischen 
und  der  jüngeren  römischen  Majuskelcursive  scheiden;  die  Minuskel- 
cursive braucht  einen  solchen  Zusatz  nicht;  sie  ist  immer  byzantinisch, 
resp.  für  die  letzte  Zeit  arabisch. 

Der  Name  Minuskelcursive   rechtfertigt   sich   von   selbst  durch  die  ^"nuskei- 

°  cursive 

Geschichte  der  Schrift.  Es  hatte  sich  allmählich  ein  Unterschied  heraus- 
gebildet zwischen  großen  und  kleinen  Buchstaben^  den  es  ursprünglich 
nicht  gab.  Die  meisten  behielten  mittlere  Größe,  aber  einige  ragten 
nach  oben,  andere  nach  unten  hervor,  wodurch  das  rasche  Erfassen 
des  Wortbildes  wesentlich  erleichtert  wurde.    Dieser  Unterschied  wurde 


—     86     — 

daher  nicht  nur  in  der  Minuskelcursive.  sondern  auch  in  der  Minuskel 
beibehalten.  In  der  Unciale  herrschte  mit  geringen  Ausnahmen  das 
ZweiliniensYstem:  in  der  Minuskelcursive  ebenso  wie  in  der  Minuskel 
dagegen  das  Vierliniensystem  der  Buchstaben.  —  In  den  späteren  Papyrus- 
urkunden vollzieht  sich  eine  so  gründliche  Umbildung  des  ursprüng- 
lichen Alphabets,  daß  man  oft  Mühe  hat,  einen  Buchstaben  wieder 
zu  erkennen;  und  diese  Veränderungen  stellen  sich  dem  Auge  zunächst 
keineswegs  als  Verbesserungen  oder  Verschönerungen  dar.  Ahnlich 
wie  den  Kunstwerken  des  6.  und  7.  Jahrhunderts  trotz  der  unleugbaren 
Tradition,  die  sie  mit  dem  Altertum  verbindet,  doch  der  Sinn  für 
Schönheit,  Proportion  und  Großartigkeit  abhanden  gekommen  ist,  so 
charakterisiert  sich  auch  die  junge  Cursive  durch  ähnliche  Mängel.  — 
Erst  spät  sah  man  ein,  daß  es  unmöglich  sei,  auf  dem  eingeschlagenen 
Wege  noch  weiter  vorzugehen.  Der  Unterschied  zwischen  der  Buch- 
schrift (Unciale)  und  der  Briefschrift  (Cursive)  war  immer  größer  ge- 
worden, man  hatte  keine  einheitliche  Schrift  mehr.  Um  diese  wieder 
herzustellen,  konnte  man  die  Unciale  nicht  wählen,  denn  sie  war  für 
die  Bedürfnisse  des  täglichen  Lebens  viel  zu  mühsam:  also  blieb  nur 
die  Cursive  übrig,  welche  nun  so  sorgfältig  wie  die  Unciale  geschrieben, 
auch  für  Bücher  angewendet  wurde,  während  die  Unciale,  wenn  auch 
langsam  nach  Jahrhunderten,  aufgegeben  wurde.  Die  Minuskelcursive 
gewinnt  also  bei  einigen  Schreibern  wieder  Haltung  und  Festigkeit; 
man  brach  keineswegs  mit  der  Vergangenheit,  sondern  man  zog  gewisser- 
maßen die  Eesultate  der  bisherigen  Entwicklung:  indem  man  die 
Cursive  stilisierte  und  ins  Kalligraphische  übertrug,  erfand  man  die 
Minuskelschrift. 

Andere  Schreiber  der  Minuskelcursive  blieben  aber  von  dieser 
Keform  vollständig  unberührt;  sie  schrieben  in  der  alten  Weise  weiter 
eine   häßliche  haltlose,   aber  nicht  immer  undeutliche  Schrift;   es   sind 

Ausläufer  die  letzten  Ausläufer  einer  langen  Strömung,  die  nun  endlich  im 
Sande  verlaufen  mußte.  Nur  im  Orient  finden  wir  noch  die  Ausläufer 
dieser  jüngsten  Papyrus  cursive  auf  Pergament  und  Papier  (s.  m.  Beitr. 
z.  Gr.  Pal.  Taf,  1  und  3)  zu  einer  Zeit,  da  man  in  Europa  schon  all- 
gemein zur  Minuskel  übergegangen  war.  Mehrere  Handschriften  der 
Sinaibibliothek  zeigen,  daß  diese  Schrift  nicht  vor  dem  10.  Jahrhundert 
anfing  auszusterben. 

^chruf  -^^^  Minuskelschrift  hat  im  Laufe  der  Jahrhunderte  Veränderungen 

durchgemacht,  die  nicht  viel  geringer  sind  als  die  der  Cursive.  Der 
Übergang  von  der  alten  zur  mittleren  und  namentlich  zur  jungen 
Minuskel  zeigt  einen  stets  fortschreitenden  Verfall  und  Verwilderung, 
der  erst  in  der  Schrift  der  Eenaissancezeit  Einhalt  geboten  wurde^  als 
die  Schreiber  wieder  nach  Schönheit  und  Gleichmäßigkeit  trachteten. 
Aber   das   consei'vative   Element,   das  durch  den  Buchdruck  hinzukam. 


—     87     — 

setzte  diesen  Umbildungen  endlich  ein  Ziel,  wenigstens  für  das  Abend- 
land. Wohin  ein  weiteres  Verfolgen  dieses  abschüssigen  Wegs  geführt 
hätte,  zeigt  die  neugriechische  Cursive,  die  allerdings  direct  anknüpft  ^"^'{f^^^g'^- 
an  die  ausgeschriebene  Minuskel  des  17.  Jahrhunderts,  aber  auch  so- 
weit umgebildet  ist,  daß  sie  für  jeden  Fremden  nur  sehr  schwer  zu 
lesen  ist.  Eationeller  und  lesbarer  ist  die  Druck-  und  Schreibschrift  Druckschrift 
des  Abendlandes,  die  aber  ebenfalls  nie  und  nirgends  in  dieser  Weise 
geschrieben  wurde:  es  täte  not,  zurückzukehren  zu  der  schönen  Minuskel 
des  9. — 10.  Jahrhunderts. 

Während  diese   Schriftarten    in   ununterbrochener  Kette   sich  aus    '^'■'^^Jr 

graphie 

einander  entwickeln,  behauptet  die  griechische  Tachygraphie  eine  viel 
selbständigere  Stellung:  sie  zweigte  sich  schon  in  den  ersten  Jahr- 
hunderten vor  Christi  Geburt  von  der  Uncialschrift  ab  (s.  u.)  und  hat 
seitdem  der  gewöhnlichen  Schrift  mehr  Anregung  gegeben  als  von  ihr 
empfangen,  die  selbst  nach  dem  Erlöschen  dieser  Schrift  nicht  aufhört 
sich  geltend  zu  machen. 


d.  Inschriften  ^ 

A'                 \4 

\^^  ■■■>        V 

\.       1 

^\ 

if 

'  -4% 

Druckschrift 

\ 

^    ■■•  y<, 

% 

% 

% 

\:j 

'  Viil.   das  Schema   der  Schriftarten  (mit  Beispielen)  bei  Wesscly,  Prolego- 
mena  p.  9. 


—     88     — 

ünciale. 

Die  ünciale^  kann  man  ohne  Bedenken  als  die  älteste  paläo- 
graphische  Schrift  bezeichnen,  wenn  auch  zugegeben  werden  muß.  daß 
es  cursive  Schriftstücke  gibt,  die  sich  durch  ein  hohes  Alter  auszeich- 
nen; denn  die  Cursive  hat  sich  aus  der  Unciale,  diese  aber  aus  dem 
Alphabet  der  Inschriften  ^  entwickelt.  Je  mehr  nun  eine  paläographische 
Schriftart  sich  der  epigraphischen  nähert,  je  mehr  die  Buchstaben  von 
gleicher  Höhe  und  in  Kreise  oder  Quadrate  eingeschlossen  sind  oder 
doch  aus  Teilen  dieser  Figuren  bestehen,  desto  mehr  verdient  sie  die 
*'''"odl?'  Bezeichnung  der  Quadrat-  oder  Capitalschrift.^  —  Dieser  Ausdruck, 
*;Xm"  ^^^  sich  in  der  lateinischen  Paläographie  vollständig  eingebürgert,  ist 
für  die  griechische  nach  Wattenbachs  Vorschlagt  aufgegeben,  weil  eine 
so  scharfe  Sonderung  und  eine  so  stilgerechte  Durchbildung  der  ein- 
zelnen Buchstaben  nicht  erfolgte,  oder  doch  nicht  die  Verbreitung 
wie  im  Lateinischen  gefunden  hat;  obwohl  beide  Extreme  sich  ohne 
Mühe  nachweisen  lassen.  Wenn  man  z.  B,  das  Alphabet  des  c.  Sinai- 
ticus  vergleicht  mit  dem  der  schottisch-griechischen  Handschriften,  so 
hat  man  auf  der  einen  Seite  Quadrat-,  auf  der  anderen  Uncialschrift; 
da  man  sich  aber  einmal  aus  praktischen  Gründen  entschließt,  die 
eine  dieser  Bezeichnungen  aufzugeben,  so  würde  es  sich  vielleicht 
mehr  empfohlen  haben,  auf  den  Namen  der  Unciale  zu  verzichten, 
weil  die  Merkmale  der  lateinischen  doch  nur  auf  eine  kleine  Anzahl 
der  griechischen  Handschriften  j)assen.  Allein  da  der  Name  einer  der 
wenigen  Ausdrücke  ist,  die  sich  in  der  griechischen  Paläographie  bereits 
eingebürgert  haben,  so  wäre  es  vergeblich,  irgend  etwas  ändern  zu 
wollen,  zumal  da  diese  Benennung  im  Griechischen  sowohl  wie  im 
Lateinischen  rein  conventioneller  Natur  ist  und  ursprünglich  nichts 
weiter  als  ungewöhnlich  große  ^  Buchstaben  bezeichnet.  In  diesem  Sinne 
braucht  bereits  Hieronymus  den  Namen  in  seiner  Einleitung  zum  Hiob. 


'  Griechisch  aiQoyYvAÖiTxit^og  oder  uiooyyvlo-  yuony.n'jo.  Die  griechisclie  Be- 
zeichnung i.st  sicher  passender  als  die  lateinische.  —  Nissen,  W.,  Die  Diataxis  des 
Mich.  Attaleiates  vom  Jahre  1077.  Jena  1893  vermutet,  daß  /.iröc  und  /.nuyouffoc 
soviel  bedeute  wie  Uncialschrift. 

-  Larfeld,  W.,  Handb.  d.  griech.  Epigraphik  2.  Leipzig  1902  S.  387:  Schrift- 
zeichen. —  Für  das  Koptische  wichtiger  als  für  das  Griechische  ist  eine  Abhand- 
lung, übersetzt  im  Museon  N.  S.  1.  Louvain  1901.  1  u.  105  (bes.  129  ff.):  Les 
mysteres  de  lettres  grecques  (nach  koptischer  Handschrift  vom  .Jahre  1109). 

^  Capital-  u.  Uncialschr.  s.  Paoli,  Lat.  Palaeogr.,  übers,  v.  Lohmeyer  1. 
1889  S.  4  ff. 

*  Anleit.  z.  gr.  Pal.-  S.  5—6. 
'     '  Pap.  Hibeh  29 :  YQÜxpas  sig  levxwfiu  fj[e]Yukoig  yQÜ^fiacni'.  Dittenberger,  0.  G. 
Inscr.  665,  11 — 13:  nvio  noo&Etvai  ancpeiTt  xai  evai/uoig  [yoüßfjaait']  'ivtt[nnp]Ti  [tx]ÖT]'/.re 
yeftjiat. 


—     89     — 

Hieronymus,  Praetat.  in  librum  lob  ed.  D.  Vallarsii  IX  p.  1100:  Habe- 
ant  qiii  volunt  veteres  libros,  vel  in  membranis  purpureis  auro  argentoque 
descriptos,  vel  uncialibus,  ut  vtilgo  ajunt,  literis,  onera  magis  exarata  quam 
Codices,  dummodo  mihi,  meisque  permittant  pauperes  habere  schedulas,  ei 
non  tarn  pulchros  Codices  quam  emendatos. 

Dazu  bemerkt  Yallarsius  p.  1101:  ünciales  quas  vocat  Hieronymus. 
literas  Glossa  in  cod.  Vaticano  135,  exponit  longas.  Budaeus  de  Asse  üb.  1 
illas  vult  pollicis  crassitudine  exaratas.  Midfo  autem  est  verisimilius,  sie 
dictas  certae  niagnitudinis  Literas,  quae  ad  unciae  granditaiem  proporlione 
qiiadam  accederent,  quarum  specimen  in  antiquioribus  nonnidlis  codicibus 
videre  est.  Eo  pacto  Cubitales  eas  vulgo  didmus,  quae  in  lapidibus  sn- 
perne  locandis  et  longius  ab  oculorum  aoie,  grandiores  quasi  ad  cubiti 
speciem  exarantur.  lllud  vero  aperte  mendosum  est  quod  praeferunt  qnidam 
mss.  initialibus. 

Es  läßt  sich  nicht  leugnen,  daß  diese  Benennung  ihr  Bedenkliches 
hat,  da  uncia^  sich  doch  auf  das  Gewicht  und  nicht  auf  die  Größe 
bezieht;  und  S.  Allen  (Classical  Eeview  17.  1903,  8)  möchte  an  jener 
Stelle  lieber  imcinalibus  lesen.-  Allein  E.  Nestle,  Uncialschrift  (Berliner 
Philol.  Wochenschr.  1909  S.  519),  weist  mit  Eecht  darauf  hin,  daß  der 
Ausdruck  Uncialschrift  doch  auf  alle  Fälle  nicht  auf  einen  Schreib- 
fehler zurückgeführt  werden  kann,  da  er  in  gleicher  Weise  auch  vom 
Servatus  Lupus  gebraucht  wird  in  einem  Briefe  an  Einhard  (Migiie. 
Patrolog.  lat.  119  p.  448  b).^ 

Groß  kann  man  die  Uncialbuchstaben  sicher  nennen,  aber  doch 
in  verschiedener  Weise.  Ein  Unterschied  in  den  paläographischen 
Buchstaben  ist  vorhanden,  ebenso  wie  er  auch  schon  in  den  epi- 
graphischen —  wenn  auch  in  geringem  Grade  —  vorhanden  war. 
Denn  auch  hier  ist  die  vollständige  Gleichmäßigkeit  bei  quadratischer 
Grundfläche  eigentlich  nur  eine  theoretische  Forderung.  Die  archaischen 
Inschriften  entsj)rechen  diesen  Anforderungen  durchaus  nicht,  dann 
kommt  allerdings  eine  klassische  Zeit,  die  den  Ansprüchen  der  Schön- 
heit und  Gleichmäßigkeit  ungefähr  genügte,  bis  man  in  der  Zeit  des 
A'erfalls  wieder  zu  der  früheren  Ungleichmäßigkeit  zurückkehrte.  Noch 
viel  größer  ist  die  Ungleichmäßigkeit  der  paläographischen  Formen; 
aber  auch  hier  hat  die  Zeit  und  Mode  vielfach  gewechselt.  In  künst- 
lerischer Beziehung  mag  die  Aufgabe  der  Gleichmäßigkeit  ein  Eück- 
schritt  sein,  in  graphischer  dagegen  ist  sie  ein  Fortschritt,  der  auch 
in  der  späteren  Zeit  nie  wieder  aufgegeben,  sondern  sogar  noch  weiter 


^  Ob  uncia  babylonischer  Herkunft  ist,  wie  E.  Assmaiin  annimmt  (Nomisina  5. 
1910  S.  8),  ist  für  unsern  Zweck  gleichgültig. 

-  Falconer  Madan,  Uncial  or  UnciualV    Class.  Kev.  18.  1904  p.  48. 
»  Vgl.  Heraeus,  Berl.  Phil-.l.  Wochenschr.  1910  S.  253—254. 


—     90     — 

ausgebildet  wurde  und  bald  zu  einer  Durchbildung  der  mittleren,  hohen 
und  tiefen  Buchstaben  führte.  Denn  die  hohen  und  tiefen  Buchstaben 
erleichtern  das  Verständnis  und  das  Lesen.  In  der  paläographischen 
ünciale  der  späteren  Zeit  kann  man  für  die  meisten  Buchstaben  fol- 
gende Grundformen  unterscheiden: 

D    rHZNHTX  I      I 

D    BP0Y  A    AAA 

□    a^M  O0O€C  (nicht  0) 

Nur  wenige  Buchstaben  schwanken  wie  z.  B.  x  {]<]  und  lassen  sich 
diesem  Schema  nicht  einordnen. 

Die  großen  Buchstaben  der  ältesten  Bücher  und  Aufzeichnungen 
sind  natürlich  zunächst  dieselben  wie  die  der  gleichzeitigen  Inschriften ; 
wenn  auch  die  Ausführung  der  Buchstaben  auf  Papyrus  bald  bestimmte 
Abänderungen  gegen  die  Steinschrift  bedingte. 

Das  wurde  früher  meistens  verkannt;  wenn  man  von  den  Formen 
der  Pergamenthandschriften  des  vierten  nachchristlichen  Jahrhunderts 
ausging,  die  mit  dem  Schriftcharakter  der  Insclniften  verglichen  wurden, 
so  schienen  beide  durch  eine  breite  Kluft  getrennt  zu  sein.  Seitdem  aber 
sind  Papyrusurkunden  gefunden,  die  mehr  als  ein  halbes  Jahrtausend 
älter  sind.  Für  dieses  halbe  Jahrtausend  haben  wir  sonst  nur  noch 
die  Inschriften  der  Vasen  und  es  wäre  eine  interessante  Aufgabe,  im 
einzelnen  einmal  die  Buchstabenformen  von  Papyrus  und  Vasen  mit- 
einander zu  vergleichen.^  Die  Schrift  der  ältesten  ist  in  der  Tat  nur 
wenig  verschieden  von  den  epigraphischen  Charakteren.  Es  gibt  nur 
wenige  ganz  archaische  Formen  wie  (g>,  h  (=  i),  BB,  5(=  ^)  nsw.,  die  sich 
auf  Papyrus  nicht  nachweisen  lassen,  wenn  sie  auch  zum  Teil  in  den 
Beischriften  der  Vasen  Verwendung  finden. 

Hier  hat  man  also  endlich  die  Mittelglieder  gefunden,  die  früher 
zwischen  paläographischer  und  epigraphischer  Schrift  vermißt  wurden. 
Identisch  sind  beide  Schriftarten  auch  jetzt  nicht,  aber  ihre  Ähnlichkeit 
ist  doch  viel  größer,  als  man  ursprünglich  annahm.  Später  allerdings 
folgte  in  nachchristlicher  Zeit  eine  Periode  der  Trennung,  in  der  be- 
stimmte Formen  nur  in  Inschriften  oder  nur  in  Handschriften  ver- 
wendet wurden,  bis  schließlich  das  gelehrte  Studium  wieder  eine  Art 
von  Einigung  herbeiführte,  indem  die  Schreiber  der  Renaissancezeit 
in  ihren  Handschriften  gelegentlich  auch  epigraphische  Formen  nicht 
verschmähten;  so  wendete  der  Schreiber  des  cod.  Paris.  1851   im  Jahre 

1402  Formen  an   wie    A  EPN^Q   ,    von    denen    die    beiden    ersten 

und  letzten  bereits  in  einem  kryptographischen  Alphabet  vom  Jahre  1332- 
verwendet  wurden. 


^  V^l.  Ki-etschmer,  P.,  Griech.  Yaseninschr.  1894. 
-  Sif'he  Montfaueon,  Pal.  Gr.  p.  28.^. 


—     91     — 
Älteste  Papyrusunciale.  ^ 

AAAfXAr>^I?oA5'nYö;Ah'^fAK^^öo;f7-AN 
T-/^>^^/f^f^fA^föAAA<7Y^A^/et^fo^AjAK 

^)j.',  ixccraßö'Ae  TIv&i',  äyväv  ih^oi^  xuv- 
d's  Tiöhv  (Tvv  ÖXßat,  nifinoiv  c:7ii'if.ioi'i  '/.c.oji 
Tcoid'  eloijvav  j^c/.llovaccv  evvofiiai'. 

Fig.  44.    Timotheus-Papyru;<  (etwas  A^erkleinertj. 
Wissensch.  VeröÖ'entl.  d.  dtsch.  Drientges.  3.  1903  T.  6. 

Mit  Recht  hat  Ritschi  einmal  behauptet,  daß  eigentlich  jeder  Be- 
schreibstoff seine  besondere  Paläographie  haben  müsse,  jedenfalls  gilt 
dies  Tom  Papyrus  und  Pergament,  deren  Natur  und  Oberfläche  so 
verschieden  ist,  daß  sie  auch  eine  Verschiedenheit  der  Schritt  bedingt. 
Es  gibt  allerdings  Pergamenthandschriften  mit  Papyrusschrift;  Kenyon, 
Palaeogr.pap.gr.  p.  119  verweist  z.  B.  auf  Demosthenes,  De  falsa  legatione 
und  auf  das  Evangelium  und  die  Apokalypse  Petri.  Auch  die  breite 
ünciale  des  Amherst.  Papyrus  (I  pl.  3  ff.)  nähert  sich  bereits  der  gleich- 
zeitigen Pergamentschrift.  Aber  im  übrigen  ist  der  Unterschied  groß 
und  deutlich,  und  diese  Ausnahmen  bestätigen  nur  die  Regel. 

Die  Papyrusunciale  muß  schon  aus  dem  Grunde  an  die  Spitze 
gestellt  werden,  weil  in  der  frühesten  Zeit,  in  der  auf  Papyrus  und 
Pergament  geschrieben  wurde,  die  Griechen  fast  ausschließlich  Papyrus 
anwendeten,  dem  das  Pergament  erst  viel  später  wirkliche  Concurrenz 
machte.  Es  gibt  also  Jahrhunderte  gerade  der  ältesten  Zeit,  für  die 
war  nur  Papyrus  und  kein  Pergament  besitzen.  Unter  den  Schrift- 
stücken der  alten  Papyrusunciale  haben  wir  also  sicher  das  älteste 
erhaltene  Buch  der  Griechen  zu  suchen.^ 


'  Kenyon,  F.  G.,   Greek   writing   B.  C.  300— A.  D.  900,    Sandars  Reader  in 

Bibliography  for   1900/01,   s.  Archiv  f.  Papyrusforsch.  2.    1902   S.  165. ,  The 

palaeography  of  the  Herculaneum  papyri  s.  Festschr.  f.  Th.  Gomperz.    Wien  1902, 

S.  373  (der  Verf.  setzt  sie  ins  1.  Jahrh.  v.  Chr.). ,  The  pakeography  of  greek 

papyri  (mit  20  Taf.).  Oxford  1899.  Vgl.  Anh.  f.  Papyrnsforf^ch.  1.  1900  S.  3.54. 
Kenyon  nennt  die  Papyrusunciale  die  Schrift  der  litterarischen  Papyri  s.  u.  (Cursive). 

—  Wessely,  C. ,  Papyrorum  scripturae  graecae  specimina  isagogica.     Lps.   1900. 

—  — ,  Studien  z.  Paläogr.  u.  Papyruskunde  1  ff'.  Leipzig  1901.  —  Grundzüge 
u.  Chrestomathie  1.  Wilcken  1  S.  XXXIII:  Die  Schrift.  S.  XXXVII:  Die 
Buchstabenfurmen.     —     — ,     Tafeln    z.    älteren    griech.    Paläogi-.     Leipzig    1891. 

—  — ,  Archiv  f.  Papyrusforsch.  1.  Leipzig  1901  ff'.  Vgl.  auch  die  Litteratur  im 
Anfang  des  Kapitels  Cursive. 

1  Kmmisch).  0..    Das   älteste  griech.  Buch:    N.  Jahrb.  f.  kl.  Alt.  1903  S.  65; 
über  den  ältesten  Brief  s.  o.  1   S.  163. 


—     92     — 

Die  Leiter  der  Palaeograpbical  Society  bezeichnen  das  ^\'iene^ 
Papyrusfragment  der  Artemisia  (Pal.  Sog.  II.  141)  als  probaUy  tke 
oldest  exiant  specimeu  of  greek  ivriting  on  papyrus.  Blass^  und  Wessely 
(11.  Jahresber.  d.  Franz  Jos.-Gymn.  Wien  1885  S.  4)  weisen  die  Schrift 
dem  vierten,  Thompson-Lambros,  Pal.  p.  215  dagegen  dem  Anfang  des 
dritten  Jahrhunderts  zu.  Eine  sichere  Entscheidung  dieser  Streitfrage 
ist  natürlich  unmöglich.  Allein,  da  man  ein  griechisches  Schriftstück, 
das  in  Ägypten  gefunden  wurde,  doch  nur  ungern  der  Zeit  vor  Alexan- 
der d.  Gr.  zuweisen  wird,  so  dürfte  der  Irrtum  nicht  allzu  groß  sein, 
wenn  wir  den  Artemisiapapyrus  ungefähr  der  Zeit  kurz  vor  300  v.  Chr. 
zuweisen. 

Auch  Kenyou  (Pal.  p.  57)  muß  den  altertümlichen  Charakter  der 
Schrift  anerkennen,  sucht  aber  den  Consequenzen  dadurch  zu  entgehen, 
daß  er  sagt:  It  is  not  the  work  of  a  professional  scribe,  but  the  uriting 
of  an  uueducafed  woman,  ivho  uses  uncial  letlres  because  she  can  form  no 
others  —  —  an  illiterate  person  allways  uses  capitals,  because  such  letters 
were  commonly  before  her  eyes  in  public  places. 

Das  ist  eine  Ausrede,  die  man  konnte  gelten  lassen,  bis  der  Ti- 
motheus-Papyrus  von  Berlin  bekannt  wurde.  Dieser  neue  Papyrus 
zeigt  ebenso  altertümliche,  epigraphische  Formen  wie  der  Fluch  der 
Artemisia  (das  2.  ist  sogar  noch  altertümlicher)  und  ist  dabei  nicht  von 
einer  ungebildeten  Frau  aus  dem  niederen  Volke,  sondern  in  regel- 
mäßiger Bücherschrift  geschrieben;  er  zeigt  Formen,  wie  wir  sie  nach 
der  Entwicklung  der  paläographischen  Charaktere  doch  für  irgend  eine 
Zeit  voraussetzen  mußten;  hier  ist  also  die  Ausrede  abgeschnitten,  daß 
diese  Schrift  in  ihrer  Zeit  nur  eine  Ausnahme  gewesen  sei;  wir  müssen 
sie  vielmehr  als  Eegel  gelten  lassen.^ 

Zu  den  ältesten  griechischen  Papyrusurkunden  gehört  auch  der 
Heirats  vertrag  vom  Jahre  310,  den  Rubensohn  veröffentlicht  hat,  Ele- 
phantine  Papyri,  Berlin  1907,  Sonderheft  der  B.  G.  U.,  p.  YII:'^  con- 
tinet  enim  pactum  dotale  factum  a.  311  a.  Chr.  n.  Alexandro  Alexandri 
Magni  filio  rege,  vgl.  Wileken,  Arch.  f.  Pap.  5,  200:  außerdem  fand  man 
in  Elephantine  noch  andere  sehr  alte  Papyri:  bei  Schubart  Nr.  3 
(300  V.  Chr.)  und  4  a  (284/83  v.  Chr.).  Dazu  kommt  noch  ein  neu 
entdeckter  Euripides- Papyrus:  The  Hibeh  Papyri  ed.  Grenfell  and 
Hunt  P.  1  Nr.  4  (pl.  I).    Euripides  (ca.  300  v.  Chr.).     This  papyrus  ivüh 

1  Philol.  41  S.  740  und  Blass,  Müllers  Handbuch  1886.  1  S.  280. 

^  Der  Timotheus-Papyrus  (gr.  u.  kl.  Ausgabe).  Leipzig  1903,  mit  T  Tafeln. 
(Wissenseh.  Veröffentl.  d.  Dtsch.  Orientges.  Heft  3.)  Vgl.  die  Anzeige  von  Blass: 
Gütt.  Gel.  Anz.  1903  S.  654;  s.  X.  Pal.  Soc.  pl.  22:  5  unciale  Alphabete.  —  ISchubart, 
Papyri  gi-aecae  Berolinenses  (Bonn  1911)  Nr.  1,  weist  den  Papyrus  dem  vierten 
Jahrh.  v.  Chr.  zu. 

^  Eine  Probe:  Papjn-i  graecae  Berol.  coli.  Schubart  Xr.  2. 


—     93     — 

€  and  9,  the  Petrie  fragment  of  the  Adveniures  of  Heracles  (Brit.  Mus. 
Pap.  592;  P.  Papyri  IL  49  \_F^;  cf.  I  jk  65)  and  the  Timotheus  papijrvs 
are  the  oldest  specimens  of  Greek  literary  uriting  that  have  been  recovered: 
p.  21  besprechen  Grenfell  und  Hunt  die  sehr  archaischen  Charaktere 
jenes  Euripidesfragments,  das  sie  nicht  für  jünger  halten,  als  den  Ti- 
motheuspapyrus :  the  forms  of  J  in  4  and  Q  in  6  a7id  9  are  more 
distinctly  epigraphie  than  in  the  Timotheus  papyrus.  Die  Herausgeber 
möchten  jene  archaischen  Papyri  refer  approximately  to  fhe  reign  of  Soter 
[B.  C.  305—284). 

Dann  folgen  die  von  Kenyon,  Palaeogr.  S.  127  aufgezählten  litte- 
rarischen Denkmäler  des  dritten  Jahrhunderts;  vgl.  p.  128/29  Tabelle 
Nr.  1 — 3.^  Griechische  Urkunden  des  dritten  Jahrhunderts  v.  Chr. 
s.  Mahaffy,  The  Flinders  Petrie  Papyri  (Cuningham  Memoirs  8.  Dublin 
1891;  p.  50  Bibliogr.  Tablets,  ostraka,  pai3yri.  Einzelne  Buchstaben- 
formen p.  53 — 57,  neun  Alphabete  p.  65;  ebenso  vgl.  Rendel  Harris, 
Classical  Review  8.  1894  p.  47.     Wattenbach,  Gr.  Pal.^  S.  12. 

Zweites  Jahrhundert.  Dialect.  Fragm.  Louvre  Pap.  2.  Hyperides 
im  Louvre. 

Erstes  Jahrhundert.  Bacchylides  Brit.  Mus.  Pap.  Nr.  733.  Hy- 
perides ebd.  132.  Demosthenes  ebd.  133.  Herculan.  Pap.  152(?).  Homers 
Ilias  Brit.  Mus.  Pap.  128.  Bittschrift  an  Turanius  ca.  10  v.  Chr. 
[rc.  8—4  V.  Chr.]. 

Zu  den  ältesten  Classikerhandschriften  gehören  auch  die  Papyrus- 
fragmente der  Antiope  des  Euripides  (s.  Hermathena  1891  Nr.  XVII 
p.  38 — 51)  aus  dem  dritten  Jahrhundert  v.  Chr.  Auf  weitere  Proben 
der  ältesten  Paläographie  hat  Blass  hingewiesen.  Gott.  Gel.  Anz.  1903 
8.  654:  Läßt  man  indes  auch  ganz  kleine  Fetzen  concurrieren,  so 
kommt  Grenfell-Hunt,  Gr.  Pap.  II,  1  in  Frage,  zwei  winzige  Stücke  der 
Handschrift  einer  Tragödie  —  — .-  Auch  die  Fragmente  des  plato- 
nischen Phaidon  (s.  Mahaffy,  On  the  Flinders  Petrie  papyri 
t.  V — VIII)  gehören  zu  den  ältesten  Proben.  Aber  wenn  Diels'^  be- 
hauptet, sie  seien  ungefähr  50  Jahre  nach  Piatons  Tode  und  speziell 
in  Attica  geschrieben,  so  ist  das  bei  dieser  künstlichen  unverbundenen 
Schrift  eine  sehr  gewagte  Behauptung;  und  es  scheint  gut,  an  ein 
anderes  Wort  von  Diels  zu  erinnern:  .,Die  Datierung  der  Papyrushand- 
schriften [mit  Ausnahme  der  Urkunden]  ist,  wie  die  Sache  jetzt  liegt, 
eine  Auguralwissenschaft.''  —  Über  die  verschiedenen  Momente,  die  für 
die  Bestimmung  von  Papyrus -Unciale  von  Wichtigkeit  sein  können, 
s.  Wilcken,  Arch.  f.  Papyrusforsch.  1,    1900  S.  365—366. 


'  Siehe  Kenyon,  Palaeogr.  of  gr.  pap.  p.  00. 
''  Dtsck  Literaturztg.  1891  S.  1529. 
•^  Diels,  Hermes  28.  1893  p.  411. 


—     94      — 

Formen   der  ältesten  Papyrusunciale.^ 

Die  älteste  Papyrusunciale  ist  neuerdings  eingehend  behandelt  von 
A.  Jacob,  Le  trace  de  la  plus  ancienne  öcriture  onciale:  Ecole  des 
hautes  etudes.  Annuaire.  Paris  1906  p.  5,  indem  er  von  dreien  der 
ältesten  Denkmäler  ausging,  dem  Papyrus  der  Artemisia  (A.),  des  Ti- 
motheus  von  Milet  (T.)  und  den  Fragmenten  des  platonischen  Phaidon; 
sorgfältig  ausgeführte  Tafeln  erläutern  den  Gang  der  Ausführung. 
Sechs  Alphabete  der  Papyrusunciale  des  4.-3.  Jahrhunderts  gibt  auch 
The  New  Palaeogr.  Soc.  2.  1904  pl.  22:  Timotheus,  Artemisia,  Brit.  Mus. 
Pap.  592.  688  (Litterar.  Fragm.);  488  (Phaedo);  485  (Antiope). 

Das  A  hat  in  der  alten  Papyrusunciale  noch  die  epigraphische 
Form  mit  geradem  oder  gebrochenem  (Querbalken,  wie  es  in  der  Paläo- 
graphie  der  späteren  Zeit  nur  noch  selten  vorkommt;  das  epigraphische  A 
wird  z.  B.  von  dem  Schreiber  der  ambrosianischen  Ilias  angewendet, 
doch  diese  künstliche  Schrift  ist  nur  eine  Ausnahme  und  nicht  imstande, 
die  Regel  umzustoßen.  Später  wird  aus  dem  vorderen  Teil  entweder 
/■  oder  0;^  hier  dagegen  setzt  sich  der  Buchstabe  noch  aus  drei  beson- 
deren Strichen  zusammen. 

Das  B  besteht  aus  einem  Stamm  mit  zwei  Halbmonden,  deren 
oberer  in  alter  Zeit  meist  etwas  breiter  ist  als  der  untere,  der  gelegent- 
lich mit  einer  Spitze  unter  die  Zeile  herunterreicht;  manchmal  aber 
verflachen  sich  die  beiden  Rundungen  zu  einer  etwas  geknickten  Ge- 
raden (s.  Fig.  44).  Die  Gestalt  des  Buchstaben  ist  nicht  quadratisch, 
sondern  das  B  ragt  als  Rechteck  über  die  Zeile  empor. 

Das  A  ist  meistens  ein  gleichseitiges  Dreieck,  dessen  Spitzen  wohl 
besonders  markiert  werden,  wenn  der  Schreiber  dort  mit  einer  Schleife 
den  Übergang  herstellt  zum  folgenden  Striche;  namentlich  die  obere 
Spitze  überragt  manchmal  bedeutend  das  Dreieck  beim  A  sowohl  wie 
beim  A. 

Das   E   hat   in   der  alten  Papyrusunciale  die  epigrapliische  Form: 

///'  f^dv  sig  do&ov  fiia, 

lo^ai  ö"   ^n    uvtTjq  r^eig  xar&aTrjinyfxivui 

eifTi'v 


1  Vgl.  Mahaffy,  Cimningham  Mein.  8  p.  52  ff.  —  Kenyou,  Palaeogr.  p.  128/29: 
Alphabets  of  literary.  pap.  Eiuzelne  epigTaphische  Formen  d.  Buchstaben  siehe 
Larfeld  bei  I.  v.  Müllers  Handb.  d.  cl.  Altert.  1  -  S.  533,  und  in  seinem  Handbuch 
der  gr.  Epigraphik.  Namentlich  findet  mau  auch  in  Dittenbergers  Sylloge  chro- 
nologisch geordnetes  Material  für  die  epigraphischen  Buchstabenformeu.  Ferner 
Bhiss,  Philol.  41  S.  747.  Weitere  Notizen  zur  Geschichte  der  epigraphisehen 
Formen  gibt  G.  Hirschfeld,  Zeitschr.  f.  öst.  Gymn.  1882  S.  165—178  u.  Baunack, 
J.  und  Th.,  Studien  auf  dem  Gebiete  des  Griech.  u.  d.  arischen  Sprachen  1.  1886 
S.  80—81. 

^  Siehe  Kenyon,  Pal.  p.  66. 


—     95     — 

(s.  0.  S.  45)  also  drei  Horizontale,  welche  eine  Senkrechte  unter  rechten 
Winkeln  treffen;  und  von  diesen  drei  Querstrichen  ist  bei  der  Artemisia 
der  oberste  am  größten.  Der  mittlere  Strich  des  €  hat  oft  keinen 
Zusammenhang  mit  den  andern.  The  middle  stroke  of  €  is  generalbi 
rather  ividely  separaied  from  fhe  rest  of  the  letter.  X.  Pal.  Soc.  176, 
B.  G.ü.  4,  1114. 

Es  ließ  sich  natürlich  voraussehen,  daß  diese  eckige  Form  durch 
die  bequemere  halbmondförmige  €  verdrängt  werden  würde,  wie  wir  sie  ^J,!^j^i'"g^' 
gelegentlich  schon  im  Alphabet  des  platonischen  Phaidon  sehen.  In  Buchstaben 
der  Papyrusschrift  kommen  die  runden  Formen  €,  C,  Cü  schon  im 
dritten  Jahrhundert  v.  Chr.  vor,  z.  B.  in  den  Fragmenten  der  Antiope 
des  Euripides  i'Hermathena.  Dublin  1891  Nr.  XVII  p.  38—51.  Arch.f. 
Papyr.  L  1901  S.  367;  vgl.  unten  C).  Auf  Steininschriften  des  eigent- 
lichen Griechenlands  lassen  sich  diese  halbmondförmigen  Buchstaben 
bis  zur  ersten  Hälfte  des  ersten  Jahrhunderts  n.  Chr.  zurückverfolgen, 
wie  von  Rayet  auf  einer  Inschrift  zu  Ehren  des  Kaisers  Tiberius  beob- 
achtet wurde.  Bulletin  de  correspondance  hellenique  4.  1880  p.  67: 
Pour  la  paleofjraphie  c'est  l^exetuple  le  plus  ancien  ou  ruH  des  plus  anciens 
des  caracUres  lunaires  dans  le  Peleponmse.  Das  C  ist  sogar  noch  älter, 
da  „die  Spuren  des  C  zurückgehen  bis  auf  die  Zeit  Alexanders  d.  Gr.^ 
und  dasselbe  vor  485  [269  v.  Chr.]  auf  den  Münzen  von  Tarent 
erscheint."  ^  Auf  Privatinschriften  lassen  sich  die  abgerundeten  Formen 
dieser  Buchstaben  bis  ins  vierte  Jahrhundert  v.  Chr.  zurück  verfolgen ;  ^ 
vgl.  u.  C,  Q. 

We  noiv  know  thai  the  earliest  wrifing  in  capitals  on  papyrus  repro- 
duced  the  square  E  the  circular  0  and  O,  and  changed  the  Z  into  C  But 
the  first  Step  onwards,  as  early  as  250  B.  C,  made  the  €  and  C  oval  and 
shows  a  tendemy  to  do  so  with  boih  0  and  0.*  Neben  den  runden  kennt 
die  Paläographie  auch  ovale  Formen  der  Buchstaben  €,  0,  0,  C,  und 
Wilcken  in  seinem  Archiv  gibt  Listen  für  beide  Formen,  die  gleich- 
zeitig angewendet  wurden  und  schließt  mit  Recht  mit  den  Worten: 
Das  scheint  mir  außer  Zweifel  zu  stehen,  daß  durch  alle  Jahrhunderte 
hindurch  neben  der  ovalen  Schrift  die  kreisrunde  gegangen  ist. 

Das  Z  hat  in  der  ältesten  ünciale  stets  die  Form,  die  früher  als 
rein  epigraphisch  betrachtet:  x,  nicht  mit  einem  schrägen,  sondern  mit 
einem  senkrechten  Mittelstriche. ^    Allein  zur  Zeit   des  Aristoteles  war 


*  Franz   elem.   p.  231,   Lftronui'   iuscr.   de   l'Egypte  II  p.  11.    —    Kühler  zu 
C.  I.  A.  II,  1152.  —  Taylor,  The  Alphab.  2  p.  105  n.  1. 

-  Moininsen,  Unterital.  Dial.  S.  199.     Hermes  22,  605. 

3  Siehf  Köhler,  U.,  Mitteil.  d.  athen.  Instituts  2  S.  281,  nach  Larfeld,  Haiidb. 
d.  gl-.  Epigr.  1.  1907.  —  Cunninghain  Mem.  8.  58 — 59.    Arch.  f.  l^ap.  1.  368. 

*  Mahaffy,  Transactioiis  of  the  K.  Irish  Acad.  29.     Dublin  1891  p.  658  A. 
^  Siehe  Arch.  f.  Papyr.  1,  1901  S.  512. 


—     96     — 

die  jüngere  Form  Z.   die   sich  in   einem  Zuge   schreiben  läßt,   bereits' 
ganz  gewöhnlich,  s.  unter  N  (S.  97). 

H  beschreibt  Euripides:  ngOira  f.iei>  ynafi/xai  Svo  Tuiru^  dieioyei 
d'  ir  idrrai^  cT/.h]  /xia  (s.  0.  S.  45);  es  unterscheidet  sich  vom  x  nur 
dadurch,  daß  es  aufrecht  steht.  Der  Buchstabe  besteht  aus  drei  be- 
sonderen Strichen,  von  denen  die  letzten  beiden  aber  manchmal  ver- 
einigt werden,  wenn  auch  die  h-Form  in  der  ältesten  Unciale  noch 
nicht  vorkommt:  die  beiden  Senkrechten  sind  manchmal  gewölbt  D— C- 

O  ist  wenigstens  in  der  Theorie  kreisrund  mit  einem  Punkt  in 
der  Mitte;  es  ist  meistens  nicht  ganz  so  groß  wie  ein  E  oder  H.  aber 
immer  noch  größer  als  ein  0.  Das  Theta  beschreibt  Philo  v.  Byblos: 
T[soi  TöJv  (Doivixojv  axoixdatv.  (Müller.  F.  H.  Gr.  3  p.  573  n.  9):  Srira- 
TOI'  i^iiv  xvxlov  xöfffiov  ^irjvi'OVTEi,  rbv  §i  fierrov  öcfiv  rrvvsxTixoi'  tovtov 
uyuif-ov  daif.ioi>a  a)]fia(VOVTsg  und  Euripides:  Ki'x'/.o^  rig,  ojq,  TÖgroKTiv 
ixiiiSTOOvfievog'  oi'Toq  d'  e/ei  arjuslov  kv  fieaco  ffc^cpig  (s.  o.  S.  45).  Die 
Beschreibung  des  Ausonius  (s.  o.)  ist  nicht  ganz  klar: 
Ansis  cincta  duahus  erit  cum  IOTA  Icges  0. 

Über  I  siehe  Eiel,  Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  489. 

K  besteht  aus  einem  Stamm  mit  einem  spitzen  Winkel  rechts;  es 
ist  Ausnahme,  wenn  der  Winkel  den  Stamm  nicht  erreicht  oder  ihn 
schneidet;  selten  sind  Stamm  und  Winkel  gleich  hoch,  meistens  ragt 
der  Stamm  nach  unten,  zuweilen  auch  nach  oben  über  die  Linie  der 
gewöhnlichen  Buchstaben  hervor:  die  cursive  Form  zeigt  sich  früh 
wenigstens  in  nicht  kalligraphischer  Unciale.^ 

Die  archaische  Form  des  A  mit  zwei  ungleichen  Strichen,  die 
sogar  hinkenden  Menschen  ihren  Namen  gegeben  haben  soll,  kommt 
nm'  in  Inschriften  vor.  Die  Paläographie  kennt  nur  die  jüngere  sym- 
metrische Form.  Daß  die  Spitze  manchmal  überhöht  ist.  wurde  beim  A 
bemerkt.     A   wird  bereits   vom   Scholiasten  Ainstophanes   Wolken  178 

mit  einem  Zirkel  verglichen:  6  diaßdrij^  — rru  A  aTOi/eico  Tiaosoixcoj^ 

Die  Athener  nannten  ihr  Fort  bei  Syracus  Labdalon,  wahrscheinlich, 
weil  sie  die  beiden  Schenkelmauern,  die  sich  hier  trafen,  mit  einem 
La(m)bda  verglichen. 

Das  M  wurde  gelegentlich  als  ein  doppeltes  A  bezeichnet.  Irenaeus 
ed.  Harvey.  I  p.  161:  M  aroi/eiov  ix  dvo  A  avyxstfxkvov.  Diese  Auf- 
fassung ist  für  lateinische  Inschriften  die  Eegel,  Aveniger  für  griechische 
Epigraphik  und  noch  weniger  für  griechische  Paläographie.  Auch  in 
der  ältesten  Unciale  besteht  dieser  Buchstabe  aus  vier  schrägen  Strichen, 
aber  die  mittleren  sind  stets  kürzer  als  die  äußeren,  dadurch  wird  der 
Buchstabe   oft   auf  drei   Striche   reduziert,   die  äußeren  sind  außerdem 


'  K  sometimes  Las  a  cursive  forination  (1.  26)  N.  Pal.  Soc.  176. 


—     97     — 

noch    oft    etwas    gewölbt,    so    daß    dieser   Buchstabe    sehr   breitspurig 
dasteht. 

Das  uiiciale  N  besteht  stets  aus  zwei  Senkrechten  mit  einem  ver- 
bindenden schrägen  Querstrich.  Aristoteles  nennt  daher  das  N  ein 
liegendes  Z.  Aristoteles  metaphys.  A.  4.  985  b,  17:  diarpiQsi  yuo  tö 
fjiti'  A  Tou  N  (7Xi'i(^ir/.Ti,  tÖ  öe  AN  rov  NA  rä^f.i,  ro  Se  Z  rov  N 
di(TEi.  Ebenso  Ausonius,  Mon.  German.  Auetor.  anti(|uiss.  V,  2  p.  138: 
ZETA  iacens  si  surgat,  erit  nuta  quac  legitur  N  [Y].  Die  ältere  epi- 
graphische und  paläographische  Form  ist  aber  noch  nicht  wie  später 
symmetrisch;  sondern  der  erste  Stamm  des  Buchstabens  ist  länger  als 
der  zweite,   der  nicht  auf  die  Zeile  hinabreicht  (T.  1  i'.4 — 5);    daraus 

hat  sich  das  treppen-  oder  stufenförmige  v  der  Cursive   yr-y    entwickelt, 

das  in  der  Unciale  aber  nicht  angewendet  wird.  Der  dritte  Strich  endet 
manchmal  mit  einem  Punkt  oder  einer  Keule. 

Aus  dem  ffl  war  Z,  seltener  J,  abgeleitet  und  die  Form  wurde 
in  der  Epigraphik  und  in  der  Paläographie  zunächst  beibehalten;  es 
waren  drei  parallele  Horizontalstriche,  von  denen  der  mittlere  meist 
etwas  kürzer  ist.  Um  nicht  dreimal  abzusetzen,  so  suchte  der  Schrei- 
ber den  mittleren  entweder  mit  dem  oberen  oder  meistens  mit  dem 
unteren  zu  einem  Zuge  zu  vereinigen  2,  erst  viel  später  wurde  auch 
der  obere  mit  den  beiden  unteren  vereinigt  ^.^  Für  die  älteste  Papyrus- 
uiiciale  bleiben  die  drei  unverbundenen  Horizontalstriche  die  ßegel  und 
linden  sich  sogar  noch  in  der  Urkundenschrift  des  zweiten  Jahrhunderts 
V.  Chr.  z.  B.  in  dem  bekannten  Steckbrief  vom  Jahre  145  v.  Chr.  (Not. 
et  Extr.  XVIII,  2). 

0  siehe  0. 

TT  ist  wie  N  in  der  älteren  Form  der  Inschriften  und  Handschriften 
unsymmetrisch;  der  zweite  Stamm  reicht  nicht  herab  bis  auf  die  Linie 
und  endet  vielfach  mit  einem  Häkchen;  auch  die  anderen  beiden  Striche 
sind  manchmal  mehr  oder  weniger  gewölbt  (T.  1  ;t.  1 — 4).  Nur  die 
jüngere  Form  hat  zwei  gleichlange  Stämme;  vgl.  Ausonius  (s.  o.):  Ilostiles 
quae  forma  iugi  est  hanc  efficiet  TT[I].  • 

P  hat  seine  Form  nur  wenig  geändert;  es  besteht  aus  einer  Senk- 
rechten von  oben  begoimen  und  oft  etwas  unter  die  Linie  verlängert. 
Wenn  der  Schreiber  die  gerade  Linie  verläßt,  so  pflegt  er  unten  nach 
links  auszubiegen  (T.  1  q.  1).  Der  Halbmond,  der  oben  darangesetzt  wird, 
ist  meistens  geschlossen,  aber  namentlich  im  Timotheuspapyrus  kommt 
auch  die  offene  Form  vor. 


'  Ausonius  s.  o.  Macandrum  flexusque  vagos  imitata  vagor  ^[1]. 
Gardtbausen,  Gr.  Paläographie.    2.  Aufl.  II.  1 


—     98     — 

Eurii^ides  (s.  o.  S.  45)  beschreibt  den  folgenden  Buchstaben  als 
ßöarovxö^  Ttg,  wq  eDu/fiivog;  er  denkt  dabei  an  das  dreistrichige  S, 
das  in  paläographischen  Urkunden  nur  in  Vaseninschriften  ge- 
braucht wird. 

Z  hielt  man  früher  für  die  epigraphische,  C  dagegen  für  die  paläo- 
graphische  Form;  die  neueren  Funde  haben  gezeigt,  daß  das  falsch  ist. 
Namentlich  der  Schreiber  des  Timotheuspapyrus  wendet  fast  ausschließ- 
lich die  vierstrichige  Form  2  an,  die  einem  liegenden  M^  entspricht. 
Halbmond  Vou  dicscr  Form  bis  zum  Halbmond  ist  der  Weg  allerdings  weit,  aber 
deutlich  bezeichnet  durch  Übergangsformen:  T  und  C,^  die  sich  haupt- 
sächlich in  Inschriften  finden.  Die  seltene  Form  <^  im  Artemisia-  und 
Timotheuspapyrus  (s.  o.  S.  91)  entstand  entweder  direct  aus  2  oder 
aus  C;  dagegen  kann  man  als  sicher  annehmen,  daß  C^  sich  aus  E 
entwickelte.  Wenn  z.  B.  die  Scr.  histor.  Augustae  (ed.  P.  I  p,  17".  222  ^4) 
Sigma  in  der  Bedeutung  von  triclinium  anwenden,  so  setzt  das  natürlich 
eine  Gestalt  voraus  wie  E.  Anonym.,  de  aedificiis  p.  122  Bekk.  rb  SSiyf/u 
rijv  Oeotöxov  nocoTOv  pitv  ö  fxiyccg  KoirnravTivog  exTirrsv.^  J.  H.  Wright, 
The  origin  of  Sigma  lunatum^  hat  mit  Eecht  betont,  daß  in  Vasen- 
inschriften, die  der  Schrift  des  täglichen  Lebens  näher  stehen,  als  die 
Marmorinschriften,  das  halbmondförmige  C  vor  dem  Verschwinden  des 
attischen  Alphabets  (d.  h.  vor  403  v.  Chr.)  nachweisbar  ist.^  Selbst  auf 
Münzen,  die  sonst  doch  gegen  die  Vulgärformen  sehr  zurückhaltend 
sind,  läßt  sich  das  halbmondförmige  C  schon  um  300  v.  Chr.  nach- 
weisen.^ 

Etwas  jünger,  aber  immerhin  noch  aus  der  Zeit  des  dritten  Jahr- 
hunderts, sind  die  Tetradrachmen  und  Drachmen  von  Side  und  Perge 
und  die  Alexandertetradrachmen  von  Aspendos  und  Sillyon.^  Dazu 
kommen  lydische  Münzen  des  zweiten  Jahrhunderts  v.  Chr.^^   Zur  Zeit 


*  2  als  Zahlzeichen  a.  255/4  v.  Chr.  Cunningham  Memoirs  9.  Dublin  1893 
p.  [14]  pl.  IV. 

-  Z  und  L  schon  in  der  Inschrift  der  Schlacht  von  Sellasia;  s.  B.  C.  IL  31. 
1907  S.  96. 

^  Vgl.  Blass,  Philolog.  41  S.  476. 

*  Über  die  Anwendung  halbmondförmiger  Buchstaben  €  C  siehe  AVilhelin, 
Jahresh.  d.  Ost.  Arch.  Inst.  7.  1904  S.  109.  110:  C  ca.  300  v.  Chr. 

5  Auf  einer  Inschrift  des  Jahres  488  (C.  I.  G.  8625  Lebas  Wadd.  3.  1913)  ist 
sogar  ein  Gebäude  xfyixoyxov  aifj^ia  genannt. 

^  Transact.  of  the  American  Philolog.  Association  27.  1896  p.  79. 

'  Aischrion,  Zeitgenosse  Alexand.  d.  Gr.,  A-ergleicht  den  Halbmond  mit  dem  C 
liijvrj  TÖ  zrtAö*'  ovqnvov  väov  abyua.     Walz,  Ehet.  gr.  3,  650. 

**  Vgl.  die  illyrischen  Königsmünzen  vom  Jahre  300—280  v.  Chr.  b<i  Head. 
bist,  numor.2  p.  316  zu  Fig.  178;  C:  246—226  v.  Chr.  s.  u.  S.  101. 

»  Siehe  Imhoof-Blumer:  Sonderhefte  d.  Ost.  Arch.  Inst.  3.    Wien  1902  S.  402. 

*"  CAP  auf  einem  Cistophor  vor  133  v.  Chr.  Cataloguo  of  gr.  coins  in  the 
Brit.  Mus.  Lydia  p.  237. 


—     99     — 

des  Augustus  wechselten  die  eckige  und  runde  Form,  wenn  auch  im 
Monumentum  Ancyranum  die  erstere  allein  angewendet  wurde.  Im 
Gatal.  of  Greeck  coins  in  the  Brit.  Mus.  Wrothj  Parthia  p.  126  n.  heißt 
es:  Z  has  nearhj  the  form  [I  or  C  (zur  Zeit  Phraates  IV,  38  —  33  v.  Chr.). 
Sur  les  picces  de  Tryphaena  (22 — 49  n.  Chr.)  et  sur  celles  de  Folemon  II 
on  trouve  pour  n  les  formes  Z  C  C,  })our  €  les  formes  E  €  po)ir  (o  Ics  formes 
Qco:  siehe  Eecueil  gen6r.  d.  nionn.  gr.  pp.  Waddiugtou,  Babelon,  Rei- 
nach 1.    Paris   1904  p.  21   n.  2. 

Dieses  halbmondförmige  Sigma  in  seiner  späteren  Form  zeigt  be- 
reits der  platonische  Papyrus  des  Phaidon,  hier  wechseln  C  und  C 
(T.  1  (T.  3)  (vgl.  übrigens  €  und  Cü). 

Die  Form  des  T  vergleicht  Ausonius  (s.  o.)  mit  Mastbaum  und 
Raae:  Malus  u(  ayiiemnam  fert  vertice,  sie  ego  sum  T[AYV].  Das  T  zeigt 
wenig  erhebliche  Varianten,  nur  für  die  ptolemäische  Zeit  ist  ein  T 
zu  bemerken,  das  unsymmetrisch  gebildet  ist,  der  erste  Teil  des  Quer- 
balkens ist  größer  als  der  zweite   T     und  hängt  manchmal  etwas  nach 

unten  (T.  1  r.  2),  was  später  verschwindet.  Unbequem  bleibt  der  Buchstabe 
immer,  weil  er  sich  nicht  in  einem  Zuge  schreiben  läßt.  Das  ist  nur 
zu  erreichen,  wenn  man  die  letzte  Hälfte  des  Querbalkens  opfert  und  in 
der  Mitte  mit  einer  Schleife  die  Verbindung  mit  dem  Stamm  des  Buch- 
stabens herstellt.  Diese  mehr  cursive  Form  findet  sich  aufi'allender- 
weise  schon  einmal  in  der  Buchschrift  des  Timotheuspai)yrus.  Eine 
ähnliche  cursive  Form  des  T:  7  läßt  sich  in  Papyrusurkunden  des 
dritten  Jahrhunderts  v.  Chr.  nachweisen  (s.  Kenyon,  Palaeogr.  of  gr. 
pap.  p.  38),  und  ebenso  in  der  Schrift  bleierner  Verwünschungsformeln 
(s.  Wilhelm,  Jahreshefte  d.  Ost.  Arch.  Inst.  7.  1904  S.  108). 

Y  zu  beschreiben,  meint  Euriindes  (s.  o.  S.  45),  sei  schwer: 

yganjxcil  yÜQ  daiv  kx  disarcoTOJi'  Svo, 

uvrai   de  avvroixovaiv  si^  fx/av  ßc/.aiv. 
Es  besteht  aus  einem  nach  unten  gerichteten  spitzen  Winkel  auf  einem 
senkrechten  Stamme,  nach  Ausonius  (s.  o.)  Pythagorae  himuni  ramis  pateo 
amhiguis  Y.    Es  ist  begreiflich,  daß  der  zweite  Strich  des  Winkels  mit 
dem  Stamme  zu  einem  Zuge  verbunden  wird  (T.  1  v.  3). 

0  hat  in  Inschriften  und  Handschriften  der  frühesten  Zeit  verschie- 
dene Formen.^  Die  Münzen  von  Phlius  zeigen  auf  dem  Revers  ein  0, 
das  oft  rund,  oft  aber  oben  und  unten  etwas  abgeplattet  ist  (T.  1  (f.  10).^ 
Auch  in  dem  Timotheuspapyrus  ist  aus  dem  Kreise  sogar  ein  ziemlich 
gleichschenkeliges  Dreieck  geworden,  und  dieses  Dreieck  wird  gelegent- 
lich von  oben  plattgedrückt,  so  daß  auf  einigen  Münzen  nur  noch  ein 


»  Über  O  vgl.  ohon  1    S.  221  Anin.  4. 

-  Greck  eoiny  of  the  Brit.  Mus.  Pclupounos  p.  33.  Ephoin.  archaiol.  III,  1896  t.  8. 


—     100     — 

breiter  Querstrich  übrig  bleibt  und  das  0  die  Gestalt  eines  Kreuzes 
annimmt.^ 

X  ist  stets  ein  liegendes  (Andreas-)  Kreuz  ^  mit  geringen  und  un- 
bedeutenden Varianten,  von  denen  wenigstens  eine  erwähnt  sei:  ein 
Punkt  oder  eine  Keule,  mit  denen  der  Buchstabe  gelegentlich  aufhört. 

Y  ist  ein  Y,  bei  dem  der  Stamm  den  oberen  Winkel  in  der  Mitte 
durchschneidet,  furca  tricornigera  nach  Ausonius  (s,  o.), 

jjiixoä  TiaoBGTCüa    ixccTeocoO-ev  v^rria  (Euripides) 

Der  Winkel  ist  aber  oftmals  abgerundet,  oft  auch  so  sehr  verflacht, 
daß  nur  eine  leicht  gewölbte  Linie  übrig  bleibt  und  der  Buchstabe 
einem  schlanken  stehenden  Kreuz  ähnlich  wird  (T.  1  ip.  3). 

Das  Q,  xvxKo^  nodcc^  'i)((ov  ßga/el^  ovo  (s.  o.  S.  46),  eine  runde 
Schleife  mit  schräg  ansetzenden  Füßchen,  ist  unbequem  zu  schreiben, 
und  nimmt  in  epigraphischer  und  paläographischer  Schrift  sehr  ver- 
schiedene Formen  an,^  Es  ist  die  jüngste  Neubildung  des  griechischen 
Alphabets,  welche  den  letzten  Platz  erhalten  hat.  Namentlich  die  erste 
Hälfte  ist  für  den  Schreiber  nicht  leicht;  und  da  es  doch  nur  ein 
differenziertes  0:  o  ist,  so  zogen  die  späteren  Schreiber  vor,  statt 
dessen  ein  doppeltes  o:  CU  anzuwenden.  Während  man  früher  meinte, 
das  ß  den  Inschriften,  das  CD  dagegen  den  Handschriften  zuweisen 
zu  können,  zeigt  die  älteste  Papyrusunciale,  daß  diese  Annahme  un- 
richtig war.  Sowohl  der  Artemisia-  wie  der  Timotheuspapyrus,  als 
auch  die  Fragmente  des  Phaidon  haben  das  £2,  wenn  auch  stark  ent- 
stellt. Im  Timotheuspapyrus  beginnt  der  Schreiber  mit  der  linken 
Basis  des  Buchstabens,  biegt  dann  mit  einer  Schleife  nach  unten  um; 
nun  sollte  der  fast  geschlossene  Kreis  folgen,  der  aber  zu  einem  nach 
rechts  gewendeten  spitzen  Winkel  umgestaltet  wird,  und  dann  schließt 
der  Schreiber    mit    der    zweiten   Horizontale,    auf   der    der   Buchstabe 

ruht  -ft.  .      Diese    Form    des    Omega   nennt  Wilamowitz    „schnurrig" 

(Timotheuspapyrus  S.  6).  Daneben  findet  sich  die  Form  y\    und  selbst  A, 

das  von  Wilcken,  Arch.  f.  Pap.  4,  219  mit  Recht  als  o)  erklärt  ist* 
Regelmäßiger   ist   das    Q   im  Fragment    des    Phaidon,    aber    daneben 

findet  sich  auch  die  Form    Jb    ,  die  bereits  als  der  Ausgangspunkt  für 


1  Mionnet  4,  453  (vom  Jahre  6   v.  Chr.). 
^  Das  Wort  /tätet»'  ist  ganz  gewöhnlich. 

3  Vgl.  Wilhelm,  A.,    Der  Brief  des  Artikon:    Jahreshefte  des  Ost.  Inst.  12. 
1909  S.  121  —  122. 

*  Jahreshefte  d.  Ost.  Arch.  Inst.  12.  1909  S.  121. 


—     101     — 
das  Doppelomikron    aufzufassen    ist.     Die    abgekürzte  Form    v.^    läßt  ^mikroä 
sich    bis    zum    vierten  Jahrhundert  v.  Chr.   zurückverfolgen  auf  einem 
attischen  Grabstein.^ 

In  einer  olympischen  Inschrift  zu  Ehren  des  Marcius  Philippus 
(cons.  169  V.  Chr.)  bei  Dittenberger  Sylloge^  301  kommt  dieses  CD  (wie 
:iuch  €)  bereits  vereinzelt  vor,  sie  wurde  deshalb  von  Dittenberger  in 
der  ersten  Auflage  verdächtigt,  bis  er  jetzt  seinen  Zweifel  zurück- 
genommen hat.  In  der  Tat  kommt  das  CD  bereits  viel  früher  vor.  Eine 
Tetradrachme  Antiochus  II  (261 — 246  v.  Chr.),  geschlagen  in  Alexandria 
Troas,  hat  bereits  das  &;,  siehe  [Wiener]  Numism.  Zeitschr.  1895  S.  19 
nach  Imhoof-Blumer,  das  älteste  Beispiel  in  der  Numismatik.  Auch 
das  runde  C  findet  sich  bereits  auf  Münzen  SeleukosII.  (246 — 226  v.  Chr.). 
Es  ist  also  falsch,  wenn  behauptet  wird,  daß  diese  Form  für  das  dritte 
Jahrhundert  unmöglich  sei.  Bulletin  de  corr.  liellön.  9.  1885  p.  17: 
trjnploi  de  l'oj  pour  £2,  du  C  pour  Z  ne  permettent  de  lui  attrihuer  une 
date  aussi  reculee  (220  av.  J.  Chr.).  Auch  in  den  Versatzmarken  des 
pergamenischen  Altars  werden  bereits  die  abgerundeten  Formen  ge- 
l)raucht,  z.  B.  €E,  CDA,  3A  (=  nÖ).^  In  der  Kaiserzeit  wird  diese 
jüngere  Form  ganz  unbedenklicli  auf  Münzen^  wie  in  Inschriften  an- 
gewendet.^ 

Die  spätere  Papyrusunciale. 

A/V\c?T^n  KAI  TuJeH  KeeeocK^KoNfo-rnoio'rrf 

^TAl^<X'NeN.u^e^ApolCltT)^3Hre-NeroK^elo^^rTto  tn 
AAAe-N  ^rrM^ e-reKeN  nXr^ÄoonoNfoYxeNYTD  isrt- 
^'V^^Ac}<o  NTTAKOjLUxot»  errei  •u.Ax^^rrHAoe-iTT>T-nr«c 
u  ju<.AieNenToiHceT-eKh  Aco  snAec^TeK^J^ 

AV.  Em  xui  TM  &ijxe  iJeo^  xuxov  ör    ri  oi  ovri 

Ilutdcov  SV  fieyäooKTi  yovij  ysvsTo  xoeiövrcov 

AXV  kvu  naiö'  btexev  nuvuMoiov  ovd'e  vv  r6v  ye 

FijoärrxovTa  xo(ii^(0'  snel  fxaXa  ti]}mx)'i  7iato)j^ 

llf^iui  svEi  (corr.  evi)   Tooiy  ae  ts  x/jdcov  iiöe  au  xtxvcr 

Fig.  45.    Ilias  IJankcsiana  1. — 2.  Jahrli.  n.  Chr.     Q  538. 
Pap.  Brit.  Mus.  CXIV. 

(Accente  von  junger  Hand.) 
Kenyon    gibt   in    seiner  Paläographie   p.  128    eine    chronologische  chr^oncjog. 
Liste  der  datierten  oder  datierbaren  Papyrusunciale;  die  wir  dann  für 
die  Jahre  von  30 — 1  v.  Chr.  noch  ergänzen  können. 


1  Siehe  Wilhelm,  A.,  Jahroshefte  d.  Ost.  Arch.  Inst.  4  S.  75-,  12  S.  123;  vgl. 
J.  G.  XII,  74. 

-  Siehe  Puchstein,  Sitzungsber.  der  Berl.  Akad.  1888  S.  1231  ff. 

3  Über  die  Form  w  auf  Münzen  von  Amphipolis  trajanischer  Zeit  s.  Fried- 
ländcr  in  Sallets  Numismat.  Zeitschr.  6.  1879  S.  237. 

*  Inschi-.  vom  11.  Jahre  Trajans.     Mitt.  d.  athen.  Inst.  24.   1899  Taf.  XII. 


—     102     — 

Erstes  Jahrhundert  n.  Chr.:  Homers  Odyssee  ca.  1  n.  Chr.  Ilias 
Brit.  Mus.  Pap.  107.    Hyperides  ebd.  108.  115.    Ilias  ebd.  732. 

Zweites  Jahrhundert:  Ilias  bankesiana  ebd.  114.  Bodleian 
mss.  (Gr.  class.  a.  1.  P.) 

Drittes  Jahrhundert:  Ilias  Brit.  Mus.  Pap.  126. 

Proben  der  jüngeren  Papyrusunciale  vom  dritten  Jahrhundert  n.  Chr. 
abwärts  gibt  Wessely,  De  codicis  Dioscuridei  Aniciae  Juliani  —  historia 
Leiden  1906  p.  352—353  (kalligraphische  Unciale  des  sechsten  bis 
siebenten  Jahrhunderts).  —  — ,  Papyrorum  Script,  graecae  specimina 
isagogica  1900. Studien  z.  gr.  Palaeogr.  u.  Pap.  9.  1909  S.  23  ff. 

Papyrusunciale  a.  346:  Wessely,  Studien  z.  Pal.  1  S.  XXXIII. 
Jüngere  Unciale  s.  Gardthausen,  Sitzungsber.  d.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss. 
1878,  30  S.  59-:  Beitr.  z.  Gr.  Palaeogr.  III.  —  D.  Serruys,  Contribution 
ä  l'etude  des  „Canons"  d'onciale  grecque :  M^langes  Chatelain  492. 
Einen  Typus  der  „römischen"  (s.  u.)  Papyrusunciale  haben  wir  z.  B.  in 
der  Ilias  bankesiana,  Wattenbach,  Scr.  gr.  specimina  T.  4  (s.  o.  Fig.  45.) 

Bei  dem  durchaus  künstlichen  Charakter  der  Unciale  ist  es  aller- 
Grenziinie  diugs  uicht  gauz  Icicht,  eine  Grenzlinie  zu  ziehen  zwischen  der  älteren 
und   der  jüngeren  Zeit,   allein  ungefähr  wird  sie  bezeichnet  durch  die 
Eroberung   des  Landes  unter  Augustus,  wenn  auch  manche  Eigentüm- 
lichkeiten der  früheren  Zeit  sich  noch  länger  gehalten  haben. 

Die  spätere  Papyrusunciale  wird  nicht  ausschließlich,  aber  doch 
vorwiegend  bei  litterarischen  Denkmälern  angewendet,  die  mit  der  Zeit 
des  Schreibenden  in  keinem  direkten  Zusammenhang  stehen,  und 
deshalb  meistens  auch  nicht  ausdrücklich  datiert  sind.  Für  diese 
kalligraphischen  Classikertexte  haben  wir  also  sehr  wenige  chronologisch 
verwertbare  Anhaltspunkte. 

Wo  wir  derartige  Hilfsmittel  nicht  haben,  ist  die  zeitliche  Be- 
stimmung der  unverbundenen  Papyrusunciale  sehr  schwankend;  die 
Ansätze  verschiedener  Gelehrter  differieren  um  Jahrhunderte;  die  Ilias 
von  Genf,  die  gewöhnlich  ins  zweite  Jahrhundert  vor  Christi  gesetzt 
wird,  will  Mahafiy  dem  zweiten  Jahrhundert  nach  Christi  zuweisen 
(s.  Kenyon,  Pal.  p.  68  n.  2).  Große  Unsicherheit  herrscht  namentlich 
für  die  Unciale  der  jüngsten  Zeit:  Whüe  uncials  af  the  Ptolemaic  and 
Roman  periods  can  now  in  most  cases  be  approximately  dated  wiih  a  fair 
amount  of  certainty,  ilie  dating  of  Byzantine  uncials  from  the  fourth  to  the 
tenth  Century  especially  when  loritten  in  Egypt,  is  still  exlremely  jyrecarious,^ 
Da  die  rein  graphischen  Kriterien  uns  so  oft  im  Stiche  lassen,  so 
hat  Wilcken,  Arch.  f.  Pap.  1,  365—366  auf  sieben  Punkte  (s.  o.)  hin- 
Besümmung gewiesen,  die  sonst  noch  für  die  zeitliche  Bestimmung  der  Unciale  von 
Wichtigkeit   sein   können.     Glücklicherweise  wurde   die  kalligraphische 


'  Amherst,  Papyri  1  p.  8. 


—     103     — 

ünciale  aber  auch  bei  Actenstücken  des  täglichen  Lebens  angewendet/ 
die  natürlich  ebenso  oft  wie  die  Urkunden  der  Cursive  datiert 
sein  mußten  oder  doch  datiert  waren.  Es  ist  allerdings  nicht  genau 
die  unverbundene  kalligraphische  Bücherschrift,  denn  einige  der  be- 
quemsten Verbindungen  werden  angewendet:  aber  da  die  litterarischen 
Denkmäler  auf  Papyrus  niemals  direct  datiert  sind,  so  können  diese 
Urkunden,  die  gewissermaßen  zwischen  ünciale  und  Cursive  in  der 
Mitte  stehen,  uns  doch  als  Maßstab  dienen.  Die  Wichtigkeit  dieser  Ur- 
kunden für  die  paläographische  Chronologie  leuchtet  sofort  ein. 

Auch   die  volumina  herculanensia  müssen  wir  uns  als  Maßstab  der  ^^°^""^^" ^^ 
Zeit  gefallen  lassen;  es  fragt  sich  nur,  für  welche  Zeit? 

Dom.  Comparetti  hat  in  der  Festschrift  für  den  1800  jährigen  comparetti 
Jahrestag  der  Verschüttung  Pompeis  (Pompei  e  la  regione  sotterrate 
des  Vesuvio  nell  anno  LXXIX)  die  Vermutung  ausgesprochen,  daß 
die  in  Pompei  gefundenen  Rollen  aus  der  Bil)liothek  des  Philodemus 
stammten.  Comparetti^  ist  dann  noch  einmal  auf  sein  Lieblingsthema 
zurückgekommen.  Der  Platz,  den  die  unbedeutenden  Schriften  des 
Philodem  in  der  Bibliothek  einnehmen,  sei  ein  bedeutender  gegenüber 
den  wichtigeren  Schriften  des  Epicur,  Metrodor,  Polystrat.  Die  Villa 
selbst,  fürstlich  ausgestattet,  sei  wahrscheinlich  die  des  Epicuräers 
L.  Calpurnius  Piso  Caesonianus,  in  dessen  Hause  sein  Lehrer  Philo- 
demus  lebte,  dessen  Handschrift  Comparetti,  Villa  Ercol.  p.  72  in  einigen 
dieser  Rollen  glaubt  erkennen  zu  können.  Wenn  er  recht  hätte,  so 
würden  die  voll.  herc.  nicht  ins  erste  Jahrhundert  nach,  sondern  viel- 
mehr ins  erste  Jahrhundert  vor  Christi  Geburt  zu  setzen  sein.  Das 
sind  aber  natürlich  alles  nur  Möglichkeiten,  mit  denen  sich  eine  Tat- 
sache von  solcher  Wichtigkeit  niemals  beweisen  läßt. 

Von  paläographischer  Seite  hat  Comparetti  Unterstützung  gefunden 
bei  Kenyon,  Pal.  p.  7 1 :  The  palaeographie  of  the  Hercul.  Papyri.  Fest-  Kenyon 
Schrift  Th.  Gomperz  dargebracht  S.  373,  der  unter  Hinweis  auf  Scott, 
Fragmenta  herculanensia  p.  11.  12,  ohne  Comparetti  zu  nennen,  jene 
Bibliothek  dem  Philodem  zuweisen  will.  Der  Paläograph  kann  die 
Frage  mit  Sicherheit  weder  bejahen  noch  verneinen.  Auch  Kenyons 
beiden  lest  lettres  A  and  =.  bringen,  wie  ich  meine,  die  Entscheidung 
nicht,  weil  bei  der  großen  Anzahl  verschiedener  Hände  die  Formen 
von  A  und  £  schwanken  (s.  Taf.  1).  Es  -  scheint  mir  passender,  den 
alten  Ansatz  beizuliehalten,  weil  er  nur  einen  terminus  ante  quem,  nicht 
aber  auch  einen  terminus  posl  quem  voraussetzt. 

Für  die  Zeit  um  Christi  Geburt  haben  wir   eine  nichtlitterarische 
Urkunde   aus  Ägypten,   die  aber  sorgfältig  in  kalligraphischer  Bücher- 


1  Ünciale  Schrift  f.  Quittung,  5  v.  Chr.     New  Pal.  Soc.  Nr.  176. 
-  La  bibl.  de  Philodeme.     Mel.  Chatolaiu  p.  118. 


—     104     — 

Schrift  geschrieben  ist:  Pap.  Brit.  Mus.  CCCLIV;  vgh  Kenyon,  Pal.  p.82; 
facsimil.  pl.  XIV.  Sie  enthält  eine  Petition  an  den  Präfecten  Turranius, 
den  Kenyon  p.  82  entweder  in  das  Jahr  15,  10  oder  7  v.  Chr.  setzen 
möchte.  Daß  das  Jahr  15  v.  Chr.  falsch  sein  mußte,  hätte  Kenyon  aus 
m.  Augustus  11,  448  sehen  können;  dort  ist  gezeigt,  daß  seine  Statt- 
halterschaft vielmehr  in  das  Jahr  8  v,  Chr.  fällt.  Seitdem  ist  aber  eine 
neue  Inschrift  gefunden  (Revue  Arch.  IV,  7.  1906  p.  211;  C.  E.  de  l'acad. 
d.  iuscr.  et  b.  lettr.  1905  p.  608),  die  zeigt,  daß  Turranius  noch  im 
Januar  750/4  Statthalter  von  Ägypten  war.  Übrigens  ist  für  unsere 
paläographische  Frage  diese  chronologische  Differenz  von  10  Jahren 
nicht  von  Wichtigkeit. 

Auch  in  den  Mitteilungen  a.  d.  Samml.  Erzherz.  Eainer  Bd.  5  S.  Iff. 
findet  man  Proben  einer  schönen  festen  Papyrusunciale,  die  aber 
wegen  der  cursiv  geschriebenen  Schollen  jünger  sein  muß  als  das  Zeit- 
alter des  Augustus,  wie  Wessely  fälschlich  annahm.  Als  Maßstab 
kann  dieses  Schriftstück  also  nicht  dienen.  —  Sehr  dankenswert  ist  die 
von  Wilcken  aufgestellte  Liste.  Er  sagt  mit  vollem  Recht:  Es  würde 
eine  sehr  nützliche  Aufgabe  sein,  diese  uncial  geschriebenen  und  dabei 
Urkunden  o^^^^  datierten  Urkunden  zu  sammeln  und als  Markstein  der  Ent- 
wicklung der  Unciale  zu  edieren.^  Datierte  Unciale  vgl.  Wilcken,  Tafeln  usw. 
Text  p.  VII;  Arch.  f.  Papyr.  1,  366:  Bittschrift  an  den  Präfecten  Turranius 
ca.  10  [rc.  8 — 4]  v,  Chr.  Kenyon  pl.  XIV.  Zeit  des  Tiberius,  Pap. 
Oxyrrh.  II,  282.  Steuerprofession  vom  Jahre  66  n.  Chr.  Pap.  Oxyrrh.  II, 
246.  Contract  vom  Jahre  88  n.  Chr.  Kenyon  pl.  XVII  [Pal.  Soc.II,  146]. 
Contract  vom  Jahre  94.  Pap.  Oxj-rrh.  II,  270.  Edict  des  Kaisers 
Traian.  B.  G.  U.  1,  140  Taf.  2.  Brief  des  Polykrates  (3.  Jahrb.):  Ma- 
haffy  P.  Petr.  Taf.  II,  2.  Festal  letters  N.  Pal.  Soc.  48  [a.  577].  Steile 
Unciale  von  präkoptischem  Ductus  =  Greek  Papyri  II  p.  163  (Oxford 
1897),  Berl.  Klassikertexte  6  T.  I.  II,  ähnlich  dem  cod.  Marchalianus 
ed.  Ceriani  1890. 

Formen  ^^^  ^  hat   iu    der  Ptolemäischen  Unciale    zunächst  seine  unciale 

Form  (auch  mit  gebrochenem  Querbalken).  Später  überwog  die  Form 
A  oder  ^  ^  in  zwei  Zügen  geschrieben;  aber  ein  sicheres  Kenn- 
zeichen für  die  vorrömische  Zeit  (Kenyon,  Pal.  p.  73)  ist  sie  nicht.^ 
Wenn  bei  A  der  schräge  Strich  rechts  unverbunden  ist,  so  betrachtet 
Kenyon  das  als  Zeichen  ptolemäischer  Zeit;  vgl.  dagegen  Oxyrhynchus 
Pap.  2  p.  318.  Das  A  mit  der  Schleife  links  läßt  sich  noch  in  datierter 
Unciale  vom  Jahre  66  n.  Chr.  (Oxyrh.  P.  II,  246)  nachweisen.  Aber  ge- 
wöhnlicher  ist   allerdings    in    römischer  Zeit    die    in    einem  Zuge    ge- 


1  Wilckeu,  Arch.  f.  Papyr.   1  S.  3G6— 367. 
-  Wilcken,  Arch.  f.  Papyr.  1,  370  A.  1. 


—     105     — 

schriebene  Form  c^ih  ,    die    schon    in    ptolemäischer  Zeit   angewendet 

wurde.  —  Vgl.  Kenyon,  Pal.  p.  73. 

Beim  B  schrumpft  der  obere  Halbmond  allmählich  zusammen, 
während  der  untere  breiter  wird  oder  auch  spitzer,  z,  B.  im  Artemisia- 
papyrus  (T.  1  /?.  3);  die  Form  des  Buchstabens  ragt  nicht  nur  nach  oben, 
sondern  schon  im  Jahre  88  n.  Chr.  auch  nach  unten  hervor  (T.  1  ß.  13). 
Der  untere  Halbmond  ist  in  nachchristlicher  Zeit  oft  durch  einen  spitzen 
Winkel  ersetzt.^ 

Beim  A  pflegt  die  überhöhte  Spitze  selten  zu  fehlen.  Die  ver- 
längerten Formen  des  A  und  A  kommen  schon  vor  in  ägyptischen 
Inschriften  vom  Jahre  737/17  v.  Chr.^  A  auf  Münzen  vom  Jahre 
22 — 23  n.  Chr.^  An  der  rechten  oder  linken  Ecke  wendet  der  Schreiber 
oftmals  durch  eine  Schleife  um  (T.  1  d'.  11). 

Die  alte  eckige  Form  des  E  kommt  in  der  jüngeren  ünciale  nicht 
mehr  vor;  sondern  der  Halbmond  überwiegt  mit  einem  Querbalken, 
die  nicht  immer  zusammengeschlossen  sind;  nur  durch  Verbindungs- 
striche wird  es  möglich,   alles  in  einem  Zuge  zu  schreiben  (T.  1  e.  7)."* 

X  besteht  ursprünglich  aus  zwei  Horizontalen,  verbunden  durch 
eine  Senkrechte.  Die  ursprüngliche  Form  des  4'  ^  kommt  sogar  noch 
in  römischer  Zeit  vor,  s.  Greek  Pap.  I.  II  (Erotic  Fragm.  ed.  Grenfell); 
vgl.  Oxyrh.  Pap.  1  p.  53  n.  1  und  2  p.  318.  Aber  schon  im  zweiten 
Jahrhundert  v.  Chr.  wird  die  Senkrechte  schräg  gelegt;  die  Horizontalen 
behalten  jedoch  noch  ihre  ursprüngliche  Länge  (T.  1  ^.6),  erst  in  der 
späteren  Unciale  hören  sie  da  auf,  wo  der  schräge  Strich  ansetzt,  es 
entsteht  also  ein  liegendes  N,  das  bereits  Aristoteles  kennt  (s.  o.). 

Aus  H  entwickelt  sich  naturgemäß,  wie  im  Lateinischen,  h;  aber 
in  der  Unciale  hat  der  zweite  senkrechte  Strich  des  Buchstabens  doch 
seine  obere  Hälfte  nicht  so  vollständig  verloren  wie  in  der  Cursive. 

0  und  0  sind  meist  etwas  kleiner  als  die  anderen  Buchstaben. 

Das  Jota,  ein  einfacher  Strich,  ist  der  einfachste  Buchstabe,  bei  dem 
der  Schreiber  nur  verhüten  will,  daß  er  nicht  übersehen  wird.  Deshalb 
wird  er  nach  ol>en  oder  unten  verlängert.  Zwei  Punkte  darüber  sind 
selten  (s.  Taf.  1  /.  16.  1.— 2.  Jahrb.  n.  Chr.;  vgl  Peil,  Byz.  Ztschr.  19.  1910 
S.  489.  s.  u.  Y)  und  haben  dann  wohl  meistens  den  Zweck,  den  Vor- 
tragenden zu  warnen.  Das  stumme  I  wird  in  vorchristlicher  Zeit  wirk- 
lich geschrieben,  aber  doch  schon  früh  ausgelassen;  in  der  Zeit  des 
Augustus  schwankte  man,  später  fällt  es  fort;  über  Jota  subseriptum 
s.  u.  (Minuskel). 


1  Ein  hohes  B  auf  Münzen  des  Tiberius.  Num.ChroniclelV,  10.  1910  pl.X  Nr.  15. 

2  Siehe  Bull.  d.  Institute  1878  p.  55  Nr.  3. 

^  Greek  coins  in  the  Brit.  Mus.  Parthia  p.  LXXVIII. 
*  Wilckcn,  Arch.  f.  Pap.  1,  3G3. 


—     106     — 

Das  M  ist  in  der  Theorie  allerdings  ein  Doppel-A;  alier  in  der 
Praxis  verflachen  sich  die  beiden  mittleren  Striche  manchmal  bis  zur 
Rundung,  wenn  dann  auch  noch  (wie  beim  A)  die  Spitzen  erhöht  wer- 
den, so  entsteht  die  sog.  koptische  Form  u  (manchmal  auch  nach  links 
geneigt)  schon  im  1.  Jahrh.  n.  Chr.  (T.  1   i^i.  15 — 16). 

N  siehe  TT. 

H  besteht  aus  drei  gesonderten  Querstrichen,  die  im  Timotheus- 
papyrus,  wie  auf  den  Inschriften  von  einer  Senkrechten  durchkreuzt 
werden  J ;  seine  Entwicklung  war  also  gegeben,  wenn  man  Verbindungs- 
striche hinzufügt,  ließ  sich  alles  in  einem  Zuge  schreiben  5;  diese 
Voraussetzung  trifft  auch  das  Eichtige;  allein  die  normale  und  die 
vulgäre  Form  wurden  doch  noch  lange  Zeit  nebeneinander  angewendet; 
erst  im  ersten  Jahrhundert  v.  Chr.  verschwinden  allmählich  die  unver- 
bundenen  drei  Striche.  The  archaiG  forms  of  |  [£]  continued  to  he  nsed 
in  mss.  long  after  the  later  form,  in  which  ihe  three  strokes  are  wrütcn 
without  lifting  the  pen,  had  come  in  (it  is  fouud  as  earhj  as  the  second 
Cent.  B.  C,  cf.  e.  g.  Paris  Pap.  I),  Ihe  form  of  |  is  not  in  itself  sufßcient 
evidence  for  determining  the  date.'^  Die  alte  Form  des  Z  findet  sich  noch 
im  dritten  Jahrhundert  n.  Chr.  Oxyrhynch.  Pap.  2  p.  318.  Das  |  der 
letzten  Columne  unserer  Tafel  1  (200 — 295  n.  Chr.)  scheint  seinen  Mittel- 
strich vollständig  verloren  zu  haben  und  gleicht  eher  einem  Z;  es  wird 
kaum  als  Normalform  gelten  können, 

TT  hat  eine  gewisse  Verwandtschaft  mit  dem  N;  man  könnte  beide 
hinkende  Buchstaben  nennen;  sie  stehen  beide  auf  zwei  Beinen;  aber 
das  eine  Bein  ist  oft  kürzer  als  das  andere.  Nicht  immer,  aber  doch 
oft,  reicht  der  letzte  Strich  nicht  hinunter  auf  die  Mittellinie;  der 
Grund  ist  wahrscheinlich  zu  suchen  in  den  epigraphischen  Formen 
von  P  und  H.  Erst  in  der  späteren  Zeit  wird  auch  hier  die  Symmetrie 
vollständig  durchgeführt.  Bei  den  Formen  von  M  und  H  ist  solche 
Ungleichmäßigkeit  nicht  nachzuweisen. 

Das  P  hatte  ursprünglich  nur  die  Größe  eines  mittleren  Buch- 
stabens, allein  schon  sehr  früh  verlängert  sich  in  der  Papyrusunciale 
der  Stamm  des  Buchstabens  unter  die  Zeile,  wenn  auch  zunächst  nur 
wenig. 

Die  epigraphische  Form  des  Z  ist  unbequem  zu  schreiben;  sie 
findet  sich  noch  im  Timotheuspapyrus,  wurde  dann  aber  bald  durch  C 
und  C  verdrängt  und  hat  das  Bürgerrecht  in  der  Paläographie  nicht 
wieder  erlangt;  auch  die  eckige  Form  <  des  Artemisiapapyrus  taucht 
nicht  wieder  auf;  die  regelrechte  Form  der  jüngeren  Papyrusunciale 
ist  ein  halber  Kreis  oder  ein  halbes  Oval,  vielfach  in  zwei  Teilen  ge- 
schrieben;   oft  endigt  der  Halbkreis  oben  mit  einem  Querbalken:  C~ . 


^  P.  Oxyrh.  1  p.  53  n.;  vgl.  Keuyon,  Pal.  p.  73—74. 


—     107     — 

Das  Problem,  einen  Stamm  mit  dem  daraufgelegten  Querbalken 
zu  einem  Zuge  zu  verbinden,  wird  in  der  Cursive  so  gelöst,  daß  der 
Schreiber  mit  dem  vorderen  Teil  des  Querbalkens  beginnt,  dann  den 
Stamm  hinzufügt  und  endlich  den  letzten  Teil  des  Balkens.  Dieselbe 
Lösung  wurde  auch  in  der  jüngeren  Papyrusunciale  versucht;  siehe  die 
voll,  herc,  und  das  Gesuch  an  den  Turranius  vom  Jahre  8 — 4  v.  Chr. 
Ein  solches  T  kann  leicht  mit  dem  Y  verwechselt  werden.  Wenn 
beide  Teile  des  Querbalkens  vorhanden  sind,  so  pflegt  doch  die  vor- 
dere Hälfte  länger  zu  sein  als  die  hintere:  T.  Das  ptolemäische  T 
mit  links  überhängendem  Querstrich  (T,  1  r.  2)  findet  sich  noch  im  ersten 
Jahrhundert  v.  Chr.;  später  verschwindet  die  Form. 

Das  Y  (s.  a.  M)  wurde  deshalb  im  entgegengesetzten  Sinne  fort- 
gebildet. Die  unciale  Form  des  Y  bleibt  allerdings  die  Regel,  aber 
daneben  finden  wir  in  uncialer  Stilisierung  die  cursive  Form.  Das 
spitzwinkelige  Oberteil  wird  abgerundet  und  verflacht  und  der  Stamm 
des  Buchstabens  schließt  sich  vielfach  nicht  in  der  Mitte,  sondern  am 
rechten  Ende  daran  an  (T.  1  i».  1 3).  Anderseits  vereinfachte  man  das  epi- 
graphische Y  dadurch,  daß  der  Stamm  mehr  oder  weniger  abgeworfen 
wurde,  zu  V  (s.  T.  1  i».  15  und  Ilias  Bankesiana).  Manche  Papyri  setzen 
auf  /  zwei,  auf  v  nur  einen  Punkt. ^ 

Das  (p  hat  in  der  jüngeren  Unciale  ziemlich  genau  dieselben 
Formen  beibehalten  wie  in  der  alten.'  Der  Kreis,  der  nur  selten  durch 
eine  Art  von  Dreieck  ersetzt  wird,  besteht  meistens  aus  zwei  Halb- 
kreisen, die  beide  oben  beginnen;  nur  selten  sind  sie,  wie  z.  B.  in  den 
voll.  herc.  durch  einen  diagonalen  Verbindungsstrich  zusammengefaßt 
(Taf.  1   ^11).     Auch   darin   mag   die  Cursive   vorbildlich   gewesen  sein. 

Das  Q  ist  für  die  Unterscheidung  der  älteren  und  jüngeren  Papyrus- 
unciale besonders  wichtig.  In  der  älteren  Zeit  bemühte  man  sich,  dem 
epigraphischen  Q  eine  bequemere  Form  zu  geben  und  gelangte  zu 
einer  Form  wie  JL>,  und  daraus  machte  die  jüngere  Unciale  ein  Doppel- 
omikron;  es  läßt  sich  kaum  leugnen,  daß  hier  der  Sinn  die  Ausbildung 
der  Form  beeinflußt  hat.  Oben  geschlossen  waren  diese  beiden  Orai- 
kron  allerdings  nicht;  die  Achse  der  ersten  Rundung  ist  entweder 
senkrecht  oder  nach  rechts  geneigt  (/ ,  die  der  zweiten  noch  viel 
häufiger  nach  links  ^ .  Häutig  endet  der  Buchstabe  mit  einem  Quer- 
strich oder  einer  Keule,  z.  B.  Taf.  1  im  Jahre  88  n.  Chr.  In  der  weiteren 
Entwicklung  verschwindet  die  Scheidewand  zwischen  den  beiden  Omi- 
kron,  und  im  dritten  Jahrhundert  n.  Chr.  bleibt  manchmal  nichts  weiter 
übrig  von  dem  Buchstaben  als  eine  ziemlich  breit  gezogene  Wölbung, 
die  sich  nach  oben  öffnet  u  (T.  1  co.  9.  17). 


1  Reil,  Byz.  Zeitschr.  19.  1910  S.  490. 


—     108     — 

Mit  dem  dritten  Jahrhundert  n.  Chr.  brechen  die  Proben  in  Kenyon, 
Palaeogr.  p.  129  ab  und  ebenso  die  unserer  Tafel  1.  Aufgehört  hat  die 
Letzte  Zeit  juuge  Papjrusuuciale  damals  aber  noch  nicht;  wohl  aber  ihre  Allein- 
herrschaft; es  hatte  sich  eine  Pergamentunciale  gebildet,  welche  die 
gleichzeitige  Papyrusschrift  beeinflußte.  Das  British  Museum  besitzt 
ein  Hesiodfragment  (Nr.  CLIX,  vgl.  Eevue  de  Philo).  IG.  181),  das  in 
großen  Uncialen  geschrieben  ist,  die  am  meisten  an  den  Stil  des  be- 
rühmten c.  Alexandrinus  der  Bibel  erinnern.^ 
Theologie  Der  Anfang    des   vierten  Jahrhunderts    ist    bezeichnet    durch    den 

definitiven  Sieg  des  Christentums;  klassische  Bildung  trat  zurück  gegen 
christliche  Frömmigkeit;  dementsprechend  trat  auch  die  Kalligraphie 
in  den  Dienst  der  christlichen  Kirche. 

Datierte  Papyrusunciale  der  letzten  Zeit  kennen  wir  ferner  durch 
die  autographen  I^nterschriften  des  Concils  von  Constantinopel  vom 
Jahre  680  (s.  Wattenbach,  Ex.  scr.  gr.  Nr.  XII— XTII).  Ein  Teil  der 
Bischöfe  hat  in  Unciale,  ein  anderer  in  Cursive  geschrieben;  ihre  Unter- 
scliriften  sind  daher  für  die  Geschichte  beider  Schriftarten  von  gleicher 
Wichtigkeit. 

Daran  schließt  sich  die  kalligraphische  Unciale  eines  Papyrus 
(Cyrill  V.  Alexandria)  aus  dem  Kloster  El  Deir  bei  Hawara,-  dessen 
Buchstaben  allerdings  noch  senkrecht  stehen,  aber  doch  schon  die 
schmalen  Formen  von  €  und  C  zeigen  (s.  u.) 

Mit  Sicherheit  können  wir  auch  Florentiner  Papyrusfragmente 
der  jüngeren  Unciale  zuweisen,  nämlich  ein  Frammento  di  quattro 
pagine  di  un  codice  greco  forse  d'Omelie,  die  nach  der  Publi- 
cation  im  Codice  diplomatico  Toscano  P.  I  p.  113  — 127  und  dem  aller- 
dings ziemlich  mangelhaften  Facsimile  auf  Taf.  III  von  Cesare  Paoli, 
Del  papiro  p.  84  mit  Eecht  ins  8. — 9.  Jahrhundert  gesetzt  werden.  — 
Tischendorf  erwähnt  femer  in  den  Verhandlungen  der  Halleschen  Philo- 
logenversammlung 1868  S.  44  Papyrusfragmente  Paulinischer  Briefe  (  =  Q) 
im  Besitz  des  Bischofs  Porf.  Uspensky,  die  heute  also  wahrscheinlich 
in  der  Kaiserlichen  Bibliothek  von  St.  Petersburg  zu  suchen  sind.  Sie 
sind  jedenfalls  in  Unciale  geschrieben,  denn  die  Anwendung  der  Cursive 
bei  neutestamentlichen  Schriften  wäre  ohne  Beispiel.  Ob  diese  voraus- 
gesetzte Unciale  aber  der  früheren  oder  der  späteren  Zeit  angehört, 
müssen  wir  dahingestellt  sein  lassen.  Tischendorf  (Herzogs  Realency- 
clopädie  19,  192)  setzt  sie  ins  fünfte  Jahrhundert;  allein  auf  sein  Urteil 
ist  hier  nichts  zu  geben. 
Juris-  Doch  auch  für  die  Jurisprudenz  arbeitete  in  dieser  Zeit  die  Kalli- 

priiuenz  ^  _  ^ 

graphie;  das  zeigt  der  Papyrus  Bernardakis,  den  Zachariae  v.  Lingen- 


•  Siehe  Kenyon,  Pal.  p.  117. 

^  Siehe  Bernard,  Transactious  of  the  R.  Irish  Acad.  20.    Dublin  1892. 


—     109     — 

thal  (Monatsber.  d.  Berl.  Akad.  1881  S.  620)  und  Lenel  (Zeitschr.  der 
Savigny- Stift.  1881,  II  S.  223—237  mit  meinem  Facsimilie)  heraus- 
gegeben haben.  In  diesem  juristischen  Papyrus,  der  zwischen  480 
und  527  geschrieben  sein  muß,  finden  wir  wenig  oder  gar  keine  Liga- 
turen (nicht  einmal  bj;  aber  die  Buchstaben  fangen  schon  an,  in  die 
Breite  zu  gehen,  und  selbst  der  Anfang  einer  Unterscheidung  von 
Haar-  und  Grundstrichen  ist  bereits  vorhanden. 

Über  den  chemischen  Papyrus  von  Leiden  (s.  Kopp,  Beiträge  zur  Pa^ymä" 
Gesch.  d.  Chemie  S.  97),  den  ich  nicht  gesehen  habe,  möchte  ich  mir 
kein  Urteil  erlauben.  Reuvens,  Lettres  3  p.  66,  nennt  die  Uncialschrift 
dieses  Papyrus  ires  helle  et  tres  lisihle.  Comvie  Vecriture  est  assez  maigre 
et  allongee,  je  crois  volontiers  en  rappellant  les  ohservations  precedemment 
emises  sur  ce  point  de  paleographie.^ 

In  bezug  auf  den  Stil  der  Buchstaben  ist  wenig  hinzuzufügen. 
Die  runden  Buchstaben  €,  0,  0,  C  haben  ohne  Unterschied  der  Zeit 
manchmal  einen  Kreis  manchmal  ein  Oval  als  Grundform:  für  die 
Papyrusschrift  sagt  daher  Wilcken:  Das  scheint  mir  außer  Zweifel  zu 
stehen,  daß  durch  alle  Jahrhunderte  hindurch  neben  der  ovalen  Schrift 
die  kreisrunde  gegangen  ist.  —  Andere  Buchstaben  möchte  man  nach 
ihrer  Grundform  quadratische  nennen,  aber  oft  überschreitet  die  Höhe 
auch  die  Breite  dieser  Form.  In  ptolemäischer  Zeit  sind  diese  Buch- 
staben oft  übermäßig  breit,  in  römischer  Zeit  liebte  man  mehr  die 
schmäleren  und  flacheren,  namentlich  die  flachen  Formen  des  Y  und  M 
sind  ein  Kennzeichen  der  späteren  Periode  (P.  Oxyrh.  1  p.  58  n.). 

In  der  letzten  Zeit  der  Papyrusunciale  hat  man  die  Schreibweise  a'hmuüg 
der  fiüheren  Zeit  vielfach  und  manchmal  mit  Glück  nachgeahmt;  ich 
verweise  auf  den  Papyrus  Massiliensis  des  Isocrates,  den  sein  Heraus- 
geber (M6langes  Graux  p.  480)  der  Ptolemäerzeit  oder  dem  ersten 
christlichen  Jahrhundert,  Kenyon,  Pal.  p.  108  dem  dritten,  Blass  dagegen 
(Jahrb.  f.  ch  Philol.  129,  1884  S.  418j  dem  4.— 5.  Jahrhundert  zugewiesen 
hat.  Auch  die  Londoner  Papvruspsalmen  (s.  m.  Beitr.  z.  gr.  Paläogr. 
Taf.  3)  sind  hierher  zu  rechnen,  die  Tischendorf,  Monum.  Sacra  inedita 
(Lps.  1855),  1,  p.  XXXXIV,  entschieden  überschätzt  hat;^  die  Heraus- 
geber der  Pal.  Soc.  I,  38  wiesen  sie  dem  4. — 5.  Jahrhundert  zu,  dagegen 
die  der  Gr.  Pap.  Brit.  Mus.  I  Fcsm.  Xr.  144  dem  6. — 7.  Jahrhundert. 
Kenyon,  Greek  Papiri  in  the  Brit.  Mus.  Text  p.  XVTI  und  — ,  Palaeogr. 


1  I  lettre  p.  27:  Voyez  les  mss.  du  VIII,  IX  »^t  X  siecle,  Montf.,  Pal.  Gr. 
224  sqq.  qu'elle  est  du  siecle  des  Constantins,  ou  d'une  epoque  un  peu  plus  recente. 
Elle  contient  au  reste  tres-peu  d'abreviations. 

-  Vgl.  Rendel  Harris,  Class.  Rev.  8,  1894  p.  47:  It  is  fortunate  for  Tischen- 
dorf that  he  is  dead.  If  he  were  alive  he  would  have  had  to  confcss  that  he 
knew  very  little  indeed  about  the  date  uf  a  papyrus. 


—     110     — 

p.  116 — 117,  weist  den  Papyriispsalter  dem  7.  (?)  Jahrhundert  zu;  vgl. 
— ,  Pal.  p.  109.  Sie  gehören  wohl  ungefähr  derselben  Zeit  an  wie  ein 
Kaufcontract  Papyr.  grec.  21  pl.  XXIV — XXV  a.  616,  der  ebenfalls  die 
langen,  links  geneigten  Charaktere,  wenn  auch  mit  mehr  Verbindungen, 
zeigt. 

Von  allen  griechischen  Schriftarten  ist  die  Unciale  sicher  die 
künstlichste,  da  die  Buchstaben  alle  nach  Vorschrift  einer  neben  den 
anderen  gemalt  werden  mußten.  Aber  trotz  alledem  blieb  doch  der 
Mode  der  Zeit  oder  der  Laune  des  Schreibenden  immer  ein  gewisser 
Spielraum. 

Es  sind  dies  meistens  individuelle  Eigentümlichkeiten,  die  sich 
serruys  nicht  oft  ZU  fcstcu  Arten  ausgebildet  haben,  wie  Serruys  meinte  in 
seinem  Aufsatze:  Contributions  ä  l'elude  des  „canons^^  de  Vonciale  grecquc 
(M6langes  Chatelain  p.  492),  der  p.  494  sogar  bestimmte  Namen  für  die 
einzelnen  Arten  vorschlägt,  so  z.  B.  onciale  liturgique,  onciale  anguleuse  usw. 
Ausführlicher  p.  494  behandelt  er 

V  onciale  dite  romaine. 

Was  heißt  „römische"  Unciale?  Ist  es  die  Schrift,  welche  geborene 
Römer  (vor  und  nach  Christi  Geburt)  anwendeten,  wenn  sie  kalligraphisch 
Griechisch  schrieben?  Davon  kann  natürlich  keine  Rede  sein.  Oder 
ist  es  die  Schrift,  welche  alle  Nationen  in  der  Periode  des  römischen 
Kaiserreichs  gebrauchten?  In  dieser  langen  Periode  wurde  doch  in 
verschiedenen  Zeiten  von  den  verschiedenen  Völkern  sehr  verschieden 
geschrieben.  Gemeint  ist  mit  diesem  nicht  gerade  glücklich  gewählten 
Namen  die  unverbundene  kalligraphische  Unciale  der  römischen  Periode. 
Schon  Kenyon,  Palaeography  p.  99  hatte  eine  ähnliche  Bezeichnung 
gewählt:  The  first  and  second  centuries  represent  the  prime  of  the  Roman 
style;  und  Serruys  schließt  sich  ihm  an  und  gibt  pl.  II  Proben  dieser 
„römischen"  Unciale,  die  er  mit  dem  ö^vQvyxog  xaQfxxn'jQ  (s.  u.)  identi- 
ficieren  möchte.  Allein  dieser  Typus  ist  keineswegs  der  einzige  für 
die  römische  Periode  auf  Papyrus  sowohl  wie  auf  Pergament  gibt  es 
in  römischer  Zeit  noch  andere  Unciale;  ich  erinnere  z.  B.  an  das  Frag- 
ment der  Kreter  des  Euripides  (s.  Berl.  Klassikertexte  5,11  S.  73  und  den 
Isocrates  Oxyrhynch.  Pap.  5  pl.  VII),  und  anderseits  hat  er  auch  die 
Zeit  der  römischen  Herrschaft  Ägyptens  überdauert.  Serruys  rechnet 
p.  497  sogar  noch  den  c.  Sinaiticus  und  die  Ambrosianische  Ilias  dazu 
(pl.  Ic):  On  y  retrouve  le  meme  ductus,  le  meme  style,  le  meme  rythme,  les 
memes  courbes.  Aber  auch  die  Unciale  der  ptolemäischen  Zeit  hat 
beaucoup  de  traits  communs  (p.  495). 

Das  was  die  „römische"  Unciale  unterscheiden  soll,  daß  TT  f  T  X  K 
und  die  runden  €  0  0  C   sich  in  ein  Quadrat  hineinzeichnen  lassen,  ist 


—    111    — 

eine  theoretische  Forderung,  die  der  Praxis  nicht  immer  entspricht,  auf 
alle  Fälle  aber  nicht  bloß  auf  die  „römische"  Zeit  beschränkt  ist.  Ich 
meine  also,  man  wird  diesen  Namen  besser  aufgeben  und  lieber  wieder 
zu  der  alten  Bezeichnung  zurückkehren:  es  ist  die  sorgfältige  kalli- 
graphische Unciale,  wie  sie  in  der  Zeit  nach  Christi  Geburt  geschrieben 
wurde,  allerdings  verschieden  von  der  älteren  Papyrusunciale,  deren 
feiner  Ductus  allmählich  unter  dem  Einfluß  der  Pergamentunoiale 
schon  vielfach  größer  und  manchmal  auch  breiter  wurde. 

Die  rechts  geneigte  ünciale. 

Die  Stellung  der  griechischen  Unciale  wechselt;  sie  ist  bald  steil, 
bald  geneigt  (meist  nach  rechts),  wie  sie  in  jeder  Schrift  auch  heut- 
zutage  wechselt.  Steilschrift  und  Schrägschrift  gehen  nebeneinander  schrag- 
her  und  lösen  sich  nicht  ab  (s.  Wilcken,  Archiv  f.  Papyr.  1  S.  364.  367). 
Das  schließt  natürlich  nicht  aus,  daß  in  bestimmten  Perioden  diese 
oder  jene  Art  überwogen  habe.^  Es  gibt  auch  links  geneigte  Unciale, 
aber  das  ist  Ausnahme.^ 

Das  Natürliche  und  Gewöhnliche  bleibt  immer  die  senkrechte  oder 
nur  wenig  rechts  geneigte  Schrift,  die  schon  deshalb  als  Norm  bezeichnet 
wird,  weil  sie  den  inschriftlichen  Charakter  wiedergibt.  Aber  von  Zeit 
zu  Zeit  wird  die  stärker  geneigte  Schrift  Mode,  welche  die  meisten 
Schreiber  dann  bevorzugen,  da  sie  ihren  Werken  ein  eigentümliches 
elegantes  Aussehen  gibt,  the  oval,  sloping  style  of  uncial  ivhich  is  gene- 
rally  considered  to  haue  developed  out  of  the  square  uncial  diiring  the  seventh 
Century  is  in  reality  quite  independent  of  the  square  tincial  and  is  developed 
from  a  third  Century  type  ivhich  luas  quite  as  common  in  Egyjd  as  the 
prolofype  of  the  square  uncial  (Amherst  Pap.  ed.  Grenfell  and  Hunt  1. 
1900  p.  3).  Schöne,  rechts  geneigte  Unciale  zeigt  bereits  ein  Odyssee- 
fragment, Oxyrh.  Pap.  2  pl.  1,  das  die  Herausgeber  dem  dritten  Jahr-  3.  jahrh. 
hundert  n.  Chr.  zuweisen.^ 

Der  Bacchylidespapyrus  mit  wenig  rechts  geneigten  Buchstaben 
wird  von  den  Herausgebern  der  Oxyrh.  Pap.  1  p.  53  n.  in  spätere  Zeit 
gesetzt  als  von  Kenyon,  nämlich  in  das  zweite  bis  dritte  Jahrhundert 
n.  Chr.  (s.  Taf.  XIII  bei  Kenyon).  Ein  Fragment  von  Hesiods  Kata- 
logen in  den  Charakteren  des  dritten  Jahrhunderts  n.  Chr.  s.  Berl.  Clas- 
sikertexte  5  T.  II.  Die  Buchstaben  haben  eine  sehr  energische  Neigung 
nach  rechts.  —  Pistelli,  Papiri  evangelici  s.  Studi  Religiosi  1906  fasc.  2 


*  Es  liegt  mir  natürlich  fern,  hier  eine  vollständige  Liste  der  rechts  geneigten 
Unciale  zu  geben,  hier  genügt  es,  auf  bestimmte  Proben  für  die  verschiedenen 
Jahrhunderte  hinzuweisen. 

''■  Oxyrh.  Pap.  I  pl.  III;  Thompsijn,  Palaeogr.  p.  124  (Harris  Homer). 

ä  Vgl.  die  Liste  von  Wilcken,  Arch.  f.  Papyr.  1.  368. 


—      112     — 

gibt  ein  interessantes  Facsimile  der  Papyrusunciale  eines  Protevange- 
liums;  es  zeigt  breite,  entschieden  rechts  geneigte  Buchstaben, 
die  meistens  schon  die  Formen  der  jungen  Unciale  zeigen,  während 
z.  B.  das  CO  seine  alte  Form  noch  bewahrt  hat:  ^^.  Kenyon,  dem 
Pistelli  die  Proben  vorlegte,  trug  kein  Bedenken,  die  Schrift  dem 
3.4.jahrh.  dritten  bis  vierten  Jahrhundert  n.  Chr.  zuzuweisen.^  Auch  ein  Papyrus- 
fragment bei  Wilcken,  Tafeln  zur  alt.  gr.  Paläogr.  T.  III,  das  Erhard, 
Centralbl.  f.  Bibl.  9.  1892  S.  223,  dem  Hermas  zugewiesen  hat,  zeigt 
deutlich  rechts  geneigte  Unciale.  Wilckens  vorsichtige  Altersbestimmung: 
„vor  dem  achten  Jahrhundert"  ist  auf  alle  Fälle  richtig;  Kenyon,  Pal. 
p.  107,  weist  das  Fragment  dem  dritten  Jahrhundert  zu.  Siehe  dort: 
otfier  mss.  in  sloping  liancl.  Rechts  geneigte  Unciale  zeigt  auch  ein 
Platofragment  Oxyrh.  Pap.  1  pl.  VI;  Demosthenes  Oxyrh.  Pap.  2  pl.  IV; 
Homer  Oxyrh.  Pap.  2  pl.  I;  Homer  (Brit.  Mus.  CXXVI)  4.  Jahrb.;  siehe 
Thompson,  Pal  p.  129. 

Rechts  geneigte  schmale  Unciale  auf  Papyrus  mit  verstärktem 
Unterschied  der  hohen  und  tiefen  Buchstaben  gegen  die  mittleren  sieht 
man  auch  in  einem  Fragment  der  Baruch- Apokalypse  (Oxyrh.  Pap.  3 
Nr.  403  <(p.  I)  vgl.  7  Nr.  1011  <(pl.  II));  die  Herausgeber  nennen  sie  early 
Byzantine  —  —  prohably  not  later  than  fhe  fifth  Century  and  perhaps  as 
5.  Jahrb.  early  as  the  end  of  the  foiirth. 

Entschieden  rechts  geneigt  ist  ferner  ein  von  den  Italienern  in 
Oxyrhynchos  gefundener  Papyrus  mit  dem  Martyrium  der  H.  Christina 
(Omaggio  della  Societä  Italiana  —  —  al  IV  convegno  dei  classicisti 
tenuto  in  Firenze  dal  18 — 20  Aprile  1911.  Festschrift  p.  9  m.  Photo- 
typie)  ungefähr  aus  dem  fünften  Jahrhundert.  Der  Unterschied  zwi- 
schen mittleren,  hohen  und  tiefen  Buchstaben  wird  bereits  stark  betont, 
zu  den  hohen  und  tiefen  Buchstaben  gehört  z.  B.  x  und  ß,  zu  den 
tiefen  das  ^r  v o,  zu  den  hohen  das  s i ;  das  CT  wird  bereits  zu  einem 
Zuge  verbunden,  aber  ein  Punkt  bezeichnet  doch  noch  die  Grenze 
beider  Buchstaben;  das  N  hinkt  (s.  o.)  immer  noch  etwas;  beim  H  liegt 
der  Querstrich  meistens  in  der  oberen  Hälfte.  Das  rechtsgeneigte  0 
hat  meistens  unten  einen  Winkel,  oben  eine  Rundung;  ähnlich  0,  wäh- 
rend das  (o  meistens  runder  geschrieben,  aber  noch  nicht  hochgestellt 
ist.  Ligaturen  werden  möglichst  vermieden.  —  Interessant  ist  ferner 
die  breite  Papyrusunciale  der  Himmelfahrt  des  Jesaias;  s.  Grenfell  and 
Hunt,  Amherstpapyri.  1.  London  1900  pl.  III — IX.  Die  Herausgeber 
setzen  sie  ins  fünfte  bis  sechste  Jahrhundert  und  weisen  hin  auf  die 
Ähnlichkeit  mit  der  Schrift  des  c.  Alexandrinus,  denn  die  zweite  Hand, 
die  derselben  Zeit  wie  die  erste  angehört  (p.  3),  braucht  einige  rechts- 


*  P.  11:  ne  c'e  ragione  alcuna  di  pensare  a  una  data  piü  tarda. 


—     113     — 

geneigte    Buchstaben  (s.   pl.  IV   Col.  II,    vgl.    auch    die    rechtsgeneigte 
erste  Zeile  Col.  XI). 

Ferner  haben  wir  in  einem  Fragment  des  Kallimaclius  Oxyrh.  Pap.  7 
Nr,  1011    <pl.  11),    große,    reclitsgeneigte   Unciale    mit  breiten   Grund- 
strichen  (vgl.   Gr.  Pap.  Brit.  Mus.  1.   144d)    Fcsm.    des   6.-7.  Jahrb.  6.7. jabrh. 
Über  die  jüngeren  Proben  s.  u.  S.  121   Pergamentunciale. 

0  ö^vQvy/o^  -/unaxT i'in.^ 

Eine  energische  Neigung  nach  rechts  mußte  schließlich,  indem 
man  die  Consequenzen  dieser  Neuerung,  zog  zu  einer  stilistischen  Durch- 
arbeitung der  einzelnen  Buchstabenformen  führen;  wobei  alle  rechten 
Winkel,  aber  auch  die  Kreise  und  Teile  der  Kreise  verdrängt  wurden; 
an  Stelle  des  Rundbogens  trat  der  Spitzbogen;  die  eine  Schrift  hat  sich 
also  aus  der  andern  entwickelt. 

Der  Unterschied  zwischen  rechtsgeneigter  und  spitzbogiger  Schrift,  .^l'i^^'^J'^ ^ 
die  beide  die  Neigung  nach  rechts  haben,  beruht,  wie  schon  der  Name  ^^ yci'.'^a^^ 
sagt,  darauf,  daß  kreisförmige  Buchstaben  sich  nicht  nach  rechts  neigen 
können.  Um  diese  Stilwidrigkeit  nicht  allzu  deutlich  hervortreten  zu 
lassen,  so  werden  Kreise,  wie  das  r)mikron  und  das  Doppelomikron 
klein  und  hoch  geschrieben:  "  ";  bei  €  und  C  lassen  sich  die  neuen 
Stilregeln  schon  eher  durcbführen.  —  Bei  einer  wirklich  spitzbogigen 
Schrift  dagegen  hat  mau  dieselben  Regeln  auf  alle  Buchstaben  aus- 
gedehnt, selbst  auf  Formen  wie  {/  C\)    .- 

Diesen  Übergang  von  der  rechtsgeneigten  zur  spitzbogigen  Unciale 
setzte  man  früher  ziemlich  allgemein  in  das  siebente  .Jahrhundert.  Nun 
hat  aber  A.  Ehrhard  auf  interessante  Stellen  hingewiesen,  welche  die 
Existenz  der  spitzbogigen  Unciale  vielleicht  schon  für  frühere  Zeit 
beweisen  sollen:  Palladius  (ca.  416  n.  Chr.),  Hist.  Lausiaca  biB,  14  (ed. 
Preuschen  S.  111,  11):  (Euagrius)  kTcolei  Ök  d<xci^  kxaröv,  yoaffüjv  ri/V 
Ti^)iV  pLÖvov,  (bv  i]fjihEV  Tov  ixov^'  evffuoj^  yuo  iynu(f.i,  xov  o^vovyyov 
Yj/.ouxtTiou. 

Jo.  Philoponus  zu  Arist.  de  anima  II,  2  ed.  Hayduck  S.  227:  ion^ito 
yuo  ovd'  änofiuxTixov  fTvlXoytniiov  elf)ei'cci  Övvuxov  xov  f.uj  c/.nXfJiq  xi 
iaxi  avVkoyia\ioc,  dciöxu,  ovdt  xov  d^vnvy/ov  xvttov  ynü(ff.tv  xov  fjiij 
('inl.GiQ,  eid'öxa  yodrpsiv  [ovyxr/vnivov  dh  xovxo,  6  änlöjq  avlXoyifjfxoq)- 
Ti'/Moveg  yuo  xovxov  Öiuff>0()ai'  öfioicoi^  Ae  xul  x6  ('cn?M^  yor/ffeiv, 
diTjoO'ocofievov  de  xöjv  etf)'(dv  Ixaaxov),  o'vxco^  xxX. 


1  Siehe  Wilcken,  Hermes  36.    1901    S.  315;    Arch.  f.  Pap.   1,  368.   —   Gardt- 
hausen,  Byzant.  Ztsohr.  11.  1902  S.  112. 

^  Vgl.  unten  junge  Pergamentunciale. 
G  ar  dt  hausen,  Gr.  Paläograpbie.    2.  Aufl.   11.  8 


—     114     — 

Was  bedeutet  6  ö^v^vy/og  ;^«(>c/xt//(>?  Eine  alte  Übersetzung  des 
Palladius  sagt:  pulchre  enim  scribebat  libndem  manum  (Rosweid,  Vitae  patr. 
Antwerpen  1628  S.  997).  Das  gibt  doch  keinen  erträglichen  Sinn,  man 
erwartet  ungefähr  librarii  manum;  das  wäre  also  die  kalligraphische 
Bücherschrift.  Aber  „Eosweid  —  —  war  sich  nicht  klar  über  deren 
Bedeutung,  indem  er  sowohl  den  characterem  romanum  sive  rofimdum, 
als  die  Cursive  zuließ  S.  1045."^ 

Auch  von  der  zw^eiten  Stelle  des  Philoponus  gibt  es  eine  alte 
Übersetzung,  Paris  1543,  die  den  Ausdruck  übersetzt:  acuto  rostro 
pingere.  Ehrhard  S.  405  entscheidet  sich  für  „spitzschnabelige  Schrift- 
letter" und  bezieht  das  auf  griechische  Unciale  im  Gegensatz  zur 
Cursive.  Wilcken,  ohne  den  Aufsatz  von  Ehrhard  zu  erwähnen,  über- 
setzt ö^vQvy/og  xc/.QdXTijQ  mit  spitzbogiger  Ductus;  darnach  wäre  die 
Existenz  dieser  Schrift  bereits  für  das  Jahr  416  n.  Chr.  erwiesen. 

Aber  nun  erhebt  sich  zunächst  die  Frage,  ob  wir  für  den  Anfang 
des  fünften  Jahrhunderts  wirklich  eine  spitzschnäuzige  Schrift  nach- 
weisen können.  Auf  viele  Buchstaben  dieser  Zeit  paßt  der  Ausdruck 
sicher  nicht,  ein  B  oder  T  usw.  ist  im  Jahre  416  nicht  spitzschnäuzig, 
ein  A  AM  N  ebenfalls;  wenn  man  diese  Buchstaben  nicht  etwa  in  jeder 
Schreibart  so  nennen  will.  Die  entscheidenden  Buchstaben,  die  später 
wirklich  eine  spitze  Schnauze  haben,  zeigen  damals  in  der  Papyrus- 
schrift noch  die  runden  Formen. 

Ich  meine  also,  daß  wir  diesen  Ausdruck,  so  wie  Wilcken  ihn 
versteht,  auf  ein  ganzes  Alphabet  nicht  anwenden  können.  Unten  bei 
der  jüngeren  Pergamentunciale  wird  allerdings  von  spitzbogiger  Schrift 
die  Rede  sein,  aber  dort  ist  auch  neue  Stilisierung  der  Schrift  voraus- 
gegangen, durch  welche  die  einzelnen  Buchstaben  Zusätze  und  Formen 
erhalten  haben,  welche  dort  den  Namen  rechtfertigen. 

Namentlich  um  den  chronologischen  Consequenzen  dieser  Annahme 
zu  entgehen,  habe  ich  (s.  o.)  gegen  die  Richtigkeit  dieser  Auffassung 
protestiert:  „Spitzschnäuzig  ist  nicht  die  Form  des  geschriebenen  Buch- 
stabens, sondern  des  schreibenden  Calamus.''  Ist  das  richtig,  dann  be- 
weisen jene  beiden  Stellen  überhaupt  nichts  für  das  Alter  der  spitz- 
bogigen  Unciale. 

Lambros  (bei  Thompson -Lambros,  Palaeogr.  S.  211)  hat  diese 
seltene  Bezeichnung  noch  zweimal,  wenn  auch  entstellt,  nachgewiesen; 
er  stimmt  meiner  Erklärung  bei,  übersetzt  aber  diesen  Terminus  tech- 
nicus:  liUeras  unciales.^  Auch  Serruys  (Melanges  Chatelain  p.  486),  der 
in  einem  c.  Paris.  2316  (Fol.  417)  den  Ausdruck  rov  ö^vov/ir&v  (sie) 
{äl(fußi]roq)  gefunden  hat,  übersetzt  den  Ausdruck   „«  la  pointe  aigu&'. 

1  Ehrhard,  Centrulbl.  f.  l^ibl.  8.   1891  S.  404. 

2  Bursian-Kroll's  Jahresber.  127  S.  218;  135  S.  19  (Nr.  14). 


—     115     — 

In  der  Erklärung  des  Wortes  stimmt  er  also  mit  mir  gegen  ^\'ilcken 
überein,  verwendet  aber  den  Terminus  technicus  in  anderem  Sinne,  er 
bezieht  ihn  auf  „une  ecriture  de  calligraphie  virtuose"^,  was  mir  nicht  ge- 
rechtfertigt zu  sein  scheint.  Im  Gegenteil,  ich  meine  eine  Schriftart, 
die  nach  dem  spitzen  Calanius  benannt  wird,  kann  nicht  die  breite 
Unciale  sein,  sondern  die  viel  feineren  der  Cursive;  doch  verkenne  ich 
nicht,  daß  diese  Deutung  keineswegs  so  sicher  ist  wie  die  etymologische 
Erklärung  des  Wortes  überhaupt. 

Neuerdings  hat  sich  auch  JV.  Bh]^  (Ehein.  Mus.  N.  F.  66.  1911 
S.  636)  mit  dieser  schwierigen  Frage  beschäftigt;  er  gibt  die  neuere 
Litteratur  vollständig,  ohne  allerdings  den  Beitrag  von  Serruys  (M61. 
Chatelainj  zu  erwähnen,  und  verweist  dabei  auf  die  Handschrift  der 
Christi.  Arch.  Ges.  in  Athen  Nr.  16  vom  Jahre  1666: 

AöiTiöv  o  vofjboxävcovag  nov  ijX^i  '^o.nuyy'iilEi 
tÖ  iyociipcc  xdifojq  ojoä^  o^voi/coi'  gooyyi'/'/M. 

woraus  sich  nichts  Entscheidendes  ergibt.  Wichtiger  ist  die  Anwendung 
dieses  Ausdrucks  in  einem  richterlichen  Urteil  vom  Jahre  1049,  das 
dem  Michael  Psellos  zugeschrieben  wird.^  oiütieo  yäo  ol  töv  ö^iiovy/ov 
/)  (TTooyyv?MV  /ccoc^xtTjou  'cTiiTijÖBVftäfievoi  /)  aiiTOficcTtaavTsg  tov  avxov 
äel  i7iicn](jLuivovTai  yadcpovreg,  ovTfo  t)'/j  xcil  //  tov  vjioyodipavrog  /«/(', 
0)fT7iso  Tivcc  idid^ovTU  '/unaxzTiQci  tTj^  idioiriug,  iaov  Tioög  iavrdv  xul 
rrvficpcovov  i:(pvld^uTO'  Der  Verfasser  fügt  hinzu:  „Bemerkenswert  ist 
auch,  daß  in  der  Stelle  des  Mich.  Psellos  der  o^iovy/og  -/aoaxTiio  von 
dem  (XTooyyvlog  unterschieden  wird."  Er  zieht  daraus  die  Folgerung, 
daß  Wilcken  recht  hat:  o^vnvy/og  /6roc;;fr/y(;  sei  der  „spitz  zulaufende 
Majuskelstil  und  axooyyvlog  -/aoaxri'iü  der  sonst  arooyyv'/.ÖG/rinog 
und  mit  dem  lateinischen  Terminus  ,%inciales'  benannte''.  Das  letztere 
ist  auf  alle  Fälle  richtig;  aber  den  richtigen  Gegensatz  dazu  bildet 
meines  Erachtens  nur  die  mit  spitzem  Calamus  geschriebene  Schrift 
des  täglichen  Lebens,  womit  also  im  Jahre  1049  auch  die  Minuskel 
gemeint  sein  könnte;  vgl.  Ehein.  Museum  67.  1912  S.  142. 


Vielleicht  verdient  es  noch  besonders  hervorgehoben  zu  werden, 
daß  es  in  der  Papyrusunciale  wohl  kalligraphische  Formen,  aber  keine 
eigentliche  Prunkschrift  gibt,  wie  wir  sie  sowohl  in  der  älteren  wie 
in  der  jüngeren  Perganientunciale  werden  kennen  lernen.  Wie  man 
auf  Papyrus  Goldschrift  fast  gar  nicht  anwendete,  weil  der  Beschreib- 
stoff zu  vergänglich  war,  so  scheint  man  aus  demselben  Grunde  auch 
die  mühsame  Prunkschrift  vermieden  zu  haben. 


Siehe  Sathas,  Meduitov.  ßißXiot^i'ixi]  5  p.  198 — 199. 


—     IIG     — 

Kleinunciale  auf  Papyrus  s.  Pap.  Cair.  Nr.  10141,  s.  C-atal.  genör. 
du  musöe  du  Caire  10.    1903  p.  20. 

Über  die  sog.  „koptische  Unciale",  die  auf  Papyrus  und  Perga- 
ment nicht  wesentlich  verschieden  ist,  s.  u.  Nationalschrift. 


Zweites   Kapitel. 

Pergamentunciale.' 

Die  griechische  Paläographie  pflegte  früher  mit  den  ältesten  Bibel- 
handschriften zu  beginnen,  die  sämtlich  nicht  datiert  sind.  Zur  Be- 
stimmung ihres  Alters  wurden  gelegentlich  einige  Inschriften  (s.  u.  S.  118) 
herangezogen,  aber  bis  über  die  Zeit  von  400  n.  Chr.  konnte  man  die 
Geschichte  der  griechischen  Handschriften  nicht  zurückverfolgen.  Erst 
durch  die  Funde  der  letzten  30  Jahre  haben  wir  die  Entwicklung  der 
griechischen  Unciale  in  der  vorhergehenden  Zeit  kennen  gelernt;  das 
heißt  nicht  nur  die  kalligraphische  Papyrusunciale  (s.  o.  S.  91),  son- 
dern auch  Proben  der  ältesten  Pergamentunciale  (s.  o.  1  S.  99),  die 
bis  zum  ersten  und  zweiten  Jahrhundert  n.  Chr.  zurückreichen  mögen.^ 
Diese  sind  natürlich  für  die  Beurteilung  der  ältesten  Bibelhandschriften 
zur  Vergleichung  heranzuziehen. 

Dieser  Zeit  weist  man  z.  B.  Pergamentfragmente  der  Kreter  des 
Euripides  zu  (Berliner  Classikertexte  5  Nr.  XVII,  Nr.  I  p.  73  <T.  IV>, 
vgl.  0.  1  S.  99,  s.  Pap.  gr.  berol.  ed.  Schubart  Nr.  30),  die,  wenn  sie  auf 
2.  jahrh.  Papyrus  geschrieben  wären,  wohl  ohne  Frage  dem  ersten  bis  zweiten 
Jahrhundert  zugewiesen  würden.  Jünger  sind  die  Eeste  eines  un- 
kanonischen Evangeliums:  Oxyrh.  Pap.  5. 1908  Nr.  840  pl.  I.  Ihr  Format 
ist  so  winzig  (8,8  X  7,4  cm),  daß  man  wohl  ohne  weiteres  annehmen 
kann,  daß  sie  als  Amulett  um  den  Hals  getragen  wurden.^  Dazu 
kommt  die  Gesandtschaftsrede  des  Demosthenes  auf  Pergament  (Brit. 
Mus.  Add.  34473)*  vielleicht  aus  dem  zweiten  Jahrhundert  n.  Chr.:  It 
is  quife  imlike  amj  known  vellum  hand.^ 
3-4.  Jahrh.  Dem  dritten   bis  vierten  Jahrhundert  gehört  nach  dem  Urteil  von 

Kenyon    auch    ein  Pergamentfragment  der  Oracula  Sibyllina    an,    das 
.  Vitelli  publiciert  hat  in  der  Zeitschrift  Atene  e  Roma  7.  1903  p.  354 
Nr.  1  (m.  Fcsm.). 

Auch  in  den  Rylands  Pap.,  herausgegeben  von  Hunt,  Manchester 
1911  p.  91,  linden   wir  ein  Odysseefragment  auf  Pergament  aus   dem 

^  Montfaucon,  Pal.  Gr.  p.  184:  de  libi'is  vctustissimis  membrauaceis. 
-  Vgl.  Kenyon,  Pal.  p.  112:  The  transition  to  vellum. 

*  Vgl.  Preuschen,  Zeitschr.  f.  N.  T.  9.  1908  S.  1  A.  3. 

*  Kenyon,  Palaeogr.  p.  113. ,  Journ.  of  Philol.  22.  1894  S.  247. 

*  Kenyon,  Pal.  p.  113. 


—     117     — 

dritten  bis  vierten  Jahrhundert  {pl.  9):  written  in  a  slightly  sloping  tne- 
dium-sized  uncial  hand.  Ferner  haben  wir  ein  Pergamentfragment  von 
Euripides  Melanippe,  vielleicht  aus  dem  vierten  Jahrhundert^  und 
Oxyrhynch.  Pap.  8  Nr.  1080  (pl.  I):  vellum  cod.  of  ihe  Apocalypse. 

Fragmente  einer  attischen  Komödie,  die  mindestens  ebenso  alt 
sind  als  der  c.  Sinaiticus,  hat  kürzlich  V.  Jernstedt  mit  russischem  Texte  &•  Jaiiri.. 
veröffentlicht:  Porßrijevskije  otryvki  iz  atticeskoj  komedii.  Ferner  ein 
Gedicht  des  Euphorion  auf  Pergament:  Schubart,  Pap.  gr.  berol.  Nr.  43b 
aus  dem  fünften  Jahrhundert.  Leider  sind  es  aber  nicht  ganze  Hand- 
schriften, sondern  meistens  Fragmente  derselben,  die  vpir  zurückgewon- 
nen haben,  deren  Schrift  uns  aber  deutlich  zeigt,  daß  die  älteste  Per- 
gamentunciale  sich  parallel  mit  der  Papyrusunciale  entwickelte.^  Um- 
fangreicheres Material  haben  wir  auch  jetzt  für  die  Zeit,  wo  die  mehr 
oder  weniger  vollständigen  Pergamenthandschriften  einsetzen;  das  sind 
also  die  ältesten  Handschriften   des  Alten  und  Neuen  Testaments,  von  ßibf^iiian.i- 

'  Schriften 

denen  Montfaucon,  Pal.  Gr.  184  ungefähr  30  kannte,  deren  Zahl  sich 
inzwischen  mehr  als  verzehnfacht  hat;  kein  Buch  hat  eine  so  vorzüg- 
liche alte  Überlieferung  wie  die  Bibel, ^  obwohl  die  meisten  dieser 
Uncialcodices  ebenso  unwichtig  sind  für  den  neutestamentlichen  Kritiker, 
der  fast  erdrückt  wird  unter  dem  immer  mehr  sich  anhäufenden  Ballast 
unnützer  Varianten,  wie  für  den  Paläographen,  dessen  Kenntnisse  durch 
neuentdeckte  undatierte  Unciale  selten  erweitert  werden.  Wenn  also 
auch  unsere  Kenntnis  an  Ausdehnung  zugenommen,  so  hat  sie  sich 
doch  keineswegs  in  gleicher  Weise  vertieft;  es  ist  sehr  unwahrschein- 
lich, daß  wir  jemals  imstande  sein  werden,  das  Alter  eines  Uncialcodex 
mit  gleicher  Sicherheit  wie  das  der  Minuskelhandschriften  zu  bestim- 
men, weil  uns  hier  für  die  frühere  Zeit  die  datierten  Handschriften 
fast  gänzlich  fehlen. 

Wer  sich  eine  selbständige  Meinung  in  der  schwierigen  Frage  der 
Chronologie  der  Handschriften  bilden  will,  muß  sich  zunächst  Recheu- 


1  Siohe  Wilekoii,  Tafoln  Nr.  IV.  —  Blass,  Zoitsclu-.  f.  Ägypt.  Spr.  1880  S.  'M. 

^  Die  ältesten  griechischen  Handsehriftcn:  [d.  Profanlitteratur]  Hübner,  Grund- 
riß z.  Vorles.  über  Gesch.  u.  Encycl.  d.  el.  Philol.  1889  S.  45.  —  IJlass,  Paläogr. 
Handb.  d.  Altert.  1,  1  p.  280.  Dazu  kommt  Kirchhoff,  Über  die  Reste  einer  aus 
Ägypten  stammenden  Handschrift  des  Euripides  (aus  dem  6.  Jahrh.  mit  Facsim.), 
Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.     Nov.  1881  S.  982—989. 

=•  Gregory,  Textkritik  d.  N.  T.  1.  Leipzig  1900  S.  IG. ,  Die  griech.  Hand- 
schriften d.  N.  T.  (Versuche  u.  Entwürfe  2).  Leipzig  1908;  vgl.  auch  die  Liste  in 
der  ersten  Autl.  d.  Buches  S.  1^0.  Facsim.  of  the  Washington  ms.  of  Deuteron, 
and  Josuah  in  the  Freer  Collection.    Ann  Arbor,  Michigan   1910.  —  Kenyon,  F.  G., 

Our  biblc  and  the  ancient  mss.  with  2G  fcsm.    London  1890. ,  Our  bible  and 

the  ancient  mss.  being  a  history  of  the  text  and  its  translation.  4.  edit.  London 
1903.  8.  With  29  fcsm. ,  Facsimiles  of  biblical  mss.  in  the  Brit.  Mus.  Ox- 
ford 1900.    With  25  plates. 


—     118     — 

Schaft  geben,  wo  denn  eigentlich  die  festen  Punkte  sind,  zwischen  denen 
"^"unwe  ^^^^^  andere  sich  hin-  und  herschieben  läßt.  Als  diese  Anhaltspunkte 
kann  man  Anfang  und  Ende  betrachten.  Wir  kennen  den  Anfangs- 
punkt dieser  Entwicklung,  nämlich  das  Alphabet  der  Inschriften,  und 
den  Endpunkt,  nämlich  die  letzten  datierten  üncialhandschriften  des 
neunten  und  zehnten  Jahrhunderts;  man  kann  im  allgemeinen  nur 
sagen:  ein  Schriftstück  wird  um  so  älter  sein,  je  mehr  es  sich  jenem, 
um  so  jünger,  je  mehr  es  sich  diesen  nähert,  und  es  handelt  sich  be- 
sonders darum,  in  der  Mitte  dieser  Extreme  möglichst  viele  Punkte 
chronologisch  festzuhalten.^ 

Für  die  ersten  nachchristlichen  Jahrhunderte,  für  die  wir  keine 
datierten  Codices  haben,  sind  wir  also  hauptsächlich  auf  die  Verglei- 
chung  der  Schriftproben  datierter  Inschriften  angewiesen;  sie  sind 
sicher  auch  für  die  Papyrusunciale  wichtig  (s,  o.  S.  90),  aber  in  viel 
höherem  Grade  für  die  Pergamentunciale,  welche  den  Charakter  der 
inschriftlichen  Formen  treuer  bewahrt  hat. 

Das  C.  T.  Gr.  ist  hier  ganz  unzureichend,  man  muß  sich  mühsam  das 
Material  aus  der  neuen  Litteratur  zusammensuchen.  Deshalb  gebe  ich 
luschriften  hier  einige  natürlich  unvollständige  Verweisungen.  Facsimiles  findet  man 
bei  Hübner,  Exempla  scr.  epigr.  (auch  griechisch),  für  die  Zeit  des  Augustus 
in  Monimsens  Ausgabe  des  Monumentum  Ancyranum,  ferner  The  Ameri- 
can Journal  of  Piniol.  6.  1885  p.  1  ff.  (45  u.  Chr.).  Neros  Rede  vom 
28.  Nov.  67  n.Chr.  {m.  Fcsm.),  s.  Holleaux  Discours  de  Neron.  Lyon  1889. 
Mitteil.  d.  Athen.  Instit.  6  S.  166  (s.  II);  7  S.  22.  Bullet,  de  corr.  hellen. 
1877.  1  pl,  XIII  p.  356.  Maximaltarif  d.  Diocletian  s.  Papers  of  the 
American  school  5.  1890  pl.  XVIII.  Ein  lakonische  Inschrift  des  zweiten 
bis  dritten  Jahrhunderts  n.  Chr.  facsim.  Journal  of  Hellenic  stud.  8 
p.  214.  Bull  de  corr.  hellen.  20.  1896  p.  346  <pl.  XXIV):  Psalm  14. 
Schrift  nicht  jünger  als  das  vierte  Jahrhundert  (C>^ern).  Eine  sehr 
dankenswerte  Übersicht  über  die  in  den  Jahren  1888 — 1887  publi- 
cierten  lihdi  christiani  gibt  Larfeld,  Jahresber.  f.  cl.  Altert.  66.  1891 
S.  195.  Xanthudides,  X(jtj(TTicevixai  tTtr/Qucfai  Kot'jTijg  in  der  Zeitschr. 
Athena  15.  1903  S.  49—163.  Millet,  Pargoire  et  Petit,  Recueil  des 
iuscr.  ehret  du  m.  Athos  1,  s.  Bibl.  des  ecoles  frang.  d'Ath.  et  de 
Rome  91.  Paris  1904.  Breccia,  Iscriz.  gr.  e  lat.:  Catal.  göner.  antiq. 
d'Alex.  Cairo  1911.  Auch  die  Palaegr.  Society  II,  102  gibt  das 
Facsimile  einer  interessanten  Grabschrift,  die  ich  aber  trotz  der  Jahres- 
zahl ^y  nicht  dem  Jahre  1007  nach  Chr.  zuweisen  möchte. 


'  In  Betreff  der  einzelnen  Formen  des  Uneialalpbabets  vgl.  Serivener :  A  piain 
introduction  to  tlie  cvitism  of  the  new  testament,  2.  ed.    Cambridge  1874  p.  32—38. 


—     119     — 

Die  ältere  Pergamentunciale. 

Da  die  berülmiten  Bibelhandschriften ,  wie  der  Vaticanus  und  Si- 
naiticus  die  bekanntesten  Repräsentanten  dieser  Schrift  sind,  so  hat 
man  die  Bezeichnung  biblische  Unciale  vorgeschlagen.  Allein,  da  nicht  ^unfia^ie''' 
alle  biblischen  Texte  in  dieser  Weise  geschrieben  sind,  und  anderseits 
nichtbiblische  Texte  auf  Papyrus  (Pap.  Ryl.  1,  15  pl.  5)  so  geschrieben 
sind,  so  würde  eine  Bezeichnung  wie  alte  kalligraphische  Unciale  pas- 
sender sein. 

Bei  dem  fast  gänzlichen  Mangel  jedes  individuellen  Charakters 
der  Schrift,  welcher  in  der  großen  Schwierigkeit,  jeden  einzelnen  Buch- 
staben kunstvoll  zu  malen,  begründet  ist,  wird  uns  die  Datierung  der 
Uncialhandschriften  ungemein  erschwert.  Auch  in  diesem  Falle  darf 
man  nicht  fragen,  wie  alt,  sondern  wie  jung  eine  Handschrift  sein 
kann.  Wie  man  trotz  einer  völlig  schriftgemilßen,  regelrechten  Sprache 
den  heimatlichen  Dialekt  des  Sprechenden  an  einem  unbedachten  Wort, 
an  einem  Provincialismus  erkennt,  der  ihm  entschlüpft,  so  haben  auch 
für  den  Kalligraphen  und  dessen  Zeit  wenige  Züge,  wo  er  sich  ver- 
gißt oder  wo  der  Raum  ihn  zwingt,  von  der  Regel  abzuweichen,  mehr 
Beweiskraft  als  ganze  Seiten,  die  vollständig  gleichmäßig  und  regel- 
recht geschrieben  sind. 

Der  Unterschied  der  Pergament-  und  Papyrusschrift  war  zunächst 
nicht  so  groß,  solange  beide  Beschreibstoffe  noch  nebeneinander  im 
Gebrauch  waren.  Die  eigentliche  Pergamentschrift  entwickelte  sich 
selbständig  erst  nachher.  Der  Pergamentcodex,  sagt  Brandi,  Unsere 
Schrift  S.  53,  ist  Nährboden  und  Heimat  jener  breiten,  fetten  Schrift 
geworden,  deren  erste  Vertreterin  .  .  .  die  runde  Unciale  war. 

Schon  das  Format  der  Papyrushandschriften  ist  meistens  nicht 
übermäßig  groß,  daher  sind  denn  auch  sehr  große  Buchstaben  mit 
breiten  Grundstrichen  und  feinen  Haarstrichen  auf  Papyrus  selten, 
wenn  sie  auch  in  der  späteren  Zeit  nicht  ganz  fehlen.  Von  den  Bibel- 
handschriften entspricht  am  besten  der  c.  Vatic.  1209  (B)  diesem  Typus 
der  Papyrusschrift.  Die  zunehmende  Größe  der  Buchstaben  und  die 
größere  Breite  der  Grundstriche  im  c.  Sinaiticus  spricht  für  eine  spätere 
Zeit;  viel  plumper  und  dicker  wird  dann  die  Schrift  der  Uncialcodices 
des  sechsten  bis  siebenten  Jahrhunderts,  als  man  nach  dem  definitiven 
Siege  des  festeren  Pergaments  den  calnmus  und  die  Feder  breiter  an- 
zuschneiden pflegte. 

Für    die    ältesten  Uncialmanuscripte   lassen    sich    folgende  Regeln  ,,^^,5*,f,^f,;„g 
aufstellen,  die  unten  näher  erläutert  und  begründet  werden.    Eine  Hand-  """y]^^'^^'' 
Schrift  ist  um  so  älter,  je  weniger  sie  von  dem  einfachen  und  lapidaren 
Schriftcharakter    abweicht    und  je    mehr    sie    sich    dem  Charakter  der 
alten  Papyrusunciale  nähert. 


—     120     — 

1.  Die  einzelnen  Buchstaben  müssen  von  fremdartigen  Zusätzen 
und  Verkürzungen  frei  sein. 

2.  Dieselben  halten  sich  innerhalb  der  Grenzen  eines  Quadrates 
(HNTT)  oder  Kreises  (€0CO)  (s.  o.  S.  90);  es  ist  Kennzeichen  der  jüngeren 
Unciale,  wenn  Quadrat  und  Kreis  durch  Rechteck  und  Oval  ersetzt  werden. 

3.  Die  einzelnen  Buchstaben  müssen  möglichst  dieselbe  Höhe 
haben;  ein  Gesetz,  das  übrigens  auch  bei  den  jüngeren  Inschriften 
nicht  mehr  vollständig  beachtet  wird.^ 

Daß  die  einfachen  Formen  die  älteren  sind,  bewährt  sich  endlich 
auch  darin,  daß  die  keulenförmige  Unciale  sich  in  den  ältesten  Denk- 
mälern gar  nicht  oder  selten  nachweisen  läßt;  nachher  aber  wird  €,  C 

verdrängt  durch  ^        Q  und  später  durch    ^     C  ■    T,  f,  K   durch 

T,  r,  PC  und  A,  0  durch  y/\,    ^-Q^  ?    ebenso    ist    das   spitze  A  älter 

als   das   abgerundete,    auch   I   und  Y   erhalten    in   späterer  Zeit  einen 
oder  zwei  Punkte,  selten  einen  Querstrich, 
bl^chst'aben  Auch  die  Anfangsbuchstaben  größerer  Abschnitte   sind  von  Wich- 

tigkeit. In  längeren  Inschriften  schon  des  ersten  Jahrhunderts,  z.  B.  dem 
Monumentum  Ancyranum,  werden  allerdings  Gedankenabschnitte  durch 
einen  etwas  größeren  und  an  den  Rand  vorspringenden  Buchstaben 
bezeichnet,  allein  diese  epigraphischen  Beispiele  können  natürlich  nicht 
entscheidend  sein,  wenn  es  sich  darum  handelt,  das  Alter  eines  Uncial- 
codex  abzuschätzen;  ihre  Entwicklung  ist  folgende: 

1.  Sie  sind  in  der  ältesten  Zeit,  z.  B.  in  den  herculanensischen 
Rollen,  weder  größer  noch  an  den  Rand  vorgerückt. 

2.  Dann  folgt  eine  Zeit,  in  der  sie  sich  allerdings  nicht  durch 
ihre  Größe  auszeichnen,  aber  schon  etwas  vorgerückt  sind,  so  z.  B.  in 
dem  c.  Sinaiticus. 

3.  Schließlich  werden  die  Anfangsbuchstaben  zu  Initialen,  die 
nicht  nur  links  über  den  Rand  hervortreten,  sondern  auch  durch  ihre 
Größe  das  Auge  auf  sich  ziehen  sollen.   Anfangs  sind  dieselben  schwarz 


'  In  einer  Uucialbandsehrift  des  9.  Jahrb.,  s.  Graux  et  Martin,  Facsira.  des 
mss.  gr.  d'Espagne.  Texte  p.  11,  ragen  über  die  gewöhnlichen  Buchstaben  her- 
vor 1.  nach  oben  und  unten:  ^  und  \p\  2.  nach  oben  y  und  r;  3.  nach  unten: 
c,  I,  ^,  V,  X  und  Spitzen  unter  der  Basis  des  8. 

-  Dazu  bemerkt  Tischendurf  in  der  Vorrede  zu  seiner  Ausgabe  des  cod. 
Ephraemi  Syri  p.  6:  ,,In  foi-ma  A  litterae  inprimis  attendendum  est  ed  ea  puncta 

quibus  lincae  laterales,  ut  ita  dicam,  innituntur  quasi. cohaerent  cum  lineis 

reliquis  ita  ut  non  singulari,  sed  eodem  cum  iis  ductu  eflPecta  videantur.  Ac 
modo  sinistrum  tantum,  modo  tantum  dextrum  modo  utrumque  habes."  Doch 
muß  man  daran  festhalten,  daß  zwei  Zipfel  sowohl  beim  A  als  beim  0  auf  ganz 
junge  Zeit  schließen  lassen. 


—     121     — 

und  unterscheiden  sich  von  den  übrigen  Buchstaben  nur  durch  ihre 
Größe,  wie  z.  B.  in  dem  berühmten  c.  Alexandrinus  (s.  c.  Sinaiticus  ed. 
Tischend.  I  Tab.  XX),  wie  in  der  Mehrzahl  der  griechischen  Uncial- 
codices.  Erst  in  der  letzten  Zeit  treten  bei  den  Initialen  noch  Farbe 
und  bildliche  Darstellung  hinzu. 

Dasselbe  gilt  auch  für  Papyrus:  Charakteristisch  sind  die  sehr 
großen  Anfangsbuchstaben  beim  Beginn  der  Perioden,  die  durch  ihren 
Umfang  mehrfach  die  Schreibung  der  darunterstehenden  Zeile  beein- 
flussen; s.  Berl.  Classikertexte  6  S.  56  (Anf.  d.  8.  Jahrb.).  Der  paläo- 
graphische  Charakter  der  Pergamentunciale  ist  später  in  bezug  auf  den 
Formenschatz,  Sorgfalt  der  Ausführung  und  Größe  der  Buchstaben 
von  der  Papyrusschrift  verschieden.  Früher  konnten  wir  ihn  erst 
um  400  n.  Chr.  nachweisen;  jetzt  aber  läßt  sich  zeigen,  daß  auch  die 
Pergamentunciale  in  der  Papyrusschrift  ihr  Vorbild  hat.  Sowohl  die 
Herausgeber  der  Pal.  Soc.  IT,  146,  als  auch  Kenyon  (Pal.  pl.  XVIT 
p.  88/9)  haben  mit  Eecht  darauf  hingewiesen,  daß  diese  i^ergament- 
schrift  ihr  Vorbild  hat  z.  B.  in  einer  datierten  Papyrusurkunde  in  der 
Unciale  des  Jahres  88  n.  Chr. 

Nach  diesen  Vorbemerkungen  wenden  wir  uns  nun  den  verschie-  „.-^",f' ", 
denen  Perioden  der  Pergamentunciale  zu  und  beginnen  mit  der  eigent-  sehrifteu 
lieh  klassischen  Periode  der  kalligraphischen  Unciale,  als  deren  bester 
Repräsentant  der  c.  Vaticanus  1209  anzusehen  ist:^  The  Vaticanus  is 
to  all  ajiearance  the  most  ancient  and  may  he  ascribed  to  the  4ih  cenfurij.'^ 
Er  stammt  aus  Ägypten  nach  Rahlfs."^  Ferner  der  c.  Sinait.  Pal.  Soc. 
Nr.  105;  c.  Alexandrinus  in  London  (s.  o.  1  S.  21);  c.  Ephraemi  Syri  siehe 
Omont,  Fcsm.  d.  plus  anc.  mss.  gr.  Paris  1892  Nr.  3;  c.  Sarravianus  in 
der  Sammlung  von  Scato  de  Vries  1.  1897  (s.  o.  1  S.  22)."' 

Da  dieser  c.  Sarravianus  identisch  ist  mit  dem  c.  Colbertinus  ve- 
tustissimus  bei  Montfaucon,  P.  Gr.  p.  188,  so  hat  Hilgenfeld  (a.  a.  0. 
S.  215)  die  Gleichzeitigkeit  der  beiden  Handschriften  richtig  erkannt; 
sein  Fehler  bestand  nur  darin,  daß  er  deshalb  beide  ins  sechste  Jahr- 
hundert herahrückeu  wollte,  was,  wie  Tischendorf  gezeigt  hat,  vollständig 
unmöglich  ist.     Hilgenfeld   hat  darin   nicht  einmal    die  Autorität  von 


^  Siehe  Codices  e  Vat.ican.  selccti  1  (s.  o.  1  S.  22)  Pal.  Soc.  Nr.  104.  —  Fraiiehi 
de'  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  6.  —  Rahlfs,  A.,  Alter  uud  Heimat  der 
vatic.  Bibelhandschrift  s.  Gott.  Nachr.  1899,  phil.-hist.  Cl.  S.  72.  Noch  im  Jahre 
1865  hielt  Tischeudorf  den  c.  Vaticanus  für  jünger  als  den  c.  Sinaiticus;  doch 
hat  er  später  (Nov.  Test.  Vat.  Prolegg.  p.  XXI  ff.)  die  Ansicht  zurückgenonimi-n 
und  vermutet,  daß  eine  der  Hände,  welche  den  c.  Sinaiticus  geschrieben,  auch 
das  Neue  Testament  im  c.  Vaticanus  copiert  habe  [?J. 

^  Thompson,  E.  M.,  Palaeogr."  p.  149. 

"  Gott.  Gel.  Nachr.  1899  S.  78. 

*  Lagarde,  P.  de,  Die  Pariser  Blätter  des  c.  Sarravian.  Abh.  der  Gütt.  Ges. 
d.  Wiss.,  hist.-phil.  Cl.  25.  1879  S.  G9. 


—     122     — 

Montfaucon  für  sich,  auf  den  er  sich  immer  beruft;  denn  Montfaucon 
hatte  ganz  richtig  gesehen,  daß  der  c.  Colbertinus  (=  Sarravianus)  älter 
sein  müsse,  als  die  Dioskorideshandschrift,  die  um  512  n.  Chr.  für  die 
Juliana  geschrieben  wurde. 

un^i^aihrnd-  ^'"o^i  profancu  Uncialhandschriften  (s.  S.  117  A.)  ist  vielleicht  noch 
Schriften  ^^^^  fünften  Jahrhundert  zuzuweisen  der  c.  Vatic.  1288  des  Cassius  Dio 
s.  Fr.  de'  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  2.  Ein  Hinweis  auf  die 
Ambrosianische  Ilias  (s.  o.  1  S.  22;  Pal.  Soc.  89 — 40.  50.  51)  nützt  nicht 
viel,  weil  ihre  Zeit  umstritten  ist;  sie  läßt  sich  weder  nach  dem  Stil 
der  Bilder,  noch  nach  der  ganz  künstlichen  Schrift  genau  bestimmen. 
Kenyon,  Pal.  p.  121,  drückt  sich  mit  Recht  sehr  vorsichtig  aus,  wenn 
er  sagt,  sie  könne  nicht  älter  sein  als  das  fünfte  Jahrhundert. 

Alle  diese  berühmten  Pergamenthandschriften  sind  undatiert,  und 
doch  müssen  wir  einen  als  Typus  herausgreifen,  und  ich  wähle  den 
c,  Sinaiticus,  weil  er  mehr  als  die  anderen  in  den  letzten  Jahrzehnten 
untersucht  und  studiert  ist. 


Der  codex  Sinaiticus. 

MoycujcAi  noi  H         noi  HeNTH  g)\C]Mi 

AiccHOTioYKenoi      hacaiatynaik^^ 
H  ceMTAYn  OTOY  rrep  I  e  H  coyci  nti 

KACixecDcnpoc  M  hmtoicxm  a^ai 

Esther  1,  15. 
fiovg  cog  Öi  noii]  -joii}  sv  ri]  ßaßi'/M 

(Tui  aar IV.  ri]  ßaai  u  uvxov  xc/.i  ovrcog 

haai]  ort  ovx  enoi  nuaui  tu  yvvaoceg 

IjGSV    TU    VTIO    TOU  TlEQl&ljaOVGtV    Tl 

ßaaikscog  Tioog  nijv  roig  uvÖQCiaiv 

Fig.  46.     e.  Sinaiticus-Lips. 
Pal.  Society  105. 

Zu  den  ältesten  Pergamenthandschriften  in  griechischer  Unciale 
r. Sinaiticus  pflegt  man  seit  Tischendorf  den  codex  Sinaiticus  zu  rechnen,  den 
wir  in  der  Tat  aus  praktischen  Gründen  als  Repräsentanten  der  älte- 
sten Pergamentschrift  gelten  lassen  können,  zumal  man  eine  allgemeinere 
Bekanntschaft  dieser  Handschrift  voraussetzen  kann,  da  Tischendorf 
deutsch  und  lateinisch,  in  populären  Zeitungsartikeln  und  wissenschaft- 
lichen Zeitschriften,  in   seinen  Ausgaben   des   c.  Friderico- Augustanus 


—     123     — 

und    Sinaiticus,    wie    in    einer    eigenen  Monographie    seinen  Fund    be- 
schrieben und  facsimiliert  hat.^ 

Die  Handschrift  war   auch  in  früherer  Zeit  nicht  unbekannt,^  sie 
war  schon  vor  Tischendorf  gefunden  von  Vitaliano  Donati. ^ 

Über  die  Art  und  Weise,  wie  es  Tischendorf  gelang,  die  Hand-  AuffinduDg 
Schrift  nach  Europa  zu  bringen,  schwebt  immer  noch  ein  gewisses 
Dunkel;  über  einen  Verdacht,  den  Bernardakis  ausspricht  s.  Ad-rivuiov 
1879.  Gregory,  Textkritik  N.  T.  1  S.  26,  sucht  Tischendorf  von  jedem  Vor- 
wurf zu  befreien,  da  er  in  seinen  Briefen  und  Acten  nichts  gefunden  habe, 
was  ihn  verdächtigen  könne.  Das  beweist  natürlich  gar  nichts.  Wäh- 
rend meines  Aufenthalts  auf  dem  Sinai  haben  die  Mönche  dieses  Thema 
mehrmals  gestreift  und  die  Erbitterung,  mit  der  sie  von  Tischendorf 
sprachen,  zeigte  deutlich,  daß  sie  von  ihm  betrogen  zu  sein  glaubten. 
Auch  Gregory  a.  a.  0.  S.  28  erwähnt  die  Erzählung,  daß  Tischendorf 
ihnen  ein  Dampfschiff  in  Aussicht  gestellt  halje,  das  den  Verkehr 
zwischen  dem  Sinai  und  Ägypten  vermitteln  solle.  Wenn  das  Kloster 
statt  dessen  9000  Eubel  von  der  russischen  Regierung  erhalten  hat, 
so  ist  das  Gefühl  bei  den  Mönchen,  getäuscht  und  enttäuscht  zu  sein, 
einigermaßen  begreiflich.  Diese  Summe  entspricht  wohl  kaum  dem 
Wert  der  Handschrift  und  sicher  nicht  dem  eines  Dampfschiffes. 
Ihre  Einwilligung  haben  die  Mönche  erst  gegeben,  als  die  Handschrift 
ihren  Händen  bereits  entwunden  war. 

Nachdem  Tischendorf  schon  im  Jahre  1844  im  Kloster  der  Heil. 
Katharina  auf  dem  Sinai  Teile  des  Alten  Testaments  gefunden  und 
diese  Blätter,  die  sich  heute  in  der  Leipziger  Universitätsbibliothek 
befinden,  unter  dem  l^itel:  Codex  Friderico-Augustanus  sive  fragmenta  Ausgaben 
Vet.  Test,  e  codice  graeco  antiquiss.  edid.  Const.  Tischendorf.  Leipzig 
1846,  facsimiliert  herausgegeben,  fand  er  im  Jahre  1859  ebendort  viel 
umfangreichere  Bruchstücke  des  Alten  und  Neuen  Testaments,  die  nach 
S.  Petersburg  kamen  und  in  eigens  dazu  geschnittenen  Typen  gedruckt, 
mit  Einleitung  und  reichlichen  Schriftproben  von  Tischendorf  heraus- 
gegeben wurden  unter  dem  Titel:  Bibliorum  codex  Sinaiticus  Petro- 
politanus.  Petersburg  1862.  Der  c.  Sinaiticus  in  S.  Petersburg  ist 
jetzt  von  Kirsopp  Lake  in  Facsim.  herausgegeben  in  Oxford  1911; 
p.  XVI  Description  of  the  code.  Die  Fragmente  endlich,  die  Brugsch- 
Pascha    auf    dem    Sinai    gefunden    hat   und    demselben    Codex    vindi- 


^  Vgl.  Tischendorf,  C,  Die  Siuaibibel,  ihre  Entdeckung,  Herausgabe  und  Er- 
werbung. Leipzig  1871.  —  — ,  Wafifen  der  Finsternis  wider  die  Sinaibibel. 
Leipzig  1863. ,  Die  Anfechtungen  der  Sinaibibel.  Leipzig  1863.  Ein  Auf- 
satz über  das  Alter  des  c.  Sinait.  und  Vatic.  im  10.  Band  des  Journal  of  the 
American  Oriental  Society  New-Haven  1872  Nr.  1  war  mir  nicht  zugänglich. 

2  Vgl.  A&i'ivttior  1879  p.  6  —  7. 

^  Cod.  Sinaiticus  Petropol.  ed.  Lake  p.  V:  The  discovery  of  the  codex. 


—     124     — 

eieren  wollte,  lassen  wir  am  besten  unberücksichtigt;  v.  Gebhardt 
hat  in  Schürers  Theol.  Literaturzeitung  1876  Nr.  1  den  Nachweis  ge- 
liefert, daß  sie  niemals  zu  dem  c.  Sinaiticus  gehört  haben  können. 
Auch  die  wenigen  Blätter  auf  dem  Sinai,  die  von  den  Mönchen  als 
geretteter  Eest  des  Tischendorfschen  Codex  gezeigt  werden,  haben  mit 
dieser  Handschrift  nichts  zu  tun. 
Piovenieuz  Über    die   Provenienz    des   c.  Sinaiticus    wissen    wir    nichts    Be- 

stimmtes. Mit  Recht  sagt  Lake,  c.  Sin.-Petropoh  p.  XV:  discussing  the 
provenance  of  the  c.  Sin.  we  havc  really  not  much  more  right  to  use  the 
Eusebian  canons  as  an  argument  in  favor  of  Caesarea  than  we  have  to  use 
tJiA  Ammonian  sections  —  —  as  evidence  for  an  Egyptian  origin.  Daß 
das  Kloster  die  Handschrift  von  auswärts  gekauft  habe,  ist  nicht 
wahrscheinlich,  denn  die  ganze  Bibliothek  ist  zufällig  zusammen- 
gekommen, namentlich  auch  durch  das,  was  die  Pilger  freiwillig 
oder  gezwungen  dort  zurückgßlassen  haben.  Ein  Pilger  wird  schwer- 
lich eine  so  umfangreiche  Handschrift  großen  Formats  mit  auf  die 
Reise  genommen  haben.  Wir  werden  also  kaum  allzu  sehr  irren, 
wenn  wir  in  Ermangelung  jeder  Provenienzangabe  annehmen,  daß  die 
Handschrift  dort  wo  sie  aufbewahrt  wird,  oder  in  der  Umgegend 
(Ägypten)  entstanden  ist;  und  diese  Annahme  wird  unterstützt  durch  die 
Beobachtung  von  Hunt  über  den  Papyrus  Ryl.  1  Nr.  28;  in  der  Form 
der  Buchstaben  co  /f-  o  a  ^  findet  er  eine  Verwandtschaft  mit  den  Buch- 
staben in  den  Randnoten  des  c.  Sinaiticus:  a  new  argument  mag  here  he 
found  for  the  Egyptian  origine  of  that  ms.  Diese  Vermutung  ägyptischer  Pro- 
venienz hatte  ich  bereits  früher  ausgesprochen.  Ehrhard^  aber  meint, 
ich  setze  hierbei  „etwas  Unerwiesenes  voraus,  daß  nämlich  Ägypten 
oder  der  Sinai  die  Heimat  der  Handschrift  sei".  Am  Sinai  wird  man 
überhaupt  festhalten  müssen,  bis  das  Gegenteil  bewiesen  ist.  Jedenfalls 
schwebt  die  willkürliche  Annahme  von  Westkott  und  Hort,  N.  T.  Bd.  2 
S.  74.  264 — 267,  daß  sowohl  der  Sinaiticus  wie  der  Vaticanus  im  Westen 
und  wahrscheinlich  in  Rom  geschrieben  seien,  gänzlich  in  der  Luft. 
Aber  wenn  auch  Ceriani  (Monumenta  Sacra  III  p.  XXI)  recht  hätte, 
daß  die  Handschrift  in  Palästina  oder  Syrien  geschrieben  sei,  so  steht 
doch  fest,  daß  die  Berührungen  Ägyptens,  Palästinas  und  der  Sinai- 
halbinsel in  der  ältesten  christlichen  Zeit  sehr  innige  gewesen  sind. 
Der  neueste  Herausgeber,  Lake,^  hält  mit  Recht  daran  fest,  daß 
der  Codex  in  Ägypten  und  vielleicht  in  Alexandria  ^  geschrieben 
wurde.     Später  brachte   man  ihn  nach  Caesarea  in  Palästina,  um  ihn 


'  Köm.  Quartalschrift  5.    1891  S.  234—235. 
^  P.  IX:  The  original  provenance  and  the  date  of  the  ms. 
'  Lake  p.  XIII:  c.  Vat.  u.  Sin.  seien  eher  in  Alexandria  entstanden,   than  in 
the  country  higher  up  the  Nile. 


—     125     — 

mit  dem  berühmten  Exemplar  des  Pamphilus  zu  vergleichen.  Es  ist 
nicht  gerade  wahrscheinlich,  wenn  der  Herausgeber  p.  IX  meint,  daß 
die  Handschrift  dort  geblieben  und  im  Jahre  638,  als  Caesarea  von 
den  Arabern  eingenommen  wurde,  in  die  Bibliothek  des  Sinai  ge- 
kommen sei.  Ob  die  Handschrift  aber  gerade  als  Typus  der  alexan- 
drinischen  Schreiberschule  anzusehen  ist,  bleibt  zweifelhaft ;  s,  u.  National- 
schrift kopt.  Ductus. 

Es  fragt  sich  nun,  welcher  Zeit^  dieser  wichtige  Codex  angehört.  A','.^^des 
Tischendorf  möchte  am  liebsten  in  dieser  Handschrift  eine  der  fünfzig  „.  "=*cii 
sehen,  die  Kaiser  Constantin  im  Jahre  331  nach  Eusebius,  vita  Const. 
4,  36 — 37  für  die  neuerbauten  Kirchen  anfertigen  ließ.-  Bei  Tischen- 
dorf muß  man  die  Freude  des  Entdeckers  berücksichtigen,  der  seinen 
Fund  möglichst  groß  und  alt  darstellen  möchte:  aber  unbegreiflich  ist 
es,  daß  auch  Gregory,  Textkritik  des  N.  T.  1  S.  22  den  Versuch  macht, 
diese  Auffassung  wenigstens  als  wahrscheinlich  hinzustellen. 

Die  Stelle  des  Eusebius  ist  vollständig  richtig  und  unantastbar; 
der  Fehler  ist  allein  bei  den  Neueren  zu  suchen,  welche  dieselbe  so 
unkritisch  verwendet  haben.  Gregory,  N.  T.  S.  22  glaubt,  „daß  diese 
Handschriften  aus  jenen  fünfzig  herstammen,  und  daß  reroarrfrä  und 
TnifTfTÜ  auf  die  vierspaltigen  und  die  dreispaltigen  Seiten  einerseits  des 
Sinaiticus,  anderseits  des  Vaticanus  hindeuten".  Ob  jene  Handschriften 
in  drei  oder  vier  Columnen  geschrieben  waren,  das  war  für  jene  Zeit, 
als  die  schmalen  Papyruscolumnen  noch  üblich  waren,  gänzlich  gleich- 
gültig; denn  damals  muß  es  sehr  viele  derartige  Handschriften  gegeben 
haben.  Außerdem  bedeuten  die  Worte  xoiaau  xai  rerouaGÜ  etwas 
ganz  anderes^  (s.  o.  1  S.  159  Anm.  2).  Namentlich  spricht  gegen  diese 
unbegründete  Annahme,  daß  keine  Spur  kaiserlicher  Pracht  oder  auch 
nur  hauptstädtischen  Ursprungs  erkennbar  ist,  die  Handschrift  vielmehr 
wahrscheinlich  in  Ägypten  (s.  o.)  geschrieben  wurde. 

Den  berühmten  c.  Vaticanus  möchte  Gr.   allerdings   ebenfalls  a-uf'-y^^^JJ.^jj^* 
den    Kaiser    Constantin    zurückführen:    aber    dann    müßte    doch    zuvor 
bewiesen  sein,  daß  der  c.  Vatic.  und  Sinait.  gleichzeitig  sind,  was  durch- 
aus   unwahrscheinlich    ist;    der    c.  Sinait.    dürfte    mindestens   50  Jahre 


^  C.  Sinaiticus  nach  Tiscbendorf  dem  4.  Jahrh.  angehörig,  nach  anderen  dem 
6.  oder  5.  Jahrh.:  Hirt,  Buchwesen  S.  119;  s.  Kirsopp  Lake,  e.  Sinaiticus  Petro- 
polit.  p.  XV  entscheidet  sieh  für  das  4.  Jahrh.  —  ßell,  Early  Codices  from  Egypt 
(Lihrary  1909  N.  S.  10.  307)  setzt,  wie  ich  glaube  mit  Recht,  den  c.  Sinait.  in  das 
early  lifth  Century. 

-  Scrivener,  Collation  of  the  Cod.  Sinait.  p.  XXXVII. 

^  Der  einfache  Ausdruck  loiffacc  xai  leionatra  kann  niemals  den  complicier- 
ten  Begrifi  „in  3  oder  4  Columnen"  bezeichnen,  das  heißt  vielmehr  igiriayurnoi; 
aiiXia^oi;  (s.  o.  1  S.  161):  er  bedeutet  vielmehr  in  Quatemionen  und  Ternionen; 
d.  h.  die  Handschriften  des  Kaisers  waren  nicht  in  Papyrusrollen,  sondern  in 
Pergamentheften  geschrieben. 


—     126     — 

jünger  sein,  als  der  c.  Vaticanus.  Genau  mit  demselben  Rechte  könnte 
man  aber  auch  jede  ältere  Pergamenthandschrift  der  Bibel,  z.  B.  den 
berühmten  c.  Sarravianus  und  Alexandrinus  usw.  zu  den  constantini- 
schen  Handschriften  rechnen  und  der  c.  Vaticanus  hat  sicher  der  Zeit 
nach  mehr  Anspruch  als  der  c.  Sinaiticus  darauf;  aber  bei  dem  einen 
sowohl  wie  bei  dem  anderen  ist  eine  derartige  Vermutung  durchaus 
unwahrscheinlich. 

Tischendorf  ist  schließlich  vernünftiger  als  sein  Verteidiger;  er 
bescheidet  sich,  das  Manuscript  einfach  ins  vierte  Jahrhundert  zu 
setzen.  Er  führt  dafür  eine  Reihe  von  Gründen  an,  die  teils  histori- 
scher, teils  graphischer  Art  sind.  —  Er  glaubt,  das  hohe  Alter  des 
c.  Sinaiticus  erweisen  zu  können  (praef.  p.  12),  quod  ^  et  C  litterae  non- 
Formen  diiYn  in  crassiora  puncta  exeunt  —  —  quod  T  et  V,  qnihuscum  K  quodam- 
modo  convenit,  lineam  transversam  magis  aequalem  quam  crassiorihus  punctis 
innixam  praebent,  und  das  ist  insofern  richtig,  als  die  dicken  Keulen 
am  Schlüsse  der  Buchstaben  allerdings  noch  nicht  vorhanden  sind,  aber 
ein  Blick  in  die  Tischendorfschen  Schriftproben  genügt,  um  zu  sehen, 
daß  diese  Buchstaben  meistens  bereits  mit  Druck  enden  resp.  anfangen, 
daß  es  sich  hier  also  doch  nur  um  ein  Mehr  oder  Weniger  handelt. 
Daß  A  und  A  ihre  ältere  Gestalt  bewahrt  haben,  beweist  nicht  viel; 
diese  können  wir  noch  viel  weiter  herab  verfolgen;  von  I  und  Y  trifft 
man  neben  der  gewöhnlichen  häufig  auch  die  punktierten  Formen. 
Kurz,  aus  den  Formen  der  Buchstaben  ergibt  sich,  daß  der  c.  Sinaiti- 
cus eine  der  ältesten,  aber  nicht  die  älteste  unserer  Pergamenthand- 
schriften ist,  am  wenigsten  läßt  sich  ein  höheres  Alter  als  das  des 
c.  Vaticanus  daraus  folgern.  Denn  daß  dieser  nur  in  drei,  jener 
4  coiumneu  dagegen  in  vier  Columnen  geschrieben  ist,  beweist  für  diese  Frage  sehr 
wenig,  weil  dabei  mancherlei  äußere  Umstände  mitwirkten:  die  Größe 
des  Pergaments,  das  gerade  zu  haben  war,  die  Bequemlichkeit  des 
Schreibers  usw.  Es  wäre  durchaus  falsch,  eine  Handschrift  bloß  des- 
halb für  älter  zu  halten,  weil  sie  vier  Columnen  hat,  während  eine 
andere  bloß  drei  hat. 

Auch  die  Beweise,  die  Tischendorf  aus  der  Geschichte  des  neu- 
testamentlichen  Canons  (s.  u.)  herzuleiten  sucht,  führen  keineswegs  mit 
Notwendigkeit  auf  Constantinische  Zeit. 

Es   sind  aber  allerdings  Versuche  gemacht,  ihn  bedeutend  weiter 

Hoffmanu  herabzurückcu.     Hofifmann^  hält  die  Ambrosianische  und   die   syrisch 

Hiigenfeid  rcscribicrte  Ilias    für   älter    als    den   c.  Sinaiticus,   den  Hilgenfeld  und 

Donaldson^    aus    sprachlichen    Gründen    in    das    sechste    Jahrhundert 

setzten. 


'  Das  21.  und  22.  Buch  der  Ilias  S.  4  Anm. 

-  Donaldson,  Theological  Keview  LIX  1877  p.  504  flf. 


—     127     — 

Am  meisten  Grund  findet  dieser  Ansatz  scheinbar  in  der  Unter-  uutersuiuift 
Schrift^  des  Buches  Esther ^r  avTeßhjß-i]  Tioog  Tialatcorazor  (sie)  Xiav 
avrr/Qccrfov  deÖioo&ojfjLevov  /sini  tov  ayiov  (xaorvQoq,  naurpilov  7t{)og 
de  TCO  TS?M  TOV  uvTov  TiciluKorKTOv  ßißhov,  OTieo  ciQXTjv  fiev  e't/EV  ano 
Ti]g  7iocoT7]g  rcüv  ßaaiXeicov  eig  de  rijv  ea&ijo  eXijyev  roiavxi]  rig  ev 
7(Xuxei  idiujxetQog  v:iO(ji]^iooaig  (corr.)  tov  ccvtov  fxaoTVooq  vnexeiTO 
exovau  ovTcog: 

fieTe}.r}fxcp&7]  xat  diOQ&co&r]  tiqoj:  tu  e^ccnlu  cootyevovg  vn  ccvtov 
dioQ&cof^ievu'  avTCoi'ivog  ofxoXoyijTijg  ai'zeßccXev  naficpiXog  dioQ&coaa  xo 
Tev/og  SV  xi]  (pvXaxi]'  Öia  ti]v  tov  &eov  iiok'Aijv  xai  /aoiv  xai  tiXcctv- 
anov  xai  eiye  /jIjj  ßanv  eineiv  tovto)  tco  avTiyoacpcü  TiceQccTiXijGiov  evoeiv 
ccvTtynurfov  ov  oudiov. 

()ieffcov)j  (sie)  de  to  uvxo  Tia'Accicoxccxov  ßtß'/aov  :iQog  xoÖe  xo  xev/og 
eig  XU  xvota  ovofic.xu. 

Das  Exemplar  des  Pamphilus  wird  also  dreimal  TTc/JMiöxaxon  Pamphiius 
genannt;  das  wäre  kaum  denkbar,  wenn  der  Schreiber  dieser  Zeilen 
im  vierten  oder  auch  im  fünften  Jahrhundert  gelebt  hätte,  d.  h.  100  bis 
200  Jahre  nach  Pamphilus.  —  Es  läßt  sich  aber  allein  mit  dem  in 
Leipzig  vorhandenen  Teile  des  c.  Sinait.  nachweisen,  daß  der  Schreiber 
die  Gewohnheit  hatte,  am  Schlüsse  eines  Buches  manchmal  den  Rest 
der  Columne  frei  zu  lassen,  manchmal  aber  auch  mit  dem  Anfange 
des  neuen  Buches  zu  beschreiben.  Im  ersteren  Falle  reizte  dieser 
leere  Raum  zu  Nachträgen  von  späteren  Händen,  und  Tischendorf  ist 
vollständig  im  Rechte,  wenn  er  die  ganze  Subscription  einer  späteren 
Hand,  vielleicht  des  siebenten  Jahrhunderts,  zuschreibt.  Dafür  sprechen 
Tinte  und  Buchstaben,  bei  denen  sich  der  Unterschied  von  der  alten 
Schrift  nicht  verkennen  läßt,  anderseits  ist  der  Schreiber  dieser  beiden 
Noten  sicher  nicht  identisch  mit  dem  Schreiber  der  gewöhnlichen  Mar- 
ginalnoten. 

Hilgenfeld  läßt  in  seiner  Zeitschrift  für  wissenschaftliche  Theo- 
logie 1864  S.  74  ff.  die  Zeit  des  letzten  Schreibers  resp.  die  Identität 
der  beiden  Schreiber  unerörtert,  beruft  sich  dagegen  auf  den  Inhalt 
der  angeführten  Subscription  (S.  79),  welche  einen  Codex  aus  der  zweiten 
Hälfte  des  dritten  Jahrhunderts  uralt  nennt,  der  von  Pamphilus  (f  309) 
durchcorrigiert    und    aus    einem    vom    Origenes^    (t  254)    berichtigten 


^  Tischendorf,  S.,  Serapeum  1847  S.  5  und  Einleitung  zum  e.  Sinait.  p.  13*; 
in  seiner  facsimilierten  Ausgabe  dieser  Handschrift  gibt  Tischendorf  eine  Nach- 
bildung, die  richtig,  aber  viel  zu  scharf  und  deutlich  ist.  Codex  Sinaiticus  Petropol. 
ed.  Kirsopp  Lake  p.  VII:  The  correction  of  the  codex  at  Caesarea;  Robinson,  The 
Library  at  Caesarea:  Texts  and  stud.  3.  III  p.  34  u.  41. 

^  Kürzer  am  Schlüsse  des  Buches  Esdra. 

^  Vielleicht  wird  man  später  durch  genauere  Untersuchung  der  Textgeschichte 
noch  etwas  weiter  kommen.     Für  die  Beurteilung  des  Alters  vom  c.  Sinait.  und 


—     128     — 

Exemplar  der  Hexapla  abgeschrieben  sei;  er  sei  wahrscheinlich  „in 
dem  erst  um  530  gegründeten  Kloster  auf  dem  Sinai  während  des 
sechsten  Jahrhunderts  durch  Mönche  geschrieben."  Dann  gibt  er 
(S.  79)  eine  Blütenlese  von  Auslassungen,  Schreibfehlern  und  schlechten 
Lesarten  des  c.  Sinait,  die  Donaldson  durch  eine  Zusammenstellung 
der  Barbarismen  vervollständigt. 
^dorfs°"  Tischendorf  hat  auf  die  Angriffe  von  selten  Hilgenfelds  in  derselben 

Antwort  Zeitschrift  1864  S.  202  geantwortet  und  gezeigt,  daß  in  bezug  auf  den 
letzten  Punkt  der  c.  Sinait.  nicht  besser  und  nicht  schlechter  ist  als 
der  berühmte  c.  Vatic.  und  betont  dann  (S.  206)  die  vier  Columnen 
der  Handschrift,  „die  speziellen  Buchstabenformen,  die  Abwesenheit 
aller  Initialen,  die  vorherrschende  Seltenheit  der  Interpunktion",  ferner 
das  Fehlen  der  letzten  elf  Verse  des  Marcusevangeliums,  die  schon  im 
c.  Ephraemi  und  im  c.  Alexandrinus  vorhanden  sind;  wegen  der  Sub- 
scription  wiederholt  Tischendorf  die  früheren  Argumente.  Darauf  hat 
Hilgenfeld  noch  einmal  repliciert  (a.  a.  0.  S.  211 — 219). 

Die  ganze  Controverse  hat  besonders  deshalb  einen  so  unerquick- 
lichen Charakter  angenommen,  weil  die  Gegner  mit  zwei  unbekannten 
'''"schrift"'' Gri'ößen  rechnen;  der  eine  behauptet  die  Sprache  des  vierten  Jahr- 
hunderts zu  kennen  und  baut  darauf  Schlüsse  über  die  Schrift  dieser 
Zeit;  der  andere  setzt  die  Schrift  dieser  Zeit  als  hinreichend  bekannt 
voraus  und  beurteilt  die  Sprache  resp.  die  Barbarismen,  die  damals 
schon  möglich  waren.  Kirsopp  Lake  p.  X,  der  die  Buchstabenformen 
genau  studiert  hat,  hebt  drei  charakteristische  Buchstaben  im  c.  Sin. 
hervor:    the   so    called   Coptic  Mu,    flie  curious  shaped  Omega  tvith  a  long 

central  line  and  an  occasional  use  of  the  cursive  X/.    The  long  Omega 

is  found  in  Pap.  Rylands  28. 

Bei  dem  gänzlichen  Mangel  chronologischer  Angaben  über  das 
Alter  der  Handschrift  gibt  es  nur  zwei  Wege,  wenn  auch  nicht  das 
Jahr,  so  doch  die  Zeit  zu  bestimmen,  zunächst  durch  den  Inhalt  und 
Umfang  der  einzelnen  Teile,  und  zweitens  durch  die  Schriftformen  und 
ihre  Vergleichung  mit  anderen  besser  bestimmbaren  Schriftstücken. 

Die  Geschichte  des  neutestamentlichen  Canons  bietet  wenigstens 
einen  gewissen  Anhaltspunkt;  weil  im  c.  Sinaiticus  noch  Schriften  vor- 
handen sind,  die  später  aus  dem  Canon  entfernt  sind,  so  z.  B.  der 
Hwi  Brief  des  Barnabas  und  der  Hirt  des  Hermas, ^  die  beide  zu  den 
sogen.  ävTi'KeyöfiEvu  gerechnet  werden,  d.  h.  zu  den  Büchern,  die  beim 
Abschluß  des  Canon  erst  beanstandet  und  dann  entfernt  wurden.     Ihr 


Vaticanus  wird  ihr  Verhältnis  zu  dem  erst  durch  Eusebius  publicierten  Origeni- 
anischen  Text  von  Wichtigkeit  sein,  und  diejenige  Handschrift  wird  die  älteste 
sein,  bei  der  am  wenigsten  Mittelglieder  zu  ergänzen  sind. 

*  Vgl.  Eeuss,  E.,    Geschichte   der  Heiligen   Schriften  N.  T.  I^   §  275  S.  283. 
Braunschweig  1874. 


—     129     — 

Schicksal  entschied  sich  auf  dem  Concil  von  Laodicea  364;  doch  hatte 
dieses  Verdammungsurteil  so  wenig  Erfolg,  daß  es  zu  Carthago  397 
von  neuem  eingeschärft  werden  mußte;  und  es  ist  sehr  unwahrschein- 
lich, daß  diese  Bücher  von  nun  überhaupt  nicht  mehr  abgeschrieben 
seien. 

Aber  der  Hirt  des  Hermas  verlor  doch  seinen  naturgemäßen  Platz 
bei  den  Büchern  des  Alten  Testaments  und  wurde  an  den  Schluß  der 
Sammlung  geschoben ;  später  verschwindet  er  in  der  griechischen  Kirche 
aus  dem  Canon,  die  sich  gegen  Apokalypsen  mehr  ablehnend  verhielt.^ 
Am  längsten  hielt  er  sich  in  der  alexandrinisch-äg^-ptischen  Kirche,  wie 
die  zahlreichen  Fragmente  auf  Papyrus  zeigen,  die  neuerdings  bekannt 
wurden.-  Eine  der  letzten  verschwindenden  Spuren  eines  griechischen 
Hermas  finden  ^vir  in  der  äthiopischen  Litteratur,  in  welche  der  Hirt 
des  Hermas  aus  dem  Griechischen  übertragen  ist.  Dillmann  liefert 
diesen  Nachweis,^  daß  diese  Schrift  zugleich  mit  den  anderen  biblischen 
übertragen  sei,  und  an  anderer  Stelle^  sagt  er:  ,,Gleichwohl  führen 
andere  Gründe  mit  Bestimmtheit  darauf,  daß  die  Übersetzung  aus  dem 
griechischen  Bibeltext  abgeleitet  und  in  den  ersten  Zeiten  der  Ver- 
breitung des  Christentums  in  Abyssinien,  also  im  vierten  bis  fünften 
Jahrhundert,  verfertigt,  und  so  nicht  bloß  das  älteste  Denkmal,  sondern 
auch  die  Grundlage  der  ganzen  äthiopischen  Litteratur  ist."  Also  auch 
von  dieser  Seite  bestätigt  sich  das  auf  anderem  Wege  gefundene  Jahr 
400  n.  Chr. 

Die  Macht  der  Gewohnheit  und  in  einigen  Gegenden  der  dog- 
matische Standpunkt  der  Geistlichkeit  bewirkten,  daß  ähnlich  wie 
unseren  Bibeln  die  Apokryphen,  so  damals  die  Antilegomenen  wenig- 
stens noch  in  Verbindung  mit  den  canonischen  Büchern  blieben,  weil 
eine  Abschrift  derselben  zum  mindesten  nichts  schadete.  Übrigens 
nehmen  die  beanstandeten  Bücher  im  c.  Sinaiticus  bereits  den  letzten 
Platz  ein.  —  So  hat  z.  B.  der  c.  Alexandrinus,  der  auf  alle  Fälle  jünger 
ist  als  der  c.  Sinaiticus  und  Vaticanus,  in  Verbindung  mit  den  cano- 
nischen Büchern  die  Clementinen,  d.  h.  die  sog.  beiden  Briefe  des 
Clemens  Romanus  an  die  Corinther,  die  sicher  nicht  zum  Canon  gehörten. 
Der  c.  Vaticanus  versagt  in  diesem  Falle,  weil  er  unvollständig  ist 
und  wir  nicht  wissen,  welche  Antilegomenen  er  enthalten. 


^  S.  Hermas  pastor  rec.  0.  de  Gebhardt  et  Ad.  Harnack  Prolegg.  p.  LXIII 
bis  LXV. 

^  Berliner  Classikertexte  6.  Altcbristl.  Texte.  Berlin  1910  S.  16  f.  Zusammen- 
stellung, —  Diels  u.  Hamack,  Sitzungsber.  der  Berl.  Akad.  1891  S.  427.  Pap. 
Oxyrh.  ed.  Grenfell  and  Hunt  III.     London  1903.     Abschn.  I. 

3  Zeitscbr.  d.  D.  morgenl.  Ges.  15.  1861  S.  111. 

*  Herzogs  Eealencyclopädie  1^  p.  203. 
Gardthausen,  Gr.  Paläographie.   2.  Aufl.  II.  9 


—     130     — 

Die  Einteilung   des   neutestamentlichen   Textes,   Ammonianische ^ 
Sectionen  und   Canones   des  Eusebius^    kommen   für   uns  nicht  in 
Betracht,  denn  darin  sind  die  meisten  einig,  daß  der  c.  Sinaiticus  jünger 
ist  als  die  Zeit  des  Ammonius  (ca.  220  n.  Chr.)  und  Eusebius. 
Euthaiius  Dagegen  läßt  sich  die  Einteilung  des  Euthalius   allerdings  für 

die  Chronologie  verwerten.^  Sowohl  im  c.  Sinaiticus  wie  im  c.  Vati- 
can  hat  man  deutliche  Spuren  der  euthalianischen  Einteilung  des  Neuen 
Testaments  namentlich  in  der  Apostelgeschichte  gefunden.*  Der  Ge- 
danke, daß  der  Schreiber  des  einen  Codex  von  dem  andern  abhängig 
sei,  ist  ausgeschlossen;  vielmehr  sind  der  c.  Sinaiticus  und  c.  Vaticanus 
beide  von  einer  gemeinsamen  Quelle  abhängig. 

Wenn  wir  also  genau  die  Zeit  des  Euthalius  kennten,  so  hätten 
wir  einen  festen  Zeitpunkt,  nach  dem  beide  Handschriften  geschrieben 
sein  müßten.  Diese  sichere  Kenntnis  fehlt  uns  aber.  Über  die  Zeit 
des  Euthalius  haben  wir  zwei  Angaben,  s.  Conybeare,  Journ.  of  philol.  23. 
1894/5  p.  249:  two  dates,  one  answering  to  ÄD.  396,  the  other  to  AD.  459. 
p.  250:  the  old  Ärmenian  Version  demonstrates  that  the  later  date  —  —  is 
cm  Interpolation  of  an  early  scribe,  and  the  earlier  date^  becomes  assignable 
to  Euthalius.^ 

Auch  Ehrhard  (s.  unten  S.  142)  entscheidet  sich  für  das  frühere 
Jahr,  wenn  er  auch  den  Namen  des  Euthalius  in  Euagrius  ändert. 
Robinson  bezweifelt  sogar  beide  Daten:  Neither  458  nor  396  can  longer 
be  considered  the  date  of  Euthalius.'^  Sicher  ist  allerdings  weder  das  eine 
noch  das  andere.  Aber  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  können  wir 
uns  doch  für  das  Jahr  396  entscheiden,  denn  in  den  ersten  Jahrzehnten 
des  fünften  Jahrhunderts  wird  die  Kenntnis  der  euthalianischen  Ein- 
teilung bereits  vorausgesetzt. 

Eobinson  selbst,  a.  a.  0.  S.  36,  verweist  auf  das  Werk  des  Hesy- 
chius,  eines  Priesters  in  Jerusalem  (gest.  um  438):  Thus  we  apj)arenily 
find  a  hnowledge  in  the  early  part  of  the  fifth  Century. 

Wenn  uns  also  die  Geschichte  des  Canons  auf  die  Zeit  von 
397  n.  Chr.  geführt  hatte,  so  kämen  wir  durch  Euthalius  auf  das 
Jahr  396  n.  Chr.,  nach  dem  beide  Handschriften  der  Bibel  geschrieben 


1  Tischendorf-Gregory,  Prolegg.  N.  T.^  S.  145.  —  Vigoroux,  Dictionn.  de  la 
Bible  1,  493. 

-  Herzog,  K.  E.  5^  612. 

^  Vgl.  c.  Sinait.  Petropol.  ed.  Kirsopp  Lake  p.  XIII. 

^  Siehe  Eobinson,  Texts  and  Stud.  3.  III,  36—37.  39—40;  p.  36:  Chapters  of 
the  Acts  in  Codd.  X  and  B;  p.  39—40  Tabelle:  Euthalius  |  B  |  wX. 

'=  Über  den  armenischen  Text  siehe  p.  251;  vgl.  Eobinson,  Texts  and  stud.  3. 
III  p.  2.  5  u.  30. 

^  Spätere  Datierung  des  Euthalius  (7.  Jahrh.  b.  v.  Soden,  Schriften  des  N.  T., 
dagegen  Zahn  mit  guten  Gründen)  s.  Gregory,  Textkritik  873  fi.  1357. 

^  Kobinson,  Texts  and  stud.  3.  III  p.  30. 


—     131     — 

sein  müßten,  zuerst  der  c.  Vaticanus  und  dann  der  c.  Sinaiticus.  Und 
diese  chronologische  Bestimmung  wird  noch  wesentlich  gestützt  durch 
eine  Beobachtung,  die  sich  zunächst  auf  den  c.  Vaticanus  allein  bezieht. 
Die  Auswahl  und  die  Anordnung  der  Bücher  in  dieser  Handschrift  ist 
dieselbe  wie  sie  vom  Athanasius  in  seinem  39.  Festbrief  vom  Jahre 
367  zunächst  für  Ägypten  vorgeschrieben  wurde.  Daher  schließt  Eahlfs^  Athanasius 
mit  Kecht,  daß  der  c.  Vaticanus  jünger  sein  müsse  als  das  Jahr  367. 
Dieser  Schluß  ist  in  hohem  Grade  wahrscheinlich  und  bis  jetzt  nicht 
widerlegt.2  Kirsopp  Lake  hat  ihn  in  seiner  Einheit  allerdings  erwähnt, 
aber  nicht  widerlegt,  sondern  einfach  beiseite  geschoben. 

Wenn  also  der  c.  Vaticanus  nach  367  geschrieben  wurde,  so  gilt 
dies  in  noch  höherem  Grade  von  dem  c.  Sinaiticus. 

Von  verschiedenen  Seiten  sind  wir  also  ungefähr  auf  das  Jahr 
400  n.  Chr.  geführt  worden  als  Entstehungszeit  des  c.  Sinaiticus.  Das 
ist  auch  annähernd  die  Zeit,  in  der  nach  einem  Briefe  des  H.  Hierony- 
mus  (gest.  420)  Acacius  und  Euzoius  die  berühmte  Bibliothek  des  Pam-  Bj^'^ott'- ^^es 
philus  in  Caesarea  erneuern  ließen,  indem  sie  die  beschädigten  Papyrus- 
rollen ersetzten  durch  Pergamenthandschriften.'' 

Der  c.  Sinaiticus  ist  sicher  in  dieser  Bibliothek  gewesen  und  dort 
mit  dem  Exemplar  des  Pamphilus  collationiert,  man  könnte  also  ver- 
muten, daß  er  dort  für  den  Acacius  und  Euzoius  geschrieben  wäre. 
Diese  Vermutung  wäre  unsicher  und  gewagt,  aber  immerhin  doch  viel 
besser  begründet  als  die  oben  erwähnte  von  Gregory,  daß  er  für  die 
von  Kaiser  Constantin  beschenkten  Kirchen  von  Constantinopel  ge- 
schrieben wäre. 

Selbst  die  kalligraphische  Papyrusunciale ,  die  nicht  direct  mit 
Papyrusschrift  zu  vergleichen  ist,  wird  man  heranziehen  können;  ich 
denke  dabei  an  die  steile  Papyrusunciale  des  Pap.  Rylands  1.  15  (pl.  5);  y^'^HH 
es  ist  eine  mehr  oder  weniger  zeitlose  Kalligraphie.  Wenn  wir  Per- 
gament statt  Papyrus  vor  uns  hätten  und  die  Schrift  nicht  so  künst- 
lich wäre,  daß  Kalligraphen  verschiedener  Jahrhunderte  sie  anwenden 
könnten,  so  würde  man  den  c.  Sinaiticus  möglichst  nahe  an  den  Pap. 
Rylands  heranrücken.  Datiert  ist  der  Papyrus  allerdings  nicht;  aber 
Hunt  sucht  seine  Zeit  zu  bestimmen  durch  Heranziehung  ähnlicher 
Papyrusschrift:  Pap.  Oxyrh.  I.  25  pl.  III;  IV.  661  <pl.  V>  u.  VI.  867  <pl.  I>. 

Der  Pap.  Oxyrh.  IV,  661  trägt  auf  dem  Verso  einen  Brief  an 
Heroninus  (vgl.  Pap.  Flor.  9  Einleitung),  geschrieben  im  dritten  Regierungs- 
jahr des  Gallienus  (255—256  n.  Chr.). 


'  Götting.  Gel.  Naehr.  1899  S.  77. 

-  Harnack,  Gesell,  d.  altchristl.  Litter.  2.  II  (1904)  S.  83  A.  1. 
^  Epist.  141:    Quam  [bibliothecam]  ex  parte  corruptam  ...  in  membranis  in- 
staurare  eouati  sunt:  s.  o.  S.  127  A.  1. 

9* 


—     132     — 

Die  Herausgeber  (Grenfell  und  Hunt)  sagen  allerdings  IV  p.  63: 
On  the  verso  of  the  i)apyrus  —  —  a  cursive  hand  which  is  not  later  than 
ihe  heginning  of  the  third  Century;  sie  weisen  die  Unciale  des  Recto  der 
zweiten  Hälfte  des  zweiten  Jahrhunderts  zu;  und  in  dieselbe  Zeit 
möchte  Hunt  daher  auch  den  Pap.  Eylands  setzen.  Wenn  man  nun 
die  Tafeln  der  Oxyrh.  Papyri  mit  denen  der  Rylands  Papyri  vergleicht, 
so  sieht  man  allerdings  auf  beiden  unverbundene  Papyrusunciale,  aber 
die  Ähnlichkeit  beider  ist  doch  nicht  so  groß,  daß  man  den  undatierten 
Rylands  Papyrus  nun  ohne  weiteres  derselben  Zeit  zuweisen  könnte 
wie  den  Oxyrh.  Pap.  IV,  661;  also  gewinnen  wir  damit  auch  keinen 
chronologisch  festen  Ansatz  für  den  c.  Sinaiticus. 

Die  Ähnlichkeit  der  Schrift  des  Pap.  Rylands  mit  dem  c.  Sinaiticus 
und  noch  mehr  mit  dem  c.  Vaticanus  fällt  sofort  in  die  Augen,  aber 
auch  die  Verschiedenheit,  denn  in  dem  Papyrus  Ryland  fehlen  z.  B. 
beim  €  und  C  noch  vollständig  die  Keulen. 

Wenn  also  Hunt  den  Papyrus  Rylands  richtig  ins  zweite  Jahr- 
hundert setzt,  so  sind  der  c.  Vaticanus  und  Sinaiticus  jünger,  aber 
älter  als  512  (c.  Dioscorides);  mehr  läßt  sich  aus  dieser  künstlichen 
Schi'ift  und  bei  der  Vergleichung  von  Papyrus  und  Pergament  nicht 
folgern. 

Für  die  Frage  nach  dem  Alter  des  c.  Sinaiticus  ist  eine  wenig 
beachtete  Inschrift  von  um  so  größerer  Bedeutung,  als  hier  mehrere 
Brief  des  crünstige  Umstände  zusammentreffen;  ich  meine  den  Brief  des  Atha- 
nasius  über  arianische  Ketzereien  an  die  orthodoxen  Einsiedler  der 
Thebaischen  Wüste  C.  I.  Gr.  8607.  —  Die  Inschrift  ^  berührt  sich  mit 
dem  c.  Sinaiticus  sowohl  in  bezug  auf  den  Ort  als  auch  auf  die  Zeit, 
und  auch  der  graphische  Charakter  zeigt  eine  größere  Ähnlichkeit,  als 
man  erwarten  durfte,  da  die  Inschrift  nicht  in  den  Felsen  eingemeißelt, 
sondern  nur  mit  dem  Pinsel  aufgetragen  ist.  Nur  der  Unterschied 
bleibt  bestehen,  daß  der  c.  Sinaiticus  das  Werk  eines  Kalligraphen  ist, 
jene  Inschrift  dagegen  von  einem  Mönche  herrührt,  der  nur  für  sich 
selbst  schrieb,  um  den  Brief  seines  Erzbischofs  täglich  vor  Augen  zu 
haben  und  sich  in  seinem  orthodoxen  Glauben  zu  stärken. 

Durch  diese  dogmatischen  Streitigkeiten  läßt  sich  also  ziemlich 
genau  die  Zeit  bestimmen.  Allerdings  wogte  der  dogmatische  Kampf 
zwischen  Athanasius  und  Arius  und  ihren  Anhängern  lange  Zeit  unent- 
schieden hin  und  her,  und  selbst  der  Tod  des  letzteren  im  Jahre  320 
und  das  Concil  von  Nicaea  325  brachte  immer  noch  nicht  die  letzte 
Entscheidung;  allein  man  kann  doch  mit  einiger  Zuversicht  diesen 
Brief  in  die  erste  Hälfte  des  vierten  Jahrhunderts,  also,  um  eine  runde 
Zahl  zu  haben,  ungefähr  ins  Jahr  330  setzen;  das  ist  also  gerade  die 


1  Siehe  das  Alphabet  Taf.  2. 


—     133     — 

Zeit,  der  Tiscbendorf  auch  den  c.  Sinaiticus  zuweisen  mochte,  jedenfalls 
kann  der  Brief  nicht  jünger  sein  als  die  Handschrift.  Durch  eine 
genaue  Untersuchung  zeigt  sich  aber,  daß  einzelne  Eegeln,  aus  denen 
Tischendorf  das  hohe  Alter  seiner  Handschrift  nachweisen  wollte,  nicht 
stichhaltig  sind.  —  Das  u  ist  links  unten,  das  B  rechts  unten  ab- 
gerundet, wo  der  c.  Sinaiticus  und  Sarravianus^  statt  dessen  einen 
spitzen  Winkel  zeigen;  die  seltenere  Form  des  A  mit  gebrochenem 
Querstrich  läßt  sich  ausnahmsweise  schon  in  perikleischer  Zeit  nach- 
weisen. ^  Beim  A  und  A  verlängert  sich  der  rechte  Grundstrich  bereits 
über  die  Spitze  des  Dreiecks.  Bei  einzelnen  Buchstaben  ist  der  keulen- 
förmige Ausgang  schon  vorhanden,  so  bei  €CX,  auch  die  punktierten 
Formen  von  I  und  Y  lassen  sich  schon  im  Anfang  des  vierten  Jahr- 
hunderts nachweisen;  dagegen  fehlt  noch  die  abgerundete  sogenannte 
koptische  Form  des  |W,  die  im  c.  Sinaiticus  mit  der  eckigen  wechselt. 
Bekanntlich  nennt  man  diese  Form  mißbräuchlich  koptisch,  weü,  sie 
zufälHg  auch  im  koptischen  Alphabet  vorkommt;  sie  ist  vielmehr 
gemeingriechisch  und  wurde  in  gleicher  Weise  auch  in  Asien  und 
Europa  angewendet  (Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1880  S.  646,  vgl.  unten 
Nationalschrift).  Auch  das  |  wird  noch  nicht,  wie  im  c.  Sinaiticus, 
in  einem  Zuge,  ohne  abzusetzen,  geschrieben.  Besonders  altertümlich 
ist  aber  in  dem  Briefe  des  Athanasius  das  P,  dessen  Halbkreis  oben 
offen  ist,  wie  es  sich  ähnlich  z.  B.  auf  einem  Pajoyrus  vom  Jahre 
154  n.  Chr.^  findet  und  vereinzelt  auch  in  dem  c.  Sarravianus  vor- 
kommt, während  sie  dem  c.  Sinaiticus  vollständig  fremd  zu  sein 
scheint. 

Nahe  verwandt  mit  dem  Brief  des  Athanasius  sind  andere  ägyp- 
tische Dipinti,^  auf  die  anderen  epigraphiscben  Urkunden  wurde  oben  ^^^^'^q 
(S.  118)  bereits  hingewiesen.  Nur  darf  man  sich  durch  die  Datierung 
des  Herausgebers  nicht  täuschen  lassen,  der  die  Lebensjahre  der  Ver- 
storbenen mit  den  Jahren  Diocletianischer  Ära  verwechselt;  die  In- 
schriften sind  älter  als  dort  angenommen  wird.  Neuerdings  hat  auch 
das  British  Museum  eine  rhodische  Stuckinschrift  erworben  mit  ge- 
malten griechischen  Buchstaben  der  späteren  Zeit.^ 

Auch  die  in  Marmor  eingemeißelten  Buchstaben  einer  Inschrift  zu 
Ehren  Claudians  (Hübner,  Exempla  scr.  746)  ungefähr  vom  Jahre  410 
haben    viel   Ähnlichkeit    mit    denen    des    c.  Sinaiticus   und  Vaticanus. 


'  Montf..  P.  Gr.  p.  188  und  c.  Sinait.  ed.  Tiscbendorf  I  tab.  XX. 

•^  Loeschke,  Mitteil.  d.  Dtsch.  Arch.  Inst,  in  Athen  5.  1 880  S.  383. 

3  Not.  et  Extr.  18,  2  pl.  17. 

*  Siehe  Eemarks  on  some  remains  of  ancient  greek  Writings  on  the  walls 
of  a  family  Catacomb  at  Alexandria  by  H.  C.  Agnew  Esq.  in  a  Letter  to  Sir 
Henry  EUis  (Archaeologia  1839.  28  p.  152  ff.). 

5  Siehe  Classical  Review  1887  p.  117. 


Schrift- 
proben 


—       134       — 

Diese  urkundlichen  Formen  der  Inschriften  und  besonders  der  Wand- 
aufschriften vor  und  nach  400  n.  Chr.  müssen  sorgfältig  gesammelt  und 
untersucht  werden.  Gregory,  N.  T.  S.  22  meint  allerdings,  daß  man 
keine  genaue  Unterscheidung  feststellen  kann  zwischen  den  im  Jahre  331 
und  den  im  Jahre  400  möglichen  Formen  in  Handschriften  oder  in 
Wandinschriften;  allein  70  Jahre  sind  doch  schon  eine  lange  Periode, 
und  wenn  man  die  einzelnen  paläographischen  und  epigraphischen  Formen 
genau  miteinander  vergleicht,  kommt  man  doch  zu  einem  sicheren 
Resultat,  ob  die  Schrift  des  c.  Sinaiticus  mehr  Ähnlichkeit  mit  den 
Formen  von  331  oder  400  zeigt.  Diese  epigraphischen  Hilfszeugnisse, 
die  noch  vermehrt  werden  können  und  müssen,  sind  daher  von  großem 
Werte. 

Dioscorides. 

DioYcorides-  Die  berühmte  Wiener  Handschrift  des  Dioscorides  ist  des- 
Handschr.  j^^j|^  £»^  ^-^  ;g^^jj^e  (jgr  griechischcu  Handschriften  von  so  unschätz- 
barem Werte,  weil  er,  wenn  auch  nicht  ausdrücklich  datiert,  so  doch 
ziemlich  genau  zu  datieren  ist.  —  Proben  dieser  Handschriften,  die 
wir  in  Tischendorfs  Zusammenstellung  vergebens  suchen,  finden  sich 
bei  Montfaucon,  Pal.  Gr.  p.  195  de  vetustissimo  Dioscoridis  codioe,  nunc 
Caesareo  (daneben  gibt  es  in  Wien  noch  eine  jüngere  Handschrift  des 
Dioscorides),  ferner  in  den  Wiener  Catalogen  von  Lambecius  und  von 
Nessel,  bei  Silvestre  im  zweiten  Hände  der  Pal.  un,,  sowie  in  Pertz' 
Archiv  IV,  521  und  Pal.  Society  177;  vgl.  C.  Wessely,  Die  Kürzungen 
im  Wiener  Dioscorides-Codex.  Arch.  f.  Stenogr.  1907  S.  33.  —  E.  Diez, 
Die  Miniaturen  des  Wiener  Dioscorides  s.  Strygowski,  Byzantin.  Denk- 
mäler 3.    Wien  1903  Xr.  II  S.  1. 

Diese  Handschrift,  die  mit  fein  ausgeführten  Pfianzenbildern  reich 
geschmückt  ist,  gibt  vorne  das  Bild  einer  Prinzessin  lOYAlANA,^ 
für  die  natürlich  die  Handschrift  angefertigt  wurde.  Aus  diesem  Bilde 
sehen  wir  zugleich,  daß  die  octogone  Composition  des  Ganzen  eigens 
für  diesen  Fall  erfunden  wurde,  denn  sie  ist  bedingt  durch  die  acht 
Juliana  Buchstabeu  dieses  Namens.  —  In  der  Mitte  thront  die  Juliana  zwischen 
zwei  allegorischen  Gestalten,^  det  MErAA[OYY]XIA  und  der  OPONHCIC; 
sie  wird  als  Fürstin  charakterisiert  durch  das  Diadem  und  reichen 
Schmuck,  besonders  aber  durch  eine  weibliche  Figur  EYXAPICTIA,  die 
nach  der  Vorschrift  des  byzantinischen  Hofceremoniells  vor  ihr  kniet, 
um  den  Saum  ihres  Gewandes  zu  küssen;  als  Beschützerin  von  Kunst 
und  Handwerk  wird  sie  bezeichnet  durch  die  Nebenfelder,  wo  in  nied- 


^  Siehe  Labarte,  J.,  Histoire  des  arts  industrielles  II  pl.  78. 

'^  Ganz  analog  ist  die  Darstellung  im  Vat.-Pal.  381  F.  2.  David  zwischen 
zwei  Frauengestalten  COOIA  und  TTPO0HTIA.  Collez.  paleograf.  Vatic.  Milano 
1905,  1  t.  20. 


—     135     — 

liehen  kleinen  Genrescenen  Eroten  die  verschiedenen  Künste  und  G-e- 
werbe^  ausüben,  die  zur  Aufführung  und  Ausschmückung  größerer 
Bauten  in  Tätigkeit  gesetzt  werden;  auch  die  vor  der  Juliana  knieende 
EYXAPICTIA  ist  durch  einen  nicht  vollständig  erhaltenen  Zusatz  näher 
bezeichnet,  der  von  dem  Originale  deutlicher  als  auf  den  modernen 
Nachbildungen  als  TEXNQN  zu  lesen  ist.  Dieses  Bild,  wie  überhaupt 
der  ganze  Codex,  ist  jetzt  vollständig  facsimiliert:  Codices  graeci  et 
latini  photogr.  depicti  vol.  10  (Sijthoff)  1906,  s.  o.  1  S.  22,  Dioscurides. 
Codex  Äniciae  Julianae  nunc  Vindobonensis  Med.  gr.  /,  moderante  J.  de 
Karabacek,  scripserunt  A.  de  Premerstein,  G.  Wessely,  J.  Mantuani  1.  2,  Lugd. 
Bat.  1906  p.  10  (Litteraturangaben) ;  Ausgabe  des  Textes  Ace.  tabulae 
tres  lithogr.  ebendort  1906;  Herkunft  und  Datierung  der  Handschrift 
siehe  A,  v.  Premerstein,  Anicia  Juliana  im  Wiener  Dioscoridescodex 
(mit  1  Taf.  und  6  Textillustr.),  Jahrb.  d.  Kunst-  histor.  Samml.  d.  aller- 
höchsten Kaiserhauses  24  S.  105 — 124. 

Den  Namen  Juliana  Anicia  finden  wir  um  400  und  um  500  n,  Chr. 
mehrmals  bei  den  Mitgliedern  der  kaiserlichen  Dynastie.  Desselben 
Namens  früherer  Zeit  unterscheidet  Seeck  in  seiner  Symmachusausgabe 
Monum.  German.  Auetores  antiq.  6,  1  p.  346 — 347:  Anicia  Tyrrenia 
Juliana,  Q.  Clodii  Hermogeniani  Olybrii  cons.  a.  379  uxor.  und  Anicia 
Juliana,  Anicii  Hermogeniani  Olybrii  cons.  a.  395  uxor.  Dazu  kommt 
eine  dritte  (geb.  463,  gest.  528  n.  Chr.). 

Bei  der  eingehenden  und  mühsamen  Untersuchung  des  Originales, 
die  der  Facsimilierung  vorausging,  ist  es  A.  v.  Premerstein  gelungen, 
an  der  inneren  Seite  des  Bandgeflechts,  das  in  Form  eines  Oetogons 
das  Bild  der  Juliana  umrahmt,  eine  Inschrift  zu  entdecken  und  zu 
entziffern  mit  einem  Akrostichon  zu  Ehren  der  Juliana.     S.  Ulf.: 


'lov'  d'ö^citfji  I  V  ävaacrci  \  'Oi^](w- 

'YfivovfTiv  x{at)  do[^ä^ov(ytv']  \  Acc- 
)J<7Ui  (=  XaXTifTCit)  yoiQ  ü^  7iä(ra[_v] 
yTjv  I  ['/]//ö"'  ij  fji^yc/.'Ko\\p]vxicc  \  !Avi- 
xiicolv],  rhv  yivoq  Ttilstg.  |  JVceöv  [yaQ] 


Juche!  Mit  allen  guten  Ruhmes- 
sprüchen besingt  und  rühmt  Dich, 
0  Herrscherin,  die  Stadt  Honorata. 
Denn  zu  dem  ganzen  Erdkreis  zu 
sprechen  treibt  sie  die  Großherzig- 
keit der  Anicier,  deren  Sproß  Du 


x[voyov  iiy(B)iou^  I  'Avm  {ngoixß-']      bist.  Denn  einen  Tempel  des  Herrn 
dvxa  xal  xa/M^.  erbautest  Du,  der  hoch  emporstieg 

I  und  herrlich. 

Dadurch  gewinnt  die  fast  allgemein  angenommene  Vermutung  von 
Lambecius  und  Montfaucon  an  Wahrscheinlichkeit,  daß  jene  Juliana 
die  Juliana  Anicia-  sein  muß,  die  Tochter  des  Flavius  Anicius  Olybrius 


^  Ähnliche  Handwerkerscenen  (wohl  aus  dem  5.  Jahrh.)   im  Kreise   um  eiue 
Porträtfigur  gruppiert  s.  Garruci,  K.,   Vetri  ornati  di  figure  in  oro.    Tav.  33. 
^  Ihren  Stammbaum  s.  Montfaucon,  P.  Gr.  207. 


Juliaua 
Anicia 


Pflanzen- 
buch 


—     136     — 

und  der  Placidia,  denn  diese  erbaute  um  512/13  in  Honorata^  eine 
Kirche  der  Heil.  Jungfrau,  s.  Theophanus  chronol.  ed.  C.  deBoorl  p.  157: 
'lovhuvu  de  7]  TieoKfavEGTCcrr},  ?)  xxiauau  rov  hoov  vabv  tTj^  Osotöxov 
iv  ToTg  'OvooÜTOiq.  und  ließ  in  Constantinopel -  um  527  eine  Kapelle  in 
der  Kirche  des  Heil.  Polyeuctus^  mit  Goldplatten  decken  nach  Gregor 
Y.  Tours.,  De  gloria  martyrum  c.  103  ed.  Migne  I  vol.  71p.  793:  Hujus 
(d.  h.  Polyeuctus)  cameram  luliana  quaedmn  urhis  illius  matrona  auro 
purissimo  texii.  Es  ist  dieselbe  Fürstin,  die  ihren  orthodoxen  Glauben 
siegreich  gegen  die  Ketzereien  des  Kaisers  Anastasius  (491 — 518)  ver- 
teidigte und  denselben  auch  in  einem  Briefe  an  den  Papst  Hormisdas 
(514 — 523)  bekannte,  den  Baronius  im  neunten  Bande  seiner  Annales 
eccles.*  abdruckt. 

Das  von  Premerstein  entdeckte  Akrostichon  zeigt  nun  deutlich, 
daß  nicht  die  Prinzessin  selber  die  Dioscorideshandschrift  hat  schreiben 
und  ausmalen  lassen,  sondern  wahrscheinlich  die  Bürger  von  Honorata, 
zum  Dank  für  die  Freigebigkeit  der  Fürstin.  Auffallend  bleibt  nur, 
daß  sie  dazu  gerade  das  Pflanzenbuch  eines  Arztes  sich  auswählten. 
Aber  vielleicht  konnten  sie  bei  der  Juliana  ein  besonderes  Interesse 
für  diesen  Gegenstand  voraussetzen,  welche  die  Handschrift  verwenden 
konnte  für  die  Bibliothek  eines  von  ihr  begünstigten  Klosters  oder 
Klosterhospitals.  Das  letztere  wird  wenigstens  wahrscheinlich  durch 
die  Porträts  der  berühmtesten  Arzte  des  Altertums,  mit  denen  die 
ersten  Blätter  geschmückt  sind.  Dadurch  ist  die  Zeit  der  Handschrift 
ziemlich  genau  bestimmt,  wir  können  annehmen,  daß  sie  um  das 
Jahr  512  geschrieben  wurde;  wir  erhalten  also  einen  festen  Anhalts- 
punkt für  eine  Periode  der  Uncialschrift,  die  sich  sonst  nur  annähernd 
bestimmen  läßt,  und  dieses  Eesultat  wird  bestätigt  durch  eine  Yer- 
gleichung  der  ungefähr  gleichzeitigen  Formen  auf  einer  Tabelle,  die 
Wessely  nach  den  Pap.  Erzh.  Eainer  zusammengestellt  hat  am  Schlüsse 
seiner  observationes  palaeographicae  (p.  352/53).  Wenn  wir  die  Formen 
des  Dioscoridescodex  mit  denen  des  c.  Sinaiticus  vergleichen,  so  zeigt 
sich  deutlich  die  Entwicklung  der  griechischen  Unciale  im  Verlauf  des 
fünften  Jahrhunderts. 


^  Über  die  Lage  von  Honorata  bei  Constantinopel  s.  d.  Faesimile-Ausgabe 
p.  112  Anm.  5. 

-  Antholog.  Palat.  1,  10. 

^  Baronius  annales  (ed.  A.  Pagius,  Lucca  1741)  9  p.  381;  es  ist  wahrschein- 
lich dieselbe  Kirche  des  Heil.  Polyeuctus,  den  eine  ältere  Juliana  Anicia,  die 
Tochter  Valentinians  I  erbaut  hatte.  Georgius  Codinus  de  aedificiis  C.  P.  ed.  bonn. 
p.  91,  13:  Tof  i'iyiov  UokvavxTOv  'lovXiavr]  r)  &vfun]Q  OvuleviLviuvov  tov  y.iiaiOQOs 
Tov  nycoyov  kxiLatv  ini  '/oövovg  Tsaaaoag  xal  rj/Aiav,  xüv  Te/miöv  ünö  'Päiirjg  iX&öv- 
tbiv.     Yvvuix(xöt).(fr]  Ö£  7]p  i)  loiaviTj  TOV  fiayülov  0Eodoaiov. 

*  Baron,  ann.  eccl.  9  p.  246. 


—     137     — 
Die  keulenförmigeii  Buchstaben  sind  in  der  Dioscorideshandscbrift  Buchstaben- 

'^  tonnen 

bereits  vollständig  durchgedrungen  bei  /,  s,  ^,  x,  |,  >Tr,  a,  x,  v,  ip,  auch 
beim  A  ruht  die  Basis  bereits  rechts  oder  links  auf  zwei  Punkten. 
€  und  C  zeigen  dieselben  bereits  nicht  nur  am  Anfang,  sondern  auch 
am  Ende.  Nur  0  hat  noch  seine  ursprüngliche  Form  bewahrt.  K  zer- 
fällt bereits  in  eine  rechte  und  eine  linke  Hälfte,  die  keinen  Zusammen- 
hang mehr  haben.  Während  bei  allen  anderen  Buchstaben,  welche 
die  gewöhnlichen  Grenzen  weder  nach  oben  noch  nach  unten  über- 
schreiten, die  Grundstriche  mit  Drucke  enden,  kann  man  bei  den  tiefen 
Buchstaben  P  Y  O  Y  (aber  noch  nicht  T)  beobachten,  wie  sie  sich  links 
zuspitzen  oder  gar  in  einen  Haarstrich  auslaufen.  Das  v  und  i  haben 
manchmal  einen,  öfter  aber  zwei  Punkte,  gelegentlich  sogar  einen 
Querstrich  über  der  Zeile.^ 

Ferner  verwendet  der  Schreiber  der  Dioscorideshandschrift,  wie  der 
des  Coisl.  I,  bereits  gelegentlich  das  a,  das  im  Sinaiticus  noch  sorgfältig 
vermieden  wird,  obwohl  es  den  Schreibenden  nicht  unbekannt  gewesen 
sein  kann;  denn  für  dieselbe  Zeit  ist  diese  Form  bezeugt  durch 
C.I.  Gr.  8628  aus  dem  Jahre  521 ;  selbst  in  einer  Inschrift  des  Jahres  235 
(C.  I.  Gr.  8544)  kommt  diese  Form  zweimal  vor;  und  Ausonius  rechnet 
das  «  gerade  so  gut  mit  zu  den  Buchstaben  wie  das  ?;  und  co:  de 
litteris  monosyllabis  graecis  ac  latinis  Mon.  Germ.  Auetor.  antiq.  V,  2  p.  138. 

Hoc  tereti  argutoque  sono  negat  Attica  gens  0  [Y]. 
Allein    die  Kalligraphen    blieben   gegen   diese  Vulgärform   noch  lange 
Zeit  ziemlich  spröde. 

Die  Anfangsbuchstaben  sind  nicht  nur  größer,  sondern  auch  vor- 
gerückt, aber  noch  nicht  farbig;  der  Gebrauch  von  Ligaturen  ist  bereits 
etwas  allgemeiner  als  im  c.  Sinaiticus,  wo  Verbindungen  von  vri,  pn], 
l.n'1]  und  '711]'^  vorkommen,  aber  eine  Ligatur  wie  die  von  AY  ohne 
Beispiel  ist,  während  diese  Ligatur  im  Wiener  Dioscorides  bereits 
ganz  gewöhnlich  ist.^  Abkürzungen  werden  sehr  selten  angewendet. 
Nach  dem  bisher  Ausgeführten  braucht  wohl  nicht  erst  ausdrücklich 
hervorgehoben  zu  werden,  daß  Tischendorfs  Altersangabe  vollständig 
unerklärlich  erscheint,  wenn  er^  von  „dem  berühmten  Codex  des  Dios- 
corides zu  Wien"  spricht,  „datiert  aus  dem  4.  Jahrhunderte." 

Die  Dioscorideshandschrift  bietet  am  Schluß  (von  Fol.  388  an) 
einige  Blätter  von  anderem  Schriftcharakter,   die  statt  der  mühsamen 


'  Wessely  gibt  Bei.?piele  in  erdrückender  Fülle:  De  Y  littera  Dioscurides 
ed.  Premerstein,  Wessely  p.  253.  De  I  littera  Dioscurides  ed.  Premerstein,  Wes- 
sely p.  259. 

-  Codex  Sinaiticus  ed.  Tischendorf  vol.  I.  8. 

^  Vgl.  die  vollständige  Liste  der  Ligaturen  von  Wessely,  De  codicis  Diese. 
Aniciae  Jul.  historia  (Lugd.-Batav.  1906)  p.  349. 

♦  Studien  und  Kritiken  1844.  I  S.  485  b. 


—     138     — 
Rechts    un(j    steifen   kalligraphischen    Schrift    in    zugespitzter,    rechts    ge- 

geneigte  a      x  o        x  / 

unciaie  ncigtor  Uncialc  von  ungemein  zierlichem  und  elegantem  Charakter  ge- 
schrieben sind  und  daher  auffallend  an  das  Fragmentum  mathematicum 
bobiense^  erinnern.  —  Die  Zahl  der  tiefen  Buchstaben  [o,  v,  cp,  xfj)  ist 
dieselbe.  Während  die  Grundstriche  beim  Dioscorides  nur  unten  sich 
zuspitzten,  sind  sie  hier  von  vornherein  keilförmig  zugeschnitten, 
namentlich  das  Y  bekommt  dadurch  ein  fremdartiges  Aussehen. 

Diese  rechtsgeneigte  schmale  Unciaie,^  die  sich  übrigens  niemals 
über  die  ganze  Breite  der  Handschrift  hinzieht,  zeigt  einen  wesentlich 
anderen  Charakter  als  die  breite  senkrecht  stehende  Schrift  des  Haupt- 
teils. Ich  mochte  deshalb  früher  nicht  an  die  Gleichzeitigkeit  glauben 
und  wies  sie  daher  einer  jüngeren  Hand  zu.  Aber  bei  einer  sorg- 
fältigen und  eingehenden  Untersuchung  des  Wiener  Dioscorides  ist 
Wessely,  Praefatio  p.  202,  zu  einem  anderen  Resultat  gekommen,  daß 
nämlich  die  ganze  Handschrift  der  Hauptsache  nach  von  einer  (alten) 
Hand  geschrieben  sei.  Und  so  vorzüglich  die  technische  Ausführung 
der  Facsimileausgabe  auch  ist,  so  reicht  sie  doch  nicht  aus,  um  die 
Beobachtungen  zu  widerlegen,  die  Wessely  vor  dem  Original  gemacht; 
sein  Resultat  wird  auch  noch  dadurch  gestützt,  daß  der  Schreiber 
des  Dioscorides  nicht  nur  diese  beiden  sehr  verschiedenen  Schriftarten 
angewendet  hat,  sondern  sogar  noch  eine  dritte,  die  sich  von  dem 
Haupttypus  wesentlich  durch  ihre  Größe  unterscheidet,  z.  B.  F.  30.  33. 
38.  39  usw.  Wenn  also  alles  von  einer  Hand  geschrieben  ist,  so  wird 
man  zugeben  müssen,  daß  die  schlanke  rechtsgeneigte  Unciaie  ebenfalls 
um  das  Jahr  512  n,  Chr.  geschrieben  ist,  und,  da  wir  früher  dieselbe 
Schriftart  auf  Papyrus  schon  in  der  vorhergehenden  Zeit  kennen  ge- 
lernt haben,  so  ist  nichts  im  Wege,  diese  Schrift  in  einem  Pergament- 
codex dem  Anfang  des  sechsten  Jahrhunderts  zuzuweisen. 

Noch  ähnlicher  sind  die  allerdings  nicht  umfangreichen  Randnoten 
biblischer  Papyrusfragmente:  Amherst-Papyri  1  pl.  III — VII. 

Freerhandschriften. 

Schließlich  müssen  hier  noch  die  neugefundenen  Bibelfragmente 
der  Sammlung  Freer  erwähnt  werden,  obwohl  sie  uns  hier  nur  teilweise 
interessieren;  es  sind  vier  ganz  getrennte  Bruchstücke  (s.  Gregory,  Das 
Freer-Logion.  Lpz.  1908):  I.  Deuteronomium,  IL  Psalmen,  IIL  Evan- 
gelien, IV.  Paulinische  Briefe.^ 


1  Wattenbach.  Schrifttafeln  Taf.  6. 

^  Vgl.  die  zitierte  Tafel  von  Wessely  am  Schluß. 

'  Sanders.  H.  A.,  New  mss.  of  the  bible  from  Egypt.  Americ.  Joum.  of 
Archaeol.  II  S.  v.  12.  1908  p.  49;  13.  1909  p.  130  pl.  I— III.  —  Gregory,  C.  R.,  Das 
Freer-Logion  (m.  7  Abbild.).    Leipzig    1908.    —    The   Old   testament   mss.   in  the 


—     139     — 
Besonders  umfangreich  und  wichtig  ist  die  Handschrift  des  Deute-  i^eutero- 

.  nomium 

ronomiums.  Hervorzuheben  ist  besonders  die  cursive  Marginalnote  in 
den  Freerfragmenten  zu  Deuteronom.  lOj  14 — 22:  p  elg  ri^v  fiv/jfirjv  tojv 
äyicav  naxQOjv  (sie)  d^  rö  lvxv(/)x6v,  Prof.  Grenfell  and  Dr.  Kenyon  agree 
in  dating  this  cursive  note  at  the  end  of  the  sixth  or  early  in  ike  seventh 
centunj  (Sanders).^ 

Hier  haben  wir  also  einen  festen  Punkt  für  die  Datierung  der 
Handschrift;  unter  das  Jahr  600  n.  Chr.  dürfen  wir  nicht  herunter- 
gehen. Aber  auf  der  anderen  Seite  möchte  ich  auch  nicht  wesentlich 
höher  hinaufgehen;  dieses  Jahr  liegt  gerade  in  der  Mitte  zwischen  dem 
Wiener  Dioscorides  und  den  unten  erwähnten  griechischen  Noten  eines 
syrischen  Codex  in  London  (s.u.;  vgl.  Sanders  Am.Journ.ofArch.il  S.  13. 
1909  S.  131  ff. 

Sanders  zieht  verschiedene  Handschriften  auf  Papyrus  und  Per- 
gament heran:  1.  Berlin.  Agypt.  Mus.  P.  6794.  2.  Paris.  Bibl.  Nat. 
gr.  9  (c.  Ephraemi  Syri  rescr.).  8.  London.  Brit.  Mus.  Add.  17210. 
4.  Freer-CoUection  (Briefe  des  Paulus),  die  er  alle  einer  ägyptischen 
Schreiberschule  zuweisen  möchte.  Doch  ist  die  Eigentümlichkeit  nicht 
so  groß,  daß  wir  gezwungen  wären,  eine  besondere  ägyptische  Schreiber- 
schule anzunehmen;  namentlich  möchte  ich  diesen  Namen  hier  ab- 
lehnen, weil  diese  Benennung  schon  vergeben  ist  (s.  u.  S.  de  Ricci). 
Auch  die  Zeitbestimmung  der  Handschrift  von  Washington  bei  Sanders 
kann  ich  nicht  für  richtig  halten,  denn  er  weist  sowohl  die  Handschrift 
von  Washington  wie  die  oben  genannte  Berliner  der  ersten  Hälfte  des 
fünften  Jahrhunderts  zu,  also  der  Zeit,  in  der  der  c.  Sinaiticus  ge- 
schrieben -wurde. 

Ferner  interessiert  uns  von  den  neuen  Funden  die  dritte  Hand- 
schrift (184  Blätter)  mit  dem  Text  der  vier  Evangelien.  Die  Handschrift  Evangelien 
hat  ein  auffallend  kleines  Format  (20,8  X  14,3  cm)  mit  30  Zeilen  auf 
der  Seite.  Die  Schrift  ist  daher  auffallend  klein  und  zierlich,  da  die 
Buchstaben  entschieden  nach  rechts  neigen;  ein  Unterschied  zwischen 
Haar-  und  Grundstrich  ist  nur  selten  zu  bemerken.  In  mancher  Be- 
ziehung erinnert  die  Schrift  an  die  datierten  griechischen  Proben  aus 
syrischen  Handschriften  (s.  Taf.  2).  Mit  vollem  Recht  hat  man  ferner 
die  Marginalnoten  mit  Nachträgen  der  Amherst- Papyri  1  T.  I — VI 
herangezogen,  die  allerdings  nicht  so  kalligraphisch  gleichmäßig,  aber 
doch  in  demselben  Schriftcharakter  geschrieben  sind.  Grenfell  und 
Hunt,  die  Herausgeber  der  Amherst -Papyri  sagen  in  der  Einleitung  1 


Freer  Collection  P.  I.  The  Washington  ms.  of  Deuteronomy  and  Joshua  by 
H.  A.  Sanders.  New  York  1910.  —  Fcsm.  of  the  Washington  ms.  of  Deuteron, 
and  Josuah.     Freer  Collection  Ann  Arbor.    Michigan  1910. 

^  Ahnliche  Verbindung  von  Unciale   im  Text  und  Cursive  am  Rande  finden 
wir  auch  in  einem  N.  T.:  Pal.  Soc.  14. 


—     140 


p.  3 :  The  addiiions  are  written  in  a  small  sloping  uncial,  probably  not  later 
than  the  end  of  the  sixth  cenUiry.  In  derselben  Zeit  mag  auch  das 
Freer-Evangelium  geschrieben  sein.^ 


Pmnkunciale. 


eiMcuycecuc     eiMyAOCOwi 

KMXCDHTrpo        KOCTrepKGl 
CJ>HTCDNOyKX      xXITTepiTONTp^ 

KOyoyciH'Ov    xhxoh^Ytov 

ei  fKovaeojg  ei  fivkog  ovi 

xui  rcov  7TQ0-  xog  TlEQlXei 

(prjTCov  ovx  a  tui  tisoi  rov  Toa 

xovovatv  ov  x^^ov  uvrov 

Fig.  47. 
St.  Petersburg  c.  Caesareensis.    N.  Pal.  Soc.  151. 

Die  alte  Unciale  hat  stellenweise  sehr  stattliche  Formen  an- 
genommen. Namentlich  in  den  Purpurcodices, ^  in  denen  auch  die 
Schrift  gemalt  ist.  Wenn  schon  die  Unsicherheit  bei  der  Bestimmung 
der  undatierten  Unciale  groß  ist,  so  ist  sie  nirgends  größer  als  hier. 
Es  ist  eine  durchaus  künstliche  Schrift,  deren  Alter  zum  Teil  durch 
den  Stil  der  beigegebenen  Bilder  bestimmt  werden  muß.  Griechische 
Purpurhandschriften  sind  nicht  häufig.  Ich  verweise  auf  die  Wiener 
Genesis  und  den  Züricher  Psalter.  Ferner  auf  den  c.  Caesareensis  in 
St.  Petersburg  (s.  Fig.  47).  Über  die  neueren  Funde  s.  o.  1  S.  102—103. 
*Kosanensi's -^Is  Probc  kann  der  c.  purpureus  Eossanensis  dienen  (s.  1  S.  231),  heraus- 
gegeben von  Gebhardt  und  Harnack  1880,  von  A.  Haselof  1898  und 
Munoz  1907.^  Allen  dreien  sind  die  Bilder  die  Hauptsache,  aber 
V,  Gebhardt  und  Harnack  geben  doch  auch  zwei  sehr  dankenswerte 
Tafeln  (I  und  II)  mit  Proben  der  prächtigen  Silberschrift  auf  Purpur- 
pergament. Die  Buchstaben  mit  starker  Unterscheidung  der  Haar-  und 
Grundstriche  sind  ganz  ungewöhnlich  breit  und  überschreiten  meistens 
die  Grundformen  des  Quadrates  und  Kreises;  sie  stehen  fast  vollständig 
senkrecht,  und  die  runden  Buchstaben  €  0  0  C  sind  im  eigentlichen 
Texte    stets  wirklich  rund;    aber  Tafel  II  gibt  doch  auch  Proben  der 


^  Vgl.  Pap.  gr.  berol.  colleg.  Schubart  Nr.  43  b.  Pergam.  Cairense  5.  Jabrh.  44  a. 
Pergam.  Berol.  6.  Jahrb. 

^  Vgl.  die  Liste  bei  Tischendorf,  Mon.  sacra  inedita  p.  10 — 36;  c.  evanglior. 
purpurei  und  v.  Gebhardt  und  Harnack,  Evang.  Codex  gr.  purp.  Eossanensis  p.  V. 

^  Über  die  Altersbestimmung  von  Funk  s.  o.  1  S.  102. 


—     141     — 

Über-  und  Beischriften,  die  zeigen,  daß  seitlich  zusammengedrückte 
spitzbogige  Formen  dem  Schreiber  keineswegs  fremd  waren,  wie  sie 
auch  in  dem  Wiener  Dioscorides  von  erster  Hand  angewendet  wurden. 
Von  Ligaturen  werden  ungefähr  dieselben  angewendet  wie  im  Codex  des 
Dioscorides;  die  Abkürzungen  sind  die  gewöhnlichen  uncialen.  v.  Geb- 
hardt  und  Harnack  mögen  daher  recht  haben,  wenn  sie  (S.  XIII)  an- 
nehmen, „daß  die  Entstehung  der  Handschrift  eher  in  der  ersten  als 
in  der  zweiten  Hälfte  des  sechsten  Jahrhunderts  zu  suchen  ist*'. 

Große  Verwandtschaft  mit  dem  c.  E-ossanensis  zeigt  der  c.  pur- 
pureus  Beratinus  (Albanien),  s.  Batiffol,  Archiv,  d.  miss.  scientif.  III,  13 
p.  437  und  ein  c.  Guelferbytanus  I  (P.  evv.),  s.  Tischendorfs  Facsimile 
im  3.  Bd.  der  Monum.  sacra  inedita.  Nova  collectio ;  ferner  der  Purpur- 
codex der  Evangelien  (N),^  der  c.  Laudianus  (E  act.)  und  der  c.  Xitriensis 
(R.  evv.).  Dazu  kommt  noch  ein  neuerdings  von  der  Pariser  Xational- 
bibliothek  in  Kleinasien  erworbener  Purpurcodex  des  Matthäus-Evan- 
geliums; s.  0.  1  S.  103;  vgl.  Omont,  Ms.  gr.  de  S.  Matthieu,  recemment 
aquis  p.  1.  Bib.  Nat,:  Journ.  d.  Sav.  1900  Mai  p.  1  und  C.  R.  de  l'ac.  des 
inscr.  et  b.  1.  1900  p.  215;  1901  p.  260:  L'ecriture  est  une  magnifique 
onciale,  dont  les  leitres  mesurent  sept  millimetres  de  diametre,  et  dont  les 
formes  elegantes  se  rapprochent  egalement  de  l'ecriture  du  ms.  X  über  die 
Prunkschrift  des  c.  Laur.  28,  26,  der  nicht  auf  Purpur  geschrieben  ist 
8.  u.  (jüngere  Unciale). 

Weniger  prächtig  ist  eine  andere  Handschrift  ausgestattet:  Codex  c.zacynth. 
Zacynthius  H.  Greek  palimpsest  fragments  of  the  Gospel  of  S.  Luke, 
ed.  by  S.  P.  Tregelles.  London  1861  (ohne  Fcsm.),  Von  dem  Palimpsest 
von  Zante  sagt  der  Herausgeber,  Preface  p.  II:  The  Text  is  in  round 
füll  well-formed  ühäal  letters  such  as  I  should  have  no  difficuUy  in  ascri- 
hing  to  the  sixth  Century,  were  not  that  the  Catena  of  the  same  age  has  the 
round  letters  (€0  0  0)  so  cramped  as  to  appear  to  belong  to  the  eighth 
Century.  „Eine  Vergleichung  des  c.  Zacynthius  in  Text  und  Catene  mit  den 
beiden  Schriftarten  des  c.  Rossanensis  läßt  nun  freilich  auf  den  ersten 
Blick  das  höhere  Alter  des  letzteren  erkennen''  (v.  Gebhardt  u.  Harnack 
S.  XV). 

Noch  weniger  prächtig  ist  eine  Handschrift  der  Paulinischen 
Briefe  (H),  deren  Reste  auf  dem  Berge  Athos,  in  Paris,  Moskau,  coa.  H 
St.  Petersburg,  Kiew,  Turin  aufbewahrt  werden;  s.  Sabas  Specimina, 
Moskau  1863  p.  1 — 4.  —  H.  Omont,  Notice  sur  un  ms.  gr.  en  onciales 
des  epitres  de  S.  Paul  conserve  ä  la  Bibl.  Nation.  (H):  Not.  et  extr.  des 
mss.  33,  I.  Paris  1889.  Mit  2  Taf.  (m.  Litt);  s.  Kirsopp  Lake,  Fcsm. 
of  the  Athos  frgm.  of  cod.  H  of  the  Pauline  epistles.    Oxford  1905.  — 


Über  das  Alter  der  Handschrift  s.  v.  Gebhardt  u.  Harnack  S.  XIII. 


—     142     — 

Duchesne,  Archiv,  d.  miss.  scientif.  III  S.  t.  3.  Paris  1876  p.  386.  — 
Sakkelion,  Katalog  von  Patmos  p.  50  Nr.  EZ  Tal  A'. 

Die  Schrift,  deren  Buchstaben  allerdings  zum  großen  Teil  nach- 
gezogen sind,  macht  vielmehr  den  Eindruck,  als  sei  sie  nicht  mit  dem 
Calamus,  sondern  mit  dem  Schwefelholz  geschrieben,  aber  nach  der 
Form  der  Buchstaben  ist  diese  Handschrift  trotz  alledem  hierher  zu  rechnen. 
Les  formes  des  lettres  sont  toutes  anciennes,  Omont  p.  11.  Omont  setzt 
die  Handschrift  in  das  fünfte  bis  sechste  Jahrhundert.  Andere  Ansätze 
des  Alters  von  c.  H  s.  Centralbl.  f.  Bibl.  8,  1891   S.  395—396. 

Wunderbar  ist  die  Altersbestimmung  der  Handschrift  bei  Ehrhard, 
Centralbl.  8,  1891  S.  407:  „Nachdem  zugegeben  [?]  ist,  daß  er  (c.  H) 
Mitte  des  fünften  Jahrhunderts  angesetzt  werden  kann,  so  kann  auch 
seine  Verlegung  an  den  Anfang  des  fünften  oder  Ende  des  vierten  Jahr-: 
hunderts  aus  paläographischen  Gründen  nicht  beanstandet  werden." 
Dieser  Eifer  des  verdienten  Gelehrten,  um  noch  ein  Jahrhundert 
herauszuschlagen,  wirkt  beinahe  komisch.  Wir  verdanken  dem  Ver- 
fasser sehr  gelehrte  Untersuchungen  u.  a.  über  die  alten  Bibliotheken 
namentlich  des  Orients;  aber  hier  hat  er  sich  vergriffen;  sonst  würde 
er  den  c.  H  nicht  zum  Zeitgenossen  des  c.  Vaticanus  und  des  c.  Sinai- 
ticus^  machen.  Mit  Recht  ist  ihm  niemand  darin  gefolgt.  Er  ist  dazu 
gewissermaßen  gezwungen  durch  seine  Euagrios- Hypothese,  die  mit 
jener  Zeitbestimmung  des  c.  H,  den  Euagrius  geschrieben  haben  soll, 
steht  und  fällt. 

Auf  die  jüngeren  Purpurhandschriften,  die  nicht  in  alter  Unciale 
geschrieben  sind,  können  wir  hier  natürlich  nicht  eingehen;  ich  nenne 
nur  ein  Wiener  Evangelistarium  (Kollar  7)  und  eine  Minuskelhandschrift 
in  St.  Petersburg  (Nr.  53),  s.  o.  1  S.  103. 

Über  die  steile  praekoptische  Unciale  auf  Papyrus  und  Pergament 
siehe  unter  Nationalschrift. 


Drittes  Kapitel. 

Die  jüngere  Pergamentunciale.^ 

In  der-Bücherschrift  hatte  die  Pergamentunciale  die  Papyrusschrift 
besiegt  und  zurückgedrängt,  aber  noch  nicht  vollständig  beseitigt.   Aus- 
unciale^auf  läufer  der  Papyrusunciale  finden  wir  noch  auf  Pergament  z.  B.  in  dem 
ergainent  gy^^ggü^jj^  u^jj  (jgj.  Offenbarung  des  Heil.  Peter,   die  in  Akhmin  ge- 
funden   wurden    (s.  o.    1    S.  175  Anm.  3).     Es    ist    eine    eigentümliche, 


1  Centralbl.  f.  Bibl.  10.  1893  S.  50. 

^  S.  meine  Beiträge  z.  gr.  Palaeogr.  III  in   clen   Sitzungsber.   der  Sachs  Ges. 
d.  Wiss.    1878  S.  41  fi. 


—     143     — 

schwer  zu  bestimmende  Unciale,  die  nach  Kenyon,  Pal.  p.  119  am 
nächsten  verwandt  ist  mit  tJie  Bt/zantine  papyri  of  the  sixth  and  seventh 
Century,  especially  the  former.  Doch  diese  Schriftart  steht  natürlich  allein. 
Bereits  in  dem  Abschnitte  über  jüngere  Papyrusunciale  wurde 
hervorgehoben,  daß  die  Neigung  der  Buchstaben  nach  rechts  nicht  ohne  na^h  fecMs 
weiteres  als  ein  Zeichen  jüngerer  Zeit  anzusehen  ist,  da  in  den  meisten 
Perioden  die  einen  mehr  steile,  die  anderen  mehr  geneigte  Buchstaben 
zu  schreiben  pflegen.  Dennoch  darf  man  nicht  vollständig  auf  dieses 
Kriterium  verzichten,  weil  die  Mode  in  verschiedenen  Zeiten  wechselte; 
manchmal  hat  das  Extrem   auf   der  einen    Seite  das  entgegengesetzte 

THhwn.  /<o\oycci  ^^ySi 

ev  ovofjLuri  rTjg  uyiui  u- 
XQÜvTOv  xal  ^couQXiicfi[q) 
TOiäSog-  7i{ciT)o{o)g  xal  v[io)v  xal 
cr/iov  nv[evpiaTo)q.     iyodcfr}  x[ai) 
irsXeico&r]  rö  naQov  xpaX- 
Ti'joiov.   xe?^sv(jet  rov  ä\yiov 

Fig.  48.    Spitzbogige  Unciale  (vergrößert). 

Psalterium  üspenskij  a.  862. 

auf  der  anderen  Seite  hervorgerufen;  die  senkrechten  steilen  und  dicken 
Uncialbuchstaben  wurden  abgelöst  durch  die  feinen  zierlichen  und  ele- 
ganten Formen  der  späteren  Zeit.  Die  älteste  Pergamentunciale  des 
c.  Vaticanus  und  Sinaiticus  kennt  die  rechts  geneigten  Formen  noch 
nicht,  in  den  späteren  Jahrhunderten  überwiegen  sie;  und  dazwischen 
liegt  eine  Übergangsperiode  (s.  c.  Dioscorides),  wo  diese  Formen  in  der 
Pergamentunciale  zuerst  auftreten.  Bei  der  Papyrusschrift  ist  die 
rechtsgeneigte  Unciale  Ausnahme,  bei  der  jüngeren  Pergamentunciale 
ist  sie  Regel  und  wir  können  bei  einer  Reihe  datierter  Handschriften 
von  800 — 1000  n.  Chr.  die  Probe  machen  für  dieses  Exempel. 


—     144     — 

Je  häufiger  diese  rechtsgeneigte  Schriftart  auftritt,  desto  conse- 
quenter  wird  sie  ausgebildet;  der  Schreiber  scheut  sich  nicht  mehr, 
die  Consequenzen  zu  ziehen  und  die  einzelnen  Formen  der  Buchstaben 
stilgerecht  umzubilden. 

Ähnlich  wie  im  späteren  Mittelalter  der  gotische  Spitzbogen  sich 
aus  dem  romanischen  Rundbogen  entwickelte  dadurch,  daß  dieser  in 
zwei  Teile  zerlegt  wurde,  die  sich  in  einem  zunächst  kaum  merklichen, 
bald  aber  mehr  und  mehr  sich  zuspitzenden  "Winkel  trafen,  so  bildete 
Spitzbogen  sich  auch  in  der  byzantinischen  Schrift  ein  zierlicher  Spitzbogenstil, 
dessen  Principien  zuerst  nur  auf  einzelne  Buchstaben  Anwendung  fan- 
den ,  bald  aber  zu  einer  stilistischen  Durcharbeitung  des  ganzen 
Alphabetes  führte,  aus  dem  alle  Teile  eines  Kreises  und  Quadrates 
entfernt  waren.  ^ 

Später  hat  die  rechtsgeneigte  Unciale  sich  wieder  aufgerichtet;  die 
Buchstaben  sind  wieder  so  steil  wie  in  alter  Zeit,  aber  deshalb  war 
man  doch  nicht  wieder  zur  alten  Pergamentunciale  zurückgekehrt,  denn 
die  Nachwirkungen  jener  stilistischen  Durcharbeitung  blieben  bei  man- 
chen Buchstaben  sehr  deutlich  erkennbar  (s.  u.);  diese  senkrechte 
Unciale  ist  auf  alle  Fälle  jünger  als  die  rechtsgeneigte.  Die  Anfänge 
dieser  rechtsgeneigten  Unciale  lassen  sich  nicht  bestimmen,  sie  fallen 
noch  in  die  Zeit  der  alten  Unciale;  dagegen  wäre  es  wichtig,  wenn 
man  diese  stilistische  Durcharbeitung  des  ganzen  Alphabets  genauer 
fixieren  könnte.  Das  wird  uns  aber  sehr  erschwert  durch  den  Mangel 
datierter  Uncialcodices  vor  dem  Jahre  800;  in  der  früheren  Zeit 
scheinen  die  griechischen  Schreiber  überhaupt  noch  nicht  ihre  Hand- 
schriften datiert  zu  haben. 
Syrer  Die  Svrer  haben  dagegen  lange  vor  den  Griechen  angefangen  ihre 

Handschriften  zu  datieren.  Eine  vorzügliche  Sitte,  schreibt  mir  Nöldeke, 
welche  bei  den  Syrern  von  jeher  herrschte,  ist  die  genaue  Datierung 
zugleich  mit  Nennung  des  Schreibers.  Der  Colophon  fehlt  natürlich 
jetzt  oft,  weil  die  letzte  und  die  erste  Seite  die  gefährdetste  ist,  aber 
ursprünglich  fehlte  sie  gewiß  sehr  selten. 

Nach  Wrights  Catalogue  of  the  syriac  mss.  of  the  British  Museum, 
London  1870,  III  p,  1236  gibt  es  in  London  datierte  Handschriften 
von  411,  464,  474,  501,  509,  511,  512  usw.  n.  Chr.,  die  allerdings  noch 
keine  griechischen  Randglossen  haben;  dagegen  sagt  Wright  I  p.  30 
z.  B.  von  dem  c.  Add.  12134  (geschrieben  anno  Graecorum  1008  = 
697  n.  Chr.):  Many  notes  and  glosses,  and  numerous  Greek  icords  are 
laritten  on  the  margins  hy  the  same  hand  that  wrote  the  text.  Die  Wichtig- 
keit dieser  syrischen  Handschriften  für  die  griechische  Paläographie 
leuchtet  also   sofort  ein,   und  ein  glücklicher  Zufall  fügte  es,   daß  ich 


^  Vgl.  oben  S.  113:  6  o^vqvy/og  xo'Q^xti^q. 


—     145     — 

alle  syrischen  Handschriften  Londons,  von  denen  hier  die  Eede  ist, 
Herrn  Prof.  Wright  aus  Cambridge  vorlegen  konnte,  der  sich  überzeugte, 
daß  alle  Subscriptionen  sich  auf  den  Schreiber  bezögen  und  für  die 
griechischen  Glossen  ebenso  wie  für  den  syrischen  Text  beweisend 
seien,  was  z.  B.  bei  dem  c.  Lond.  Add.  17148  vom  Jahre  650/60  auch 
dem  Laien  sofort  einleuchtet,  da  die  griechischen  Stellen  nicht  am 
Eande,  sondern  mitten  im  Texte  zwischen  syrischer  Schrift  erster 
Hand  stehen. 

Die  auf  Taf.  1  und  2  meiner  Beiträge  z.  gr.  Palaeogr.  III  ^  zu- 
sammengestellten griechischen  Worte  syrischer  datierter  Codices  sind 
folgenden  Handschriften  entlehnt: 

Die  älteste  von  allen  bekannten  befindet  sich  in  Florenz;-  es  ist 
der  von  Rabüle  in  Beth  Zaghbä  bei  Antiochia  geschriebene  c.  Lau-  586 
rentianus  syr.  Nr.  1  vom  Jahre  586,  der  nur  ein  einziges  griechisches 
Wort  enthält.  Auf  einem  ziemlich  roh  ausgeführten  Bilde  der  Kreu- 
zigung ^  ist  der  Name  AOflNOC  beigeschrieben:  siehe  das  Facsimile^ 
Taf.  1,  das  ich  der  Güte  Vitellis  verdanke;  daran  schließt  sich  der 
c.  Lond.  Add.  17148,  dessen  Unterschrift  wenigstens  der  Hauptsache 
nach  unversehrt  ist  und  mit  Sicherheit  ergibt,  daß  die  Handschrift  eso-eso 
zwischen  650  und  660  geschrieben  sein  muß.  Sie  ist  für  die  grie- 
chische Paläographie  besonders  interessant,  weil  hier  die  Accentzeichen 
und  -namen  zusammengestellt  sind^  in  einer  Zeit  des  Überganores,  wo  -^ccentua- 
die  Accentuation  erst  anfing  allgemeiner  zu  werden.  Noch  wichtiger 
ist  aber  ein  datiertes  Alphabet  von  650/60,  dessen  erste  und  dritte 
Zeile  vollständig  klar  sind,  während  die  zweite  und  vierte  noch  einer 
genügenden  Erklärung  entbehren;  wenn  man  nicht  etwa  annehmen 
will,  daß  sie  sich  kryptographisch  erklären  lassen,  doch  dann  müßte 
wenigstens  die  Zahl  dieser  Charaktere  und  der  gewöhnlichen  Buch- 
staben übereinstimmen,  was  hier  nicht  der  Fall  zu  sein  scheint. 

Noch  umfangreicher  sind  die  griechischen  Randglossen  des  c.  Lond.  gtö 
Add.  17134  vom  Jahre  675.  Auff'allend  ist  besonders  die  wunderbare 
Form  des  A.  die  sonst  nirgends  vorkommt  und  sich  wohl  nur  durch 
den  directen  Einfluß  orientalischer  Schrift  erklären  läßt:  auch  das  0 
in  A0ANACIOC  und  GQMAC  ist  sehr  befremdend,  weil  der  Querstrich 
nicht  wagerecht,  wie  bei  dem  Namen  der  0EKAA,  sondern  senkrecht 
wie  beim  0  von  nOPOYPIOC,  EYOHMIA.  CTEOANOC  den  Kreis 
durchschneidet.  —  Auch  das  Z  in  ZAXAPIA  ist  merkwürdigerweise 
aaf  die  Seite    gelegt.     In    demselben  Namen  wurd   das  X   ausgedrückt 


^  Sitzungsber.  d.  sächs.  Ges.  der  Wissensch.  18T8  S.  41  ff. 

^  Assemani  biblioth.  Mediceae  codd.  mss.  orientalium  catalogus  tab.  XXIII. 

^  S.  Labarte,  Histoire  des  arts  industr.,  Paris  1873,  II  p.  164. 

*  Taf.  1  meiner  Beiträge  z.  gr.  Pal.  III. 

*  Ebenda  Taf.  1. 

Gardt hausen,  Gr.  Paläographie.   2.  Aufl.  II.  10 


—     146     — 

durch,  ein  stehendes  Kreuz,  ebenso  wie  in  TTATPIAPXHC,  ANTIOXIA, 
BAKXOC,  das  von  dem  Y  in  YQM  kaum  noch  zu  unterscheiden  ist. 
Übrigens  zeigen  die  Formen  des  Jahres  675  nur  noch  ganz  geringe 
Anfänge  der  spitzbogigen  Unciale,  nämlich  in  dem  0,  das  nur  selten 
noch  rund  ist,  z.  B.  in  '0  ATTOAAQN,  sonst  aber  meistens  bereits  die 
jüngere  zugespitzte  Form  angenommen  hat.  Dagegen  €,  C,  0,  CU 
haben  noch  durchweg  ihre  alte  Form  beibehalten. 

Etwas  weiter  ist  der  Proceß  schon  vorgeschritten  in  dem  c.  Lond. 
697. 71Ö    Add.  12  134   vom  Jahre  697    und  Lond.  Add.  14  429    vom    Jahre  719. 
Das  0    ist  allerdings   öfter  noch  rund,   aber  das  0  z.  B.  in  0ETO  ist 
vollständig    schon    zugespitzt,    auch  sind  die  einzelnen  Buchstaben  be- 
reits viel  entschiedener  nach  links  geneigt.^ 
c.  Theodos.  Damit  stimmt  es  recht  gut  überein,  daß  der  c.  Theodosianus  (Vat. 

Reg.  Nr.  886),  den  man  nach  ausgebildeter  Semiunciale  des  lateinischen 
Textes  mit  ziemlicher  Sicherheit  dem  Ende  des  7.  Jahrhunderts  zu- 
weisen kann,  in  seinen  griechischen  Partien  eine  kalligraphische  Unciale 
zeigt,  die  eine  gewisse  Ähnlichkeit  hat  mit  der  nicht  kalligraphischen 
Schrift  vom  Jahre  650/60,  sich  aber  noch  einen  mehr  altertümlichen 
Charakter  bewahrte,  weil  die  spitzbogigen  Formen  selbst  beim  0  und  0 
noch  gänzlich  fehlen.^ 
sch'reibart  Vollkommcu  ausgebildet  ist  die  neue  Schreibart  dagegen  in  dem 

fragmentum  mathematicum,^  dessen  lateinische  Charaktere  von  A.  Mai 
ebenfalls  dem  8.  Jahrhundert  zugeschrieben  werden  und  dem  c.  Lond. 
Accente  Add.  26  113,  den  man  bei  dem  gänzlichen  Mangel  der  Accente  nicht 
gerne  weiter  als  bis  zum  Anfange  des  8.  Jahrhunderts  herabrücken 
wird.  Dasselbe  gilt  von  dem  durch  Tischendorf  nach  Leipzig  ge- 
brachten 0  ^^P^-,  der  aber  bereits  accentuiert  ist.*  —  Montfaucon  schon  hat 
das  richtige  gesehen,  Pal.  gr.  p.  215:  septimo  circiter  saecido  accentus  et 
Spiritus  annotari  coeptum  est.  Nam  ubi  primum  consuetudo  illa  accentus 
ac  Spiritus  annotandi  invecta  fuit,  non  statini  ah  Omnibus  usiirpata  fuisse 
creditur,  nt  fere  fit  in  rebus  hujusmodi;  sed  paulatim  invaluisse  putatur. 
Quamobrem  etsi  Codices  Uli  charactere  unciali,  qui  accentibus  ac  spiritibus 
carent,   aliis  antiquiores  habeantur;  possunt   tarnen  inter  noiatos   accentibus 


^  Silvestre  gibt  im  ersten  Bande  seiner  Paleogr.  iinivers.  das  Facsimile  einer 
jüngeren  syrischen  Handschrift  mit  schräg  liegender  griechischer  Beischrift.  Auch 
der  c.  Lond.  Add.  12  159  vom  Jahre  868  hat  griechische  Randglossen  (s.  Wrights 
Catal.  of  STi-iac.  mss.  II  p.  545),  stammt  aber  aus  einer  Zeit,  für  die  wir  syrische 
Hilfszeugnisse  bereits  entbehren  können. 

^  Siehe  Taf.  2  Col.  I.  nach  einer  Durchzeichnung,  die  ich  früher  in  Rom  an- 
fertigte; vgl.  übrigens  das  allerdings  ungenügende  Facsimile:  Antiqua  summaria 
codicis  Theodosiani  ed.  G.  Haenel.    Leipzig  1834  p.  XVI. 

3  Wattenbach,  Schrifttafeln  Nr.  6.  —  Beiger,  Hermes  16  S.  261  ff.,  m.  2  Taf. 

*  Siehe  die  Schriftprobe  Monum,  sacr.  inedita  ed.  Tischendorf  Nova  Coli. 
Vol.  II  Nr.  9. 


—     147     — 

oecurrere  licet  raro,  qui  accentibus  non  notatos  aetate  praecedant.  Id  vero 
ex  characteris  forma  prohabiliter  internosci  potest.  Mit  Sicherheit  sind 
also  dem  8.  und  9.  Jahrhundert  diejenigen  Codices  zuzuweisen,  die  in 
spitzbogiger  ünciale  geschrieben,  zugleich  aber  auch  von  erster  Hand 
mit  Accenten  versehen  sind,  wie  z.  B.  der  c.  Marcianus  (Venetus)  I.  bei 
Wattenbach,  Schrifttafeln  Nr.  23,  bei  dem  einige  Accente  von  erster 
Hand  herrühren,  andere  von  zweiter  hinzugefügt  sind. 

Dasselbe  gilt  von  dem  Veroneser  Cyrillcodex,  dessen  Facsimile 
Migne  in  seiner  Patrolog.  graeca  69  p.  745 — 746  gegeben  hat  und  von 
einer  Handschrift  des  Dionysius  Areopagita  c.  Laur.  Conv.  Soppr.  102 
{s.  Collez.  Fiorent.  Nr.  17);  die  zwei  Columnen  des  Textes  sind  in  der 
rechtsgeneigten  spitzbogigen  Unciale  des  9.  Jahrhunderts  geschrieben 
und  durchgehend  von  erster  Hand  sorgfältig  accentuiert.  Die  Scholien 
an  den  äußeren  Rändern  sind  ebenfalls  accentuiert. 

Mit  dem  9.  Jahrhundert  beginnt  glücklicherweise  die  Reihe  der 
datierten  griechischen  Uncialhandschriften  mit  dem  unteritalischen 
c.  Vatic.  gr.  1666  (Gregor,  papa)  vom  Jahre  800  <s.  Pal.  Soc.  11,  81  ^^onlw^^ 
Cavalieri-Lietzmann  Spec.  Nr.  6  Mel.  d'arch.  et  d'histoire  8.  1888  t.  8).^ 
Dann  folgt  eine  Handschrift  der  Meteorenklöster  (Nr.  45)  mit  den 
Homilien  des  Johannes  Chrysostomus  vom  Jahre  861/62  von  der  Hand  861/62 
des  Mönches  Eustathius;  der  Text  ist  in  Uncialen,  die  Erklärungen 
aber  diu  (tvotojv  yoafxfiaTcov  geschrieben,  s.  Bees,  "Ex&eaii  jiu'/.aioyo. 
xui  TE/v.  hoEvvüv  iv  xuu  lAOvuTg  Tojv  Merecüocov.  Athen  1910  S.  24. 
Es  wäre  sehr  interessant,  zu  erfahren,  ob  sie  ebenfalls  in  derselben 
spitzbogigen  geneigten  Unciale  geschrieben  ist. 

Ferner  haben  wir  das  Psalterium  üspenskyanum  vom  Jahre  862-     862 
bei  Wattenbach,   Schrifttafeln  Nr.  24  Script,  gr.  specimina  Nr.  X  (siehe 
oben  S.  143),  dem  sich  eine  Gregorhandschrift  (c.  Paris.  510  bei  Mont- 
faucon,  P.  Gr.  252)  anschließt,   die   durch   die  Erwähnung  des  Basilius 
(867 — 886)  wenigstens  annähernd  datiert  ist  und  ungefähr  ins  Jahr  880      880 
gesetzt  wird. 

In  dem  Psalterium  üspenskyanum  (s.  o.  Taf.  3,  2)  haben  wir  eine 
sehr  charakteristische  Schrift  und  ein  fest  bestimmtes  Jahi".^  Die 
Neigung  der  Unciale  nach  rechts  ist  so  groß  wie  möglich;  der  Spitz- 
bogenstil ist  bis  zu  seinen  letzten  Consequenzen  durchgeführt  selbst 
bei  dem  0  und  bei  dem  breiten  Ereise  des  0. 

^  Eine  Handschrift  des  Porf.  Uspenskij  in  St.  Petersburg,  angeblich  vom 
Jahre  844  gehört  sicher  späterer  Zeit  an. 

-  Jernstedt,  V. ,  Über  das  Porfyrische  Psalterium  vom  Jahre  862:  Journal 
Ministertwa  Narodn.  prosweschtschenija.  Novemberheft  1884  S.  23 — 35.  —  Amphi- 
lochius,  Beschreib,  gr.  Handschriften  T.  2 — 3. 

^  Fig.  48  S.  143.  Diese  Handschrift  gehört  nicht  dem  Jahre  877—878  an,  wie 
Rühl,  Byzant.  Zeitschr.  1895  S.  588  —  589  meinte. 

10* 


—     148     — 

Der  Unterschied  zwischen  Haar-  und  (Grundstrichen  ist  so  scharf 
wie  möglich;  die  Zahl  der  tiefen  Buchstaben  ist  den  mittleren  gegen- 
über größer  geworden.  Nahe  Verwandtschaft  mit  dieser  Handschrift 
sowohl  im  Ductus  wie  in  dem  auffallend  kleinen  Format  zeigt  eine 
Londoner  Handschrift  (Add.  26,  113),  s.  Pal.  Soc.  II,  4,  die  deshalb  nicht 
dem  8. — 9.,  sondern  dem  9.  Jahrhundert  zuzuweisen  ist.  Auch  drei 
griechisch-arabische  Psalterien  des  Sinai  (Nr.  34 — 36.  Taf.  1  Nr.  2 — 3  des 
Catalogs)  zeigen  dieselben  nicht  zu  verkennenden  Formen  der  Unciale. 
Große  Verwandtschaft  mit  dem  Psalterium  vom  Jahre  862  zeigt 
eine  Pariser  Handschrift  des  Dionysius  Areopagita.  Vgl.  Omont,  Ms. 
de  S.  Denys  l'Aröop.  envoy6  a  Louis  le  Debonnaire  en  827.^  Wir  sehen, 
daß  der  Schriftcharakter  von  862  sich  schon  im  Jahre  827  nachweisen 
läßt,  das  ist  also  ungefähr  die  Zeit,  in  der  wir  auch  zuerst  die  neu- 
gebildete Minuskelschrift  nachweisen  können.  Graux  und  Martin,  Facsm. 
d.  Ms.  gr.  d'Espagne  Nr.  3.  4  und  5.  7  c.  Matr.  N.  71  geben  Proben 
der  Schrift  dieser  Übergangszeit;  sie  sind  allerdings  nicht  datiert,  aber 
Nr.  5  wenigstens  datierbar,  weil  auf  derselben  Seite  oben  richtige  alte 
Minuskel  verbunden  ist  unten  mit  zierlicher  rechtsgeneigter  Unciale. 
Bei  Nr.  3  und  4  (O.  III.  20)  ist  der  Text  im  Stile  des  Psalteriums  von 
862  n.  Chr.  geschrieben,  während  die  Überschriften  in  steiler  Schrift 
und  senkrechten  Buchstaben  ausgeführt  sind;  nur  die  Formen  von 
€  C  0  Q  sind  spitzbogig  geblieben,  obwohl  sie  senkrecht  stehen.  Auch 
eine  Grabschrift  (Ephem.  archaiol.  III,  4.  1886  p.  235)  vom  Jahre  856 
CS"  T  ?  A  ivd.  8)  hat  spitzbogige  aber  senkrecht  stehende  Unciale.  Spitze 
rechtsgeneigte  Unciale  einer  christlichen  Beschwörung  (Assuan):  Bull,  de 
corr.  hellen.  26.  1902  p.  456 — 457  pl.  XII  (rc.  IX; ;  sie  ist  datiert  äno 
(iaQT{vooiv)äöY  a.  Chr.  1157). 
genef^te  u  ^SiTi   darf  HUB  aber  nicht  annehmen,    daß  die  spitzbogige  rechts- 

^  unciail^^  geneigte  Unciale  in  der  Mitte  des  9.  Jahrhunderts  ausschließlich  an- 
gewendet wäre;  es  gab  auch  eine  senkrechte  L'nciale,  die  in  manchen 
Handschriften  daneben  angewendet  wurde  von  demselben  Schreiber. 
Zwei  verschiedene  Alphabete  waren  damals,  wenn  auch  nicht  notwendig, 
so  doch  wünschenswert,  um  die  ungleichartigen  Teile  des  Textes  auch 
äußerlich  zu  unterscheiden. 

Einen  ähnlichen  Wechsel  zeigt  auch  die  bereits  erwähnte  Gregor- 
handschrift (s.  0.)  c.  Vatic.  gr.  1666  vom  Jahre  800  n.  Chr.-  Sie  verwendet  in 
den  Über-  resp.  Unterschriften  z.  B.  des  dritten  Buches  die  schmale  rechts- 
geneigte spitzbogige  Unciale  des  9.  Jahrhunderts,  während  der  eigent- 
liche Text    die    aufrecht    stehenden    breiten  abscerundeten  Formen   der 


^  Revue  des  etud.  gr.  1904  p.  231;  mit  Facsim. 

2  Siehe  Melanges  d'arch.   et  dhist.   8.   1888  pl.  8  u.  Pal.  Soc.  II,  81.  —  Ca- 
vaUeri-Lietzmann,  Specimina  Xr.  6. 


—     149     — 

älteren  Schreibarten  beibehalten  hat.  Allein  man  darf  nicht  vergessen, 
daß  die  Handschrift  aus  Eossano  stammt  und  wohl  sicher  in  Italien 
geschrieben  ist;  es  ist  anerkannte  Tatsache,  daß  die  Colonien  sehr 
häufig  in  Schrift  und  Sprache  Eigentümlichkeiten  festgehalten  haben, 
die  das  Mutterland  längst  aufgegeben  hatte.  Wir  sehen  also,  daß  die 
steile  und  die  rechtsgeneigte  Unciale  sich  keineswegs  ausschlössen,  daß 
aber  in  der  letzten  Hälfte  des  9.  Jahrhunderts  die  geneigte  Unciale 
für  den  eigentlichen  Text  bevorzugt  wurde. 

Es  verdient  also  besonders  hervorgehoben  zu  werden,  daß  die 
Schreiber  der  jüngeren  Unciale  zwei  Schriftarten  beherrschen  mußten: 
eine  steile  und  eine  rechtsgeneigte;  ob  sie  beide  anwendeten,  kam  auf 
die  Umstände  an.  Wenn  sie  gelegentlich  nur  die  erstere  gebrauchten, 
so  darf  man  diese  gerade,  steile  Unciale  deshalb  nicht  der  jüngeren 
Unciale  absprechen. 

Namentlich  bei  den  Catenen  wollte  man  den  Wortlaut  der  Heiligen 
Schrift  äußerlich  möglichst  scharf  scheiden  von  den  Erklärungen  der 
Menschen.  In  einer  Catenensammlung  des  c.  Vatic.  749  vom  9.  Jahr- 
hundert bei  Fr.  de'  Cavalieri-Lietzmann  Nr.  8  ist  der  Text  in  großer 
spitzbogiger  Unciale  geschrieben  im  Stil  des  Jahres  862,  die  Catene 
dagegen  in  steilen  spitzbogigen  Formen  mit  seitlich  zusammengedrück- 
ten €  C  0.  Auch  in  dem  schon  erwähnten  Uncialcodex  des  Dionys. 
Areopagita  (Coli.  Fiorent.  t.  X\'TI)  zeigt  der  Text  die  geneigte  Unciale 
vom  Jahre  862;  die  Schollen  dagegen  an  den  drei  äußeren  Rändern 
sind  mit  steilen  spitzbogigen  Buchstaben  geschrieben;  man  sieht  also, 
die  Hauptsache  ist,  daß  Text  und  Schollen  nicht  mit  derselben  Schrift 
geschrieben   sind.^ 

Im  10.  Jahrhundert  werden  die  datierten  Uncialhandschriften  etwas 
häufiger:  c.  Vatic.  354  a.  949,  den  schon  Bianchini  in  seinem  Evangelium  aia 
quadruplex  I.  T.  VI  und  Seroux  d'Agincourt  t.  8,  Cavalieri-Lietzmann, 
Specimina  T.  13  facsimiliert  haben;  ebenso  N.  Pal.  Soc.  105.  Die  bei- 
nahe steile  2  aber  zugespitzte  Unciale  zeigt  noch  deutlich  die  Spuren 
der  vorhergehenden  Entwicklung;  sie  ist  ungefähr  so  senkrecht  wie 
die  gerade  damals  von  der  griechischen  abgeleitete  kirchenslavische 
Schrift,  und  wird  deshalb  von  den  Herausgebern  der  N.  Pal.  Society 
als  „Slavonic"  bezeichnet,  oder  richtiger  Praeslavisch  (s.  unten  Prae- 
koptisch). 

Ein  Minuskelcodex  derselben  Zeit,  c.  Bodl.  D.  4,  1  <Pal.  Soc.  11,  5> 
zeigt  eine  so  reichliche  Anwendung  der  Unciale,  daß  er  ebenfalls  zu 
den  Uncialcodices  gerechnet  werden  kann.    Eine  ausdrückliche  Datierung 


*  Andere  Beispiele:  Wattenbach,  Scr.  gr.  specimina.    Berlin  1883  Taf.  IX. 
-  Die  Unciale  der  Randnoten  ist  ungewöhnlich  steil;   die  des  Textes  wenig 
geneigt. 


—     150     — 

fehlt  allerdings,  aber  Osterkreise  dieser  Handschrift  bürgen  dafür,  daß 
950  sie  nicht  viel  vor,  aber  auch  nicht  viel  nach  950  geschrieben  sein 
kann.  Die  Buchstaben  sind  zugespitzt,  stehen  aber  schon  wieder  senk- 
recht. Endlich  ist  zu  erwähnen  der  cod.  f  des  N.  T.  (Oxf.  Mise.  313 
und  Petersbg.  Muralt  XXXIII)^  <s.  Pal.  Soc.  II,  7>,  in  dessen  Unter- 
schrift wohl  Datum  und  Indiction,  aber  nicht  die  Jahreszahl  an- 
gegeben ist;  er  zeigt  deutlich  den  Schriftcharakter  des  10.  Jahr- 
hunderts und  ist  sicher  nicht  im  Jahre  844,  sondern  vielleicht  979  ge- 
schrieben. Die  große  dicke  Schrift  des  Textes  unterscheidet  sich  deut- 
lich von  der  feineren  Schrift  der  Kandnoten;  aber  der  Stil  beider  ist 
derselbe:  durchaus  senkrecht  stehende  Buchstaben  mit  entschieden 
spitzbogigen  Formen. 

Hier  würde  nun  eine  Hiobhandschrift  c.  Patmiacus  POA  folgen, 
die  ich  im  Spicilegium  Patmiacum  p.  262  (hinter  dem  Sinaikatalog) 
dem  Jahre  959  zuwies  auf  Grund  einer  Subscription  am  Ende  der  Hand- 
schrift. Allein  Sakkelion  in  seinem  Katalog  von  Patmos  hält  die  Sub- 
scription nicht  für  gleichzeitig  und  setzt  die  Handschrift  ins  7.  oder 
Anfang  des  8.  Jahrhunderts ;  er  gibt  allerdings  eine  Schriftprobe  (Taf.  A), 
aber  nur  in  ungenügender  Lithographie,  wahrscheinlich  nach  eigener 
Durchzeichnung,  nach  der  die  Frage,  Avann  der  Codex  geschrieben 
wurde,  nicht  zu  entscheiden  ist. 

Daran  schließt  sich  ein  Evangelium,  der  c.  Sinaiticus  213,  im 
Jahre  967  vom  Priester  Eustathius^  in  zwei  Columnen  geschrieben,^ 
s.  Porfirij,  Athonskie  monastirij  i  skitij  v.  2  tav.  3. 

Auch  die  Schrift  des  neugefundenen  Henochbuches  ist  interessant, 
weil  die  geneigte  Unciale  des  9.  Jahrhunderts  im  Henochbuche  verbun- 
den ist  mit  der  Minuskelcursive  auf  Pergament  in  einer  Handschrift  von 
dem  charakteristischen  kleinen  Format  des  9.  Jahrhunderts.  Der  Schrift- 
charakter der  Unciale  ist  derselbe,  wie  der  vom  Jahre  862,  nur  weniger 
kalligraphisch;  auch  das  Streben  tritt  mehr  hervor,  die  einzelnen 
Buchstaben  zu  verbinden.  Die  Abkürzungen  sind  die  gewöhnlichen 
uncialen;  Accente  fehlen.  Die  Uncialen  stehen  auf  der  eingeritzten 
Linie.  Den  Beschluß  bilden  zwei  Seiten  (pl.  XXXIV)  mit  senkrecht 
stehender  Unciale.* 

Aus  dem  Jahre  979  n.  Chr.  stammt  auch  die  vierzeilige  griechische 

Subscription  einer  koptischen  Handschrift  (Pal.  Soc.  Orient.  Soc.  XCII). 

980  Auch  in  der  Curzon  (Lord  Zouche)  library,  die  sich  augenblicklich 

im  British  Museum  befindet,  ist  eine  datierte  Uncialhandschrift  (Nr.  83). 


'  Gregory,  Textkritik  N.  T.  1,  86. 
-  Vogel-Gardthausen  S.  123. 

'  Vgl.  Kondakov,  PuteS.  p.  104  <Nr.  79—83.89,8)  u.  in.  Sinai-Catalog  T.  2  Nr.  1. 
■•  Mem.  p.  p.  les   membres   de   la   miss.  ai'cheol.  frauy.  au  Caire.    t.  9.    Paris 
1893.  Loda,  E.  A.,  Ms.  d'I^:noch  et  St.  Pierre  <pl.  1— 34>. 


—     151     — 

In  der  Subscription,  die  im  Catalog  dieser  Bibliothek  sehr  mangelhatt 
wiedergegeben  ist,  steht  ganz  deutlich  das  Jahr  ^SYffPi,  das  heißt  also 
nicht  970  oder  972,  wie  gewöhnlich  angegeben  wird,  sondern  980.  Ein 
Facsimile  siehe  im  Catalog  und  Pal.  Society  154.  Eine  Probe  dieser 
Handschrift  habe  ich  ausgewählt  für  Jagic,  Encyclop.  der  slavischen 
Philologie  1.  2  Taf.  V,  weil  man  sie  als  Vorbild  für  die  russische  Schrift 
ansehen    kann.     Auch    diese   Handschrift   könnte    man    mit   demselben 


CHC 


inmöiaTHNnÄöARo 

17    Tfl\(  iUÄT 

[eig  Tijv  fjLi'i'jfi.jjv'] 

tTiQ  ('r/i'ag  fi{ä)Q{TVQO^)  lÄvd^ovarjg 

Elnev  6  x[vi)i6)q  t>jv  naQccßo 

Xijv  ravT{i]v)  öfxoico&i]  ij 

ßaaiXeiK  röjv  oi{oa]vo)v 

öixu  naod'[ivoii)'  ;ro(o)  k.yQc/.[(fiii) 

aa[ßßdTco) 

71  Tov  MaTd[a(ov] 

Fig.  49. 
Zouche  Library  Nr. 


NVfKÄiciAWNöc^fl7 

lIA^ÖNAKö^CÄlANfT 

riöCWNAVTWN+KÄl 

OlöYAOLTMENUArro 


[Tv)Qov  xai  ^iScüvog  +  ot 
■ijlß'ov  cixovdui  ai'TOv 
xccl  Ice&i'jvai  c/.no  t(T/^i') 
voGrov  avTcov  +  xal 
oi  öx?i.ovfisvoi  ccno 
Tcvevfiärav  ccxcc[d-äQT(ov] 


Praeslavisch. 

83  a.  080.     Pal.  Soc.  154. 


Recht  als  slavonisch  bezeichnen,  obwohl  sie  mit  armenischen  Quater- 
nionenzahlen  bezeichnet  und  für  einen  kappadocischen  Bischof  ge- 
schrieben ist;  aber  eine  solche  Benennung  erweckt  immer  die  Vor- 
stellung, als  ob  die  Schriftart  von  den  Slaven  erfunden  wäre;  es  war 
viehiiehr  eine  griechische  Schriftart,  die  von  den  Slaven  nachgeahmt 
wurde;  ich  möchte  sie  deshalb  praeslavisch  nennen.  Man  sieht  also, 
daß  diese  steilen,  seitlich  zusammengedrückten  Uncialbuchstaben  damals 
ganz  gewöhnlich  waren. 

Den    Beschluß    macht    der    bekannte    c.    Harleianus   5598    vom 
Jahre    995    mit    der    Unterschrift    kynärpi]    diu   /eioög    Kavaravthov  995 
noeaßvxEQov    f.ujvi    Mairp    x'C!.   Ivö.   if   trovg   ,^rf7,   dessen   Wichtigkeit 
für    die  Geschichte    der    griechischen  Uncialschrift    schon  Montfaucon^ 


1  Pal.  gr.  p.  510.  514,  III;  s.  Vogel-Gardthausen  S.  52. 


—     152     — 

erkannte;  aucli  die  Palaeographical  Society  hat  ihn  in  zwei  vorzüg- 
lichen Schriftproben  (Nr.  26.  27)  publiciert;  auch  hier  redet  sie  von  der 
Slavonic  Type  (allerdings  nicht  so  zutreffend  wie  oben).  Die  sehr  dicke 
Schrift  ist  allerdings  vollständig  senkrecht,  aber  die  frühere  Entwick- 
lung zeigt  sich  noch  in  dem  zugespitzten  0,  CD,  C;  nur  gelegentlich 
kommt  ein  rundes  0,  öfter  dagegen  ein  rundes  0  vor.  Denselben 
Schriftcharakter  zeigt  auch  ein  Evangelium  in  Venedig  (s.  Castellani 
catalogus  Nr.  28  p.  56)  <(s.  d.  Facsim.  p.  56/57)  mit  historischen  Notizen, 
die  in  dieselbe  Zeit  führen.  Ungefähr  mit  dem  Jahre  1000  endet  die 
Reihe  der  datierten  Uncialcodices. 

(Liajahrh.  Eine  Umbildung  der  rechtsgeneigten  zugespitzten  Unciale  ist  die 

Schrift  des  10.  Jahrhunderts,  die  wieder  senkrecht  steht,  und  dieses 
Princip  wird  bis  zu  seinen  äußersten  Consequenzen  durchgeführt,  so 
daß  sogar  der  Mittelstrich  des  Z  vollkommen  senkrecht  steht,  z.  ß.  in 
dem  Alphabet  bei  Sabas  suppl.  T.  V  nach  c.  Mosq.  42,  der  natürlich 
nicht  mit  Sabas  ins  8.,  sondern  in  den  Anfang  des  10.  Jahrhunderts 
zu  setzen  ist.  Ein  weiteres  Stadium  wird  bezeichnet  durch  den 
c.  Vatic.  354  vom  Jahre  949,  dessen  Schreiber  nicht  nur  die  rechts- 
geneigte Lage  der  Buchstaben  aufgegeben,  sondern  auch  wenigstens 
teilweise  die  spitzen  schmalen  Formen  mit  den  volleren  runden  ver- 
tauscht hat,  die  von  jetzt  an  immer  in  ihre  alten  Rechte  wieder  ein- 
treten und  in  der  Unciale  des  11. — 12.  Jahrhunderts  fast  ausschließlich 
angewendet  werden.  Man  hätte  bei  diesem  Übergang  zu  den  kreis- 
förmigen Buchstaben  die  runden  Formen  der  alten  Unciale  erneuern 
können,  das  geschah  aber  nicht.  Die  Entwicklung  der  vorhergehenden 
Periode  wirkte  weiter,  deshalb  hielten  sich  die  seitlich  zusammen- 
gedrückten spitzbogigen  Formen  des  9.  Jahrhunderts. 

Doch   wird    dieser   Übergang  vermittelt    durch    das    Harleianische 

Evangelium  vom  Jahre  995  (siehe  Montfaucon,  Pal.  Gr.  514,  III;    Pal. 

SlS^oc.  26.  27).     Bei  €,  0,  0,  C,  Cü  wechseln  je  nach  dem  vorhandenen 

Formen    Raume  die  zugespitzten  schmalen  mit  den  breiteren  runden  Formen; 

die  beiden  dicken  Punkte  fehlen  an  der  Basis  des    /\.   niemals  und  am 

r — ^ 

Querstrich  des  r^-<  selten;  auch  der  letzte  Strich  des  X  endet  oben 
und  unten  mit  einem  dicken  Punkte.  Das  B  hat  statt  der  oberen 
Rundung  einen  spitzen  Winkel  und  erinnert  an  eine  slavische  Form 
dieses  Buchstabens,  bei  der  dieser  Winkel  auf  den  oberen  Querstrich 
reduciert  ist  B;  das  P  hat  die  frühere  Form  beibehalten,  seine  Rundung 
beginnt  meist  mit  starkem  Druck,  außerdem  spitzt  sich  der  Grundstrich, 
wie  bei  allen  tiefen,  d.  h.  unter  die  Linie  herabgehenden  Buchstaben, 
nach  links  zu  oder  verläuft  sogar  in  einem  feineren  -Haarstrich.  Das 
gewöhnliche  T  wechselt  mit  dem  hohen,  das  sogar  noch  Ligaturen  mit 
anderen  Buchstaben  eingeht,  z.  B.  mit  H,  dessen  Querstrich  fast  immer 


—     153     — 

schon  oberhalb   der  Mitte   ansetzt.     Natürlich  findet  man  auch  andere 
Ligaturen,   z.  B.   AT,  TO,  AY  usw.   häufiger  als  früher.    —    Alle  diese  Ligaturen 
Merkmale  der  Schrift  des  Priesters  Constantin  passen  mit  merkwürdiger 
Genauigkeit   auch   auf  das  Evangelium  RadziwilP  (c.  Monac.  329),   das ^^a^ifwiir 
infolgedessen  nicht  nach  dem  Münchener  Catalog  ums  Jahr  700,  son- 
dern vielmehr  ungefähr  ums  Jahr  1000  geschrieben  sein  muß. 

Auch  die  jüngere  Pergamentunciale  hatte  ihre  Prunk-  und  Zier-  s^rift 
Schrift,  die  allerdings  nur  selten  in  etwas  größerem  Umfang  angewendet 
wurde.  Es  gibt  sogar  in  der  Zeit  der  jungen  Pergamentunciale  Hand- 
schriften, die  man  der  älteren  Prunkunciale  zuweisen  möchte,  z.  B.  den 
c.  Laur.  28,  26  (Coli.  Fiorentina  13.  15.  31  >.  Es  ist  kein  fortlaufender 
Text,  sondern  die  Handschrift  wurde  in  Tabellenform  geschrieben,  ein 
Buchstabe  ist  mit  wunderbarer  Sorgfalt  neben  den  anderen  gemalt, 
ganz  im  Stil  der  alten  Unciale,  obwohl  die  Handschrift  erst  im 
Jahre  886  oder  später  geschrieben  ist.  Diese  Schrift  kann  nicht  ver- 
wendet werden  als  Maßstab  für  die  Zeit,  in  der  sie  entstanden  ist. 
Über  die  Gregorhandschrift  vom  Jahre  800  n.  Chr.  s.  o.  S.  147.  Ferner 
verweise  ich  z.  B.  auf  die  Zierschrift  in  der  uncialen  Unterschrift  eines 
Minuskelcodex  vom  Jahre  927  s.  Papadop. -Kerameus,  Catal.  v.  Jeru- 
salem 3  S.  110 — 111  (m.  Facsim.).  Es  ist  eine  sehr  sorgfältig  ge- 
schriebene senkrechte  Unciale  mit  abgerundeten  Formen  und  starker 
Betonung  von  Haar-  und  Grundstrichen.  Aus  dem  Catalog  von  Car- 
pentras  erwähnt  Omont  ein  Evangeliar  mit  sehr  gezierter  Schrift^ 
das  er  ins  12.  Jahrhundert  setzt.  Im  weiteren  Sinne  gehört  auch  die 
liturgische  Unciale  zur  Prunkschrift. 

Liturgische  Unciale. 

T  f C  H •  eN ATVV       TQV  M  GT Hff 
IUI  I K  pcu  NTÖ       eK  e'l  Ö6  N-T8 

Matth.  10,  41—42: 

[Afxaijov  h'jipeTCii  to/\'  ötoÖexu 

Kul  öi"  iccv  no-  fiad-rjrul^  uv- 

Tiarj  Ivu  rßv  rov  (ierTjos 

fjLixocjv  tov[t(ov  ixei&ev  rov 

Fig.  50.    Liturgische  Unciale. 
Evang.  CamariDs  im  Escurial. 


^  Vgl.  Silvestre,  Pal^ographie  universelle  T.  II. 


—     154     — 

Dieselbe  Entwicklung  läßt  sich  noch  einen  Schritt  weiter  verfolgen 
bis  zu  einem  Stadium  der  Majuskel,  in  dem  die  runden  Buchstaben 
die  länglichen  wieder  fast  gänzlich  verdrängt  haben;  diese  Umbildung 
verdient  bis  zu  einem  gewissen  Grade  den  Namen  einer  Renaissance, 
denn  auch  hier  war  die  Absicht  bloß,  das  Alte  zu  erneuern,  und  doch 
wurde  eine  neue  Form  geschaffen,  die  sich  besonders  zu  Prachthand- 
schriften eignete  und  meistens  für  den  Gebrauch  in  der  Kirche  be- 
stimmt war;  das  sieht  man  nicht  nur  aus  den  meistens  beigeschriebenen 
liturgischen  Zeichen,  sondern  auch  besonders  daran,  daß  Profanhand- 
schriften niemals  in  dieser  Weise  angefertigt  wurden;  daher  kann  man 
^iTncS^  diese  Schrift  mit  Recht  eine  liturgische  Unciale  nennen,  denn  ihre 
mächtigen  monumentalen  Charaktere  sind  zunächst  für  das  Lesepult 
berechnet,  von  welchem  Abschnitte  der  Bibel  der  versammelten  Ge- 
meinde vorgelesen  oder  auch  gesungen  wurden.  Proben  dieser  präch- 
tigen Schreibweise,  die  man  auch  als  eine  Prunkunciale  bezeichnen 
könnte,  finden  sich  z.  B.  bei  Montfaucon,  P.  gr.  p.  229  nach  dem 
c.  Colb.  700,  bei  Sabas  nach  dem  c.  Mosq.  226  und  bei  Bianchini, 
evang.  quadrupl.  II  hinter  CDXCII  nach  den  c.  Vatic.  gr.  1522  und  1209 
und  dem  Evangeliarium  des  Camarin  in  der  Escurialbibliothek  (s.  oben 
Fig.  50)  vgl.  Graux-Martin,  Facsim.  de  mss.  grecs  d'Espagne.  Paris  1891 
pl.  I  Nr.  1 — 2.  Texte  p.  Iff.;  endlich  gehört  noch  von  den  römischen 
der  c.  Angelicanus  D.  2.  27  hierher,  der  bisher  allerdings  noch  nicht 
publiciert  ist.  —  Ein  Alphabet^  gibt  Sabas  in  der  drittletzten  Columne 
der  Tafel  V  in  seinen  angehängten  Supplementen. 
Stehen  ^^^^  erkennt  diese  liturgische   Prunkschrift  zunächst  an   der  un- 

gewöhnlichen Größe  der  Buchstaben  und  der  Handschrift;  der  Gegen- 
satz zwischen  Haar-  und  Grundstrichen  tritt  scharf  hervor.  Die  schiefe 
Lage  und  die  zugespitzten  Formen  der  Buchstaben  sind  ersetzt  durch 
eine  steile  senkrechte  Stellung  und  durch  runde  Formen,  wenn  näm- 
lich der  genügende  Raum  vorhanden  war,  während  die  ursprünglich 
quadratischen  Buchstaben  sich  hier  meistens  auf  die  Grundform  eines 
Rechtecks  zurückführen  lassen.  Bei  den  runden  Buchstaben  mittlerer 
Größe  (€  usw.)  überwiegen  die  rundbogigen  im  Text,  nur  wo  der  Platz 
knapp  ist,  werden  die  spitzbogigen  angewendet.  —  In  bezug  auf  die 
Höhe  und  Tiefe  der  Buchstaben  sind  keine  durchgreifenden  Verände- 
rungen wahrnehmbar,  das  hohe  T  wird  natürlich  angewendet,  nament- 
lich wenn  Raum  gespart  werden  soll;^  das  Y  kann  in  der  Moskauer 
Handschrift  kaum  noch  zu  den  tiefen  Buchstaben  gerechnet  werden, 
weil  es  seinen  Stamm  fast  vollständig  verloren  und  die  Gestalt  eines 
schmalen  lateinischen  V  angenommen  hat,  das  rechts  mit  einem  starken 


'  Siehe  die  vorletzte  Columne  der  3.  Tafel. 
^  Vgl.  besonders  das  Facsimile  bei  Sabas. 


—     155     — 

Punkt  anfängt  und  links  unten  mit  einem  schwächeren  aufhört;  wo 
sich  beide  Hauptstriche  treffen,  ist  der  Stamm  nur  durch  einen  feinen 
Schwung  nach  links  oder  durch  eine  kleine  Zickzacklinie  nach  unten 
angedeutet;  dagegen  sinkt  der  untere  Teil  des  Z  manchmal  schon  untet 
die  Zeile  herunter/  während  das  y\  nur  mit  den  beiden  spitzen  Läpp- 
chen seiner  Basis  aus  dem  Räume  der  Linie  hervortritt;  dem  0  dagegen 
fehlen  rechts  und  links  diese  Läppchen,  da  es  wieder  seine  runde 
Form  angenommen  hat  und  der  halbierende  Querstrich  die  Seiten 
nicht  mehr  schneidet.  Übrigens  werden  schon  beide  Formen,  das  läng- 
liche d  mit  verlängertem  Querstrich  und  Läppchen,  sowie  auch  das 
ältere  runde  promiscue  gebraucht  von  dem  Schreiber  des  Evangeliums 
Eadziwill  c.  Monac.  329,  das  um  das  Jahr  1000  geschrieben  wurde. 
Der  mittlere  Teil  des  M  ist  oft  abgerundet  und  reicht  meistens  etwas 
tiefer  nach  unten  als  die  beiden  Stämme  des  Buchstabens.  Das  P  zer- 
fällt meistens  in  Grundstrich  und  Halbkreis,  die  dann  unten  gar  nicht, 
oben  nur  durch  einen  feinen  Strich  verbunden  sind,  und  wenn  Sabas 
in  seinem  Alphabet  den  Halbkreis  oben  mit  Druck  beginnen  läßt,  so 
kommt  diese  Form  wirklich  allerdings  vor,  bildet  abei-  doch  nur  die 
Ausnahme.  Namentlich  die  größeren  Anfangsbuchstaben  zeigen  eine 
solche  Ungleichheit,  daß  sie  sich  entweder  oben  oder  unten  trompeten- 
artig verbreitern,  und  dabei  verstärkt  sich  besonders  der  Druck  an 
der  Stelle,  wo  ein  Querstrich  ansetzt. 

Wann  diese  liturgische  Unciale  entstanden,  ist  schwer  zu  sagen.  Alter 
Diese  Frage  aufzuwerfen,  hat  überhaupt  mehr  einen  theoretischen  als 
praktischen  Wert,  denn  das  in  dieser  Schrift  Geschriebene  kommt 
weder  für  die  klassische  Philologie  noch  für  die  Theologie  in  Betracht, 
außer  vielleicht  in  einigen  Spezialfragen  der  byzantinischen  Liturgie. 
Montfaucon  (P.  gr.  p.  228)  sagt  vorsichtigerweise  von  dem  c.  Colber't.  700 
nur  octavi  ut  aestimatur  saeculi,  und  Bianchini  nebst  Sabas  setzen  darauf- 
hin die  von  ihnen  publicierten  Schriftproben  ins  8.  resp.  9.  Jahrhundert. 
Graux  sucht  zu  vermitteln  in  dem  Text  zu  seinen  Facsimilös  d.  mss. 
gr.  d'Espagne.  Paris  1891  p.  II:  Vonciale  lifurgique  est  une  imitation, 
fait  au  IX^,  JC*,  et  XI^  siecles  de  Vancienne  oneiale,  teile  que  nous  la 
irouvons  dans  les  manuserits  du  V"  et  du  VI^  siede  (vgl.  p.  6).  Für  die 
Altersbestimmung  hat  Graux  (p.  6)  namentlich  auf  die  kleinen  Uncialen 
hingewiesen,  die  der  Schreiber  anwendet  wenn  der  Platz  nicht  aus- 
reicht. In  der  alten  Pergamentunciale  waren  sie  rund  und  quadratisch, 
in  der  jüngeren  dagegen  seit  dem  7.  Jahrhundert  oval  und  rechteckig. 
Auch  das  A  hat  stets  die  jüngere  Form  mit  den  zwei  Klötzen  unter 
der  Zeile.  Die  Buchstaben  E  H  0,  die  durch  einen  Querstrich  in  zwei 
Hälften  zerlegt  werden,  sind  nicht  ganz  gleich,  sondern  der  Querstrich 

^  Siete  Sabas  a.  a.  0.  I.  Col. 


—     156     — 

geht  stets  durch  die  obere  Hälfte.  Das  Y  ist  in  der  Handschrift  des 
Camarin  anders  gebildet  als  in  der  Moskauer  Probe  bei  Sabas,  die 
oben  erwähnt  wurde.  Es  besteht  aus  einem  diagonalen  Grundstrich, 
der  im  spitzen  Winkel  einen  fast  senkrechten  Haarstrich  trifft,  der 
mit  einem  Häkchen  oder  Klotz  anfängt  und  endet;  das  ist  eine  junge 
Form,  die  auch  in  der  Schrift  des  Priesters  Constantin  vom  Jahre  995 
vorkommt,  die  überhaupt  in  manchen  Formen  eine  große  Verwandt- 
schaft mit  der  liturgischen  ünciale  zeigt.  Datierte  Handschriften,  die 
diese  Frage  entscheiden  könnten,  gibt  es  nicht,  und  doch  kann  man 
mit  einiger  Sicherheit  diese  Schrift  um  einige  Jahrhunderte  herab- 
rücken; denn  glücklicherweise  gibt  nicht  nur  Bianchini,  sondern  auch 
Sabas  neben  den  Buchstaben  auch  die  Ornamente  der  Handschriften, 
TT  die  an  beiden  Stellen  bereits  die  Gestalt  eines  TT  angenommen  haben, 
das  sich  über  beide  Columnen  und  über  die  ganze  Breite  der  Seite 
hinzieht;  und  bis  jetzt  wenigstens  ist  eine  andere  Form  des  Ornamen- 
tes nicht  bekannt  geworden.^ 

Bei  Graux  et  Martin,  Facsim.  d.  mss.  gr.  d'Esp.  T.  1  Nr.  2  kommt 
in  Verbindung  mit  dieser  liturgischen  Unciale  sogar  noch  der  ge- 
schlossene Eahmen  vor,  allein  oben  1  S.  223  Anm.  5  ist  gezeigt,  daß 
dieses  Ornament  sogar  noch  ins  11.  und  12.  Jahrhundert  hinabreicht. 
Viel  wichtiger  ist  die  junge  und  häßliche  Schrift  in  diesem  Eahmen 
{KrT/fxu  Tov  äy  'Ico.),  die  entschieden  für  meine  zeitliche  Bestimmung 
spricht.  Dieses  Ornament  erschließt  sich  allmählich,  wie  oben  gezeigt 
wurde,  aus  dem  geschlossenen  Rahmen  D  zu  einem  Fl,  das  zunächst 
nur  über  einer  Columne  steht  und  erst  später  (vgl.  S.  224  ff.)  auch  die 
zweite  mitumfaßt.  Mit  Hilfe  der  datierten  Minuskelcodices  können  wir 
dieses  Ornament  und  indirect  auch  die  Unciale  ins  11. — 12.  Jahrhundert 
setzen;  und  daß  in  dieser  Zeit  wirklich  noch  Uncialhandschriften  für 
die  Kirchen  geschrieben  wurden,  kann  nur  der  leugnen  wollen,  der  den 
letzten  der  datierten  auch  für  den  letzten  der  Uncialcodices  überhaupt 
halten  möchte.  Montfaucon  sagt  von  der  Uncialschrift,  Pal.  gr.  p.  260: 
verum  hoc  scribendi  genus  in  libris  ad  Chori,  Liturgiae  et  Offidi  divini 
nsum  destinatis,  etiam  decimo  et  undecimo  saeoulo  usurpabatur  ut  in  plerisqiie 
Italiae  Bibliothecis  observavimns.  —  Bis  sich  also  jenes  obenerwähnte 
Ornament  in  datierten  Minuskelcodices  nachweisen  läßt,  die  älter  sind 
als  das  Jahr  1000  n,  Chr.,  muß  ich  diese  jüngste  Unciale  dem  11.  bis 
12.  Jahrhundert  zuweisen. 

Endlich    darf   man    bei    dem    großen  Mangel    an  direkten  chrono- 
^^w^  logischen    Beweisen    auch    die   Hilfszeugnisse    für    diese  Periode    nicht 

Zeugnisse        ^  o 

verschmähen.     Da    sich   im  9. — 10.  Jahrhundert    die    slavisch-russische 


^  In  dem  schon  erwähnten  c.  Angelic.  D.  2,  27  kommt  überhaupt  kein  Orna- 
ment vor,  wie  Herr  Ign.  Guidi  auf  meine  Bitte  constatiert  hat. 


—     157     — 

Schrift  von  der  griechischen  abzweigte,  so  sind  die  ältesten  datierten 
Handschriften  der  russischen  Litteratur.  wie  z.  B.  die  vom  Jahre  1073 
bei  Sabas,  immer  noch  von  einer  gewissen  Bedeutung  für  die  griechische 
ünciale  des  9. — 10.  Jahrhunderts. 

Einen  terminus  ad  quem  liefert  uns  der  erwähnte  c.  Angelic.  D.  2.27  zeug^"nze 
fol.  5  liest  man  in  Minuskeln  ß/ß'/.og  'löö  rov  Kofivr,vov\  da  dieser  Kaiser 
von  1118 — 1143  regierte,  so  ist  diese  Schreibart  entweder  in  oder  vor 
dieser  Zeit   noch    angewendet  worden,    später   scheint   man   überhaupt 
keine  Uncialcodices  mehr  geschrieben  zu  haben. 

über  die  abendländische  ünciale  s.  u.  Ductus  und  Nationalschrift  IL 


Überschrif tsmajuskeln.  ^ 

tH8&lAI[&{TÖri? 

ÄTOffiöAnnMß 

H  &Eia  '/Mtovoyi- 

a  Tov  äyiov  ccti[o<jx6'kov)  Mdoxov. 

Fig.  51.     L'berscliriftsunciale. 

c.  Vat.  gr.  2281  a.  1209.    Cavalieri-Lietzmaan  35. 

Natürlich  wurden  auch  in  Minuskelhandschriften,  um  die  Über- 
schriften hervorzuheben,  Majuskeln  angewendet,  die  mit  den  früheren 
Formen  zusammenhängen  und  doch  als  eine  Weiterbildung,  keines- 
wegs aber  als  eine  Verschönerung  derselben  aufgefaßt  werden.  Während 
nämlich  die  älteste  Majuskel  auf  die  Grundform  eines  Quadrates  und  Grundform 
Kreises  zurückgeführt  werden  muß,  sind  Rechteck  und  Oval  die  Grenze 
für  die  schmalen  Formen  der  jüngeren  ünciale. 

In  der  weiteren  Entwicklung  nimmt  die  Höhe  und  Schlankheit  auf 

Kosten  der  Breite  zu,  aber  das  Extrem  in  dieser  Beziehung  wird  erst 

erreicht   in    der  Majuskel   der  Überschriften,    die    so  hoch  und  schmal 

wird,  daß  man,  wenn  der  Platz  nicht  ausreichte,  einfach  die  Höhe  eines 

HNO,  I 

Buchstaben  für  zwei  kleinere  verwenden  konnte,  z.  B.  I,  ferner    f. 

die  Buchstaben  sind  oft  so  steil  gestellt,  daß  A  und  A  einen  senkrechten 
Grundstrich  haben  und,  da  Ligaturen  sehr  beliebt  sind,  ohne  Schwierig- 


1  Proben  z.  B.  bei  Sabas,   Specimina,  Coli.  Fiorent.  t.  XXVII— XXVUI. 
Papadop.-Kerameus,  Catal.  v.  Jerus.  3  S.  220-221. 


—     158     — 

keit  mit  einem  f,  P,  N  usw.  verbunden  werden  können;  ^  das  T  wird 
auf  ein  H  oder  0  gestellt,  ebenso  ein  Ö  auf  ein  T  oder  unter  den 
Halbkreis  eines  P.  Die  Eichtung  der  einzelnen  Linien  ist  nach  Mög- 
lichkeit senkrecht,  Krümmungen  und  schräge  Linien  lassen  sich  aller- 
dings nicht  ganz  vermeiden,  aber  beim  M  sind  die  schrägen  Mittelstriche 
vertreten  durch  eine  dritte  Senkrechte,  die  durch  kleine  Seitenstriche 
mit  den  beiden  Stämmen  des  Buchstabens  verbunden  sind,  beim  N  ist 
der  schräge  Mittelstrich  ersetzt  durch  "L.  Verziert  sind  diese  lang- 
gezogenen farbigen  Buchstaben  oft  durch  einige  Knoten  und  Quer- 
striche. Diese  unschöne  Majuskelschrift  der  goldenen  oder  roten  Über- 
schriften zeigt  schon  der  c.  Lond.  Add.  19  352  vom  Jahre  1066,  später 
werden  diese  Eigentümlichkeiten  in  der  Bücherschrift  noch  viel  weiter 
und  kunstreicher  ausgebildet,  und  dadurch  wii*d  es  in  der  Tat  oft 
schwer,  diese  verkünstelte  und  verschnörkelte  Schrift  in  den  Über- 
schriften der  Minuskelhandschriften  zu  lesen.- 

In  Handschriften  sind  doch  nur  die  Überschriften  so  geschrieben; 
daneben  gibt  es  aber  ganze  Inschriften,  die  in  diesen  häßlichen  Buch- 
staben eingemeißelt  wurden.  Die  Anfänge  dieser  Entwicklung  gehen 
bis  in  die  letzten  Zeiten  des  klassischen  Altertums  zurück;  sie  sind 
sogar  auf  heidnischen  Inschriften  nachzuweisen.^ 

bl?S-  Majuskeln    dieser    Art    in    Stein    vom  Jahre    1314—1315   n.  Chr. 

Inschriften  giehc  G.  Millet,  Bull.  de  corr.  hellen.  23.  1899  p.  100  <pl.  XIV— XXIII); 
eine  ungefähr  gleichzeitige  Inschrift  von  1316  siehe  das  Facsimile 
Revue  Arch.  37.  1879  p.  193. 

Die  Kleinunciale. 

J-  ^rAiJi£MHKAJnni>o^r£YnHei •  e^oKeiA^tHyrrKA/ Brie 
rfö-^eNT'ji^yK'T^wß  CKonArcM  n^ oy Cf<P ^"T"^ C'T^ff y c 
^  }Aif^6\\H^Hwi</'  0A40f\AJc^e/<\tÄjreNe-f<i^occyM^ryrvA 

Töjv  ä)jMV  TiüvTcov  ßud'u  xcizexofjLivcov  vtcvco 

lAyufiefivcüv  TigoayovTivsr  kööxei  de  avTcu  tTce- 

yeo&kvTi  vvxTcoo  k^07i?j(Tat  tov^  xgaTi'aTovg 

röjv  'E'/JJiVü3V'  öfjiOKog  Se  xccl  Meve/mo^  avvTvy/älrovai. 

Fig.  52.     Kleinunciale. 
c.  Matrit.  N.  71.    0.  Jahrh.    Graux-Martin,  Facsim.  d.  mss.  gr.  d'Esp.  Nr.  ö. 

1  Bei  Sabas,   Specimina  zum  Jahre  1265  hat  der  Schreiber  die  Buchstaben 

GYiTV  ^]'""7Y^  2u  einer  Ligatur  (ohne  Absatz)  verbunden. 

^  Eine  Reihe  datierter  Uncialalphabete  bis  zum  12.  Jahrhundert  gibt  der 
Archimandrit  Amphiloehius:  0  vlijanii  greceskoj  pismennosti  na  slavjanskuju. 
Moskau  1872,  Taf.  XXXVI. 

3  Siehe  das  Facsimile:  Arch.-Epigr.  Mitt.  a.  Österr.  17.  1894  S.  176. 


—     159     — 

Endlich  aber  pflanzt  sich  die  Majuskel  auch  am  Rande  neben  derKieinunciaie 
Minuskel  als  Kleinunciale  ^  fort,  die  man  besonders  gerne  da  anwendete, 
wo  Text  und  Scholien  unterschieden  werden  mußten,  so  in  dem  Pariser 
Plato  (c.  Par.  1807),  den  Bast  öfter  herangezogen  hat,  ferner  in  den  Scholien 
zum  Gregor  von  Nazianz  im  c.  Lond.  xA.dd.  18  231  vom  Jahre  972,  sowie 
in  den  vaticanischen  Eusebiusscholien  ^  und  in  vielen  anderen  sacralen 
und  profanen  Handschriften. 

Auch  bei  anderen  Handschriften  der  alten  Minuskel  (in  zwei  Schrift- 
arten ausgeführt)  ist  der  eigentliche  Text  z.  B.  CoUezione  Fiorentina 
Nr.  XXXIV  in  der  alten  Minuskel  des  10.  Jahrhunderts  und  die  Noten 
am  Eande  in  einer  kleinen  (Semi-)unciale,  deren  Buchstaben  kaum  größer 
sind  als  die  der  Minuskel.  Eine  größere  Kleinunciale  ist  nur  für  die 
Überschriften  im  Minuskeltexte  angewendet.^  Dagegen  in  dem  c.  Vat. 
Pal.  44  (s.  Fr.  de  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  7)  vom  Jahre  897 
haben  wir  ein  Psalterium  mit  den  Erklärungen  des  Hesychius;  die 
Noten  sind  in  richtiger  alter  Minuskel  des  9.  Jahrhunderts,  der  Text 
dagegen  in  mittelgroßer  steiler  Kleinunciale  geschrieben,  ohne  Haar- 
und  Grundstriche.*  Für  die  Randnoten  der  jungen  Minuskel  wurde 
die  Kleinunciale  nicht  mehr  angewendet.  Bis  jetzt  ist  noch  nicht  fest- 
gestellt, bei  welchem  Jahre  ungefähr  die  Grenzlinie  liegt. 

In    der  CoUezione  Fiorentina  t.  XXIX    aus    dem  11.  Jahrhundert  Text  und 
wird  bereits  für  Text  und  Scholien  gleichmäßig  Minuskel   angewendet,  .gleichmäßig 
aber  die  Schrift  der  Scholien  ist  etwas  kleiner. 


Viertes  Kapitel. 

Cursive. 

Ein  unentbehrliches  Handbuch  verdanken  wir  L.  Mitteis  und  Litteratur 
U.  Wilcken,  Grundzüge  und  Chrestomathie  der  Papyruskunde.  1.  Bd. 
Historischer  Teil;  2.  Bd.  Juristischer  Teil.  Leipzig  1911  (4  Bde.).  — 
U.  Wilcken,  Tafeln  zur  älteren  griechischen  Paläogi-aphie.  Leipzig, 
Berlin  1891.  —  Schubart,  Papyri  graecae  BeroHnenses.  Bonn  1911, 
vgl.  0.  1  S.  20—21.  45 £f.  —  Gradenwitz,  Einführung  in  die  Papyrus- 
kunde 1.  Leipzig  1900  (nicht  paläogr.)  —  F.  Hohmann,  Zur  Chrono- 
logie der  Papyrusurkunden.  Berlin  1911,  gibt  chronologische  Listen 
der  Urkunden  für  die  Kaiserzeit. 


'  Kleinunciale  ist  selten  für  Textüberschriften;  siehe  Cavalieri-Lietzmann, 
Specimina  Nr.  21. 

2  Mai,  A.,  Coli.  I  Tab.  1.  2. 

^  Schöne  alte  Minuskel  im  Text;  am  Rande  senkrechte  zugespitzte  Klein- 
unciale siehe  Papadopulos-Kerameus,  Catalog  von  Jerusal.  3,52   Nr.  23  m.  Facsim. 

*  Ve-l.  New  Pal.  Soc.  129. 


—     160     — 

Die  massenhaften  Papyrusfunde  in  Ägypten,  welche  unsere  Kennt- 
nisse griechischer  Schrift  um  Jahrhunderte  erweitert  haben,  machten 
Kenyon  eine  eigene  Monographie  notwendig,  für  die  wenige  wie  Kenyon^  vor- 
bereitet waren,  der  gleich  anfangs  durch  seine  rasche  und  zugleich 
mustergültige  Ausgabe  der  ]Axf-i]vai(ov  nolirua  in  die  erste  Eeihe  der 
Papyrusforscher  getreten  war.  Er  war  wie  wenig  andere  berufen,  ein 
Lehrbuch  zu  schreiben  und  hat  der  Wissenschaft  dadurch  einen  großen 
Dienst  geleistet,  indem  er  gleichsam  im  dichten  Urwald  gangbare 
Wege  anlegte. 

Leider  hat  sein  Buch  nicht  alle  Erwartungen  ganz  erfüllt.  Schon 
Wilcken^  hat  auf  einen  Grundfehler  in  der  Disposition  hingewiesen; 
der  Verfasser  teilt  die  Papyrusurkunden  in  litterarische  und  nicht- 
litter  arische,  statt ,  in  unciale  und  in  cursive.  Auch  ich  kann 
diese  Neuerung,  die  er  durchgeführt  hat,  nicht  für  glücklich  halten; 
denn  die  Unterscheidungen  für  paläographische  Fragen  müssen  graphi- 
scher Natur  sein.  In  vielen  Fällen  trifft  die  Bezeichnung  Papyrus- 
unciale  sicher  zusammen  mit  der  Schrift  der  litterarischen  Denkmäler, 
aber  keineswegs  in  allen.  Es  gibt  litterarische  Denkmäler,  deren  Schrift 
sich  der  cursiven  nähert,  und  anderseits  nichtlitterarische  Urkunden,  die  in 
der  kalligraphischen  Schrift  der  sorgfältigen  unverbundenen  Unciale 
geschrieben  sind.^  Der  Artemisiapapyrus,  der  sicher  zu  den  nicht- 
litterarischen  Urkunden  gehört,  wird  zu  den  litterarischen  gerechnet, 
bloß  weil  er  uncial  geschrieben  ist. 

Auch  bei  der  neugefundenen  Probe  altgriechischer  Kanzleischrift  (s.  u.) 
versagt  diese  Einteilung,  weil  sie  nicht  graphisch  ist.  Dem  Inhalt  nach 
gehört  sie  entschieden  zu  den  nichtlitterarischen  Urkunden;  und  doch 
ist  sie  in  großen  sorgfältig  ausgeführten  Buchstaben  geschrieben,  die 
man  eventuell  sogar  der  Unciale  zurechnen  könnte.  Eine  Scheidung 
zwischen  litterarisch  und  nichtlitterarisch  ist  hier  unangebracht;  zur 
Bezeichnung  dieser  Schrift  muß  man  sich  entscheiden  zwischen  Unciale 
oder  Majuskelcursive. 

Die  Folgen  dieser  falschen  Disposition  wären  nicht  so  schlimm, 
wenn  wenigstens  beide  Teile  mit  gleicher  Liebe  und  Ausführlichkeit 
behandelt  wären;  das  ist  aber  nicht  der  Fall.  Kenyon  hat  durch  seine 
Cataloge  der  Londoner  Papyrusschätze  gezeigt,  daß  er  die  Papyrus- 
schrift in  ihrem  ganzen  Umfange  beherrscht;  in  seinem  Lehrbuch  ist 
die  Cursive  aber  stiefmütterlich  behandelt.  Gute  Nachbildungen  der 
Originale  sind  allerdings  für  beide  Hauptteile  vorhanden,  aber  Über- 


*  F.  G.  Kenyon,  The  palaeographie  of  gi*eek  papyri  with  20  fcs.  and  a  table 
of  alphabets.     Oxford  1899. 

-  Archiv  f.  Papyi-usf.   1.   1901   S.  359. 

^  Er  selbst  gibt  pl.  XIV  und  XVII  Proben  unter  den  litterarischen,  die  gar 
nicht  litterarisch  sind,  wie  er  selbst  zugibt  p.  88  though  not  literary. 


—     161     — 

sichtstafeln  für  die  charakteristischen  Teile  der  Schrift  nur  für  die 
Unciale,  während  sie  für  die  Cursive  viel  notwendiger  gewesen  wären. 
Die  Alphabets  of  literary  papyri  (p.  128/9)  geben  uns  doch  nicht  die 
Möglichkeit,  neue  Funde  mit  Sicherheit  chronologisch  einzureihen, 
während  eine  entsprechende  Ligaturentafel  der  datierten  cursiven 
Urkunden  eine  derartige  Möglichkeit  geboten  hätte.  Hier  verweist 
Kenyon  auf  E.  M.  Thompson,  der  für  diese  Urkunden  wenigstens  Alphabete 
(Paläogr.,  Taf.  2)  gibt,  die  aber  an  dem  Fehler  leidet,  daß  er  manchmal 
unverbundene  Buchstaben  herausgreift  in  Formen,  die  diese  Buchstaben 
nur  in  Ligaturen  annehmen. 

Auch  die  Anordnung  im  einzelneu  ist  nicht  immer  glücklich. 
Chronologie  im  allgemeinen  (the  dating  of  papyri)  wird  in  demselben 
Kapitel  behandelt  wie  die  Ausläufer  der  Cursive;  Spiritus,  Accente, 
Tachygraphie  (acht  Zeilen)  am  Schluß  des  zweiten  Kapitels,  Papyrus 
as  writing  material. 

Kenyon  hat  denselben  Gegenstand  noch  einmal  behandelt  in  den 
Sandars  lectures  unter  dem  Titel  Greek  writing  B.  C.  300  —  A.  D.  900. 
Der  Text  dieser  Vorlesungen  ist  nicht  veröffentlicht,  befindet  sich  aber 
im  British  Museum  und  der  Universitätsbibliothek  von  Cambridge.^ 


Das  nicht  für  die  griechische  Sprache  erfundene  Alphabet  hatte 
schon  bei  der  Verpflanzung  auf  griechischem  Boden  Veränderungen 
erlitten  und  noch  mehr  durch  die  steigende  Verwendung  bei  den 
Griechen.  Aber  die  Art  des  Beschreibstoffes  bot  doch  zunächst  die  ^'^^sloff'*'" 
beste  Garantie  gegen  allzu  große  Veränderungen;  denn  in  Stein  und 
Metall  kann  der  Meißel  die  beabsichtigten  Buchstaben  doch  nur  langsam 
und  mühsam  ausführen.  Leder  und  Holz  erlaubten  schon  eher  Um- 
bildungen der  Buchstaben,  wurden  aber  in  der  ältesten  Zeit  doch  zu 
selten  angewendet,  um  eine  durchgreifende  Veränderung  des  Alphabets 
zu  begründen.  Das  änderte  sich  erst  bei  der  Einführung  eines  neuen 
Beschreibstoffes,  des  ägyptischen  Papyrus. ^  Jetzt  wurde  häufig  ge- 
schrieben und  die  durch  das  Schreiben  auf  Papyrus  '^  gewonnenen  Ver- 
änderungen setzten  sich  fest  und  bildeten  sich  weiter.  Die  epigraphi- 
schen Formen  des  Alphabets  bildeten  immer  noch  die  Grundlage  und 
fanden  ihre  Fortsetzung  in  der  oben  besprochenen  Papyrusunciale,  der 
feierlichen  Buchschrift    des  Altertums.     Aber   für    die  Ansprüche    des 


^  s.  Revue  des  et,  gr.  1902  p.  414. 

^  Brandi,  Unsere  Schriften  S.  24  redet  von  dem  Einfluß  des  „spiegelglatten" 
Papyrus;  spiegelglatten  Papyrus  habe  ich  nie  gesehen. 

^  Für  uns  bleibt  natürlich  die  Cursive  eine  Papyrusschrift,  und  bis  zu  einem 
gewissen  Grade   mit  Recht,   aber  wir  dürfen  doch  nicht  vergessen,   daß  auch  auf 
Pergament  und  sogar  auf  Papier  eursiv  geschrieben  wurde  (s.  u.). 
G.irdthausen,  Gr.  Paläographie.    2.  Aufl.  II.  11 


—      162     — 

tägliclien  Lebens,  für  einen  Liebesbrief,  oder  Geschäftsnotizen  brauchte 
mau  eine  leichtere,  flüssigere  Schrift,  die  sich  im  Laufe  der  Zeit  von 
selbst  gebildet  hatte. 

Neben  der  alten  unverbundenen  Schrift  der  Kalligraphen  (Unciale) 
war  eine  bequemere  verbundene  Schrift  entstanden,  die  man  Cursive^ 
oder  Briefschrift  nennen  kann.  Es  gibt  kaum  eine  griechische 
Schriftart  von  so  mannigfaltigen  Formen  wie  die  Cursive,  die  schon 
aus  diesem  Grunde  schwer  zu  verstehen  ist. 

Ihren  Charakter  erhält  jede  Schriftart,  namentlich  aber  die  Cursive, 
durch  die  Persönlichkeit  des  Schreibenden,  sowie  durch  die  Bestimmung 
und  Natur  des  Schriftstückes.  Ein  Schreiber  von  Fach  schreibt  anders 
als  ein  Privatmann  und  auch  bei  Privaten  unterscheidet  man  deutlich 
eine  fließende  und  eine  ungeübte  Hand.  Wir  haben  sogar  Schrift- 
stücke, die  nichts  sind  als  eine  Schreibübung,  s.  Hunt,  Gr.  Pap.  in 
the  J.  Rylands  library  1  Nr.  59.  Die  große  Mannigfaltigkeit  der  Pa- 
pyrusurkunden wird  auch  dadurch  verstärkt,  daß  wir  oft  nur  einen 
R^nsrhrift  Eutwurf,  oft  die  Reinschrift,  oft  auch  eine  Copie  besitzen. 

Bei  der  Unciale  brauchten  wir  auf  diesen  L^nterschied  nicht  ein- 
zugehen; denn  bei  litterarischeni  Texte  haben  wir  meist  nur  Abschriften, 
deren  graphische  Ausführung  übrigens  auch  von  den  Originalen  nicht 
wesentlich  verschieden  war,  wenn  wir  uns  das  Autographon  des  Ver- 
fassers auch  nicht  so  kalligraphisch  ausgeführt  vorzustellen  haben. 
Bei  der  Cursive  dagegen  tritt  dieser  Unterschied  viel  stärker  hervor 
und  wird  selbst  in  Gesetzen  und  Kaiserlichen  Verfügungen  besonders 
betont:^  Saneimus,  ut  authentica  ipsa  aique  originalia  rescripta  et  nosira 
manu  subscripta,  non  exewpla  eorum  insinuentur. 

Von  den  Erlassen  der  Regierung  besitzen  wir  gelegentlich  ein 
^tfschrift  Original^  (s.  u.j,  oft  aber  nur  Abschriften,  die  für  Gemeinden  oder 
Private  angefertigt  wurden,  so  z.  B.  von  dem  Briefe  des  Triumvirn 
M.Antonius  (Class.  Rev.  7,  1893  p.  47(p)  oder  den  Edicten  des  Germanicus 
[S,  B.  d.  berlin.  Akad.  1911  S.  794).  Ein  Rescript  des  Kaisers  Trajan 
BGU  140  ist  ausdrücklich  bezeichnet  als  ävrlyoacfov  iTnaroXT/g  fie&yjo- 
fiijvevuevijg.  Hier  tritt  der  Unterschied  zwischen  Original  und  Abschrift 
auch  in  der  graphischen  Ausführung   ganz   besonders   deutlich  hervor. 

Die  Cursive  ist  durchaus  nicht  immer  flüchtig  und  nachlässig 
geschrieben;  es  gibt  auch  hier  sehr  sorgfältig  ausgeführte  Schriftstücke, 
die   von    einem   geübten   Fachmann  vollständig  correct  gewissermaßen 


'  Cursive  übersetzt  Lambros  (s.  Thompson-Lambros,  Pal.  212)  tTriasavQfxevrj 
YQOi(p^\  vgcl.  Lukian,  Dialog,  meretr.  p.  306  ni  yqau^aia  ov  närv  iragjcjg,  aU.it 
tntaeavQftsva  8ri'/.ovvia  ensi^lv  xiva   roü  y^YQOc^^^o^. 

*  Cod.  Justin.  1,  23,  3. 

*  Auch  der  Kaiserbrief  v.  J.  839  (s.  Taf.  3)  gehört  zu  den  Originalen  (siehe 
Mommsen,  Jahrb.  d.  gem.  deutscheu  Recht.  6,  415). 


—     163     — 

abgezirkelt  sind,  wie  z.  B,  die  Probe  der  Kanzleischrift  v.  J.  209  (s.  u.). 
Der  Unterschied  zwischen  der  Unciale  und  Cursive  ist  vielmehr  der, 
daß  auf  der  einen  Seite  unverbundene,  auf  der  anderen  Seite  verbundene 
Buchstaben  gebraucht  werden.  Aber  die  Verbindung  der  Buchstaben 
führt  bald  zu  einem  raschen  und  flüchtigen  Schreiben.  Nur  für  die 
kalligraphische  Bücherschrift  hat  die  Cursive  natürlich  keinen  Platz; 
diese  muß  natürlich  zur  Unciale  gehören. 

Die  Formen  der  Briefschrift  sind  eine  Fortsetzung  oder  noch 
richtiger  eine  Weiterbildung  der  epigraphischen  Schrift,  mit  der  sich 
der   Schreiber    möglichst    wenig  Umstände    und  Mühe    machen   wollte. 

Isidor  Origines  6,  14  unterscheidet  zwei  entsprechende  Klassen  von 
Schreibern:  Lihrarii  iidem  qui  et  mitiquarii  vocantur,  sed  lihrarii  sunt  l'^^^^^^^-^ 
qui  nova  et  vetera  scribunt,  antiquarii  qui  iantummodo  vetera,  unde  et 
nomen  sumpserunt.  Diese  Erklärung  ist  nicht  so  absurd  wie  Watten- 
bach ^  meint,  sie  geht  aus  von  dem  Gegensatz  der  Bücherschrift  des 
ontiquarius  [do/aioyoäcpog],  der  die  Werke  der  Alten  kalligraphisch 
copierte  und  der  Schrift  des  täglichen  Lebens,  der  Cursive,  in  welcher 
der  Schreiber  und  Notar  die  Urkunden  des  praktischen  Lebens  auf- 
zusetzen pflegte. 

Letronne  unterscheidet  zwei  Arten  der  Cursive:  L'ecriture  de  ce 
papyrus  se  rapprocJie  beaucoup  de  celle  que  fai  appelee  cursive  posee  ^^^fj^ 
(Recherches  pour  servir  ä  VHistoire  de  t Egypte  etc.  p.  13)  pour  la  distinguer 
de  la  cursive  expediee,  moins  lisible  employee  dans  un  grand  nombre  exp'ldile 
d'autres  papyrus  tiotamment  dans  ceux  qui  ont  ete  dechiffres  et  piMies  par 
2IM.  A.  Boeckh  et  Buttmann.^  Letronne  unterscheidet  demnach  zwei 
Arten  der  Cursive.  je  nachdem  das  unciale  oder  das  cursive  Element 
überwiegt,  es  ist  also  derselbe  Gegensatz,  für  den  ich  früher  (Beitr.  z. 
Gr.  Paläogr.  I  S.  4)  den  Namen  Majuskel-  oder  Minuskelcursive  vor- 
geschlagen habe. 

Auch  in  der  lateinischen  Paläographie  hat  sich  für  dieselbe  Schriftart 
und  dieselbe  Zeit  der  Name  Majuskel-  und  Minuskelcursive  eingebürgert.  iu"uskei-"' 
vgl.  Bresslau,  Urkundenl.  1  S.  905.  Seine  Erklärung  und  Unterscheidung  *'""'''' 
bei  den  Schriftarten  im  Lateinischen  paßt  wörtlich  auch  für  das 
Griechische;  vgl.  Brandi,  Unsere  Schrift  (Göttingen  1911)  S.  29  Nr.  34: 
Minuskelkursive  aus  Ravenna  (v.  J.  572).  Auch  Steffens,  Lat.  Paläogr. 
Freiburg  1903  S.  V  braucht  den  Ausdruck  Majuskelcursive. 

Heutzutage  pflegt  man  dagegen  die  Cursive  meistens  rein  zeitlich  als 
ptolemäische,  römische  usw.  zu  bezeichnen.  Wenn  es  sich  um  die  Ein- 
teilung und  Abgrenzung  der  verschiedenen  Arten  und  Unterarten  handelt, 
so    muß    das  Prinzip   der  Einteilung   ein   sachliches   sein;    litterarische 


'  Schriftenwesen*   S.  423. 

2  Notic.  et  Extr.  18.  2  400—401;    vgl.  Wilcken,  Tafeln  S.  VI. 

11 


—     164     — 

Gruppen  müssen  nach  litterarischen  Gesichtspunkten  eingeteilt  werden, 
graphische  nach  graphischen.  Diese  graphischen  Perioden  können 
manchmal  mit  geschichtlichen  zusammenfallen,  manchmal  aber  auch 
nicht.  In  der  Periode  der  römischen  Herrschaft  über  Ägypten  gab  es 
sicher  in  der  ältesten  Zeit  noch  Schreiber,  die  an  der  alten  Schrift 
(aus  der  Zeit  der  Ptolemäer)  festhielten,  ebenso  wie  gegen  das  Ende 
der  römischen  Periode  Vorläufer  der  späteren  Schreibweise  (s.  o.  S.  85). 
Diesen  Vorläufern  und  Nachläufern  kann  die  rein  geschichtliche  Einteilung 
nicht  gerecht  werden,  sondern  nur  die  sachliche  d.  h.  die  graphische; 
daß  daneben  aber  erst  in  zweiter  Linie  auch  die  zeitliche  Bestimmung 
zu  ihrem  Recht  kommen  muß,  versteht  sich  von  selbst;  es  erleichtert 
das  Verständnis,  wemi  man  von  ptolemäischer  Majuskelcursive  oder 
byzantinischer  Minuskelcursive  usw.  redet. 

Öiowaitoi  T(ov  cpilcov  xai  (TTQccTi/ycoi 
naQu^  utoXbucciov  rov  y'Aavxiov  ixaxsSovog 

TCOV    OVTOJV    EV    XUTO/r]!    EV    TCOl    EV    ^EfJLffEt    HEya).(x}l 

aaQuniEKoi  etos  dwÖExarov  r]Ötx'i]fjiEvoi^  ov  jU£[ro/ft>g. 

Fig.  53  (nicht  kalligr.  Majuskel). 
Pap.  Brit.  Mus.  Nr.  XLIV  a.  161  v.  Chr.:   Kenyon,  Palaeogr.  pl.  II. 

Daß  die  cursiven  Formen  aus  den  epigraphischen  und  uncialen 
abgeleitet  sind,  bemerkt  jeder  auf  den  ersten  Blick;  allein  ebenso 
deutlich  tritt  auch  sofort  ihre  Verschiedenheit  hervor;  sie  ist  ohne 
Frage  sehr  groß.  Aber  die  Umbildung  unserer  „deutschen''  Schreib- 
schrift, welche  aus  den  epigraphischen  und  uncialen  Formen  der 
Lateiner  abgeleitet  ist,  muß  man,  was  die  Form  der  einzelnen  Buch- 
staben betrifft,  doch  entschieden  als  mindestens  ebenso  groß  betrachten. 
Wenn  die  Schwierigkeiten  des  Lesens  bei  der  griechischen  Cursive  vielleicht 
größer  sind,  so  liegt  das  hauptsächlich  an  der  ungemein  flüchtigen 
Ausführung  und  der  ausgedehnten  Verwendung  von  Abkürzungen;  einzelne 
Teile  der  Buchstaben  verkümmern,  indem  sie  sich  verflachen,  andere 
werden  übermäßig  betont. 
Schwierig-  Wir  könncn  hier  natürlich  nicht  daran  denken,   alle  Gründe  der 

Lesens    Schwierigkeit  des  Lesens  vollständig  aufzuzählen,  dazu  ist  die  Mannig- 

^  Nicht  xov,  Thompson-Lambros  S.  447. 

-'  Nicht  aexn^svo:,  Thompsou-Lambros  S.  447. 


—     165     — 

faltigkeit  viel  zu  groß;  allein  auf  einige  Ursachen  sei  doch  kurz  hin- 
gewiesen. 

Zunächst  werden  die  einzelnen  Buchstaben,  die  natürlich  ihren 
kalligraphischen  Charakter  verlieren,  aneinander  gerückt,  so  daß  sie 
sich  möglichst  berühren,  aber  noch  ihre  alte  Form  behalten,  dann 
aber  werden  die  Berührungen  immer  inniger,  die  Veränderungen  immer 
größer,  namentlich  die  Winkel  werden  abgerundet,  einzelne  Buchstaben 
wie  y  und  r  werden  gespalten,  andere  werden  verflacht,  aus  Y  wird  V 
und  endlich  ^ ;  beim  A  z.  B.  macht  der  Schreiber  den  zweiten  Strich 
horizontal  wegen  eines  nachfolgenden  CD. 

In  anderen  Fällen  wiederum  besteht  die  Schwierigkeit  des  Lesens 
darin,  daß  benachbarte  Buchstaben  sich  assimiliert  haben, ^  wenn  sie  fl^^^™^' 

in  einem  Zuge  geschrieben  werden:  |?7?  ?;ro,  der  Jetzte  Teil  des  H  hat 
dem  nachfolgenden  T  seine  an  und  für  sich  nicht  auffallende  Form  gegeben; 
ferner  '^fjy^i)  vitaxti.  Anderseits  pflegt  der  Schreiber  auch  wohl  zu 
dissimilieren,   um   verstanden  zu  werden;   wenn  er  z.  B.  V  und  I  zu  i;*.'ssimi- 

'  '  _  lierung 

schreiben  hat,  so  könnten  diese  Buchstaben  leicht  mit  TT  verwechselt 
werden,  deshalb  schreibt  er  r'  usw.,  um  deutlich  zu  bleiben,  verschmäht 
der  Schreiber  manchmal  eine  allzu  innige  Verbindung  der  Buchstaben 
oder  er  hebt  die  Fuge  zwischen  zwei  Buchstaben  dadurch  hervor,  daß 
er  mit  Schleife  oder  einem  Punkt  umwendet. 

Auch  die  Verstümmelung  der  Buchstaben  ist  zu  erwähnen;  der  ^j.  J^^^'i^^^g 
Schreiber  läßt  nämlich  nicht  selten  unbequeme  Teile,  die  ihn  hindern 
würden  alles  in  einem  Zuge  zu  schreiben,  einfach  fort,  z.  B.  h  statt  H. 
Ursprünglich  schrieb  er  vielleicht  zunächst  den  Teil  des  Buchstabens, 
der  sich  bequem  schreiben  ließ,  in  der  Absicht,  später  den  unbequemen 
Teil  nachzuholen;  aber  diese  Absicht  wurde  sehr  oft  nicht  ausgeführt. 
Wesentlich  wird  das  Aussehen  des  Buchstabens  dadurch  verändert,  daß 
der  Schreiber  sich  erlaubt  die  Reihenfolge  seiner  einzelnen  Teile  will-  ^"der^xli*!!^ 
kürlich  zu  verändern.  0  und  0  erhalten  ein  fremdartiges  Aussehen,  wenn 
das  Oval  von  unten  begonnen  und  nicht  geschlossen  wird  (s.  u.  S.  167  {f-io). 

B  erhält  die  unschöne  Form     -J    ;  es  wäre  nur  ein  kleiner  Schritt,  den 

unteren  Halbmond  abzuwerfen,  dann  hätten  wir  bald  eine  ganz  neue 
Form.     Beim  P   beginnt  der  Schreiber  gelegentlich  mit  dem  nicht  ge- 


'  Zucker,  Sitzungsber.  d.  Berliner  Acad.  1911  S.  795  (Zwei  Edicte  des  Germa- 
niciis)  bemerkt,  daß  die  vier  letzten  Buchstaben  von  nviov  Z.  37  zu  einer  Reihe 
gleich  aussehender  Zeichen  geworden  sind. 


—     166     — 

schlossenen  Halbmond  3,  geht  dann  zum   Stamm  über,  der  in   einen 

Verbindungsstrich  nach  rechts   ausläuft  c/C/\    aoi. 

de^Form  -^^^  Bequemlichkeit  pflegt  der  Schreiber  manchmal  die  Form  des 

Buchstabens  zu  verändern;  wenn  er  z.  B.  erst  eine  Horizontale  und 
dann  eine  Verticale  machen  soll,  so  zieht  er  statt  dessen  nach  dem 
Parallelogramm  der  Kräfte  eine  Diagonale,  statt  "1  schreibt  er  \;  so  z.B. 
beim  TT,  wo  die  Horizontale  mit  der  zweiten  Senkrechten  zusammenfließt; 

ferner  ^-n-t^    it«;  statt  AA  hat  die  Cursive  gelegentlich  die  Form  /1\. 

Hiifsstriciie  Namentlich  ist  es  bedenklich,  wenn  er  fremdartige  Hilfsstriche  vor, 

im  und  nach  dem  Buchstaben  gebraucht;  er  ändert  nicht  nur  die 
Reihenfolge  der  Teile   des  Buchstabens,   sondern  fügt  auch  einen  Auf- 

tact  hinzu:  /^  «;  statt  C  schreibt  er  f^  ,  dabei  kehrt  er  den  Halb- 
mond geradezu  um :  /")/^  (riuo.     Auch  beim  O  führt  dieser  Hilfsstrich 


zur  Auflösung  der  Form 


^ 


Auftact  Hierher  gehört  auch  der  diagonale  Auftact  der  langhalsigen  Buch- 

staben   der    byzantinischen    Minuskelcursive.      Buchstaben    mit    einem 

Diagonalstrich  von  Links  nach  Rechts    /,  oder  }  ,   der  nicht  wie  bei  ^ 

organisch  notwendig  ist;  sehr  häufig  beginnt  das  lange  I  (hoch  und  tief) 
mit  einem  Aufstrich.  Manchmal  beginnt  dieser  Auftact  von  oben, 
manchmal  von  unten,  und  wir  finden  ihn  in  gleicher  Weise  in  der 
griechischen  wie  in  der  lateinischen  Canzleischrift.  Der  höchste  Punkt 
des  Buchstabens  liegt  bereits  so  übermäßig  hoch,  daß  der  Schreiber 
ihn  ohne  Hilfsstrich  nicht  leicht  erreicht;  deshalb  beginnt  er  manchmal 
mit  einem  Aufstrich  von  unten,  der  den  langen  Hals  des  Buchstabens 
kreuzt,  siehe  z.  B.  die  Schriftprobe  der  byzantinischen  Minuskelcursive. 
Bindestriche  Die  Hilfstriche  im  Innern  des  Buchstabens  machen  sich  manchmal 
von  selbst,  wenn  der  Schreiber  versäumt  abzusetzen.  Aus  E  wird  von 
selbst  i,  aus  E  im  Alphabet  der  Korinther  B,  ebenso  bei  0,  wo  Oval 
und  Querstrich  verbunden  werden,  oder  bei  K,  bei  dem  der  Schreiber 

mit  einer  Schleife  umbiegt  \/  ,  aus  A  wird  >\^  :  wegen  der  aufgelös- 
ten Form  des  O  s.  Taf,  1  rp  11.  Auch  das  T  und  TT  erhält  oft  eine 
verbindende  Schleife  zwischen  den  senkrechten  und  wagrechten  Strichen 
am  Anfang.  Die  Bindestriche  der  Buchstaben  sind  keineswegs  immer 
horizontal,  vielfach  verschmelzen    sie    mit    den  anstoßenden  Teilen   der 


—     167     — 

benachbarten  Buchstaben  zu  schrägen  Linien  '^V-     (ne).    Diagonal  wird 

der  Verbindungsstrich,  wenn  der  Schreiber  C€  verbindet,  indem  er  den 
höchsten  Teil  des  C  mit  dem  tiefsten  des  €  in  Verbindung  setzt. 
Horizontal  und  vertical  ist  der  Verbindungsstrich  in  dem  Worte  vi[oq) 
bei  Schubart,  Pap.  gr.  berol.  42b,  5:  v~\.  Aber  auch  wenn  kein  be- 
sonderer Verbindungsstrich  hinzugefügt  wird,  pflegt  der  Schreiber 
manchmal  den  letzten  Teil  des  ersten  Buchstabens  so  zu  verbiegen, 
daß  er  zugleich  als  erster  Teil  des  zweiten  Buchstabens  gelten  kann 
^j  (g/),^  s.  Taf.  4a  et.  5.  Den  Hilfsstrich  nach  dem  Buchstaben 
kann  man  am  besten  als  einen  Verbindungsstrich  bezeichnen;  er 
ist  nicht  immer  gerade,  z.  B.  ;re  (s.  o.).  Manchmal  werden  durch  solche 
Verbindungen    die   Proportionen    des  Buchstabens  völlig  verändert,  bei 

<ß^    //•CO  ist  das  £  verschwindend  klein,  die  Hauptsache  ist  der  her- 
untergebogene Querstrich  z.  B.  [\)J-i      ^^og. 

Besonders  wird  aber  das  Verständnis  cursiver  Schrift  dadurch  ^caesur*^' 
erschwert,  daß  der  Schreiber  sich  manche  Veränderungen  erlaubt  durch 
Verbindung  (Ligatur)-  oder  auch  durch  Teilung  (Caesur  s.  o.  S.  54) 
der  Buchstaben.  Nach  Plutarch^  erkennt  man  die  flüchtige  (cursive) 
Schrift  an  den  Zerreißungen  oder  Fragmenten  (Caesur)  der  Buchstaben 
und  den  Bögen  (Hörnchen),  welche  an  Stelle  der  charakteristischen 
Buchstabenformen  getreten  sind.  Mit  diesen  Hörnchen  meint  er  die  ge- 
schwungenen Linien,  wie  z.  B.  bei  einem  Schluß-v  die  in  der  Mitte  stehen 
zwischen  einem  verflachten  Buchstaben  und  einem  Abkürzungsstrich. 

Bei  den  Ligaturen  beeinflussen  sich  die  ligierten  Buchstaben  Ligaturen 
gegenseitig,  sie  haben  z.  B.  einen  gemeinsamen  Bestandteil,  ohne  den 
beide  unvollständig  sind;  oder  wenn  dieser  gemeinsame  Bestandteil 
nicht  vorhanden  ist,  so  bildet  ihn  sich  der  Schreiber,  indem  er  das 
Ende  des  einen  und  den  Anfang  des  andern  Buchstaben  so  verbiegt, 
daß  dieses  Ziel  erreicht  wird. 


'  >£^^p      c^Lc>yyp     t(de/.(p  ectdü.(f,  Ligatur  AE,  AO;  Caesur:  A,  A,  das  erste 

E  uud  0;  das  zweite  E[(töe/.(p]  ist  verstümmelt.    Bei  (j~flj\    uul    ist  nur   «  nicht 

zerschnitten.     Cx'^X^''     '^^^'''-  Caei?ur  und  Verbiudungsstriche. 

2  S.  0.  S.  53;  Ligaturentafel:  Wessely,  Studien  z.  Pal.  1  S.  XXVII  v.  3.  Jahrh. 
n.  Chr.  an. 

^  Quaest.  Piaton.  lUT  ed.  Bernardakis  fi  p.  152  Ijon  6t  /</}  xüj.ifi(eiri  x(d  &Qava[j,a- 


—     1(38     — 

Durch  das  Ende  des  ersten  und  den  Anfang  des  zweiten  Buch- 
stabens ist  die  Möglichkeit  der  Verbindung  bedingt.  Die  Schreiber 
sind  stets  bereit,  solche  Verbindung  herzustellen,  welche  auf  der  einen 
Seite  die  Bequemlichkeit  des  Schreibens  und  auf  der  andern  Seite  die  Mög- 
lichkeit des  Lesens  unterstützen.  Aber  es  gibt  Buchstabenverbindungen, 
welche  durch  ihre  Form  beides  ausschließen.  Mit  Recht  sagt  daher 
W.  Meyer,  Abh.  d.  Gott.  Ges.  d.  Wiss.  (Phil.-Hist.  Cl.)  N.F.6  Nr.  2  S.26: 
,,in  dieser  Schrift  [Cursive  und  Minuskel]  ist  genau  bestimmt,  welcher 
Anfassen  Buchstabe  den  folgenden  anfassen  muß  und  welcher  ihn  nicht  anfassen  darf'*. 

Die  vollständige  Gleichmäßigkeit  und  gleiche  Größe  der  Schrift, 
die  auch  bei  den  Inschriften  nur  in  der  Theorie  vorhanden  ist,  schwindet 
in  der  Cursive  mehr  und  mehr;  die  meisten  Buchstaben  des  Alphabets 
behalten  allerdings  eine  gleiche  mittlere  Höhe,  aber  es  bilden  sich 
schon  in  alter  Zeit  daneben  einige  hohe  und  tiefe  Buchstaben,  und 
noch  mehr  in  der  Minuskelcursive. 

In  der  Unciale  wird  jeder  Buchstabe  (abgesehen  von  einigen 
Ligaturen)  unverbunden  neben  den  andern  gestellt;  in  der  Cursive 
wird  möglichst  viel  in  einem  Zuge,  ohne  abzusetzen  geschrieben, 
manchmal  mehrere  Worte.  Einige  Buchstaben  machen  allerdings  be- 
deutende Schwierigkeiten,  denn  das  Ende  des  einen  und  der  Anfang 
des  andern  passen  schlecht  aneinander.^  Da  muß  dann  in  der  älteren 
^stricir  Cursive  ein  horizontaler  Ligaturstrich  die  Brücke  bilden.^  Dadurch 
wird  wenigstens  äußerlich  die  Verbindung  hergestellt;  aber  wenn  das 
Schreiben  dadurch  erleichtert  wird,  so  wird  das  Lesen  dadurch  erschwert, 
denn  man  weiß  oft  nicht,  wo  der  eigentliche  Buchstabe  anfängt.  Es 
war  daher  entschieden  ein  Fortschritt,  daß  man  diesen  horizontalen 
Verbindungsstrich  aufgab,  nach  Kenyon  im  2.  Jahrb.,  nach  Wilken 
a.  a.  0.  364  A.  1  dagegen  in  der  Zeit  des  Augustus. 

Die  Unciale  ist  die  Schrift  der  unverbundenen,  die  Cursive  die  der 
verbundenen  Buchstaben.  Aber  gewisse  Grenzen  gibt  es  auch  hier; 
einige  Formen  der  Buchstaben  eignen  sich  schlecht  sowohl  für  die 
Ligatur  wie  die  Caesur,  diese  pflegen  daher  auch  in  der  Cursive  un- 
verbunden zu  bleiben.  Wie  in  der  Unciale  also  das  cursive  Element 
(Ligatur)  nicht  fehlt,  so  auch  in  der  Cursive  das  unciale.  Manche 
Schreiber  cursiver  Schrift  mischen  so  viele  unverbundene  Buchstaben 
ein,  daß  man  manchmal  zweifeln  kann,  ob  das  eine  oder  andere  Moment 
überwiegt. 

Bei  andern  Schriftstücken  des  täglichen  Lebens  wiederum  fehlen 
Ligaturen,  welche  die  Form  des  Buchstabens  verändern,  fast  gänzlich 
z.  B.  in  einer  Petition  v.  J.  161  v.  Chr.  (siehe  oben  Fig.  53).    Die  Buch- 


^  Quiatiliau  1,  1,  37  literae  asperrime  inter  se  coeuntes. 
"  Wilcken  (s.  o.  S.  53j  nennt  das  mittelbare  Ligatur. 


—     169     — 

Stäben    sind    manchmal    entweder    unverbunden,    oder   nur    aneinander 

herangerückt,  und  man  könnte  die  Schrift  mit  gleichem  Rechte  uncial 

wie   cursiv  nennen.     Gerade  bei  der  Schrift  des  täglichen  Lebens  gibt 

es  viele  Übergänge  und  Mittelstufen,  welche  der  Classificierung  oft  zu  Übergänge 

spotten  scheinen.    Es  versteht  sich  also  von  selbst,  daß  man  von  einem 

bestimmten  Anfangsjahr  der  Cursive  nicht  reden  kann. 

Bei  einer  Petition  aus  der  Zeit  des  Claudius  (Pah  Sog.  II,  145). 
die  in  Uncialen  aber  nicht  kalligraphisch  geschrieben  ist,  überwiegt 
der  cursive  Charakter  trotz  der  meist  unverbundenen  Uncialen,  und 
der  Leser  weiß  nicht  recht,  ob  unciale  Elemente  den  cursiven  oder 
cursive  den  uncialen  beigemischt  sind.  Auch  Wilcken  redet  von  einem 
Mittelding  zwischen  Cursive  und  Unciale.^  Preisigke-  spricht  sogar 
mehrfach  von  Uncialcursive. 

Ebenso  kann  man  zweifeln,  ob  die  neu  entdeckte  Canzleischrift 
zur  Buchschrift  oder  Briefschrift  zu  rechnen  ist.    Zucker^  sagt:  „sie  ist 

insofern  zur  Buchschrift  zu  stellen,  als  sie  im  Princip die  Zeichen 

unverbunden   läßt.  —  —  Wir  können   sehr  wohl  die  Beziehungen  der 
Canzleischrift  zu   der  —  —  KalUgraphie   wie   zur  Cursive  herstellen." 

Für  uns  hat  sich  der  Anfang  der  Papyrusschrift  durch  die  neueren 
Funde  um  Jahrhunderte  verschoben.  Aber  den  Anfang  der  Cursive 
können  wir  auch  jetzt  nicht  bestimmen.  Ob  vor  den  erhaltenen 
ägyptischen  Urkunden  noch  eine  attische  Cursive  anzunehmen  sei,^  cuj-sive 
ist  eine  ziemlich  müßige  Frage;  da  die  erhaltenen  Reste  und  die  Über- 
lieferung uns  hier  in  Stich  läßt.  Daß  im  5.  Jahrhundert  schon  in 
Attica  geschrieben  wurde,  ist  sicher,  und  daß  die  Schreiber  nicht  bloß 
epigraphische  Formen  angewendet  haben,  ist  wahrscheinlich;  aber  Diels 
(Deutsche  Litt.-Ztg.  1893  Nr.  46)  hat  mit  Recht  betont,  daß  wir  keine 
cursive  Form  eines  Buchstabens  bis  ins  5.  Jahrh.  zurück  verfolgen 
können;  nur  für  die  Zeit  nach  Alexander  d.  Gr.  haben  wir  sichere 
Beispiele. 

Namentlich    muß    betont  werden,    daß   die  paläographischen  Auf- 
schriften der  griechischen  Vasen  ^  noch  keine  oder  nur  ganz  schwache    vasen 
Spuren  der  Cursive  zeigen;  aber  auch  die  Chronologie  der  Vasen  ist 
bekanntlich  sehr  bestritten.    Dagegen  tinden  wir  Anklänge  der  Cursive 
in  den  beschriebenen  Bleiplatten  aus  griechischen  Gräbern,  s.  Newton.  Bieipiatten 
Halicarnass  and  Cnidos  vol.  2,  p.  719.  732£e. (pL  4— 14)(vgL  o.  1  S.  26—27).« 

1  y.  Wilcken,  Tafelu  Nr.  V. 

-  Griech.  Urkunden  d.  Äg.  Mus.  zu  Kairo,  Straßburg  1911. 
3  Sitzber.  d.  berlin.  Akad.  1910  S.  711. 
*  Vgl.  Blass,  Gott.  Gel.  Anz.  1894  S.  494. 

^  Vgl.  z.  B.   Inscribed  sepiilcral  vases  from  Alexandria   s.  American  Jouraal 
of  arcbaeology,  Baltimore  1885  p.  18,  -wenig  Ligaturen. 
''  s.  das  Facsimile  im  C.  I.  Att.  Append.  p.  XIII. 


—     170     — 

Große    Ähnlichkeit    mit    der    Papyrusschrift    zeigen    die   Urkunden    die 
E.  Wünsch    herausgegeben    in    den    Bliss-Macalister,    Excavations    in 
Palestine  during  the  years  1898—1900  p.  158. 
^^sy^tem°"  Die  Schrift  der  älteren  Inschriften   und  in   der  Theorie   auch  die 

der  älteren  Papyrusurkunden  könnte  man  eine  Quadratschrift  nennen, 
weil  fast  alle  Buchstaben  eine  quadratische  Grundform  haben  oder 
doch  in  ein  Quadrat  hineingezeichnet  werden  können;  wenn  wir  also 
von  der  Breite  der  Buchstaben  absehen,  so  ist  ihre  Höhe  durch  zwei 
Linien  bestimmt.  Aber  bei  beiden  Schriftarten  widerspricht  die  Praxis 
gelegentlich  dieser  theoretischen  Forderung.  Es  gibt  Buchstaben, 
welche  diese  beiden  Grenzlinien  nach  oben  und  nach  unten  über- 
schreiten, zunächst  allerdings  nur  wenig,  aber  diese  hohen  und  tiefen 
Buchstaben  werden  bald  nicht  nur  höher  und  tiefer,  sondern  auch  zahl- 
reicher. An  die  Stelle  des  Zweiliniensystems  tritt  allmählich  ein  Vier- 
liniensystem und  in  der  späteren  Minuskelcursive  könnte  man  sogar  von 
einem  Sechsliniensystem  reden.  In  der  Pap}Tuscursive  kann  man  die 
ersteren  als  Majuskel-,  die  der  letzteren  als  Minuskelcursive  bezeichnen, 
und  die  spätere  Minuskel  folgt  genau  denselben  Prinzipien,  die  sich 
bei  der  Minuskelcursive  herausgebildet  haben. 

Majuskelcursive  Minuskelcursive 

ältere  jüngere  ältere  jüngere 

ptolemäisch  römisch  byzantinisch  arabisch 

Der  Name  Minuskel  und  Minuskelcursive  besagt  also  zunächst  nur, 
daß  kleine  (und  große)  Buclistaben  vorhanden  sind,  die  aber  durchaus 
nicht  die  Breite  haben  wie  die  Majuskeln  und  also  auch  viel  weniger 
Platz  wegnehmen.  Der  Name  ist  also  auch  insofern  berechtigt,  als  die 
Schrift  der  Minuskelcursive  oder  Minuskel  weniger  Umfang  hat,  wie  die 
entsprechende  Majuskelschrift. 

Gerade  für  die  Cursive,  die  wir  erst  neuerdings  kennen  gelernt 
haben,  dürfen  wir  nie  vergessen,  daß  wir  eigentlich  nur  eine  locale 
Ägypten  Entwicklung  kennen,  d.  h.  die  in  Ägypten.  Die  Entwicklung  dieser 
Schrift  ist  in  hohem  Grade  individuell.  In  demselben  Lande  schreibt 
der  eine  anders  als  sein  Landsmann.  Viel  größer  muß  aber  noch  die 
Verschiedenheit  der  Cursive  gewesen  sein  in  Ländern,  die  weit  voneinander 
entfernt  waren  und  nur  wenig  Verkehr  miteinander  hatten.  Wie  die 
Briefschrift  sich  in  Pergamon,  Athen  usw.  ausgebildet  hat,  werden  wir 
wahrscheinlich  niemals  erfahren,  denn  fast  alle  uns  bekannten  Urkunden 
stammen  aus  Ägypten  und  sind  in  Ägypten  geschrieben.  Deshalb  sei 
wenigstens  mit  einem  Worte  darauf  hingewiesen,  daß  unter  den  Funden 
Ägyptens  doch  auch  einige  Actenstücke  sich  erhalten  haben,  die  nicht 
Pamphyiien  ^°^*>  soüdem  in  Lykieu  und  in  Pamphylien  geschrieben  sind.^ 

1  s.  Wilcken,  X.  Jahrb.  f.  kl.  Alt.  7.  1901,  682  A.,  vgl.  o.  1  S.  73.  —  Griechische 
Wandaufschrift  von   Galatern  in  Abydos,   s.   Kevue  d.  et.  anc.  13.  1911  p.  55.   — 


—     171     — 

Bei  dem  innigen  Zusammenhang  der  cursiven  Urkunden  mit  der 
damaligen  Gegenwart  sind  ihre  Urkunden  natürlich  viel  häutiger  datiert 
oder  datierbar,  als  die  kalligraphisch  ausgeführten  uncialen  Denkmäler 
der  Litteratur.  Wir  haben  eine  zusammenhängende  Kette  datierter  T^t'e*'^' 
Cursive  für  eine  Zeit,  die  uns  sonst  noch  keine  datierten  Denkmäler 
bietet.  Diese  vollständig  zu  sammeln,  zu  sichten  und  chronologisch  zu 
ordnen,  ist  natürlich  eine  der  wichtigsten  Aufgaben,  die  aber  noch 
nicht  gelöst  ist;  dann  erst  werden  wdr  eine  sichere  Norm  für  weitere 
Bestimmungen  gewinnen;  ähnlich  wie  ich  es  früher  für  die  datierten 
Minuskelhandschriften  versucht  habe.  In  entsprechender  Weise  hat 
jetzt  Hohmann,  Chronologie  der  Papyrusurkunden.  Berlin  1911  S.  1  ff., 
die  datierten  Urkunden  der  römischen  Kaiserzeit  zusammengestellt. 
Einen  w^enn  auch  dürftigen  Auszug  besitzen  wir  in  den  Publicationen 
der  Paläographical  Society,  wenn  wir  die  dort  veröffentlichten  Cursiv- 
urkunden  chronologisch  ordnen,  auch  die  schönen  Lichtdrucke  des 
Berliner  Museums  von  Schubart  (s.  o.)  sind  chronologisch  geordnet. 

Für  die  chronologische  Bestimmung  undatierter  Papyrusurkunden  ^ii'|n™ende' 
sind  die  authentischen  Fundberichte  von  großer  Wichtigkeit.  Da  die  ^"°'^® 
meisten  —  selbst  die  großen  —  Funde  stets  nur  wenige  Jahrhunderte 
umfassen,  so  kommt  es  bei  jedem  Funde  zunächst  darauf  an,  die  oberste 
und  die  unterste  Zeitgrenze  desselben  genau  zu  bestimmen:  dann  kann 
man  auch  seine  undatierten  Denkmäler  und  Urkunden  mit  Sicherheit 
dieser  Periode  zuw^eisen.  Noch  engere  Grenzen  ergeben  manchmal  von 
selbst  aus  dem  Inhalt  eng  zusammengehöriger  Actenstücke,  die  z.  B. 
zu  einem  Hausarchive  des  Verstorbenen  gehört  haben.  Es  war  nämlich 
Sitte  im  Orient,  Verträge  und  Actenstücke  in  irdenen  Gefäßen  zu  ver-  ^^rüge' 
wahren,  um  den  leicht  vergänglichen  Papyrus  zu  schützen,  daher  sagt 
Jereraias  32,  14:  „Nimm  diese  Briefe,  den  versiegelten  Kaufbrief  samt 
dieser  offenen  Abschrift  und  lege  sie  in  ein  irdenes  Gefäß,  daß  sie 
lange  bleiben  mögen." ^  Ebenso  sagt  Erman,  Ägypten  1,  167:  ,,So  hat 
ein  Archivar  der  XX.  Dynastie  notiert,  daß  er  im  sechsten  Jahre  seines 
Königs  zwei  seiner  Bücherkrüge  revidiert  habe.  —  —  Übrigens  sollen 
wirklich  zwei  Papyrusrollen  des  Berliner  Museums  in  einem  Kruge 
gefunden  worden  sein." 

Abgebildet  ist  ein  solcher  Krug  (s.  o.  1  S.  174)  auf  der  Stele  des 
Orthographen  Timokrates  {IV.  'E?2Tjvofiv/jfxcov  2,  Taf.  4),  der  von  Büchern 
ganz   umgeben  ist:   in   der  Hand   hält   er   ein  Diptychon;   rechts   steht 


Dittenberger ,  Or.  gr.  inscr.  757.     Außerdem  haben  wir  nur  noch  in  Raveniia  ge- 
schriebene Urkunden. 

^  S.  0.  1  S.  149.  174 — 175;  vgl.  Merk,  Stimmen  aus  Maria  Laach  1912  S.  444. 
Auch  in  Griechenland  fand  man  eine  Menge  von  Bleiinschriften  in  einem  irdenen 
Topfe  auf  Kuböa  I.  G.  A.  372. 


Fauiilien- 
papiere 


—     172     — 

ein  Topf,  links  ein  Rollenbündel  neben  ihm;  s.  o.  1  S.  155.  Die  Ägypter 
pflegten  solche  irdenen  Krüge  mit  den  Familienpapieren  auch  den 
Toten  mit  ins  Grab  zu  geben;  und  daraus  erklärt  es  sich,  daß  selten 
vereinzelte  Urkunden,  sondern  meistens  eine  ganze  Sammlung  oder 
kleines  Hausarchiv  gefunden  wird.  Sehr  umfangreich  war  z.  B.  der 
schriftliche  Nachlaß  von  Ptolemäus,  dem  Sohne  des  Glaucias,  eines 
heidnischen  Anachoreten  im  Serapeum  im  zweiten  Jahrh.  v.  Chr.^  Seine 
Actenstücke  sind  heute  in  London,  Paris,  Leiden  und  Rom.  Die 
einzelnen  Stücke  erklären  sich  gegenseitig  und  sollten  deshalb  nie  zer- 
splittert werden.  Und  doch  haben  die  Finder  und  Händler  ein  Interesse 
am  Gegenteil,  und  hüten  sich,  Concept  und  Reinschrift  desselben  Ver- 
trages demselben  Käufer  zu  überlassen,  weil  sie  durch  Einzelverkauf 
viel  höhere  Preise  zu  erzielen  hoffen,  und  sie  gehen  sogar  so  weit, 
wohlerhaltene  Rollen  in  Fetzen  zu  zerschneiden,  um  die  kleinen 
Fragmente  einzelnen  Reisenden  anbieten  zu  können.  Das  ist  der  Grund, 
weshalb  diese  wichtigen  Actenstücke,  die  nicht  nur  für  die  Paläographie, 
sondern  auch  für  unsere  Kenntnis  des  privaten  Lebens,  Provinzial- 
verwaltung  usw.  von  der  größten  Wichtigkeit  sind,  mühsam  aus  allen 
Sammlungen  Europas  zusammengesucht  werden  müssen. 

Flinders  Petrie  fand  in  Gurob  Mumienkästen,  die  aus  Schrift- 
stücken der  ersten  Ptolemäerzeit  bestanden;  die  ältesten  datierten  stammen 
aus  der  Zeit  von  270,  die  jüngsten  von  186  v.  Chr.  und  wir  haben 
keinen  Grund  zu  bezweifeln,  daß  die  undatierten  derselben  Epoche 
angehören,  dann  folgt  Palaeogr.  Soc.  II,  142  (254/3  v.  Chr.)  143  (211/10 
V.  Chr.)  und  aus  der  Zeit  des  Augustus  B.  G.  U.  4,  1203—9  usw. 

Perioden  Auf   die    Zeit    der   Ptolemäer   folgte    eine    römische    Periode    von 

Augustus  bis  Gründung  von  Constantinopel;  dann  eine  byzantinische 
von  Constantin  bis  zur  Eroberung  Ägyptens  durch  die  Araber  640  n.  Chr. 
Die  Zeit  der  arabischen  Herrschaft  ist  unter  den  griechischen  datierten 
Urkunden  nur  verhältnismäßig  schwach  vertreten,  wahrscheinlich,  weil 
die  neuen  Herrscher  des  Landes  doch  nicht  so  bureaukratisch  regierten 
wie  ihre  Vorgänger. 

Die  Schrift  dieser  letzten  beiden  Perioden  ist  eine  directe  Fort- 
bildung der  vorhergehenden;  im  Laufe  der  Jahrhunderte  wird  sie  immer 
flüssiger  und  verbindungsreicher;  darin  lag  aber  auch  die  Gefahr,  daß 
sie  immer  abgeschhfifener  und  undeutlicher  werden  würde.  Um  daher  die 
einzelnen  Buchstaben  besser  voneinander  unterscheiden  zu  können, 
behielt  die  große  Menge  der  allmählich  kleiner  werdenden  Buchstaben 


Mumien- 
kästen 


*  S.  o.  Fig.  53;  vgl.  K.  Wolf,  De  causa  Hermiana  papyris  Aegyptiacis  tradita. 
Diss.  Breslau  1874.  —  Thompson-Lambros,  Paläogr.  S.  193. 


—     173     — 

die  Stellung  auf  der  Mittellinie;  einige  dagegen  ragten  nach  oben  oder 
nach  unten  hervor  oder  auch  nach  oben  und  unten. 

Eine  Charakteristik  der  drei   älteren  Perioden  der  Papyrusschrift 
gibt  Kenyon  in  seiner  Paläographie  p.  36,  dem  ich  im  wesentlichen  folge. 

Ptolemäisch-römische  Majuskelcursive. 

.  .  .  uq,  kßöwv  ccv&Qconovs  xui  iiiniuoayivi.Tui 

TiooyByo^ocfifievov^  knetiiirjaev  avroiq  xal  um]X)<ä[yr}  .  .  .  ol  de  .  .  .] 

£-•  Vjieoißrjaavdq  Tijv  avki'jv  /nov  xoci  ti,v  üv[ouv ] 

dt  axovacivzog  rf(iwT,i  xarißi]v  xcii  Id'ojv  av\TOvg. 

Fig.  54.     Majuskelcursive. 
a.  243  (218?i  v.  Chr.    Pap.  Berol.  8GT7.    BGU  III,  l(Xi7.    Pap.  gr.  Berol.  4c.    Z.  S-ll 

In  der  ptolemäischen  Periode^  zeichnet  sich  das  dritte  Jahr-  j^äTsdie 
hundert  aus  durch  Freiheit  und  Breite;  der  Ductus  ist  leicht  und  ^«'"'"'^^ 
fließend.  Manche  Hand  ist  allerdings  schwer  zu  lesen;  aber  die  cha- 
rakteristischen Hände  sind  anmutig  und  gefällig  und  zeigen,  daß  der 
Schreiber  vollständig  über  sein  Schreibzeug  und  auch  über  den  nötigen 
Raum  des  Papyrus  verfügt;  daher  sind  die  Buchstaben  breit;  der  Raum 
eines  Quadrates  auf  der  Mittellinie  genügt  nicht,  namentlich  bei  M,  TT,  T. 
Nach  oben  und  nach  unten  werden  die  Grenzen  des  Quadrates  nur 
von  wenig  Buchstaben  überschritten.  Außerdem  hat  der  Schreiber 
die  Neigung,  nicht  die  unteren,  sondern  die  oberen  Teile  der  mittleren 
Buchstaben  in  eine  Linie  zu  verlegen  (siehe  Cunningham,  Mem,  9,  23 
Taf.  8,  NU  bei  Kenyon  pl.  I).  Es  sieht  also  manchmal  so  aus.  als  ob 
die  Buchstaben  von  einem  quergezogenen  Faden  herabhängen.  Das 
hört  später  auf;  aber  nach  Jahrhunderten,  beim  Beginn  der  alten  Mi- 
nuskel, ist  dieselbe  Erscheinung  wieder  nachzuweisen  und  läßt  sich  nur 
entweder  aus  der  Form  der  gi'iechischen  Buchstaben  oder  aus  der  Tra- 
dition der  Schreibschulen  erklären.  —  Es  ist  die  Briefschrift  des  täg- 
lichen Lebens  mit  verbundenen  Buchstaben,  die  durch  Ligatur  auf  der 


*  Proben  der  ältesten  Papyrusschrift  gibt  Kenyon  in  den  Greek  Papyri  of 
the  Brit.  Mus.  (vgl.  Pap.  L,  LI  A.  und  CVI).  —  MahaflPy.  On  the  Flinders  Petrie 
papyri:  R.  Irish  Academy.  Cunningham,  Memoirs  8.  9.  Dublin  1891;  er  hat  eine 
Menge  von  Täfelchen,  Ostraka,  Papyri  aus  dem  dritten  Jahrhundert  v.  Chr.  publi- 
ciert  (vgl.  p.  .">0j;  vgl.  auch  Schubart,  Pap.  gr.  berol. 


2.  Jahrb. 
V.  Chr. 


—        174       — 

einen  Seite  und  Caesur  auf  der  anderen  Seite  ein  ganz  anderes  Aus- 
sehen erbalten  haben. 

Man  erkennt  diese  Zeit  nach  Kenyon  a.  a.  0.  p.  IX  leicht  am  haken- 
förmigen a  Z-,  dem  M  mit  sehr  geringer  Biegung  in  der  Mitte  (s.  Taf.  4  a,  C), 

dem  treppenförmigen   y~^  (s.  Taf.  4  a,  1 — 2)  und  dem  halbmondförmigen  TT 

(s.  Taf.  4  a,  4.  10.  14);  beim  T  ist  die  linke  Hälfte  des  Querbalkens  be- 
sonders stark  entwickelt,  ebenso  beim  Y  die  linke  Seite  der  oberen 
Hälfte.  Beim  w  ist  der  erste  Teil  sorgfältiger  ausgeführt  als  der  zweite, 
der  sich  meistens  vertlacht,  gelegentlich  bis  zur  geraden  Horizontale. 

Die  Buchstaben  haben  meist  die  gleiche  Höhe,  nur  der  letzte 
Strich  des  treppenförmigen  N  und  der  Stamm  des  0  ragen  hervor. 

Für  das  zweite  Jahrhundert  vor  Chr.  verweist  Kenyon  (p.  X) 
auf  die  Londoner  Pap.  IH.  XV.  XVII— XXXI.  XXXIII  — XXXV. 
XLI — XLV.  Auch  hier  linden  wdr  noch  den  Schwung  nach  oben 
beim  N,  die  flache  Biegung  des  Mittelstrichs  im  M  aber  weniger  häufig, 
die  Schrift  ist  sorgfältiger  und  regelmäßiger.  Verbindungen  der  Buch- 
staben sind  schon  häufiger;  es  kommt  schon  vor,  daß  fünf  bis  sechs 
Buchstaben  ohne  abzusetzen  geschrieben  werden. 

Das  «hat  gelegentlich  schon  fast  den  Minuskeltypus  (s.Taf.  4  a,  9.  10); 
das  B  ist  groß  (hoch  und  tief);  beim  H  ist  der  erste  Stamm  höher  als 
der  zweite,  aber  gelegentlich  schrumpft  der  ganze  Buchstabe  zu  einem  "I 
zusammen  (s.  Taf.  4  a,  10.  11).  C  ist  ein  Halbmond  nach  Rechts  ge- 
neigt. Das  Schluß- G-  ist  manchmal  ein  hochgestellter  nach  rechts  ofiener 
Halbmond  C;  Amherst-Pap.  2  Nr.  39  pl.  7  (Ende  des  zweiten  Jahrhun- 
derts V.  Chr.).  Das  T  ist  oft  gespalten  und  leicht  mit  Y  zu  verwechseln, 
sein  Querbalken  manchmal,  wie  auch  bei  anderen  Buchstaben,  leicht 
nach  unten  gebogen;  das  ro  hat  schon  vielfach  die  Minuskelform. 

Xamentlich  in  der  Zeit  von  150 — 100  v.  Chr.  wird  die  Schrift 
schönerund  freier  und  bleibt  doch  wohl  proportioniert  (Kenyon,  Pal.  p. 40); 
sie  ist  regelmäßig,  ohne  steif  zu  werden,  es  ist  die  classische  Zeit  der 
ptolemäischen  Cursive;  dann  folgt  eine  Zeit  des  Verfalls,  in  der  sich 
der  römische  Ductus  vorbereitet. 

Der  Übergang    von    der    ptolemäischen    zur    römischen    Majuskel- 

cursive  vollzog    sich    nur   allmählich;    von    dem   Oxyrh.  Pap.  2  Nr.  277 

aus  dem  12.  Jahr  des  Augustus  sagen  die  Herausgeber:  the  Imndwriting 

refains  a  stronglt/  marked   Ptolemaic  appeare^ice. 

^ti)wiief^  Vor  der  römischen  Periode  folgt  eine  Lücke  in  der  Überlieferung. 

Die  letzte  Zeit  der  Selbständigkeit  Ägyptens  ist  unter  den  datierten 
Papyrusurkundeu  unverhältnismäßig  schwach  vertreten,  die  erst  für  die 
Zeit  des  Augustus  wieder  zahlreicher  werden.  Kenyon,  Pal.  p.  4 1  nennt 
sie  the  most  obscure  period  in  the  whole  history  of  papynis-palaeography, 
and  it  cannot   even  yet  he  said  to  he  adeqtiately  known:    für   die  römische 


—     175     — 

Kaiserzeit  haben  wir  reicheres  Material.  Kenyon  gibt  in  seiner  aus- 
gezeichneten Monographie  (Pal.  p.  42  ff.)  nicht  nur  vorzügliche  Schrift- 
proben der  römischen  Zeit,  sondern  hat  auch  auf  die  charakteristischen 
Buchstabenformen  dieser  Periode  hingewiesen. 

.,Eine  Eegeneration  scheint  die  Augusteische  Epoche  gebracht  komische 
zu  haben;  ihre  Schriftformen  sind  von  mir  übersichtlich  dargestellt 
in  den  Pajiyr.  scripturae  graecae  spec.  isagogica.  Leipzig  1900. 
Dieser  Schriftcharakter  bleibt  bis  Vespasian.''  Vgl.  Wessely,  Stud.  z« 
Pal.  1  S.  XXI V^.  Dem  ersten  Jahrhundert  n.  Chr.  gehören  an:  die 
London.  Pap.  CXXX-CXXXI,  ferner  XCYIII  und  CX,  vielleicht  auch 
dem  zweiten  Jahrhundert  n.  Chr.  Reicher  sind  die  Sammlungen  von  Berlin 
und  Wien.  Alphabete  1 — 51  n.  Chr.  s.  Wessely,  Pap.  gr.  specim.  Taf.  15. 
Cursive  aus  der  Zeit  des  Tiberius  s.  Zucker,  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad. 
1911,  795  A.,  zwei  Edicte  des  Germanicus.  Griech.-lat.  Biliugue  vom 
Jahre  237  n.  Chr.:   Pap.  Oxyrh.  8  p.  192  <pl.  VII>. 

Der  römische  Ductus  strebt  nach  Rundung  und  cursiver  Leichtig- 
keit; die  Buchstaben  sind  schmäler  und  mehr  zusammengedrängt.  Die 
Höhe  der  Buchstaben  ist  meistens  eine  mittlere,  wenn  auch  hohe  und 
tiefe  Buchstaben  nicht  vollständig  fehlen;  die  häufiger  werdenden  Liga- 
turen befördern  den  cursiven  Charakter  der  Schrift.  B,  €,  K,  N  werden 
häufig  ohne  abzusetzen  geschrieben;  der  spitze  Winkel  des  K  wird  oft 
durch  eine  Curve  ersetzt. 

Ihren  Höhepunkt  erreicht  die  römische  Cursive  in  der  zweiten 
Hälfte  des  ersten  Jahrhunderts. 


iyyvoiQ    elq    exriaiv    rbv    vjiäo/ovToc   avrf^    leoi    xu    ■/uj.xo)\üv/iiu 

5TOd(T€«0J/)]   I    KsCfCiXcOVOq  x)SjO0V    aOOVOOJV  ovo    l    ÖfTOJV    taV    T}  .  .    [....]! 

ili   in,    Svo   ccjib   rov  kvtarcoToq  tbtuotov  erovg,    Tißeoiov  [/vc^/Woo-:]  j 
ini  Toircüi  (ikoi  roTs  fiefiiaif-cofjLtvoig  tQv  iyßr,[aoiiii'(üv]  \ 
Fig.  55.     Römische  Majuskelcursive. 

Papyr.  gr.  berol.  ed.  Seh.  15a.    14.  X.  17  d.  Chr. 

Das  A   ist   ein  häufiger   Buchstabe   und   daher  in   seinen   Formen   Rinzeine 

Formen 

sehr  mannigfaltig.  Die  Grundform  ist  cX  ,  was  sich  ohne  abzusetzen 
schreiben  läßt;  der  letzte  Grundstrich  erreicht  aber  häufig  nicht  die 
Linie,  auf  der  die  Buchstaben  stehen;  auch  der  abgerundete  Vorderteil 
ist  sehr  häufig  nicht  geschlossen   und  der  Buchstabe  verflacht  sich  zu 


—     176     — 
einem  nach  oben  gewendeten  spitzen  Winkel,  indem  eine  Schlinge  den 
aufsteigenden  und  absteigenden  Teil  verbindet  -A.   (Taf.  4  a,  5).    Manch- 
mal findet  sich   eine  Form  des  A,   die   sich   vom  A  kaum  noch  unter- 
scheiden läßt. 

Sehr  altertümlich  ist  aber  ein  spitzer  Winkel  nach  links  für  a  schon  im 
dritten  und  zweiten  Jahrhundert  v.  Chr.  (Taf.  4  a,  3 — 4).  „Dieses  Haken- 
alpha ist''  nach  Wilcken,  Arch.  f.  Pap.  1,  362,  „sogar  in  die  römische 
Zeit  hinübergegangen."    Wir  finden  die  Form  noch  in  einem  Privatbriefe 

vom  Jahre  41  n.  Chr.^  Es  scheint  aus  der  Form  m  ,  wie  Wilcken  meint, 
zunächst  für  die  Abbreviaturen  entstanden  zu  sein  und  hatte  wohl 
ursprünglich  seinen  Platz  über  den  mittleren  Buchstaben,  doch  steht 
es  bald  auch  auf  der  Linie  und  geht  sogar  Verbindungen  ein  nach 
rechts  und  nach  links  (a.  211);  solche  Ligaturen  am  Ende  eines  Wortes 
haben  sich  am  längsten  gehalten  als  das  l_  im  Anfang  nicht  mehr 
geschrieben  wurde  (ca.  350)  (Taf  4  b,  4). 

In  römischer  Zeit  findet  man  wohl  das  Zeichen    S    ,  das  mit  dem 

Abkürzungsstrich  eine  gewisse  Ähnlichkeit  hat  und  z.  B.  von  Wesseiy 
identificiert  wurde.  Aber  in  den  Tebtunis  Papyri  II  Nr.  294  findet 
man  axo^xijya  und  Nr.  599  dtuyByoSTirat,  Formen,  die  keinen  Zweifel 
mehr  daran  lassen,  daß  wirklich  ein  a  gemeint  ist.^ 

Das  B  kommt  in  seiner  uncialen  Form  auch  in  der  Cursive  vor, 
aber  meistens  schon  im  zweiten  Jahrhundert  v.  Chr.  als  hoher,  manch- 
mal aber  auch  zugleich  als  tiefer  Buchstabe  (T.  4a,  1.  2.  16.  17).  Aus- 
nahmsweise öffnet  sich  gelegentlich  der  eine  Halbkreis  nach  rechts,  der 

andere  nach  links     'c   ,^  aber  der  Buchstabe  ist  unbequem  zu  schreiben, 

in  einem  Zuge  läßt  sich  das  nur  tun,  wenn  man  entweder  unten 
beginnt  wie  beim  ß  oder  in  der  Mitte,  wo  die  Halbkreise  zusammen- 
stoßen:    G    •    Diese  Form  findet  sich  in  den  Inschriften  von  Paros,  Siph- 

nos,  Keos  (s.  Kirchhoff,  Studien  Taf.  I)  und  taucht  wieder  auf  in  der 
Minuskel  des  13.  Jahrhunderts  (s.  Taf.  9  a.  1255;  10  a.  1273  usw.);  auch 
das  lateinische  h  hat  einen  ähnlichen  Ursprung. 

In  der  griechischen  Cursive  suchte  man  das  Problem  in  anderer 
Weise  zu  lösen:  man  verflachte  die  beiden  Rundungen  zu  einem  geraden 
Strich,  dadurch  entsteht  die  schematische  Form  D,  Fl,  U  und  diese 
Form  ist  nicht  auf  die  Paläographie  beschränkt.  D  (für  B)  kommt 
auf  Münzen  um  die  Zeit  vor  Christi  Geburt  vor.^     Diese  geschlossene 

•  Vgl.  AVochenschr.  f.  kl.  Philol.   1908,  1221. 

2  BGU.  4,  123  (P.  10527). 

3  The  Amherst  Papyri  II  pl.  IX  (a.  157). 

*  Gr.  coins  in  the  Brit.  Museum:  Wroth,  Parthia  p.  165  n.  2. 


—     177     — 

Form  kommt  auf  Papyrus  nur  selten  vor,  auch  die  zweite  ist  nicht 
liäutig,  kommt  aber  vor  z.  B.  im  Jahre  211  vor  Chr.  (Taf.  4  a,  3)  und 
ausnahmsweise  auch  noch  im  ersten  Jahrhundert  vor  Chr.  (Taf.  4  a,  6). 
Im  Edict  des  Germanicus  (Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1911  T.  V)  gleicht 
das  unciale  B  einem  lateinischen  r  und  das  cursive  ß  einem  lateini- 
schen D.  Die  gewöhnliche  cursive  Form  dagegen  ist  U  (neben  dem 
uncialen  B)  abgerundet  und  mit  Verbindungsstrich  a,  wie  sie  sich  bis 
in  die  letzte  Zeit  der  Minuskel,  bis  in  das  14.  und  ausnahmsweise 
noch  bis  in  das  15.  Jahrhundert  gehalten  hat.  Um  Verwechselungen 
vorzubeugen,  pflegte  man  das  u-förmige  B  selten  nach  links,  meistens 
nach  rechts  zu  verbinden.^ 

r  muß  in  zwei  Strichen  geschrieben  werden,  weil  es  sich  sonst  zu 
leicht  zu  einem  Häkchen  verflacht.  Wenn  man  oben  beginnen  will, 
werden  es  sogar  drei  Striche  y^;  so  entsteht  die  gespaltene  Form 
des  /  (s.  auch  t).  Verbindungen  des  y  sind  meist  nur  nach  rechts 
üblich,  weil  dieser  einfache  Buchstabe  sonst  zu  leicht  verschwindet; 
aber  sie  kommen  auch  nach  links-  vor  z.  B.  bei  uoyvo  (im  Jahre  97 
n.Chr.,  Taf.  4  a,  (^  11).  Durch  einen  horizontalen  Verbindungsstrich  ist 
das  /  an  das  o  angeschlossen,  und  der  horizontale  Querbalken  beugt 
sich  nach  unten,  um  das  v  auszudrücken;  für  das  f  bleibt  also  nur  I 
übrig. 

Das  pyramidale  A  ist  unbequem  zu  schreiben,  der  letzte  Strich 
wird  oft  von  den  anderen  beiden  getrennt,  um  Verbindungen  nach 
rechts  einzugehen. 

Das  E  ist  ein  unbequemer  Buchstabe;  zunächst  hat  auch  der 
Schreiber  die  epigraphische  Form  angewendet,  aber  bald  wurden  die 
Winkel  abgerundet;  „ohne  Cursivformen  für  diesen  Buchstaben  gibt  es 
überhaupt  keine  Cursive."^  Das  E*  läßt  sich  in  einem  Zuge  nur 
schreiben,  wenn  entweder  der  obere  oder  der  untere  Teil  des  Halb- 
mondes   mit   dem  Querbalken   verbunden  wird:    0-  oder  b    (Taf.  4a,  5); 

daneben  die  Form  ß-  schon  im  Edict  des  Germanicus  (Sitzungsber. 
d.  Berl.  Akad.  1911  T.  V. 

In  der  älteren  Majuskelcursive  fehlt  meistens  dieser  Verbindungs- 
strich und  das  £  behält  im  wesentlichen  seine  unciale  Form,  wenn  er 
auch  gelegentlich  in  eine  obere  und  untere  Hälfte  zerlegt  wird.^     Für 


^  Zur  Geschichte  des  B  vgl.  Skias,  XvyiH.  eic  Trjv  iato^jiuv  lov  b'/.lrjvmov  üXqitt- 
Bi'jiov.  Ephem.  archaiol.  III,  2.  1892.  109.  —  Bates,  W.  N.,  The  origin  of  the 
u-form  of  ßqxu  in  gr.  inss. :  Transaetions  of  Amer.  philol.  assoe.  27.  1896  p.  X. 

■^  Nach  links  s.  Taf.  4  a,  10. 

^  Blass,  Gott.  Gel.  Anz.  1894  S.  495. 

*  Vgl.  Wilcken.  Areh.  f.  Pap.  1.  S.  363. 

*  Ausnahmen  bei  Wilcken  a.  a.  0.  S.  363. 

Gardthausen ,  Gr.  PaläograpLie.    2.  Aufl.    II.  12 


—     178     — 

die  römische  Zeit  ist  es  dagegen  bezeichnend,  daß  das  e  viel  häu- 
figer von  unten  beginnt  und  den  Querstrich  an  den  oberen  Teil  des 
Buchstabens  anschließt.  Der  Schreiber  setzt  oft  an  mit  einem  Auf- 
takt:   .  oder  \  und  dann   erst  folgt  der  eigentliche  cursive  Buchstabe 

(Taf.  4  a   e.  11   und  £^  11;   4  b,  5);    ^    aber    ist    die    römische    Form. 

£  läßt  sich  auch  schon  in  ptolemäischer  Zeit  nachweisen.^ 

Aber  die  römische  Form  beschränkt  sich  nicht  auf  die  Zeit  von 
Augustus  bis  ca.  400  n.  Chr.  Namentlich  in  Ligaturen  wird  diese  unten 
beginnende  Form  ohne  den  Auftakt  mit  Vorliebe  angewendet  und  dabei 
vielfach  verkleinert,  verstümmelt  und  verflacht. 

Das  H  besteht  eigentlich  aus  drei  gesonderten  Strichen,  die  sich 
in  einem  Zuge  nur  schreiben  lassen,  wenn  man.  wie  im  Lateinischen, 
den  oberen  Teil  des  letzten  Striches  abwirft,-  also  h  (Taf.  4  a,  3);  und 
diese  Form  ist  neben  der  uncialen  in  der  älteren  Majuskelcursive  die 

gewöhnliche,  manchmal  mit  Verbindungsstrich:  hc  (Taf.  4a,  6).  Da- 
neben auch  umgekehrt  q  (166  n.  Chr.).  In  der  jüngeren  Schrift  kommt 
diese  Form,  wie  Wessely  bemerkt,  nur  noch  in  der  Abkürzung   u/P 

fiTjToög  vor.  Aber  in  römischer  Zeit  suchte  man  dies  Problem  in  anderer 
Weise  zu  lösen;  man  schrieb  h  (Taf.  4a,  10 — 11):  von  dem  vorderen 
Strich  warf  man  den  unteren,  von  dem  hinteren  den  oberen  Teil  fort, 
nun  ließ  sich  alles  in  einem  Zuge  schreiben  und  der  Buchstabe  er- 
forderte, hochgestellt,  nicht  mehr  Platz  als  ein  I.  "Wenn  diese  ein- 
fache Erklärung  richtig  ist,  braucht  man  nicht  mit  Wilcken  (a.  a.  0. 
S.  363)  an  eine  ptolemäische  Abbreviatur  zu  denken,  da  dies  Zeichen 
in  ptolemäischer  Zeit  noch  nicht  angewendet  wurde.  In  datierten 
Schriftstücken  finden  wir  es  nach  Kenyon  (Pal.  p.  44)  nur  in  der  Zeit 
von  50 — 160  n.  Chr.,  nach  Wilcken  S.  363  Anm.  5.  6  dagegen  in  der 
Zeit  von  Augustus  bis  zum  Jahre  221  n.  Chr.    Im  vierten  Jahrhundert 

kommt  es  nicht  mehr  vor.   Preisigke  ergänzt    i    durch  Punkte  zu  einem 

gewöhnlichen  7].^  Es  wird  ungeniert  nach  rechts  und  links  verbunden 
(Taf.  4  a,  11). 

Das  0  behält  in  vorchristlicher  Zeit  die  meist  geschlossene  unciale 
Form  eines  unten  breiteren  Ovals;  aber  man  suchte  das  Oval  mit  dem 


1  Siehe  Amherst  Papyri  2  Nr.  39  pl.  T  (Ende  des  2.  Jahrh.  v.  Chr. 
*  Im  Edict  des  Germanicus,    Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1911,  795  hat  rj  die 
Gestalt  eines  liegenden  S :  ^ . 

^  Straßbg.  Papyr.,  herausgeg.  von  Preisigke  Nr.  43  (a.  331  u.  Chr.). 


—     179     — 

Querstrich  zu  verbinden,    (9*    im  Jahre  104  v.  Chr.,  und  so  entstand  später 

die  aufgelöste  cursive  Form  &  ^  namentlich  bei  Ligaturen.  Aufgelöst 
ist  auch  das  &  (Taf.  4  b,  5 — 6),  das  wie  ein  a  mit  einem  Querstrich  an 

der  Linie  befestigt  wird.  Auffallend  ist  ferner  die  Form  o^  ,  wo  der 
Querstrich  schräg  hinzugefügt  wird. 

Beim  I  beginnt  der  Schreiber  oft  oben  rechts  mit  einer  Keule, 
damit  der  einfache  Strich  nicht  übersehen  wird.  Das  Schluß- 1  am 
Ende  der  Zeile  wird  gelegentlich  nicht  mehr  geschrieben,  sondern  nur 
durch  einen  Schnörkel  angedeutet.^ 

K  bleibt  in  ptolemäischer  Zeit  uncial,  wenn  auch  der  Stamm  des 
Buchstabens  manchmal  nach  oben  oder  unten  verlängert  wird  (Taf.  4  a,  1.2). 
Aber  schon  im  ersten  Jahrhundert  v.  Chr.  bereitet  sich  die  cursive 
Form  vor  durch  das  Streben,  beide  Teile  des  Buchstabens  zu  einem 
Zuge  zu  vereinigen:  K  und  U  (Taf.  4a,  3.  4).  Meistens  ist  der  linke 
Teil  höher  als  der  rechte;  wenn  sie  dagegen  gleich  sind,  so  gehört 
das  X  zu  den  mittleren  Buchstaben  (Taf.  4  a,  10). 

Das  Lambda  ist  pyramidal,  manchmal  mit  überhöhter  Spitze;  im 
zweiten  Jahrhundert  v,  Chr.  nähert  sich  der  zweite  Strich  der  Horizontale 
(Taf.  4a,  6.  7);  die  Form  der  ausgebildeten  Minuskel  kommt  in  der 
Majuskelcursive  noch  nicht  vor.  Bei  AA  tritt  oben  häufig  Cäsur  ein 
(Taf.  4  b,  4.  6). 

Letters  such  as  M  TT  T  have  an  ahnost  excessive  breadth  in  their  hori- 
zontal Strohes  (Kenyon  p.  37).  M,  a  very  characterisÜG  leiter  in  Ptolemaic 
hands,  wie  Kenyon  sagt.     Für  das   dritte  Jahrhundert  v.  Chr.  verweist 

er  auf  die  Form     n.    .    In  ptolemäischer  Zeit  besteht  das  ^  nicht  aus 

zwei  AA,  sondern  nur  der  erste  und  manchmal  auch  der  letzte  Strich 
stehen  auf  der  Mittellinie  (Taf.  4  a,  1.  2).  Die  beiden  mittleren  Striche 
verflachen  sich  zu  einem  langgestreckten  Bogen,  der  die  Mittellinie  nicht 
erreicht.  Daneben  hält  sich  die  unciale  Form,  deren  Mittelstriche  viel- 
fach sogar  unter  die  Zeile  herunterreichen.  Selten  beginnt  der  Schreiber 
den  Buchstaben  von  oben  (Taf.  4  a,  1).  In  byzantinisch-arabischer  Zeit  hat 
dieser  veränderte  Anfang  den  Buchstaben  _a  stark  verändert:  Taf.  4b,  8. 
10.  11.  12;  später  ist  diese  Form  aufgegeben.  Meistens  beginnt  der 
Schreiber  von  unten  mit  einem  Aufstrich.  Ligaturen  nach  rechts  und 
links  sind  selten,  weil  sie  z.  B.  bei  nachfolgendem  oj  zu  undeutlich 
werden  (78/79  n.  Chr.);  gelegentlich  verflacht  sich  der  Buchstabe  zu  n 
(Taf.  4  a,  4),  (Cunningham  Mem.  8  p.  65). 


^  Siehe  das  Edict  des  Grermanicus,  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1911  T.  V 
•^  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1911  S.  795. 

12* 


—     180     — 

Das  N  hat  in  der  Papyrusschrift  eine  doppelte  Form:  N  und  M; 
die  erste  Form  ist  für  die  erste  Ptolemäerzeit  charakteristisch;  wie 
das  M,  so  steht  auch  das  N  mit  dem  ersten  Strich  auf  der  Mittellinie; 
der  zweite  Strich  ist  dann  fast  horizontal,  und  der  letzte  steigt  in  die 
Höhe;  so  entsteht  das  schlangenförmige  hohe  N  (Taf.  4a,  1 — 2)  s.  o.  S.  97, 
das  nur  nach  links  verbunden  wird ;  es  hält  sich  (neben  dem  uncialen  N) 

bis  ungefähr  200  v.  Chr.;  in  römischer  Zeit:   fi   (Taf.  4a,  3.  4).   —   Die 

zweite  Form  M  entwickelt  sich  zu  w  und  kann  also  mit  TT  leicht  ver- 
wechselt werden,  um  so  mehr  als  beide  nach  rechts  und  links  ver- 
bunden werden  können;  selbst  mit  dem  |^  kann  es  im  zweiten  Jahr- 
hundert n.  Chr.  verwechselt  werden  (Taf.  4  a,  5),  wenn  der  Schreiber  von 
unten  beginnt  und  die  Horizontale  ein  wenig  einrundet. 

E  mit  drei  getrennten  Strichen  kommt  nur  in  der  ptolemäischeu 
Zeit  vor  (Taf.  4a,  1.  5);  später  sind  sie  zu  zwei,  dann  zu  einem  Zuge 
verbunden  mit  eckigen  oder  runden  Formen. 

Das  0  geschlossen  oder  offen  ist  meist  kleiner  als  die  gewöhn- 
lichen Buchstaben;  manchmal  schrumpft  es  zu  einem  Punkte  zusam- 
men. Erst  im  vierten  Jahrhundert  n.  Chr.  erreicht  der  Buchstabe 
wieder  die  Größe  der  mittleren;  manchmal  wird  er  noch  größer.  Eine 
eigene  Form  für  ov  gibt  es  nicht. 

TT  ist  breit  und  steht  meistens  mit  beiden  Füßen  auf  der  Linie. 

In  der  Regel  beginnt  man  den  Buchstaben  von  oben,  TT,  ri  ;  wenn 
der  Schreiber  aber  von  unten  beginnt,  so  entsteht  ein  Halbki-eis    r\ 

(211  V.  Chr.)  (Taf.  4  a,  4),  den  die  jüngeren  Schreiber  mit  Recht  ver- 
mieden haben,  aber  etwas  vertieft  p  kommt  er  noch  im  zweiten  Jahr- 
hundert n.  Chr.  vor  (Taf.  4a,  14):  gewöhnlich  war  die  unciale  Form  und 
das  n-förmige  ti. 

P  gehört  zu  den  tiefen  Buchstaben  in  der  Unciale  und  Cursive; 
es  besteht  aus  einem  langen  Stamm  mit  einem  offenen  oder  geschlossenen 
Halbkreis,  der  allerdings  selten  wirklich  rund  ist;  er  schrumpft  in 
Ligaturen  manchmal  zu  einem  Punkt  zusammen,  mit  dem  der  Schreiber 

nach  unten  umwendet   n     to,  a.  97  n.  Chr.  (Taf.  4  a,  9),  201  n.  Chr.  und 

manchmal  schwindet  in  der  römischen  Cursive  auch  dieser  Punkt,  so 
daß  nur  eine  Senkrechte  von  mittlerer  Höhe  übrig  bleibt  a/o  (Taf.  4  a,  11), 
97  n.  Chr.  Das  untere  Ende  wendet  sich  meistens  nach  rechts.  Liga- 
turen nach  rechts  und  nach  links  sind  nicht  allzuhäufig  (Taf.  4  a,  13\ 

Das  C  ist  in  der  ältesten  Cursive  ein  Halbkreis  nach  rechts  mit 
stark   entwickeltem  Oberteil,   d.  h.   einem  Querbalken   nach  rechts,  der 


—     181     — 

Ligaturen  ermöglicht;  diese  Normalform  hat  sich  bis  zur  Ausbildung 
der  wirklichen  Minuskel  erhalten,  allein  in  römischer  Zeit  (Taf.  4  a,  10) 
wird  sie  manchmal  durch  einen  Halbkreis  nach  unten  ersetzt  o,  O, 
der  sich  sogar  gelegentlich  oben  zuspitzt  (Taf.  4  a,  10).  —  Erst  mit  dem 
dritten  Jahrhundert  wird  das  aufrechte  C  wieder  Regel.  Ein  eigenes 
Zeichen  für  ar  gab  es  nicht  in  der  Cursive,  man  rückte  höchstens 
beide  Buchstaben  aneinander  heran  (Taf.  4  a,  1.  2). 

Beim  T  kann  nur  der  erste  Teil  des  Querbalkens  mit  dem  Stamme 
zu  einem  Zuge  verbunden  werden,  der  zweite  Teil  des  Querbalkens 
muß  besonders  nachgetragen  werden,  was  aber  oft  unterbleibt;   daher 

1  und  T  in   der  ältesten  Cursive  neben  T  und  r.    Das  letzte  r  hat  im 

wesentlichen  schon  die  Minuskelform;  allein  in  der  älteren  Minuskel- 
cursive  ist  der  Querstrich  links  besonders  stark  entwickelt  oder  über- 
hängend (Taf.  4  a,  3.  4).  Dieses  T  entspricht  ungefähr  dem  Z  in  der 
Schreibschrift  der  Italiener,  Engländer  usw.  Diese  charakteristische 
Form  verschwindet  aber  schon  im  ersten  Jahrhundert  n.  Chr.^  Daneben 
aber  hielt  sich  die  vollständige  Form  mit  beiden  Hälften  des  Quer- 
balkens; um  sie  in  einem  Zuge  schreiben  zu  können,  fügte  man  in 
römischer    Zeit    (oder   vielleicht    schon    kurz    vorher)    einen    Hilfsstrich 

hinzu   y   und  so  entstand  das  gespaltene  T  (Taf.  4a,  6),  das  dem  oben 

erwähnten  gespaltenen  V  entspricht.  Auch  diese  Form  hat  sich  bis 
zum  Ende  der  Cursive  erhalten.  Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  daß 
diese  Form  sich  auch  in  älteren  Papyrusurkunden  wird  nachweisen 
lassen,  denn  sie  findet  sich  sogar  in  älteren  Inschriften.  C.  I.  A.  II,  317 
(Dittenberger,  Sylloge  1^,  189)  vom  Jahre  281/80  v.  Chi',  bietet 
IYPDMBIXDI  statt  -S'rod,a^//05,  das  ist  sicher  mehr  als  Schreibfehler. 
In  der  Ecf.  Ido/aio?..  1903,  133 — 138  kommt  in  einer  attischen  In- 
schrift zweimal  der  Name  Uordijifxov  vor;  einmal  hat  das  T  die  Ge- 
stalt von  Y;  hier  ist  also  kaum  noch  ein  Zweifel  möglich. ^  Noch  un- 
deutlicher wird  dieses  gespaltene  T,  wenn  der  Schreiber  unten  mit  einer 
Schleife  umbiegt  (Pal.  Soc.  11,  184). 

Ein  ganz  anderes  Aussehen  gewinnt  der  Buchstabe,  wenn  man 
unten   mit    dem  Stamm   beginnt  und  ihn  oben  mit  einer  Schleife-^  an 

den    Querbalken    anfügt  «f    oder    T  (Taf.  4  a,  7.  8.  10),  diese  r  können 

dann  leicht  mit  cft  oder  0-  verwechselt  werden;  das  mag  der  Grund  sein, 
weshalb   dieses  Auskunftsmittel  später  nicht  mehr  angewendet  wurde. 


1  Siehe  Arch.  f.  Pap.  1.  368  Aum.  2. 

2  Vgl.  Amer.  Joura.  of  Arch.  II,  8.  1904  p.  362. 
^  Siehe  Fie:.  55  Zeile  4. 


—     182     — 

Y  hat  eine  große  Verwandtschaft  mit  dem  T,  da  der  obere  Teil 
des  einen  Buchstabens  sich  verflacht,  bei  dem  anderen  aber  sich  rundet. 
Wenn  der  abgerundete  Winkel  des  Y  symmetrisch  auf  den  Stamm  ge- 
setzt wird,    läßt    sich    der  Buchstabe    nicht    in    einem  Zuge    schreiben, 

deshalb    wird    er   vielfach    oben    links    angefügt,    ^   (schon    im    dritten 

Jahrhundert  v.  Chr.)  (Taf.  4a,  1),  häufiger  in  römischer  Zeit;   oder  man 

stellt  die  Verbindung  durch  eine  Schleife  her    y  oder    y    (270  n.  Chr.\ 

wenn  man  nicht  die  Schwierigkeit  dadurch  beseitigt,  daß  man  den 
Stamm  beseitigt,  doch  ist  das  in  der  Zeit  der  Ptolemäer  nur  Ausnahme. 
In  römischer  Zeit  aber  rundet  sich  das  V  zu  U  und  nähert  sich 
sogar  einer  etwas  eingedrückten  Horizontale  (Taf.  4  a,  11). 

Beim  0  wechselt  die  unciale  ^  und  die  cursive  Form ;  die  erstere 
hat  zwei,  die  letztere  dagegen  nur  einen  Halbkreis,  nämlich  an  der 
linken  Seite;  mit  diesem  beginnt  der  Schreiber,  er  fährt  dann  mit 
einem  langen  Hilfsstrich  nach  oben  und  beginnt  den  Stamm  des  O. 
Mit  einer  geschlossenen  Schleife  endet  der  Buchstabe  oben  nur  in  der 
Minuskelcursive  und  Minuskel.  In  römischer  Zeit  (93  n.  Chr.)  kreuzt 
sich  gelegentlich  der  Stamm  mit  einem  Querbalken,  der  die  Verbindung 
nach  rechts  herstellt;  allein  dieses  O  konnte  dann  zu  leicht  mit 
einem  Y  +  verwechselt  werden.  Sonst  ist  wenigstens  der  eine  der 
Halbkreise  notwendig,  aber  gelegentlich^  sitzt  er  bei  der  Ligatur  erp 
oben  an  der  Spitze  des  Stammes. 

Das  cursive  oj  ist  eine  Verdoppelung  des  o,  das  meistens  oben 
offen  ist.  Das  erste  o  ist  meistens  vollständig,  das  zweite  aber  meistens 
nicht.  Die  zweite  Hälfte  wird  manchmal  durch  einen  diagonalen  Hilfs- 
strich \  verkürzt  oder  verdrängt;  manchmal  finden  wir  diesen  Hilfs- 
strich aber  auch  bei  dem  vollständigen  Doppelomikron  (Taf.  4  a,  6).  In 
anderen  Fällen  fehlt  er  vollständig,  aber  seine  Richtung  beeinflußt  doch 
wenigstens  die  letzte  Hälfte  des  Buchstabens;  der  eine  Teil  ist  also 
nach  rechts,  der  andere  nach  links  gewendet,  so  entsteht  die  Form  ^o    . 


^  Die  uaoiale  Form  überwiegt  z.  B.  in  einem  sonst  cursiv  geschriebenen 
Papyrus  Pal.  Soc.  II,  144  (=  Thompson-Lambros,  Pal.  241),  den  die  Herausgeber 
aber  fälschlich  dem  Jahre  20  n.  Chr.  zuweisen;  er  stammt  aus  dem  8.  Jahre  des 
Tiberius  Claudius  Caesar  Germanicus,  d.  h.  aus  dem  Jahre  49  n.  Clir. ,  denn  der 
Kaiser  Tiberius  hat  den  Namen  Germanicus  nie  geführt. 

2  Pal.  Soc.  II,  186  a.  221  n.  Chr.  (Taf.  4  a,  15). 


—     183     — 
Canzleischrift. 


VCC    iTll    'JltVTCiETlUV    i'TlO     K/MVÖlOV    'lov- 

Xiuvov  Tov  Öiaari^OTÜTOv  ii'/.rjodjauvrci 
Tov  rTjg  xccrcidixrjg  XQÖvov  ocTiü.vaa. 

Fig.  56.     Canzleischrift  (verkleinert). 
Sitzungsber.  d.  ßerl.  Akad.  1910  S.  713.    Schabart  35. 

Nur  mit  einem  AVorte  sei  hier  die  griechische  Canzleischrift  ^g^c^fm' 
der  römischen  Behörden  erwähnt,  die  wir  erst  kürzlich  genauer  kennen 
gelernt  haben  (s.o.  S.  160).  Sie  kann  uns  als  Typus  gelten  für  die 
Entwicklung  der  Majuskelcursive  im  dritten  Jahrhundert  n.  Chr.^  Es 
ist  ein  Schreiben  des  Subatianus  vom  27.  Dezember  209,  vollständig 
in  Form  eines  Briefes,  aber  nicht  in  Briefschrift,  sondern  in  einer  ganz 
eigenartig  stilisierten  Canzleischrift.  Man  kann  in  der  Tat  zweifeln,  ob 
sie  der  Unciale  oder  der  Cursive  zuzuweisen  ist;  unverbunden  sind  die 
einzelnen  Buchstaben  nicht,  aber  wenig  verbunden.  Nahe  verwandt 
ist  auch  die  Schrift  der  drei  Erlasse  Caracallas  aus  den  Jahren  212 
und  215  über  die  Verleihung  des  römischen  Bürgerrechts.^ 

Der  ganze  Ductus  ist  eine  vornehme  Stilisierung  der  Schrift  des 
täglichen  Lebens;  er  erinnert  noch  am  meisten  an  Pal.  Society  11,  186. 
Officiel  return  (a.  D.  221,  s.  Taf.  4a),  obwohl  die  Schrift  hier  lange  nicht 
die  strenge  Stilisierung  und  anderseits  mehr  Verbindungen  hat,  so  daß 
dort  an  dem  cursiven  Charakter  nicht  gezweifelt  werden  kann.  „Ein  Proben 
hervorragendes  Muster  hellenistischen  Canzleistils  ist  [BGÜ]  Nr.  82 
[vom  Jahre  185  n.  Chr.],  ein  kalligraphierter  Erlaubnisschein."^  Ohne 
ein  Facsimile  läßt  sich  nicht  sagen,  ob  diese  Urkunde  auch  in  graphi- 
scher Beziehung  hierher  zu  rechnen  ist.    Dagegen  darf  man  nicht  den 


*  Vgl.  Zucker,  Urkunde  aus  der  Canzlei  eines  römischen  Statthalters  von 
Ägypten  in  Originalausfertigung:  Sitzungsber.  der  Berl.  Akad.  1910  S.  710 
<m.  T.  V>. 

-  Griech.  Papyr.     Gießen.  1  S.  25  Nr.  40,  m.  Facsim. 

3  Berl.  Philol.  AVoch.  1894  S.  670. 


—     184     — 

Pap.  Gissens.  Nr.  40  hierherziehen ^  mit  dem  Vermerk  recognovi\  er  ist 
an  die  Eegierung  gerichtet,  nicht  aus  der  Regierungscanzlei  hervor- 
gegangen. Ferner  haben  wir  eine  Probe  der  ofliciellen  Canzleischrift 
eines  ßaaihxoi  y^afifiurev^  vom  Jahre  219/20  n.  Chr.^  Dieser  Canzlei- 
schrift scheint  sich  wenigstens  zu  nähern  eine  Urkunde  in  Wien,  Führer 
durch  die  Ausstellung  Nr.  481  (o.  Facsim.),  Fragment  einer  überaus 
großen,  prächtig  mit  Raumverschwendung  geschriebenen  Urkunde  (nach 
Wessely,  Schrifttafeln  Nr.  28:  um  550  n.  Chr.).  Proben  einer  sorgfältigen 
Canzleischrift  vom  Jahre  289  n.Chr.  s.  auch  beiWilcken,  Tafeln  Nr. XIV; 
es  ist  ein  privater  Coutract,  der  allerdings  nicht  aus  der  Regierungs- 
canzlei stammt.  Endlich  ist  noch  das  kaiserliche  Rescript  für  den 
Statthalter  der  Thebais  zu  erwähnen.^  Mit  Ausnahme  der  letzten 
Proben  stammen  die  anderen  alle  aus  der  kurzen  Zeit  von  209—221 
n.  Chr.;  frühere  kennen  wir  nicht,  man  möchte  also  annehmen,  daß 
diese  Canzleischrift  sich  damals  unter  Caracalla  ausgebildet  oder  in 
die  ägyptischen  Canzleien  ihren  Eingang  gefunden  habe.  .Nach  dem 
^%nS'  Pap.  Hamburg.  Nr.  18  hatte  die  ägyptische  Canzlei  eine  besondere 
Rescripte  Rubrik:  av&{ei>TixüJv)  imaTol[a}v)  xal  ßiß/.[iSicov)  v7ioxexoX{hifiivcov\  das 
der  Herausgeber  mit  vollem  Recht  auf  die  kaiserlichen  Rescripte 
bezieht. 

Zucker  hat  sofort  richtig  anerkannt,  daß  wir  hier  (Fig.  56)  ein 
Original  der  griechischen  Canzleischrift  vor  uns  haben,  und  diese  An- 
nahme wird  bestätigt  durch  eine  Vergleichung  mit  altrömischer  Canzlei- 
schrift* allerdings  späterer  Zeit:  ich  meine  den  Ravennater  Papyrus  von 
ungefähr  450  n.  Chr.  bei  Marini  Papiri  diplomatici  74  tab.  III. 

rö^"Siziei  ^^^    ^^^   Schreiber    der    griechischen    und    römischen   Canzlei    ihr 

Handwerk  verstanden  und  ihr  Handwerkszeug  meisterhaft  beherrschten, 
braucht  nicht  erst  gesagt  zu  werden;  die  Formen  der  Buchstaben  sind 
nicht  gerade  prätentiös,  aber  doch  von  einer  ungewöhnlichen  Größe 
und  Würde,  um  durch  die  großen  feierlichen  Formen  der  Buchstaben 
den  officiellen  Charakter  hervortreten  zu  lassen.  Dabei  ist  die  Schrift 
streng  stiHsiert,  um  Nachahmungen  zu  erschweren.  Die  ungemein 
sichere  aber  feine  Linienführung  ohne  Haar-  und  Grundstriche  gibt  der 

1  Siehe  Ztschr.  d.  Savigny-Stift.  32.  1911.    Korn.  Abt.  S.  378. 

2  Pap.  gr.  berol.  coli.  Schubart  Nr.  32  a;  vgl.  32b  u.  35.  Pap.  London  II  Plate 
84,  III  Plate  44  55.  —  Pap.  Straßbg.  Tab.  2.  —  Pap.  Giss.  Tab.  IV.  VI.  —  Pap. 
Hamburg  Tab.  VI. 

3  Siehe  Maspero,  J.,  Catal.  gener.  du  musee  du  Caire  51.  1910  Nr.  67  024 
bis  67025  <pl.  XIV— XV>,  vgl.  67  026. 

*  Proben  lateinischer  Canzleischrift  s.  Bresslau,  Urkundenl.  1,  906  A,  5,  über 

die   Originale   s.  o.   —   Wessely,   Schrifttaf.  z.  ült.  latein.  Paläogr.   tab.  X  Nr.  25, 

XI  Nr.  28  Kai.sereursive.  —  Siehe  B.  Bretholz,  Lat.  Paläogr.  in  Meister,  Grund- 
riß 1  S.  84. 


—     185     — 

Canzleischrift  das  Gepräge  der  Feinheit  und  Vornehmlieit.  Zum  Stil 
des  Schreibers  gehört  es,  daß  die  Stämme  der  Buchstaben  meistens 
mit  einem  Aufstrich  anfangen  und  mit  einem  Häkchen  oder  Punkt 
endigen,  z.  B.  );  das  e  beginnt  in  der  Mitte  mit  j  und  der  Halbmond 
wird  oben  darauf  gelegt.  Im  Griechischen  sind  sie  von  einer  lapidaren 
Einfachheit,  im  Lateinischen  des  fünften  Jahrhunderts  schon  mehr 
schwülstig  und  beinahe  barock.  Die  Buchstaben  im  Griechischen  sind 
lang  gestreckt,  aber  doch  nicht  ohne  Proportionen,  die  lateinischen  dagegen 
oft  unverhältnismäßig  groß. 

Der  Unterschied  der  Zeit  macht  sich  besonders  darin  bemerkbar, 
daß  das  Vierliniensystem  in  der  griechischen  Canzleischrift  nur  in  den 
ersten  Anfängen,  in  der  lateinischen  vollständig  ausgebildet  vorhanden 
ist.  Wenn  wir  eine  griechische  Urkunde  dieses  Stiles  von  400  n.  Chr. 
besäßen,  so  würde  dieser  Unterschied  sicher  nicht  mehr  vorhanden 
sein.  Der  lateinische  Schreiber  v.  J.  450  verwendet  dieselben  storch- 
beinigen und  langhalsigen  Formen,  wie  die  griechischen  seiner  Zeit 
(s.  d.  Facsimile  von  Schubart  Nr.  46},  und  um  diesen  überschlanken 
Formen  den  nötigen  Halt  zu  geben,  beginnt  er  wie  im  Griechischen  oft  mit 
einem  Aufstrich  von  unten  h.  Die  Grundform  der  Buchstaben  ist  bei  beiden 
rechteckig;  und  beim  Rechteck  wie  beim  Oval  ist  besonders  die  obere 
Hälfte  betont,  die  untere  dient  nur  dazu,  dem  Buchstaben  die  nötige 
Länge  zu  geben.  Nur  die  Vocale  wollen  sich  dieser  Grundform  nicht  recht 
fügen;  das  o  erhält  die  nötige  Länge  durch  Verdopplung  8;  im  Griechi- 
schen hat  es  die  Form  einer  geschlossenen  8,  im  Leiteinischen  einer 
oben  offenen  8.  J  und  U  haben  meist  die  gewöhnliche  Größe  im 
Lateinischen,  manchmal  auch  das  E,  daneben  aber  kommt  A  und  E 
auch  ganz  klein  vor,  oben  eingehängt  an  dem  nächsten  Buchstaben 
von  gewöhnlicher  Größe.  Auch  in  der  griechischen  Canzleischrift  vom 
Jahre  209  gibt  es  eingehängte  Buchstaben,  in  erster  Linie  cc  und  «>  Bucliltabla 
einmal  auch  A  {K'/.avÖiov).  Diese  auffallenden  Übereinstimmungen 
weisen  entschieden  auf  einen  Zusammenhang  der  griechischen  und 
lateinischen  Canzleien  hin.  Viele  Behörden  hatten  sicher  eine  griechische 
und  lateinische  Correspondenz  zu  führen,  die  Schreiber  beider  Sprachen 
hatten  wohl  oft  persönliche  Berührungen;  manche  mußten  vielleicht  in 
beiden  Sprachen  Schriftstücke  anzufertigen;  also  Beeinflussungen  sind 
nicht  unmöglich.  Wessely  (s.  u.)  meint,  die  Eigentümlichkeiten  der 
lateinischen  Canzlei  seien  in  der  griechischen  nachgeahmt;  mir  scheint 
es  wahrscheinlicher,  da  wir  diesen  Stil  bereits  im  Jahre  209  bei  den 
Griechen  vollständig  ausgebildet  finden,  daß  die  beiden  Alphabete,  die 
doch  nahe  verwandt  sind,  bei  beiden  Völkern  eine  parallele  Entwick- 
lung genommen  haben. 

Die    neu    entdeckte  griechische   Canzleischrift  besteht  aus  hohen,   ^g^c^ffft' 
schmalen,  ganz  senkrecht  gestellten  Buchstaben  ohne  Haar-  und  Grund- 


—     186     — 

striche.  Außer  mittleren,  hohen  und  tiefen  Buchstaben  gibt  es  noch 
kleine  über  der  Linie  geschriebene,  meist  in  cursiven  Formen.  A  kommt 
als  mittlerer  und  als  kleiner  Buchstabe  vor,  und  in  der  kleinen  Form 
ist  es  cursiv  und  dann  meist  nach  (links  und)  rechts  verbunden, 
ebenso  A  in  Verbindung  mit  dem  langen  I;  während  die  andern  Buch- 
staben nicht  verbunden,  sondern  höchstens  aneinander  herangerückt  sind. 
Charakteristisch  ist  das  €:  der  untere  Teil  des  langgezogenen  Halb- 
kreises hat  die  Höhe  der  mittleren  Buchstaben,  und  der  obere  etwas 
kürzere  Teil  des  Halbkreises  mit  dem  Querbalken  ragt  über  die  Höhe 
der  mittleren  Buchstaben  empor;  eigentümlich  ist  auch  die  strenge  Stili- 
sierung des  seitlich  zusammengedrückten  0,  das  nur  oben  rund  ist,  wäh- 
rend der  Schreiber  unten  mit  einer  Schleife  nach  oben  zurückkehrt. 
Auch  das  C  ist  ebenso  lang  und  schmal  wie  das  0.  Ebenso  unsym- 
metrisch wie  das  €  ist  das  H,  wo  der  Querstrich  nicht  in  der  Mitte, 
sondern  in  der  oberen  Hälfte  des  Buchstabens  liegt.  Beim  B  und  K 
schneiden  sich  die  schrägen  Striche  jenseits  des  Stammes.  Das  M  hat 
schon  beinahe  die  präkoptische  Form. 

Kurz,  es  ist  eine  große  deutliche  Canzleischrift,  deren  offizieller 
Charakter  namentlich  auch  in  der  möglichsten  Vermeidung  der  cursiven 
Vulgarismen  hervortritt.  Die  ungewöhnliche  Höhe  und  Länge  der 
Buchstaben  scheint  zum  Wesen  der  Canzleischrift  zu  gehören  und 
wiederholt  sich  z.  B.  in  dem  unten  zu  besprechenden  byzantinischen 
Kaiserbrief  und  in  der  Notariatsschrift  des  Mittelalters. 


Fünftes  Kapitel. 

Cursive  II. 

Byzantinisch- arabische  Minuskelcursive.^ 

Die  Scheidung  zwischen  der  Bücherschrift  und  der  Briefschrilt 
war  definitiv  vollzogen.  Die  Schrift  des  täglichen  Lebens  war  nicht 
mehr,  wie  ursprünglich,  eine,  wenn  auch  erlaubte,  Vereinfachung  der 
kalligraphischen  Charaktere,  die  dem  Schreiber  zu  viel  Mühe  gemacht 
hätten.  Die  Briefschrift  hatte  längst  Selbständigkeit  und  Anerkennung 
gefunden  und  konnte  bereits  auf  eine  Jahrhunderte  lange  Entwicklung 
zurückblicken.  Das  cursive  Element  bedurfte  keiner  Entschuldigung 
mehr  und  wurde  nunmehr  bis  in  seine  Consequenzen  ausgebildet. 


^  Kenyon  nennt  die  letzte  Periode  spätbyzantinisch,  Gr.  papyri  iu  the  Br. 
Mus.  2  (1898)  p.  323,  the  late  Byzantine  period,  froin  the  sixth  Century  to  the 
end  of  greek  writing  in  Egypt. 


—     187     — 

Die  byzantinische  Schriftart  ist  mehr  rechteckig  und  im  all- 
gemeinen schwerer,  sie  zeichnet  sich  aus  durch  überlegte  Sorgfalt  und 
bewußten  Ductus.  Kenyon  (Pal.  p.  49)  charakterisiert  sie  in  folgender 
Weise:  the  fully-formed  Byxantine  hand  is  a  large,  ivell  marked,  and  rather 
handsome  hand;  not  so  delicate  as  the  best  examples  of  the  fourtk  Century, 
hut  regulär,  with  ornamental  strokes  and  curves,  and  with  and  unmistakable 
air  of  formalily. 

Manche  Eigentümlichkeiten  teilt  sie  mit  der  gleichzeitigen  lateini- 
schen Cursive.^  ,, Gleichzeitige  lateinische  und  griechische  Denkmäler 
tragen  denselben  Charakter,  Latein  und  Griechisch  ist  zum  Verwechseln 
ähnlich  geworden  und  auch  wirklich  verwechselt  worden".^ 

Auf  die  unleugbare  Ähnlichkeit  der  jüngeren  griechischen  und  r^^.^curs'ive 
römischen  Cursive  war  man  schon  früher  aufmerksam  geworden;  man 
erklärte  sie  durch  eine  Abhängigkeit  der  Eömer  von  den  Griechen. 
Jaff^  sagt  z.  B.:^  „Ganz  isoliert  innerhalb  der  lateinischen  Schrift- 
gestaltungen stehen  e,  m^  n,  auf  deren  Formation  höchst  wahrscheinlich 
die  griechische  Cursive  eingewirkt  hat."  Wessely  dagegen  dreht  die 
Sache  um:  Über  das  wechselseitige  Verhältnis  der  griechischen  und 
lateinischen  Cursive  im  4.  Jahrh.  n.  Chr."*  Er  sucht  diese  Ähnlichkeit 
durch  directe  Einwirkung  der  lateinischen  Cursive  auf  die  griechische 
zu  erklären.  Sehr  dankenswert  sind  auch  die  ausführlichen  Ligaturen- 
tafeln griechischer  und  lateinischer  Cursive,  die  beigegeben  sind,  welche 
an  der  großen  Ähnlichkeit  beider  Schriftarten  keinen  Zweifel  lassen. 
Auch  die  neuentdeckte  griechische  Canzleischrift  (s.  o.)  zeigt  eine 
frappante  Ähnlichkeit  mit  der  römischen;  dafür  sprechen  besonders 
die  eingehängten  Buchstaben,  das  sind  bei  beiden  Vocale  außer  e  und  i, 
nach  einer  grammatischen  nicht  graphischen  Einteilung;  das  weist  also 
auf  eine  bestimmte  Schultradition,  die  den  griechischen  und  lateinischen 
Schreibern  gemeinsam  war.  Aber  die  Folgerung,  die  Wessely  daraus 
zieht;,  daß  nämlich  die  Griechen  die  römische  Schrift  nachgeahmt 
hätten,  ist  doch  sehr  zweifelhaft.  Die  Übereinstimmung  ist  so  groß, 
daß  man  nicht  annehmen  kann,  daß  die  Griechen  in  all  diesen  Fällen 
von  den  Römern  abgeschrieben  hätten. 

Einzelne  cursive  Formen  stimmen  allerdings  auffallend  überein. 
Aber   das    lateinische    ist    aus   dem  griechischen  Alphabete   abgeleitet. 


^  Auf  Beziehungen  der  griechischen  Cursive  zu  den  nordischen  Runen  können 
wir  hier  nicht  eingehen.  0.  v.  Friesen,  Om  Ruuenskriftens  hilrkomst,  Uppsala  1904, 
meint,  daß  die  Runen  mit  Ausnahme  weniger  Zeichen  wie  F  (=  lat.  F)  in  Süd- 
rußland aus  der  spätgriechischen  Cursive  abgeleitet  sind,  und  Kosinna,  Mannus  3,  97 
nennt  das  eine  anscheinend  erwiesene  Ansicht. 

''  Wessely,  Studien  zur  Pal.  u.  Pap.  1  p.  XXIV. 

'  .Jahrbuch  des  gemein,  deutchen  Rechts  6,   1863  S.  415. 

*  In  seinen  Studien  zur  Paläographie  1,  1901   S.  XXIII— XXXVI. 


—     188     — 

viele  Buchstaben  (ca.  19  von  23)  haben  hier  ihre  alte  Form  beibehalten; 
auch  die  graphische  Durchbildung  der  Cursive  ist  bei  beiden  Völkern 
^Shnun°*'  dieselbe.  Was  Wessely  für  Entlehnung  hält,  ist  nichts  als  eine  parallele 
Entwicklung;  selbst  das  ^  auf  das  Wessely  hinweist,  ist  durchaus 
nicht  entlehnt  aus  dem  Lateinischen,  es  hat  sich  'selbständig  ent- 
wickelt aus  dem  A  mit  der  überhöhten  Spitze  und  den  abgerundeten 
Winkeln.  Ebenso  wenig  kann  ich  zugeben,  daß  ß  auf  lateinischen 
Einfluß  schließen  läßt.  Beide  Völker  gingen  von  €  aus;  der  Halb- 
mond kann  mit  dem  Mittelbalken  von  oben  und  unten  verbunden 
werden;  beides  haben  die  Griechen  versucht:  b  und  ß:  an  eine  Ent- 
lehnung ist  in  der  Tat  nicht  zu  denken,  auch  das  h  und  v  ist  bei 
den  Griechen  entstanden.  —  Der  Anfang  der  Minuskelcursive  ist  bei 
beiden  Völkern  gleichzeitig  und  wunderbarerweise  auch  ihr  Ende, 
d.  h.  der  Anfang  der  wirklichen  Minuskel.  Das  läßt  sich  wohl  nur 
so  erklären,  daß  beide  Völker  zu  gleicher  Zeit  zu  einem  neuen  Prin- 
cip  der  Schreibung,  dem  Vierlinienprincip  (s.  ü.),  übergingen,  es  nach 
allen  Seiten  verfolgten  und  schließlich  als  erschöpft  aufgaben,  um  die 
Schrift  wieder  aufs  neue  zu  reformieren. 
Höhe  X)er  Unterschied  in  der  Höhe   der  Buchstaben  hat  besonders  den 

Zweck  das  Lesen  zu  erleichtern.  Die  hohen  Buchstaben  werden  so 
hoch,  daß  sie  wegen  ihrer  Länge  nicht  mehr  bequem  in  einem  Zuge 
geschrieben  werden,  ein  cursives  U  wird  in  der  Weise  geschrieben,  daß 
der  Schreiber  erst  ein  u  macht  und  nachträglich  oben  '  hinzufügt.  Dem- 
selben Zweck  dient  auch  bei  den  überlangen  Buchstaben  der  oben 
bereits  erwähnte  (s.  S.  191  a.  599)  Aufstrich  bis  zur  höchsten  Spitze  des 
Buchstabens,  der  gleich  mit  den  überlangen  Buchstaben  anfängt,  z.  B. 
schon  im  Jahre  346.^ 

Die  letzte  Periode  der  arabischen  Cursive  wird  von  Kenyon 
nicht  näher  charakterisiert.  In  der  Tat  treten  ihre  Urkunden  nach 
Zahl  und  Inhalt  nicht  so  stark  hervor,  aber  für  den  Paläographen  gewinnt 
sie  an  Interesse  als  Vorstufe  für  die  Minuskel.  Der  Unterschied 
zwischen  mittleren,  hohen  und  tiefen  Buchstaben  tritt  hier  noch  mehr 
hervor,  und  diese  Entwicklung  einzelner  Buchstaben  wird  in  der  Minuskel 
genau  so  festgehalten.  Wir  lassen  die  eigentliche  Minuskel  gewöhnlich 
835  n.  Chr.  beginnen;  eigentlich  aber  ist  sie  um  das  Jahr  700  n.  Chr. 
schon  fertig.  Als  Proben  können  dienen  a.  698  Wessely,  Studien  8, 
1314  (vgl.  auch  die  Proben  im  10.  Bande);  a.  700—705  N.  Pal.  Soc.  152; 
707;  710—711  Gr.  Pap.  Br.  Mus.  3  Nr.  96—100,  N.  Pal.  Soc.  76; 
718  N.  Pal.  Soc.  153;  7.-8.  Jahrhundert  Wilcken,  Taf.  XlXd;  vgl.  auch 
die  Ligaturentafel  des  7. — 8.  Jahrhunderts  in  meinen  Beiträgen  zur 
Gr.  Paläoffr.  1  Taf.  3. 


1  Wessely,  Studien  1  S.  XXXI. 


—     189     — 
Aber  diese  Zeit  bedeutet  noch  nicht  das  Ende  der  Cursive,     By  Ende  der 

"^      Cursive 

the  heginning  of  the  eighth  centunj  the  history  of  Greek  writing  on  papyrus 
has  reached  its  dose  sagt  allerdings  Kenyon.^ 

Aber  vielleicht  wäre  es  richtiger  das  Ende  der  Cursive  noch  etwas 
später  anzusetzen;  ins  Ende  des  S.Jahrhunderts  gehört  z.B.  eine  Urkunde 
Pal.  Soc.  107  late  8*'*  cent.),  welche  Kenyon,  Palaeogr.  p.  52  erwähnt, 
Gr.  Pap.  Br.  Mus.  Fcs.  1,  148—150:  8.-9.  Jahrhundert.  Und  selbst 
im  9. — 10.  .Jahrhundert,  als  es  bereits  eine  fertige  Minuskel  gab,  lassen 
sich  noch  die  Ausläufer  der  alten  Schreibweise  nachweisen  in  der  häß- 
lichen Minuskelcursive  auf  Pergament  und  Papier;  über  die  jüngste 
datierte  Urkunde  vom  Jahre  996  s.  u.  S.  204. ^ 

Man  scheute  sich  auch  nicht  die  Gleichmäßigkeit  der  Schrift  preis- 
zugeben; indem  man  der  Deutlichkeit  wegen  die  Zahl  der  hohen  und 
tiefen  Buchstaben  vermehrte,  da  diese  hervorragenden  Formen  zuerst 
dem  Auge  des  Lesenden  auffallen  und  das  rasche  Verständnis  erleichtern. 
Manche  Buchstaben  haben  daher  stets  die  verlängerte  Form,  manche 
dagegen  gehören  bald  zu  den  mittleren,  bald  zu  den  hohen  oder  tiefen, 
je  nach  dem  Belieben  des  Schreibers  und  den  benachbarten  Buchstaben. 
Zu  den  hohen  Buchstaben  gehören  S  s  i]  i  x;  zu  den  tiefen  A  |  (>  r  /; 
zu  beiden  ff. 

Mit  Hilfe  dieser  storchbeinartigen  Verlängerung  bestimmter  Buch-  Fortschritt 
Stäben  nach  oben  und  nach  unten  läßt- sich  die  Schrift  dieser  Zeit  mit 
Sicherheit  von  der  früheren  unterscheiden.  Das  war  entschieden  ein 
großer  Fortschritt  in  der  Geschichte  der  Schreibkunst.  Daß  die  Schrift 
durch  den  Unterschied  der  hohen  und  tiefen  Buchstaben  leichter  lesbar 
wird,  ist  längst  erkannt;^  und  dieser  Unterschied  ist  bis  auf  den 
heutigen  Tag  nicht  wieder  aufgegeben. 

Eine  vorzügliche  Analogie  dazu  bieten  die  niedrigen  römischen  '''^^chen" 
Zahlzeichen,  die  aus  einzelnen  Strichen  bestehen.  Drei,  vier  Striche 
faßt  das  Auge  ohne  Schwierigkeit;  fünf,  sechs  usw.  müssen  erst  gezählt 
werden,  ehe  man  sie  versteht;  dieses  Verständnis  wird  aber  wesentlich 
erleichtert  durch  den  Unterschied  gewöhnlicher  und  großer  Striche; 
fünf  schrieben  die  Römer  oft:  nln;  sechs:  Imil;  selbst  bei  höheren  Werten 
verwandten  sie  Zahlzeichen  von  verschiedener  Größe  C.  I.  L.  II  Suppl. 
5229:  XlV. 


'  Greek  papyri   of  Br.  Museum  1.   Text  p.  XIV  (m.  Cberbl.  üb.  d.  Formen). 

'^  Pal.  Soc.  II,  126;  s.  meinen  Beitr.  z.  gr.  Pal.  I  1877  Taf.  1  und  Mel.  Graux 
1884  p.  731  und  die  Ligaturentafel  in  meinem  Beitr.  z.  gr.  Paläogr.  Taf.  3;  über 
die  Zeit  ebendort  S.  180. 

^  Vgl.  Javal,  Physiologie  de  la  lecture  et  Tecriture  p.  219.  Ich  verweise 
namentlich  auf  Brandi,  Unsere  Schriften  74:  „Endlich  ist  nicht  wohl  in  Abrede 
zu  stellen,  daß  die  entwickelteren  Ober-  und  Unterlängen  das  Schriftbild  viel 
stärker  und  el)en  dadurch  lesbarer  machen. 


—     190     — 

Namentlich  aber  sind  es  die  kleinen  Buchstaben,  welche  der  Schrift 
den  Charakter  und  sogar  den  Namen  gegeben  haben,  weil  sie  den 
^^cu^sl^e^  Namen  Minuskelcursive  rechtfertigen.  Alle  Buchstaben  sind  verhältnis- 
mäßig lang,  aber  der  Unterschied  der  mittleren,  hohen  und  tiefen  Buch- 
staben tritt  doch  schon  bedeutend  hervor. ^  Daher  kann  man  mit  Recht  von 
einer  Minuskelcursive  reden.  Ehe  es  eine  Minuskelschrift  gab,  gebrauchte 
man  stets  Majuskeln,  mochten  sie  nun  in  großen  oder  kleinen  Dimensionen 
ausgeführt  sein.  Auch  bei  der  Minuskel  oder  Minuskelcursive  ist  nicht 
die  absolute  Höhe  und  Größe  der  Buchstaben  maßgebend,  sondern  die 
relative,  d.  h.  der  Unterschied  zwischen  mittleren,  hohen  und  tiefen 
Buchstaben. 

Das  Zweiliniensystem  der  Unciale  und  Majuskelcursive  zu  wurde 
^ 'syitem"^  ''^örtauscht  durch  das  Vierliniensvstem  ^.  In  der  lateinischen  Paläo- 
graphie  war  auf  einen  entsprechenden  Wechsel  schon  früher  aufmerk- 
sam gemacht  worden.  Steffens  sagt  von  dem  Vierliniensystem:  „Die 
kurzen  Buchstaben  halten  sich  im  allgemeinen  zwischen  den  zwei 
Mittellinien;  und  auch  die  langen  Buchstaben  haben  ihren  Hauptkörper 
zwischen  diesen  Mittellinien,  sie  sitzen  alle  sozusagen  auf  der  unteren 
Mittellinie,  der  Grundlinie;  allein  sie  senden  ihre  Langstriche  bis  zur 
obersten  oder  bis  zur  untersten  der  vier  Linien.- 

Auch  Brandi,  Unsere  Schrift  S.  28,  hat  kürzlich  darauf  hingewiesen, 
wenn  er  sagt,  .,daß  spätestens  zu  Beginn  des  6.  Jahrhunderts  in  der 
Buchschrift  die  Ober-  und  Unterlängen  und  damit  das  Vierlinienschema, 
wie  es  noch  unsere  Kinderhefte  regiert,  voll  entwickelt  ist.  —  —  Alle 
Schriften  aber  mit  solchen  ausgeprägten  Ober-  und  Unterlängen 
nennen  wir,  im  Gegensatz  zu  den  nur  von  zwei  Linien  eingeschlossenen 
Majuskeln  (Kapitale  und  Unziale)  die  Minuskelschriften". 

Ln  Griechischen  hat  sich  dieser  Übergang  sicher  vor  dem  6.  Jahr- 
hundert vollzogen.  Kenyon  beginnt  die  byzantinische  Periode  erst  mit 
dem  5.  Jahrhundert.  Aber  aus  der  letzten  Zeit  des  Altertums  haben 
wir  wenig  sichere  Beispiele.  The  largest  nnexplored  tract  noiv  left  in  the 
histonj  of  cursive  writing  on  papyrus  is  that  from  about  A.  D.  3ü0  to 
about  A.  D.  500.     (Kenyon,  Pal.  p.  48). 

Eine  Urkunde  von  ca.  350  bei  Kenyon,  Pal.  p.  VIII  zeigt  schon 
deutlich  die  Zeichen  der  neuen  Zeit.  Ich  verweise  ferner  auf  Urkunden, 
aus  denen  wir  das  "Wesentliche  der  Minuskelcursive  bereits  deutlich 
erkennen.^  Vollständig  ausgebildet  mit  allen  charakteristischen  Kenn- 
zeichen   der    Zeit,    tritt   uns    die    byzantinische    Cursive    entgegen    im 


»  Vgl.  Pal.  Soc.  II  187—188  ca.  350  n.  Chr.  <Taf.  4  b,  1— 4>. 

2  Steffens,  Lat.  Paläogr.    Freiburg  1903  S.  VII. 

3  Vom  Jahre  346  n.  Chr.:   Gr.  Pap.  Br.  Mus.  Facs.  2,  91  ff.  94—95  u.  100.  — 
Siehe  Wesselj,  Stud.  z.  Pal.  1  S.  XXXV. 


—     191     — 


Jahre  599  n.  Chr.  (Fig.  57;  Pap.  gr.  berol.  coli.  Schubart  Nr.  46);  femer 
gehört  hierher  der  Papyrus  vom  Jahre  487  (Wiener  Studien  5,  1 ; 
Amherst,  Pap.  2  Nr.  148  pl.  22  a.  487  n.  Chr.], 

Wessely,  Studien  z.  Pal.  1  S.  XXIII  sagt  mit  Recht:  „Das  4.  Jahr- 
hundert n.  Chr.  ist  ein  "Wendepunkt  in  der  Geschichte  der  griechischen 
Schrift.  Hier  kreuzen  sich  zwei  große  Epochen  ihrer  Entwicklung,  die 
Schrift  der  römischen  Kaiserzeit  und  die  byzantinische  Periode.  —  — 
Der  Abstand  zwischen  einem  Schriftstück  aus  dem  Anfang  des  4.  Jahr- 
hundert und  einem  andern,  das  kaum  50  Jahre  später  geschrieben  wurde,  ist 
so  ungeheuer  groß,  daß  die  Veränderungen,  welche  die  Schrift  während 
der  vorhergehenden  220  Jahre  durchgemacht  hat,  kaum  in  Betracht 
kommen.  —  —  Die  kleinen  verworrenen  Schiiftzüge  einerseits  und 
die  schlanke  größere  byzantinische  Cursive  scheinen  nicht  viel  miteinander 
gemeinsam  zu  haben".  Für  den  Wechsel  in  der  Schrift  des  4.  Jahrh. 
verweist  W^essely,  Stud.  z.  Pal.  1  p.  XXV  auf  1.  die  Correspondenz  des 
Abinnaeus,  teils  im  Br.  Mus.  (Greek  Pap.  2  p.  266),  teils  in  Genf,  Nicole, 
Les  papyr.  de  Geneve  1900  vol.  1  p.  60— 91,';^Rev.  de  phil.  20  p.  43— 52; 
2.  verschiedene  Documente  aus  Hermopolis:  Führer  durch  die  Aus- 
stellung Pap.  Erzh.  Rainer  Nr.  289—315  <mit  Taf.  XII>;  3.  einzelne 
Urkunden  im  Berliner  Museum. 


Wende- 
punkt 


a-ly^io^hrj^    Ua^Wn>cLcpcLiMrcn 

[^i\axaoiov  'Hhä,  xui  Mrjväq  vavrijg,  viog  rov  (xaxagiov  ^V/Mfiipov 
xai  1  .  .  .  7iofjiC(oiTt]g]  /^a/oisiv).     'Ouoloyovfiev  diu  tuvti]^  ijj.i(oi< 

zT^g  t/'/ooc(fov  äarfulMai  iTfj/jLVVfielvoi)  kf'l  orpov  ßov/.Bi&ui 

/oöi'ov  Jlioi'jhov  .Ancixoi'diov  ovtco  xccXovfievov  .  .  . 

Fig.  57.     Byz.  Minuskeloursive. 
BGU  1,  255.    Pap.  gr.  berol.  coli.  Schubart  Nr.  46  vom  Jahre  599. 


Die  Anfänge  dieser  Richtung  lassen  sich  allerdings  bis  in  die 
vorige  Periode  zurückverfolgen,  wo  bereits  die  Canzleischrift  vom 
Jahre  209  denselben  Unterschied  zwischen  großen  und  kleinen  Buch- 
staben, wenn  auch  erst  in  den  Anfängen,  hervortreten  läßt.  Schon 
im  4.  Jahrhundert  bildete  sich  eine  langgestreckte  etwas  rechtsgeneigte 
Cursive,  deren  Ductus  sich  mit  der  storchbeinartig  verlängerten  Notariat- 


—     192     — 

Schrift  vergleichen  läßt.  Schon  kurz  vor  500  n.  Chr.  werden  die  fest 
datierten  Urkunden  dieser  Schriftart  häufiger. 

^"ntm-schr^  Von  besonderem  Interesse  sind  die  autographen  Unterschriften  des 

Conzils  vom  Jahre  680  auf  Papyrus/  weil  sie  sowohl  die  Bücher-  wie 
die  ßriefschrift  dieser  Zeit  widergeben.  Doch  verliert  diese  Ver- 
bindung das  Wunderbare,  wenn  man  nur  die  Unterschriften  der  einzelnen 
Bischöfe  streng  scheidet,  von  denen  die  einen  nur  diese,  die  andern 
nur  jene  Schriftart  anwendeten. ^  Noch  viel  weniger  wird  man  sich 
darüber  wundern,  daß  einzelne  Bischöfe  im  Jahre  680  noch  in  Majuskeln 
unterschrieben;  es  ist  ja  bekannt  genug,  daß  die  Schrift  im  Dienste  der 
Kirche  immer  am  längsten  den  altertümlichen  Charakter  früherer  Zeiten 
beibehalten  hat. 

Für  Ägypten  bedeutet  die  Zeit  um  700  n.  Chr.  einen  wichtigen 
Abschnitt,  der  sich  auch  für  den  Paläographen  bemerkbar  macht.    Bis 

Verwaltung  (j^hiu    war    die  Verwaltung    des    Landes    griechisch    geblieben;    früher 

nicht  mehr  "  o  <d  > 

griechisch  Q^er  später  mußte   die  Sprache  und  Schrift  der  neuen  Herren  durch- 
geführt werden;  das  geschah  im  Jahre  699.-^ 

Genau  dieselbe  Entwicklung  hat  auch  die  verwandte  Schrift  der 
Kopten  durchgemacht,  auch  bei  ihnen  hat  sich  eine  Minuskelcursive 
herausgebildet.  Karabacek,  Führer  durch  die  Ausstellung  S.  56  (Taf.  VIII) 
publiciert  ein  koptisches  Verzeichnis  vom  Jahre  827/8  n.  Chr.,  das  voll- 
ständig im  Stil  der  griechischen  Minuskelcursive  dieser  Zeit  geschrieben  ist. 

Bei  A  kommt  die  unciale  Form  schon  nicht  mehr  vor,  die  Grund- 
form der  Cursive  ist  c\  ;  der  letzte  Grundstrich  wird  sehr  häufig  ersetzt 

durch  eine  Schlinge  oben:  6?-  ;  erst  später  wurde  die  Symmetrie  her- 
gestellt in  der  Minuskelform  a  (a.  710,  Taf.  4  b,  12);  auch  der  erste 
Teil  des  Buchstabens  ist  manchmal  offen  ti  (Taf.  4b,  5)  und  in  Ligaturen 

z.  B.  mit  I    {  1  ),  bleibt  für  das  «  dann  nur  eine  offene  Schlinge  übrig 

(Taf.  4  b,  9. 10):  u  and  o,  particidarly  the  former,  are  often  venj  small  before 
certain  letters,  o,  v  and  7i,  and  in  such  cases  are  not  always  easy  to 
distinguish  (Aphrodito-Pap.).  Das  Hakenalpha  (s.  o.)  der  ptolemäischeu 
Zeit  kommt  in  dieser  Periode  nicht  mehr  vor.  Nur  im  Auslaut,  z.  B.  in 
der  Endung    tu  und   -lu  könnte  man  (Taf.  4b,  4,   ca.  350  n.  Chr.)   die 


^  Siehe  Wattenbach,  Specimina  Nr.  XII — XIII. 

^  Majuskeln:  Joannes,  Sergius,  Andreas  usw.  —  Minuskelcursive:  Georgius, 
Theodorus,  Zacharias,  Gregorius,  Theognius,  Alexander  usw. 

^  Theophan.  chronogr.  ed.  J.  Classen  1  p.  575,  12  fa.  699  n.  Chr.)  aul  kxülvae 
(Ovtt'/.iÖ)  YQH(fa(T&at  'EiXriVKjxl  tov:  8r]{xo(fiovg  TÖjf  loyo^ficibiv  y.djöixag,  ü'aV  Äqaßioig 
uviH  Tinqaaiifxuivea&aL  xuioic  röjf  yjr'j(pcov. 


—     193     — 
alte  Form   gewissermaßen   versteinert  wieder   erkennen  in   dem   Haken 

mit  einem  langen  Schwung  am  Ende  ^  ^ 

Das  unciale  B  ist  in  der  Cursive  des  vierten  Jahrhunderts  vor- 
handen als  hoher  Buchstabe  (Taf.  4  h,  1.  2.  5.  6),  aber  ungefähr  gleich- 
zeitig wurde  auch  das  cursive  B      [[    (Pal.  See.  II,  188)  angewendet,  dann 

folgt  aber  eine  Zeit  vom  fünften  bis  achten  Jahrhundert,  in  der  vor- 
wiegend nur  das  cursive  u-förmige  B  als  hoher  oder  mittlerer  Buch- 
stabe geschrieben  wurde,  und  diese  Form  ist  in  der  ältesten  Minuskel 
vom  Jahre  835  ausschließlich  verwendet.  Das  unciale  B  fehlt  in  der 
jungen  Minuskelcursive  nicht  ganz,  ist  aber  doch  verhältnismäßig  selten. 

Beim  f  überwiegt  in  der  Majuskelcursive  die  unciale  Form,  in  der 
Minuskelcursive  wurde  diese  Form  mehr  und  mehr  durch  das  cursive 
gespaltene  /  (Taf.  4  b,  1  ff.)  verdrängt,  das  in  der  ältesten  Minuskel  aus- 
schließlich angewendet  wurde. 

Dem    h.  fehlt  in  der  Minuskelcursive  niemals  die  überhöhte  Spitze, 

es  gehört  also  zu  den  hohen  Buchstaben;  der  linke  Winkel  ist  manchmal 

abgerundet    X  ^  •     Sehr  häufig  zerlegt  der  Schreiber  den  Buchstaben 

in  eine  rechte  und  eine  linke  Hälfte;  nur  selten  verbindet  er  diese 
überhöhte  Spitze    mit   dem    abgerundeten  linken  Winkel   des  Dreiecks 

zu  einem  Zuge   ^    (350  n.  Chr.,  Taf.  4  b,  4);   aber  der  letzte  Strich  des 

Dreiecks  steht  manchmal  senkrecht,  wie  beim  lateinischen  d  (Taf.  4  b,  7.8.9). 

Der  hinzugefügte  gewölbte  lange  Verbindungsstrich  der  Minuskel    ^ 

(von  oben  links  nach  unten  rechts)  kommt  erst  spät  im  achten  Jahr- 
hundert vor  (Taf.  4  b,  12). 

Das  €  der  Minuskelcursive  gehört  zu  den  mittleren  und  hohen 
Buchstaben.  Die  unciale  Form  besteht  aus  einem  großen  Halbkreis 
mit  einem  Querstrich,  die  cursive  aus  zwei  kleinen,  die  aufeinander 
gesetzt  und  mit  dem  Querstrich  verbunden  sind.  Zu  einem  Zuge  läßt 
sich  alles  schwer  verbinden,  aber  es  kommt  vor  ^  (s.  m.  Beitr.  Gr.  Pal.  ^ 

Taf.  3fi,  12);  daneben:  ^^    .     In    der  Mitte    findet  sich  oft  eine  Caesur, 

namentlich  bei  Ligaturen.  „Nach  der  Vernichtung  der  Cursivform  /^ 
dringt    eine    cursive  Form    durch,    die    den  Buchstaben    in    zwei  Teile 


1  Arc-h.  f.  Papyr.  1,  S.  363. 
Gardthausen,  Gr.  Paläographie.   2.  Aufl.    11.  13 


-     194     — 

spaltet,  von  denen  der  obere  eine  Spitzentwickelung  bildet,  die  leicht 
ligiert  wird."  (Wessely.)  Manchmal  beginnt  der  Schreiber  mit  einem 
diagonalen  Querstrich  (Taf.  4b,  5.  6)  von  unten  und  verbindet  den 
höchsten  Punkt  durch  einen  Verbindungsstrich  mit  dem  Querbalken  in 

der  Mitte    /*  und    diese    Form   verflacht    sich    dann    in    Ligaturen    zu 

einem  nach  oben  gerichteten  spitzen  Winkel  /V    (je.  —  Die  Ligatur  ei  ist 

fast  zu  einem  Zeichen  geworden  und  das  /  reicht  regelmäßig  unter 
die  Zeile  herunter.  Selten  werden  die  beiden  Enden  des  Halbkreises 
durch   einen  Verbindungsstrich  rechts  verbunden  und  der  Querbalken 

bildet  dann  den  Übergang  zum  r.  i^  N.  Pal.  Soc.  IV  T.  76  a.  710 
(Taf.- 4  b,  12). 

Z  hat  zwei  spitze  Winkel;  nur  der  obere  wird  manchmal  ab- 
gerundet, 

H  ist  selten;  meist  h  als  hoher  Buchstabe.  Die  verkürzte  linke 
Hälfte  ist  oben  meistens  abgerundet,  aber  im  Jahre  350  (Taf  4b,  .5) 
verbindet  der  Schreiber  den  Querstrich  der  Mitte  mit  der  Senkrechten 
am    Schluß    durch    eine   Schleife,    wie    früher    in    der  Majuskelcursive: 

Ar     ;  r]  and  a  have  both  of  them  long  upstrokes. 

Das  unciale  0  ist  ein  hoher  Buchstabe  in  der  Form  eines  ge- 
schlossenen Ovals  (manchmal  unten  etwas  breiter).  Die  Anfänge  des 
cursiven  ß-  gehen  bis  ins  vierte  Jahrhundert  zurück,  wo  der  Schreiber 

(wie  beim   /2)  mit  einem  Querstrich  beginnt  ^   (Taf.  4b,  5.  6),   daraus 

entwickelt  sich  die  Basis  des  »9,  das  z.  B.  im  Jahre  542  namentlich 
in  der  Ligatur  aß  angewendet  wird  (Taf  4b,  8). 

I  ist  in  der  Minuskelcursive  ein  mittlerer,  hoher  und  tiefer  Buch- 
stabe, je  nach  Bedürfnis,  weil  das  mittlere  I  zu  leicht  übersehen  wird. 
Punkte  fehlen  immer  bei  diesem  Buchstaben  allein  und  haben  stets 
etwas  Besonderes  zu  bedeuten. 

Das  K  ist  —  wenn  man  von  den  langen  Anfangsbuchstaben  ab- 
sieht —  in  seiner  uncialen  Form  ein  mittlerer  oder  hoher  Buchstabe; 
die  cursive  Form  ist  U  und  u.  Das  unciale  K  und  das  cursive  U 
halten  sich  nebeneinander,  aber  in  der  weiteren  Entwicklung  siegt  das 
cursive  //  (Taf.  4  b,  6.  8  ff.)  und  wird  schließlich  bei  der  Bildung  der 
Minuskel  die  Normalform. 

Beim  A  überwiegt  auch  in  der  Minuskelcursive  die  pyramidale 
Form  mit  überhöhter  Spitze  des  über  die  Mittellinie  hervorragenden 
Buchstabens.     Ganz  selten,  z.  B.  N.  Pal.  Soc.  T.  76   a.  710,    steht    das 


—     195     — 

unciale  A  in  Ligaturen  unter  der  zweiten  Linie,  die  nur  durch  die 
Spitze  des  Buchstabens  erreicht  wird  (Taf.  4b,  «  14.  /?  14).  Gelegentlich 
wird  wohl  die  überhöhte  Spitze  des  gewöhnlichen  A  durch  eine  ver- 
bindende Schleife  ersetzt  5\.  .  Aber  bald  neigt  sich  der  Buchstabe 
mehr  nach  rechts  (Taf.  4  b,  7.  8)  und  gehört  nun,  da  er  mit  einem  Auf- 
strich von  unten  beginnt,  zu  den  tiefen  Buchstaben  A-     ;  diese  cursive 

Form  vom  Jahre  542  usw.  überwiegt  auch  noch  in  der  ältesten  Mi- 
nuskel. The,  yreater  pari  of  A  is  beloiv  the  line,  and  double  K  is  im'itten 
as  a  kind  of  monogram  (Kenyon). 

M  kann  auch  in  der  Minuskelcursive  zu  den  mittleren  Buchstaben 
gerechnet  werden,  wenn  es  auch  oft  mit  einem  Aufstrich  beginnt,  aber 
dieser  Aufstrich  setzt  nicht  immer  unter  der  Mittellinie  an:  the  first 
stroke  of  fi  is  short  as  compared  witk  Ihal  of  the  minuscule  form  (Aphro- 
dito-Papyr.).  Auch  die  unciale  Form  hält  sich:  zwei  Senkrechte,  von 
deren  Spitzen  ein  Halbkreis  herabhängt.  Wenn  man  die  erste  Senk- 
rechte   nun    aber  von  oben  beginnt,    so  wird  aus  dem  Halbkreis  eine 

gewellte  Diagonale   von  unten   links  nach  oben  rechts  /-^  (a.  542.  595. 

633.  710  n.  Chr.,  Taf.  4b,  8  ff.),  weiche  zu  einer  Umbildung  des  Buch- 
stabens hätte  führen  können,  wenn  man  diese  Verbindung  der  einzelnen 
Striche  nicht  aufgegeben  hätte.  Die  Minuskel  kennt  nur  die  Form  (i. 
Das  hohe,  verticale  N  der  Majuskelcursive  ist  verschwunden;  die 
Minuskelcursive  kennt  nur  ein  mittleres  N  in  der  uncialen  N-  und  cur- 
siven  w-Form;  selten  ist  es  ein  hoher  Buchstabe  h  (a.  710,  Taf.  4  b,  12.  13). 
Ähnlich  wie  beim  M^  so  beginnt  der  Schreiber  auch  gelegentlich  das 
unciale  N  oben  bei  der  ersten  Senkrechten,  und  eine  geschweifte  Hori- 
zontale   bildet    den    Übergang    zu    der    zweiten    Senkrechten,    die    der 

Schreiber  von  unten  beginnt   ui     (a.  350.  505  n.Chr.,  Taf.  4  b,  4),  daneben 

das  abgerundete  ru    (a.  839,  Taf.  4  b,  15).      Die    cursive  Form   n  wird 

manchmal  eckig    m     oder    auch     n   (350  n.  Chr.). 

Das  E  gehört  zu  den  tiefen  und  hohen  Buchstaben  und  bewahrt 
den  spitzen  Winkel  meistens  in  seiner  Mitte. 

Das  0  hatte  früher  manchmal  nicht  einmal  das  Mittelmaß,  es 
verflüchtigte  sich  bis  zu  einem  Punkt:  das  hört  nun  auf;  0  is  now  a 
large  and  conspiaioiis  letler.^     „Die  linke  Hälfte  des  ovalen  Bestandteils 

•  Kenyon,  l'al.  p.  48. 

13* 


—     196     — 

von  0 wird  im  vierten  Jahrhundert  steifer  angesetzt  (J   ."'     Nur 

in  Ligaturen  hält  sich  die  kleinere  Form  (Taf.  4  b,  4);  verbunden  wird 
es  nach  rechts  und  nach  links  (a.  710),  was  wegen  der  Mißverständnisse 
später  beschränkt  werden  mußte.  —  Die  Ligatur  ö  wurde  nicht  an- 
gewendet in  der  Cursive,  aber  das  v  wird  manchmal  hochgestellt. 
ov  is  often  rejiresenfed  as  o  wiih  a  curved  or  straight  line  ahove  it  (Aphro- 
dito-Pap.).  In  den  lateinischen  Urkunden,  die  mit  griechischen  Buch- 
staben geschrieben  sind  (Marini,  I  papiri  diplomatici  90.  92.  121),  wo 
man  doch  zunächst  ein  Ö  für  das  lateinische  u  erwarten  sollte,  findet 
man  statt  dessen  immer  ov.  Nur  ausnahmsweise  wurde  o  oder  ö  für  ov 
geschrieben,     ov  wurden  oft  nur  aneinander  gerückt. 

TT  hat  in  der  jungen  Cursive  meist  die  abgerundete  Form  n. 
V  and  n  are  written  much  alike  (Aphrodito-Pap.),  Es  hat  mittlere 
Höhe  und  verbindet  sich  nach  beiden  Seiten.     Daneben  TT  und  in  der 

letzten  Zeit  auch     w  (a.  839,   Taf.  4b,  15).     Die   Minuskelform  zu  ist 

schon  in  einem  Papyrus  vom  Jahre  700 — 705  n.  Chr.  vorhanden;  die 
Herausgeber  der  N.  Pal.  Soc.  Nr.  152  bemerken:  this  form  ynakes  its 
first  appearance  in  ihe  papyri. 

P,  als  tiefer  Buchstabe,    behält  seine  unciale  Gestalt,  wenn  auch 

gelegentlich    in    gespaltener  Form     /»   (Taf.  4  b,  9);   manchmal   sitzt  der 

Halbkreis  nicht  neben,  sondern  über  dem  Stamme  (Taf.  4b,  5).  In 
Ligaturen  nach  links  verkleinert  sich  der  Halbkreis   oft  und  schwindet 

fast  vollständig;  in  anderen  Ligaturen  findet  sich  die  Form      f  (vgl.  u.  r). 

Das  C  ist  ein  mittlerer  und  hoher  Buchstabe;  nur  in  mittlerer 
Größe  hat  er  oben  einen  Querbalken  C~;  der  Halbkreis  öffnet  sich  nach 
rechts,  selten  nach  unten  r\  und  aus  diesem  Halbkreis  wird  in  Liga- 
turen sogar  ein  Winkel  A-  Der  geschlossene  Kreis  (Minuskelform) 
kommt  zunächst  nur  bei  Ligaturen  nach  rechts  und  links  vor  (Taf.  4  b, 
g  10,  a.  633  n.  Chr.)  und  dann  beim  Anfang  des  Doppel-cr.  —  Ein  eigenes 
Zeichen  für  öt  gibt  es  nicht,  auch  hier  begnügt  man  sich,  beide  Buch- 
staben heranzurücken.  Das  Zahlzeichen  für  6  ?  hat  im  Jahre  498 
und  542  (Taf.  4  b,  7.  8)  schon  die  übliche  Form  eines  Stigma,^  seine 
Entstehung  ist  aber  eine  ganz  andere. 

Vom  T  verwendet  die  Minuskelcursive  sowohl  die  unciale  Form  T, 
als  auch  die  cursive  ~V~,  welche  manchmal   mit  einem  V  verwechselt 


1  Wessely,  Stud.  z.  Pal.  1,  XXXVI. 

-   cj    (a.  839)  in  der  Pergamenten rsive,  s.  m.  Beitr.  z.  Gr.  Pal.  1877  Taf.  3,  11. 


—     197     — 

werden  kann  (Taf.  4b,  7  ff.);  dieses  gespaltene  T  hat  bei  rr  sogar  Ein- 
gang  gefunden    in    die    Minuskel;    ganz    selten    verwendet    man    einen 

neuen  Verbindungsstricli  in  der  Form    g-  (a.  35ü  n.  Chr.).    In  Ligaturen, 

namentlich  mit  naclifolgendem  e  wird  der  Querbalken  rechts  bis  auf 
die  Mittellinie  herabgebogen.  Das  T  überschreitet  meistens  nicht  den 
Raum  der  mittleren  Buchstaben,  wenn  auch  gelegentlich  der  Stamm 
tief  unter  die  Linie  herabreicht  (Taf.  4  b,  12).  r  Jms  alivays  a  long 
downsfroke;  the  sfroke  of  q  is  shorter  (Aphrodito-Pap.  p.  XII). 

Das  Y  behält  seine  Normalform  und  kann  sogar  Verbindungen 
nach  rechts  eingehen,  z.  B.  mit  N  (Taf.  4  b,  1 — 2,  350  n.  Chr.);  der 
schräge  Strich  rechts  wird  zuweilen  über  das  Maß  nach  oben  ver- 
längert (Taf.  4  b,  6);  der  Stamm  fällt  manchmal  weg,  es  bleibt  also  v 
(Taf.  4  b,  8),  und  auch  dieser  Winkel  verflacht  sich,  besonders  in  Liga- 
turen. Häutig  wird  v  über  die  Zeile  geschrieben.  Das  Schluß-Y  wird 
z.  B.   im  Jahre  542  wiedergegeben  durch    l^  (Taf.  4b,  8).     Das   v  wird 

vielfach  z.  B.  im  Jahre  G33  im  Anfang  des  Wortes  accentuiert;  dort 
liegt  die  Rundung  des  v  im  Halbkreise  des  C:  ^i'/t  (Taf.  4  b,  11)  und  ö-,u 
unterscheiden  sich  also  nur  durcli  den  Accent. 

Beim  O,  einem  hohen  und  zugleich  tiefen  Buchstaben,  ist  der 
Kreis  fast  niemals  fest  geschlossen;  namentlich  bei  Ligaturen  ist  häufig 
nur  der  eine  Halbkreis  ausgeführt.    Selten  fälirt  der  Schreiber  von  der 

unteren  Hälfte  des  Kreises  direct  hinauf  zur  Spitze  des  Stammes   <J)  } 

Eine  obere  Schlinge  nach  links,  welche  Stamm  und  Kreis  zu  einem 
Zuge  verbindet,  ist  für  die  Zeit  von  500  n.  Chr.  ganz  gewöhnlich,  auch 
die  Minuskel  hat  diese  Form  beibehalten;  viel  älter  als  498  n.  Chr. 
(Taf.  4  b,  7)  dürfte  das  Ä  mit  der  Schlinge  nicht  sein. 

Das  X  zeigt  keine  große  Mannigfaltigkeit  der  Fonn;  es  ist  meistens 
ein  tiefer,  aber  oft  auch  ein  mittlerer  Buchstabe  (Taf.  4  b,  6),  was  sogar 
noch  für  die  alte  Minuskel  gilt. 

Das  H^  ist  in  der  Minuskelcursive  immer  ein  stehendes  Kreuz, 
dessen  (Querbalken  nur  nach  unten  heruntergezogen  wird  durch  einen 
unmittelbar  sich  anschließenden  Vocal,  z.  B.  v,  s.  m.  Beitr.  z.  gr.  Pal. 
1877  Taf.  3  1//  15  -(pv/. 

iX>  als  offenes  Doppelomikron  hat  nur  die  Größe  eines  mittleren 
Buchstaben.     Die  Achse    der    beiden  Hälften  ist  oft  parallel,    oft  aber 

auch  couvergent  ^  (Taf  4  b,  4).  Es  kommt  vor,  daß  der  Schluß  direct 
verbunden  wird  mit  dem  nächsten  Buchstaben,  z.B.  mit  einem  C  (350  n. Chr.\ 


Amherst  Pap.  2  Nr.  151  pl.  23  (a.  610-640). 


—     198     — 

aber  meistens  wird  noch  ein  Verbindungsstrich  eingeschoben  (Taf.  4  b,  3). 
Die  Formen  des  Buchstabens  sind  sehi'  mannigfaltig,  es  kommt  sogar 
vor,  daß  die  Scheidewand  in  der  Mitte  verschwindet  und  das  Omega 
vom  Omikron    sich    nui'    dadurch  unterscheidet,   daß  es  oben  offen  ist. 

Kaiserarief  Das  gcschlossene  Doppclomikron  der  Minuskel  oo   wird  erst  gewöhnlich 

im  neunten  Jahrhundert  (839  n.  Chr.)  in  dem  interessanten  byzantinischen 
Kaiserbrief,  den  bereits  Wattenbach  ^  facsimiliert  hat.  Er  steht  ge- 
wissermaßen in  der  Mitte  zwischen  der  Minuskelcursive  und  der  spä- 
teren Minuskel.  Die  Formen  der  späteren  Zeit  sind  fast  alle  schon 
vorhanden  und  einige  heben  sich  scharf  ab  von  denen  der  Minuskel- 
cursive. Auch  die  Stilisierung  fehlt  nicht,  das  eigentliche  ('harakte- 
ristische  der  ausgebildeten  Minuskel;  allein  hier  ist  ihre  Stilisierung 
eine  andere.  In  dem  Kaiserbriefe  ist  die  Minuskelcursive  stilisiert  zu 
einer  höfischen  ( 'anzleischrift. 

Ausläufer  der  Cursive. 

Wie  ein  Fluß  bei  seiner  Mündung  sich  manchmal  in  verschiedene 
Mündungsarme  gabelt,  so  teilte  sich  die  Minuskelcursive  in  verschiedene 
Richtungen:  auf  der  einen  Seite  die  Schrift  der  jüngsten  Papyrus- 
urkunden, auf  der  anderen  Seite  die  gleichzeitige  Schrift  auf  Pergament^ 
und  dem  damals  aufkommenden  Papier. 

Beide  Schriftarten  verdienen  in  hervorragendem  Maße  den  Namen 
Minuskelcursive  wegen  der  hohen,  mittleren  und  tiefen  Buchstaben, 
und  die  hohen  und  tiefen  sind  ganz  besonders  hoch  und  tief  und 
reichen  vielfach  bis  in  das  Gebiet  der  nächsten  Zeilen  hinüber.  Auch 
die  ausgeschriebenen  Formen  der  Cursive  sind  bei  beiden  festgehalten 
und  sogar  weitergebildet. 

Am  treuesten  hat  die  Schrift  auf  Pergament  und  Papier  die 
alten  cursiven  Formen  beibehalten ;  es  ist  eine  Briefschrift  auf  das 
Buch  angewendet.  ( 'harakterlos  kann  man  die  Schrift  nicht  nennen, 
im  Gegenteil,  sie  hat  einen  ausgespi'ochenen  Charakter,  aber  einen 
unschönen. 
cur8ivl''aJf  Vö^i  dieser  Minuskelcursive   auf  Pergament  haben  wir  eine  Probe 

Pergament  j^  (jgj^j  Facsimile  des  c.  Bezae,^  dessen  erste  cursiv  geschriebene  Zeile 
die  Herausgeber  mit  Unrecht  bis  ins  neunte  Jahrhundert  heral)zurücken 
geneigt    sind.     Die    einzelnen  Züge,    und    namentlich   so  eigentümliche 


'Archiv  f.  Urkundenforsch.  1,  I  S.  1.  Leipzig  1908:  Braudi,  Der  byzant. 
Kaiserbrief  in  S.  Denis;  s.  Taf,  4b,  15—17. 

'^  Über  die  letzten  Ausläufer  der  Papyruscursive  auf  Pergament  siehe  meine 
Beitr.  z.  Gr.  Pal.  Taf.  1.  .'5. 

*  Palaeof^r.  Soc.  Nr.  14  und  meine  Beitr.  z.  gr.  Pal.  Taf.  1,  1. 


—     199     — 

Abkürzungen  wie  o  und  ö  für  ov,  zeigen  von  den  Alphabeten  der 
Taf.  3  m.  Beitr.  z.  gr.  Pal.  am  meisten  Ähnlichkeit  mit  dem  ersten,  und 
ich  möchte  daher,  bei  aller  durch  den  geringen  Umfang  geforderten 
Reserve,  diese  Cursive  eher  dem  achten  als  dem  neunten  Jahrhundert 
zuweisen.  Während  die  anderen  Proben  der  Minuskelcursive  auf  Pa- 
pyrus mit  Wahrscheinlichkeit  dem  Orient  zugewiesen  werden  können, 
macht  der  griechisch-lateinische  Codex  Bezae  eine  Ausnahme;  er  ist 
wohl  abendländischer  Provenienz  und  läßt  sich  nur  zurückverfolgen 
bis  zur  Bibliothek  des  S.  Irenaeus  in  Lyon.  Außerdem  haben  wir  nur 
noch  einzelne  Zeilen  in  anderen  Uncialhandschriften  auf  Pergament 
(Facsim.  of  the  Washington  ms.  of  Deuteronomy  and  Josuah  in  the  Freer 
Coli.  Fol.  35;  N.  Pal.  Soc.  202).  Ferner  eine  Quittung  auf  Pergament 
aus  dem  achten  (?)  Jahrhundert,  siehe  Wilcken,  Tafeln  Nr.  XX  d.  Dazu 
kommt  nun  noch  ein  paläographisch  sehr  wichtiges  Schriftstück,  jetzt 
in  St.  Petersburg  das  in  meinen  Beiträgen  zur  gr.  Paläogr.  1877  (Taf.  1) 
zum  erstenmal,  publiciert  wurde  (siehe  Taf.  3  erste  Col.).^ 

9^1^  *^ZJp>o  ^'t^I-Ääh-,;^  TTi^ä^t^^A'  c^A/a^^  % 

QU  Xvofjievijv  T)]  rov  (T{roTr])(){o)g  övvafiBi  x{^igto)v  cci  yao  xpvxcci  Tii[i\ 
xdxo)  VTiox&oviag  xcci  rrxorovg  ei{)XTi]q  e^eXvovro  oiov 
dijTco^  xcid-i]yov(jievto  xfjibj  ra  nooßura  avvaxo'kov 
xt-ovv  TU  TiQoq  Ti]v  sTiavXiv  Tjjv  avTcov  (jvvTjxav  de  ezi 
15  (fuvsvTU  Tov  vofiecc  ava^ovru  8b  xcci  tu  (Tcafiara  t* 

Fig.  58.     Minuskelcursive  auf  Pergament, 
c.  Porph.  Uspensky  Nr.  1  (Petropolitan.).     Gardthauseii,  Beitr.  z.  gr.  Pal.  Taf.  1. 

Es  gehörte  früher  dem  Bischof  Porfirij  Uspeuskij,  der  es  wahr- 
scheinlich aus  dem  Orient  nach  Europa  gebracht  hat. 

Obwohl  uns  alle  äußeren  Anhaltspunkte  für  das  Alter  der  Schrift 
fehlen,  obwohl  weder  der  Inhalt  einen  Schluß  möglich  macht,  noch 
auch  der  Schreiber  irgend  etwas  über  sich  oder  seine  Zeit  hinzufügt, 
so  können  wir  doch  vom  rein  paläographischen  Standpunkte  aus  die 
Zeit  wenigstens   annähernd   bestimmen.     Die  Grenze   nach  oben  bildet. 


St.  Peters- 
burg 


*  Vgl.  öp.  Lampros  im  Athenaion  VI.   1877  S.  251. 

*  Zomarides  vermutet  Öi'jiu  oder  öi/nou. 


—     200     — 

das  Jahr  680  n.  Chr.  Als  untere  Grenze  betrachtete  ich  früher  das 
Jahr  835  n.  Chr.,  aus  dem  der  älteste  datierte  Minuskelcodex  stammt, 
und  setzte  früher  dieses  Blatt  ins  achte  Jahrhundert.  Allein  es  ist 
doch  keineswegs  unmöglich,  daß  neben  der  fertigen  Minuskel  auch  noch 
die  Ausläufer  der  alten  Cursive  sich  gehalten  haben;  ich  möchte  also 
das  neunte  Jahrhundert  nicht  ausschließen.  Es  ist  keine  Handschrift, 
sondern  nur  ein  Blatt,  f.  348,  in  dem  Psalterium  Uspenskyanum  vom 
Jahre  862.  Die  erste  Seite  ist  publiciert  bis  auf  den  Rest,  ungefähr 
eine  halbe  Seite  lang.  Das  damit  zusammenhängende  Blatt,  f.  345, 
ist  nicht  cursiv,  sondern  semiuncial  beschrieben,  ob  von  derselben 
Hand  und  Tinte,  ist  schwer  zu  entscheiden.  Es  enthält  Listen  von 
Namen  ABIOYA  €AIAK€lM  NA0AN  usw.  und  ein  Figurengedicht  zur 
Verherrlichung  des  Monogranmies  ('hristi    )^.^ 

Wir  werden  später  sehen,  daß  die  ganz  ähnliche  Schrift  des  cod. 
Vatic.  2200^  dem  neunten  bis  zehnten  Jahrhundert  angehört  (s.  u.),  so 
ist  es  nicht  unmöglich,  daß  die  Cursive  und  die  Unciale  des  Psalterium 
Uspenskyanum  beide  aus  dem  Jahre  862  stammen. 
Sinai  Ferner   fand    ich   auf  dem  Sinai   eine  alte  liturgische  Pergament- 

rolle Nr.  591,  die  in  dieser  entarteten  Minuskelcursive  geschrieben  ist; 
nur  die  Titel  sind  in  der  rechtsgeneigten  Unciale  des  Jahres  862  n.  Chr. 
.a,usgeführt  (s.  d.  Facsim.  M6langes   Graux  p.  732/33):    Gnlce  aux  tiires 
ecrits  en  ondale,  on  peut  avee  assez  de  confiance  le  dater  du  IX^  siede. 

In  meinem  Sinai-Catalog  habe  ich  eine  Handschrift  Nr.  824,  die 
in  dieser  Schrift  geschrieben  ist  (s.  Tab.  3  Nr.  2),  wegen  des  Bombycin- 
papiers  dem  zwölften  Jahrhundert  zugewiesen;  dieses  Urteil  möchte  ich 
jetzt  nicht  mehr  aufrecht  halten;  sie  muß  älter  sein.  • 

Auch    für  Bücher  würde    die  Minuskelcursive    auf  Pergament  ver- 
wendet.    Eine  ganz  abgesonderte  Stellung  behauptet  die  eigentümliche 
cvangeiiUiüi  Schrift  dcs  Petrusevangcliums  (s.  Mömoires  pp.  la  mission  archöol.  franc. 
au  Caire  9.   1892  p.  217);    sie   ist  nicht  kalligraphisch  uncial,   sondern 
Minuskelcursive  mit  wenig  verbundenen  Buchstaben  (T.  II ff.),  aber  die 
Formen    der   Buchstaben    sind    die    einer   alten    entartenden    Cursive. 
Diese  Formen  würden  manchmal  Verbindungen  erlauben,  die  aber  hier 
für  die  Buchschrift  verschmäht  werden.     Ich  kenne  keine  Buchschrift, 
die  sich  direct  mit  dieser  Schrift  vergleichen  ließe, 
^''"ve'auf         -^^  Sibt  sogar  Minuskelcursive  auf  Papier;  aber  allerdings  kennen 
Papier    ^vip   nur    ein    einziges    Beispiel,    eine    Papierhandschrift    des    Vaticans 


^  Vgl.  V.  Jernstedt,  Über  das  Porfyrische  Psalterium  vom  Jahre  862  in  dem 
St.  Petersburger  Journal  Ministertwa  Narodnawo  Prosweschtschenija,  November- 
heft 1884'  S.  23—35. 

*  Fr.  Cavalieri-Lietzmann ,  Specimiiia  T.  5;  s.  meine  Anzeige  Histor.  Viertel- 
jabrsschr.  1911  S.  129—130. 


—     201     — 

(Nr.  2200),  s.  Pal.  Soc.  II  Nr.  126,  vgl.  I,  107  und  r'avalieri-Lietzmann, 
Specimina  Nr.  5.  Die  zeitliche  Bestimmung  dieser  jüngsten  Minuskel- 
cursive  würde  schwer  sein,  wenn  wir  nicht  die  Uherschriften  hätten, 
die  nur  in  den  Formen  des  neunten  Jahrhunderts  (vom  Jahre  862) 
ausgeführt  sind  sowohl  im  c.  Sinait.  591  als  im  c.  Vatic.  2200.  Die 
Herausgeber  weisen  die  Handschrift  dem  achten  bis  neunten  Jahrhundert 
zu.  Da  wir  aber  keinen  griechischen  Papiercodex  aus  dem  achten 
Jahrhundert  kennen,  so  möchte  ich  mich  lieber  für  das  neunte  bis 
zehnte  Jahrhundert  entscheiden. 

Es  ist  eine  merkwürdig  unschöne  Schrift  ohne  Proportionen.  Man 
hat  cursive  Schriftproben,  die  schwerer  zu  lesen  sind,  aber  die  Schwierig- 
keit ist  hier  doch  immer  so  groß,  daß  Franchi  de'  Cavalieri  und  Lietz- 
mann  hier  gegen  ihre  sonstige  Regel  eine  volle  Transcription  des  ganzen 
Textes  hinzugefügt  haben.  Auf  den  ersten  Blick  fällt  es  auf,  daß  die 
Buchstaben  sehr  energisch  nach  rechts  geneigt  sind,  namentlich  die 
hohen  und  tiefen  Buchstaben  liegen  fast  in  der  Richtung  der  Diagonale 
des  Blattes.  Die  Formen  der  Buchstaben  sind  dieselben,  die  wir  be- 
reits bei  der  Cursive  kennen  gelernt  haben;  aber  in  der  Verbindung 
der  einzelnen  cursiven  Formen  herrscht  eine  große  Freiheit,  die  das 
Lesen  manchmal  in  hohem  Grade  erschwert;  manche  Verbindungen 
mußten  daher  später  aufgegeben  werden;  auch  die  Reihenfolge  der  ein- 
zelnen Teile  der  Buchstaben  ist  oft  eine  ungewöhnlich  freie. 

Nicht  nur  im  Interesse  der  Schönheit,  sondern  auch  der  Deutlich- 
keit mußte  die  Forderung  laut  werden,  diese  ausgeschriebene  Cursive 
nicht  noch  weiter  fortzuführen. 


Neben  dieser  Pergament-  und  Papiercursive  des  achten  bis  neunten  P=>pyrus- 

o  ^      ^  _  cursivo 

Jahrhunderts  gab   es   aber  auch  noch   eine  Papyruscursive   des  achten 

Jahrhunderts  (s.  S.  202),  die  wir  deshalb  an  den  Schluß  stellen  müssen,  weil 

sie  den  Übergang  bildet  zu  der  Minuskelschrift  des  9. — 16.  Jahrhunderts. 

Die    Herausgeber   der  N.  PaL  Soc.   pl.  152    bemerken   mit  Recht:    The 

Aphrodito  papijri  go  far  to  fill  fhe  gap  betiveen   the  cursive  hand  of  the  late 

Byzantine  period  (ending  with  the  Arah   conquest   of  Egypt  in  640   —  — ) 

and   the   literary   minuscule  tvhich  maUes  its  apperance   in  vellum  MSS.  in 

the  Oth  Century.    Am  besten  vertreten  ist  diese  jüngste  JVlinuskelcursive,  ''cursi^e^" 

die    man   beinahe  Minuskel   nennen    körinte,    in    den  Papyrusurkunden  Minuskel 

von  Aphrodito.     Aber  vollständig  richtig  wäre  diese  Bezeichnung  doch 

nicht;  sowohl  die  Stilisierung  als  auch  die  Proportionen  der  hohen  und 

tiefen  Buchstaben  sind  andere,  und  selbst  einige  Formen  der  Buchstaben 

sind  verschieden;  das  cc  hat  noch  nicht  genau  die  Form  der  alten  Minuskel : 

das  £  hat  in  der  Minuskelcursive  unter  dem  Querbalken  einen  Halbkreis, 

in  der  Minuskel  einen  geschlossenen  KJreis.  Besonders  instructiv  sind  aber 


—     202     — 

die  Doppelconsonanten  aa  und  rr ;  bei  beiden  hat  der  letzte  Buchstabe 
in  der  alten  Minuskel  seine  cursive  Form  behalten,  nämlich  oJ  und  rv, 
die  man  bei  den  einzelnen  a  und  r  niemals  anwendete.  Das  cursive  a 
bestand  aus  u  und  — /  während  die  alte  Minuskel  nur  das  kreis- 
förmige a  anwendete,  und  ebenso  brauchte  sie  nie  für  das  einzelne  r 
die  Form  ~V~.  Man  kannte  also  noch  die  B^ormen  der  Minuskel- 
cursive,  aber  man  vermied  sie  für  gewöhnlich. 

^  /}  /^ -^=-\ 

piova&m  Qunxtj  fiuvX{ei]  ofipiov  ccrrsfi  {xai)  xoo(/.{ai(t))oc[x(iii)'jiaXix.[uoico] 

u  oi/r(/)[?]  naoa  avT[ov) 
15    ysfjuj?.  vi{o)]  ova^cd'Ci  fiav){u)  rov  (jvfißov[?,ov)  <tv{v)  Cfaiifi[i])'k[toii) 

nahx[auiü))  u  rov  avfißov{lov)  ovt{i)   nuQa   aucpovav   fxav)^B[(o^)  rov 

avT{ov). 

Fig.  59.     Papyrusminuskel (-cursive)  700—705  (verkleinert). 
Brit.  Mus.  Pap.  1448.     N.  Pal.  Soc.  152. 

Während  der  eine  Arm  des  Stromes  allmählich  im  Sande  verläuft, 
fließt  der  andere  weiter;  er  erhält  ein  neues  künstliches  Flußbett,  in 
dem  wir  ihn  nach  mannigfachen  Umbildungen  bis  zur  Renaissancezeit 
und  weiter  verfolgen  können. 

Erst  in  den  letzten  Jahren  haben  wir  diese  interessante  Schrift, 

^P|;^5*^i;°- den  Aphrodito-Papyrus,2  kennen  gelernt  (Journ.  of  Hell.  Stud.  1908.  28. 

97)  und  besonders  das  British  Museum  ist  reich  an  datierten  Proben.^ 


^  -v  ~trOoUj 


^  Siehe  Fig  59:  asb/fi,  aaefx;  das  kreisförmige  a  kommt  nur  ausnahmsweise, 
namentlich  in  Ligaturen  vor. 

*  Maspero,  Jean,  fitudes  s.  le  papyrua  d'Aphrodite.  Bull,  de  Tlust.  fran§. 
d'arch.  Orient  6  p.  75—120;  7  p.  97—152.  Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  1.  —  Official 
letter  a.  710.    N.  Pal.  Soc.  76. 

''  Greek  Papyri  in  th»^  Brit.  Mus.  Facsim.  3.  London  1907  Nr.  96.  97.  98.  99 
(a.  710);  100  (a.  711). 


—     203     — 

Deshalb  hat  auch  die  New  Pal.  Society  mit  Recht  in  ihren  neuen 
Heften  gerade  dieses  langgesuchte  Bindeglied  zwischen  Cursive 
und  Minuskel  besonders  stark  berücksichtigt;  Nr.  76  (a.  710).  152 
(a.  700  —  705).  153  (a.  718),  doch  auch  Wessely  gibt  Proben  von  dem 
Übergang  von  der  Cursive  zur  Minuskel  (Studien  z.  Paläogr.  u.  Papyr.  3, 
und  8  S.  160—164.  209.  212  usw.). 

Es  ist  dieselbe  langgezogene  Notariatsschrift,  die  wir  bereits 
kennen,  mit  den  stelzbeinigen  Formen  der  hohen  und  tiefen  Buchstaben. 
Der  Formenschatz  ist  bereits  fast  genau  derselbe,  den  wir  früher  als 
charakteristisch  für  die  alte  Minuskel  ansehen;  fast  alle  Minuskelbuch- 
staben sind  bereits  vorhanden  {a  u  d  e  x  L  n  v),  nur  das  in  der  alten 
Minuskel  geschlossene  a  hat  meistens  noch  die  halbmondförmige  Gestalt. 
Beim  fx  ist  die  Minuskelform  schon  vorhanden,  daneben  aber  auch  eine 

andere,  die  nicht  von  unten,  sondern   von  oben  angefangen  wird    ^  . 

Das  cursive  Schluß-N  {  -u/    )  in  der  alten  Cursive  (s.  u.  S.  180. 195)  sollte 

man  allerdings  in  der  vorhergehenden  Minuskelcursive  erwarten,  hat 
sich  aber  dort  bisher  nicht  nachweisen  lassen.  Das  w  besteht  nicht 
aus  zwei  geschlossenen,  sondern  oben  offenen  Kreisen;  doch  das  sind 
Kleinigkeiten  bei  der  Menge  von  übereinstimmenden  Formen.  Die  Mi- 
nuskel vom  Jahre  835  ist  also  eigentlich  schon  fertig  im  achten  Jahr- 
hundert. Der  Herausgeber  der  Gr.  Pap.  Brit.  Mus.  4  (Aphrodito-Pap.) 
sagt  oft:  Written  in  a  small,  neat,  sloping  (oder  someivhat  irregulär)  mi- 
nuscule.  und  doch  unterscheidet  man  auf  den  ersten  Blick  diese 
Papyruscursive  des  achten  Jahrhunderts  von  der  Pergamentminuskel 
des  neunten  Jahrhunderts.  Diese  ist  eine  sorgfältige  kalligraphische 
Bücherschrift  mit  dem  Streben  nach  Gleichmäßigkeit  und  Symmetrie, 
das  der  Urkundenschrift  der  Papyruscursive  fehlt.  Beide  Schriftarten 
unterscheiden  sich  also  weniger  in  den  Formen  als  im  Stil. 

Die  damals  ungefähr  tausendjährige  Cursive  war  vollständig  aus- 
geschrieben, sie  war  allerdings  bequem  zu  schreiben,  aber  unschön  und 
nur  schwer  zu  lesen;  das  mußte  anders  werden  und  zugleich  erstrebte 
man  eine  Verbindung  von  Buch-  und  Briefschrift.  Mit  Recht  sagt  Bfjgfg''g"jj"ift 
Wilcken,  Ostraka  1.  817  A.  4,  „daß  die  Cursive  in  der  Minuskel  zur 
Buchschrift  erhoben  wird  (vgl.  Taf.  z.  alt.  gr.  Pal.  S.  VI).  Dieser  zuerst 
von  Gardthausen  erkannte  Zusammenhang  wird  jetzt  wohl  allgemein 
anerkannt.     Vgl.  auch  Wattenbach,  Anleitung,  3.  Aufl.   1895  S.  49." 

Gerade  der  kalligraphische  Charakter  der  alten  Minuskel  tritt 
ganz  besonders  in  den  Vordergrund;  man  schrieb  wieder  mit  Muße 
und  Sorgfalt  wie  bei  der  Unciale  und  brach  doch  nicht  mit  der  cursiven 
Schreibweise.     Bei   dieser  Reaction   hatte   man  aber  nicht  sowohl  die 


—     204     — 

Formen,  sondern  in  erster  Linie  den  Stil  der  Minuskelcursive  aufgegeben. 
Das  Extrem  auf  der  einen  Seite  begünstigte  nun  das  Extrem  auf  der 
anderen  Seite.  Flüchtig  und  rasch  geschriebeoe  Handschriften  kennen 
wir  im  ersten  Jahrhundert  der  alten  Minuskel  überhaupt  nicht. 

Die    alte  Minuskel    ist    also    eine  Bücherschrift,    die  wir    nur   aus 
Handschriften  kennen;   dabei  erhebt  sich  natürlich  die  Frage,   wie  sah 
täg'i^'Lebeli's  ^^^^  damals  die  Schrift  des  täglichen  Lebens  aus? 

Pergamenturkunden  aus  der  Zeit  von  885  n.  (Uir.  besitzen  wir,  so 
weit  ich  sehe,  nicht,  sondern  nur  Handschriften;  Papyrusurkunden  sind 
sicher  noch  in  der  alten  Weise  weiter  geschrieben,  wenn  auch  die 
arabischen  Beamten  nicht  so  schreibselig  waren  wie  die  byzantinischen. 
„Wenn  ich  recht  sehe",  bemerkt  Wilcken,  Grundzüge  und  Chrestom,  I,  1 
S.  XV  A.  „ist  die  letzte  zurzeit  bekannte  arabisch-griechische  Bilingue 
die  im  Führer  P.  E,.  vom  Jahre  996."  Also  ungefähr  zwei  Jahrhunderte 
hat  sich  die  alte  Minuskelcursive  neben  der  bereits  fertigen  Minuskel 
gehalten. 

Wir  müssen  also  annehmen,  daß  die  Schrift  des  täglichen '  Lebens 
dasselbe  blieb  was   sie   bis  dahin  gewesen-  war.     Es  dauerte  lange  bis 
die  alte  Minuskel   so  viel  von  ihrer  feierlichen  Würde  eingebüßt  hatte, 
daß  sie  schließlich  für  beide  Zwecke  angewendet  wurde. 
Griechisch  ^iue    interessante   Probe    des    italischen    Griechisch    geben    uns 

die  Papyrusurkunden  von  Eavenna  des  7.  Jahrb.,  s.  Pal.  Soc.  II  53; 
dort  ist  gelegentlich  der  Text  lateinisch,  aber  die  Buchstaben  sind 
griechisch:  unverbundene  Unciale  untermischt  mit  Formen,  die  ich 
(für  das  7.  Jahrb.)  nicht  mit  den  Herausgebern  der  Pal.  Soc.  als  Minuskel, 
sondern  als  Minuskelcursive  bezeichnen  möchte. 


Sechstes  Kapitel. 

Minuskel.' 

Wenn  man  im  neunten  Jahrhundert  eine  schöne  und  deutliche 
Schrift  brauchte,  die  zugleich  für  die  Bedürfnisse  des  täglichen  Lebens 
und  die  Bücherschrift  gebraucht  werden  konnte,  so  hätte  man  an  die 
Kleinunciale    anknüpfen    können,    die    damals    allgemein    bekannt  war. 


^  Karabacek,  Catalog  der  Th.  Grafschen  Funde.  Wien  1883,  erwähnt  grie- 
chische Urkunden  des  neunten  und  zehnten  Jahrhunderts :  590  ff.  599  (vom  Jahre 
819  n.  Chr.).  G40.  644.  651.  663.  746—748. 

^  Die  Minuskel  ist  in  den  letzten  Jahrzehnten  stets  das  Stiefkind  der  For- 
schung gewesen ;  wir  sind  nur  wenig  über  das  hinausgekommen,  was  in  der  ersten 
Auflage  ausgeführt  wurde;  vgl.  Gardthausen,  Die  griechische  Schrift  im  neunten 
bis  zehnten  Jahrhundert  in  der  Encyclopädie  slav.  Philolog.  von  Jagic  3.  St.  Peters- 
burg 1911  S.  37—50  (russ,). 


—     205     — 

Aber  damit  hätte  mau  die  Vorteile  einer  tausendjährigen  Entwicklung 
der  Cursive  vollständig  aufgeben  müssen,  die  sich  mit  der  Semiunciale 
so  wenig  vereinigen  läßt,  wie  das  Princip  der  verf>undenen  und  der 
unverbundenen  Schriftart.  Deshalb  knüpfte  man  vielmehr  an  die  Cursive 
an;  die  neue  Schrift  sollte  so  verbindungsfähig  sein  wie  die  Cursive  und 
doch  so  deutlich  wie  die  Unciale. 

Der  Übergang  von  der  Cursive  zur  Minuskel  ist  ein  ganz  all- ^^®'"^^^^°.'^^g 
mählicher.  Die  wirklichen  Verbesserungen  der  vorhergehenden  Ent- 
wicklung wollte  man  natürlich  möglichst  bewahren.  Die  verbindungs- 
fähigen Formen  der  Cursive,  die  das  Schreiben,  und  das  Vierlinien- 
system, welche  das  Lesen  erleichtern,  wurden  natürlich  in  der  Minuskel 
beibehalten.  Aber  die  alte  Minuskel  ist  als  kalligraphische  Bücher- 
schrift zugleich  aufzufassen  als  eine  Fortsetzung  der  Uncialschrift,  die  ^^^''unciTie 
in  den  kleinen  Uncialhandschriften  des  8.  oder  9.  Jahrhunderts  immer 
feiner  und  kleiner  wurde,  so  daß  der  Gedanke  nahe  lag,  die  Vorteile 
der  uncialen  und  cursiven  Schrift  zu  vereinigen.  So  entstand  eine 
Schrift  mit  cursiven  Formen  im  Stil  der  Kleinunciale;  daher  wird  auch 
in  der  ältesten  Minuskel  wie  in  der  Uncialschrift  eine  Verbindung  der 
einzelnen  Buchstaben  möglichst  vermieden. 

Die  Ausbildung  der  Minuskel  ist  also,  wenn  man  so  will,  eine 
Codificierung  des  Bestehenden,  aber  fast  jedes  Jahr  brachte  eine  No- 
velle, in  denen  auf  das  Frühere  zurückgegriffen  wurde.  Dieses  ist  in 
unserem  Falle  sowohl  die  Unciale  als  die  Cursive,  deren  Fäden  in 
letzter  Instanz  allerdings  von  demselben  Punkte  ausgingen,  aber  seit- 
dem fast  jeden  Berührungspunkt  verloren  hatten. 

In  der  Theorie  kann  man  also  voraussetzen,  daß  die  älteste  Mi-  Minuskel-" 
nuskel,  die  nur  eine  neue  Stilisierung  der  Minuskelcursive  ist,  denselben  '=""''® 
Formenschatz  hatte  wie  die  Cursive,  der  die  uncialen  Elemente  durch- 
aus nicht  ganz  fremd  waren;  denn  die  Cursive  und  die  Unciale  sind 
beide  derselben  Quelle  entsprungen,  d.  h.  dem  Alphabet  der  Inschriften. 
Aber  diese  uncialen  Elemente  der  Cursive  waren  im  Verlauf  der  Jahr- 
hunderte gründlich  umgebildet  und  in  der  Minuskelcursive  oft  kaum 
noch  zu  erkennen.  Bei  einer  solchen  Stilisierung  der  Schrift  kommt 
alles  an  auf  die  Principien,  nach  denen  sie  durchgeführt  wird.  Die  grie- 
chische Minuskel  ist  eine  Neustilisierung  der  Cursive,  wie  z.  B.  die  alt- 
slavische,  glagolitische  Schrift  eine  Stilisierung  der  griechischen  Minuskel. 
Man  sollte  also  denken,  daß  auch  zwischen  der  Minuskelcursive  und 
der  Glagolitza  irgendwelche  Verwandtschaft  vorhanden  wäre;  und  doch 
gibt  es  kaum  zwei  verwandte  Schriftarten,  die  in  bezug  auf  ihren  Cha- 
rakter größere  Verschiedenheit  zeigten. 

Wenn  nun  die  Minuskel  nur  die  Buchstaben  der  Minuskelcursive 
neu  stilisiert  hat,  so  dürfen  wir  bei  ihr  unciale  Elemente  zunächst  nur 
voraussetzen,  die  in   der  Minuskelcursive  vorhanden  waren,  und   zwar 


—     206     — 

in  der  Form,  wie  sie  dort  vorhanden  waren.  Je  mehr  aber  die  neu- 
gebildete  Minuskel  sich  zur  kalligraphischen  Bücherschrift  ausbildete, 
desto  mehr  bereicherte  sie  sich  durch  die  uncialen  Formen  der  alten 
Kalligraphie;  während  sie  anderseits  ihren  Grundstock  den  bequemen 
Formen  der  Cursive  verdankte. 

Da  die  älteste  datierte  Handschrift  dieser  neuen  Schreibweise  aus 
^M^nu^kef '  ^^^  Jahre  835  n.  Chr.  stammt,  so  werden  wir  nicht  sehr  irren,  wenn 
wir  ihre  Entstehung  ungefähr  in  die  Zeit  von  800  n.  Chr.  setzen;  da- 
mals ist  in  der  Tat  eine  Schreibart  erfunden  worden.  Cramer,  Anecd. 
Oxon.  4, 400  ^TTi  rTii  ßaaiXeiag  KvooTiulärov  (?)  xa\  Eio/jV7]g  (ca.  800  n.  Chr.) 
evoi&i](jav  yoä^fiara  xExo'ka\ov?^^fiiva,  bezieht  sich  wahrscheinlich  auf  die 
Minuskel,  während  Eeinach,  C.  R.,  De  l'Acad.  des  inscr.  1898,  20  auch  an 
Tachygraphie  denkt.  Nissen,  Die  Diataxis  des  Mich.  Attaleiates  vom 
Jahre  1077.  Jena  1894  S.  90 — 95,  meint,  die  Byzantiner  hätten  die 
Miuuskelschrift  fxovvöxaiooq  (v.  xaioog)  genannt.^  Die  sorgfältige  Perl- 
schrift, welche  die  alte  j\Iinuskel  auszeichnet,  aber  auch  später  noch 
vorkommt,  wird  ipiloyoci(piu  genannt;  s.  Zomarides,  Die  Dumba'sche 
Evangelienhandschrift  vom  Jahre  1226.  Leipzig  1904  S.  7.  21  (vgl.  die 
Tafeln). 

Das  ursprüngliche  Minuskelalphabet  entwickelt  sich  nun  in  der 
Weise,  daß  jene  beiden  Fäden  —  zu  denen  als  dritter  manchmal  noch 
die  tachygraphische  Schrift  hinzutritt  —  mit  herangezogen  werden  und 
nun,  je  nachdem  der  rote  oder  weiße  Faden  an  die  Oberfläche  tritt, 
dem  Gewebe  Ausdruck  und  Farbe  verleihen.  Während  also  in  der 
Formen  lateinischen  Minuskel  eingestreute  unciale  Formen  auf  ein  hohes  Alter 
schließen  lassen,  muß  man  im  Griechischen  gerade  den  entgegen- 
gesetzten Schluß  daraus  ziehen.  Scholz  (Bibl.  krit.  Reise  S.  31.  32)  be- 
hauptet allerdings  das  Gegenteil:  „Viele  Buchstaben,  z.  B.  B,  N,  0,  A, 
H,  T,  K  usw.,  haben  noch  die  Form  der  Unciale.  Es  kann  daher  dies 
Manuskript  nicht  nach  dem  11.  Jahrhundert  geschrieben  sein,"  und 
ebenso   charakterisierte  Wattenbach  (Anleitung ^  S.  34)    nach  Bast    die 


^  Schriftproben  datif^ter  Minuskel  .siehe  namentlich  Wattenbach  und  Velsen 
(1  S.  19),  Omont  (1  S.  20);  vgl.  ferner  Tableau  chronolog.  de  fcsm.  de  mss.  gr. 
dates  du  VIII  au  XVI  siecle  siehe  Omont,  Fcsm.  mss.  gr.  dates.  Paris  1891 
p.  VII — XII,  das  jetzt  nach  20  Jahren  sich  leicht  verdoppeln  ließe.  Sabaa  (siehe 
oben  1  S.  17)  und  Amphilochios  (siehe  oben  1  S.  18)  sind  jetzt  in  neuer  Bearbei- 
tung erschienen:  Zereteli,  G.  et  S.  Sobolevski,  Exempla  codicum  Graecorum  litteris 
minusculis  scriptorum  annornmque  notis  instructorum.  Vol.  I:  Codices  Mosquenses. 
Mosquae  1911.  fol.  Mit  43  Taf.  Steffens,  F.,  Proben  aus  griech.  Handschriften. 
Trier  1912.  Gute  Proben  alter  Minuskel  sind  facsimiliert  in  dem  Catalogue  of 
ancient  mss.  in  the  British  Mus.  P.  I,  Greek.  London  ISSI  und  bei  Ca\alieri-Lietz- 
mann,  Specimina  Xr.  7  flP.  (siehe  oben  1  S.  233).  Auch  E.  Martini,  Textgesch.  d.  Pho- 
tios,  Abh.  d.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  38.  Leipzig  1911,  gibt  eine  schöne  Probe 
(c.  Marc.  450)  alter  Minuskel  Taf.  II,  aber  Taf.  I  scheint  mir  jünger  zu  sein. 


—     207     — 

vetustissimi  saec.  IX  „mit  vielen  Capitalformeu".  Der- 
artige Formen  sind  vielmehr  ein  Beweis  vom  Gegen- 
teil. Die  älteste  Minuskel  hatte  zunächst  nur  cursive 
Formen  einschließlich  der  uncialen,  die  durch  das 
Medium  der  Cursive  hindurch  gegangen  waren;  aber 
da  sie  eine  Kalligraphie  sein  wollte,  so  bürgerten 
sich  im  Laufe  der  Entwicklung  die  unveränderten 
uncialen  Formen  wieder  ein.  Sie  gehören  also 
nicht  zum  Grundstock  der  alten  Minuskel,  sondern 
sind  Neuerungen  der  späteren  Zeit. 

Die  einzelnen  uncialen  Buchstaben  treten 
übrigens  zu  sehr  verschiedener  Zeit  successive 
wieder  auf;  während  einige  schon  im  Anfang  des 
zehnten  Jahrhunderts  wieder  gebraucht  werden, 
bleiben  andere  noch  viel  länger  in  der  Ver- 
borgenheit. 

Wenn  wir  also  das  Alphabet  von  835  zugrunde 
legen,  so  ergeben  sich  die  nebenstehenden  Reihen. 
Die  meisten  von  den  jüngeren  Formen  sind  uucial, 
nur  die  links  daneben  gesetzten  zeigen  cursiven  Ur- 
sprung oder  doch  cursiven  Charakter,  die  dem  kalli- 
graphischen Charakter  der  alten  Minuskel  wider- 
sprechen. Die  mit  einem  *  bezeichneten  Uncial-  [3j  "$ 
formen  sind  diejenigen,  welche  in  die  Minuskelschrift 
zuletzt  Eingang  fanden  und  bis  jetzt  wenigstens  o 
bei  datierten  Handschriften  der  ältesten  Minuskel 
nur  in  Überschriften  oder  semiuncialen  Scholien 
nachgewiesen  sind.  Vielleicht  werden  spätere  Nach- 
forschungen zeigen,  daß  bei  dieser  oder  jener  Uncial- 
form  der  *  zu  tilgen  ist.  Doch  muß  man  bei  dieser 
Unter siichung,  wie  überhaupt  bei  der  Benutzung 
der  Tafeln  mit  Minuskelalphabeten,  immer  fest- 
halten, daß  der  Text  eines  Werkes  anders  ge- 
schrieben ist  als  die  Scholien  oder  die  Unter- 
schrift, weil  hier  die  Vulgärformen  leichter  Ein- 
gang fanden.  Davon  überzeugt  man  sich  leicht, 
wenn  man  die  viel  flüchtigeren  Unterschriften  mit 
der  entsprechenden  Schrift  des  Textes  vergleicht, 
so  z.  B.  bei  Sabas  vom  Jahre  990,  1006, 
1086  usw. 


a 

CL 

A 

U 

3 

r 

r 
A 

t6- 

3 

e 

z 

k 

H^ 

9-6 

i 

u 

l< 

A 

X 

H- 

dl* 

■UU  jj 

N^ 

•y 

ü* 

■ZP 

IT 

?? 

J  <T 

C 

TYT 

7' 

V 

r* 

^ 

^ 

X 

+ 

y  ^ 

00 

U>3f 

Fig. 

60. 

—     208     — 

Alte  Minuskel. 

(Tafel  5.) 

^ürenzen^'  ^^^   chroiiolügischen  Grenzen   der  alten  Minuskel^  lassen  sich  ge- 

nauer bestimmen  als  es  bei  den  meisten  anderen  Perioden  der  Paläo- 
grapie  möglich  ist.  Zunächst  ist  die  Schrift  schön  und  eigenartig  und 
unterscheidet  sich  durch  Stil  und  Sorgfalt  von  der  Minuskelcursive  auf 
Papyrus  und  Pergament,  aus  der  sie  hervorgegangen  ist.  Die  Grenze 
nach  unten,  d.  h.  die  Grenze  zwischen  der  alten  und  der  mittleren 
Minuskel    wird    durch    einen    äußeren   Umstand    mit    großer  Sicherheit 


tY*^*'t^'^0  ^  KATAM  i^T^AIC  M  '.. 


EYArrEAlON  KATA  MAT0AION 

Biß'koc,  yei'iascog  1{?](to)v  X[fn(TTo)v  lovda^  kyerv7]ae  tov   Waoeg  xccl 

v[io)v  Aa[ß\)8  v[io)v  top  Zuou  ix  tTjc.  Qä^ccf).   (Dapeg 

!Aßoc(afi.  ^Aßoaafji.  iyevvi]ae  Se  h/evvijrrev  rov  'Eaocofi.  'E(Torofi 

TÖv  laaüx.   laaax  de  iyivvrjcre  de   kyevvrjaev  xbv  lAgäfi.   lAoafi  de 

röv  'laxcoß.  'laxcjß  de  t/evvijae  kyevvijae  rov  'Afiivudüß.    'Afxiva- 
Tov'Iovdccvxal  rovg  ädeXqjovc,  uvtov. 

Fig.  61.     Alte  Minuskel  (verkleinert;  die  zweite  Col.  gehört  unter  die  erste). 

Tetraevangelium  Uspenskianum  a.  835.    V.  Gardtbausen ,   Sitzungsber.  d.  Ges.  d.  Wiss.  1877.     WaUen- 

bacb  et  Velsen,  Exompla  Nr.  1. 

bestimmt,  nämlich  durch  das  Gesetz  der  oberzeiligen  Schrift  (siehe 
oben  1  S.  188  ff.).  Die  Formen  der  alten  Minuskel  sind  allerdings, 
wenn  auch  anders  stilisiert,  dieselben  wie  die  der  jüngsten  Minuskel- 
cursive; aber  in  erster  Linie  sollte  sie  eine  kalligraphische  Bücher- 
schrift sein,  ebenso  wie  die  früheren  Unciale  oder  Semiunciale,  deren 
Buchstaben,  auf  der  Zeile  standen;  in  dieser  Beziehung  folgte  die 
alte  Minuskel,  obwohl  es  Ausnahmen  gibt,  die  bis  ins  neunte  Jahr- 
hundert zurückreichen  (s.  o.  1  S.  188),  dem  Gesetze  der  Unciale.  Die 
Zeit   der    alten  Minuskel    ist   also    diejenige  Periode    der    überzeiligen 


^  Für  das  Verständnis  der  Formen,  Ligaturen  und  Abküi-zungen  sei  ein  für 
allemal  auf  die  Commentatio  von  Bast  (s.  o.  1  S.  9)  verwiesen. 


—     209     — 

Minuskelhandschriften;    sie    reicht    ungefähr    vom  Jahre   835    bis    zum 
Jahre  972  n.  Chr. 

Von  großer  Bedeutung    für    unsere    Kenntnis    der    alten  Minuskel  ^^*  j^^gsö*'' 
war  die  Erwerbung  eines  Tetraevangeliums   durch  den  Bischof  Porfirij 
Uspenskij,  dessen  Publication  er  mir  verstattete. 

Durch  jenes  Tetraevangelium  von  835  gewinnen  wir  das  Recht,  j^j^^^^^^^j  j^^ 
die  Ausbildung  der  Minuskel  im  engeren  Sinne  um  ein  halbes  Jahr-  Paiästioa 
hundert  hinaufzurücken.  Daneben  gewinnen  wir  aber  auch  einen  An- 
haltspunkt in  localer  Beziehung.  Scholz  hat  nämlich  auf  seiner  biblisch- 
kritischen Reise  (S.  145 — 146)  ein  Evangelienbuch  von  der  Hand  des 
Nicolaus  im  Jahre  835  geschrieben,  in  S.  Saba  gesehen,  und  wenn  es 
ihm  auch  nicht  gelungen  ist,  die  Unterschrift  vollständig  zu  entziffern, 
so  ist  doch  die  Übereinstimmung  in  bezug  auf  Namen  und  Jahr  des 
Schreibers  so  genau,  daß  wir  diese  beiden  Handschriften  mit  Sicher- 
heit identificieren  dürfen.  Da  nun  bei  der  gedrückten  Lage  der 
Christen  im  Orient  an  auswärtige  Erwerbungen  für  dieses  abgelegene 
Kloster  kaum  gedacht  werden  kann,  so  ist  es  wahrscheinlich,  daß  auch 
der  Mönch  Nicolaus  in  S.  Saba  gelebt  und  geschrieben  hat.  Die  früh- 
sten sicheren  Spuren  einer  durchgebildeten  Minuskel  führen  nicht  ins 
byzantinische  Reich,  sondern  vielleicht  ans  Tote  Meer. 

Eine  zweite  Probe  der  Hs.  gibt  Zereteli  (Journ.  des  Minist  d.  Volks- 
aufklärung 1895  S.  7(3 — ^80),  wo  er  gegen  meine  Annahme  polemisiert; 
er  beruft  sich  auf  drei  Todesanzeigen  in  unserer  Handschrift  vom 
Jahre  grAe  827  und  grü  882,  die  ihm  auf  Constantinopel  hinzuweisen  (i^^g^^n^j. 
scheinen.  Die  beigegebene  Phototypie  zeigt  mit  großer  Sicherheit,  daß  "«pei 
diese  drei  Todesanzeigen  von  einer  Hand  und  zwar  vom  Nicolaus,  dem 
Schreiber  der  ganzen  Handschrift  herrühren.  Da  also  der  ganze  Codex 
erst  835  vollendet  wurde,  so  sind  die  Todesanzeigen  von  827  und  832 
nicht  gleichzeitig,  sondern  vom  Nicolaus  aus  seiner  Vorlage  copiert  und 
also  ohne  Bedeutung  für  die  Provenienz  der  ältesten  datierten  Minuskel- 
handschrift; das  scheint  Zereteli  übersehen  zu  haben. ^ 

Die  alte  Minuskel  ist  eine  sorgfältige  kalligraphische  Schrift; 
flüchtig  geschriebene  Handschriften  kennen  wir  in  dieser  Zeit  überhaupt 
nicht.  Der  Schreiber  läßt  sich  Zeit  und  schreibt  einen  Buchstaben 
neben  den  anderen;  Ligaturen  sind  vorhanden,  aber  selbst  da  kommt 
der  einzelne  Buchstabe  noch  zur  Geltung.  Zugleich  ist  der  Schreiber 
bestrebt,  durch  Verlängerung  der  Endstriche  einzelner  Buchstaben  wie 

^  Siehe  meine  Beitr.  z.  gr.  Pal.  I  S.  20  und  Watteubach,  Exempla  Nr.  1. 

-  Zum  zweiten  Male  scheint  er  seine  Entdeckung  verwertet  zu  haben  in  den 
ZTE(t>ANOZ  (riiss.),  Sammlung  von  Abh.  zu  Ehren  Ssokolows.  St.  Petersburg  1895 
S.  76  —  80;  S.  76  gibt  er  einen  Lichtdruck,  ixnd  eine  Transeription  S.  76 — 77; 
(siehe iWochenschr.  f.  class.  Philol.  1896  sp.  465)  und  zum  dritten  Male:  Byzantin. 
Ztschr.  9.  1900  S.  649  (mit  gutem  Lichtdruck). 

Gardthausen,  Gr.  Paläograpbie.   2.  Aiifl.   II.  14 


—     210     — 

z.  B.  c/.—,  oder  auch  durch  Hinzufügung  von  Hilfsstrichen,  zwei,  wenn 
auch  unterbrochene  Linien  herzustellen,  welche  die  mittleren  Buch- 
staben entweder  oben  oder  unten  begrenzen. 

Nicht  immer  steht  die   Schrift  der  alten   Minuskel   auf  der  Zeile 

(s.  0.  1  S.  187),    aber  wo  wir  oberzeilige   Schrift  finden,  haben  wir  ein 

sicheres    Kriterium    für    diese    Zeit.      Trotz    der    Einheitlichkeit    der 

^"virsS-*"  Formengebung  ist  die  individuelle  Verschiedenheit  der  Schreiber  größer 

denheit  ^jg  ^^^  meinen  sollte.  Auf  der  einen  Seite  mächtige  energische  Cha- 
raktere, als  ob  jeder  einzelne  Buchstabe  in  Bronze  eingemeißelt  wäre, 
siehe  z.  B.  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  12  a.  916,  Pal.  Soc.  129. 
CoUez.  Fiorent  Nr.  XIX.  Daneben  eine  elegante  Zierschrift  im  besten 
Sinne  des  Wortes.  In  der  Mitte  des  zehnten  Jahrhunderts  erhielt 
nämlich  die  alte  Minuskel  ihre  künstlerische  Durchbildung;  es  entstand 
eine  Eundschrift,  die  nicht  durch  äußere  Pracht  der  Ausstattung  und 
Farben,    sondern    bloß    durch    die    schöne    Form    der   einzelnen  Buch- 

^scS'  Stäben  wirkt,  die  wie  Diamanten  funkeln  und  mit  einem  Diamanten 
eingerissen  zu  sein  scheint.  Es  ist  ein  feiner,  eleganter  Ductus,  dessen 
Schönheit  in  der  griechischen  Paläographie  wohl  überhaupt  nicht  wieder 
erreicht  ist.  Namentlich  in  der  Bibliothek  des  Sinai  sah  ich  einige 
kleine,  sonst  einfach  ausgestattete  Andachtsbücher  [z.  B.  c.  421)  dieser 
schönen  Diamantschrift. 

Daneben  gibt  es  natürlich  manche  Unterarten.  Die  Schrift  der 
alten  Minuskel  ist  eine  senkrechte  oder  fast  senkrechte  Rundschrift; 
es  gibt  sogar  Handschriften  der  alten  Minuskel,  deren  Buchstaben  bei- 
nahe eine  Neigung  nach  links  haben,  z.  B.  im  Jahre  890;  s.  Omont, 
Facsim.  d.  mss.  gr.  dat^s  pl.  I.  Rechts  geneigte  Buchstaben  sind  in  der 
alten  Minuskel  nur  gegen  Ende  der  Periode  nachzuweisen,  obwohl  wir 
eine  stattliche  Reihe  datierter  Handschriften  besitzen.  Aber  diese 
Ausnahmen  beweisen  durchaus  nicht,  daß  wir  jede  Handschrift  mit 
rechtsgeneigter  Minuskel  ohne  weiteres  der  alten  Minuskel  zuweisen 
dürfen. 

^^e"n"ch6e^  A.  Jacob,  La  minuscule  grecque  pench^e  et  Tage  du  Parisin.  gr. 

1741.  M61.  Chatelain  p.  52,  hat  allerdings  das  Gegenteil  nachweisen 
wollen.  Er  beruft  sich  auf  den  c.  Paris.  668  vom  Jahre  954,^  allein 
wir  haben  viele  datierte  und  undatierte  Handschriften  in  der  Coli.  Fior,, 
Pal.  Soc,  Cavalieri-Lietzmann  usw.,  welche  den  c.  Paris.  1741  vielmehr 
dem  elften  Jahrhundert  zuweisen,  für  das  diese  Handschrift  gerade  als 
Typus  anzusehen  ist.  Wenn  Jacob  recht  hätte,  so  müßte  unsere  Alters- 
bestimmung vieler  (namentlich  klassischer)  Handschriften  gründlich  revi- 
diert werden.  Ferner  verweist  er  auf  die  rechtsgeneigten  Buchstaben 
der  Minuskelcursive    des    achten    Jahrhunderts,    die    natürlich    für    die 

'  Siehe  Oniont,  Mss.  gr.  datös  pl.  Y  und  'rhoinpson-Laiiihros,  Palaebgr.  p.  166. 


—     211     — 

kalligraphische  Minuskel  nichts  beweisen.  Es  ist  nicht  nur  die  Neigung 
nach  rechts,  sondern  auch  die  fliegende  Eile,  mit  der  das  Ganze  ge- 
schrieben ist,  die  der  alten  Minuskel  vollständig  fremd  sind,  und  die 
beiden  vergrößerten  Schriftproben,  die  Jacob  seinem  Aufsatz  beigegeben 
hat,  ändern  natürlich  nichts  an  diesem  Urteil.  Mit  mehr  Eecht  hätte 
er  sich  auf  einen  Moskauer  Arethas-Codex  vom  Jahre  932  berufen 
können,  in  dem  linksgeneigte  Minuskel  allerdings  schon  vorkommt; 
aber  dem  Schreiber  Stylianus  kam  es  darauf  an,  die  einzelnen  Teile 
des  Textes  durch  verschiedene  Schriftarten  möglichst  scharf  zu  trennen; 
in  den  von  Cereteli  Sobolevski,  Exempla  Nr.  5 — 6  veröffentlichten  Proben 
unterscheidet  man  vier  verschiedene  Schriftarten.  Eine  ähnliche  Ver- 
bindung der  rechtsgeneigten  und  steilen  Minuskel  zeigt  auch  der 
c.  Palatinus  XXIII,  Wattenbach  und  Velsen,  Ex.  codd.  graec.  Nr.  XXXVI 
weisen  beide  dem  elften  Jahrhundert  zu,  wie  ich  glaube,  mit  Unrecht; 
die  eine  Seite  453  mit  oberzeiliger  Schrift  gehört  sicher  dem  zehnten, 
die  andere  mit  der  geneigten  Minuskel  sicher  dem  elften  Jahr- 
hundert an. 


Das  u  hat  600   und  080   schon   seine  cursive  Form   angenommen,  Einzelne 

.  "  ■     Formen 

die  es  m  der  Minuskel,  wenn  auch  mit  stärkerer  Betonung  des  letzten 
Teiles,  beibehalten  hat. 

Beim  B  fanden  wir  noch  im  siebenten  .Jahrhundert  ein  Schwanken 
zwischen  der  uncialen  (Beitr.  z.  gr.  Pal.  1  Taf.  3  /)'  1.  6)  und  der  cursiven 
(Taf.  3  /?  11)  Form.  Die  Erklärung  der  letzteren  Form  darf  man  nicht 
etwa  im  lateinischen  u  finden  wollen;  sie  erklärt  sich  vielmehr  durch 
das  Streben  nach  Vereinfachung;  man  wollte  das  B  in  einem  Zuge 
machen  und  dabei  schrumpften  die  beiden  Halbkreise  zu  einem  geraden 
Striche  zusammen,  der  später  unten  noch  einen  kleinen  Seitenstrich 
erhielt,  um  die  Verbindung  nach  rechts  herzustellen;  so  erklärt  sich 
auch,  warum  das  cursive  ß  in  seiner  ältesten  Form  zu  den  hohen 
Buchstaben  zu  zählen  ist.^  Diese  cursive  Form  des  ß  gewinnt  bald 
die  ausschließliche  Herrschaft,  und  erst  im  zehnten  Jahrhundert  taucht 
die  unciale  Form  B  auf. 

Das  r  zeigt  viele  Verwandtschaft  mit  dem  T.  Bei  beiden  gilt  es, 
einen  horizontalen  und  einen  verticalen  Strich  zu  verbinden;  in  einem 
Zuge  konnte  man  dies  nur  tun,  wenn  man  mit  dem  horizontalen  be- 
gann, dann  zum  verticalen  überging,  diesen  wieder  bis  zum  horizon- 
talen hinaufführte,  so  daß  sich  die  letzte  Hälfte  des  horizontalen 
anschließen  konnte;  daher  nimmt  f  im  Jahre  835  ungefähr  die  Gestalt 
eines  Y  an. 


'  Diese  Erklärung  hat  auch  Wattenbach  in  der  zweiton  Auflage  seiner  Anl. 
z.  gr.  Paläogr.  (Leipzig  1877)  S.  30  angenommen. 

14* 


—     212     — 

Das  Delta  ist  besonders  wichtig  für  die  Periode  des  Übergangs. 
An  dem  einfachen  Dreieck  wird  zunächst  der  Zug  nach  links  oben,  wie 
schon  in  der  Unciale,  verlängert  über  die  Linie  (Beitr.^  z.  Gr.  Pal.  1 
Taf.  3  J  3),  dann  werden  die  Ecken  abgerundet  [d  6.  7)  und  nun  tritt 
wieder  das  Streben  hervor,  alles  zu  einem  Zuge  zu  verbinden;  so  ent- 
steht die  für  die  Minuskel  charakteristische  Form  [Ö  9),  die  aber  im 
Jahre  680  wohl  erst  anfing  sich  auszubilden.  Aus  dieser  Entstehung 
erklärt  sich  auch,  weshalb  in  der  ältesten  Minuskel  (im  engeren  Sinne) 
die  Schleife  des  d  sich  unten  stark  verengt  und  oft  sogar  zu  dem 
Kreise  zurückkehrt,  von  dem  sie  ausgegangen.  Meistens  ist  der  Ver- 
bindungsstrich nach  rechts  bis  auf  die  Linie  herabgezogen  und  jeden- 
falls viel  selbständiger  entwickelt  als  in  der  späteren  Minuskel.  Solche 
Formen  wie  Taf.  3  ^  14.  15.  IG  sind  in  der  alten  Minuskel  nicht  nach- 
zuweisen. 

Das  6  kann  man  ohne  Bedenken  als  den  wichtigsten  Buchstaben 
des  ganzen  Alphabets  bezeichnen,  nicht  nur  wegen  seiner  Häufigkeit, 
sondern  auch  wegen  seiner  mannigfaltigen  Formen  und  Verbindungen. 
Die  Aufgabe,  einen  Halbkreis  mit  einem  horizontalen  Querstrich  zu 
verbinden,  ist  in  der  lateinischen  und  in  der  griechischen  Paläogi'aphie 
in  der  verschiedensten  Weise  gelöst  worden.  Für  uns  genügt  es, 
darauf  hinzuweisen,  daß  in  der  Schrift  der  Taf.  1  meiner  Beiträge  die 
unten  geschlossene  Minuskelform  mit  dem  kleinenHäkchen  (s.  u.  Taf.  5 
€  1.  2.  5.  9)  an  der  höchsten  Spitze,  das  später  verschwindet,  sich  noch 
nicht  nachweisen  läßt.  Die  unciale  Form  des  E  (ebenso  wie  H)  habe 
ich  vor  dem  Jahre  924,  in  dem  der  c.  Vindob.  phil.  314  geschrieben 
wurde,  nicht  gefunden.  —  Die  Form  von  ei  ist  natürlich  nichts  weiter 
als  eine  Verbindung  von  s  und  /,  ähnlich  wie  wir  die  entsprechenden 
Verbindungen  von  ai  und  fii  (Taf.  5  «  2  und  i  2)  nachweisen  können. 
Wenn  man  so  an  das  e  unten  ein  i  anhängt,  so  gewinnt  der  untere 
Teil  leicht  eine  Neigung  nach  links.  Die  Ligatur  si  ist  gewissermaßen 
zu  einem  Buchstaben  geworden,  und  dieser  Buchstabe  wird  schon  in 
der  Schrift  der  Aphrodito-Papyri  wiederum  aufgelöst  und  zerlegt.  Auf 
jenem  interessanten  Pergament  aber  (Beitr.  z.  Gr.  Pal.  1  Taf.  3  «/  11. 
12.  13)  ist  nicht  nur  der  untere,  sondern  auch  der  obere  Teil  nach 
links  gewendet,  und  noch  auffallender  ist  die  Auflösung  der  Form  bei 
der  Verbindung  mit  d  {ei  14.  15),  die  im  Jahre  835  streng  vermieden 
werden.  Bei  anderen  Ligaturen  ist  das  e  z.  B.  im  Jahre  950  unten 
offen  (Taf.  5  e  2;  ebenso  schon  897). 

Das  ^  hat  bereits  die  Gestalt  einer  3,  aber  daneben  wird  schon 
um  900  n.  Chr.  auch  die  spitzwinkelige  Form  Z  angewendet. 

^  Ich  bin  hier  gezwungen,  auf  die  Tafel  meiner  Beiträge  zurückzugreifen, 
weil  die  entsprechende  Tafel  4  der  ersten  Auflage  dieses  Buches  in  die  zweite 
nicht  aufgenommen  werden  konnte. 


—     213     — 

Das  7]  hat  ungefähr  die  Form  eines  lateinischen  h  angenommen, 
die  sich  in  der  ältesten  Minuskel  ausschließlich  nachweisen  läßt. 

Beim  6  geht  das  Bestreben  dahin,  das  Oval  mit  dem  Querstrich 
zu  einem  Zuge  zu  verbinden;  dieses  Ziel  ist  im  wesentlichen  erreicht 
in  der  Form  Beitr,  z.  Gr.  Pal.  1  Taf.  3  ö  11 ;  die  anderen  Formen  zeigen 
eine  noch  weitere  Auflösung,  die  schließlich  zur  Durchbildung  unserer 
gewöhnlichen  Minuskel  &  führte;  da  dieselbe  aber  leicht  mit  anderen 
Buchstaben,  z.  B.  r))  verwechselt  werden  konnte,  so  wurde  das  auf- 
gelöste tf-  erst  spät  (Ende  des  zehnten  Jahrhunderts)  aufgenommen. 
Im  Jahre  835  finden  wir  noch  ausschließlich  die  unciale  Form  6  im 
Gre brauch,  die  in  der  ältesten  Minuskel  meistens  oben  ein  wenig  zu- 
gespitzt ist. 

Das  Iota  der  Minuskelcursive  war  lang  und  kurz,  punktiert  und 
nicht  punktiert;  auch  in  dieser  Hinsicht  herrschen  im  Jahre  835  schon 
wieder  festere  Regeln.  In  dem  erwähnten  Tetraevangelium  ist  das 
alleinstehende  Iota  immer  punktiert.^  In  anderen  Handschriften  der 
ältesten  Minuskel  läßt  sich  wenigstens  ein  Schwanken  zwischen  dem 
punktierten  und  nichtpunktierteu  I  nachweisen,  bis  dann  für  die  Zeit 
vom  Ende  des  zehnten  bis  Ende  des  zwölften  Jahrhunderts  die  Punkte 
bei  dem  alleinstehenden  I  verschwinden  und  sich  nur  noch  in  den 
Ligaturen  dieses  Buchstabens  (z.  B.  M  vom  Jahre  1055)  erhalten. 
Ligaturen  kann  ein  einfacher  Strich  (wenn  auch  in  drei  verschiedenen 
Größen)  nicht  ohne  weiteres  eingehen,  weil  er  dann  zu  leicht  übersehen 
wird;  die  drei  Ai'ten  des  einfachen,  oder  nach  unten  oder  nach  oben 
verlängerten  i  hängen  davon  ab,  ob  dasselbe  von  dem  vorangehenden 
Buchstaben  gar  nicht,  oder  ob  unten  oder  oben  „angefaßt"  wird.^ 

K  ist  ein  unbequemer  Buchstabe,  der  sich  in  einem  Zuge  nur 
schreiben  läßt,  wenn  ähnlich  wie  beim  cursiven  B  (Beitr.  z.  Gr.  Pal.  1 
Taf.  3/9  11)  die  letzte  Hälfte  vereinfacht  wird.  Man  kürzt  also  den 
Winkel  zu  einer  Rundung  ab,  und  so  entsteht  das  cursive^  jc  (Taf.  3 
;c  2.  6.  11  usw.)  bereits  in  der  Zeit  der  jüngsten  Minuskelcursive;  und 
diese  Form  erhält  sich  fast  bis  zum  Jahre  895  im  ausschließlichen 
Gebrauch,  dann  tritt  die  unciale  Form  (Taf.  5  ;«  12)  wieder  in  ihr 
älteres  Recht. 

Das  Lambda  hat  in  der  Minuskel  des  Jahres  835  ausschließlich  die 
cursive  Form,  die  erst  im  folgenden  Jahrhundert  durch  A  verdrängt  wird. 

Die  Minuskelform  des  fji  ist  abzuleiten  von  jul,  und  es  ist  also 
begreiflich,  daß  man  oben  beginnt,  wie  es  die  Ligaturen  Beitr.  z.  Gr. 
Pah  1    Taf.  3   /x  7.  12.  13    und  g  12—13    sehr    deutlich    zeigen.      Eine 


1  Vgl.  Reil,  Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  490. 

2  Siehe  Meyer,  W.,  Abb.  d.  Götting.  Ges.  d.  Wiss.  N.  F.  6.  1902  S.  26. 

^  Die  Entstellung  der  cursiven  Form  sieht  mau  recht  deutlich  Taf.  5  x  G. 


—     214     — 

solche  Verbinduugsfäliigkeit  nach  vorn,  wie  z.  B.  bei  f/,«.  hat  das  u  in 
der  ausgebildeten  Minuskel  beinahe  Yollständig  verloren;  hier  muß 
dieser  Buchstabe  fast  immer  mit  einem  Aufstrich  unter  der  Zeile  be- 
ginnen, um  Verwechselungen  mit     u  .■].  U    >,,     U    x  vorzubeugen. 

Auch  das  v  hatte  vor  der  Ausbildung  der  Minuskel  viel  mannig- 
faltigere Formen,  aus  denen  sich  allerdings  die  unciale  immer  mit  mehr 
oder  weniger  Mühe  herauserkennen  läßt;  das  Alphabet  der  Minuskel- 
cursive  zeigt  daher  sehr  verschiedene  Formen  des  v  und  merkwürdiger- 
weise schon  die  spitze^  langgezogene  (Beitr.  z.  Gr.  Pal.  1  Taf.  3  v  12), 
die  wir  meistens  als  sicheres  Kennzeichen  der  späten  Minuskel  des 
14. — 16.  Jahrhunderts  zu  betrachten  gewohnt  sind.  Die  Gültigkeit 
dieses  Kennzeichens  wird  auch  jetzt  natürlich  nicht  in  Frage  gestellt, 
denn  das  lange  spitze  v  wäre  in  der  ältesten  Minuskel  (im  engeren 
Sinne)  z.  B.  im  Jahre  835  vollständig  unmöglich.  Das  ganz  frühe  und 
ganz  späte  Vorkommen  dieser  Form  ist.  nur  ein  neuer  Beweis  dafür, 
daß  dieselbe  Grundform  (das  unciale  N)  zu  verschiedenen  Zeiten  in 
ähnlicher  Weise  weiter  entwickelt  wurde.  Dieselbe  unciale  Form  des  N 
muß  man  auch  zugrunde  legen,  wenn  man  die  später  so  häufigen  Ver- 
bindungen von  7y2'  (Taf.  5  i]  3)  und  vv  verstehen  will;  und  mit  diesen 
beiden  ist  die  seltene  Verbindung  von  tv  auf  eine  Linie  zu  stellen 
(Taf.  5  f  3.  4;  6  i'  2),  welche  sich  meines  Wissens  in  der  mittleren 
Minuskel  (nach  950)  überhaupt  nicht  mehr  nachweisen  läßt  und  daher 
als  ein  ziemlich  sicheres  Kriterium  der  alten  Minuskel  betrachtet  wer- 
den kann.  Die  entsprechende  Ligatur  von  ca<,  die  wenigstens  nicht 
undenkbar  wäre,  habe  ich  bis  jetzt  nirgends  gefunden.  Bei  der  Liga- 
tur z.  B.  von  //i'  ist  das  //  vollständig;  daran  schließt  sich  ein  v  (mit 
einem  Strich  zu  viel  in  der  Form  w.  dieser  scheinbar  überflüssige 
Strich  ist  also  der  Aufstrich,  mit  dem  der  Buchstabe  beginnt,  der 
aber  aufwärts  gebogen  als  Verbindungsstrich  nach  links  hin  verwendet 
wird.  Allein  geschrieben  kommt  dieses  ^-förmige  v  nie  vor.  Eine  Ver- 
bindung des  cursiven  v  mit  dem  hohen  oder  niedrigen  /  scheint  nie- 
mals angewendet  zu  sein,  weil  sie  zu  den  schlimmsten  Verwechslungen 
hätte  führen  müssen.  —  Das  Schluß-//  wird,  wie  in  der  Unciale,  oft 
vertreten  durch  — . 

Das  I  läßt  sich  im  Jahre  835  allerdings  nicht  nachweisen,  es  leidet 
aber  keinen  Zweifel,  daß  es  nach  Analogie  des  C  zu  bilden  wäre. 

Auch  das  0  zeigt  wieder,  daß  früher  Verbindungen  möglich  waren, 
die  man  später  aufgegeben  hat.  o:io  (Beitr.  Taf.  3  o  8/9)  mußte  in 
der  späteren  Minuskelschrift  schon  aus  dem  Grunde  anders  geschrieben 
werden,  weil  es  zu  nahe  liegt,  den  ersten  Buchstaben  als  a  zu  lesen. 


"Wattenbach  (Anleitung-  S.  15)  bezweifelt  das   spitze  v  vor  dem  12.  Jahrb. 


—     215     — 

was  natürlich  im  Jahre  680  noch  nicht  zu  befürchten  war.  In  der  alten 
Minuskel  wird  o  dagegen  häufig  mit  einem  vorangehenden  tt,  a,  z  usw. 
verbunden. 

Das  y.  das  sich  z.  B.  die  Schreiber  der  Dioscorideshandschrift  und 
der  Minuskelcursive  gestatteten,  war  aus  der  strengen  Schrift  der 
ältesten  Minuskel  von  835  verbannt,  findet  sich  aber  (über  der  Zeile) 
im  c.  Mosq.  vom  Jahre  890,  so  daß  das  v  direct  in  das  o  übergeht. 
Als  unciale  Elemente  wieder  in  die  Minuskel  eindrangen,  erinnerte 
man  sich  der  Entstehung  dieses  Zeichens  und  setzte  ein  wirkliches  v 
entweder  auf  oder  über  ein  o,  z.  B.  Taf.  6  oy  1.  G.  7.  15  und  Taf.  7 
ov  3.  4.  7.  11. 

Das  unciale  >t  ist  der  alten  Minuskel  fast  vollständig  fremd;  diese 
Form  taucht  im  Text  erst  gegen  das  Ende,  im  J.  914  und  972  wieder 
auf.  Die  cursive  Form  des  jr,  d.  h.  ein  oo  unter  einem  Querbalken,  findet 
sich  schon  im  siebenten  Jahrhundert;  zu  bemerken  ist  nur.  daß 
man  in  der  ausgebildeten  Minuskelschrift  den  engen  Anschluß  des 
folgenden  Vocales  aufgegeben  hat.     Auffällig  bleibt   die  Teilung  des  tz 

in  dem  cursiveu    ^7*   ^^tio,   die  nicht  in  der  alten,   wohl  aber  in  der 

jungen  Minuskel  wiederholt  wurde. 

Die  Minuskel  des  Jahres  835  kennt  nur  ein  geschlossenes  o-;^  das 
halbmondförmige  C  ist  ihr  vollständig  fremd  geworden,  ebenso  wie  das 
nach  links  geöffnete  cursive  rr  der  mittleren  Minuskel;  aber  bald  wird 
das  C  als  hoher  Buchstabe  wieder  in  Curs  gesetzt,  namentlich  im  Anlaut. 

Das  T,  das  schon  beim  f  gelegentlich  mit  erwähnt  wurde,  ist 
eigentlich  ein  doppeltes  f.  Durch  das  Streben,  alles  zu  einem  Zuge 
zu  verbinden,  erhielt  das  T  fast  die  Gestalt  eines  Y  (Beitr.  z.  Gr.  Pal.  1 
Taf.  3  T  1.  2).  Diese  Form  wurde  schon  am  Ende  des  siebenten  Jahr- 
hunderts wohl  in  Ligaturen,  aber  nicht  mehr  für  den  einzelnen  Buch- 
staben angewendet,  sie  tauchte  aber  in  Ligatur  im  neunten  bis 
zwölften  Jahrhundert  in  der  Form  des  rz:  zy  (Taf.  5  z  13 — 15  usw.) 
wieder  auf,  dessen  letzter  Teil  sich  nur  durch  die  cursive  Form  erklären 
läßt.  Li  der  Minuskel  von  835  macht  sich  die  Verbindung  von  sz 
(Taf.  5  T  2)  bemerkbar,  die  auch  in  der  späteren  Minuskel  sehr  ge- 
wöhnlich ist;  dagegen  läßt  sich  die  unmittelbare  Verbindung  von  xz 
(Taf.  5  r  3  und  x  3.  4),  so  weit  ich  sehe,  durch  Beispiele  der  späteren 
Schrift  nicht  belegen.     In  Ligatur   z.  B.   mit  u   beginnt  der  Schreiber 

das  r  zuweilen  von  unten     ax-    . 

Auch  das  v  zeigt  wieder,  daß  seine  häufigsten  Verbindungen, 
z.  B.  mit  £  (Beitr.  z.  Gr.  Pal.  1  Taf.  3  i;  12.  13),  älter  sind  als  die  Mi- 


>  Wegen  acr  s.  o.  S.  201.  202  A.  1. 


—     216     — 

nuskel  im  engeren  Sinne ;  über  den  Doppelpunkt  des  v  vgl.  Reil,  Byz. 
Ztschr.  19.  1910  S.  490. 

Der  Rest  des  Alphabets  hat  in  der  ältesten  Minuskel  von  835 
abwärts  keine  durchgreifenden  Veränderungen  durchgemacht  und  kann 
daher  hier  füglich  unberücksichtigt  bleiben;  auf  ein  sicheres  Kenn- 
zeichen der  Minuskel  bis  zum  Ende  des  zehnten  Jahrhunderts,  nämlich 
das  Verhältnis  der  Buchstaben  zur  Linie,  wurde  schon  oben  (1  S.  187) 
aufmerksam  gemacht. 

dungd.aiten  Schließlich  noch  ein  Wort  über  die  Grenze  der  alten  und  mitt- 
Minuskei  lereu  Miuuskel.  Wir  haben  oben  gesehen,  daß  diese  Schrift  als  directe 
Fortsetzung  der  Cursive  in  den  Papyrusurkunden  aufzufassen  ist,  daß 
diese  cursiven  Formen  allerdings  stilisiert  werden,  und  auf  dem 
Pergament  ein  anderes  Aussehen  bekommen,  daß  aber  die  Grundlagen 
dieselben  bleiben.  Die  Formen  der  einzelnen  Buchstaben  sind  also 
dieselben  in  der  jüngsten  Cursive  und  in  der  ältesten  Minuskel,  und 
der  veränderte  Schriftcharakter  besteht  nur  darin,  daß  in  der  Minuskel 
die  einzelnen  Buchstaben  viel  sorgfältiger  und  genauer,  ohne  die  früher 
üblichen  Ligaturen  geschrieben  W'Urden.  Als  die  Minuskel  entstand, 
hörte  man  wenigstens  in  weiteren  Kreisen  auf,  in  Majuskeln  zu 
schreiben,  so  daß  die  Minuskel  nicht  nur  von  der  Cursive,  sondern  später 
auch  von  der  Majuskel  die  Erbschaft  antreten  konnte.  Von  der  einen 
Seite  erhielt  sie  die  abgeschliffenen,  abgerundeten  Formen,  die  sich 
durch  jahrhundertelangen  Gebrauch  bewährt  hatten,  von  der  anderen 
Seite  die  langsame  sorgfältige  Art  des  Schreibens,  welche  mit  größter 
Sorgfalt  einen  Buchstaben  neben  den  andern  malt,  wie  sie  nur  die 
älteste  Minuskel  zeigt.  Doch  diese  Rücksichten  wurden  den  Schreibern 
bald  lästig.  Statt  der  feierlichen  kalligraphischen  Schrift  mit  ab- 
gezirkelten senkrechten  Buchstaben  bevorzugte  der  Schreiber  eine  be- 
quemere Schriftart.  Es  tritt  in  der  mittleren  Minuskel  ein  doppelter 
Rückschlag  Rückschlag  ein,  insofern  als  einige  der  bequemen  Formen  und  Liga- 
turen der  Cursive  wieder  in  Curs  gesetzt  werden,  und  auch  die  uncialen 
Formen,  die  niemals  ganz  vergessen  waren  und  namentlich  in  den 
Überschriften  und  der  Kleinunciale  benutzt  wurden,  wieder  auftauchen 
und  sich  einen  Platz  im  Texte  verschaffen,  in  w^elchem  sogar  tachy- 
graphische  Buchstaben  und  Abkürzungen  in  größerer  Anzahl  nicht 
mehr  verschmäht  werden. 


—     217     — 
Mittlere  Minuskel.^ 

cLu-n^lÄ-r^-ÖTJotl  t^  •  'Atj;  ^<oup^>t-<^o  N  Gral ß/^  t 
rörd"   avTS  TitJOffesiTTs  (')iTi^  xara  d'dxov  x^ovrra' 

üjxvfjiooog  Ol)  fioi  xtxoi  watui.    oi    ccyoQSvsiq' 
ui'rixu  yäo  toi   'enstrcc  fi&d''  Exrooa  7törfi{oq)  cvoTf^iog' 
T/'jV  Ss  f.iiy    öx\)-i]aaq  %ooai(fri  irööag  coxvg  ^/(X?.evg' 

avTixci  TE&rairjV,   h':ie.l  ovx  äo    efieX)^ov  iraiocot. 

Fig.  62.    Mittlere  Miuuskel  (verkleinert). 

c.  Marcian.-Venetus  453.    Wattenbach  et  Velsen,  Exempla  Nr.  39. 

Der  Unterschied  zwischen  der  alten  und  der  jungen  !Minuskel- 
schrift  ist  in  jeder  Beziehung  groß  und  deutlich;  zwischen  beiden  steht 
die  mittlere  Minuskel.  Da  die  aus  der  Minuskelcursive  entstandene 
alte  Minuskel  eine  kalhgraphische  Bücherschrift  sein  sollte,  so  wurde 
ihr  Formenschatz  schon  in  früher  Zeit  bereichert  durch  unciale  Ele-  ^scha^tz' 
mente,  die  ihr  ursprünglich  fremd  waren;  aber  diese  Reform  wurde 
von  den  Schreibern  der  alten  Minuskel  doch  nur  zaghaft  und  langsam 
durchgeführt;  erst  die  der  mittleren  Minuskel  haben  die  Consequenzen 
gezogen  und  die  uncialen  oder  semiuncialen  Formen,  die  ihnen  passend 
schienen,  ohne  Bedenken  im  Text  verwendet;  das  ist  der  principielle 
Unterschied  der  alten  und  mittleren  Minuskel. 

Allmählich  aber  machte  auch  die  Zeit  ihr  Recht  geltend.  Die  andert- 
halb Jahrhunderte  der  alten  Minuskel  waren  nicht  ohne  Einfluß  auf  die 
Fortentwicklung  der  Schriftformen  gewesen,  und  die  Schreiber  führten 
allmählich  die  außer  Curs  gesetzten  Vulgärformen  wieder  ein,  welche 
die  Schreiber  der  alten  Minuskel  principiell  verschmäht  hatten;  es  war 
das  eine  abschüssige  Bahn,  deren  Folgen  in  ihrem  ganzen  Umfange 
erst  in  der  Entwicklung  der  jungen  Miuuskel  zutage  treten.  Auch  die 
Sorgfalt  und  Ruhe  des  Schreibenden  ließ  nach;  manche  Handschriften 
tragen  bereits  Spuren  der  Hast,  mit  der  sie  geschrieben  sind,  während 
andere  Handschriften  dieser  Zeit  den  älteren  Minuskelhandschriften  an 
Sorgfalt  der  Ausführung  wenig  nachgeben ;  vgl.  Omont,  Facsim.  mss.  gr.  rjJmhmng 
dates  pl.  XV,  Joh.  Chrysost.  a.  1033.     Die  Grenzlinien  zwischen  beiden 


^  S.  Tafel  6.  7,  8  (9).  —  Proben  bei  Sabas  a.  975  ff.,  Cavalieri-Lietzmann  Nr.  15 
a.  981  ff.    Cereteli-Sobolevöki,  Exempla  1.  Tab.  VII  (a.  975).  Steffens,  Proben  Nr.  10. 


~     218     — 

Perioden  sind  daher  nicht  mit  derselben  Sicherheit  zu  ziehen,  wie 
zwischen  der  alten  und  der  mittleren  Minuskel,  nämlich  ca.  972  n.  Chr. 
Thompson-Lambros,  Palaeogr.  S.  2G9,  lassen  die  Zeit  der  mittleren  Mi- 
nuskel (der  Codices  vetusti)  mit  der  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  enden. 
Vielleicht  aber  wäre  es  richtiger,  diese  Zeit  der  Verwilderung  schon 
1204 n.Chr.  1204  n.  Chr.  der  Eroberung  Constantinopels  durch  die  Lateiner  be- 
ginnen zu  lassen.  Schon  die  Handschriften  vom  Ende  des  zwölften 
Jahrhunderts  (s.  Taf.  0)  sind  manchmal  von  denen  der  jungen  Minuskel 
kaum  noch  zn  unterscheiden. 

Wenden  wir  uns  nach   diesen  Vorbemerkungen  zu   den   einzelnen 
Formen  der  mittleren  Minuskel. 

Fo°rme°n  Das  u  gehört  zu   denjenigen  Buchstaben,    die    am    frühesten    ihre 

unciale  Form  wieder  annehmen.  Schon  im  Jahre  SOG  und  914  (siehe 
Taf.  5  «  11.  14.  16)  macht  sich  das  is  namentlich  am  Schlüsse  wieder 
geltend,  und  auch  seine  Ligaturen  mit  o  und  /  sind  sehr  gewöhnlich. 
Während  in  der  ältesten  Zeit  der  letzte  Strich  des  u  besonders  stark 
entwickelt  ist,  namentlich  wenn  er  die  Verbindung  herstellt  mit  einem 
ligierten  nachfolgenden  Buchstaben,  hat  das  anlautende  a  im  elften 
Jahrhundert  häufig  im  Anfang  einen  kleineren '  oder  größeren  Vorstrich 
von  unten  her  (Taf.  6—7  a.  1037.  1045.  1060  usw.),  der  jedoch  auch 
schon  im  Jahre  990  vorkommt  (Taf.  6  u  \2.  \\,  x  13),  und  dieser  Vor- 
strich im  Anlaut  erklärt  dann  solche  Schnörkel  mitten  im  Wort,  wie 
bei  Eav  und  du  (Taf,  7  c^  15.  16).  Auch  das  tachygraphische  u  ( — ) 
wird  ganz  unbefangen  mit  dem  gewöhnlichen  Alphabet  verbunden 
(Taf.  1  u  Q)-.  ax).  Auffallend  bleibt  nur,  wie  ein  Schreiber,  der  die 
tachygraphische  vSchrift  seiner  Zeit  so  vollkommen  beherrschte,  wie  der 
Schreiber  des  c.  Lond.  Add.  18  231  vom  Jahre  972  und  einer  Hand- 
schrift von  Grottaferrata  ^  aus  dem  Jahre  986  beständig  -i-  schreibt 
(Taf.  6  «10;  ö  9),  was  in  der  Tachygraphie  allerdings  r«  bedeuten 
würde, ^  und  doch  hat  Wattenbach ^  ganz  recht,  wenn  er  -h  mit  a 
identificiert;  auch  in  dem  c.  Vind.  theol.  19  vom  Jahre  1196  findet 
sich  noch  AyA-^^gx.  Ein  derartiger  Doppelpunkt  wird  manchmal 
gebraucht,  um  auf  eine  Abkürzung  aufmerksam  zu  machen.  Da  diese 
Erklärung  hier  aber  nicht  ausreicht,  so  möchte  ich  ihn  einen  dia- 
kritischen nennen;  wahrscheinlich  diente  er  dazu,  um  das  a  ( — )  von 
einem  beliebigen  anderen  Querstrich  zu  unterscheiden,  der  diesen  Sinn 
nicht  hatte. 

Das  ß   ist    für    die   Unterscheidung    der   alten   und   mittleren   Mi- 
nuskel von  großer  Bedeutung,  weil  seine  unciale  Form  in  den  ältesten 


'  Siehe  Montfaueon,  Pal.  Gr.  283,  VII. 

-  Vgl.  Ch.  Graux  in  der  Revue  crit.   1877  p.  398  uiut   1878  p.  201  flf. 

^  Anleitung  z.  gr.  Pal.-',  autograph.  Teil  S.  2  (fehlt  in  der  neuen  Aufl.). 


—     219     — 

Minuskelhanclschrifteü ,  soweit  sie  bis  jetzt  bekannt  sind,  niemals  vor- 
kommt, sondern  nur  das  cursive  u,  das  auch  in  der  mittleren  Minuskel 
immer  noch  neben  dem  umständlicheren  B  seinen  Platz  behauptet  und 
sich  überhaupt  niemals  gänzlich  hat  verdrängen  lassen.  —  Auch  die 
Form  dieses  Buchstabens  hat  mehrfach  gewechselt.  Im  Anfange  dieser 
Epoche  macht  sich  überhaupt  noch  ein  gewisses  unsicheres  Tasten 
hinsichtlich  der  hohen  und  tiefen  Buchstaben  bemerkbar;  die  Richtung 
der  Zeit  ging  dahin,  die  uncialen  Formen  wieder  zu  beleben;  aber  bei 
einigen  Buchstaben,  die  in  der  Unciale  mittlere  Höhe  hatten,  schwankte 
man  wegen  der  Größe  und  Verbindung  in  der  Minuskel.  Dies  gilt 
nicht  nur  von  dem  B,  sondern  auch  vom  /  (Taf.  6  /  3 — 5.  7)  und  / 
(Taf.  7  /  2),  die  noch  in  den  Jahren  953—964  und  1037  zu  den  Buch- 
staben mittlerer  Größe  gerechnet  werden  konnten.  Ebenso  reichte 
das  B  ursprünglich  nicht  über  die  (obere)  Linie,  so  z.  B.  in  einem 
Pariser  Nonnus  (SuppL  4G9  A)  vom  Jahre  986,  in  den  c.  Paris.  438  vom 
Jahre  990  (Taf.  6  ß  12)  und  Coisl.  213  vom  Jahre  1027  (Taf.  6  /?  15. 16). 
Erst  in  der  Mitte  des  elften  Jahrhunderts  wurde  das  unciale  B  aus 
einem  tiefen  zu  einem  hohen  Buchstaben  (Taf.  7  /?  4.  5.  12.  14.  17) 
Dabei  bleibt  die  Form  des  Buchstabens  stets  in  sich  geschlossen  und 
kann  daher  weder  nach  vorn  noch  hinten  Verbindungen  eingehen;  erst 
nachdem  dieses  Princip  aufgegeben  war  und  man  versuchte,  diesen 
Buchstaben  mit  dem  vorhergehenden  durch  einen  Verbindungsstrich  zu 
vereinigen,  fängt  die  Form  an  zu  verfallen;  diese  geöffnete  Form  be- 
ginnt später  sogar  mit  einem  Aufstrich  von  unten,  der  aber  schon  ein 
sicheres  Kennzeichen  von  junger  Minuskel  ist.  —  Die  cursive  Form, 
die  in  der  mittleren  Minuskel  mit  der  uncialen  wechselt,  kann  natür- 
lich nach  vorn  nur  mit  wenigen  Buchstaben,  wie  v  (Taf.  6  /?  10),  ver- 
bunden werden,  während  andere  Ligaturen,  z.  B.  mit  /,<,  (Taf.  6  ß  1. 
4.  10 — 11),  leicht  zu  Mißverständnissen  führten  und  deshalb  aufgegeben 
wurden. 

Das  unciale  f  kommt  vereinzelt  schon  im  neunten  Jahrhundert 
vor.  Denn  wenn  auch  der  c.  Clarkianus  des  Plato  vom  Jahre  895 
(Taf.  5)  meistens  ein  y  zeigt,  so  kommt  doch  auch  rc}g  und  sogar  im 
Inlaut  lörov  (Taf.  5  j'  13.  14)  vor.  Erst  ein  halbes  Jahrhundert  später 
mehren  sich  die  Spuren,  so  z.  B.  in  Handschriften  aus  den  Jahren  953 
(Taf.  6  y  5),  971,  986,  1027  (Taf.  6/15  usw.),  und  es  dauerte  lange, 
bis  diese  Form  sich  so  weit  eingebürgert  hatte,  daß  sie  neben  ihren 
uncialen  und  semiuncialen  Ligaturen  (Taf.  6  j'  15;  7  ;'  4.  5.  7.  8)  auch 
mit  eigentlichen  Minuskelformen  Verbindungen  eingehen  konnte.  Die 
cursive  Form  /  hat  zuweilen  einen  Querstrich  nach  rechts  (Taf.  5 
/  7.  11;  6  7  3.  12;  7  y  2.  11),  der  noch  an  die  unciale  Grundform 
erinnert  und  in  der  Tat  in  der  jungen  Minuskel  meistens  fehlt. 


—     220     — 

Auch  beim  S  löst  sich  die  cursive  Form  vom  Jahre  835  allmäh- 
lich auf;  in  der  mittleren  Minuskel  kehrt  der  letzte  Zug  nicht  wieder 
zum  Hauptteil  des  Buchstabens  zurück,  auch  neigt  sich  die  Schleife 
dieses  Buchstabens  immer  weniger  nach  links,  sondern  steht  manchmal 
senkrecht  (Taf.  7  S  2.  3.  9.  11)  und  endet  oben  manchmal  nicht  mehr 
mit  einer  Rundung,  sondern  mit  einem  spitzen  Winkel  (Taf.  1  ö  8.  9). 
Die  pyramidale  Uncialform  läßt  sich,  so  weit  ich  sehe,  nicht  vor  953 
und  964  (Taf.  6  ^  5.  7.  8  usw.)  in  der  Minuskel  und  zwar  zunächst  im 
Anlaute  nachweisen  und  verbindet  sich  am  leichtesten  mit  /  und  o.  In 
der  Semiunciale  hat  sie  sich  natürlich  stets  erhalten. 

Für  €  hat  die  mittlere  Minuskel  nicht  weniger  als  drei  Grund- 
formen (s.  0.  S.  207),  die  wieder  vielfach  variiert  werden:  1.  die  6  förmige 
Minuskelform  vom  Jahre  835  (Taf.  5  s  2),  2.  die  Uncialform  €,  d.  h.  ein 
Halbkreis  mit  einem  Querstrich  in  der  Mitte  (Taf.  5  s  4 — 5)  und  3.  die 
cursive  Form,  bestehend  aus  zwei  kleineren  übereinander  gesetzten 
Halbkreisen  (Taf.  7  €  5). 

Die  erste  Form,  die  in  der  alten  Minuskel  mit  einem  Häkchen 
oder  wenigstens  einem  Punkt  ansetzte,  kommt  auch  ähnlich  im  Jahre  964 
und  gelegentlich  selbst  in  der  jungen  Minuskel  vor;  aber  in  der  Regel 
beginnt  diese  Minuskelform  der  späteren  Zeit  mit  einem  nur  noch  ganz 
wenig  nach  rechts  geneigten  oder  auch  senkrechten  Strich,  und  wenn 
noch  ein  Anfangspunkt  vorhanden  ist,  so  ist  derselbe  meist  nicht  mehr 
nach  unten,  sondern  nach  oben  gerichtet  (Taf.  6^15  und  e  15),  wovon 
sich  vor  dem  Jahre  1027  bis  jetzt  kein  Beispiel  findet.  Nur  ausnahms- 
weise und  besonders  in  Ligaturen  wird  die  geschlossene  Minuskelform 
in  der  Weise  aufgelöst,  daß  der  Kreis  oben  offen  ist,  so  z.  B.  schon 
im  Jahi-e  914  (Taf.  5  e  16). 

Das  unciale  €  dagegen  kommt  im  neunten  Jahrhundert  nicht  vor, 
sondern  erst  in  Handschriften  von  924,  953  und  964  (Taf.  6  g  4.  7)  und 
wechselt  seit  dieser  Zeit  mit  den  beiden  anderen  Formen. 

Die  cursive  Form,  die  ursprünglich  der  uncialen  sehr  nahe  stand, 
erhält  bald  ein  ganz  anderes  Ansehen,  einmal,  weil  die  obere  und 
.  untere  Hälfte  leicht  getrennt  werden  und  weil  diese  Form  meistens  von 
der  Mitte  begonnen  wird  und  mit  dem  Querbalken  endigt,  wie  schon 
die  Formen  des  Jahres  600  (Beitr.  Taf,  3  e  13.  15)  zeigen.  Diese  ge- 
teilte cursive  Form,  welche  die  Schreiber  des  neunten  Jahrhunderts 
noch  vermieden,  wurde  im  Jahre  914  in  Ligaturen  schon  wieder  an- 
gewendet (Taf.  5  e  17,  i  Iß,  r  16),  und  nachdem  man  sich  einmal  wieder 
an  diese  Form  gewöhnt  hatte,  war  es  nur  noch  ein  Schritt  bis  zu  der 
Umbildung  des  nach  vorne  ligierten  s  (s.  o.  S.  207),  wie  sie  der  mittleren 
und  jungen  Minuskel  eigentümlich  ist,  so  daß  der  untere  Teil  des  s 
aus  einem  links  geöffneten  Kreise  besteht,  auf  den  der  obere  Halbkreis 
oder  vielmehr  der  spitze   Winkel  nachträglich   aufgesetzt  wird  (Taf.  6 


—     221     — 

/  16,  £  13.  17;  Taf.  7  6  15,  rr  9,  t  6.  9  usw.).  Der  offene  Ki-eis  des 
unteren  Teils,  der  in  der  alten  Minuskel  niemals  fehlt,  verflüchtigt  sich 
immer  mehr  und  wird  in  der  mittleren  ^Minuskel  gern  mit  dem  letzten 
Teil  des  vorhergehenden  Buchstabens  verbunden,  doch  in  der  älteren 
Zeit  wenigstens  in  der  Weise,  daß  dieser  untere  Teil  immer  noch 
angedeutet  wird  (Taf.  1  y  6,  d  und  e  5,  jtt  5.  6.  12.  15.  16).  In  der 
weiteren  Entwicklung  der  mittleren  Minuskel  fällt  auch  das  weg  und 
von  6  bleibt  nichts  übrig,  als  der  obere  Halbkreis.  Dieses  haken- 
förmige 6  kommt  selbst  im  xlnlaut  schon  im  Jahre  1083  vor  (Taf.  7 
X  16.  17,  «17,  (7  16,  r  17).  Daneben  gab  es  noch  eine  zweite  cursive 
Form  des  «,  die  in  der  mittleren  Minuskel  wieder  auflebte  und  eben- 
falls in  Papyrusui-kunden  schon  im  Jahre  600  n.  Chr.  nachweisbar  ist 
(Beitr.  z.  Gr.  Pal.  1  Taf.  3  d  b,  v  d,  |  3,  y  3).  Das  ganz  andere  Aus- 
sehen erklärt  sich  wiederum  durch  die  veränderte  Reihenfolge  der 
einzelnen  Züge:  der  Schreibende  beginnt  mit  dem  untersten  Teil  und 
geht  sofort  zum  obersten  über,  um  dann  mittelst  eines  Verbindungs- 
striches die  Mitte  nachzuholen,  resp.  auch  sofort  in  Ligatur  an  den 
folgenden  Buchstaben  anzuschließen.  —  Am  frühesten  findet  sich 
dieses  s  in  der  Ligatur  ei  (Beitr.  z.  Gr.  Pal.  1  Taf  3  ei  1.  2.  11  — 15). 
Diese  cursive  Form  des  s,  die  der  älteren  Minuskel  fremd  geblieben, 
wurde  schon  im  Anfang  des  elften  Jahrhunderts  wieder  gebraucht  in 
Ligaturen  von  £|  und  ea  (Taf.  7  |  2,  ö-  2.  10).  Auch  die  Ligatur  sti 
(Taf.  7  TT  10)  gewinnt  mit  der  Zeit  immer  mehr  an  Ausdehnung. 

Beim  ^  überwiegt  in  der  mittleren  Minuskel  immer  noch  die  ab- 
gerundete Cursivform,  doch  zeigen  schon  die  Proben  von  914.  953. 
964.  972.  990.  1071.  1083  daneben  auch  die  spitzwinklige  Form  der 
ünciale. 

Auch  das  ?;  behält  während  der  größeren  Hälfte  des  zehnten  Jahr- 
hunderts noch  die  cursive  h-Form;  daneben  aber  wird  das  unciale  H 
in  Minuskeltexten  schon  seit  924,  971  (c.  Paris.  497)  und  990  zunächst 
im  Anlaut,  im  Jahre  1027  sogar  schon  in  einfachen  Ligaturen  wieder 
verwendet. 

Im  Gebrauch  der  Form  d  stimmt  auffallenderweise  die  ältere 
Minuskel  mit  der  Unciale  überein;  erst  in  der  mittleren  Minuskel 
greifen  die  Schreiber  zu  der  aufgelösten  cursiven  Form  zurück,  zu- 
nächst für  die  Ligatur  ad  (972.  1027  usw.).  Im  elften'  Jahrhundert 
werden  die  cursiven  Formen  von  6  und  e  häufig  ganz  unmittelbar 
aneinander  herangezogen  (Taf.  6  ö  14;  Taf.  7  ö  5.  10.  15  usw.).  Diese 
Ligatur  scheint  der  alten  Minuskel  fremd  zu  sein,  welche  wahrschein- 
lich nur  eine  primäre  Ligatur  des  uncialen  6  und  s  (Taf.  5  ö  10)  an- 
gewendet hat. 

Das  i  hat  in  der  mittleren  Minuskel  gewöhnlich  allerdings  keine 
Punkte,  allein  beweisend  ist  dieser  Umstand  nicht;  namentlich  im  An- 


—     222     — 

fang  eines  Wortes  und  auch  in  Ligaturen  behält  das  /  häufig  seine 
beiden  Punkte.  S.  die  Proben  von  1027.  Von  20  Minuskelhandschrit'ten 
des  zehnten  Jahrhunderts  und  zehn  Minuskelhandschriften  des  elften 
Jahrhunderts  unterdrücken  dreizehn  bzw.  fünf  die  Punkte  (bei  /  und  v), 
sieben  bzw.  fünf  verwenden  sie  zugleich  neben  den  Spirituszeichen 
(s.  Kiel,  Byz.  Ztschr.  19,  1910  S.  491).     Über  das  stumme  Jota  s.  u. 

Das  K  gehört  zu  denjenigen  Buchstaben,  die  ihre  unciale  Form 
am  frühesten  wieder  annahmen.  K  findet  sich  z.  B.  schon  im  Jahre 
895,  und  seit  dieser  Zeit  wurden  die  unciale  und  cursive  Form  neben- 
einander gebraucht. 

Dasselbe  gilt  vom  l  für  die  Zeit  von  914  an.  Die  unciale  Form 
erhielt  wieder  Bürgerrecht  in  der  Minuskel,  durfte  aber  in  Ligaturen 
mit  dem  vorhergehenden  Buchstaben  nicht  verwendet  werden.  Im 
elften  Jahrhundert  scheint  man  mit  Vorliebe  die  unciale  Form  bis 
unter  die  Zeile  herabgezogen  zu  haben,  so  daß  sie  mit  einem  kleinen 
Haken  nach  links  endigte;  so  findet  sich  das  /.  nicht  nur  auf  Taf  7 
zum  Jahre  1060  und  1083,  sondern  besonders  häufig  in  dem  von 
Wattenbach  facsimilierten  c.  Palatinus  von  1040. 

Beim  fi  hält  sich  die  normale  Minuskelform  in  ausschließlichem 
Gebrauch  bis  zum  elften  Jahrhundert;  1037  tritt  schon  wieder  die 
Form  mit  dem  geschwungenen  Vorstrich  auf  (Taf.  1  n  \.  3),  welche  der 
sogen,  praekoptischen  Form  der  alten  Unciale  entspricht. 

Ein  unciales  N  wird  in  der  älteren  Minuskel  nicht  vorkommen, 
sondern  erst  in  Handschriften  von  986.  990.  1027.  1059.  1060  usw., 
doch  daneben  hält  sich  die  eigentliche  Minuskelform,  die  allerdings 
nicht  mehr  so  sorgfältig  wie  früher  geschrieben  wird  und  namentlich 
nicht  mehr  wie  im  Jahre  835.  888.  914.  953.  964  oben  rechts  mit 
einem  Punkte  endigt.  Auch  die  cursive  Form  mit  hochgezogenem 
Aufstrich  ['v)  scheint  niemals  —  selbst  in  der  ältesten  Minuskel  nicht  — 
verschmäht  zu  sein;  sie  fand  selbst  im  Jahre  835  Verwendung  zur 
Bildung  von  Ligaturen,  wie  riv  (Taf.  5  //  3j,  während  die  häufig  vor- 
kommende Verbindung  von  ev  (Taf.  5  ;'  3 — 4,  v  3 — 4)  beide  Buchstaben 
in  secundärer  Ligatur  zeigt,  sodaß  jener  überflüssige  Verbindungsstrich 
hier  zu  fehlen  scheint.  Ln  Jahre  890.  914  findet  sie  bereits  eine 
weitere  Anwendung  bei  xvv  und  vv  (Taf.  5  »/  14,  i/  10.  12.  13  usw.). 
Der  c.  Oxf.  Bodl.  D.  4,  I  vom  Jahre  950  braucht  ev  in  primärer  Liga- 
tur z.  B.  bei  yivv,  ^evog  usw.  In  solchen  Ligaturen  hat  das  v  schein- 
bar die  Gestalt  eines  <y;  jedoch  nur  scheinbar,  denn  der  Teil  dieses 
Zeichens,  der  uns  überflüssig  zu  sein  scheint,  ist  nichts  als  ein  Ver- 
bindungsstrich, der  das  v  mit  dem  vorhergehenden  Buchstaben  zu 
einer  Ligatur  verbindet  (s.o.);  er  vertritt  den  Aufstrich,  mit  dem  die  nicht- 
ligierte  Minuskelform  anfängt.  Wenn  man  z.  B.  den  Aufstrich  unter 
der  Zeile,    der  beim  N   als  ein  jüngerer  Auswuchs  zu   betrachten  ist? 


—     223     — 

Dicht  wegschneidet,  sondern  hinaufbiegt,  gewinnt  man  die  Grundform 
des  später  so  weit  verbreiteten  ligierten  v.  Erst  in  der  jüngeren 
Minuskel  (Taf.  10  7/4,  r  3;  11  v  11)  wurde  dieser  Verbindungsstrich, 
der  überflüssig  zu  sein  schien,  entfernt,  und  in  dieser  Form  sind  die 
Ligaturen  rjv  und  vv  selbst  in  die  ältesten  Drucke  übergegangen. 

Das  I  scheint  im  neunten  Jahrhundert  und  vor  dem  Jahre  895 
und  914  noch  nicht  in  seiner  uncialen  Form  vorzukommen;  nach  dieser 
Zeit  wechseln  beide  Formen,  nur  bei  den  Ligaturen,  wie  ß|,  «|  usw., 
wird  ausschließlich  die  cursive  Form  angewendet. 

Das  0  wird  schon  in  der  älteren  Minuskel  an  einige  vorhergehende 
Buchstaben,  wie  g,  t  usw.,  eng  herangezogen.  Aber  erst  seit  dem 
Ende  des  zehnten  Jahrhunderts  geht  es  innigere  Verbindungen  ein 
mit  dem  uncialen  x  (Taf.  6  o  13j;  namentlich  aber  mit  A  (Taf.  6  o  14. 
17  usw.). 

Wie  rigoros  man  bei  der  Bildung  der  ältesten  Minuskel  war,  zeigt 
besonders  der  Umstand,  daß  man  das  &•  verschmähte,  das  sogar  in 
Uncialcodices  des  sechsten  Jahrhunderts  gebraucht  wurde.  Bloß  in 
Unterschriften,  bei  denen  die  Vulgärformen  weniger  beanstandet  wurden, 
so  z.  B.  im  Jahre  880  (Taf.  5  «  5.  6),  wurde  diese  Ligatur  angewendet, 
doch  selbst  hier  nicht  im  Worte  selbst,  sondern  nur  als  Abkürzung 
über  der  Zeile.  Bei  der  mittleren  Minuskel  fallen  diese  Rücksichten 
weg,  das  V  wurde  seit  dem  Jahre  950  auf  (T.  5  «  1.  6.  7.  15;  T.  7  ö  1) 
oder  oft  sogar  nur  über  das  o  gesetzt,  z.  B.  1037,  1059,  1071  (Taf.  7 
n  3.  8.  11);  neben  diesen  zusammengeschriebenen  Buchstaben  ov  kommt 
aber  auch  z.  B.  schon  die  wirkliche  Ligatur  .v  im  Inlaut  der  Worte 
vor  (Taf.  6  v.  J.  953  — 1027  usw.)  und  wird  bereits  ganz  wie  ein  ein- 
heitlicher Buchstabe  behandelt. 

Ein  unciales  tt  habe  ich  in  der  alten  Minuskel  vor  dem  Jahre  914 
(Taf.  5  y  17)  nicht  gefunden,  etwas  häufiger  wird  es  erst  in  der  letzten 
Hälfte  des  zehnten  Jahrhunderts,  und  nach  dieser  Zeit  brauchen  die 
Schreiber  nach  Belieben  bald  die  unciale,  bald  die  cursive  Form. 

Das  o  behält  seine  geschlossene  Minuskelform  bis  zum  Anfang 
des  elften  Jahrhunderts,  wo  zuerst  die  nach  links  offene  Cursivform  in 
den  Ligaturen  mit  einigen  Vocalen,  wie  cc  und  v,  wieder  Mode  wurde, 
wie  sie  es  vorher  im  siebenten  Jahrhundert  bereits  einmal  gewesen. 
Das  erste  mir  bekannte  Beispiel  des  offenen  ligierten  o  bietet  ein 
c.  Paris.  1085  vom  Jahre  1001  bei  Verbindungen  mit  v  und  sogar  mit 
vorhergehendem  6  und  (f.  Taf.  6  o  15.  16  zeigt  Beispiele  aus  dem 
Jahre  1027,  und  die  folgende  Tafel  gibt  Beispiele  von  Verbindungen 
mit  verschiedenen  anderen  Buchstaben. 

Das  fT  hat  gelegentlich  bereits  in  der  Minuskelcursive  diejenige 
Form  angenommen,  die  es  in  der  Minuskel  bis  auf  den  heutigen  Tag 
behalten  hat.    Daneben  aber  macht  sich  da.s  halbmondförmige  unciale  C 


—     224     — 

wieder  geltend.  Auch  hier  zeigt  sich  im  Anfang  ein  gewisses  Schwanken, 
die  kleinere  Form  von  mittlerer  Größe  wurde  ausnahmsweise  im  An- 
laut verwendet  von  dem  Schreiber  des  c.  Bodl.  D  4  I  a.  950,  z.  B.  in 
(TW  (Taf.  6  ö-  2),  was  nicht  etwa  als  ein  mißratenes  kreisförmiges  a 
aufgefaßt  werden  darf.  Doch  fand  dieses  Beispiel  zunächst  keine 
Nachfolge.  Das  C  wird  zunächst  z.  B.  im  Jahre  972  nur  am  Schlüsse 
des  Wortes  gebraucht,  aber  schon  1009  und  1027  hat  es  auch  im  In- 
laut Eingang  gefunden.  Ferner  bürgert  sich  aber  schon  im  zehnten 
Jahrhundert  das  große  halbmondförmige  C  ein,  das  ebenso  wie  in  der 
entarteten  Unciale,  der  es  entlehnt  ist,  den  folgenden  Vocal  von  oben 
und  von  unten  umklammert,  obwohl  es  nur  mit  dem  u  eine  wirkliche 
Verbindung  eingeht.^  Besonders  häufig  ist  selbst  in  späterer  Zeit 
noch  die  Verbindung  C  und  o,  die  auffallenderweise  schon  das  erste 
Mal,  wo  sie  sich  bis  jetzt  belegen  läßt,  im  Jahre  990  nicht  ö-o,  son- 
dern otj  zu  lesen  ist.  Die  cursive  Form  dieses  Buchstabens  hält  sich 
eigentlich  nur  noch  in  dem  aa ,  dessen  Anwendung  niemals  —  selbst 
nicht  im  Jahre  835  —  aufgehört  hat,  und  in  der  aufgelösten  Form,  die 
wenigstens  in  Ligaturen  z.  B.  aaij  (Taf.  7  rr  15)  schon  1083  wieder 
gebraucht  wurde.  Wenn  im  Jahre  1037  (Taf  7  ^  3)  auch  ein  um- 
gekehrter Halbkreis  die  Stelle  eines  (t  zu  vertreten  scheint,  so  könnte 
man  darin  einen  Nachklang  der  noch  nicht  ausgestorbenen  Tachygraphie 
sehen  wollen.  Vielleicht  aber  erklärt  sich  die  Sache  einfacher  so,  daß 
jener  Halbkreis  nur  ein  nichts  bedeutender  Schwung  des  r  ist;  darnach 
würde  also  nichts  dastehen  als  f,  und  diese  Abkürzung  heißt  ro^.  Doch 
spricht  allerdings  das  ewc,  (Taf.  7  w  2)  von  demselben  Schreiber  mehr 
für  die  erste  Auffassung. 

Über  die  Form  des  g  wird  erst  bei  Gelegenheit  der  Zahlzeichen 
zu  reden  sein,  und  es  genügt  hier  der  einfache  Hinweis,  daß  die  ge- 
schlossene Form  die  ältere  Minuskel  charakterisiert;  später  wechseln 
das  offene  und  das  geschlossene  q. 

Auch  das  r  hat  außer  der  eigentlichen  Minuskelform  noch  eine 
unciale  und  eine  cursive.  Uncial  kann  man  nämlich  das  hohe  T 
nennen,  das  in  der  jüngsten  Unciale  über  die  anderen  Buchstaben 
hervorragt  und  deshalb  in  der  älteren  Minuskel  bis  zur  Mitte  des 
zehnten  Jahrhunderts  (Taf.  6  t  11.  12)  nicht  angewendet  wurde.  Das 
cursive  gespaltene  t,  das  leicht  mit  einem  X  verwechselt  werden  kann, 
hat  sich  allerdings  nicht  bei  dem  einfachen  Buchstaben,  wohl  aber 
beim  rr  behauptet,  nicht  nur  während  der  alten,  sondern  auch  während 
der  ganzen  Zeit  der  mittleren  Minuskel;  es  kommt  z.  B.  vor  in  Hand- 
schriften des  Jahres  895  (Taf.  5  r  13 — 16)  und  scheint  so  bekannt  und 
gebräuchlich    gewesen    zu    sein,    daß    im   Jahre    914    man    selbst   vor 


1  a.  895  Taf.  5  co  12,  a.  914  Taf.  5  er  16  und  a.  953  Taf.  G   «  4. 


—     225     — 

weiteren  Ligaturen,  wie  mit  dem  cursiven  e  (Taf.  5  r  16)  nicht  zurück- 
scheute; es  scheint  also,  daß  man  Mißverständnisse,  die  später  nicht 
ausblieben,  damals  nicht  zu  fürchten  brauchte. 

Beim  v  entfernt  sich  die  Minuskelform  fast  gar  nicht  von  der 
cursiven,  und  auch  die  uuciale  Form  machte  ihm  nur  eine  schwache 
Concurrenz,  und  zwar  wohl  schwerlich  vor  dem  Jahre  953  (siehe 
Taf.  6  V  4). 

Das  (f)  gehört  zu  den  Buchstaben,  die  wenig  und  meist  nur  links 
verbunden  werden,  die  sich  deshalb  auch  nur  nach  dieser  Seite  öffnen. 
Das  unciale  und  cursive  (fi  unterscheidet  sich  eigentlich  nur  durch 
die  obere  Schleife,  welche  in  der  Cursive  die  Verbindung  zwischen 
dem  Grundstrich  und  dem  Kreise  herstellt;  diese  fehlt  natürlich  in 
der  uncialen  Form,  welche,  wenn  auch  nur  subsidiär,  schon  in  den 
Jahren  1027,  1030  usw.  (Taf.  6  rp  15)  wieder  hervortritt.  Denn  wenn 
dieselbe  auch  einige  Jahre  früher  in  einem  Facsimile  vom  Jahre  986 
bei  Montfaucon  (Pal.  Gr.  283,  VII)  sich  nachweisen  läßt,  so  habe  ich 
doch  meine  Bedenken  gegen  die  Treue  der  Copie,  namentlich  weil  da- 
neben noch  ein  zweites  cp  in  ganz  moderner  Form  (cf)  ohne  die  obere 
Schleife  oder  Strich  vorkommt. 

Das  /,  das  seine  einfache  Form  ziemlich  unverändert  bewahrt  hat, 
bietet  zu  besonderen  Bemerkungen  keinen  Anlaß. 

Das  ip  behält  bis  zum  Ende  des  zehnten  Jahrhunderts  die  Ge- 
stalt eines  stehenden,  fast  gleichschenkligen  Kreuzes,  und  erst  seit 
ungefähr  953  und  990  kommt  daneben  die  Form  der  jüngeren  Unciale 
in  Gebrauch. 

Das  CO  ist  in  der  ältesten  Minuskel  wirklich  noch  ein  doppeltes  o; 
erst  im  elften  Jahrhundert  lösen  die  beiden  bis  dahin  geschlossenen 
Kreise  (Taf.  6  w  17)  sich  auf,  und  wenige  Jahrzehnte  später  wird 
diese  aufgelöste  Form  bereits  in  Ligaturen  (Taf.  7  w  5)  mit  dem 
hohen  T  verbunden. 

Junge  Minuskel. 

(Taf.  9—11.) 

Die  junge  Minuskel^  bezeichnet  die  Periode  von  der  Eroberung 
Constantinopels  durch  die  Lateiner  bis  zur  Eroberung  der  Stadt  durch 
die  Türken  und  zur  Vernichtung  der  politischen  Selbständigkeit,  die 
sich  daran  anschloß.  Es  ist  keine  Zeit  des  Ruhmes  und  des  Glanzes, 
sondern  eine  Zwischenzeit  zwischen  dem  provisorischen  und  dem  de- 
finitiven Untergang,  oder  rund  gerechnet  bis  zum  Jahre  1500;  das 
merkt  man  auch  an  der  Entwicklung  der  Schrift. 


1  Proben  bei  Sabas  a.  127öff.;  Cavalieri-Lietzinaun  Nr.  34 ff.  (a.  1202).    Cereteli- 
Sobolevski.  Exempla  c.  gr.  1  Nr.  25  (a.  1270)  ff.    Steffens,  Proben  Nr.  15. 
Gardthausen,  Gr.  Paläographie.'^2.  Aufl.   II.  15 


—     226     — 

Die  mittlere  Minuskel  ist  also,  wie  nachzuweisen  versucht  wurde, 
nichts  als  das  Wiederaufleben  der  Unciale  (und  der  Cursive).  In  der 
jungen  Minuskel  wurden  Minuskel-  und  Cursivformen  nebeneinander 
gebraucht,  namentlich  wird  diese  Periode  aber  bezeichnet  durch  das 
Wiederaufleben  —  nicht  einzelner  alter  cursiver  Formen  —  sondern 
durch  den  cursiven  Charakter  der  jungen  Minuskel  überhaupt.  Die 
alte  Minuskelschrift  war  eine  kalligraphische  Bücherschrift;  die  junge 
dagegen  war  weder  eine  eigentliche  ßücherschrift  noch  kalligraphisch. 
Es  sind  natürlich  Bücher  in  dieser  Schrift  geschrieben,  aber  ihr  eigent- 
licher Charakter  war  ein  cursiver,  wenn  auch  nicht  ganz  so  schlimm 
wie  bei  der  entarteten  Minuskelcursive. 

Ilias  24,  739. 
'ExTOQoq  h'  7iccXäiJir](7iv  öda^  'iXov  c/.crnsTOV  ovdag  —   — 
740    T(p  Tcal  fitv  kaoi  fitv  ödvQovrc/.i  xaru  äarv  —  — 

'ExTOQ.    'Efxoi  de  [fiäXicTTCi]  XeXsi^perai  äXysci  Xvy^ä  —  — 
ovde  ri  f.ioi  eiTisg  nvxivov  ^Ttog,  ob  rk  xbv  cht  —  — 
Fig.  63.    Junge  Minuskel. 

e.  Escor.  ^  ti  19  a.  1309.     Graux-Martin,  Facsim.  d.  mss.  gr.  d'Esp.  Nr.  51. 

Paiäograph.  J)[q  Renaissaucc    älterer  Formen    endet   in   den   Schnörkeln   einer 

Barockzeit 

paläographischen  Barockzeit,  zu  der  die  üppigen  Formen  einer  Hoch- 
renaissance ganz  unmerklich  hinüberleiten.  Als  die  letzten  uncialen 
Formen  wieder  Bürgerrecht  in  der  Minuskel  erhalten  hatten,  war  man 
keineswegs,  wie  es  scheinen  könnte,  wieder  an  dem  Punkte  angelangt, 
wie  am  Anfang  dieser  Periode,  vor  der  Bildung  der  Minuskel;  denn 
einmal  behauptete  sich  die  wirkliche  Minuskel  und  anderseits  treten 
auch  die  cursiven  Einflüsse  immer  stärker  hervor  in  der  Umbildung 
der  einzelnen  Buchstaben  und  in  der  Verschnörkelung  der  Schrift. 

Wo   die  schlimmsten   Kennzeichen   des  Verfalls   fehlen,   darf  man 
bei  den  Schreibern  der  späteren  Zeit  stets  die  bewußte  Absicht  voraus- 
setzen, eine  ältere  Schrift  nachzuahmen,  und  diese  archaisierende  Schrift 
Archaisier,  yon    der  wirklichen    archaischen  zu   unterscheiden,    ist  für  den  Paläo- 

Haudscnr.  ' 

graphen  ebenso  schwer,  wie  dem  Kunstkenner,  den  Baustil  einer  Zeit 
zu  erkennen,  deren  Streben  nur  dahin  geht,  die  Eigentümlichkeit  einer 


—     227     _ 

für  klassisch  geltenden  Zeit  möglichst  genau  kennen  und  nachahmen 
zu  lernen. 

Schon  Montfaucon  hat  auf  diese  Nachbildung  älterer  Schrift  ^  auf- 
merksam gemacht,  und  wenn  wir  z.  B.  die  Handschrift  vom  Jahre  1306 
bei  Cereteli-Sobolevski  und  Coli.  Fiorent.  t.  XXXII  vom  Jahre  1327, 
allein  nach  den  Formen  und  Ligaturen  beurteilen  wollten,  so  würden  wir, 
um  aufrichtig  zu  sein,  ihr  sicher  ein  höheres  Alter  beilegen.  Allein 
diese  Codices  sind  kirchlichen  Inhalts,  und  an  die  Handschriften,  die  für 
die  Kirche  geschrieben  und  in  der  Kirche  verlesen  wurden,  muß  ein  anderer 
Maßstab  angelegt  werden,  da  die  Schreiber  durch  eine  altertümliche, 
von  der  gewöhnlichen  abweichende  Schrift  diesen  Büchern  ein  ehr- 
würdiges Aussehen  zu  geben  bemüht  waren.  Doch  ist  die  Verwirrung, 
die  dadurch  angerichtet  werden  kann,  weniger  groß,  als  es  auf  den 
ersten  Blick  scheinen  könnte,  denn  einmal  hält  sich  der  Schreiber 
meistens  in  der  Negative:  er  vermeidet  alles,  was  er  für  vulgär  hält, 
und  ferner  ist  bis  jetzt  noch  kein  Beispiel  bekannt  geworden,  daß  die 
archaisierende  Schrift  in  größerem  Umfange  bei  classischen  Schrift- 
stellern angewendet  wurde.  Da  nun  die  Lectionarien  und  Synaxarien, 
ja  selbst  die  Bibelhandschriften  dieser  Zeit  bei  der  großen  Menge 
alter  guter  Codices  auch  für  den  Theologen  wertlos  sind,  so  könnten 
diese  Imitationen  bloß  in  der  Weise  noch  Unglück  anrichten,  wenn  sie 
datiert  sind,  um  als  Maßstab  zur  Bestimmung  anderer  Codices  heran- 
gezogen zu  werden;  und  in  dieser  Beziehung  ist  Vorsicht  allerdings 
dringend  geboten,  aber  zugleich  auch  dadurch  erleichtert,  daß  die 
Schreiber  sich  fast  nie  consequent  bleiben,  sondern  in  unbewachten 
Augenblicken  Formen  und  Ligaturen  der  eigenen  Zeit  einmischen. 

Die  junge  Minuskel  ist,  wie  oben  ausgeführt  wurde,  eine  Periode  JJ^ergang 
des  Verfalls,  der  beschleunigt  wurde  durch  den  Übergang  zum  Bombycin-     bycin 
papier,  weil  der  Schreiber  auf  dem  teuren  Pergament  vorsichtiger  und 
besser  zu  schreiben  pflegte.    Wer  auf  Pergament  schreibt,  setzt  voraus, 
wie  es  in  dem  bekannten  Schreiberspruche  heißt: 

Wer  dagegen  auf  den  vergänglichen  Papyrus  oder  auf  Bombycinpapier 
angewiesen  ist,  wird  unwillkürlich  nachlassen  in  seiner  Sorgfalt,  und 
daher  gewinnt  die  junge  Minuskel  nach  der  Zeit  der  Alleinherrschaft 
des  Pergaments  wieder  Ähnlichkeit  mit  der  entarteten  Cursivschrift 
vor  dem  Beginn  derselben. 

Beide  fallen  in  eine  Zeit  des  politischen  Niedergangs  im  byzan-  (?u"r8wl^uud 
tinischen  Reiche.     Zuerst  sind  es  die  Wirren   der  Bilderstürmer,   von    ^^i'^^^'^ei 
denen    das  Reich    sich    unter  Basilius  Macedo   und  seinem  Nachfolger 
im  zehnten  bis  elften  Jahrhundert  wieder  erholte:  dann  aber  gestalteten 


Über  andere  Beispiele  s.  die  Nachträge  am  Schluß. 

15^ 


—     228     — 

sich  die  äußeren  Verhältnisse,  namentlich  die  Slavennot,  immer  un- 
günstiger; das  zwölfte  Jahrhundert  ist  schon  der  Anfang  vom  Ende, 
das  zunächst  mit  der  Eroberung  Constantinopels  durch  die  abendländi- 
schen Kreuzfahrer  hereinbricht,  und  von  diesem  Schlage  hat  das  Reich 
sich  nie  ganz  erholt,  obschon  es  äußerlich  sein  Leben  fristete  bis  zum 
Jahre  1453.  Diese  äußeren  Verhältnisse  haben  nicht  nur  die  Kunst, 
sondern  auch  die  Schrift  beeinflußt.  Sowohl  die  junge  Cursive  als 
auch  die  junge  Minuskel  bilden  den  Beschluß  einer  langen  und  reichen 
Entwicklung  und  zeigen  daher  in  entsprechender  Weise  verfallene,  ent- 
artete Formen.  Beiden  ist  der  Sinn  für  Proportion,  Festigkeit  und 
organische  Entstehung  der  einzelnen  Formen  fast  vollständig  abhanden 
gekommen;  daher  vermissen  wir  auch  Gleichmäßigkeit  und  Symmetrie. 
Ihren  Buchstaben  fehlen  einerseits  Bestandteile,  die  man  früher  für 
notwendig  hielt,  anderseits  haben  sie  Zusätze  und  Verbindungsstriche, 
die  früher  vermieden  wurden.  Und  selbst  wenn  die  Bestandteile  der 
einzelnen  Buchstaben  dieselben  geblieben,  so  werden  sie  in  anderer 
Reihenfolge  vom  Schreiber  miteinander  verbunden,  der  dadurch  wieder 
veranlaßt  wird.  Zusammengehörendes  zu  trennen.  Die  capriciöse  Laune 
des  Schreibers  gefällt  sich  in  langen  Zügen  und  Schwüngen,  die  bis 
über  die  nächste  Zeile  hinüberreichen  oder  den  Seitenrand  bedecken. 
Ohne  Grund  werden  einzelne  Buchstaben  hoch  oder  tief  gestellt  oder 
auch  ineinander  hineingeschrieben.  Wie  ein  Kautschukband  dehnen  sich 
die  Conturen  z.  B.  eines  B,  in  dessen  Inneres  ein  ganzes  Wort  hinein- 
geschrieben wird.  Die  Buchstaben  haben  überhaupt  nicht  mehr  wie  früher 
eine  gemeinsame  Grundform,  sei  es  nun  eines  Rechteckes  oder  eines 
Quadrates,  sondern  einige  Buchstaben  sind  klein,  andere  geradezu  ge- 
dunsen und  geschwollen.  In  der  jüngeren  Cursive  ebenso  wie  in  der 
jüngeren  Minuskel  zerfallen  daher  einzelne  Buchstaben,  wie  z.  B.  n 
oder  T,  deren  horizontale  und  verticäle  Striche  manchmal  bei  sehr  ge- 
bräuchlichen Ligaturen  jeden  Zusammenhang  verlieren,  und  ähnlich  ist 
auch  die  Auflösung  des  (t  zu  beurteilen.  x4.ndere  Buchstaben  ändern 
ihre  Proportionen  und  gehen  mehr  in  die  Breite,  z.  B.  ö,  (f,  v,  und  um 
diesen  größeren  Raum  auszufüllen,  erhalten  sie  in  der  Mitte  einen 
Punkt  (Taf.  8  ö  5,  (f  6),  dasselbe  gilt  vom  «  (Taf.  8  g  5);  und  Taf.  8 
6  10.  11  ist  dieser  Punkt  bereits  zu  einem  Kreuz  geworden.^  In  bezug 
auf  die  einzelnen  Verbindungsstriche  der  jüngeren  Minuskel  verweise 
ich  auf  die  enge  Verbindung  des  xccl  mit  dem  folgenden  Anfangsbuch- 
staben, wie  ich  sie  vor  1083  (Taf.  7  «/  16 — 17)  nicht  nachweisen  kann. 
Für  die  Verschnörkelung    bieten   sich   viele   Beispiele,    besonders  aber 


*  Wenn  ein  punktiertes  e  schon  im  Jahre  953  (Taf.  6  e  5)  vorkommt,  so 
darf  man  nicht  vergessen,  daß  dieser  Buchstabe  am  Anfaug  eines  Wortes  hier  zu 
den  Initialen  zu  rechnen  ist. 


—     229     — 

die  von  ov.  Namentlich  erhält  die  junge  Minuskel  durch  den  voll- 
ständigen Mangel  der  Gleichmäßigkeit  ihren  Charakter. 

Dazu  kommt  noch  ein  anderer  Umstand,  der  das  Lesen  von  einigen 
Handschriften  der  jungen  Minuskel  sehr  erschwert,  der  mit  dem  Über- 
gang zum  Bombycin  enge  zusammenhängt.  Die  Bombycinhandschriften 
sind  niemals  ganz  groß  und  überschreiten  selten  das  Format  eines  statt- 
lichen Quartbandes,  vielfach  aber  sind  sie  bedeutend  kleiner;  und  diesen 
kleineren  Schriftraum  suchte  man  vollständig  auszunützen:  auch  die 
Schrift  wird  kleiner  und  feiner,  und  um  Platz  zu  sparen,  wurden  auch 
Abkürzungen  in  bedenklichem  Umfange  angewendet.  Ein  kleineres 
Format  ist  auch  bei  Pergamenthandschriften  gelegentlich  angewendet, 
z.  B.  bei  der  alten  Minuskel  im  neunten  Jahrhundert;  aber  man  hat 
den  Platz  niemals  so  vollständig  ausgenutzt;  es  fehlt  die  mikroskopische  ^^s'chHft'^' 
Schrift,  die  bei  Bombycinhandschriften  nicht  immer,  aber  doch  manch- 
mal angewendet  wurde.  Ich  erinnere  z.  B.  an  die  Bombycinblätter  des 
Hermas  Pastor  (Athos,  Gregoriu  c.  96,  ca.  1400  n.  Chr.;^  vgl.  Sp.  Lam- 

bros,  'Earia   1893    S.  405    (m.  Facsim.)    und Byz.  Ztschr.    1893 

S.  609  m.  2  Taf.).  Auch  die  Leipziger  Universitätsbibliothek  besitzt 
davon  einige  Blätter  (Nr.  9)  20  X  14  cm.  Noch  kleiner  ist  die  Flo- 
rentiner Longushandschrift  (17  X  12  cm)  aus  dem  13.  Jahrhundert, 
deren  compendiöse  Schrift  (s.  Collezione  Fiorentina  Nr.  XXIII)  ohne 
Lupe  eigentlich  nicht  zu  lesen  ist.^  Eine  andere  Probe  mikroskopi- 
scher Schrift  s.  Papadop. -Kerameus,  Katalog  von  Jerusalem  2  S.  624 
Nr.  635  (0,18  X  0,115  cm,  15.  Jahrhundert).  Es  soll  damit  nicht  be- 
hauptet werden,  daß  dieses  kleine  Format  nur  beim  Bombycinpapier 
gewählt  worden  sei;  es  gibt  auch  einige  Pergamenthandschriften  dieser 
Zeit  mit  mikroskopischer  Schrift,  s.  Omont,  Facsim.  mss.  gr.  dat.  pl.  LH 
a.  1231. 

Aber  auch  die  größer  geschriebenen  Handschriften  dieser  Periode 
bereiten  dem  Lesenden  manchmal  bedeutende  Schwierigkeit.  Bei  den 
Schreibern  der  jüngeren  Minuskel  vermissen  wir  namentlich  —  so  weit 
sie  nicht  bewußt  eine  ältere  Schrift  nachahmen  wollen  —  die  Ruhe 
und  Gleichmäßigkeit  der  älteren  Minuskel.  Die  Schrift  wird  willkür- 
lich; nicht  nur  die  einzelnen  Buchstaben,  sondern  sogar  die  einzelnen 
Teile  der  Buchstaben  sind  bald  groß,  bald  klein.  Ligaturen  und  Ab- 
kürzungen, die  man  früher  als  irreführend  vermieden  hatte,  werden 
vom  Schreiber  im  Text  ohne  Bedenken  angewendet.^  Namentlich  die 
hohen  und  tiefen  Buchstaben  werden  noch  höher  und  tiefer;  die  End- 

'  Photographien  verdanke  ich  der  Güte  des  Herrn  Prof.  Brockhaus. 
-  Man  vergleiche  z.  B.   in  der  Coli.  Fiorent.   den  Umfang  der  Transeription 
mit  dem  des  Originals. 

^  Siehe  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  41  vom  Jahre  1294. 


—     230     — 

striclie  einzelner  Worte  und  Zeilen  werden  unverhältnismäßig  aus- 
gedehnt und  stören  die  Schrift  in  der  zweiten  und  manchmal  sogar 
in  der  dritten  folgenden  Zeile;  häufig  w^erden  diese  Züge  und  Schwünge 
über  die  w^eißen  Eänder  des  Schriftraumes  verlängert;  vgl.  Cavalieri- 
Lietzmann,  Specimina  Nr.  36  vom  Jahre  1260. 

Die  Ungleichmäßigkeit  und  zugleich  die  freiere  Anordnung  der 
einzelnen  Buchstaben  führte  in  der  jungen  Minuskel  zu  der  künst- 
lichen, schwer  zu  lesenden  Schrift  der  Monokondylien  (s.  o.),  die  bei 
den  Schreibern  der  alten  und  auch  noch  der  mittleren  Minuskel  un- 
möglich wäre,  bei  der  die  einzelnen  Buchstaben  manchmal  Formen 
annehmen,  die  in  jeder  anderen  Schriftart  undenkbar  sind.  Auch  die 
abgerundeten  Hauchzeichen,  die  direct  mit  den  Accenten  verbunden 
werden  (Taf.  10  ;'  3),  und  Accente,  die  direct  mit  in  die  nachfolgenden 
Buchstaben  selbst  eines  anderen  Wortes  übergehen  (Taf.  10  i  2\  kom- 
men in  der  früheren  Zeit  nicht  vor. 

Endlich  sei  auch  wenigstens  mit  einem  Worte  erwähnt,  daß  die 
Abkürzun-  weitere  Ausdehnung  der  Abkürzungen  die  jüngere  Minuskel  bezeichnet 
und  für  die  chronologische  Bestimmung  von  Handschriften  von  großer 
Wichtigkeit  werden  kann,  wenn  erst  an  der  Hand  einer  Reihe  datierter 
Codices  festgestellt  ist,  wie  groß  die  Menge  der  Abkürzungen  in  einer 
bestimmten  Zeit  gewesen  ist. 

Die  uncialen  und  cursiven  Buchstaben  werden  meistens  promiscue 
gebraucht,  nur  in  den  früher  üblichen  Ligaturen  gibt  der  Schreiber 
Fwme°n  uieistens  den  cursiven  den  Vorzug;  u  und  d\  wechseln  ganz  beliebig. 
Die  erstere  Form  verschnörkelt  sich  durch  Ausbildung  des  Aufstrichs 
(Taf.  8  «  9,  15.  16  usw.),  wie  er  schon  990  und  1037  vorkommt,  die 
zweite  Form,  die  in  der  alten  Minuskel  fast  ausschließlich  im  Auslaute 
angewendet  wurde,  zerfällt  schon  in  den  Jahren  1231  und  1255  so 
sehr,  daß  beide  Hälften  jeden  Zusammenhang  verlieren.  Charakteristisch 
ist  die  Hochstellung  des  a  in  Endungen,  z.  B.  in  nura  (1255)  und 
namentlich  in  der  Verbindung  ao  (Taf.  9  a  6),  das  vor  dem  Jahre  1196 
nicht  oft  nachzuweisen  sein  wird.  In  demselben  c.  Vind.  theol.  19  vom 
Jahi-e  1196  findet  sich  noch  eine  dritte  Form  des  a,  nämlich  _ii_.^ 
Es  ist  dies  natürlich  das  tachygraphische  a,  das  durch  zwei  dia- 
kritische Punkte  von  einem  anderen  Querstrich  der  gewöhnlichen 
Schrift  unterschieden  wird;  und  es  ist  gleichgültig,  ob  diese  beiden 
Punkte  an  einer  oder  an  zwei  Seiten  des  Striches  stehen;  u-i-  für  ßce 
kommt  schon  972  in  dem  von  einem  Tachygraphen  geschriebenen 
Londoner  Codex  des  Nonnus  vor.^     Allerdings   läßt  sich  ein  solches  « 


1  Graux,  Gh.,  Eevue  crit.  1877,  398. 

2  Wattenbaeh,  Schrifttafeln  31.     Siehe  auch  Montfaucon,  Pal.  Gr.  p.  308,  II. 
Bast,  Commentatio  pal.  Tab.  III,  2. 


—     231     — 

von  TU  nicht  mehr  unterscheiden.  Abnorm  ist  die  spitze  üncialform 
vom  Jahre  1296  (Taf.  10  «6),  welche  an  die  allerälteste  Form  im 
c.  Sinaiticus  usw.  erinnert  und  leicht  mit  dem  spitzen,  verschnörkelten  % 
verwechselt  werden  kann,  das  deshalb  (Taf.  10  a  5)  unmittelbar  daneben 
gestellt  ist. 

Das  ß  ist  für  die  chronologische  Bestimmung  der  Schrift  von  be- 
sonderer Wichtigkeit,  weil  die  Formen  in  verschiedenen  Zeiten  ge- 
wechselt haben.  Das  a-förmige  ß  wird  im  15.  Jahrhundert  allerdings 
seltener,  aber  immerhin  oft  genug  augewendet,  z.  B.  im  c.  Vindob. 
theol.  87  a.  1445,  Paris.  360  a.  1458;  Paris.  31  a.  1469.i  Es  dauerte 
lange,  bis  die  unciale  Form  wieder  eingeführt  war;  und  auch  dann 
noch  bleibt  der  Gebrauch  schwankend.  Am  seltensten  ist  die  Normal- 
form B:  häufiger  gehen  die  beiden  Halbkreise  in  eine  SchlangenHnie 
über,  welche  nur  oben  und  unten,  nicht  aber  in  der  Mitte  den  Grund- 
strich berührt,  der  sich  manchmal  etwas  nach  rechts  neigt  und  dadurch 
dem  ß  beinahe  eine  herzförmige  Gestalt  (s.  Taf  11  /?  11)  gibt.  Der 
untere  Halbkreis  ist  meistens  bedeutend  breiter  als  der  obere.  Daß 
beide  Halbkreise  sich  in  der  Mitte  überhaupt  nicht  mehr  treffen,  ist 
ein  Zeichen  späterer  Zeit.  Im  Jahre  1128  hat  es  seinen  Grund  darin, 
daß  der  obere  Halbkreis  direct  mit  dem  oberen  Teile  des  vorher- 
gehenden £  verbunden  ist;  in  dem  Leipziger  Codex  vom  Jahre  1172 
kenne  ich  wenigstens  Beispiele  von  ähnlichen  (rotenj  Initialen,  aber  im 
Text  wird  dieses  ß  erst  häufiger  seit  1231.  —  Für  Ligaturen  brauchte 
man  immer  am  liebsten  die  cursive  u-Form,  die  sich  nach  rechts  und 
sogar  nach  links  verbinden  ließ,  während  die  unciale,  die  vollständig 
in  sich  geschlossen  ist,  ursprünglich  weder  nach  vorn  noch  nach  hinten 
verbunden  wurde;  nur  durch  einen  Verbindungsstrich  konnten  z.  B.  [i 
(im  Jahre  1083)  oder  u  (im  Jahi'e  1164)  herangezogen  werden:  und 
dieser  Verbindungsstrich  nach  vom  scheint  die  Auflösung  des  B  her- 
geführt zu  haben,  denn  er  trennte  den  Buchstaben  in  eine  rechte  und 
eine  linke  Hälfte,  die  nur  noch  oben  zusammenhingen,  z.  B.  in  einem 
c.  Vind.  vom  Jahre  1221.  Nun  war  nur  noch  ein  Schritt  notwendig; 
man  brauchte  diese  aufgelöste  Form  mit  einem  Aufstrich  unter  der 
Linie  beginnen  zu  lassen,  um  die  jüngste  Form  ß  zu  erhalten,  die  sich 
schon  im  Jahre  1255  (Taf.  9  ß  15)  nachweisen  läßt,  am  meisten  aber 
im  14.  und  15.  Jahrhundert  gebraucht  wurde.  Die  stärksten  Ver- 
schnörkelungen  dieses  Buchstabens  scheinen  in  die  Zeit  vom  Ende  des 
13.  bis  Ende  des  14.  Jahrhunderts  zu  fallen;  siehe  die  Formen  vom 
Jahre  1273,  1296,  1330  usw.     Taf  10  ß  2—3    zeigt,    wie    die    beiden 


'  Siehe    Berl.  Pbilol.  Woch.    1909    S.  883-,    andere   Beispiele   bei   Holzinger^ 
Sitzungsber.  d.  Wien.  Akad.  1911.  167,  IV  S.  92. 


—     232     — 

Halbkreise  sich  zu  einem  Rahmen  erweitern,  der  ganze  Silben  und 
Worte  umschließt. 

Für  das  /  braucht  die  jüngere  Minuskel  drei  Formen:  die  eigent- 
liche Minuskelform  vom  Jahre  835  nebst  einer  hohen  und  einer  niedri- 
gen uncialen.  Bei  der  ersteren  ist  es  ziemlich  gleichgültig,  ob  sie 
unten  mit  einer  Schleife  oder  oben  mit  einem  Verbindungsstrich  nach 
rechts  endigt,  denn  nicht  darin  liegt  das  Merkmal  der  Zeit.  Dagegen 
kommt  die  unten  abgerundete  Form  wohl  kaum  vor  dem  zwölften  Jahr- 
hundert auf  (Taf.  8  /  8,  Taf.  9  /  5.  7.  8).  —  Die  hohe  Uncialform  wird 
natürlich  nach  links  und  rechts  ligiert;  die  niedrige  hatte  sich  schon 
1059  so  sehr  eingebürgert,  daß  sie  nicht  nur  mit  /  und  l,  sondern 
sogar  mit  i]  (Taf  7  ij  8)  verbunden  wurde,  und  der  Schreiber  des 
C.Paris.  663  geht  im  Jahre  1186  noch  weiter  und  verbindet  das  un- 
ciale  r  mit  dem  cursiveu  u  (Taf.  9/4,  l,  5).  Eine  Verbindung  mit 
nachfolgendem  y  dürfte  schwerlich  viel  vor  dem  Jahre  1276  (Taf.  10  y  A) 
üblich  geworden  sein.  Zum  Doppelgamma  verbindet  sich  oft  die 
niedrige  und  hohe  Form  rf.  Schon  im  Jahre  1136  sind  beide  zu 
einem  Zuge  verschmolzen,  so  daß  der  zweite  Buchstabe  nicht  mehr 
zur  Grundlinie  hinabreicht  (Taf.  8  /  10,  Taf.  9  /  15).  Auch  beim  rK 
verbindet  man  im  Jahre  1321  einen  mittleren  mit  einem  hohen  Buch- 
staben. 

Auch  beim  Ö  wird  gleichmäßig  Ö  und  A  geschrieben,  aber  für 
die  jüngere  Minuskel  ist  es  charakteristisch,  daß  die  Schleife  des  <3' 
nicht  wieder  zu  dem  Kreise  zurückkehrt;  meistens  ist  auch  der  Buch- 
stabe steiler  geschrieben  und  endigt  daher  oben  oft  mit  einem  spitzen 
Winkel  statt  mit  einer  Rundung,  z.  B.  im  Jahre  1172,  1221,  1321. 

Die  Grundformen  des  £  sind  dieselben  wie  in  der  vorigen  Periode; 
das  6  der  jüngeren  Minuskel  erhält  aber  ein  fremdartiges  Aussehen, 
weil  jede  Form  dieses  vielgeschriebenen  Buchstabens  weiter  aus-  und 
umgebildet  ist.  Die  unciale  geht  mehr  in  die  Breite  und  besteht  oft 
aus  drei  parallelen  Querstrichen,  die  durch  eine  Rundung  verbunden 
sind  (1186),  besonders  gewinnt  aber  der  Mittelstrich  an  Ausdehnung 
und  wird  deshalb  durch  einen  Punkt  (1124,  1136,  1330)  oder  ein 
Kreuz  (1136)  ausgezeichnet.  Die  eigentliche  Minuskelform  ist  die 
seltenste  und  beginnt  meist  mit  einem  ziemlich  steil  gestellten  Grund- 
strich (T.  8  £  15).  Viel  häufiger  sind  die  mannigfachen  Formen  des 
cursiven  «,  die  in  der  willkürlichsten  Weise  zerlegt  und  mit  den  vor- 
hergehenden und  nachfolgenden  Buchstaben  verbunden  werden,  so 
z.  B.  das  ensTai  (1124)  (xstso  (1196j.  Die  untere  Hälfte  braucht  nicht 
einmal  mehr  in  dem  vorhergehenden  Buchstaben  angedeutet  zu  sein, 
es  bleibt  also  nichts  übrig  als  der  obere  Halbkreis,  der  gelegentlich 
auch  wohl  nach  vorn  verbunden,  sich  zu  einem  Kreise  abrundet,  siehe 
(Taf.  10  «12)  fiEoag  (1330).   Das  griechische  £  bekommt  daher  in  Liga- 


—     233     — 

turen,  z.  B.  mit  v  (a.  1321)  die  Form  des  lateinischen  e.  Häufig  aber 
besteht  das  «  aus  zwei  Halbkreisen,  von  denen  der  eine  gerade  auf 
den  andern  gesetzt  ist.  Erst  am  Ende  des  13.  Jahrhunderts  kommt 
eine  unschöne  aber  sehr  charakteristische  Form  auf,  bei  der  die  obere 
Hälfte  nach  links  vorspringt  (1273),  so  daß  dieses  e  nach  links  vorn- 
über geneigt  zu  sein  scheint;  und  dieses  liegende  €  hat  sich  vom  Ende 
des  13.  bis  zum  17.  Jahrhundert  gehalten.  Mannigfach  sind  natürlich 
die  Ligaturen  z.  B.  mit  |,  o,  er,  wobei  jedoch  festzuhalten  ist,  daß 
die  oben  spitzen  Formen  älter  sind  als  die  abgerundeten,  wenn  es 
auch  eine  Übergangszeit  gibt,  in  der  beide  von  demselben  Schreiber 
gebraucht  wurden:  diese  Übergangszeit  fällt  wahrscheinlich  ebenfalls  in 
das  Ende  des  1 3.  Jahrhunderts  (Taf.  10  |  2—3.  12.  13;. 

Von  allen  Ligaturen  des  £  hat  keine  eine  größere  Selbständigkeit 
erlangt  als  ei.  Diese  Ligatur,  die  fast  zu  einem  selbständigen  Buch- 
staben geworden  ist,  kommt  in  allen  Epochen  der  Minuskel  in  der 
normalen  Minuskelform  vor;  daneben  kennt  aber  die  jüngere  Minuskel 
auch  eigentümliche  Spielarten,  die  durch  abweichende  Verbindung  der 
einzelnen  Elemente  entstehen.  Wenn  man  nämlich  mit  dem  unteren 
Halbkreis  des  «  beginnt,  so  kann  man  sofort  das  /  folgen  lassen:  C|  und 
braucht  den  oberen  Halbkreis  des  e  dann  nur  noch  durch  einen  ge- 
raden Strich  anzudeuten  (s.  die  Formen  von  1196).  Dieser  letzte 
Strich  wird  aber  zuweilen  absichtlich  oder  aus  Flüchtigkeit  von  dem 
Schreiber  ausgelassen,  so  entsteht  aufs  neue  eine  Form:  S,  wie  sie  aus 
ähnlichem  Grunde  ganz  entsprechend  auch  in  der  entartenden  Papyrus- 

cursive   z.  B.   vom  Jahre   680  C)    gebraucht    wurde.       Durch     mehrere 

Jahrhunderte  hindurch  blieb  diese  Form  vollständig  unbekannt,  um 
dann  gegen  Ende  des  zwölften  Jahrhunderts  (s.  1172,  1186)  gewisser- 
maßen von  neuem  erfunden  zu  werden.  Die  zweite  Form  des  €<  ent- 
steht dadurch,  daß  man  den  unteren  Teil  des  e  oben  beginnt  und 
mittelst  einer  Schleife  unten  den  senkrechten  Strich  des  I  damit  in 
Verbindung  bringt  (Taf.  9  6/  14;  10  £<  10).  Li  bezug  auf  die  Auflösung 
dieser  Form  geht  die  junge  Minuskel  immer  noch  nicht  so  weit,  wie 
die  entartende  Cursive. 

Das  L,  ist  sowohl  uncial  als  cursiv  in  der  jungen  Minuskel;  und 
aus  beiden  gemischt  kommt  neben  dem  3  förmigen  cursiven  c  der 
alten  Minuskel  auch  noch  ein  2  förmiges  '^  vor,  das  oben  cursiv  an- 
fängt und  unten  uncial  endigt.     Dieses     2  i^^  der  mittleren  und  alten 

Minuskel  fast  vollständig  fremd,  die  ersten  mir  bekannten  Beispiele  bietet 
der  c.  Paris.  1116  vom  Jahre  1124  (s.  Taf.  8  C  6).  Seit  dieser  Zeit 
wechseln   alle  drei  Formen.     In  der  letzten  Hälfte  des  zwölften  Jahr- 


—     234     — 

hunderts  wurde  die  cursive  3 förmige  Form  oft  so  geschrieben,  daß 
Anfangs-  und  Endpunkt  möglichst  nahe  beieinander  liegen,  so  z.  B.  im 
Jahre  1172,  1186,  1221;  dieses  f  kann  daher  sehr  leicht  mit  einem 
aufgelösten  ß  verwechselt  werden. 

Auch  bei  dem  nächsten  Buchstaben  wechselt  H  und  li.  Das  H 
wird  durch  den  häufigeren  Gebrauch  verändert;  es  entsteht  z.  B.  D— C 

(1136,  1196,  1231  usw.)  oder  auch  die  hohe  schlanke  Form    H     .    Noch 

bequemer  für  den  Schreiber  ist  aber  die  Form  ii  (1255,  1273  usw.), 
die  sich  von  der  späteren  Form  des  16.  Jahrhunderts  und  unserer 
Drucke  immer  noch  dadurch  unterscheidet,  daß  der  zweite  Strich  nie- 
mals unter  die  Linie  hinabreicht.  Diese  modernste  aller  Formen  i] 
ist  selbst  dem  1 5.  Jahrhundert  noch  vollständig  fremd. 

Die  unciale  0  kommt  schmal  und  breit  vor,  und  das  letztere  hat 
oft  in  der  Mitte  einen  Punkt  oder  Strich;  daneben  aber  hält  sich  das 
d  wie  es  bereits  in  der  Minuskelcursive  geschrieben  wurde.  Erst  im 
13.  Jahrhundert,  wie  es  scheint,  erinnerte  man  sich,  daß  die  cursive 
Form  aus  der  uncialen  entstanden  und  also  die  geschwungene  Linie 
als  Basis  überflüssig  und  irreleitend  sei.  Schon  im  Jahre  1255  unter- 
drückte man  sie  und  ließ  das  cursive  &  sofort  mit  einem  Aufstrich 
beginnen:  9-  (Taf.  10  i^  9).  Daß  diese  jüngste  Form  schon  am  Ende 
des  zehnten  Jahrhunderts  gebraucht  sein  sollte,  wie  Montfaucon,  Pal. 
Gr.  p.  577  (vgl.  p.  264)  behauptet,  klingt  sehr  unwahrscheinlich;  ich 
möchte  daher  fast  glauben,  daß  Montfaucon  dort  trotz  seiner  Zeichnung 
vielmehr  die  aufgelöste  Cursivform  &  gemeint  hat. 

Das  I  hat  auch  in  der  jungen  Minuskel  sehr  verschiedene  Formen, 
von  denen  aber  in  der  späteren  Zeit  die  punktierte  mehr  und  mehr 
an  Verbreitung  gewinnt.  Dieses  punktierte  I  hat  immer  zwei  Punkte, 
und  erst  gegen  Ende  des  15..  Jahrhunderts  unter  abendländischem  Ein- 
fluß entsteht  die  Form  i:  s.  den  c.  Paris.  1968  vom  Jahre  1496. 

Vom  X  wird  die  cursive  Form  U  verhältnismäßig  selten  und  meist 
in  Ligaturen  angewendet,  die  unciale  dagegen  ist  häufiger  und  zerfällt 
meistens  in  eine  rechte  und  eine  linke  Hälfte,  die  entweder  gar  keinen 
Zusammenhang  haben,  oder  der  Schreiber  schiebt  dieselben  so  sehr 
zusammen,  daß  die  beiden  schrägen  Striche  sich  erst  jenseits  des 
Grundstriches  schneiden,  so  im  c.  Paris.  1116  vom  Jahre  1124  und  in 
einer  Urkunde  vom  Jahre  1139.^  Inschriftlich  dagegen  läßt  sich 
dieses  x  noch  weiter  zurückverfolgen. 

Auch  das  Lambda  hat  in  der  jungen  Minuskel  eine  unciale,  A, 
und  eine  cursive  Form,  /, ;  und  die  erstere  ist  die  häufigere.  Beim 
Doppellambda   verband    man    manchmal    die    unciale    und    die  cursive 


1  Montfaucon,  Pal.  Gr.  408  —  409,  III. 


-     235     — 

miteinander;  s.  all  Taf.  7  A  3,  cclla  Taf.  9  A  7.  Wichtiger  sind  die 
Ligaturen  dieses  Buchstabens  namentlich  mit  vorhergehendem  «.  Dieser 
Vocal  wird  zuweilen  mit  einem  nachfolgenden  uncialen  l  verbunden; 
s.  z.  B.  1231,  1390;  viel  häufiger  ist  dagegen  die  Ligatur  von  s  mit  dem 
cursiven  i. .  Entweder  wird  ein  Häkchen  auf  die  höchste  Spitze  des  /, 
gesetzt,  wie  bei  rel  1164,  Sei  1186,  oder  dieses  halbmondförmige  c 
wird  durch  eine  Schleife  mit  dem  untersten  Punkt  des  /,  in  Verbin- 
dung gesetzt  wie  bei  /«/l  1164  oder  nlcov  1255,  wo  man  bereits  Mühe 
hat,  die  Buchstaben  aus  den  verschnörkelten  Zügen  herauszuerkennen. 
Diese  Ligatur  ist  aber  im  14.  und  15.  Jahrhundert  sehr  gewöhnlich. 
Im  15.  Jahrhundert  entwickelt  sich  noch  eine  pyramidale  Nebenform 
des  uncialen  A,  dessen  rechter  Schenkel  unter  die  Linie  verlängert 
wird  und  häufig  mit  einem  Punkte  endigt,  so  bei  el  1362,  all  1325, 
1402,  eI  1420,  und  aus  diesem  Punkt  entwickelt  sich  gegen  Ende  des 
15.  und  im  16.  Jahrhundert  ein  nach  links  gewendeter  Strich;  s.  all 
und  aral  im  Jahre  1496. 

Beim  ^  wechseln  ebenfalls  cursive  und  unciale  Formen,  aber 
beide  lassen  sich  mit  den  vorhergehenden  Buchstaben  nur  sehr  schwer 
verbinden.  Im  13.  und  14.  Jahrhundert  wurde  dennoch,  so  gut  es  ging, 
eine  Verbindung  hergestellt,  s.  la(i  1273,  EfXTi  1371,  efx  1458. 

Für  V  lassen  sich  in  der  jüngeren  Minuskel  wieder  drei  ver- 
schiedene Formen  unterscheiden:  die  unciale,  die  cursive  und  die 
eigentliche  Minuskelform;  alle  drei  kommen  in  ihrer  ursprünglichen, 
daneben  aber  auch  in  sehr  veränderter  Gestalt  vor.  Das  unciale  N  ver- 
schnörkelt sich  schon  im  Jahre  1196  in  einer  Weise,  daß  von  den  festen 
geraden  Strichen  des  N  nichts  mehr  übrig  bleibt.  Das  cursive  Schluß-i/ 
kommt  nur  noch  in  Ligaturen  mit  i]  und  v  vor;  wie  bei  der  Papyrus- 
cursive  ist  der  Aufstrich  von  unten  in  einen  Verbindungsstrich  nach 
rechts  verwandelt  -tu,  so  daß  die  Ligatur  scheinbar  einen  Strich  zuviel 
zählt.  Dieser  überflüssige  Strich  fiel  zunächst  bei  der  Ligatur  riv  weg. 
Schon  in  der  Subscription  des  c.  Vind.  theol.  131  vom  Jahre  1221, 
sowie  in  Handschriften  vom  Jahre  1273  (Taf.  10  v  3),  1321  (Taf.  10 
1}  9)  usw.  kommt  die  jüngere  Form  vor,  die  sich  seitdem  gehalten  und 
bis  in  die  älteren  Drucke  fortgepflanzt  hat.  Auch  die  eigentliche 
Minuskelform  spitzt  sich  um  dieselbe  Zeit  mehr  und  mehr  zu.  Schon 
im  Jahre  1273  und  1321  kommt  ein  spitzes  v  vor,  das  nicht  mehr 
unter  die  Zeile  hinabreicht.    Vgl  auch  die  Formen  von  1316  und  1321. 

Beim  |  ist  es  gleichgültig,  ob  die  unciale  oder  cursive  Form  über- 
wiegt, und  ob  es  sich  nach  rechts  oder  links  öffnet;  wichtiger  sind  die 
Ligaturen  mit  voraufgehendem  a  und  e,  die  fast  in  allen  Handschriften 
sich  so  unterscheiden  lassen,  daß  ersteres  nach  oben,  letzteres  nach 
unten  gewendet  ist  (s.  die  Beispiele  von  1136).  Die  Ligatur  6|  ist  in 
der  älteren  Zeit  immer  oben  spitz  (s.  z.  B.  Öe^  1112),  allmählich  aber 


—     236     — 

rundet  sich  diese  Spitze  ab,  und  schon  1273  ist  die  runde  neben  der 
spitzen  in  Gebrauch  (s.  o.  S.  233). 

Das  0  eignet  sich  besonders  gut  zu  Verbindungen;  eine  der  ältesten 
ist  die  von  to,  po  daß  das  r  oben  auf  das  o  gesetzt  wird,  wie  es  schon 
in  der  jüngeren  Unciale  vorkommt.  Der  Minuskel  eigentümlich  ist 
aber  die  zweite  Verbindung,  so  daß  das  o  in  das  r  hineingelegt  wird, 
wie  z.  B.  im  Jahre  1060  und  dementsprechend  auch  tio  (1112,  1159j. 
Eine  Ligatur  mit  dem  cursiven  )J  ist  bereits  älter  als  die  junge  Mi- 
nuskel, und  schon  in  der  vorhergehenden  Periode  nachweisbar.  Da- 
gegen charakterisiert  es  die  junge  Minuskel,  daß  in  den  Kreis  des 
hochgestellten  o  die  nachfolgenden  Buchstaben  beim  Wortende  wie 
v  a  o  a  usw.  hineingeschrieben  werden.  Das  geschlossene  g  wird  nur 
selten  mit  dem  nachfolgenden  o  verbunden  weil  diese  Verbindung  zu 
leicht  undeutlich  wird. 

Auch  bei  der  Ligatur  ov  gibt  es  eine  unciale  und  eine  cursive 
Form,  weil  entweder  das  v  nur  über  das  o  geschrieben,  oder  das  Ganze 
zu  einem  Zuge  vereinigt  wird.  Die  erstere,  die  von  der  mittleren  Mi- 
nuskel herübergenommen  ist,  scheint  sich  in  der  jüngeren  nicht  viel 
länger  als  (1186  und)  1231  gehalten  zu  haben,  denn  das  Streben  ging 
mehr  und  mehr  dahin,  die  Ligaturen  in  einem  Zuge  zu  machen  und 
im  Text  wie  einen  gewöhnlichen  Buchstaben  zu  l)ehandeln.  Daher 
wird  diese  Ligatur  nach  vorn  und  hinten  mit  den  benachbarten 
Buchstaben  verbunden,  so  z.  B.  im  Jahre  1196  axovei,  xove,  xov^,  wo 
eigentlich  nur  der  Zusammenhang  darüber  Gewißheit  schaffen  kann,  ob 
der  Schreiber  ov  oder  o  schreiben  wollte.  Die  Endung  ovq  wird  häufig 
über  der  Linie  hinzugefügt  in  einem  abgerundeten  Schnörkel,  wie  er 
erst  bei  dem  Übergang  von  der  mittleren  zur  jüngeren  Minuskel  (z.  B. 
im  Jahre  1104  Taf.  8  b  3)  aufgekommen  zu  sein  scheint. 

Beim  7i  sind  wiederum  die  Ligaturen  wichtiger  als  die  unciale 
oder  Minuskelform,  d.  h.  go  unter  einem  Querbalken;  namentlich  ist  die 
vollständig  aufgelöste  Form  von  btk  vom  Jahre  1255,  1273  usw.  der 
alten  Minuskel  vollständig  fremd,  findet  aber  ihr  Vorbild  in  der  ent- 
artenden Papyruscursive.  Diese  Ligatur,  die  schon  1136  wieder  auf- 
taucht, ist  vollständig  bis  auf  den  letzten  Buchstaben  ausgeschrieben, 
und  Wattenbach  irrt,  wenn  er  im  autographierten  Teil  seiner  Anleitung  ^ 
S.  11  meint,  das  I  sei  bloß  durch  zwei  Punkte  (s.  Taf.  10  tt  2  vom 
Jahre  1273j  vertreten.  Der  Schreiber  beginnt  vielmehr  mit  dem  oberen 
Halbkreis  des  s,  schließt  daran  den  Querbalken  des  71  und  an  diesen 
das  /  mit  oder  ohne  die  beiden  Punkte;  dann  holt  er  den  unteren 
Halbkreis  des  e  und  den  unteren  Teil  eines  cursiven  w  nach.  Etwas 
anders  gestaltet  sich  diese  Form,  wenn  der  Schreiber  (1231)  dem  un- 


^  Selten  mit  dem  uncialen  /  im  Jahre  1045. 


—     237     — 

cialen  n  eleu  Vorzug  gibt,  dann  wird  das  s  bloß  durch  einen  kleinen 
Haken  angedeutet;  sein  unterer  Teil  fällt  dann  aus.  Bei  anderen  Ver-i 
bindungen  von  ejt  bestätigt  sich  wieder  die  allgemeine  Regel,  daß  die 
abgerundeten  Formen  (1296)  jünger  sind  als  die  spitzen  (1112),  die 
aus  einer  Verbindung  des  Mittelstrichs  vom  e  mit  dem  Vorderstrich 
des  71  hervorgegangen  sind,  und  Formen,  die  in  einem  Zuge  geschrieben 
werden,  wie  das  tm  vom  Jahre  1438  (Taf.  11  ;t  8)  aus  anderen  ent- 
standen sind,  bei  denen  der  Schreiber  abzusetzen  ptiegte.  Auch  das 
spitzwinkhge,  cursive  %  (s.  das  tiq  vom  Jahre  1371  Taf.  11  ;r  2)  ge- 
hört zu  den  jüngeren  Bildungen  und  dürfte  sich  vor  dem  14.  Jahr- 
hundert kaum  nachweisen  lassen;  um  diese  Zeit  scheint  es  aber  sehr 
beliebt  gewesen  zu  sein  und  wurde  besonders  bei  Monokondylien  (siehe 
S.  50 — 52)  angewendet,  wo  es  darauf  ankam,  alles  zu  einem  Zuge  zu 
vereinigen. 

Das  ()  bewahrt  in  der  jüngeren  Minuskel  sowohl  die  eigentliche 
Minuskel-  als  auch  die  cursive  Form.  Die  erste  ist  in  der  Verbindung 
mit  den  benachbarten  Buchstaben  ziemlich  spröde,  und  die  vorkommen- 
den Ligaturen  beweisen  für  die  Zeit  nicht  viel.  Dagegen  ist  darauf 
zu  achten,  ob  dieses  o  einfach  mit  einem  Häkchen  nach  rechts  endigt 
oder  ob  es,  wie  die  Form  der  älteren  und  neueren  Drucke,  in  einen 
Punkt  oder  einen  Strich  nach  unten  oder  gar  nach  links  ausläuft,  was 
sich  ebenfalls  bis  zum  Jahre  1273  zurückverfolgen  läßt.  Das  cursive  (j 
wird,  wie  in  der  mittleren  Minuskel,  nur  in  Ligaturen  und  zwar  meist 
mit  Vocalen  gebraucht,  obschon  auch  Verbindungen  mit  ö,  y  (1059, 
1060)  und  selbst  mit  x  (1083)  vorkommen.  Charakteristisch  für  die 
jüngere  Minuskel  ist  das  uq  mit  hochgestelltem  u  (Taf.  9  a  6,  (>  6.  13), 
sowie  diejenigen  mit  e.  Das  cursive  q  verbindet  sich  mit  dem  Minuskel-« 
zu  einer  Form,  die  1133  und  1371  noch  oben  spitz,  dagegen  1402  und 
1492  bereits  oben  abgerundet  uns  entgegentritt.  Die  Verbindung  des 
offenen  cursiven  q  mit  dem  vollständigen  cursiven  6  ist  allerdings  nicht 
undenkbar,  aber  doch  sehr  selten,  wenn  sie  sich  überhaupt  belegen 
läßt.  Häufig  ist  dagegen,  daß  der  Schreiber  mit  Weglassung  des  un- 
teren Halbkreises  von  dem  oberen  sofort  zu  dem  entgegengesetzten 
Halbkreise  des  cursiven  q  übergeht,  was  schon  im  Jahre  1083,  1124 
(Taf.  7  0-16,  8  ob)  usw.  anfing  beliebt  zu  werden.  Bei  der  Ligatur  tq 
wird  das  r  (ähnlich  wie  bei  ro  1164  Taf.  8  o  15)  oben  auf  das  cur- 
sive ?  gesetzt,  so  z.  B.  schon  im  Jahre  1133  (Taf.  8  r  9).  Diese  Liga- 
tur besteht  immer  noch  aus  zwei  selbständigen  Strichen,  weil  der  senk- 
rechte Strich  des  r  erst  in  der  Mitte  des  wagrechten  beginnen  darf. 
Im  Jahre  1196,  1255,  1371  usw.  setzt  er  bereits  am  rechten  Ende  an, 
und  alles'  verbindet  sich  zu  einem  einzigen  Zuge;  doch  so,  daß  man 
sich  über  die  einzelnen  Formen  noch  Eechenschaft  geben  kann.  Bis 
zur  Unkenntlichkeit    entstellt    wird    dagegen  die    Ligatur  ro   schon  im 


—     238     — 

Jahre  1458  (Taf.  11   o  12),  wo  das  t  bereits  zu  einem  nach  rechts  ge- 
kehrten spitzen  Winkel  zusammenschrumpft. 

Beim  a  hatte  die  auch  in  der  alten  und  mittleren  Minuskel  und 
sogar  nach  1321  gebrauchte  Ligatur  von  aa  das  Andenken  an  die  Ent- 
stehung der  Form  stets  wach  gehalten.  Schon  in  der  mittleren  Mi- 
nuskel findet  sich  neben  dem  halbmondförmigen  C  die  eigentliche  Mi- 
nuskelform (7,  zu  denen  in  der  jungen  Minuskel  noch  die  cursive  Form 
eines  links  offenen  Kreises  ,7  hinzukommt.  Im  Jahre  1124  und  1128 
klafft  dieses  g  nur  wenig  und  im  Jahre  1164  ist  es  sogar  vollständig 
geschlossen.  Dieses  a  des  c.  Paris.  Suppl.  612  vom  Jahre  1164  und 
c.  Vat.-Pal.  13  vom  Jahre  1167  besteht  also  aus  einem  geschlossenen 
Kreise  mit  daraufgelegtem  Querbalken,  der  sowohl  nach  rechts  als 
auch  nach  links  vorspringt,  ebenso  wie  1316  und  1362.  Da  diese 
Form  in  der  mittleren  ^  Minuskel  ebenso  wie  in  der  eigentlichen  Re- 
naissanceschrift, soweit  ich  sehe,  fehlt,  so  ist  sie  ein  gutes  Kriterium 
für  die  Zeit.  —  Aus  der  uncialen  Form  C  entwickelt  sich  das  moderne 
Schluß-i,^,  das  ebenso  wie  das  moderne  ihm  entsprechende  q  schon  im 
Jahre  1273  auftaucht.  Dieser  Entwicklungsproceß  in  der  jungen  Mi- 
nuskel hat  seioe  Analogie  in  der  jungen  Cursive,  wo  genau  die- 
selben Zeichen  einen  anderen  Sinn  und  eine  andere  Geschichte  haben. 
Dem  C  der  Minuskel  entspricht  nämlich  das  Zahlzeichen  C  der  Cursive; 
aus  dem  ersteren  wird  e,  aus  dem  Digamma  S,  das  übrigens  von  dem  ax 
der  damaligen  Zeit  verschieden  ist. 

nr  ist  von  allen  Ligaturen  des  a  die  häufigste  und  wichtigste, 
die  aber  erst  später  bei  den  Zahlzeichen  zu  behandeln  sein  wird.  Das  g, 
das  die  spätere  Auffassung  mit  dem  Digamma  identificierte,  wurde 
immer  häufiger  angewendet  und  verlor  allmählich  seine  ursprünglich 
fest  geschlossene  Gestalt,  das  T  löste  sich  ähnlich  auf  wie  in  der 
jungen  Cursive  zu  S,  und  schon  am  Ende  des  elften  Jahrhunderts 
(s.  1059)  wechseln  die  Formen  oft  sogar  in  derselben  Handschrift. 

Sehr  mannigfach  sind  auch  die  Formen  des  r.  Das  cursive  Doppel-r, 
(s.o.  S.  215)  das  1124  noch  vorhanden  war,  verschwindet  bereits  im  An- 
fang dieser  Periode;  im  13.  Jahrhundert  wurde  dieses  Zeichen  wohl 
noch  verstanden,  aber  nicht  mehr  geschrieben.  Die  Schreiber  ver- 
wenden dafür,  da  zwei  kleine  r  leicht  zu  Verwechselungen  mit  n  führen 
konnten,  vielmehr  tT  ähnlich  wie  beim  y:  vV.  —  Zu  einem  Zuge  konnte 
der  Buchstabe  zusammengefaßt  werden,  wenn  man  die  zweite  Hälfte 
des  Querbalkens  wegließ  (statt  T:  1  a.  1231,  1255,  1273,  1316,  1321. 
Wenn  dieses  1  einen  Verbindungsstrich  nach  rechts  erhält  (Taf.  10  r  10), 
so  entsteht  beinahe  ein  1.  Das  einfache  r  wird  häufig,  wie  in  der 
jungen  Unciale,  auf  andere  Buchstaben  gesetzt,  wie  o,  co  usw.,  so  z.  B. 

»  Vereinzelt  a.  1167:  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  30. 


—     239     — 

schon  im  Jahre  1083.  —  In  anderen  Ligaturen  dagegen  zerfällt  es 
wie  in  der  entartenden  Minuskelcursive ;  namentlich  bei  der  Verbindung 
mit  £  liegt  diese  Gefahr  sehr  nahe.  Schon  im  Jahre  914  vereinigt 
sich  der  Querstrich  des  £  mit  dem  des  r  und  bald  lost  sich  diese  Liga- 
tur daher  in  eine  untere  und  obere  Hälfte  auf,  deren  erste  aus  dem 
unteren  Halbkreis  des  £  und  dem  Stamm  des  T,  die  obere  dagegen  aus 
dem  oberen  Halbkreis  des  £  mit  dem  Querbalken  des  T  besteht  und 
nach  links  häufig  mit  einem  spitzen  Winkel  (s.  nera  vom  Jahre  1164, 
hTQECfSTo  vom  Jahre  1296  Taf.  10  £  6 — 7j  oder  gar  mit  einer  Schleife 
(£r«|  vom  Jahre  1492)  endigt.  Um  den  Zerfall  des  T  zu  verhindern, 
verfielen  die  Schreiber  auf  das  entgegengesetzte  Extrem,  indem  sie  die 
schwer  zu  verbindenden  Striche  durch  Schnörkel  zusammenfaßten.  Diese 
Form,  die  sich  vielleicht  unter  dem  Einfluß  der  Monokondylien  aus- 
gebildet hat,  kommt  in  Handschriften  des  14. — 15.  Jahrhunderts  vor; 
s.  xel  1420,  ro,  aro  vom  Jahre  1492,  r  vom  Jahre  1496.  Von  dem 
spitzwinkligen  r  des  15.  Jahrhunderts,  s.  ccvtov  Taf,  11  v  2 — 3  vom 
Jahre  1371  und  to  Taf.  11  o  12  (1458)  und  roo  Taf.  11  r  17  (1496) 
war  schon  früher  beim  o  die  Rede. 

Y  ist  einer  der  wenigen  Buchstaben,  die  in  der  jungen  Minuskel 
eigentlich  nur  eine  cursive  Form  haben,  denn  das  unciale  und  semi- 
unciale  Y  kommt  nur  sehr  selten  vor  z.B.  1390.  Aber  selbst  bei  dem 
cursiven  v  sind  verschiedene  Arten  zu  unterscheiden,  z.  B.  das  eine  v, 
das  einem  offenen  punktierten  o  gleicht:  *"  und  schon  im  Jahre  1196, 
häufiger  aber  noch  zwischen  1273  und  1316  vorkommt.  Die  punktierte 
Form,  die  noch  im  11. — 12.  Jahrhundert  seltener  ist,  wird  vom  Ende 
des  13.  Jahrhunderts  immer  häufiger,  ohne  aber  die  unpunktierte  ver- 
drängen zu  können.  Die  Punkte  werden  z.  B.  im  Jahre  1321  ersetzt 
durch  einen  Querstrich  in  der  Rundung. 

Beim  0  verbreitert  sich  die  unciale  Form  schon  1124  und  wird 
infolgedessen  wie  das  breite  €  und  0  punktiert;  die  cursive  verbindet 
alles  zu  einem  Zuge  durch  eine  (obere)  Schleife,  die  sich  zuweilen  (1133) 
bedenklich  verschnörkelt,  aber  gänzlich  fehlt  in  der  moderasten  Form 
des  (p,  die  sich  vor  dem  15.  Jahrhundert  kaum  nachweisen  läßt  (siehe 
1402,  1420,  1496  usw.).  Wenn  Montfaucon  (s.  o.  S.  225)  nämlich  diese 
Form  schon  früher  anwendet,  so  ist  die  Zuverlässigkeit  seiner  Schrift- 
proben nicht  groß  genug,  um  diese  junge  Form  für  die  frühere  Zeit 
glaublich  zu  machen. 

Das  X,  dessen  Größe  wechselt,  hat  in  der  Minuskel  eigentlich  nur 
eine  unciale  Form.  Im  Gegensatz  dazu  könnte  man  eine  Form  cursiv 
nennen,  bei  der  die  unteren  Teile  durch  eine  Querlinie  verbunden  sind, 
und  diesem  x  etwas  Ähnlichkeit  mit  einem  ^  geben  (Taf.  10  /  9),  doch 


—     240     — 

ist  diese  Form  ganz  jung^  und  dürfte  in  der  wirklichen  Cursive  kaum 
vorkommen;  noch  jünger  ist  X  a.  1360.^  Von  den  Ligaturen  ist  be- 
sonders V'/  zu  erwähnen,  die  wohl  vor  1136  nicht  oft  gebraucht  wurde. 

Das  \p  hat  zwei  verschiedene  Formen,  je  nachdem  der  Querstrich 
gerade  oder  gebogen  ist.  Während  die  f-Form  in  der  mittleren  Mi- 
nuskel überwog,  tritt  sie  in  der  jungen  Minuskel  mehr  zurück  gegen  ip. 

Das  G)  hatte  in  den  früheren  Perioden  meist  die  geschlossene 
Form  eines  doppelten  o.  Daraus  wird  im  zwölften  Jahrhundert  häufig 
ein  liegendes  B :  og  ,  das  sich  zuweilen  an  den  Enden  zuspitzt  (Taf.  8 
(0  6).  Doch  daneben  hält  sich  die  cursive  Form,  die  im  14.  und 
15.  Jahrhundert  die  häufigere  gewesen  zu  sein  scheint.  Wie  einerseits 
in  Ligaturen  ein  Buchstabe  darüber  geschrieben  wird,  z.  B.  ein  r,  so 
kommt  es  in  anderen  Verbindungen  auch  vor,  daß  ein  co  übergeschrie- 
ben wird,  so  bei  aicov  vom  Jahre  1390.  Die  unmittelbare  Verbindung 
dieses  Vocals  mit  seinem  Accente  scheint  schon  im  Jahre  1273  keinen 
Anstoß  mehr  erregt  zu  haben,  zumal  da  der  Schreiber  dieser  Hand- 
schrift selbst  die  Accente  vorhergehender  Worte  (s.  xal  ti  Taf.  10/2) 
mit  den  nachfolgenden  Anfangsbuchstaben  verbindet. 

Mit  dem  Jahre  1500^  brechen  wir  ab,  denn  es  wurde  früher  be- 
reits hervorgehoben,  daß  die  Paläographie  da  aufhört,  wo  die  Buch- 
druckerkunst anfängt;*  hier  beginnt  vielmehr  die  Neographie.  Es  ist 
ungefähr  derselbe  Zeitpunkt,  der  auch  das  definitive  Ende  des  byzan- 
tinischen Reiches  bezeichnet.  Durch  den  Fall  von  Constantinopel  war 
der  Kampf  der  Byzantiner  um  ihre  Existenz  allerdings  entschieden, 
aber  noch  nicht  vollendet.  Es  dauerte  immerhin  noch  eine  Weile,  bis 
auch  die  letzten  Splitter  des  Reiches  im  Peloponnes  und  auf  den  Inseln 
von  den  Türken  unterworfen  wurden. 

Renaissance  Die  Rcuaissance  hat  sowohl  im  Griechischen  wie  im  Lateinischen 

einen  besonderen  Typus  der  Schrift  und  des  Codex  geschaffen,  der  den 
Ansprüchen  der  Schönheit  und  Eleganz  in  hohem  Maße  entspricht. 
Aber  allerdings  entsprechen  nicht  alle  griechischen  Handschriften  dieser 
Zeit  dem  neuen  Typus,  der  seine  Ausbildung  mehr  in  Italien  als  im 
byzantinischen  Reiche  gefunden  hat.  Die  Armut  und  Verwilderung, 
die  dem  Falle  von  Constantinopel  folgte,  war  wenig  geeignet,  den 
Luxus   der  Renaissancezeit  zu  unterstützen.     Damals   bildete   sich   so- 


^  Siehe  Bast,  Comm.  pal.  Tab.  II,  17.  —  Wattenbach,  Anleitung-,  auto- 
graphierter  Teil  S.  23. 

2  Siehe  Omont,  Facsim.  mss.  gr.  dates  pl.  LXXXVI. 

^  Proben  bei  Omont,  Facsim.  de  mss.  gr.  des  XV— XVI  s.     Paris  1887. 

*  Le  premier  livre  gree  imprime  avec  date  a  ete  publie  ä  Milan,  en  1476; 
cest  la  Grammaire  grecque  de  C.  Lascaris.  —  Omont. 


—     241     — 

wohl  die  geschriebene  Schrift  der  Neugriechen, ^  wie  die  Drucktypen, Druckschrift 
die  genau  nach  den  Formen  der  damaligen  Handschriften  geschnitten 
wurden  mit  ihren  Ligaturen  und  Abkürzungen,  die  erst  im  Laufe  der 
Entwicklung  aufgegeben  wurden.  Ligaturen  und  Abkürzungen  wider- 
sprechen allerdings  nach  unseren  Begriffen  der  Druckschrift,  aber  sie 
entsprechen  der  Schreibschrift;  sie  wurde  also  bloß  deshalb  in  den 
ältesten  Drucken  beibehalten,  weil  ein  geschriebenes  Buch  für  vor- 
nehmer galt  als  ein  gedruktes;  deshalb  wurde  es  auch  in  solchen 
Äußerlichkeiten  nachgeahmt. 

Im  16.  Jahrhunderts  haben  die  Schreiber  sich  schon  gelegentlich 
beeinflussen  lassen  durch  die  Formen  der  geschnittenen  Typen.^  Diese 
ältesten  griechischen  Drucktypen  sind  gelegentlich  auch  in  unserer 
Zeit  z.  B.  von  Omont  angewendet  bei  dem  Druck  der  Cataloge  von 
Fontainebleau. 

Die  griechischen  Typen  des  Buchdrucks  sind  in  Italien  erfunden, 
wie  es  heißt  von  Aldus  Manutius;  von  ihm  sagt  dies  in  einem  offenen  Manutfus 
Briefe  vor  dem  Psalterium  {^v  oixeiu^^löov  tov  MuvovTi'oVjYenedig  s.  a.) 
'lovaxlvoq  6  dsxadvoq:  ^ÄXöm  fi^v  rro  (pi'kkXXi]vi,  (b^  ös^iötjjti  (pvaecog 
^cpevosT^  TOV  Tojv  yoa^if^iärcov  yeyevi^fiivq)  /auaxTTjoog  [ojc  doijxai). 
Aber  auch  der  berühmte  französische  Verleger  H.  Stephanus^  hat  sich^' n^f^** 
große  Verdienste  erworben  um  die  künstlerische  Durchbildung  der 
griechischen  Typen. 

Über  die  modernen  griechischen  Typen,  namentlich  die  Berliner, 
vgl.  die  Bemerkungen  von  Rutherford,  Class.  Eeview  8.  1894  p.  81  (mit 
Proben  p.  83)  und  0.  Stählin,  Jahrb.  f.  kl.  Alt.  23.  1909  S.  413. 


Das  stumme  Jota. 

Um  nicht  bei  jedem  einzelnen  Abschnitte  stets  wieder  auf  das 
stumme  Jota  zurückkommen  zu  müssen,  vereinige  ich  hier  einige  Be- 
merkungen zu  den  verschiedenen  Perioden.  Eine  Geschichte  des  stum- 
men Jota  ist  immer  noch  nicht  geschrieben,^     In  den  Inschriften  der 


^  Legrand,  E.,  Facsim.  d'ecritures  grecques  du  XIX ^  si^cle.  Paris  [1901]  110  pp. 

^  Siehe  Omont,  Facsimiles  Nr.  28  (rothe  Überschr.). 

^  Vgl.  über  die  älteren  griechischen  Typen  in  Frankreich:  Omont,  Caracteres 
gi-ecs  de  Gilles  de  Gourmont.  Paris  1507  und  1512;  über  die  späteren  vgl. 
Meyer,  W.,  Hur.  Stephanus  über  die  Regii  Typi  Graeci:  Abh.  d.  Gott.  Ges.  d.W. 
(Phil.-hist.  Kl.)  1902,  N.  F.  6,  II;  s.  m.  Anzeige:  Wochenschr.  f.  klass.  Philologie 
1903.  —  Proctor,  Bibliogr.  e.ssays  p.  89:  The  french  royal  gr.  types  and  the  Eton 
Chrysostom.  —  Lambros,  -N.  'El}.r]vofivri(i(ov  2.  1905,  199.  —  Bielohlawek,  Die 
regii  typi  graeci:  Ztschr.  d.  Österr.  Vereins  f.  Biblioth.  1.  1910  S.  193 — 195. 

*  Vgl.  Lipsius,  K.  H.  A.,  Grammatische  Untersuch,  über  die  biblische  Grae- 
cität.     Leipzig  1863  S.  1:  Jota  subscriptum. 

Gurdthausen,  Gr.  Paläograpbie.    2.  Aufl.  II.  16 


—     242     — 

insciiriften  alten  Zeit  fehlte  es  nicht;  aber  seit  es  nicht  mehr  gesprochen  wurde, 
verschwand  es  allmählich  auch  in  der  Schrift.  Gr.  Hirschfeld,  Sitzungsber. 
d.  Berl.  Acad.  1888  (Phil.-hist.  Kl.)  S.  868,  bemerkt  zu  einer  Inschrift 
des  zweiten  Jahrhunderts  n.  Chr.:  Es  ist  zu  beachten,  daß  in  der 
stehenden  feierlichen  Formel  der  Überschrift  das  stumme  Jota  bei- 
geschrieben ist,  übrigens  aber  fehlt.^  Eine  interessante  Tabelle  über 
das  Fehlen  des  Jota  adscriptum  in  kretischen  Inschriften  gibt  Kiekers, 
Indogerm.  Forschungen  27.  1910  S.  82 — 83:  „i  subscr.  wird  frühestens 
seit  dem  3.  Jahrh.  [vor.  Chr.]  vernachlässigt."  Für  das  zweite  Jahr- 
hundert werden  30,  für  das  erste  Jahrh.  keine  Fälle  angeführt.  In  den 
von  Meisterhans,  Gramm,  d.  att.  Inschr.  1888  S.  53,  behandelten  In- 
schriften wird  das  Jota  adscriptum  in  der  Zeit  vom  ersten  Jahr- 
hundert vor  bis  zum  fünften  Jahrhundert  nach  Chr.  25  Mal  gesetzt 
und  104  Mal  ausgelassen. 

Selbst  als  das  Jota  adscr.  nicht  mehr  für  gewöhnlich  geschrieben, 
findet  es  sich  dennoch  dans  les  souscriptions  ou  adresses  des  lettres  et  de 
requetes,  surtout  aux  noms  et  titres  des  hauts  fonctionnaires  [a.  207].^  Ein 
stummes  I  wird  schon  zu  Strabos^  Zeit  ausgelassen  und  Neroutsos 
(Bull,  de  corr.  hellen.  16.  1892  p.  71)  meint,  daß  das  stumme  Jota  schon 
Papyrus  auf  Papjrusurkundcn  des  dritten  vorchristlichen  Jahrhunderts  fehle. 
Gelegentlich  ist  es  von  jüngerer  Hand  hinzugefügt.*  Von  einem  sehr 
alten  Homerpapyrus  (Br.  Mus.  Pap.  CXXVIII)  sagt  Kenyon  Pal.  p.  81: 
The  I  adscript  is  regularly  written,  ivhich  is  a  sign  of  a  relatively  early  date. 

In  der  alten  Zeit  wurde  das  I,  wenn  es  überhaupt  geschrieben 
wurde,  meist  adscribiert.  Nur  in  der  von  Cureton  herausgegebenen 
Ilias  wird  es  übergeschrieben,  was  sich  bis  in  die  Zeit  der  alten  Mi- 
nuskel fortpflanzt,  obwohl  das  Jota  adscriptum  viel  häufiger  gewesen 
ist.  In  den  ältesten  Bibelhandschriften  fehlt  es  meistens;  vgl.  v.  Geb- 
hardt  und  Harnack,  c.  Rossanensis  p.  XIV  A.  2:  Das  I  adscriptum  ist 
^Schriften'  ^^  ^^^  ältcsteu  erhaltenen  Bibelhandschriften  selten,  aber  nicht  ohne 
Beispiel;  vgl.  Scrivener,  Bezae  codex  Cantabrigiensis.  Cambr.  1864. 
Introduction  p.  XIX.  Zu  einer  Uncialhandschrift  (c.  Vatic.  1666)  vom 
Jahre  800  bemerken  die  Herausgeber  der  Pal.  Soc.  II,  81:  Mute  iota 
is  not  expressed.     In  der  Minuskel  schwankt  der  Gebrauch. 


*  Vgl.  Larfeld,  Handb.  d.  gr.  Epigr.  1.  1907  S.  305. 

^  Siehe  Nicole,  J.,  Mein,  de  l'Inst.  de  Geneve  18.  1893  —  1900.  Les  papyrus 
de  G-eneve  p.  3  n. 

^  Strabo  XIV  p.  648:  no/lol  —  —  X^^^'-i  ^oü  t  yqäcpovai  rag  doTixüg  y.at  ex- 
ßäXXovai  ys  t6  e&og  cpvamfjv  ahiav  ovx  i-yov.  —  Maior,  J.  D.,  De  nummis  graece 
inscriptis  cum  app.  de  iotarum  subscriptione.     Kiliae  1685. 

*  t  mutum  interdum  post  opus  perfectum  addidisse  [librarius]  videtur. 
Schubart,  Pap.  gr.  berol.  Nr.  44  b. 


—     243     — 

Das  stumme  I,  rb  I  rö  uvex(pcüvi]Tov  war,  wenn  es  überhaupt  ge-  Minuskel 
schrieben  wurde,  TiQoayQacpöfjbEvov  xdxa&Bv  nach  der  Lehre  des  Grram- 
matikers  Theodosius  (ed.  Göttling  p.  158,  27),  und  Göttling  p.  241  be- 
merkt dazu:  Consequitur  ex  his  loeis  coeptum  iam  esse  suhscribi  ioia 
seculo  duodecimo;^  allein  diese  Behauptung  muß  doch  nach  den  neueren 
Beobachtungen  etwas  beschränkt  werden.  Schanz 2  bemerkt  dazu:  Statt 
des  Iota  suhscripfMm  haben  wir  im  Paris,  (wie  im  Clark,  und  Venetus) 
das  Iota  adscriptitm  und  merkwürdigerweise  auch  das  Iota  suhscriptum, 
das  ich  zweimal  auch  im  Venet.  gefunden  habe.  Nur  hier  und  da 
finden  wir  das  Jota  etwas  abwärts  gerichtet.  In  y Zog  ist  das  Jota  sehr 
oft  im  Paris.  Iota  superscriptum.  Ebenso  ist  fast  immer  in  äel  das  Jota  ^scriptum" 
über  die  Zeile  gesetzt.  —  —  Auch  finden  wir  a8i]v  Quarcövii.^^ 

In  dem  berühmten  c.  Clarkianus  des  Plato  vom  Jahre  895  ver- 
wendet der  Schreiber  ein  Jota  adscriptum,  d.  h.  ein  kleines  fast  punkt- 
artiges /  entweder  in  der  Höhe  der  mittleren  Buchstaben  oder  etwas 
höher,  namentlich  hinter  dem  r],  z.  B.  ^cT^^g  oder  auch  x^l' • 

Auch  im  zehnten  Jahrhundert  verbindet  der  Schreiber  des  Leipziger 
Josephuscodex  (v.  10.  Jh.)  ein  Jota  suhscriptum  in  wenigen  aber  zweifei- g^^jg^^^.^  j^^^ 
losen  Fällen  mit  rj.     Häufiger  ist   aber   ein  Jota  adscriptum,   das  sich 
dann   aber  durch  seine  Kleinheit^  von  den  anderen  Buchstaben  unter- 
scheidet, z.  B.   c.  Mosq.  119  (s.  XI)     ^'  oder  tH' .     In   einem  Triodium 

des    zehnten   Jahrhunderts    c.  Sin.  735    findet    sich  das  Jota  oft  aus- 
gelassen, oft  dagegen  klein  daneben  und  tief  gestellt  ( ««).     Auch 

in  dem  c.  Vat.-Palat.  13  (Cavalieri-Lietzmann ,  Specimina  Nr.  30)  vom 
Jahre  1167  ist  das  stumme  Jota  zugleich  suhscriptum  und  adscriptum, 
z.  B.  TT/,,  TCOi.  Später  pflegte  man,  wie  noch  heutzutage  das  stumme 
Jota  unter  den  letzten  Vocal  zu  schreiben.  In  dem  c.  Sin.  1184 
(s.  X — XI)  zeigt  sich  dagegen  bereits  ein  Jota  suhscriptum.  Auch 
Burkhard,  Wiener  Studien  10.  1888  S.  99  behauptet  in  einem  cod. 
Augustanus  des  Nemesius,  den  er  der  mittleren  Minuskel  zurechnet, 
das  Jota  suhscriptum  gefunden  zu  haben.  Im  zwölften  Jahrhundert 
wurde  das  frühere  Jota  adscriptum  allmählich  immer  tiefer  geschrieben, 
und  so  entwickelte  sich  schon  im  Jahre  1136,  1164  usw.  aus  dem 
Jota  adscriptum  ein  Jota  suhscriptum.  Es  gibt  aber  nicht  nur  ein 
Jota  suhscriptum  und  adscriptum,  sondern  sogar  ein  Jota  inscriptum.  inj^^^^t^nj 
In  dem  c.  Laur.  87,  13  (s.  XII — XIII)  ^  ist  in  den  Worten  uvtm  ra 
das  Jota  beide  Male  in   die  letzte  Rundung  des   6j   hineingeschrieben. 


*  Siehe  Porson  zu  Eurip.  Med.  v.  6. 
2  Khein.  Mus.  N.  F.  33.  1878  S.  303. 

'  The  iota  ascript  is   of  a   diminutive   form:  Lond.   Burney  Nr.  8G  a.  1059. 
N.  Pal.  Soc.  204. 

*  Vitelli,  Museo  italiano  1883  p.  10  A.;  vgl.  tav.  XI,  1. 

16* 


—     244     — 

In  dem  c.  Vat.-Eeg.  63  <Cavalieri-Lietzmann,  Spec.  Nr.  36)  vom 
Jahre  1260  wird  es  regelmäßig  wie  in  unseren  Drucken  subscribiert: 
-XT],  T(p  -ysaici  usw.  In  dem  c.  Vatic.  256  vom  Jahre  1321  (Cavalieri- 
Lietzmann,  Spec.  Nr.  40)  wird  das  Jota  subscriptum  nicht  immer,  aber 
häufig  gesetzt.  In  einem  Londoner  Evangelistarium  vom  Jahre  1335 
(Pal.  Soc.  206)  sieht  man  das  Jota  subscriptum  nicht  unter  der  Mitte 
des  Buchstabens  sondern  unter  dem  Ende.  Bei  den  jüngeren  und 
flüchtiger  (namentlich  auf  Bombycinpapier)  geschriebenen  wird  das 
stumme  Jota  vielfach  weggelassen;  namentlich  auch  bei  Anwendung 
des  Vulgärdialectes  s.  Cavalieri-Lietzmann,  Spec.  Nr.  44:  ra)  ersi. 


Siebentes  Kapitel. 

Ductus  und  Nationalschrift.^ 


Jeder  Mensch  schreibt  bekanntlich,  auch  heutzutage,  anders  als 
jeder  andere.  Wo  aber  durch  Schule  oder  Gewöhnung  eine  große 
Übereinstimmung  in  den  meisten  und  wichtigsten  Einzelheiten  der 
Schrift  vorhanden  ist  und  das  Geschriebene  also  trotz  der  verschiedenen 
Schreiber  ungefähr  denselben  Charakter  zeigt,  da  reden  wir  von  einem 

Ductus  gleichmäßigen  Ductus.  Die  Eigentümlichkeiten  und  charakteristischen 
Merkmale  einer  solchen  Gruppe  von  Schreibenden,  die  ursprünglich 
individuell  waren,  können  sich  nicht  nur  von  Generation  zu  Generation 
fortpflanzen,  sondern  zugleich  auch  sich  verstärken  und  gewissermaßen 
erstarren.  Ich  verweise  z.  B,  auf  die  Unterschiede  in  der  Schrift  eines 
modernen  Deutschen,  Engländers  und  Italieners.  Im  Mittelalter  waren 
diese  nationalen  Unterschiede  der  einzelnen  Völker  bei  ihrem  geringen 
Zusammenhang  und  der  mangelnden  Verbindung  viel  größere;  und 
vielen  Schreibern  fehlte  sicher  das  Bewußtsein,  daß  die  Schrift  ihres 
Volkes  nicht  die  allgemein  gültige,  sondern  nur  national  oder  local 
war.      So    entstanden    im    Mittelalter    die    verschiedenen    lateinischen 

National-  Natiou als chrif tcn.  Wir  verstehen  also  darunter  die  Anwendung 
eines  gegebenen  Alphabetes  in  einem  bestimmten  Schriftcharakter,  und 
Buchstabenformen,  wie  sie  nicht  bloß  von  einzelnen  Individuen  oder 
Schreibschulen,  sondern  in  einer  Landschaft  oder  bei  einem  Volke  — 
bei  diesem  aber  ausnahmslos  —  angewendet  wurden.  So  hat  sich 
dieser   Begriff  in    der   lateinischen  Paläographie    entwickelt,    und   wir 


^  Gardthausen ,  Differences  provinciaux  iu  den  Melanges  Graux  p.  731;  vgl. 
Byzant.  Ztschr.  15.  227. 


—     245     — 

dürfen   nichts    daran    ändern,    wenn    wir   ihn    auf  ein  anderes   Gebiet 
übertragen. 

Wenn  wir  nun  vom  lateinischen  Westen  zu  dem  griechischen 
Osten  übergehen,  so  fragt  es  sich,  ob  dieser  Begriff  einer  National- 
schrift, den  wir  eben  für  das  Lateinische  zu  formulieren  versucht  haben, 
auch  bei  den  Völkern  seine  Gültigkeit  hat,  welche  griechisch  zu 
schreiben  pflegten. 

Der  Begriff  der  Nationalschrift  war  den  Griechen  keineswegs  fremd;  Griechen 
er  ist  ungefähr  so  alt,  wie  die  griechische  Schrift  selbst.  Denn,  als 
die  Hellenen  ihr  Alphabet  von  den  Phöniciern  übernahmen,  bildete 
sich  ungefähr  bei  jedem  Stamme  und  in  jeder  Landschaft  ein  beson- 
deres Alphabet,^  das  sich  in  den  Formen  und  manchmal  auch  im  Um- 
fang von  den  benachbarten  Alphabeten  unterschied.  Allein  später 
hatte  eine  Schriftart  alle  anderen  verdrängt  und  nicht  nur  ganz  Hellas, 
sondern  auch  den  Orient  erobert. 

Alle  Völker,  denen  die  Griechen  die  Kultur  brachten^  haben  auch 
ihr  Alphabet  von  ihnen  erhalten;  in  diesem  Sinne  könnte  man  sogar 
die  italischen  Alphabete  eine  ursprünglich  aus  dem  griechischen  ab- 
geleitete Nationalschrift  nennen;  auch  beim  Koptischen,  Cyrillischen 
zweifelt  niemand  daran;  die  Veränderungen  und  Zusätze  sind  bei  all 
diesen  Alphabeten  so  bedeutend,  daß  sie  nicht  mehr  als  Teile  des 
Griechischen,  sondern  als  eigene  Schriftarten  anzusehen  sind.  Fraglich 
ist  nur,  ob  wir  auch  innerhalb  der  griechischen  Paläographie  richtige  g^apTie 
Nationalschriften  finden,  die  der  langobardischen,  westgotischen  und 
merovingischen  in  der  lateinischen  entsprechen,  d.  h.  also  Beibehaltung 
des  alten  Alphabets  mit  einer  provinziellen  oder  localen  Durchbildung 
eines  neuen  Schriftcharakters,  aber  ohne  Hinzufügung  neuer  Zeichen, 
die  dem  Griechischen  fremd  sind.  Wenn  wir  die  Frage  so  richtig 
formuliert  haben,  dann  ist  damit  auch  die  Antwort  eigentlich  schon 
gegeben. 

Die  Möglichkeit  localer  Unterschiede  bei  den  Byzantinern  wird  Byzantiner 
jeder  ohne  weiteres  zugeben;  aber  daraus  folgt  noch  nichts  für  die 
Frage,  ob  es  scharf  abgegrenzte  Nationalschriften  gegeben  habe  oder 
nur  einen  localen  Ductus,  der  erst  im  Verein  mit  anderen  Kriterien 
über  die  Herkunft  einer  Handschrift  entscheiden  kann.  Diese  Frage 
ist  meines  Wissens  für  die  griechischen  Handschriften  zuerst  gestellt 
von  Scholz,  dem  Verfasser  der  „Biblisch-kritischen  Reise",  aber  weder 
seine  Kenntnisse  noch  sein  Material  reichten  aus,  diese  Frage  zu  lösen; 
er  charakterisiert  die  provinziellen  Unterschiede  in  folgender  Weise  ^: 


*  Siehe  die  Tafeln  zu  Kirchhoff,  Studien  z.  Gesch.  d.  griech.  Alphabetes. 
^  Scholz,  Bibl.-krit.  Reise  S.  XII— XIII. 


—     246     — 

Scholz  „Viele  in  Thracien  geschriebene  Handschriften  haben    eine   schief 

liegende  Schrift,  und  die  Anfangsbuchstaben  besonders  einzelner  Ab- 
schnitte nähern  sich  den  slavischen.  —  Bei  anderen  entscheiden  die 
den  koptischen  ähnlichen  Buchstaben,  wie  in  Eeg.  505,  65;  Ambros. 
61  u.  a.,  für  Ägypten  als  ihr  Vaterland.  Einige  haben  das  Eigentüm- 
liche, daß  ihre  Schriftzüge  weniger  gerundet,  und  mehr  horizontal  sind, 
die  Verzierungen  der  großen  Anfangsbuchstaben,  und  die  Bilder  über- 
haupt mehr  dem  syrischen  Geschmacke  sich  nähern:  ich  halte  Sicilien 
für  ihre  Geburtsstätte.  In  den  von  Lateinern  z.  B.  im  südlichen  Frank- 
reich geschriebenen  Handschriften  sind  viele  lateinische  oder  ihnen 
ähnliche  Buchstaben  ins  griechische  Alphabet  aufgenommen.  Un- 
beholfene, ungeregelte  Schriftzüge  zeugen  gewöhnlich  für  einen  Ab- 
schreiber, der  kein  Grieche  war:  dagegen  eine  einfache,  einförmige, 
schön  liegende  Schrift  uns  schon  als  Erweis  dienen  kann,  daß  sie  von 
einem  Griechen  in  griechischen  Provinzen  abgeschrieben  sei." 

Allein  in  Wirklichkeit  ist  mit  diesen  Kriterien  nicht  viel  anzu- 
fangen; die  wirklich  gültigen  beschränken  sich  auf  die  Gegenden,  die 
gar  nicht  oder  nur  kurze  Zeit  dem  byzantinischen  Reiche  angehört 
haben;  was  von  Thracien  gesagt  wird,  ist  sicher  falsch,  vorausgesetzt, 
daß  hier  Majuskel-  und  nicht  Minuskelschrift  gemeint  ist.  Die  schief- 
liegende Schrift  erlaubt  keinen  Schluß  auf  den  Ort;  rechtsgeneigte 
Unciale  wurde  in  Thracien  so  gut  geschrieben,  wie  in  Palästina  von 
Nicolaus,  dem  Schreiber  des  datierten  Majuskelcodex  vom  Jahre  862 
(s.  Fig.  48). 

Lateinische  Nationalschrift  in  griechischer  Cursive. 

Schließlich  hat  Zereteli,  Über  die  Nationaltypen  in  der  Schrift  der 
griech.  Papyri  (Arch.  f.  Papyr.  1.  1901,  336—338)  einen  Anlauf  ge- 
nommen, auf  2^2  Seiten  (wovon  eine  halbe  Seite  durch  den  Abdruck 
des  Papyrustextes  beansprucht  wird),  die  Existenz  eines  lateinischen 
Nationaltypus  in  der  griechischen  Papyruscursive  nachzuweisen.  Es  ist 
eine  schwierige  Aufgabe,  die  auf  alle  Fälle  mit  ganz  anderen  Mitteln 
und  ganz  anderer  Gründlichkeit  zu  behandeln  wäre.  Daß  ein  Fremder, 
z.  B.  ein  Lateiner  das  Griechische  manchmal  anders  und  unbeholfener 
schrieb,^  als  ein  geborener  Grieche,  wird  man  sofort  zugeben,  aber 
dieser  Umstand  beweist  nicht  das  geringste  für  die  Annahme  eines 
National typus ;  denn  hier  kommt  es  eben  nicht  auf  individuelle  Eigen- 
tümlichkeiten an,  sondern  auf  das  Typische,  das  allen  Mitgliedern  der- 


^  Man  vergleiche  z.  B.  die  griechischen  Partien  der  Florentiner  Pandekten 
(s.  Wattenbach,  Specim.  VII),  sie  sind  nicht  gerade  unbeholfen  geschrieben,  haben 
aber  immerhin  einen  fremdartigen  Schriftcharakter. 


—     247     — 

selben  Nation  und  nur  diesen  gemeinsam  ist.  Zereteli  hat  dort  (Taf.  1) 
einen  Text  publiciert,  der  von  zwei  Händen  geschrieben  ist;^  die  erste 
Hand  bis  (Z.  8)  üi]lb)auTi  fjLOi  kommt  für  den  Verfasser  nicht  in  Be- 
tracht, sondern  nur  der  Schluß  von  anderer  Hand.  Es  ist  eine  cursive 
Schrift  des  zweiten  Jahrhunderts,  wie  sie  hundertmal  vorkommt.  Auch 
die  einzelnen  Buchstaben,  auf  die  der  Verfasser  aufmerksam  macht, 
a,  y,  €,  fji,  V,  die  übrigens  in  verschiedenen  Formen  auftreten,  lassen  sich 
alle  in  rein  griechischen  Papyrusurkunden  nachweisen.  Dabei  bietet 
der  Text  nicht  den  geringsten  Anhalt,  auf  einen  lateinischen  Schreiber 
zu  schließen.  Aber  nun  hat  Zereteli  einen  lateinischen  Papyrus  in 
lateinischer  Cursive  entdeckt:  New  classical  fragm.  von  Grenfell  und 
Hunt,  p.  158  pl.  V,  der  im  Schriftcharakter  jenem  griechischen  ähnlich 
sein  soll. 

Es  ist  aber  dem  Verfasser  nicht  gelungen,  eine  andere  Ähnlichkeit 
der  beiden  Urkunden  nachzuweisen,  als  daß  die  Buchstaben  beider 
lang  gestreckt  und  stark  nach  rechts  geneigt  sind.  Im  allgemeinen 
kann  man  allerdings  eine  gewisse  Familienähnlichkeit  der  griechischen 
und  der  römischen  Cursive  zugeben;  das  Alphabet  ist  ursprünglich  das- 
selbe, und  die  Entwicklung  beider  eine  ähnliche.  Darauf  hat  bereits 
Wessely  hingewiesen:  Über  den  wechselseitigen  Einfluß  der  griechischen 
und  lateinischen  Cursive  im  vierten  Jahrhundert  n.  Chr.,^  und  diese 
Familienähnlichkeit  war  im  zweiten  Jahrhundert  schon  ungefähr  so  vor- 
handen, wie  im  vierten.  Also,  wenn  zwischen  der  griechischen  und  der 
lateinischen  Urkunde,  die  Zereteli  heranzieht,  eine  bedeutende  Ähn- 
lichkeit vorhanden  wäre,  so  bezieht  sich  dieselbe  nicht  auf  die  spe- 
ziellen Urkunden,  sondern  auf  diese  allgemeine  Ähnlichkeit  des  Schrift- 
charakters der  griechischen  und  römischen  Cursive.  Außerdem  ist  es 
verhängnisvoll  für  Zeretelis  Annahme,  daß  er  ohne  weiteres  voraussetzt, 
wenn  die  Ähnlichkeit  vorhanden  ist  —  was  ich  durchaus  nicht  in 
diesem  Umfange  zugebe  —  so  folge  daraus,  daß  der  griechische  Schrei- 
ber unter  lateinischem  Einfluß  stehe.  Mit  demselben  Kecht  kann  man 
umgekehrt  schließen:  dann  stand  der  lateinisclie  Schreiber  unter 
griechischem  Einfluß,  was  bei  dieser  in  Ägypten  gefundenen  Urkunde 
entschieden  wahrscheinlicher  genannt  werden  muß.  Damit  stürzt  denn 
allerdings  diese  auf  schwachen  Füßen  stehende  Hypothese  in  sich  zu- 
sammen. 

Etwas  anders  steht  es  mit  einer 


^  Wessely  setzt  die  Urkunde  ins  vierte  Jahrhundert. 

2  Studien  z.  Pal.  u.  Pap.  1  S.  XXIII  f.  Nach  Wessely,  Studien  z.  Pal.  1 
S.  LXXII,  hat  Zereteli  seine  Ansicht  aufgegeben  und  ich  verstehe  nicht,  wie 
Wilcken  Zeretelis  Hypothese  verteidigt;  s.  Grundzüge  u.  Chrest.  1.  Wilckcn  1 
S.  XXXIX  Anm.  2. 


—     248     — 
„Koptischen  Nationalschrift".^ 

c'oJUe^JLU  cT  t  ?  0  Y  ClAHJUL-inrrOTTP  0  CUü 

_       TTOVTMC^YMJJULtUüCTCJÜMLcCYp'^. 
AOVO  CKYTTP  0^CJat/^G'r(JL>N-0YT:'UJCA6r€i 

(TÖfie&a  eiq  'Ie^ov(TCi?.yfji  and  %qo(7co- 

710V  zTjg  dvvüfieayg  raiv  Xccldceiojv  xcti  äno  7TQ0(J(ü- 

^  nov  rTjg  Svvdfiscog  rwv  ^ArravQicöv, 

^plv  ^^^  olxi)<y(oiiEv  kxEi:  xcci  fyevsro 

Xöyog   KvQtov  n^ög  fxe  Mycov    Ovrmg  Xiyet  [KvQiog 

Fig.  64.     Praekoptisch.     Jeremias  42,  11. 
Cavalieri-Lietzmann  Nr.  4.  c.  Blarchalianus  (Q).    42,  11. 

„Zur  Widerlegung  Gardthausens  genügt  es,  auf  die  jedem  Paläo- 
graphen  bekannte  ,koptische'  Schreibart  hinzuweisen."  ^  Es  ist  ja  aller- 
dings traurig,  wenn  so  weltbekannte  Tatsachen  übersehen  werden! 
Allein,  suchen  wir  uns  zunächst  zu  verständigen,  was  wir  denn  eigent- 
lich unter  dieser  bekannten  „koptischen"  Schreibart^  zu  verstehen 
haben. 

V.  Jernstedt,  TPE^ECKAR  PTKOnUCL  KOnTCKAFO  HHCLMA, 
Eine  gr.  Hs.  mit  koptischem  Ductus  im  Journal  des  Min.  der  Volks- 
aufklärung, 1884  Mai  (Abt.  f.  class.  Philologie)  S.  28,  hat  den  Versuch 
gemacht,  eine  national-koptische  Schrift  im  Griechischen  nachzuweisen. 


1  Wohl  zu  unterscheiden  von  der  Schrift  der  Kopten.  Den  praekoptischen 
Ductus  der  griechischen  Unciale  erkennt  man  am  sichersten  in  zweisprachigen 
Handschriften,  s.  Amelineau,  Notice  sur  d.  mss.  coptes  renfermant  d.  textes  bilingues 
du  N.T.:  Notices  et  extraits  d.  mss.  34.  2.  Paris  1895  (m.  Phototypien);  vgl. 
femer  die  griechische  Unterschrift  einer  koptischen  Handschrift  vom  Jahre  979: 
Pal.  Soc.  Orient.  Ser.  XCII,  s.  o.  S.  150;  Bernard,  J.  H.,  On  some  fragm.  of  an  uncial 
ms.  of  S.  Cyril  of  Alexandria  written  on  papyrus.  Transactions  of  the  R.  Irish 
Academy.  29.  1887—1892  p.  653  pl.  9—12  (Kopt.  Kloster  Hawara);  vgl.  besonders 
den  griechischen  Text  eines  bilinguen  Evangelienfragments  c.  Vat.-Borg.  copt.  109 
aus  dem  fünften  bis  sechsten  Jahrhundert  bei  Cavalieri-Lietzmann,  Specimiua  Nr.  3, 
und  Heer,  Oriens  Christianus  N.  S.  2,  1912  S.  1  ff.  (m.  Facsim.). 

^  Zereteli,  Arch.  f.  Papyr.  1.  1901  p.  336. 

^  Siehe  Serruys,  D.,  L'onciale  dite  copte:  Melanges  Chatelain,  Paris  1910 
p.  497.  Viele  Proben  des  Griechisch-koptischen  und  des  Koptischen  bei  Wessely, 
Studien  11.  —  Besonders  verweise  ich  auf  das  steile  A  (Fig.  64),  meistens  mit 
oberer  und  unterer  Schleife;  ebenso  Fig.  74. 


—     249     — 

Auf  Papyrus  sowohl  wie  auf  Pergament  gibt  es  eine  charakteristi- 
sche, leicht  erkennbare  griechische  ünciale,  die  wahrscheinlich  gleich 
damals  vorhanden  war,  als  die  koptische  Schrift  sich  aus  der  griechi- 
schen abzweigte/  die  wir  aber  hauptsächlich  erst  in  Schriftstücken  des 
sechsten  bis  siebenten  Jahrhunderts  nachweisen  können.  Die  älteste  ^'robe 
Probe,  bei  der  die  Eigentümlichkeiten  des  Ductus  bereits  sehr  deutlich  her- 
vortreten, s.  Pap.  gr.  berol.  coli.  Schubart  Nr.  19a:  Berl.  Klassikertexte  5, 1 
S.  28  (Hesiod).  Die  Buchstaben  stehen  bereits  vollständig  senkrecht; 
ihre  Stämme  haben  meistens  eine  schräge  Basis,  auf  der  sie  stehen. 
Da  auf  der  Rückseite  Notizen  vom  Jahre  275/76  n.  Chr.  vorhanden 
sind,  so  muß  der  Text  des  Hesiod  vor  dieser  Zeit  geschrieben  sein.  Auch 
für  die  spätere  Zeit  (713 — 724)  gibt  Schubart  a.  a.  0.  Nr.  50  Proben.  713-724 
Es  ist  eine  senkrecht^  stehende  steile  Unciale  ohne  Haar-  und  Grund- 
striche mit  abgerundeten  Formen,  die  durchaus  im  Stile  der  nationalen 
Schrift  der  Kopten  geschrieben  ist;^  namentlich  auch  das  OJ,  ist  beiden 
gemeinsam :  ein  großer  nach  unten  gerichteter  Bogen,  gestützt  auf  zwei 
kleinere  Bogen  rechts  und  links.  Allein  dieses  koptische  Xi  ist  gar 
nicht  koptisch;  wenn  wir  näher  zusehen,  so  ist  diese  Form  durchaus 
nicht  auf  eine  Provinz  oder  Völkerschaft  beschränkt,  sondern  findet 
sich  an  den  verschiedensten  Orten,  wo  griechisch  geschrieben  wurde. 
Es  gibt  griechische  Alphabete  mit  rechten  Winkeln  und  andere,  bei 
denen  die  rechten  Winkel  zu  Bogen  abgerundet  waren.*  Konsequenter- 
weise mußte  z.  B.  neben  dem     Xi   das  E  die  Form    ^  annehmen  auch 

das  a  ist  abgerundet;  wir  haben  also  keine  nationale,  sondern  eine 
rein  stilistische  Veränderung  des  Buchstabens,  die  man  an  ganz  ver- 
schiedenen Orten,  allerdings  erst  in  späterer  Zeit,  durchgeführt  hat; 
über  diese  Form  des  XX  verweise  ich  auf  die  Zusammenstellung  bei 
Larfeld,  Handb.  d.  gr.  Epigraph.  2,  488  ff.,  auf  Dittenberger,  Sylloge  In- 
scriptionum  gr.  1^,  390  (Olympia),  391  (Epidauros),  beide  aus  der  Zeit 
Hadrians,  739  (Attica)  und  die  Grenzsteine  von  Messenien  (Mitt.  d.  Athen. 
Arch.  Instituts  1904  S.  368—369). 

Ich  nehme  deshalb  besonders  Anstoß  an  der  Benennung  koptisch, 
weil  sicher  nicht  nur  die  Kopten  so  geschrieben  haben,  und  es  ander- 

'  Krall,  Die  Anfängo  d.  kopt.  Schrift.  Mitt.  d.  Pap.  Erzherz.  Rainer  1,  109. 
Schriftproben  bei  Hyvernat,  Album  de  paleographie  copte.     Paris,  Rom  1888. 

^  Selbst  bei  der  sonst  auffallend  senkrechten  sog.  koptischen  Unciale  gibt 
es  wenige  Proben  rechtsgeneigter  Buchstaben ;  s.  Serruys,  Mel.  Chatelain  p.  498/99 
pl.  II  (letzte  Zeile). 

^  Ce  qui  caracterise  c'est  le  „bouclage"  systcmatique  du  trace.  Serruys 
a.  a.  0.  497. 

*  Im  c.  Sinaiticus  in  Leipzig  kommt  das  eckige  und  runde  M  vor.  Die  runde, 
sog.  koptische  Form  findet  sich  auch  in  griechischen  Randbemerkungen  syri- 
scher Handschriften,  s.  u.  Taf.  2  (vom  Jahre  680). 


—     250     — 

seits  nicht  einmal  bewiesen  ist,  daß  die  Kopten  Griechiscli  niemals 
anders  geschrieben  haben. 

Es  ist  nicht  die  Schrift,  in  der  die  Kopten  ihre  eigene,  oder  in 
der  nur  Kopten  die  griechische  Sprache  geschrieben  haben;  auch  nicht 
die  Schrift,  in  der  die  griechischen  Bewohner  Ägyptens  griechisch 
schrieben ;  denn  die  reichen  Funde  ägyptischer  Inschriften  und  Papyrus- 
urkunden zeigen,  daß  dort  ungefähr  jeder  griechische  Schriftcharakter 
seine  Vertreter  gefunden  hat.  Es  ist  auch  nicht  eine  griechische  Schrift, 
die  der  koptischen  nachgebildet  ist,  sondern  die  Kopten  haben  sich  viel- 
mehr, als  sie  sich  eine  nationale  Schrift  bildeten,  an  einen  bestehenden 
älteren  Schriftcharakter  der  Griechen  angeschlossen;^  also  nicht  die 
Griechen  haben  einen  koptischen,  sondern  die  Kopten  einen  griechischen 
Ductus  nachgeahmt  Es  ist  griechisches  Gewächs,  das,  auf  fremden 
Boden  verpflanzt,  dort  bald  erstarrt  und  versteinert. 

Man  sieht  also,  wie  wenig  Berechtigung  die  gewöhnliche  Bezeich- 
nung hat,  die  ich  a.  a.  0.  S.  2B4  durch  „ägyptisch-koptisch"  zu  ersetzen 
vorgeschlagen  habe;  jetzt  aber  ziehe  ich  es  vor,  diesen  Ductus  nach 
Analogie  des  oben  erwähnten  „praeslavischen"  vielmehr  als  einen 
ko'^tfsch  ijPi'aekoptischen''  zu  bezeichnen.^  Es  ist  eine  feierliche,  durchaus  künst- 
liche Schrift  mit  unverbundenen  Buchstaben,  die  durch  Jahrhunderte 
hindurch  unverändert  geljlieben  ist.  Ag}'ptisch  kann  man  diesen  Ductus 
insofern  nennen,  als  er,  soweit  wir  sehen,  in  Ägypten  angewendet  und 
das  Vorbild  wurde  für  die  koptische  Schrift;  und  auch  die  Patriarchen 
von  Alexandria  ihre  offiziellen  Osterbriefe  in  dieser  Schriftart  ausführen 
ließen;  außerdem  sind  namentlich  Bibelfragmente  so  geschrieben;  man 
könnte  also  beinahe  von  einer  alexandrinischen  Curialschrift  reden. 

Datiert  sind  die  Proben  dieses  praekoptischen  Ductus  meistens 
nicht.  Nur  ein  Festbrief  auf  Papyrus:  P.  Grenfell  II  Nr.  112  N.  Pal.  Soc. 
Nr.  48  Papyr.  Br.  Mus.  729  läßt  sich  mit  einiger  Sicherheit  dem  Jahre 
577  zuweisen.  Denselben  Ductus  zeigt  auch  der  Osterbrief  des  Alexan- 
der, Patriarchen  von  Alexandrien  aus  dem  Anfang  des  achten  Jahr- 
hunderts.^ Dazu  kommt  ein  Fragment  der  Bibel:  Amherst-Pap.  Nr.  90. 92 
<^pl.  XXIV);  vgl.  ferner  A.  Deissmann,  Die  Septuaginta  -  Papyri  (1905). 

Aber  dieser  eigentümliche,  leicht  erkennbare  Ductus  wurde  doch 
nicht  ausschließlich  im  Dienste  der  Kirche  verwendet.  Auch  Aristo - 
phanes  Achamer  aus  dem  fünften  Jahrhundert  oder  jünger  (Berl. 
IQassikertexte  5    T.  V)    sind    in   praekoptischem   Ductus    geschrieben; 


*  Byz.  Ztschr.  15,  255. 

*  Brieflich  schlägt  S.  de  Ricci  mir  vor,  diesen  Ductus  als  ägyptische  Unciale 
zu  bezeichnen.  Alexandrinische  Unciale  (in  anderem  Sinne)  s.  o.  S.  125,  Perga- 
mentunciale. 

^  Berl,  Classikertexte  6.  1910  S.  55  m.  Fcsm.  Osterbrief  ca.  a.  719,  siehe 
Pap.  gr.  berol.  coli.  Schubart  Nr.  50. 


—     251     — 

wo  wissen  wir  nicht.  Eine  charakteristische  Probe  bietet  auch  der 
Papyrus  (in  Dulilin  u.  Paris)  des  H.  Cyrill  (s.  N.  Pal.  Soc.  Nr.  203  und 
Serruys,  Mel.  Chatelain  p.  498/99  pl.  II)  und  eine  illustrierte  Papyrus- 
chronik, herausgegeben  von  Bauer  u.  Strzygowski,  Denkschriften  der 
Wiener  Akad.  51.  1906,  204,  die  aber  wohl  nicht  mit  den  Herausgebern 
dem  fünften,   sondern   eher  dem   sechsten  Jahrhundert  zuzuweisen  ist. 

Ein  Unterschied  zwischen  Papyrus-  und  Pergamentschrift  ist  nicht 
vorhanden.  Deshalb  sind  auch  einige  Pergamenthandschriften  hierher 
zu  ziehen:  der  c.  Zacynthius  (s.  o.  S.  141)  und  Marchalianus  (herausgegeben 
von  Ceriani)  aus  dem  sechsten  bis  siebenten  Jahrhundert.^ 

Sicher  kann  man  als  praekoptisch  den  griechischen  Text  einer  bilin- 
guen  griechisch-koptischen  Pergamenthandschrift  ansehen:  c.  Vatic.-Borg. 
copt.  Nr.  109,  s.  Fr.  de'  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  3.  Die  Uncial- 
buchstaben  sind  ungewöhnlich  breit  und  plump  mit  starkem  Gegensatz 
zwischen  Haar-  und  Grundstrichen  und  stark  entwickelten  Keulen  bei 
€  C  usw.;  beim  A  dagegen  fehlen  noch  die  Klötze,  ebenso  beim  0;  s.  o. 
S.  104.  116  kopt.  Papyrusschrift.  Fr.  de'  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina 
Nr.  4  weisen  den  c.  Marchalianus  dem  sechsten  Jahrhundert  zu.  Diesellje 
Schrift  ist  bei  Glaue  und  Rahlfs,  Fragm.  einer  griech.  Übersetz,  des 
samaritan.  Pentateuchs.  Nachr.  d.  Götting.  Ges.  d.  W.  1911  S.  167  mit 
Facsim.;  vgl.  S.  263.  Ferner  ein  Evangeliarium  auf  Pergament,  das 
Wilcken,  Tafeln  z.  älteren  gr.  Paläogr.  Taf.  VI  ins  achte  Jahrhundert 
setzt;  vgl.  Jernstedt,  Eine  griechische  Handschrift  mit  koptischem  Duc- 
tus (russ.);  s.  0.:  Journal  d.  Minister,  d.  Volksauf klärung  1884  Mai  (Abt. 
f.  cl.  Philol.)  S.  28.  Wirklich  koptisch  (nicht  wie  die  vorhergenannteu 
Schriftproben  praekoptisch)  ist  die  griechische  vSubscription  einer  kop- 
tischen Handschrift  vom  Jahre  979  (s.  o.  S.  150). 

Man  braucht  also  die  Existenz  dieses  Ductus  nicht  in  Frage  zu 
stellen,  wohl  aber  den  nationalen  Charakter  desselben;  zumal  Jernstedt 
(s.  0.)  auch  nicht  einmal  den  Versuch  macht,  nachzuweisen,  daß  die  Hand- 
schriften, die  er  aufzählt,  wirklich  alle  von  koptischen  Griechen  geschrie- 
ben seien.  In  welchem  Verhältnis  dieser  „praekoptische'^  Ductus  zum 
alexandrinischen  gestanden  hat,  müssen  wir  dahingestellt  sein  lassen; 
ich  habe  früher  bemerkt:  es  hatte  sich  ein  eigener  alexandrinischer 
Ductus  herausgebildet,  der  im  neunten  Jahrhundert  als  Zeichen  hohen 
Alters  geschätzt  wurde.  Daher  heißt  es  in  den  Acten  des  vierten 
Concils  von  Constantinopel  vom  Jahre  869  (Mansi  XVI  p.  284):  yQuix- 
fic((Tcv  dXs^civd'Qi'voi'i  Tijv  dn/cii'xijv  öri  (i(/.Xi(7TCi  )(EiQO&Eaiav  pufirjüdnEvoq,. 
Die  Eigentümlichkeiten  dieser  alexandrinischen  Schreibweise  kennen  wir 
nicht;  es  wäre  aber  nicht  unmöglich,  daß  wir  z.  B.  in  dem  c.  Sinaiticus 
noch  eine  Handschrift  der  alexandrinischen  Schreiberschule  besitzen 
(s.  o.  S.  125). 

^  Siehe  Kenyon,  Palaeogr.  gr.  pap.  p.  118. 


—     252     — 

Konstantinopel. 

In  der  Hauptstadt  des  Eeiches  darf  man  natürlich  am  wenigsten 
eine  provincielle  Durchbildung  der  Schrift  erwarten.  Batiffol,  Eossano 
p.  79  redet  von  einer  Kalligraphie  von  Constantinopel  und  versucht  sie 
zu  charakterisieren  nach  c.  Vatic.  1660 — 71  (Menologium)  vom  21.  März 
916  ^s.  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  12)  und  c.  Par.  519  vom 
Jahre  1007  und  c.  Vatic.  1675  vom  Jahre  1018  <(s.  Cavalieri-Lietzmann, 
Specimina  Nr.  20).  Ferner  gehören  von  jenen  Specimina  hierher  Nr.  15 
a.  981  K./P.  und  Nr.  21  K./P.  Faktisch  haben  wir  hier  nichts  weiter 
vor  uns,  als  den  Unterschied  zwischen  der  Hauptstadt  und  den  Pro- 
vinzen. Daß  die  in  der  Hauptstadt  vielleicht  für  den  Hof  geschriebenen 
Handschriften  sich  durch  Eleganz  und  Schönheit  vor  den  in  der  Provinz 
entstandenen  auszeichnen,  das  kann  man  hier  sowohl  als  anderswo 
sell)stverständlich  nennen.  Gegen  den  Ausdruck  „Kalligraphie  von  Con- 
stantinopel" ist  also  durchaus  nichts  einzuwenden. 

Auch  im 

Orient 

wären  die  Vorbedingungen  für  die  Ausbildung  von  griechischen  National- 
schriften vorhanden  gewesen  bei  den  Griechen,  die  entweder  sell^ständig 
waren  oder  unter  der  Herrschaft  des  Islam  lebten.  In  der  Bibliothek 
des  Sinai  habe  ich  eine  Reihe  von  griechischen  Handschriften  mit 
armenischen  oder  georgischen  Quaternionenzahlen  untersucht,  über 
deren  Heimat  kein  Zweifel  möglich  ist.  Ferner  hat  E.  Zomarides  „die 
Dumbasche  Evangelienhandschrift  vom  Jahre  1226"  veröffentlicht  (Leip- 
zig 1904)  mit  ihrer  griechischen  und  armenischen  Subscription  des 
Protonotarius  Basilius  von  Melitene,  datiert  im  Jahre  der  Armenier  675 
(=  1226  n.  Chr.).  Er  hat  drei  Seiten  der  Schrift  des  Codex  in  gutem 
Lichtdruck  facsimilieren  lassen;  dort  kann  also  jeder  sich  überzeugen, 
wie  die  griechischen  Armenier  geschrieben  haben;  wir  finden  keine  Ab- 
weichungen von  der  gewöhnlichen  Schrift  dieser  Zeit;  wenn  wir  nicht 
sonst  wüßten,  daß  der  Schreiber  ein  Armenier  war,  den  Buchstaben  allein 
könnte  es  niemand  ansehen.  Ferner  haben  wir  griechische  Hand- 
schriften, die  in  Syrien  oder  Palästina  geschrieben  sind;  man  vgl. 
die  schönen  Schriftproben,  die  Papadopulos-Kerameus  dem  Catalog  von 
Jerusalem  beigegeben  hat.  Oder  man  prüfe  in  der  Berliner  Bibliothek 
eine  Sammlung  kleinasiatischer  Handschriften,  die  G.  Hirschfeld  in 
der  Gegend  des  Sees  von  Egerdir  (Pisidien)  erworben  hat;  an  allen 
Orten  ergibt  sich  stets  dasselbe  Resultat:  eine  griechische  National- 
schrift hat  es  dort  nicht  gegeben.  Die  Schrift  ist  manchmal  ungelenk 
und  unschön,  manchmal  bäuerisch;  sie  zeigt  sogar  vielleicht,  daß  der 
Schreiber  nur  halb  oder  gar  nicht  verstand,  was  er  schrieb;  aber  die 


—     253     — 

Form  der  Buchstaben  ist  dieselbe  wie  bei  den  Nationalgriechen.  Es 
ist  kein  Zweifel,  daß  diese  Einheit  der  Schrift  in  erster  Linie  der 
Einheit  der  Kirche  verdankt  wird.  Wie  die  römische  Kirche  nach  Aus- 
bildung der  karolingischen  Minuskel  die  lateinischen  Nationalschriften 
allmählich  verdrängte,  so  war  der  Einfluß  der  griechischen  Kirche  groß 
genug,  Nationalschriften  gar  nicht  aufkommen  zu  lassen  und  das  Streben 
nach  Absonderung  im  Keim  zu  ersticken;  nur  den  fremden  Völkern 
mit  fremder  Sprache,  die  von  ihr  bekehrt  waren,  mußte  sie  natürlich 
ihr  nationales,  aus  dem  Griechischen  abgeleitetes  Alphabet  lassen. 


Achtes  Kapitel. 

Ductus  und  Nationalschrift. 

u. 

Unteritalien, 
f-«^  i  cur  «  CM  a-»  •  Kou  M«/uj»-»ttöco 


KOU  TO  O  yo  f-XOL»  cULTTKor  cAtOtU 

Ev.  Luc.  1,  6. 
övöfiari  Zcexagiceg,  ^|  iq)i]- 
fiEQiaq  'Aßid'  xul  1}  yvvtj  av- 
Tov  ix  T&v  O-v/aregcüv  LäuQcov, 
xcil  tö  Övofia  civrTjg  'Ehaä- 
ßez'  ^Hcrav  öe  Sixuioi  ccfx- 
cpdrsQOi  hvcbmov  tov  &eou 
7tooevöfi{sv)oi  hv  iiüauiq,  xalq  \h)xoXaig\ 
Fig.  65.     Unterital.  Ductus. 

Cavalieri-Lietzmann  38.     c.  Vat.  Barb.  541  vom  Jahre  1292. 

Im  Süden  Italiens,  wo  die  litt&ra  heneventana  entstand,  wären  die 
äußeren  Vorbedingungen  für  eine  griechische  Nationalschrift  vielleicht 
noch  am  ehesten  vorhanden  gewesen.     Der  politische  Zusammenhang 


—     254     — 

mit  dem  byzantinischen  Eeiche  wurde  bald  unterbrochen,  während  das 
sprachliche  und  kirchliche  Band  erhalten  blieb,  trotz  des  mächtigen 
Einflusses,  den  die  römische  Kirche  und  romanische  Sprache  auf  die 
unteritalienischen  Griechen  ausüben  mußten. 

unciaihss.  Die  ältcstc  aller  datierten  Uncialhandschriften  (Gregor  d.  Gr.),  der 

c.  Vatic.  1666  vom  Jahre  800  (s.  Pal.  Soc.  11  Nr.  81;  Cavalieri-Lietz- 
mann,  Specimina  6),  wird  in  der  Unterschrift  nicht  ausdrücklich  als 
unteritalisch  l)ezeichnet;  allein,  daß  die  Handschrift  in  Unteritalien  oder 
in  Eom  geschrieben  wurde,  ist  doch  in  hohem  Grade  wahrscheinlich. 
Es  ist  eine  accentuierte,  steile,  vollständig  senkrechte  Unciale  mit  runden 
Formen;  jeder  Buchstabe  ist  unverbunden  neben  den  anderen  gestellt. 
Die  Formen  haben  auch  entschieden  etwas  Fremdartiges  und  doch 
dürfen  wir  darin  nicht  den  Typus  des  Italischen  oder  Unteritalischen 
sehen,  schon  aus  dem  Grunde,  weil  die  Unciale  stets  zu  künstlich  war, 
und  weil  wir  keine  anderen  italischen  Uncialcodices  hatten,  die  wir 
zur  Vergleichung    heranziehen    könnten.     Anders    liegt    die   Sache    bei 

Minuskeihss.  den  Minuskelhaudschriften. 

Auch  auf  Patmos  untersuchte  ich  eine  Gregorhandschrift  Nr.  33 
vom  Jahre  941,  die  keine  Spur  eines  unteritalienischen  Ductus  zeigte,^ 
bei  der  man  ohne  die  Unterschrift^  italienische  Provenienz  überhaupt 
nicht  gewagt  hätte  anzunehmen.  Der  Schreiber  sagt  nämlich  ausdrück- 
lich, daß  er  seine  Lehrzeit  durchgemacht  habe:  kv  rönco  Qrjyio)  zTjg 
xaXaßgi'ccq. 

Wir  haben  hinreichend  griechische  Minuskelhandschriften  unter- 
italischer Provenienz,^  an  denen  wir  prüfen  können,  ol)  es  eine  unter- 
italische Minuskel  gegeben  hat. 

Batiffol,  L'abbaye  de  ßossano,  Paris  1891,  hat  die  griechische 
Paläographie  Unteritaliens  eingehend  studiert,  indem  er  von  61  grie- 
chischen Handschriften  der  Vaticanischen  Bibliothek  ausging,  die  noch 
im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  der  Sammlung  von  S,  Basilio  in  Rom 
angehörten.  Ein  großer  Teil  stammte  aus  dem  Kloster  S.  Maria  delle 
Patire  in  Rossano  und  wurde  erst  gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts 
beim  Verfall  der  griechischen  Klöster  Unteritaliens  nach  Rom  geschafft. 
In  seinem  dritten  Kapitel,  Origines  de  la  Librairie  du  Patir,  unter- 
sucht der  Verfasser  u.  a.  den  Unterschied  östlicher  und  westlicher 
Schrift,  und  wirft  mir  dabei  vor,  mich  bei  derartigen  Fragen  zu  sehr 
auf  die  Schrift  beschränkt  zu  haben;  Ausstattung  und  Ausmalung  der 
Handschriften  seien  ebenfalls  heranzuziehen.  Er  charakterisiert  die 
unteritalischen  Handschriften : 


*  Siehe  das  Facsimile:  Melanges  Graux  p.  731  ff. 

2  Byz.  Ztschr.  15,  238. 

^  Proben:  Pal.  Society  I,  25;  II,  28.  85  usw. 


—     255     — 

p.  89:  le  parchemin  est  inal  poli,  mal  hlanchi,  med  regle;  l'encre  brune 
et  päteuse.  L'ecriture  est  inegale,  droite,  drue  ou  [si  Von  veut)  trcs  tassee; 
ce  caractere  est  jjIus  sensible  d  qui  compare  fecräure  egale  souple  et  aeree 
des  copistes  Byzantins. 

Batiffol  beruft  sich  dabei  namentlich  auf  c.  Vatic.  2027  a.  959, 
ferner  2138  a.  991,  2020  a.  993  (beide  geschrieben  bei  Capua),  ferner 
auf  Handschriften  in  Monte  Cassino  (Nr,  G  277  u.  278).  Er  findet 
Analogien  mit  dem  Langobardischen  in  der  lateinischen  Paläographie 
und  gibt  der  von  ihm  erfundenen  Schule  den  Namen  „greco-lombarde'K 
Eeinach  in  der  Revue  crit.  1892  p.  41 :  faßt  die  Resultate  kurz  zusammen: 
M.  B.  admet  une  premüre  phase  grecolombarde,  ptiis,  ä  parlir  du  XIP  siede, 
une  pieriode  d'imitation  byzantine;  quatre  volumes  du  X"  siede  seraient  le 
produit  d'une  ecole  speciale  d  la   Calabre  (p.  104), 

Von  dem  oben  erwähnten  c.  Vatic,  2138  (991  in  Capua  geschrieben) 
haben  wir  jetzt  bei  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  17^  eine  vor- 
treffliche Schriftprobe  in  Lichtdruck,  nach  der  sich  jeder  selbst  ein 
Urteil  bilden  kann.  Es  ist  eine  schöne,  sorgfältige  feste  Minuskel,  die 
wir  bei  einem  undatierten  Codex  wahrscheinlich  noch  der  alten  Mi- 
nuskel zuzuweisen  geneigt  sein  würden;  aber  irgend  etwas  spezifisch 
italisches  wird  man  in  der  Schrift  selbst  nicht  herausfinden  können. 

Wenn  Batiffol  meint,  daß  ich  mich  auf  die  Schrift  selbst  beschi'änkt 
habe  an  verschiedenen  Stellen  der  ersten  Auflage  S,  408.  415  usw.  und 
in  den  M6langes  Graux  p.  731 — 736,  Differences  provinciales  de  la 
minuscule  grecque,  so  hat  er  darin  vollständig  Recht,  und  ich  kann  nur 
bedauern,  daß  er  es  nicht  auch  getan  hat.  Er  wirft  aber  zwei  Fragen 
zusammen,  die  ganz  verschieden  sind:  1.  Welches  sind  die  Kennzeichen 
griechischer  Handschriften  unteritalienischer  Provenienz?  Dafür  mag 
man  sich  auf  die  äußere  Ausstattung,  Pergament,  Einband  usw.  be- 
ziehen, und  2.  gab  es  eine  besondere  unteritalienische  Nationalschrift 
griechischer  Minuskel?  Diese  letzte  Frage  allein  wollte  ich  beant- 
worten; sie  ist  rein  graphischer  Natur;  deshalb  mußte  ich  mich  auf  die 
Schrift  beschränken,  die  bei  Batiffol  zu  kurz  kommt.  Bei  seinen  aus- 
führlichen Erörterungen  hofft  man  stets  nun  endlich  die  Formen  unter- 
italienischer Minuskel  bezeichnet  zu  finden,  an  denen  man  diese 
„Nationalschrift"  von  anderer  griechischer  Minuskel  unterscheiden  kann. 
Wie  im  Merovingischen  oder  Langobardischen,  so  hofft  man  auch  hier 
drei,  zwei  oder  mindestens  doch  einen  eigenartig  geformten  Buchstaben 
kennen  zu  lernen,  der  in  Unteritalien  regelmäßig  und  nirgendwo  sonst 
gebraucht  wurde.  Aber  vergebens!  Weil  es  derartige  nationale  Buch- 
stabenformen in  Unteritalien  nicht  gibt,   so  hatte  ich  früher  wohl  von 


*  Vgl.  Nr.  16  (a.  983?)  in  Calabrien  geschrieben. 


—     256     — 

einem  unteritalienisclien  Ductus,  aber  nicht  von  einer  Nationalschrift 
gesprochen. 

Dazu  kommt  noch  ein  anderes,  was  zu  einer  erneuten  Nachprüfung 
der  griechischen  Handschriften  Unteritaliens  auffordert.  Die  äußeren 
Kennzeichen  unteritalienischer  Provenienz  mögen  im  großen  und  ganzen 
zu  den  von  Batiffol  untersuchten  Handschriften  stimmen;  aber  wir 
müssen  uns  doch  hüten,  sie  vorschnell  zu  verallgemeinern.  Die  von 
Batiffol  untersuchten  Handschriften  stammen  zum  großen  Teile  aus 
einer  oder  zwei  Schreibschulen  ^  und  Klosterbibliotheken.  Gleich- 
zeitig können  aber  ebenfalls  in  Unteritalien  griechische  Handschriften 
entstanden  sein,  die  ein  anderes  Aussehen  haben.  Ich  verweise 
noch  auf  den  unteritalischen  c.  Laur.  11,  9  vom  Jahre  1020  ^Coll. 
Fiorent.  t.  37)  bei  dem  Eigentümlichkeiten  unteritalischer  Schrift  durch- 
aus nicht  zutage  treten. 

Dagegen  besitzen  wir  hier  in  Leipzig  einen  ßepräsentanten  der 
unteritalischen  Minuskel,  ein  Synaxarion  (c.  Lips.  Senat.  II,  25)  im 
Jahre  1172  von  Basilius  v.  Rhegion  geschrieben  (s.  m.  Facsim.  Byz. 
Ztschr.  15,  238),  das  Batiffol  natürlich  nicht  kennen  konnte,  auf  das 
aber  seine  Kennzeichen  doch  nur  teilweise  passen. 

Mit  dieser  Leipziger  Handschrift  zeigt  der  unteritalische  c.  Vat- 
Barber.  541  vom  Jahre  1292,  s.  o.  Fig.  65  (s.  Fr.  de'  Cavalieri-Lietz- 
mann,  Specimina  Nr.  38)  eine  gewisse  Verwandtschaft,  namentlich  in 
den  Formen  und  der  steilen  Stellung  der  Buchstaben;  auch  diese  Hand- 
schrift kann  als  Probe  des  jüngeren  unteritalischen  Ductus  gelten. 

Bei  dem  griech.-lat.-arabischen  Psalterium  (c.  1153)  c.  Harl.  5786, 
Pal.  Soc.  132  ist  die  Provenienz  allerdings  nicht  bekannt,  aber  die 
Ähnlichkeit  in  den  schmalen  senkrechten  Buchstaben  ist  so  groß,  daß 
ich  kein  Bedenken  trage,  auch  diese  Handschrift  zu  den  unteritalischen 
zu  rechnen,  eine  Vermutung,  die  durch  die  drei  Sprachen  des  Psalteriums 
nur  unterstützt  wird.  Ferner  haben  wir  einen  c.  Marc.  Venet.  172  vom 
Jahre  1175  bei  Wattenbach  und  Velsen,  Exempla  Nr.  XV,  der  eben- 
falls genau  denselben  Typus  repräsentiert;  seine  Provenienz  kennen 
wir  nicht,  aber  die  Ähnlichkeit  der  Schrift  ist  so  groß,  daß  er  mit  den 
oben  genannten  Handschriften  vollständig  hinreicht,  einen  unteritalischen 
Ductus  für  das  zwölfte  Jahrhundert  sicher  zu  stellen. 

Ob  auch  der  c.  Lesbiac.  Limon.  22  (s.  XI)  zu  den  in  Italien  ge- 
schriebenen Handschriften  zu  rechnen  ist,  das  hängt  davon  ab,  wie 
man  sich  zu  meiner  Conjectur  stellt;  nach  dem  Catalog  stammt  der 
Codex  von  der  Hand  rov  Wooficciov;  ich  vermute  statt  dessen  tov 
Fcüfiatov. 


*  In  diesem  Sinne  fasse  ich  z.  B.  die  Unterschrift  des  c.  Vatic.  1611  (s.  XII) 
enkrjgüdtj  eig  lijv  trj^oVjp  lov  uylov  Jlitqov.     Batiffol,  Eossano  p.  151. 


—     257     — 

Endlich  sei  noch  kurz  erwähnt^  daß  die  Franzosen  Duchesne  (Vo- 
yage  M.  Athos  p.  239)  und  Batiffol  noch  Unterstützung  bekommen  von 
englischer  Seite,  F.  W.  Allen,  Palaeographica.  A  group  of  IX  cent. 
greek  mss.  Journal  of  philology  21.  1892,  48,  er  hält  den  Gebrauch 
der  Abkürzungen  und  der  tachygraphischen  Zeichen  für  charakteristisch 
für  die  unteritalienischen  Minuskelhandschriften.  Selbst  wenn  das 
richtig  wäre,  könnte  es  höchstens  etwas  für  die  unteritalienische  Pro- 
venienz beweisen,  aber  nichts  für  die  Existenz  einer  unteritalienischen 
Nationalschrift. 

Das  Abendland. 

Im  Altertum  hat  man  auch  im  lateinischen  Westen  vielfach  grie- 
chisch geschrieben  und  manchmal  vielleicht  ebenso  geschickt  und  ge- 
läufig wie  lateinisch.  Man  hat  gelegentlich  dieses  lateinische  Griechisch 
auf  Papyrus  erkennen  wollen  (s.  o.  S.  246),  allein  ohne  Erfolg.  Auch 
im  Anfang  des  Mittelalters  im  sechsten  bis  siebenten  Jahrhundert  hat 
man  noch  gelegentlich  in  Ravenna  und  Neapel  griechische  Buchstaben 
für  lateinische  Worte  verwendet.^  Die  griechischen  Buchstaben  sind 
etwas  fremdartig  und  ungelenk,  aber  beweisen  nichts  weder  für  Ductus 
noch  Nationalschrift;  sie  finden  sich  in  ähnlicher  Weise  in  den  späten 
ägyptischen  Urkunden  bei  Schubart,  z.  B.  Nr.  47  (605  p.  C.)  usw.^  Im 
eigentlichen  Mittelalter  hatten  nur  wenige  Veranlassung,  griechische  Schrift 
und  Sprache  zu  erlernen.  In  einer  lateinischen  Handschrift  sind  ein- 
zelne Worte,  namentlich  Überschriften,  in  griechischer  Schrift  von 
abendländischem  Ductus  von  der  Hand  der  Eugenia  s.  IX — X  ge- 
schrieben, s.  C.  E.  de  l'acad.  d.  inscr.  et  b.  1.  1905  p.  16 — 17. 

Ferner  als  die  Kirche  der  Kopten,  der  Armenier  oder  Unter- 
italiens stand  die  abendländische  Kirche  im  Mittelalter  der  byzantini- 
schen; aber  vollständig  war  die  Verbindung  beider  doch  noch  nicht 
aufgeholjen;  und  selljst  die  Kenntnis  der  griechischen  Sprache  fehlte 
in  abendländischen  Klöstern  nicht  gänzlich;  namentlich  waren  es  die 
Schottenmönche,  die  im  karolingischen  Reiche  die  Kenntnis  des  Grie- 
chischen verbreiteten  und  später  noch  wurde  in  verschiedenen  abend- 
ländischen Klöstern  an  bestimmten  Tagen  griechischer  Gottesdienst 
gehalten.^  Man  l)rauclite  also  griechische  Texte  und  schrieb  griechische 
Handschriften,  die  in  verschiedenen  Columnen  die  griechischen  Worte 
mit  griechischen  Buchstaben,   dann   die  Transcription   mit  lateinischen 


^  Siehe  xMarini,  Papiri  Diplomatici  90.  92.  121;  Pal.  Soc.  11,  3;  Cod.  Diplom. 
Cavensis  2  Nr.  2')0. 

*  Griechische  Schrift  iu  lat.  Handschriften  des  neunten  Jahrhunderts  siehe 
Monum.  Germ.  Historica.  Poet.  lat.  med.  aev.  3.  Berl.  189()  p.  696— G9T  Tab.  V 
bis  VIII ;  Alphabete  p.  822. 

^  S.  m.  Gr.  Pal.i  S.  424— 42,j. 
ü  ardt hausen,  Gr.  Paläograpliie.    2.  Aufl.   II.  17 


—     258     — 

Buchstaben,  und   endlich  oft  noch   die  lateinische  Übersetzung  gaben; 
ich  verweise  z.  B.  auf  das  Psalterium  Cusanum  ^  (s.  u.  S.  260). 

Nicht  alle  bilinguen  Codices,  die  auf  der  einen  Seite  den  grie- 
chischen, auf  der  anderen  den  lateinischen  Text  haben,  lassen  sich  als 
Proben  dieser  abendländischen  Unciale  verwerten;  denn  einerseits 
können  dieselben  auch  im  Orient  geschrieben  sein,  wo  man  immer  noch 
den  Charakter  der  Katholicität  und  also  auch  den  Zusammenhang  mit 
Rom  festhielt,  anderseits  konnte  ein  geschickter  Schreiber  auch  im 
Abendlande  die  Züge  seiner  Vorlage  so  genau  nachahmen,  daß  es  uns 
schwer  wird,  die  occidentalische  Provenienz  seiner  Handschrift  nach- 
zuweisen. Das  älteste  Beispiel  würde  uns  vielleicht  die  Neapolitaner 
Dioscorideshandschrift  in  Wien  bieten,^  wenn  wir  nur  über  ihre  frühere 
Geschichte  mehr  wüßten,  als  daß  sie  früher  aus  Neapel  nach  Wien 
^anTecten'  gekommen  ist.  Dagegen  bietet  uns  der  Florentiner  Pandectencodex^ 
in  seinen  griechischen  Partien  Proben  der  abendländischen  Unciale  aus 
dem  Ende  des  sechsten  oder  Anfang  des  siebenten  Jahrhunderts,  und 
Wattenbach  bemerkt  ganz  richtig,  daß  die  größeren  Buchstaben  am 
Anfang  der  Columnen  sich  sonst  nur  in  lateinischen  Handschriften 
dieser  Zeit  finden. 

Ebenfalls  im  siebenten  Jahrhundert  wurde  im  Abendlande,  wahr- 

Laud.  35  scheinlich  in  Sardinien,  der  Oxforder  c.  Bodl.-Laud.  35  (Pal.  Soc.  Nr.  80) 
geschrieben,  der  seinen  Ursprung  weniger  durch  die  abgerundeten  For- 
men als  vielmehr  durch  die  hölzerne  und  steife  Schreibart  verrät. 
Beides  findet  man  vereinigt  in  den  Handschriften  der  Schottenmönche, 

Augiensis  z.  B.  dem  c.  Augicnsis  ed.  Scrivener,  Cambridge  und  London  1859. 
<^Pal.  Soc.  127)  jetzt  im  Trinity  College  (Cambridge),"*  mit  Facsimile, 
dem  W*=  bezeichneten  Bibelcodex  in  Tischendorfs  Monum.  sac.  ined. 
nova  collectio  III  Tab.  II,  der  Baseler  Psalmhandschrift  A.  VII,  3  {Bau- 
meister-Denkmäler des  cl.  Altert.  S.  1132  Abb.  1325),  dem  Psalterium 
seduiius  dcs  SeduHus  in  der  Bibliothek  des  Pariser  Arsenals  8407.^  Gewisser- 
maßen als  Typus  dieser  griechischen  Bibelhandschriften  des  Abend- 
landes können  wir  den  griechisch-lateinischen  c.  Bornerianus  betrachten, 
(s.  0.  S.  22),  den  Rettig  und  Reichardt  facsimiliert  herausgegeben  haben,^ 


^  S.  ebendort  S.  166  und  Palaeogr.  Soc.  Nr.  128;  s.  u.  S.  260.  —  Hamann,  De 
Psalterio  triplici  Cusano.     Hamburg  1891. 

^  Siehe  Kollar  Suppl.  Nr.  1. 

^  Vgl.  Mommsens  Ausg.  vol.  II  Tab.  3.     Wattenbach,  Schrifttafeln  Nr.  7. 

*  Siehe  Class.  Eeview  6.  1892  p.  172. 

^  Siehe  Montfaucon,  Pal.  Gr.  237  u.  248;  Westwood,  Pal.  sacr.  Early  Greek 
niss.  Nr.  7  und  Omont,  Melanges  Graux  p.  313. 

"  Wattenbach,  Schrifttafeln  II,  25.  Palaeogr.  Soc.  I  Nr.  128.  J.  Eendel 
Harris,  The  Codex  Sangallensis  (A).  Cambridge,  University  Press  [1892].  Geb- 
hardt,  O.  v..  Eine  angeblich  verborgene  griech.-lat.  Evangelienhandschrift:  Central- 
blatt  f.  Biblioth.  10.  1893  S.  28. 


—     259     — 

mit  dem  dazugehörigen  c.  Sangallensis  <(Pal.  Soc.  I,  179).  Ferner 
haben  wir  eine  griechisch  -  lateinische  Handschrift  der  paulinischen 
Briefe  in  dem  c.  Sangermanensis  in  St.  Petersburg  aus  dem  neunten 
Jahrhundert  und  ein  bilingues  Psalterium  Coislin.  186  aus  dem  achten 
Jahrhundert.  Ein  griechisch-lateinisches  Psalterium  in  der  Bibliothek 
von  Holkham-hall  kenne  ich  nicht  aus  eigener  Anschauung;  es  soll 
oberitalienischer  Provenienz  sein  aus  dem  12. — 13.  Jahrhundert.^ 
Proben  griechischer  Unciale  in  einer  lateinischen  Bibel,  c.  Paris. 
11504  vom  Jahre  822  gibt  Delisle,  Histoire  g^nörale  de  Paris.^  Die 
Stadtbibliothek  von  Trier  hat  ein  interessantes  lateinisches  Psalterium 
Nr.  7;  zwischen  den  Zeilen  des  lateinischen  Textes  ist  der  griechische 
Wortlaut  im  elften  Jahrhundert  eingetragen,  aber  nicht  in  der  schottisch- 
griechischen Schrift,  sondern  wahrscheinlich  von  einem  Nationalgriechen.^ 

Wie  die  bilinguen  Bibelhandschriften,  so  brauchten  auch  die  grie- 
chisch-lateinischen Glossare  eine  griechische  Columne,  die  den  abend- 
ländischen Schreil)ern  viel  Not  machte,  s.  z.  B.  die  Glossen  des  Ps.-Philo- 
xenos.*  Ebenso  zeigt  auch  die  Dositheushandschrift  c.  Voss.  gr.  4°,  7 
abendländische  griechische  Unciale  in  abwechselnden  Columnen.^ 

Das  British  Museum  besitzt  ein  griechisch -lateinisches  Glossar 
c.  Harleianus  5792  des  siebenten  Jahrhunderts  <(Pal.  Soc.  11,  25),  wie 
das  Psalterium  Cusanum  in  abendländischer  Unciale  geschrieben  und 
ebenfalls  früher  dem  Nicolaus  Cusanus  gehörig. 

Hierher  gehört  auch  ein  bilingues  Glossar  c.  Paris,  lat.  765  (9.  Jh.). 
In  dem  Album  paleographique  ou  Recueil  de  documents  importants 
reh  a  l'histoire  et  la  litt^rature  nationales  (Paris  1887),  pl.  23  gibt 
Delisle  eine  Probe  des  griechisch-lateinischen  Glossars  von  Laon  aus 
dem  neunten  Jahrhundert;  vgl.  E.  Miller,  Glossaire  gr.-lat.  de  la  bibl. 
de  Laon:  Notices  et  Extr.  d.  mss.  29,  2  p.  1  £f.  Andere  Proben  in  den 
Glossenhandschriften,  sind  in  der  Einleitung  des  Corpus  gloss.  lat. 
ed.  Goetz  et  Gundermann  vol.  2  aufgezählt;  vgl.  T.  I — III.  Das 
Glossarium  Andegavense,  herausgegeben  von  Omont  (Biblioth.  de  l'Ecole 
des  chartes  1898)  ist  wichtig  für  die  Geschichte  der  griechischen  Sprache 
im  Abendlande,  aber  nicht  für  die  Schrift;  da  es  in  zwei  Columnen 
nur  die  griechischen  Worte  mit  der  lateinischen  Übersetzung  gibt,  die 
dritte  Columne  mit  der  griechischen  Schrift  fehlt;  s.  Goetz,  Glosso- 
graphie    bei    Pauly-Wissowa,    biling.  Glossare.      Da    diese    griechisch- 


^  Vgl.  Dorez,  L.,  Les  mss.  a  peintures  d<"  la  bibl.  de  lonl  Leicester  ü  Holk- 
liam-hall.     Paris  1908  <pl.  XXII). 

^  Le  cabinet  de  inss.  planclies  XXIV,  2. 

^  Siehe  Keuffer,  Verz.  d.  Handschriften  der  Stadtbibl.  zu  Trier  S.  8. 

*  Siehe  Rudorf,  Abh.  d.  IJerl.  Aead.  1865  S.  181—231  m.  Facsim. 

'"'  Vgl.  Haupt,  Opusc.  2,  442;   Hermenoumata  Psendodositheana.    Corp.  gloss. 
Int.  :?.  ed.  Goetz.    Leipzig   lH;t2. 

17* 


—     260     — 

lateinischen  Handschriften  des  Abendlandes  nicht  nur  graphisch,  son- 
dern auch  culturgeschichtlich  von  hohem  Interesse  sind,  so  greife  ich 
eine  heraus,  um  sie  etwas  näher  zu  beschreiben ;  es  ist  das  Psalterium 
^cÜianm"  Cusanum ^  des  neunten  bis  zehnten  Jahrhunderts,  das  früher  dem 
Cardinal  Nicolaus  Cusanus  gehörte;  dasselbe  gibt  in  der  ersten  Columne 
den  griechischen  Text  in  lateinischer  Aussprache  und  Schrift,  in  der 
zweiten  die  lateinische  Übersetzung  in  lateinischer  Schrift  des  neunten 
bis    zehnten  Jahrhunderts,    und  in  der  di^itten  den  griechischen  Text 

KXTX/^OrOUC(yr  ^uxu  loyov  aov 

XQi\oxoxixa 


KAl-TNOCHN 
Fig.  66.     Psalterium  Cusanum,  abendländische  griechische  Schrift. 


xai'  Ttedi'cev 
xat.  yvöfffjv 


lohanes 
graecus 


mit  griechischen  Buchstaben  von  ausgesprochen  abendländischem 
Ductus.  Obwohl  der  Schreiber  am  Schluß  des  vorletzten  Quaternio 
sich  „lohanes  greeus  constantinojjoleos  orfanos  et  peregrinos^^  und  auf  dem 
letzten  Blatte  „e^o  lohanes  peccator"  genannt  hat,  lassen  die  zwei  latei- 
nisch geschriebenen  Columnen  und  die  liturgischen  Zeichen  ausschließ- 
lich über  der  lateinischen  Transscription  des  griechischen  Textes  keinen 
Zweifel,  daß  dieses  Psalterium  für  die  griechischen  Gottesdienste  irgend 
einer  lateinischen  Kirche  (diesseits  der  Alpen?)  bestimmt  war.  Auf 
fol.  64b  gibt  der  Schreiber  die  griechischen  und  hebräischen  Zeichen 
und  Namen  der  Buchstaben  mit  ihrem  Zahlenwert  und  den  lateinischen 
Buchstaben  und  schließt  dieses  Alphabet  mit  den  reinen  Zahlzeichen: 

S    Episimon  VI;  [d.  h.  f,  g] 
^    Enacose  XC;  [d.  h.  ?,  ?] 

^    Cophe  DCCCC;  [d.  h.  ^] 

Diese  Liste  zeigt  also  große  Verwandtschaft  mit  einem  griechi- 
schen Alphabet  in  den  Mitteilungen  der  antiquarischen  Gesellschaft  in 
Zürich  VII,  31;  wo  die  Namen  der  letzten  Zahlzeichen  allerdings  noch 
nicht  vertauscht  sind,  wie  im  Psalterium  Cusanum. 


^  Das  Psalterium  Cusanum  umfaßt  Psalm  109  (110)— 144.    Vgl.  Hamann,  K., 
De  Psalterio  triplici  Cusano.  Progr.  v.  Hamburg.    1891. 


—     261     — 

Später  hörte  der  Gebrauch  des  Griechischen  in  der  römischen 
Kirche  auf;  die  letzten  Spuren  führen  in  die  Zeit  des  12. — 13.  Jahr- 
hunderts. Schließlich  mögen  noch  einige  Bemerkungen  folgen  über  die 
Schrift  selbst. 

Einen  besonderen  Charakter  hat  die  griechische  Unciale  im  Abend- 
lande angenommen,  wo  sie  den  Gesetzen  der  durchgebildeten  abend- 
ländischen Unciale  unterworfen  wurde,  welche  zunächst  die  dem  grie- 
chischen und  lateinischen  Alphabet  gemeinsamen  Buchstaben  umformte, 
und  diese  Schreibweise  wurde  dann  verallgemeinert;  so  entstand  ein 
abendländischer  Ductus,  der  sich  charakterisiert  durch  griechische  Formen  Formen 
im  abendländischen  Gewände.  Das  Ganze  macht  einen  etwas  unbeholfe- 
nen, schwerfälligen  Eindruck;  man  sieht  bei  jedem  einzelnen  Buchstaben 
zu  viel  von  der  Mache.  Der  Schreiber  beginnt  und  endet  die  Form 
oft  mit  einem  überflüssigen  Strichelchen  und  manchmal  mit  einem  recht 
dicken  Striche;  die  Buchstaben,  die  mit  einem  senkrechten  Grundstrich 
enden  sollten,  werden  entweder  auf  der  rechten  oder  auf  beiden  Seiten 
durch  eine  wagerechte  oder  leicht  geschwungene  Linie  gestützt,  manch- 
mal verbindet  sich  dieser  Schluß  des  Buchstabens  direct  mit  dem 
Grundstrich,  der  auf  diese  Weise  eine  hakenförmige  Gestalt  annimmt. 
Wenn  wir  uns  die  Formen  der  Buchstaben^  näher  ansehen,  so  fällt 
der  eigentümliche  Schriftcharakter  sofort  in  die  Augen;  aber  es  ist 
ein  Unterschied  nicht  wie  bei  der  einen  Normalschrift  von  der  andern, 
sondern  ein  Unterschied  wie  zwischen  der  Schrift  eines  Schulknaben 
und  seines  Lehrers.  Jeder  Buchstabe  ist  mühsam  und  sorgfältig  ge- 
schrieben; es  sind  viele  tastende  Versuche  gemacht,  die  Normalform 
zu  treffen;  daher  ist  die  Mannigfaltigkeit  groß,  aber  die  Verschieden- 
heiten halten  sich  doch  in  engen  Grenzen  und  die  Abweichungen  sind 
nicht,  wie  bei  der  Nationalschrift,  typisch  geworden.  Selbst  die  dem 
lateinischen  und  griechischen  Alphabet  gemeinsamen  Buchstaben  haben 
nicht  einmal  entschieden  die  lateinische  Form  angenommen;  an  den 
speziell  griechischen  Buchstaben  wagten  die  abendländischen  Mönche 
erst  recht  nicht  Veränderungen  vorzunehmen,  sondern  suchten  sie  nach 
Vorschrift  hinzumalen.  Nirgends  finden  wir  neue  Formen,  wie  sie 
z.  B.  die  merovingische  oder  langobardische  Nationalschrift  charakteri- 
sieren. Das  Fremdartige  des  Schriftcharakters,  das  man  zugeben  muß, 
besteht  nicht  in  der  Kühnheit  der  Erfindung,  sondern  in  der  Ängst- 
lichkeit der  Ausführung.  Von  einer  abendländischen  Nationalschrift 
des  Griechischen  läßt  sich  also  überhaupt  nicht  reden,  sondern  nur 
von  einem  Ductus,  der  sich  in  verhältnismäßig  wenig  Handschriften 
nachweisen  läßt,  und  bald  wieder  verschwindet. 


1  Taf.  3,  letzte  Col. 


—     262 


Eecapitulieren  wir  noch  einmal  kurz  das  Gesagte:  Die  verschie- 
denen Abstufungen  der  Verwandtschaft  im  Stammbaum  der  griechischen 
und  lateinischen  Schrift  sind  also  ungefähr  folgende: 

1.  Die  Schrift  bleibt  in  Umfang  und  Form  dieselbe,  beim  Lehrer 
wie  beim  Schüler,  wenn  ihr  auch  die  Individualität  beider  ein 
anderes  Aussehen  gibt. 

2.  Sie  behält  denselben  Umfang,  ändert  sich  aber  im  Schriftcharakter, 
der  nicht  durch  das  Individuum,  sondern  durch  das  Volk  bestimmt 
wird:  Nationalschrift. 

3.  Die  Schrift  wird  auf  eine  andere  Sprache  übertragen;  überflüssige 
Buchstaben  werden  ausgeschieden,  andere  neu  erfunden:  Natio- 
nale Schrift  der  Schüler. 


Griechisch. 


Lateinisch. 


].    Xormal- 

schrift 

Ductus  versch.  Arten. 


2.   National- 
schrift 


mero\angi3ch, 

westgotisch, 

langobardisch  usw. 


3.  Nationale  Schrift 

einer  fremden  Sprache 

koptisch,  gotisch, 

armenisch,  georgisch, 

cyrillisch  usw. 


angelsächs.-irisch. 


III.  Künstliehe  Schriftarten. 

Erstes  Kapitel.^ 

Das  gewöhnliche  griechische  Alphabet  zeigt  noch  heute  sehr  deut- 
liche Spuren  seiner  Entstehung;  es  ist  weder  der  kürzeste,  noch  der 
rationellste  Ausdruck  der  griechischen  Laute;  seine  Zeichen  stammen 
indirect  vielleicht  von  der  Bilderschrift  der  Ägypter  und  direct  von 
dem  Alphabet  eines  semitischen  Stammes.  Manche  Schwierigkeiten 
wurden  bei  der  Bildung  griechischer  Schrift,  manche  auch  später  durch 
den  fortgesetzten  Gebrauch  beseitigt,  aber  keineswegs  alle;  es  bliel) 
noch  manches  Hindernis  übrig,  das  die  Verwendung  griechischer  Schrift 
im  täglichen  Leben  erschwerte.  Die  großen,  einzeln  gemalten  Uncial- 
buchstaben  waren  dem  raschen  Gebrauch  der  Schrift  in  hohem  Maße 
hinderlich,  und  allmählich  brach  die  Überzeugung  sich  Bahn,  daß  sich 
dasselbe  mit  einem  geringeren  Aufwand  von  Mühe  und  Kunst  erreichen 
lasse.    Dieser  Einsicht  konnten  sich  weder  die  Konservativen  noch  die 


^  Siehe  Dewischeits  Archiv  f.  Stenographie  56.  N.  F.  1.  1905  S.  82  flf. 


—     263     — 

Radikalen  verschließen;  aljer  jene  bauten  darauf,  daß  die  Praxis  selbst 
hier  Abhilfe  schaffen  werde,  daß  der  immer  häufigere  Gebrauch  der 
Schrift  ihre  Formen  vereinfachen,  sie  immer  flüchtiger  und  flüssiger 
gestalten  werde;  und  der  Erfolg  hat  ihnen  recht  gegeben.  Daneben 
gab  es  aber  auch  Radikale,  welche  vor  einem  vollständigen  Bruch  mit 
der  Vergangenheit  nicht  zurückscheuten,  und  bereit  waren,  die  historisch 
gewordene  vSchrift  aufzugeben  und  kühn,  wie  unsere  Pasigraphen,  vor- 
aussetzungslos mit  den  einfachsten  Mitteln  eine  neue  rationelle  Schrift 
zu  erfinden. 

Manche  Versuche  sind  rein  theoretisch  aus  dem  abstracten  Ge- 
danken abgeleitet,  dessen  was  wünschenswert  oder  möglich  war.  Daß 
sich  fremdartige  Einflüsse  geltend  gemacht  haben  von  anderen  Völkern, 
welche  die  Griechen  kennen  gelernt  hatten,  ist  für  die  alte  Zeit  nicht 
anzunehmen;  denn  überall  an  den  Küsten  des  Mittelmeers  fanden  die 
Hellenen  die  phönicisch-griechische  Schrift,  resp.  die  daraus  abgeleiteten 
Schriftarten,  die  ihnen  also  nicht  durchaus  neu  waren.  Als  ihr  geogra- 
phischer Horizont  sich  aber  durch  die  Züge  Alexanders  des  Großen  mit 
einem  Schlage  erweiterte,  mögen  die  Griechen  auch  Völker  mit  ganz 
fremdartigen  Schriftsystemen  kennen  gelernt  haben,  wodurch  ihre  Philo- ^^l^rm*'^*^ 
Sophie  der  Schrift  mächtig  angeregt  wurde.  Wie  sie  es  damals  liebten,  ^y^*^""^ 
ihre  politischen  und  religiösen  Ideale  auf  irgend  welche  Utopien  zu  über- 
tragen, so  behaupteten  sie  auch  ihre  graphischen  Phantasien  bei  irgend 
einem  weltfremden  Barbaren  verwirklicht  gefunden  zu  haben.  Jambulus 
will  mitten  im  Weltmeere  die  Inseln  der  Seligen  besucht  haben,^  deren 
Bewohner  ein  ganz  eigentümliches  Schriftsystems  anwendeten.  Eigent- 
lich hatten  sie  nur  sieben  Buchstabenzeichen;  jeder  sei  aber  viermal 
differenziert,  so  daß  diese  sieben  Zeichen  für  28  Buchstaben  ausreichten. 
Die  Richtung  der  Schrift  sei  nicht  rechtsläufig,  sondern  senkrecht  von 
oben  nach  unten  gewesen. 

Diodor.  sie.  2,  57:  yadfificcrri  re  avTOvq  ^Qiiaö'at  xurcc  fiav  tijv 
Svvafiiv  T&v  (XTJuaivövTCov  tixom  xai  öxtco  tÖv  äotiifiöv,  xarcc  de 
Tovq  ;ifcr()C!;xr^o«g  iTira,  üv  'ixuarov  r«roa/cDg  fxeTa(r/7jijiaTi^e(T&(zi  •  yoci- 
(povfTt  Si  TOVi  (TTtxovg  oi'x  slg  t6  TiXäyiov  ixTeivoiirsg,  cÖcttcbq  ijfielg, 
dXX  ävojß-sv  xärcü  xaza/Qocrpovreg  ecg  öo&öv 

Diese  Erzählung  mag  ein  Niederschlag  sein  nicht  nur  der  gra- 
phischen, sondern  auch  der  grammatischen  Speciilation  des  alexandri- 
nischen  Zeitalters,  als  die  Griechen  die  Schrift  der  orientalischen 
Völker  kennen  srelernt  hatten.^ 


»  Vgl.  Rohde,  E.,  Grifch.  Eoman.^  S.  243.  250. 

2  Siehe  Jaquet,  E.,  Journ.  Asiatique  [I]  8.  1831  p.  20  —  30. 


—     264     — 

Die  Athenische  Schrift  des  Akropolis-Steines. 

Daß  aber  so  verwegene  Pläne  bereits  die  Geister  des  vierten 
Jahrhunderts  v.  Chr.  bewegten,  haben  wir  vor  drei  Jahrzehnten  durch 
einen  interessanten  Fund  auf  der  Akropolis  von  Athen  erfahren.  Eine 
arg  verstümmelte  Inschrift  (C.  I.  A.  IV,  2  p.  290),  die  U.  Köhler^  für 
den  Überrest  „eines  alten  Lehrbuches  der  Grammatik"  erklärte,  erkannte 
Th.  Gomperz  als  „Darlegung  eines  Schriftsystems".^ 

Damit  war  das  lösende  Wort  gefunden.  Gomperz'  Ergänzung  und 
Übersetzung  der  verstümmelten  Inschriften  ist  im  einzelnen  vielfach 
angegriffen  und  verbessert,  aber  seine  Grundauffassung  ist  heute  die 
allgemeine.  Eine  andere  Ergänzung  des  verstümmelten  Steines  s.  bei 
Mentz,  Gesch.  und  Systeme  der  griech.  Tachygraphie,  Berlin  1907, 
s.  Arch.  f  Stenogr.  58.  1907  S.  161,  mit  den  Bemerkungen  von  E.  Fuchs. 
Wochenschr.  f.  class.  Philol.  1908  S.  399— 401.  Etwas  abweichend  sind 
auch  die  Ergänzungsvorschläge  und  die  Reconstruction  des  Schrift- 
systems von  Gitlbauer  und  P.  Mitzschke.'^  Seitdem  hat  die  Behandlung 
dieser  wichtigen  Inschrift  nicht  mehr  geruht. 

Über  die  Zeit  der  Inschrift  bemerkt  Larfeld  a.  a.  0. :  Die  Schreib- 
weise rd  TeAefTsr  (Z.  21  u.  24)  weist  die  Inschrift  in  die  Zeit  nach 
c.  380  (vgl.  Meisterhans,  Gramm,  d.  att.  Inschr.^  S.  30  n.  7),  W  =  v  nach 
c.  368/7  V.  Chr. 

Es  seien  hier  nur  die  wichtigsten  Beiträge  zu  dieser  Frage  ge- 
nannt: 

Daniel,    A.,     Die    älteste    Kurzschrift:    1       Berl.  Philol.  Wochenschr.  1897  Nr.  8 
Wissenschaftl.    Beilage    zur  Stenogr.  S.  243. 


Vierteljahrsschr.  für  akadem.  Kreise. 
Berlin  1902.  1  S.  10  ff. 

Diels,  Schriftwart  1895  S.  23. 

Oardthausen,  Arch.  f.  Stenogr.  1902,  3; 
1905,  82. 

Gitlbauer,  M.,  Sitzungsber.  d.  Wiener 
Akad.  1884  (phil.  Kl.)  S.  339  ff. 

—  Zur  ältesten  Tachygraphie  d.  Grie- 
chen [gegen  Gomperz];  s.  Festbuch 
z.  hundertjähr.  Jubelfeier  d.  deutsch. 
Kurzschrift,  herausg.  v.  Johnen.  Ber- 
lin 1896   S,  86ff.    Vgl.  Gundermann, 


Gitlbauer,  M.,  Denkschr.  d.  Wien.  Akad. 
44.  1896,  11  T.  I. 

—  Studien  z.  griech.  Tachygraphie  im 
Archiv  f.  St.  53.  1903  S.  101. 

Gomperz,  Th.,  s.  u.  Anm.  2. 

Grotefend,  S.,  in  der  „Warte"  (Hildburg- 
hausen) 1907  Nr.  5—7. 

Hinrichs,  Griech.  Epigr.  S.  412. 

Johnen,  Maßgebliches  u.  UnmaBgebl. 
zur  griech.  Kurzschrift  des  Akropolis- 
Steines:  Archiv  f.  St.  55.  1903  S.  35 
bis  49. 


1  Vgl.  Mitteilungen  d.  Athen.  Instituts  VIII  S.  359—363. 

'■*  Vgl.  Anzeiger  d.  philos.-hist.  Klasse  der  Wiener  Academie  v.  12.  März  1884 
Nr.  VIII  u.  Sitzungsber.  d.  Wiener  Akad.  (phil.-hist.  Kl.)  107.  1884  S.  339  flf.  und 
132.  1895  Abh.  13  S.  1 — 15  (Neue  Bemerkungen  über  den  Entwurf  einer  griech. 
Kurzschrift).    Gomperz,  Hellenika  1.    Leipzig  1912  S.  367.  432. 

'  Eine  griechische  Kurzschrift  aus  dem  4.  vorchristl.  Jahrhundert.  Leipzig 
1885  (Archiv  f.  St.   1885). 


—     265     — 


Johnen,  Zum  Akropolissystem:  Arch.  f. 
Stenogr.  62.  1911  S.  135. 

—  Schriftwart  1897  Nr.  3  S.  17. 

—  Gesch.  d.  Stenographie.   Berlin  1911. 

1  S.  105,  m.  Facsim.  S.  106—7. 

Koehler,  U.,  s.  o.  S.  264  Anni.  1. 

Landwehr,  H.,  Über  ein  Kurzschrift- 
system des  vierten  vorchristl.  Jahr- 
hunderts: Philologus  44.  1885  S.  193 ff. 

Larfeld,  W.,  Iw.  v.  Müllers  Handbuch 
des  klass.  Altertums  1 '-'.  München 
1892  S.  540-541. 

—  Handbuch  d.  griech.  Epigraphik.  2. 
Leipzig  1902  S.  537.  Stenographie- 
system. S.  241 :  Litteraturangaben. 

—  Handb.  d.  gr.  Epigr.  1.  1907  S.  411  ff.; 

2  S.  241.  537. 

—  Nochmals  das  Akropolis- System: 
Korrespondenzbl.  Dresden  50.  1905 
S.  52  u.  84  ff. 

Lehmann,  Korrespondenzbl.  Dresden 
1894  S.  115. 

Mentz,  A.,  Gitlbauer  und  die  Erforsch, 
d.  griech.  Tachygraphie.  Korrespon- 
denzbl.   Dresden  49.  1904  S.  173. 


Mentz,  A.,  Bemerk,  z.  Akropolis-System: 
Korrespondenzbl.  Dresden  50.  1905 
S.  4—11. 

—  Arch.  f.  Stenogr.  58.  1907  S.  161;  59. 
1908  S.  31;  60.1909  S.  34. 

Mitzschke,  P.,  s.  o.  S.  264  Anm.  3. 

Riesenfeld,  K.,  Zur  Akropolis-Inschrift. 
Korrespondenzbl.  d.  Dresd.  Stenogr. 
Inst.  49.  1904  S.  303. 

—  Nochmals  die  Akropolisinschr.  ebend. 
50.  1905  S.  147. 

Wessely,  C,  Denkschriften  d.  Wiener 
Akad.  44,  Abt.  4.  1895  S.  3  ff. 

—  Über  die  Vokalzeichen  des  ältesten 
Entwurfs  einer  griech.  Kurzschrift, 
s.  Festbuch  z.  100  jähr.  Jubelfeier  d. 
dtsch.  Kurzschr.  herausg.  von  Johnen. 
Berhn  1896.  S.  76  ff. 

—  Z.  Akropolis-Stein.  Arch.  f.  Stenogr. 
60.  1909  S.  197. 

Zereteli,  De  conipendiis  scripturae  codd. 
gr.  II.  Aufl.  S.Petersburg  1904  p.XXV 
bis  XXVIIL 


Ich  gebe  nun  zunächst  den  Text^  nach  der  letzten  Fassung  von 
(Gitlbauer  2  und)  Johnen,  Stenogr.  1,  106 — 107,  mit  Berücksichtigung  der 
Collation  von  A.  v.  Premerstein.^ 


Nach  Johnen,  Gesell  d.  Sten.  1, 115.^ 

1 (^?)  •  ■  '  ■  ■  ^ 

.  ...  QU  e/ova    'iv  [jjlöi'ov 
x^)ci]g  •!•   t6  d'i  Ti^fiTiTov 

Tü)l>    (fCxJV7jivT0}V    ♦Y- 

5  rp]/«  fiiev,  nleQtTT^fV  dt  rijv 

Ö^()l^ijV    £/[«/,    ÜffTlSQ    XC41 

7i()]o(7?iaii[ßa:vei  d'  ix  t 
ä()i](rre()o[y  xai  ds^iou 


Übersetzung  nach  Johnen: 

[J  erleidet  keine  Veränderung, 
da  es] 

....  ja  nur  einen  Haken  liat 
=  I;  der  fünfte  der  Vocale,  Y, 
hat  zwar  deren  drei,  aber  die 
Senkrechte  ist  überflüssig,  ge- 
rade wie  bei  dem  ersten,  A,  die 
Wagerechte;  er  verbindet  sich 
nach     rechts     und     links     mit 


'  Vgl.  jedoch  Larfeld,  Handb.  d.  gr.  Epigr.  1.  1907  S.  412— 41R.  Sitzungsber. 
d.  Wiener  Akad.  1884  S.  HS9  ff. 

'■*  Gitlbauor,  Denkschr.  d.  Wien.  Akad.  44.  1896,  II  Taf.  I. 

ä  Montz,  A.,  Das  Akropolis-System:  Arch.  f.  Stenogr.  58,  1907  S.  16L  Neues 
zum  Akropolis-System:  Arch.  f.  Stenogr.  60.  1909  S.  34  [neue  Collation  des  Steines 
von  A.  v.  Premerstein]. 


—     266     — 


Tachy- 
grapbie 


10  rarjg  xEQc/Jaig  dficpolra- 
QUig],  zTjg  öod-Tjg  a7i\ov- 
(Trjg.  T^jv  ovv  rpcov[jji'  (ikv 
Sei  y^oäcfeiv  ovrcog. 
Tcöv]  d'   dcpcüvojv  i)  [fiiv 

15  sii]ß-eTcc  zal  ßoa[xeTa 
yoajfifjiij 

Tojj}  rfoJVi'jEVToq  [knl  rijv 
a;o///]i^  TS&eiaci  dv\yurai 
aiy(x\u 

20  |U£ö-]?/  ök  zav 

TiQog  d^e  TU  tbXevteT  vv 
vevovaja  S'  kTii  ri}v  ccqxvv 
(lev  'ji\ooai}y (livt]  neT, 
TiQoq  Se^  Tai  rslavraT  fiv' 

25  xarcc  Se  t]6  [fif\<TOv  noog 


10  seinem  Hörnerpaar,  indem  die 
Senkrechte  wegfällt.  Die  Yocale 
nun  muß  man  also  schreiben.  — 


15  Von  den  Consonanten  aber  be- 
deutet die  kurze  und  wage- 
rechte Linie,  am  oberen  Ende 
des  Vocalzeichens  angebracht, 
Sigma, 

20  in  der  Mitte  Tau,  am  unteren 
EndeNy;  in  geneigter  Richtung 
an  den  Anfang  gesetzt  Pi,  an 
das  Ende  My, 

25  in  der  Mitte  gegen  den  Anfang 
gezogen,  Beta  .... 


Yfjiajvi]  ßijTCi 

Von  der  zweiten  Columne  sind  nur  Anfangsbuchstaben  erhalten. 
Den  Streit,  ob  Xenophon  oder  Aristoteles  der  Erfinder  dieses  Systems 
gewesen  ist,  wollen  wir  auf  sich  beruhen  lassen,  weil  weder  die  eine 
noch  die  andere  Annahme  sich  beweisen  läßt. 

Darnach  reconstruiert  Chr.  Johnen,  Arch.  f.  Stenogr.  55.  1903 
S.  35 — 49   das  Schema  (etwas  abweichend  ders.,  G.  d.  Stenogr.  1,  110). 


Fig.  67. 

Alle  Neueren,  die  sich  mit  diesem  interessanten  Schriftsystem  be- 
schäftigt haben,  Paläographen,  Epigraphiker  und  Stenographen,  waren 
darin  einig,  daß  dieses  neu  entdeckte  Schriftsystem  des  Akropolis- 
Steines  als  die  älteste  griechische  Tachygraphie  anzusehen  ist,  die  wir 
kennen,  und  Gitlbauer  (s.  u.)  scheute  sich  nicht,  das  Schriftsystem  des 
Akropolis-Steines  als  xenophontische  Tachygraphie  zu  bezeichnen,  ohne 
daß  bis  jetzt  die  Frage  aufgeworfen  wurde,  ob  wir  hier  nicht  vielmehr 
grapMe    ^^'^^  Brachygraphie  vor  uns  haben. 


—     267     — 

Persönlich  hätte  ich  nicht  das  geringste  gegen  die  allgemein  ver- 
breitete Annahme  einzuwenden;  wer,  wie  ich,  daran  festhält,  daß  die 
griechische  Tachygraphie  älter  ist,  als  die  römische,  könnte  es  nur 
freudig  begrüßen,  daß  Spuren  einer  griechischen  Tachygraphie  schon 
im  vierten  vorchristlichen  Jahrhundert  nachgewiesen  werden;  denn 
damit  wäre  die  Frage  gelöst. 

Gomperz,  der  zuerst  die  Bedeutung  des  Fundes  am  richtigsten 
würdigte,  setzt  als  selbstverständlich  voraus,  daß  das  neu  gefundene 
Schriftsystem  ein  tachygraphisches  war,  und  gegen  diese  Annahme  habe 
ich  Widerspruch  erhoben.  Aber  worauf  beruht  denn  eigentlich  diese 
weit  verbreitete  Annahme?  Der  Erfinder  der  neuen  Schrift  sagt  nichts 
von  seinen  Absiebten;  nur  sein  System  selbst  kann  uns  also  Aufschluß 
geben  über  die  Absicht  seines  Erfinders.  .Jeder  Buchstabe  der  neuen 
Schrift  ist  einfacher  und  kürzer  als  in  der  gewöhnlichen  Schrift;  aber 
damit  ist  noch  keine  Entscheidung  gegeben  zwischen  Tachygraphie  und 
Brachygraphie.  Tachy graphisch  brauchen  wir  jetzt  allgemein  (in  dem 
Sinne  von  Stenographisch)  von  einer  abgekürzten  Schrift,  die  uns  in 
den  Stand  setzt,  das  rasch  gesprochene  Wort  nachzuschreiben.  Dazu 
eiguete  sich  aber  das  Schriftsystem  des  Akropolis- Steines  durchaus 
nicht.  Seine  Buchstaben  sind  allerdings  einfacher  als  die  gewöhnlichec, 
aber  schnell  konnten  sie  schon  aus  dem  Grunde  nicht  geschrieben 
werden,  weil  sie  sehr  sorgfältig  geschrieben  werden  mußten;  fast  jeder 
Buchstabe  hat  einen  Knick  oder  einen  Winkel:  man  kombiniert  einen 
senkrechten  mit  einem  wagerechten  oder  schrägen  Striche.  Ob  sie  sich 
unten,  oben  oder  in  der  Mitte  treffen,  ob  unter  einem  spitzen,  rechten 
oder  stumpfen  Winkel,  ist  eine  Frage  von  entscheidender  Bedeutung; 
denn  geringe  Abweichungen  geben  den  Zeichen  schon  einen  anderen 
Sinn.^  Der  Winkel  durfte  niemals  willkürlich  abgerundet  werden,  und 
selbst  wenn  man,  wie  bei  unserer  Musikschrift,  auf  vorher  gezogenen 
Linien  schrieb,  so  fehlte  der  Schrift  doch  jedes  cursive  Element. 

Ebenso  waren  auch  Abkürzungen  beinahe  unmöglich,  wenn  sie 
nicht  einfach  im  Auslassen  der  meisten  Buchstaben  des  Wortes  be- 
standen, wodurch  wiederum  die  Deutlichkeit  in  hohem  Grade  beein- 
trächtigt wäre.  Mit  einem  Worte,  ich  halte  es  für  undenkbar^  daß  auch 
der  geübteste  Schreiber  imstande  gewesen  wäre,  mit  dieser  Schrift 
jemals  eine  rasch  gesprochene  Rede  nachzuschreiben. 

Aber  das  ist  auch  ein  Gedanke,  der  dem  Erfinder  dieses  Systems 
wahrscheinlich  ganz  fern  gelegen  hat;  er  wollte  nichts  weiter,  als  die 
umständlichen,  aus  dem  Phönicischen  abgeleiteten  Buchstaben  durch 
einfachere  ersetzen. 


'  Vgl.  Johneu,  Archiv  f.  Steu.  55.  1903  S.  47. 


—     268     — 

Dieses  System  war  der  Stolz  und  die  Freude  seines  Erfinders,  der, 
um  sich  die  Priorität  auf  alle  Fälle  zu  wahren,  seinen  Gedanken  in 
Marmor  einmeißeln  und  öfi"entlich  ausstellen  ließ.  Praktische  Folgen 
hat  dieser  Neuerungsvorschlag  nicht  gehabt;  denn  Eevolutionen  lassen 
sich  auf  graphischem  Gebiete  noch  schwerer  durchführen  als  auf 
politischem. 

In  dem  oben  citierten  Aufsatz  meine  ich  also  gezeigt  zu  haben, 
daß  hier  ßrachygraphie,  nicht  Tachygraphie  vorliegt,  daß  man  mit  dieser 
Schrift  nicht  stenographieren  konnte.  Diese  Ausführungen  sind  niemals 
widerlegt  worden,  aber  die  Beurteilung  dieses  interessanten  Systems 
bleibt   die  falsche;   auch  Johnen   meint  in  seiner  Gesch.  d.  Stenogr.  1. 

1911  S.  114:  „Diese  Schriftsysteme haben  der  Annahme,  daß  die 

Eeden  und  Vorträge  —  —  mit  einer  Kurzschrift  nachgeschrieben 
worden  seien,  eine  ungeahnte  Stütze  gegeben."  Möge  er  nie  gezwungen 
sein,  mit  diesen  Buchstaben  zu  stenographieren! 

Nur  als  Kurzschrift  kann  man  dieses  System  gelten  lassen;  es  ist 
an  Buchstaben  ebenso  vollständig  als  die  gewöhnliche  Schrift,  aber 
die  Buchstaben  sind  allerdings  einfacher  zu  schreiben. 


Ähnlichen  Gründen  verdanken  wir  auch  die  Erhaltung  der 

Delphischen  Verbindungstafel. 

Bei  den  französischen  Ausgrabungen  in  Delphi  fand  man  im 
Jahre  1894 — 1895  zwei  Fragmente  des  vierten  bis  dritten  Jahrhunderts 
vor  Chr.  (jetzt  in  Athen)  mit  rätselhaften  Zeichen,  die  man  zunächst 
für  Reste  eines  Zahlensystems  hielt.  Allein  Tannery,  Inscriptions  de 
Delphes.  Deux  fragments  concernant  des  systemes  d'öcriture  abregne. 
Bull,  de  corr.  hellen.  1896/97  p.  422—28,  erkannte,  daß  es  sich  um 
eine  Consonauten- Verbindungstafel  handle;  sie  sind  dann  eingehend  von 
Johnen  besprochen  im  Schriftwart  5.  Berlin  1898  S.  41  £f.  m.  Facsim. 
in  der  Fachbeilage  Nr.  5.^  Den  Gedankengang  des  Erfinders  erkennt 
man  am  besten  durch  das  größere  der  beiden  Fragmente ;  dieses  (Fig.  68) 
zeigt  auf  der  linken  Seite  nur  die  drei  Buchstaben  ZZY;  diese  Doppel- 
buchstaben von  öa,  X(T,  %a  werden  auch  in  der  gewöhnlichen  Schrift 
nur  durch  ein  einziges  Zeichen  ausgedrückt.  In  ähnlicher  Weise  wollte 
er  auch  die  Verbindungen  der  anderen  Consonanten  durch  einheitliche 
Zeichen  wiedergeben.  Das  wird  in  der  rechten  Hälfte  desselben  Frag- 
ments ausgeführt  unter  der  Überschrift:  KaT\ayQa(fii\.  Tavxu  8in\}^d(yid\\ 


^  Vgl.  Fuchs,  Wochenschr.  f.  cl.  Philol.  1 898  S.  1087—1089.  Larfeld,  Handb. 
d.  gr.  Epigr.  1.  1907  S.  413.  Keinach,  Rev.  des  et.  gr.  1898  Nr.  43.  Delph.  Kon- 
sonantentafel 8.  Meutz,  Arch.  f.  Stenogr.  58.  1907  S.  204. 


—     269     — 

nun  folgt  ein  Netz  von  Quadraten  für  die  einzelnen  Consonanten;  oben 
horizontal  überschrieben  mit  ß  y  Ö  r  x  y  (rc.  n)  »7-  x  ff  ^  an  der  linken 
Seite  in  verticaler  Eeihenfolge  q  l  v  ö  ß  y  r  tx  0  x  x\  die  Verbindungen 
mit  G  fehlen ;  hier  sollten  also  wahrscheinlich  die  gebräuchlichen  Doppel- 
consonanten  beibehalten  werden.  Die  oberen  Reihen  der  Quadrate 
sind  durch  die  Zeichen  des  Systems  am  vollständigsten  ausgefüllt,  weil 
diese  Verbindungen  am  häufigsten  vorkommen;  aber  mehr  als  die  Hälfte 


KAT 
TAYTAAI  r 

B  TATK  r0X  * 


Z3E  Y 


p 

J- 

h 

-> 

•\_ 

rv_ 

_r» 

d 

? 

2 

f'^ 

A 

^ 

-p 

^c 

TT 

K 

z 

b 

2 

-XI 

\/ 

N 

o 

M 

M 

X 

r 

oJ 

q 

^ 

Vl/2 

A 

z 

2 

? 

s 

■    i^ 

M 

Ch 

2 

-r\ 

X 

k/7t 

B 

? 

— f^ 

r 

fö 

T 

z 

_J    ^ 

r 

? 

2 

S    ^ 

0 

P      //^ 

K 

i 

^       Ä- 

X 

i 

c/i 

xsd 

u 

m 

m 

m 

U 

^ 

d 

w 

d    g  c/  t  A:  p  ^^i  (^p^\^^ 


Fig.  68.    Delphische  Verbindungstafel. 
Vgl.  Jolinen,  Gesell,  d.  Stenogr.  1.  1911  S.  113. 


der  Quadrate  blieb  leer,  was  man  doch  wohl  nicht  als  Beweis  ansehen 
darf,  daß  das  System  unfertig  geblieben  sei. 

Bei  manchen  dieser  vorgeschlagenen  Zeichen  kann  man  bei  gutem 
Willen  AnkläDge  an  die  gewöhnliche  Schrift  erkennen,  andere  dagegen 
sind  uns  vollständig  fremdartig  und  daher  wahrscheinlich  frei  erfunden. 
Das  kleinere  zweite  Fragment  gibt  in  ähnlicher  Weise  nur  die  Ver- 
bindungen von  V  mit  /,  ß-  /,  (f  und  die  Verbindung  von  i9-/i.  Es 
braucht  wohl  kaum  noch  besonders  hervorgehoben  zu  werden^  daß  wir 
Brachygraphie ,  nicht  Tachygraphie  vor  uns  haben,  was  auch  Johnen 
a.  a.  0.  S.  46,   wenn   auch  zögernd,    zugibt;    in   seine   neue   Geschichte 


—     270     — 

der  StenograpMe  hat  er  S.  113  aber  auch  dieses  System  mit  auf- 
genommen. —  Die  Tafeln  von  Athen  und  Delphi  zeigen,  wie  Private  sich 
den  Ruhm  ihrer  Entdeckung  einer  neuen  Buchstabenschrift  durch 
eine  öffentliche  Inschrift  sichern  wollten;  auch  für  die  Zahlenschrift 
(siehe  unten)  gilt  genau  dasselbe.^ 


Zweites  Kapitel. 

Geschichte  der  Tachygraphie. 

(og  Tidffrjg  ovaiaq,  inixEivu  xal  ojq  äv  avrij  nsol  iavzTjg  xvoiojg 
"^  xal  k7ii(TTi]Tfdg  cciocpaivoiTO'  tieqI  raiiTT/g  ovv  (bg  sYoijrai  rTjg  VTieoov- 
(Ti'ov  xal  xovffi'ag  ß-EÖrrjrog.  ov  rokfiijreov  elneTv.  ovrs.  liiijv  kv- 
voT/dai  Ti:  Tiaoä  tu  ß'Eirodojg  ijfiTv  ix  tcöv  Ibqcov  Koyicov  kx- 
7[S(fa(Tfiiva'  xal  yäo  ojg  air//  'jif.ol  iavrTjg  kv  roTg  löyoig  äyu&o- 

Fig.  69.    Tachygvapliie. 
c.  Vatic.   1809.     Dionysius  Areopagitii ,   De  divinis  nominibus  1,  1;    s.  Gardthausen,   Beitr.  zur  griech. 

l'aläogr.  1877  Taf.  4. 


Baszl,  A.,  Tachygraphie  der  Griechen 
(a  görögök  gyorsiräsa),  Egyetemes 
Philogiai  Közlöny.  N.  F.  I,  2  S.  144ff. 

Faulmann,  K.,  Geschichte  und  Litteratur 
der  Stenographie.  Wien  1895  S.  17 
bis  19. 

Foat,  F.  W.  G.,  On  old  Greek  Tachy- 
graphy,  Journal  of  Hellenic  Studies, 
vol.  21,  1901  S.  238  ff. 

—  Weist  der  Papyrus  über  den  „Staat 
der  Athener"  tachygr.  Abkürzungen 
auf?    Arch.  f.  St.  1902  S.  101  ff. 

Gardthausen,  V.,  Zur  Tachygraphie  der 
Griechen,   Hermes,  11,  S.  443  ff.  und 


Gardthausen,  V.,  Arch.  f.  Stenogr.  57. 

1906  S.  1. 
Gitlbauer,  M.,    Die    Überreste    griech. 

Tachygraphie  im   cod.  Vat.  Gr.  1809. 

Denkschriften  d.  Wiener  Akad.  (Phil.- 

hist.  KI.)  Bd.  28,  1878  u.  Bd.  34,  1884. 

—  Die  drei  Systeme  der  griech.  Tachy- 
graphie.  Ebenda  Bd.  44,  1894  S.  49ff. 

—  Zur  ältesten  Tachygraphie  d.  Grie- 
chen [gegen  Gomperz],  Festbuch  zur 
hundertjährigen  Jubelfeier  d.  deutsch. 
Kurzschrift,  herausgeg.  von  Johnen. 
Berlin  1896  S.  86ff. 


^  Keil,  Br.,   Eine  Zahlentafel  von   der  athen.  Akropolis  s.  Straßburger  Fest- 
schrift d.  philos.  Facultät  f.  d.  46.  Philologen- Vers.     Straßburg  1901   S.  117. 


271 


Gitlbauer,  M.,  Die  Stenographie  der 
Griechen  und  Römer.  Wien  1894 
(besproch.  von  F.  Raynaud,  L'ecriture 
abregee  des  Grecs,  in  der  Zeitschrift 
L'Ecriture.     Paris  1898  Nr.  26). 

—  Studien  zur  griech.  Tachygraphie. 
Berlin  1903.  I.  Die  tachygr.  Grab- 
schrift  von  Salona.  II.  Tachygraph. 
Spuren  im  Papyrus  der  aristotelischen 
'A&rjvuicüf  nolLieia.  III.  Tachygraph. 
Spuren  in  den  Reden  des  Hypereides. 
IV.  Tachygr.  Texte  (die  Studien  I,  II 
u.  IV  sind  zuerst  im  Arch.  f.  St.  1901 
u.  1902  erschienen). 

Hübner,  Bibl.  d.  klass.  Altertums,  1889 
S.  153. 

Johnen,  Chr.,  Gesch.  d.  Stenographie  1. 
Berlin  1911.     Litteratur  S.  51. 

Johnen  hält  sich  nicht  so  streng  an 
den  Begriff  Stenographie  und  be- 
handelt z.  B.  auch  die  Delphische 
Verbindungstafel,  die  sicher  nicht 
stenographisch  ist;  dann  redet  er  von 
Kurzschrift. 

Kopp,  U.,  Palaeogr.  crit.  1, 1817  S.434ff.: 
de  tachygr.  veterum. 

Mentz,  A.,  Gesch.  u.  Systeme  d.  griech. 
Tachygraphie,   Archiv  f.  Stenogr.  58. 

1907  S.  97. 129;  auch  separat.    Berlin 
1907;  vgl.  das  Referat  Lit.  Centralbl. 

1908  S.  1071. 

—  Gesch.  der  Stenogr.  Leipzig  1910 
(Samml.  Göschen  501). 

Der  Verfasser  unterscheidet  1.  das 
Akropolissystem,  2.  die  delphischen 
Consonantentafeln,  3.  das  ägyptische 
System,  4.  das  Grottaferrata-  („afri- 
canische")  System,  5.  die  tachygra- 
phischen  Kürzungen  der  griechischen 
Handschriften;  er  behandelt  dabei 
also  Sachen,  die  mit  der  Tachygraphie 
nichts  gemein  haben  (s.  o.);  vgl. 
R.  Fuchs,  Wochenschr.  f.  kl.  Philol. 
1908  S.  396.  W.  Weinberger,  Berl. 
Phil.  Woch.  1909  S.  146. 

—  Die  Entstehungszeit  desGrottaferrata- 
systems:  Arch.  f.  Stenogr.  58  N.  F.  3. 
1907  S. 1. 

Moser,  H.,  Allgem.  Geschichte  d.  Steno- 
graphie. Bd.  I.  Leipzig  1889  S.  9—25 
(bespr.  Jahresber.  f.  Altertumswiss. 
1892.  111,  73  S.  217). 


Parthey,  Nuove  Memorie  dell'  Instituto 
II  S.  453—58  (s.  Gitlbauer,  Überreste  I 
S.  13. 

Rubensohn,  M.,  Zwei  Beitr.  z.  Gesch. 
der  Stenogr.  1.  Arch.  f.  Stenogr.  62 
1911  S.  10—12. 

Ruess,  F.,  Über  griech.  Tachygraphie. 
Jahresber.  d.  K.  Studienanstalt.  Neu- 
burg a.  D.  1882  Nr.  724  (bespr.  in  d. 
Phil.  Rundschau  III,  1883  S.  405ff. 

Thompson -Lambros,  Palaeogr.  1903 
p.  151. 

Wessely,  C.,  Ein  System  altgr.  Tachy- 
graphie. Denkschriften  d.  Wien.  Akad. 
(Phil.-hist.  Kl.).  44.  Bd.  IV.  Abt.  1896 
S.  3  ff. 

—  Kritische  Studien  z.  altgriech.  Tachy- 
graphie.   Arch.  f.  Sten.  1902  S.  1  ff. 

—  Griech.  Papyrusurkunden  kleineren 
Formats.  Supplement  zu  den  Samm- 
lungen von  Ostraka  und  Überresten 
griech.  Tachygraphie,  in  seinen  Stud. 
z.  Paläographie  u.  Papyruskunde.  3.  8. 
Leipzig  1904.  1908. 

—  Das  älteste  Stenograph.  System  der 
Welt.  Wiener  Urania  1.  37  S.  373 
bis  375,  mit  2  Abbild. 

Wikenhauser,  Arch.  f.  Stenogr.  62.  1911 
S.  1.  57. 

Ziebig,  J.  W.,  Gesch.  u.  Litt.  d.  Ge- 
schvvindschreibkunst.  2.  Aufl.  Dres- 
den 1878;  Nachtr.  1899. 

Abkürzungen: 

Allen,  T.  W.,  Notes  on  Abbreviations 
in  Greek  Manuscripts.  Oxford  1889 
S.  28—40:  tachygraphy  (bespr.  im 
Arch.  f.  St.  1897  S.  194. 

Lehmann,  O.,  Tachygraphia  Graecorum. 
Panstenographicon  I.    Dresden  1869. 

—  Die  tachygr.  Abkürzungen  d.  griech. 
Handschriften.    Leipzig  1880.  2.  Aufl. 

Zereteli,  G.,  De  compendiis  scripturae 
codicum  Graecorum.  2.  Aufl.  St.  Peters- 
burg 1904.  Die  auf  die  griech.  Tachy- 
graphie bezugnehmenden  Stellen 
dieses  Buches  sind  aus  dem  Russi- 
schen ins  Deutsche  wörtlich  übersetzt 
worden  im  Schriftwart  1899  und  1900. 


—     272 


Die  Litteratur  über  das  Kurzschriftsystem  des  Akropolissteines 
habe  ich  hier  nicht  aufgenommen,  da  m.  E.  die  Inschrift  kein  Tachy- 
graphie-,  sondern  ein  Brachygraphiesystem  wiedergibt  (s.  o.  S.  268). 


I.    Die  griechische  Tachygraphie  im  Altertum. 

Die  griechische  Majuskel,  die  den  Schreibenden  nötigte,  jeden 
Buchstaben  einzeln  und  sorgfältig  zu  malen,  genügte  nicht  mehr  den 
Ansprüchen  eines  feiner  entwickelten  Lebens.  Der  Gedanke  ließ  sich 
nicht  mehr  abweisen,  daß  sich  dasselbe  mit  geringerem  Aufwand  von 
Kunst  und  Mühe  erreichen  lasse;  schon  im  vierten  Jahrhundert  v.  Chr. 
wurde  also  eine  einfachere  Kurzschrift  (s.  o.)  erfunden,  welche  die  aus 
dem  Phönicischen  abgeleitete  Schrift  ersetzen  sollte.  Wenn  dieses 
System  Eingang  gefunden  hätte,  wäre  das  Schreiben  einfacher,  aber 
noch  lange  nicht  einfach  genug  geworden,  um  das  rasch  gesprochene 
Wort  festzuhalten.  Auch  dieses  Bedürfnis  wurde  bei  den  glänzenden 
Leistungen  der  politischen  und  gerichtlichen  Beredsamkeit  in  Hellas 
und  namentlich  in  Athen  immer  deutlicher  empfunden.  Wenn  z.  B. 
der  athenische  Staat  im  ersten  Jahre  des  Peloponnesischen  Krieges 
dem  Perikles  die  Aufgabe  anvertraut  hatte,  den  fürs  Vaterland  Ge- 
fallenen die  Grabrede  zu  halten,  so  werden  wohl  alle,  als  sich  die  Ver- 
sammlung unter  dem  Eindi'uck  dieser  gewaltigen  Eede  auflöste,  den 
Wunsch  gehegt  haben,  die  Worte  des  Olympiers  verewigt  zu  sehen.^ 
Und  es  ist  keine  Frage,  daß  bei  solcher  Gelegenheit  auch  Versuche 
gemacht  sind,  die  Rede  festzuhalten.  In  welcher  Weise  man  aber 
dieses  Ziel  zu  erreichen  strebte,  wird  nicht  erzählt.  Derartige  Erfin- 
dungen werden  stets  dort  und  dann  gemacht,  wo  man  das  Bedürfnis 
empfindet.  Auch  in  den  Versammlungen  des  athenischen  Volkes  und 
Senates  waren  Schreiber  und  Protokollanten  gegenwärtig,  die  durch 
die  Pflichten  ihres  Amtes  zu  einer  derartigen  Erfindung  gewissermaßen 
gedrängt  wurden.  Außerdem  fanden  in  Athen  die  Vorträge  der  Philo- 
sophen oft  von  Seiten  der  Schüler  eine  so  unbedingte  Verehrung,  daß 
sie  kein  Wort  davon  der  Nachwelt  wollten  verloren  gehen  lassen.  Ob 
diese  Vorträge  schon  in  früherer  Zeit  tachygraphisch  aufgenommen 
worden  sind,  läßt  sich  nicht  bestimmt  sagen.  Es  ist  dies  allerdings 
von  den  Reden  des  Sokrates  behauptet  worden,  die  sein  Schüler  Xe- 
nophon  aufgezeichnet  hat.  Diogenes  Laertius  (Vita  Xen.  II,  48)  sagt 
vom  Xenophon:  xui  noojToq  VTiofrrjfjbeicoaäfMevog  tu  Xeyöfxevcc  sii^ 
uv&(}(h7iovi  i'iyayev.  Der  Ausdruck  iiTioarjfxsiovaiJ-ai  ist  sehr  verschieden 
erklärt   worden.      Nach    der    Warnung  von   H.  Diels^    wird    man    sich 


1  Vgl.  Aristot.  rhet.  1,  7,  34. 

^  „Zur  Xenophonfrage"  im  Schriftwart.   Berlin  1895  S.  23  f.  u.  30  f.  —  Johnen, 
Gesch.  d.  Stenogr.  1,  106. 


—     273     — 

hüten,  die  Auctorität  des  Diogenes  Laertius  hier  zu  überschätzen;  aber 
„rein  aus  der  Luft  gegriffen"  hat  er  diese  Nachricht  sicher  nicht. 
Auch  daran  wird  man  im  Gegensatz  zu  Diels  und  Mentz  festhalten 
müssen,  daß  wirklich  von  Stenographie  die  Rede  ist.  Schon  damals 
warf  die  Redaction  des  „Schriftwarts"  ihm  ein:  „Warum  soll  man  keine 
Aufzeichnungen  aus  dem  Gedächtnis  mit  stenographischen  Zügen 
machen?"  Mit  Recht  sagt  also  Diels,  daß  die  Auctorität  des  Diogenes 
nicht  groß  genug  ist,  zu  beweisen,  daß  die  Schüler  des  Sokrates  steno- 
graphiert haben, ^  aber  wir  sehen  doch,  daß  Diogenes  oder  sein  Ge- 
währsmann kein  Bedenken  getragen  haben,  in  jener  Zeit  stenographische 
Aufzeichnung  vorauszusetzen. 

Sicher  darf  man  nicht  auf  diese  Stelle  des  Diogenes  Laertius  xenophon 
hin  den  Xenophon  zum  Erfinder  der  griechischen  Tachygraphie  machen, 
wie  dies  Lipsius  getan  hat.^  Gegen  diese  Auffassung  legen  die  tachy- 
graphischen  Noten  selbst  Protest  ein.  Ihre  Formen  weisen  sicher  auf 
nicht  attischen  Ursprung.  Bei  den  Athenern  läßt  sich  das  halbmond- 
förmige Gamma  nicht  nachweisen;  und  daß  dieses  nicht  etwa  zufällig  Ursprung? 
durch  Abrundung  des  rechtwinkligen  f  entstanden  sei,  beweist  recht 
deutlich  die  entsprechende  Form  des  Lambda.  Im  Uralphabet  kehrten 
beide  Buchstaben  die  Spitze  nach  oben  (s.  o.  S.  40).  Später  wendeten 
die  Athener  die  Spitze  des  l  nach  unten.  Aus  dieser  Form  kann 
die  tachygraphische  also  nicht  entstanden  sein;  die  tachygraphi- 
schen  Formen  C  und  1,  1  stützen  sich  also  gegenseitig.  —  X  bedeutet 
nicht,  wie  z.  B.  in  den  Alphabeten  des  Westens,  |,  sondern  z,  ^^^ 
kommt  ebenso  wie  in  Korinth  stehend  und  liegend  vor  (s.  Kirchhoffs 
Tabelle  I).  Damit  hängt  wieder  zusammen,  daß  >t  (tachygr.  4»)  nicht  /, 
sondern  ^p  bedeutet. 

Für  die  Frage  nach  dem  Alter  der  Tachygraphie  ist  die  Form 
des  ff,  t,  von  Wichtigkeit;  dieselbe  Form  läßt  sich  inschriftlich  nach- 
weisen in  einer  Inschrift  vom  Jahre  285/84  v.  Chr.^  Alles  dies  weist 
nicht  auf  attischen,  sondern  auf  dorischen  Ursprung  des  tachygraphischeu 


*  Diog.  II,  122:  vnocnjfjeidjaeig  uiv  tfivrjfjörevs.  —  Nach  Hartmann,  Arch.  f.  St. 
1905  S.  337,  bürgt  Xenophons  eigenes,  klares  Wort:  YQuipco  onöaa  uv  öiaf^ivtjfto- 
vevaoi  (Memor.  I,  3,  1)  dafür,  daß  die  Memorabilien  im  Grundstock  ihren  Stoff 
wirklieh  der  Erinnerung  verdanken  - —  aber  stenographische  Notizen  können  sein 
Gedächtnis  unterstützt  haben. 

-  Schon  vor  300  Jahren  hat  Justus  Lipsius  ausgeführt,  daß  Xenophon  der 
Erfinder  eines  griechischen  Stenographiesystems  sei.  In  den  epistolarum  cen- 
turiae  VIII  (Viriaci  1604)  p.  167  cent.  ad  Beigas  ep.  27:  ego  libenter  Graecis 
gloriam  dederim  et  nominatim  Xenophonti,  philosopho  et  historico,  de  quo  Dio- 
genes etc.  Vgl.  über  die  Belege,  die  für  eine  solche  Autorschaft  sprechen: 
Ch.  Johnen,  Das  Stenographiesystem  des  Xenophon  im  Schriftwart.  Berlin  1894 
S.  57  ff. 

'  Dittenberger,  Sylloge  inscr.  gr.*  197. 
Gardthausen,  Gr.  Paläograpbie.    2.  Aufl.  11.  18 


—     274     — 

Alphabets;  eine  Handelsstadt  wie  Corintb  bot  einer  solchen  Erfindung 
den  günstigsten  Boden. 

Daß  wir  bei  handschriftlichen  Aufzeichnungen  unter  dem  Ausdruck 
(TijfieTov  stets  die  „Stenographie"  zu  verstehen  haben,  hat  Fr.  Preisigke 
in  dem  Archiv  f.  Stenogr.  1905  S.  305  ff.  in  einer  trefi'lichen  Studie 
gezeigt.     Wie    wir   heute    einen    Unterschied    machen    zwischen  Buch- 

YQäuf4aza  stabcu  uud  Zeichen,  so  haben  auch  die  Griechen  zwischen  ygäfificcrcc 
atj/^eta  uud  aijpiEia  Unterschieden.^  Mentz  erinnert  daran,  daß  „aufzeichnen" 
sich  auf  gewöhnliche  Schrift  beziehen  kann;  aber  das  beweist  für  das 
Griechische  nichts.  Auch  die  Bezeichnung  eines  ai^fXEioyQarpoq  zeigt, 
wie  scharf  ausgeprägt  dieser  Begriif  war.^  Notae  und  litterae  werden 
aber  scharf  unterschieden  in  den  Digesten  1.  XXXVII  tit.  I  de  bon. 
poss.  VI  §  2 :  Noiis  scriptae  iabulae  non  continentur  edicto.  quia  notas,  literas 
non  esse  Pedius  lihro  XXV  ad  edictum  scrihit.  Über  (jijfjieTov^  vgl.  Preisigke, 
Ein  Sklavenkauf  des  6.  Jahrb.  Arch.  f.  Papyrusforsch.  3.  1905  S.  415: 
„der  Ausdruck  arjfiEiov  [ging]  auch  auf  die  Kurzschrift  (stenographische 
Schrift)  über,  die  als  cnjfisTov  dem  yganröv  (der  gewöhnlichen  Schrift) 
gegenüber  gestellt  wird  (P.  Oxy.  IL  293,  6;  IV.  724,  3.  P.  Fay.  128,  7)". 
Vgl.  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  129. 

Schon   der  Psalmist  44  (45),  2   vergleicht  die  Zunge   des  Dichters 

o^vyQüqtog  mit  dem  Griffel  eines  ö^vyoäcpoi^:  ij  ykcDfraä  piov,  xälccfiog  yoanpia- 
TECog  ö^vyoc/.ffov;  denn  daß  der  Psalmist  nicht  von  orientalischen 
Schreibern  redet,  das  ergibt  sich  aus  den  von  Nöldeke  gesammelten 
Stellen.  5 

Wann  der  hebräische  Dichter  des  Psalms  gelebt  hat,  ist  nicht 
sicher,  jedenfalls  aber  zu  einer  Zeit,  in  der  es  weder  eine  hebräische 
noch  eine  griechische  Tachygraphie  gab.  Darüber  schreibt  mir  Nöldeke: 
Psalm  45,  2  hat  sicher  nichts  mit  Stenographie  zu  tun.  Ich  halte 
diesen  Psalm  für  recht  alt,  so   daß   dieser  Gedanke   schon  von  vorn- 


^  Vgl.  Schol.  z.  Basilica  40  S.  293:  (ji]^elcüaat,  ort  tu  arjueta  ovx  tau  yQÜafiain. 

2  Vgl.  C.  I.  G.  3902 d;  Pap.  Oxyr.  IV,  724  (cfr.  Arch.  f.  St.  1905  S.  36  ff.)i  Bull, 
de  corr.  hellen.  10,  1886  p.  382:  'Jt]iacfjQoöeiToy  öov).6i>  fiov  ar](iBioyQÜ(po[v.  Plutarcli, 
Cato  min.  23;  vgl.  u.  S.  276  Anm.  4.  —  Weitere  Stellen  für  atj^eioyqäffoz  verzeich- 
nen: A.  Mentz,  Die  Grabsehrift  eines  griech.  Tachygraphen ,  Arch.  f.  Sten.  1902 
S.  49fF.;  W.  Heraeus,  Die  Grabschrift  einer  griech.  Tachygraphin,  ebd.  1902  S.  137ff. 
S.  138  (7r]fi£ioyQ((q)o:  in  den  Glossarien. 

^  Siehe  Arch.  f.  Stenogr.  57.  1906  S.  233  (Weinberger),  235  (Preisigke);  vgl. 
Mentz  a.  a.  0.  58.  1900  S.  133. 

*  o^ifQucfo:  nicht  als  Stenograph  s.  Mentz,  Arch.  f.  Stenogr.  58.  1907  S.  130; 
60.  1909  S.  143  Anm.  25;  vgl.  dagegen  Wikenhauser,  A. ,  Der  heil.  Hieronymus 
über  Psalm  44  (45),  2.  Arch.  f.  Stenogr.  59.  1908  S.  187:  u^vyQ.  =  stenogi-.  scribae 
velocis,  quem  notarium  possumus  intelligere. 

*  Nöldeke,  Die  alttestam.  Literatur  S.  129;  eine  althebräische  Stenographie 
hat  es  nicht  gegeben;  s.  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  90  Anm.  4. 


—     275      — 

herein  ausgeschlossen  wäre.  Wenn  safer  mäher  wirklich  „Geschwind- 
schreiher, Stenograph"  wäre,  dann  wäre  Esra  (2,  7,  tJ),  für  den  der- 
selbe [?]  Ausdruck  gebraucht  wird,  bezeichnet  als  „Geschwindschreiber 
im  Gesetze  Moses".  Vielmehr  ist  nur  zu  übersetzen:  „geschickter 
Schreiber". 

Damit  ist  also  die  Sache  für  das  hebräische  Original  abgemacht 
und  erledigt.  Aber  nun  erhebt  sich  die  Frage,  ob  der  griechische 
Übersetzer  der  Septuaginta  den  Gedanken  des  Originals  richtig  wieder- 
gegeben oder  fälschlich  durch  einen  Ausdruck  seiner  Zeit  ersetzt  hat. 
Im  Buche  Esdra  2,  7,  6  heißt  es  nicht  ö^vyodcfoq,  sondern  yoafifiarevg 
ra/vg;  wir  haben  also  in  der  Septuaginta  zwei  verschiedene  Ausdrücke, 
die  sich  unterscheiden  wie  im  Deutschen  ein  „geschwinder  Schreiber 
und  ein  Geschwindschreiber";  ebenso  unterscheiden  sich  „geheime 
Schrift  und  Geheimschrift".  Ein  Unterschied  in  der  Bezeichnung  wird 
erst  gemacht,  seit  ein  sachlicher  Unterschied  vorhanden  ist,  der  dadurch 
zum  Ausdruck  kommen  sollte.  Das  Wort  o^v-  oder  Ta/vynäcfoq  ist 
eigens  gebildet  wie  in  jeder  Sprache,  die  diesen  Begriff  und  sein  Wort 
kennt,  um  zwischen  einem  geschwinden  Schreiber  und  einem  Geschwind- 
schreiber zu  unterscheiden,  und  im  Griechischen  erst  nachzuweisen, 
seit  es  eine  Tachygraphie  gab;  solange  sie  blühte,  wird  das  Wort  wie 
im  Deutschen  Geschwindschreiber  —  nur  im  eigentlichen  Sinne  —  an- 
gewendet; erst  als  diese  Kunst  abgestorben  war,  hat  man  das  Wort 
Tachygraph,  das  seine  Schärfe  allmählich  verloren  hatte,  auch  von 
einem  schnellen  Schreiber  gebraucht.  Nur  im  späteren  Mittelalter, 
als  es  eine  Tachygraphie  nicht  mehr  gab,  bedeutet  ö^vyodcpoq  und 
raxvyQarpog  jeden  schnellen  Schreiber.^ 

Der  griechische  Übersetzer  des  Psalms  —  mag  er  nun  derselbe 
sein  wie  der  des  Esdrabuches,  oder  nicht  —  ist  sich  des  Unterschiedes 
beider  Worte  bewußt  und  hat  richtig  ö^vyodffog  im  eigentlichen  Sinne 
von  Geschwindschreiber  gebraucht.  Wir  haben  in  dieser  Psalmstelle 
einen  Beweis,  daß  die  Griechen  im  ersten  Jahrhundert  bereits  eine 
Geschwindschrift  gekannt  haben.  Darnach  hätten  die  Griechen  in 
Alexandria  zur  Zeit  der  Septuaginta- Übersetzung  Stenographen  wahr- 
scheinlich bereits  gekannt. 

Zu  einer  vollständigen  Gewißheit  über  diese  schwierige  Frage  wird 
man  kaum  jemals  gelangen.  Mehr  Gewicht  als  auf  diesen  einzelnen 
Ausdruck  lege  ich  aber  auf  die  allgemeine  Erwägung,  daß  die  Griechen 
in  ihrer  Blütezeit  eine  solche  Erfindung  brauchten  und  die  Vor- 
bedingungen   dazu    entschieden    vorhanden    waren,    und    zwar    in    viel 


^  Draeseke,  Zur  byzantin.  Schnellschreibekunst.    Byz.  Ztschr.  20.  1911  S.  140. 

18* 


—     276     — 

höherem  Grade   als   bei  den  Römern,  die  z.  B.  nach  der  Meinung  von 
Mentz  Erfinder  der  Stenographie  gewesen  sein  sollen.^ 
Römer  Die  Römer  hatten  sich  ursprünglich  ein  System  von  Abkürzungen  ^ 

zurechtgemacht,  das  aber  seinem  Zwecke  nur  unvollkommen  genügte. 
M.  Valerius  Probus  bezeichnet  mit  großer  Deutlichkeit  das  System  der 
Siglen^  im  Gegensatz  zu  einem  wirklich  tachygraphischen  System. 
Erst  unter  Ciceros  Consulat  entwickelte  sich  eine  römische  Tachy- 
graphie,  die  diesen  Namen  verdient.*  Von  nun  ab  waren  die  Römer 
ebenso  wie  die  Griechen  imstande,  der  rasch  gesprochenen  Rede^  zu 
folgen.  Unzweifelhaft  werden  unter  den  tironischen  Zeichen  griechische 
Buchstaben  verwendet,  und  wenn  Cicero  at  Attic.  13,  32  die  neue 
römische  Schnellschrift  mit  dem  griechischen  Terminus   8iä   (rijueicov'^ 

1  Auch  Blass,  Handb.  d.  klass.  Alt.  1  S.  294  und  Johnen,  Gesch.  u.  Systeme 
d.  Stenogr.  in  Meyers  gr.  Conversationslex.  1907  Bd.  18  (mit  4  Taf.)  u.  in  s.  Gesch. 
d.  Stenogr.  1911  halten  die  griech.  Tachygr.  für  älter  als  die  lateinische;  im  ent- 
gegengesetzten Sinne  entscheidet  sich  Mentz,  Arch.  f.  Stenogr.  58.  1907  S.  132. 
und  — ,  Beitr.  z.  Gesch.  d.  tiron.  Noten.  Arch.  f.  Urkundenforsch.  4.  1912  S.  Iff. 
S.  2:  Die  Zeit  der  Schaffung,  der  Erfinder;  er  entscheidet  sich  wieder  für  die 
Priorität  der  Römer. 

2  Isidor  Origin.  1,  21:  vulgares  notas  Ennius  primus  mille  et  centum  invenit. 
notarum  usus  erat,  ut  quidquid  pro  coutione  aut  in  iudiciis  diceretur  librarii  scri- 
berent  simul  astautes,  divisis  inter  se  partibus  quot  quisque  verba  et  quo  ordine 
exciperet;  vgl.  Schmitz,  De  Eom.  tachygr.  1869  p.  5;  Weinberger,  Arch.  f.  Sten. 
57.   1906  S.  28. 

^  M.  Valerius  Probus  (nach  Mommsen  bei  Keil  IV  S.  271):  apud  veteres  cum 
usus  notarum  nuUus  esset,  propter  scribeudi  difficultatein  maxime  in  senatu  qui 
scribendo  aderant,  ut  celeriter  dicta  conprehenderent,  quaedam  verba  atque  nomina 
ex  communi  consensu  primis  litteris  notabant,  et  singulae  litterae  quid  significarent 
in  promptu  erat. 

*  Plutarch,  Cato  min.  23:  JiixsQcovog  loü  vnuiov  tovc  diaq^sQOi'Tnc  d^vitjii  ruf 
vQnfpscoi'  (Trjfiaia  Ttoodidu^ai'io;  iv  fii-zcooi:  X(d  ßqa^iai  xvnoic  noXliof  Youi.tuuio}v  t/ofict 
Svva^iv,  Uta  (illov  (i)J.axö(je  lov  ßovXevirjtjiov  anoqndrjv  iußaXovioz.  Ovnw  yrtQ  IjaTtovy 
ovd'  bxsxirjpio  jov;  y.alov/.isi'ov;  arjjjBioyQVKpov;,  älln  tÖts  nqiöiov  ti:  l'/tos  n  xnitt- 
ai^pni  Uyovtnp.  —  Mentz,  Arch.  f.  Stenogr.  58.  1907  S.  131,  will  aus  dieser  Stelle 
folgei'n,  daß  es  vor  Cicero  weder  eine  griechische,  noch  eine  römische  Stenographie 

gegeben  habe.    „Es  handelt  sich nicht  nur  um  die  Römer,  sondern  um  den 

ganzen  Erdkreis";  das  ist  natürlich  falsch;  es  handelt  sich  um  das  Nachschreiben 
römischer  Reden,  also  ist  auch  nur  von  römischer  Stenographie  die  Rede.  Vgl. 
Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1.  130  Anm.  3.  —  Maier,  Fr.,  Mäcenas  und  die  Er- 
findung d.  röm.  Tachygraphie  im  Arch.  f.  Sten.  1902  S.  329  ff.  —  Morgenstern,  0., 
Cicero  und  die  Stenographie  im  Arch.  f.  Stenogr.  1905  S.  1  ff.  —  Weinberger,  W., 
Zur  Geschichte  d.  Kurzschrift,  im  Arch.  f.  Sten.  1903  S.  49  f.  —  Stein,  A.,  Die 
Stenographie  im  röm.  Senat  im  Arch.  f.  Stenogr.  1905  S.  177  ff.,  sowie  meinen 
„Augustus"  II  S.  442  Anm.  59. 

^  Cicero  ad.  Att.  13,  25,  3  (Quinctil.  709/45):  at  ego  ne  Tironi  quidem  dictavi 
qui  totas  tjeqioxk;  persequi  solet,  sed  Spintharo  syllabatim. 

®  Tardif,  J.,  Sur  les  notes  tironiennes  p.  120:  on  y  reconnait  facilement  quatre 
lettres  grecques:  le  X,  le  A  renverse  (A),  Vco  et  le  ^;  vgl.  Johnen,  Gesch.  d.  Sten. 
1  S.  263:  Die  Beziehungen  d.  antiken  Kurzschriften  zu  einander. 


—     277     — 

bezeichnet  —  ich  gebe  diesen  Ausdruck  wie  Preisigke  (Arch.  f.  St.  1905 
S.  305  ff.)  mit  „stenographischen  Zeichen"  wieder  — ,  so  spricht  das 
entschieden  für  die  Priorität  der  Griechen. 

Selbst  die  Schrift  vom  Staat  der  Athener  hat  man  heranziehen 
wollen,  um  aus  ihren  Abkürzungen  die  Existenz  einer  Tachygraphie  zu 
beweisen;  allein  ohne  Erfolg;  vgl.  Foat,  Weist  der  Papyrus  über  den 
Staat  der  Athener  tachygraphische  Abkürzungen  auf?  Arch.  f.  Stenogr. 
1902  S.  103. 

Daß  es  schon  vor  Cicero  eine  griechische  Tachygraphie  gegeben  nias  in  nuce 
habe,  ist  aus  einer  Stelle  beim  Plinius  geschlossen,  n.  h.  7,  21,  85:  in 
nuce  inclusam  Iliadem  Homeri  carmen  in  memhrana  scupfum  tradit  Cicero. 
Da  die  Ilias  mehr  als  100  000  Worte  zählt,  so  nahmen  ßirt,  Buch- 
wesen S.  71  und  Wessely,  Ein  System  gr.  Tachygr.  1896  vS.  11  an,  diese 
mikroskopische  Ausgabe  sei  mit  tachygraphischen  Buchstaben  ge- 
schrieben. Allein  Seraenov,  Festschr.  d.  histor.-philol.  Vereins  München 
1905  S.  84  hat  Widerspruch  erhoben;  in  nuce  sei  eine  Übersetzung  von 
?y  iv  xuov(p  und  bezeichne  eine  Ilias  in  einem  Nußholzkasten  (vgl. 
'Ihaq  1]  hx  rov  väodi])coq).  Allein  gegen  diese  Erklärung  spricht  doch 
der  Zusammenhang.  Plinius  will  Beispiele  anführen  für  eine  wunder- 
bare Sehkraft:  Oculorum  acies  vel  maxime  fidem  excedeniia  invenit  exempla. 
Dann  folgt  als  erstes  Beispiel  jene  Ilias  Homeri;  das  zeigt  also  deut- 
lich, daß  Semenovs  Erklärung  falsch  sein  muß.  Ob  der  Vorschlag  von 
Birt  und  Wessely  möglich  ist,  müssen  wir  dahingestellt  sein  lassen; 
jedenfalls  ist  er  der  einzige  Versuch,  die  Nachricht  des  Cicero  zu  ver- 
stehen.^ 

Directe  Erwähnung  der  Tachygraphie  ist  in  den  ersten  Jahrhun- 
derten nach  Christi  Geburt  nicht  häufig.  Um  so  interessanter  wäre  also 
jener  von  Preisigke  im  Arch.  f.  Stenogr.  1905  S.  311  veröffentlichte  Brief 
des  Dionysios^  an  seine  Schwester  Didyme  aus  dem  Jahre  27  n.  Chr.,  in  Dionysios 
dem  sich  Dionysios  beklagt,  daß  ihm  seine  Schwester  weder  einen  Brief 
in  gewöhnlicher,  noch  in  stenographischer  Schrift  zugehen  lasse.  Preisigke 
übersetzt,  als  ob  statt  diä  y^anrov  ovre  8iu  amikiov  dastände:  8ia 
YQuniiÜTCov  ovre  biä  ar]\xü(i)v\  allein  diese  Übersetzung  scheint  sprach- 
lich unmöglich  zu  sein.  Weinberger  (Dewischeits  Archiv  f.  Stenogr.  1906 
N.  F.  1,  233;  vgl.  235)  und  Wilcken  (Archiv  f.  Papyrusforsch.  4.  1907 
S.  257 — 59)  bestreiten  mit  Recht,  daß  dort  überhaupt  von  Stenographie 
die  Rede  ist.  Denselben  Namen  führt  allerdings  der  Tachygraph 
Dionysios,  dessen  Grabschrift  wir  besitzen  (I.  G.  Sicil.  1549): 

KaoTiuX'nKoq,  YQuipai  (T7jfiij\_i']a  d'm'Aöa  cpcovrjg 
'Ekkädog  ev  siSag  [i)S']i  xul  yivcrcüvkov. 


Siehe  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.   1,  130  Anm.  2. 
Pap.  Oxyr.  II,  293. 


—     278     — 

Ob    aber    der  Brief  und   die  Grabschrift  sich  auf  dieselbe  Person 

beziehen,    bleibt    doch    zunächst   noch  sehr  fraglich.     Immerhin  müßte 

zunächst  die  Grabschrift  daraufhin  untersucht  werden,  ob  sie  der  ersten 

Hälfte  des  ersten  Jahrhunderts  zuzuweisen  ist.    Ungefähr  hundert  Jahre 

Actiacus  jünger   ist    die  Grabschrift    eines    cnifieioyQdcfog  P.  Aelius  Actiacus  in 

Eumenia  (s.  o.  S.  274  A.).^   Auch  den  Flavius  Arrianus  müssen  wir  wahr- 

A^dlnus   scheinlich    zu    den   Tachygraphen    rechnen,    weil    er    die  Vorträge    des 

Epiktet  wörtlich    nachgeschrieben    haben  soU.^     Der  nächste   bekannte 

Lehrvertrag  ßclcg  ist  dann  ein  Lehrvertrag,   der  im  Jahre  1 55  n.  Chr.  geschlossen 

wurde,   als  Panechotes  (Panares)  seinen  Sklaven  Chairammou   bei  dem 

Stenographen  Apollonius  in  Lehre  gab  mit  eingehenden  Bestimmungen 

über  die  Lehre  und  das  Lehrgeld  (s.u.  S.  290).^ 

Wir  haben  außerdem  einige  Hinweise  auf  griechische  Tachygraphen, 
so  bei  Philostratus,  vita  Apollon.  1,  18  =  I,  19,  4  Kayser*  und  bei 
Galen  in  seinen  Schriften  „tisqi  t&v  löicov  ßißlicov  (I,  37  Chart.  = 
XIX,  14  Kühn^)  und  „neol  rov  ngo/ircoaxeiv  TiQÖg  'Enr/ivijv  ßiß?uov 
(VIII,  839  Chart.  =  XIV,  630  Kühn).« 

Die  Grabschrift  eines  Sklaven  rühmt  von  dem  Verstorbenen,  daß 
niemand  so  schnell  lesen  als  er  schreiben  konnte 

ia77i  in  doctus  eompendia 
Tot  litierarurn  et  nominum  notare  currenti  stilo, 
Quot  lingua  currens  diceret.     lam  nemo  sujjcraret  legensJ 
Es   scheint  aber   doch,   daß  in  den  ältesten  Zeiten  auch  ein  aus- 
gelernter   Stenograph    einer   längeren,    rasch    gesprochenen   Eede    nur 
schwer    folgen    konnte;    deshalb    taten    sich    oft    mehrere    zusammen. 
Bureau    Euscbius^    Spricht   von    sieben;    wenn    der    eine   erlahmte,    setzte  sein 


Tachy- 
graphen 


'  C.  I.  Gr.  3902cl;  vgl.  Mentz,  Die  Grabschrift  eines  griech.  Tachygraphen. 
Areh.  f.  Stenogr.  1902  S.  49. 

-  Vgl.  Hartmann,  Flavius  Arrianus  u.  d.  Stenogr.  Arch.  f.  Stenogr.  1905 
S.  337. 

3  Pap.  Oxyr.  IV,  724;  vgl.  C.  Wessely,  Arch.  f.  Stenogr.  1905  S.  36flP.;  sowie 
Wochenschrift  f.  klass.  Philol.  1904  Sp.  8'20. 

*  Vgl.  Gomperz,  Th.,  Wiener  Studien  II,  1880  S.  3  Anm.  1. 

'  intl  Ob  i'y.tti'wc  6  Aöj'oc  Tjvdoxiyrjdei',  töeij&rj  fiov  jcg  (fiXog  bnax&Sig  e/av  nQog 
uviov  [den  Martialius]  vnafOQavaai  tu  Qt^xfevia  tw  TiefKp&rjaofiepcp  naq  nviov  (1.  aviov 
Gomperz)  nqög  (le  Öia  arj^Bicov  eig  täyog  ijunrj^evo}  Yqa(fetv. 

^  xttl  ne^ixpaviög  ye  aviov  Tovg  diu  arjfxeicov  fjfficrjfxevovg  tv  T(</et  ^f^äffdiv  vnr]- 
vöoevcra  nävia  tu  ösi/d^Sfiu  aal  Xeydävia  fiij  nQOOQWfiSi'ng  et  fieXlsi  öcousiv  aviu 
noUoig.  —  Vgl.  Fr.  Maier,  Galen  und  die  griech.  Tachygraphie,  Arch.  f.  Stenogr. 
1902  S.  277  ff.  —  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  130—31. 

^  Willmanns,  Exempla  Nr.  582. 

^  Euscbius,  Hist.  eccl.  VI,  23  (Migne  P.  G.  20,  576b):  oi  Tn/vfQÜfpoi  yug  avia 
n'ksiovg  tj  tniu  ibv  uQi&fiOP  nuQrjaav  vnuyoQSvovii,  yoöfoig  Teiayfievoig  ulXrjXovg  ufiei- 
ßovieg,  ßißhoyQÜcpoi  is  ov/  ijiiovg  ti(jtn  xnl  •Aoqmg  ini  ib  xalXiyQaqjsiv  t'jcrxrjfievttig.  — 
Vgl.   ferner:    Euseb.   hist.   eccl.  VI,  36    (Migne   P.  G.  20,  596c).    —    Eunap.   vitae 


—     279     — 

Nachbar  ein.  Später  fügte  man  aus  diesen  sieben  partiellen  Nieder- 
schriften die  ganze  Rede  zusammen  und  übergab  die  Transcription 
einem  ebenso  zahlreichen  Bureau  von  männlichen  und  weiblichen 
Kalligraphen. 

Epiphanius  Panarii  lib.  III  tom.  II  Exposit.  fid.  cathol.  24  (ed.  Oehler 
tom.  II,  3  p.  532  sq.)  braucht  den  Ausdruck  Öiu  (Trjfistcov  xui  GXf.Suoicov 
von  dem  tachygraphischen  Concept  im  Gegensatz  zu  der  späteren 
Reinschrift:  Iluvxf,q  oi  naQ  ijfxTv  c:del(pot  TiooaccyoQevovaiv  viicöv  rijv 
TifxiÖT7]Ta,  ndhara  lAvaTÖhog,  6  öid  re  (ttj/xeicov  xai  (Txeöaoicov  rcöv 
xaxa  TCüV  aigiauor,  toutcov  tuv  öydoi'ixovrä  rprjfjbi,  fiera  nollou  xaixdrov 
xai  TTooajQsrrecoq  xaXXlanjq  yQuxpai  xai  dioo&djaaa&ai  xara^tcodsig. 
c/fju  te  xai  'YTichiog  .  .  .  ö  tijv  ixerayoacpiiv  ccnö  tcDi'  axsÖaQicov  kv 
rerodai   Tionjffdfievog. 

Staat  und  Kirche  haben  in  den  letzten  Zeiten  des  Altertums  viel- 
fach Gebrauch  gemacht  von  den  Diensten  der  Tachygraphie.  In  der 
Umgebung  des  Kaisers  hatten  die  Stenographen  oder  Notare  den  Rang  Notare 
eines  Tribunens  (Willmanns  Exempla  462,  644,  671).  Sie  hießen  ecccejo- Exceptores 
tores,^  weil  sie  beim  Gang  der  Verhandlungen  und  Verhöre  den  Wort- 
laut stenographisch  niederschrieben,  [excipere);  und  es  verdient  besonders 
hervorgehoben  zu  werden,  daß  auch  die  Griechen  dieses  lateinische 
Wort  herübergenommen  und  beibehalten  haben,  !AQxaöim  hxaxknjooi 
(=  exceptori)  Oxyrh.  Pap.  8, 1139  p.  239.  Über  notarius  s.  u.  (Kap.  Zahlen). 
Eine  gelegentliche  Erwähnung  der  Tachygraphie  bei  Libanius  siehe 
die  Ausgabe  von  R.  Forster  3.  Leipzig  1906  p.  LH.  Vgl.  im  allgem. 
B.  Kühler,  Die  Lebensstellung  der  Stenographen  im  röm.  Kaiserreich; 
s.  Dewischeits  Archiv  f.  Stenogr.  57.  1906  S.  144—152.  177—186. 

Aber  namentlich  auch  die  Kirche  ^  nahm  die  Dienste  der  Stenographen    Kirche 
in  Anspruch;  es  wurden  nicht  nur  Predigten  nachgeschrieben,  sondern 


sopliistar.  ed.  Boissonade  1822,  83:  ü^iu)  öoffrjyai  (xot  zovg  la/eiog  Youcfofia;,  xai 
aiTivai  nttTu  xb  ^As'aov,  oi.  xaif  fj^äqav  (.len  iTji  &ey.iöog  flCjuai'  nnoiT>]uaivoviai,  aijiieqov 
Öb  TOtc  rjueTEQOig  vnrjQdiTjiJovioit  Xqyoiq. 

1  Vgl.  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1,  177. 

*  Ferrari,  Francesco  Bernardino,  De  ritu  saci-arum  ecclesiae  veteris  concio- 
num  lib.  II  cap.  28  (vgl.  dazu  Mitzschke,  Archiv  f.  Stenogi-.  1889);  Scharf,  David, 
De  notariis  ecclesiae  tum  Orientalis  tum  occidentalis  dissertatio.  I.  Helmstadii, 
IL  Lipsiae  1756  (vgl.  dazu  Mitzschke,  Die  Geschwindschreiber  der  alten  Kirche, 
Arch.  f.  Stenogr.  1882);  Simonet,  J.  J.,  Die  Stenogr.  beim  kath.  Klerus.  Luzern 
1898;  Dewischeit,  C,  Stenogramme  im  Neuen  Testamente?  Arch.  f.  Sten.  1903 
S.  130  ff.;  Nestle,  E.  u.  W.  Wrede,  Nochmals  Stenogramme  im  Neuen  Testamente? 
Arch.  f.  Stenogr.  1903  S.  212  ff.;  Preuschen,  E.,  Die  Stenographie  im  Leben  des 
Origenes,  Arch.  f.  Stenogr.  1905  S.  6  ff.  u.  49  ff.;  Maier,  Fr.,  Die  heil.  Tachygraphen 
Marcianus  und  Martyrius,  Arch.  f.  Stenogr.  1905  S.  56  ff.;  Geffken,  J.,  Die  Steno- 
graphie in  den  Acten  der  Märtyrer,  Arch.  f.  Stenogr.  1906  S.  81;  Johnen,  Gesch. 
d.  Stenogr.  1  S.  132. 


—     280     — 

ganze  Synodalverhandlimgen  und  Disputationen.^  Die  Acta  Archelai^ 
berichten  von  den  Religionsgesprächen  des  Mani.  Der  Verfasser  des 
griechischen  Originals  war  Hegemonios,  der  sich  selbst  als  den  Tachy- 
graphen  dieser  Disputationen  bezeichnet.  Die  Abfassungszeit  dieser 
Acta  liegt  zwischen  dem  Ende  des  vierten  und  der  Mitte  des  fünften 
Jahrhunderts  (vgl.  Arch.  f.  Stenogr.  1905  S.  109).  Auch  beim  Concil 
vom  Jahre  459,  das  den  Monophysitismus  verdammte,  war  Eustathius 
zugegen,  der  seiner  Unterschrift  einen  stenographischen  Zusatz  hinzu- 
fügte (s.  Nöldeke,  Archiv  f.  Stenogr.  53.  1901  Nr.  2). 
Eunomios  Mauche  Privatpersonen  verstanden   sich  selber  auf  Tachygraphie 

Theodoret,  Hist.  eccl  4,  18.  Migne,  Patr.  Gr.  82,  1157  (Zt.  des  Valens): 
ÜQcoToyiviju,  8b  ö  d^täyaaTog  xä  hv  i/d/xoy[?]  yoccnfiuTa  TieTicddavfiävog 
xal  YQÜcfEiv  sh  rä/og  ij^Txtifjievog,  totiov  svoojv  k7itT?'i§eiov  xal  rovrov 
di§a(Txa},eTop  xai  TiaiSevri'jowv  unorfii'jvui,  iibiquxicov  xuriartj  ÖiÖdrrxalog 
xul  xuTU  TavTov  yoärfeiv  re  elg  rä/og  kSiÖunxB  xai  tu  &eTcc  k^Enui- 
öeve  ?Myia. 

L.  Parmentier  hat  dieselbe  Stelle  des  Theodoret  behandelt  Revue 
de  Philologie  33.  1909  p.  238:  Eunomios  tachygraphe,  indem  er  die 
handschriftliche  Lesart  der  alten  Ausgaben  Evvofiiov  herstellt.  Eunomios, 
ein  Führer  der  Arianer,  wird  auch  sonst  in  der  zweiten  Hälfte  des 
vierten  Jahrhunderts  erwähnt  beim  Socrates  2,  35,  14  als  ra/vyoäffog 
des  Aetios  (p.  240);  vgl.  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1   S.  132 — 133. 

Vom  heiligen  Athanasius  wird  gerühmt  (Jo.  Moschus  in  Limon. 
cap.  197 ;  Patrol.  gr.  Migne  87, 1  p.  3085):  Tiaooc  tov  (Ti]^eioyocccfov  Te?M(og, 
Tiaocc  TOV  ygaixfiarixov  ccvrdoxcog  kTiaiÖevi^tj]  das  soll  nach  Heraeus 
Schullehrer  bedeuten,  allein  der  Gegensatz  lehrt,  daß  yoafif.iaTixög  hier 
vielmehr  den  Lehrer  der  gewöhnlichen  Schrift  bedeutet  in  dem  Sinne 
von  yQUfipLccToygärfov.  Tachygraphische  Ausbildung  der  Geistlichen 
wird  auch  im  Mittelalter  öfter  erwähnt. 

Andere  hielten  sich  dazu  ihre  Sklaven;  das  setzt  z.  B.  Philostratus 
voraus  von  Apollonius  Tyan.  c.  1  (?):   k^i'ßavve  xT/g  LävxioxBiccg  fxexu  dvoiv 
d'Eoanövxoiv  ö  fiev  kg  xü/og  ygärfcov,  6  Se.  kg  xullog. 
^f^^^'  Auch  in   der  Umgebung   der  Kirchenväter  treffen   wir   oft  Tachy- 

graphen  und  Notare,  entweder  weil  ihren  Herren  die  Geheimnisse  der 
Schrift  fremd  geblieben,  wie  einige  es  vom  Didymus  glauben,  oder  weil 
sie  es  vorzogen,  zu  dictieren,  Euseb.  hist.  eccl.  6,  36,  1 :  7'org  ÖTixa,  olcc 
xai  sixog  i]v,  nX-qß-wovai^g  xTjg  niarscog,  7ie7iaQQT](Tic((}/.dvov  xs  xov  xa&' 
r/ficcg    iiuoci    näai    Xöyov,    vTiho    xä    i^/jxovxä    cpaatv  sxtj  xbv  'Qgiyevj]v 


^  Wikenhauser,  A. ,  Stenogr.  auf  d.  Öynod.  d.  4.  Jahrh.  n.  Chr.,  Arch.  f. 
Stenogr.  49.  1908  S.  4.  Vgl.  für  die  spätere  Zeit  Schmidt,  J.,  Tachygr.  Aufnahme 
und  Überlieferung  von  Synodal-  und  Unionsverhandlungen  im  Zeitalter  der  Kom- 
nenen,  Arch.  f.  Stenogr.  1901  S.  103  ff. 

2  Vgl.  Traube,  L.,  Sitzungsber.  d.  Münch.  Akad.  1904  (Phil.-hist.  Kl.)  S.  533. 


—     281     — 

yevöfievov,  are  dlj  piiyi(JTi]v  ijr)ij  av?J,s^dfxEvov  i^x  r/%'  naxoäq  TiaoacrxevTjg 
'i^iv,  Tccq  hni  tov  xotvov  leyoixivocg  cvtcö  dicc'/.e^eig  Tw/vy oä- 
rfoig  fieTa).c(ßeTv  inir niwai,  ov  Tiouranöv  nore  tovto  yevirTßai 
<7vyxszroorjxÖTCi. 

Erhalten  hat  sich  nichts  von  der  Schrift  der  bis  jetzt  erwähnten  ^prob|°^ 
griechischen    Tachygraphen ;     wir    können    daher    kaum    Vermutungen 
äußern    über    das  von    ihnen    angewendete    System;    aber    es    ist   kein 
Grund  anzunehmen,  daß  die  älteste  griechische  Tachygraphie  auf  voll- 
ständig anderen  Grundlagen  beruhte  als  die  spätere. 

Die  ältesten  erhaltenen  Proben^  griechischer  Tachygraphie  bietet 
uns  der  Grabstein  des  Asterius  aus  Salona,  ungefähr  aus  dem  dritten  Asterius 
bis  vierten  Jahrhundert  n.  Chr.  stammend.-  Im  Museum  von  Spalato 
befindet  sich  der  Grabstein  eines  kaum  erwachsenen  Jünglings  mit 
einigen  griechischen  Versen;  in  der  Rechten  hatte  er  wahrscheinlich 
einen  Schreibgriffel,  die  Linke  hält  ein  Diptychon  (7,5  X  2,5  cm)  mit 
zwei  Reihen  tachygraphischer  Schriftzeichen. ^  Wessely  hatte  in  seiner 
ersten  Publication  dieses  wichtigen  Grabsteines  den  tachygraphischen 
Grundcharakter  richtig  erkannt,  auch  einzelne  Zeichen,  namentlich  mit 
Hilfe  der  von  ihm  veröffentlichten  ägyptischen  Wachstafeln  bereits 
erklärt;  eine  zusammenhängende  Erklärung  des  Ganzen  war  ihm  aber 
nicht  geglückt.  Dann  versuchte  sich  Gitlbauer  an  derselben  Aufgabe; 
er  machte  Anleihen  bei  den  verschiedensten  tachygraphischen  Systemen 
der  früheren  und  späteren  Tachygraphien  und  kam  schließlich  zu  der 
Lösung  und  Lesung:  TiccvTsg  oi  tovtov  tov  vtuviav  i:iieixfjjg  (r/uTtöjvxe^ 
rolg  yovevfjiv  =  „Alle,  welche  den  hier  ruhenden  Jüngling  geziemend 
schätzten,  (machen  dieses  Grabmal)  seinen  Eltern  (zum  Geschenk)." 
Ohne  Phantasie  und  Gewalt  läßt  sich  dieses  Resultat  nicht  erreichen, 
und    die  Resignation  Wesselvs    scheint    hier   mehr  am  Platze  zu  sein: 


^  In  der  ersten  Auflage  dieses  Buches  S.  225  wurde  die  Unterschrift  eines 
Papyrus  vom  Jahre  105,4  v.  Chr.,  den  Boeckh  herausgegeben  hat,  als  tachy- 
graphisch  =  K'uonüiqa  IIioleu[aiog]  erklärt,  in  der  Voraussetzung,  daß  die  Tachy- 
graphie der  ptolemäischen  Zeit  sich  durch  mittelalterliche  Formen  erklären  lasse. 
Diese  Auffassung,  die  durch  beigeschriebene  Buchstaben  erläutert  wurde,  hat  An- 
erkennung gefunden  bei  Foat,  Journal  of  Hellenic  Studies  XXI,  1901  S.  255  n.  3; 
sie  ist  aber  von  anderen  bekämpft  worden,  namentlich  von  Wessely,  Wiener 
Studien,  1881  S.  16.  —  Da  eine  noch  speciellere  Begründung  nicht  möglich  ist,  so 
beschränken  wir  uns  hier  darauf,  die  Tatsache  zu  constatieren,  ohne  irgendwelche 
historische  Folgerungen  daraus  zu  ziehen. 

^  Vgl.  Wessely,  Ein  Denkmal  altgriechischer  Tachygraphie,  Arch.  f.  St.  1901 
S.  4  flf..  Gitlbauer,  Die  tachygraphische  Grabschrift  von  Salona,  Arch.  f.  St.  1901 
S.  47  ff.  (sowie  in  dem  Sonderabdruck  „Studien  z.  griech.  Tachygr."  S.  3ff".);  vgl. 
Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  134. 

'  Abbildungen  des  Diptychons  sind  enthalten  im  Archiv  f.  Stenogr.  1901 
S.  7  u.  50.     Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1   S.  124—26,  s.  o.  1  S.  233  (zu  S.  40). 


Zauber- 
papyms 


—     282     — 

die  Charaktere  sind   sicher  tachygraphisch,   aber  im  einzelnen  müssen 
wir  uns  bescheiden. 
Leipziger  Fcmer   haben  wir    aus   dem   zweiten   bis   dritten  nachchristlichen 

Fapvrus- 

fragiienie  Jahrhndert  die  Leipziger  Papyrusfragmente,  die  zuerst  von  mir  publi- 
ciert  ^  und  als  tachygraphisch  bezeichnet  sind.  Oskar  Lehmann^ 
leugnete  ihren  tachygraphischen  Charakter,  an  dem  Gitlbauer  mit  Recht 
festhielt,^  wenngleich  seine  Erklärung  der  Zeichen  wohl  wenig  genügt* 
Mit  Recht  betonte  auch  Wessely  die  Verwandtschaft  dieser  Papyrus- 
fragmente mit  einigen  anderen  tachygraphischen  Handschriften  in  Berlin 
und  St.  Petersburg.^  Auch  gab  er,  so  gut  es  ging,  eine  Transcription 
des  Textes,^  Dann  hat  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  122  eine  Probe 
gegeben,  aber  technisch  ungenügend  ist;  tachygraphische  Schrift  auf  Pa- 
pyrus sollte  niemals  mit  Xetzverfahren  facsimiliert  werden. 
Wachstafeln  Das  British  Museum  besitzt  mehrere  Wachstafeln  (Add.  ms.  33,  270) 

mit  tachygraphischer  Schrift,  die  man  dem  dritten  Jahrhundert  n.  Chr. 
zuAveist.'' 

Etwas  jünger  scheint  eine  Zeile  tachygraphischer  Schrift  in  einem 
Zauberpapyrus  zu  sein,  „die  etwa  an  das  Ende  des  dritten,  spätestens 
Anfang  des  vierten  nachchristlichen  Jahrhunderts,  also  um  das  Jahr  300 
zu  setzen  ist.''^ 

y^-'^^'^J  (^^i^  Aaj  Oe/T^N  r-Ofö-  )^V^y>^ 

Fig.  70.    Tachygraphie.     Br.  Mus.  Pap.  CXXI. 

Wessely,  Denkschr.  d.  Wiener  Akad.  44,  IV  S.  9. 

Die  Tachygraphie  wird  erklärt  durch  die  überschriebene  Krypto- 
graphie: 

710  T  i  a  (i  u  X  a  ?.  0  V 

Xccßco  V  /  a  o  T  i  ov  ieo  ui 

*  Hermes  XI  S.  452  ff.  (m.  Taf.).     Dazu  kommt  noch   ein. weiteres  Fragment. 

*  Die  tachygr.  Abkürzungen  der  griech.  Handschriften  S.  13. 
^  Drei  Systeme  usw.  S.  18. 

*  Vgl.  Arch.  f.  Stenogr.  1902,  S.  193  ff.:  „Die  Leipziger  tachygr.  Fragmente." 
^  Berichte  der  phil.-hist.  Klasse  d.  Kgl.  Sachs.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  1885 

S.  237  f. 

6  Denkschriften  der  Wiener  Akad.  (Phil.-hist.  Kl.)  44.  Bd.  1896,  IV  S.  8  u.  9. 

'  Siehe  d.  Facsimile  Journ.  Hell.  Stud.  21.  1901.  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1 
S.  123. 

8  Wessely,  Denkschriften  d.  Wiener  Akad.  (Phil.-hist.  Kl.)  44.  Bd.  1896, 
IV  S.  9. 


—     283     — 

Am    Schluß    der    tachygraphischen    Zeile    stehen    die    Worte:    laoato 
egraßiaa. 

Dieser  Papyrus  ist  gerade  deswegen  von  so  großer  Wichtigkeit,  weil 
die  Bedeutung  kryptographisch  hinzugefügt  ist.  Dazu  kommt  eine  grie- 
chische Urkunde  in  stenographischer  Schrift  aus  den  ersten  Jahrhun- 
derten unserer  Zeitrechnung;  s.  Führer  durch  die  Ausstellung  Nr.  444 
(Taf.  XIII,  1).  In  der  folgenden  Zeit  scheint  sich  die  Tachygraphie 
in  immer  weitere  Kreise  verbreitet  zu  haben;  sie  war  bereits  Uhter- 
richtsgegenstand  in  den  Schulen.  Im  Faijüm  fand  man  Papyrusfrag-  FaijUm 
mente  und  Wachstafeln,  die  eigens  für  diesen  Zweck  bearbeitet  waren ; 
vgh  Wessely,  Denkschr.  d.  Wien.  Akad.  44  (Phil.-hist.  Kl.)  1895  S.  19 
T.  I — IIL  Auch  in  den  Sammlungen  von  London,  Paris,  Wien  usw. 
mehren  sich  nach  Wessely  die  tachygraphischen  Notizen  in  den  erhal- 
tenen Papyrusurkunden  für  die  Zeit  vom  vierten  bis  achten  Jahr- 
hundert.^ 

Auch  die  Königl.  Museen  zu  Berlin  weisen   eine  große  Fülle  von    BerUn 
Papyrusurkunden  mit  tachygraphischen  Zusätzen,  sowie  auch  einige  rein 
tachygraphisch  geschriebene  Papyri  auf.^   Alle  diese  Texte  stammen  aus 
dem  Faijüm  und  gehören  in  spätbyzantinische  Zeit;  keiner  dürfte  vor 
dem  sechsten  Jahrhundert  geschrieben  sein. 

Im  sechsten  bis  siebenten  Jahrhundert  waren  es  namentlich  die 
Notare,  welche  zur  Bestätigung  der  Urkunden  ihren  Namen  hinzufügten  Notare 
in  lateinischer  und  in  griechischer  Sprache  und  manchmal  außerdem 
noch  in  tachygraphischer  Schrift  mit  den  Worten  Di  emou,^  z.  B.:  Di  emou 
P  EyQcicfi]  d(  e/jiov  Irraxiov  vofxix/  (a.  514);'*  dt  efxov  Hoax?.8td'ov  kyou- 
rfr]'\-  (ca.  630  n.  Chr.),  öi  efxov  KvQiV.ö  diax/  xat  (7vva7JMypic/.royQU(fov 
syeveT[o]-\-]^  A{t') kfj,ov'Icoä{vv)ov  . .  GvnßolccioyQ[ä(fov\  anscheinend  steno- 
graphischen Zeichen.     Arch.  f.  Papyrusf.  3.  1905  S.  422. 

Nicht  immer,   aber  manchmal,   fügten  sie  diese  tachygraphischen  NotarTats- 
Notariatszeichen  hinzu,  entweder  zwischen  zwei  oder  quer  über  eine    ^®^*='^®'^ 
Linie  geschrieben,  gewissermaßen  als  eine  Art  von  Kryptographie,  denn 
das  Lesen  wird  oft  durch  hinzugefügte  Striche  und  Schwünge  absicht- 


'  Diese  älteren  Aufzeichnungen  der  Wachstafeln  und  Papyrusblätter  sind 
in  das  mittelalterliche  tachygraphische  Syllabar  (Taf.  12)  nicht  mit  aufgenommen. 

^  Vgl.  Schubart,  W.,  Die  tachygraphischen  Papyri  in  der  Urkundensammluug 
der  Kgl.  Museen  zu  Berlin,  Arch.  f.  Stenogr.  1902  S.  253  fF.  Dewischeit,  C,  Griech. 
Tachygraphie  in  ägypt.  Papyrusurkunden  aus  den  Kgl.  Museen  zu  Berlin,  Schrift- 
wart 1900  S.  9—14.  21—23;  s.  Arch.  f.  Papyr.  5  S.  260.  290. 

^  8i  ifxov,  viele  Beispiele  bei  Wessely,  Stud.  z.  Pal.  3.  Leipzig  1904  Nr.  2. 
5.  6.  7.  8.  9.  10.  14.  24.  27.  29.  37.  42.  53.  56.  64.  65.  71.  72  usw.;  — ,  ebendas.  8.  1903 
S.  137  ff.  Index  S.  222—24.  Arch.  f.  Stenogr.  54.  1902  S.  22.  8i  suov  in  kopti- 
schen Contraeten,  Ztschr.  f.  ägypt.  Spr.  22.  1884  S.  161  A. 

*  Maspero,  J.,  Catalogue  du  musee  d.  Caire  v.  51  p.  6  Nr.  67001. 

^  Journ.  of  Philol.  22.  1893/94  p.  275  und  282. 


Orient 


Reeapitu- 
latioa 


—     284     — 

lieh  erschwert.  Solche  tachygraphische  Zusätze  der  Notare  finden  sich 
z.  B.  in  der  Sammlung  von  Berlin,  B.  Gr.  U.  3  Nr.  727  (P.  7749),  740 
(P.  2587),  840  (P.  2564),  841  (P.  2567),  944,  961—62  (P.  8895—96), 
963—68  (P.  8897.  8910);  +0/  0wöcooov  avv  &{e(o)  yn.  m.  tachygr. 
Wessely,  Stud.  z.  Pal.  3.  586;  öj  sfiov  lovanvog,  (1.  -ov)  m.  tachygr. 
Wessely,  Stud.  z.  Pal.  8.  802;  Öj  Efiov  Au(iic/.v[ov)  avv  x)-{e(o)  younpk. 
Wessely,  Stud.  z.  Pal.  8.  834;  ebenso  an  anderen  Orten:  Pap.  Straßbg.  4 
a.  550;  Pap.  Fioreut.  Nr.  70  <t.  XI>  m.  tachygr.;  vgl.  Wilcken,  Tafeln 
XVIII,  a  und  b. 

Ungefähr  im  siebenten  Jahrhundert  wurde  das  Fragmentum  mathe- 
maticum  Bobiense  geschrieben,^  allerdings  in  gewöhnlicher  Schrift,  aber 
mit  einem  ziemlich  weit  durchgeführten  Abkürzungssystem,  das  auf 
tacbygraphischer  Grundlage  beruht. 

Auf  das  Fortleben  griechischer  Tachygraphie  im  Orient  können 
wir  hier  natürlich  um  so  weniger  eingehen,  als  Tb.  Nöldeke  im  Arch. 
f.  Stenogr.  1901  S.  25  ff.  die  Tachygraphie  bei  den  Orientalen  behandelt 
und  ihre  Spuren  bis  zum  Jahre  959 — 60  verfolgt  hat. 

Wenn  wir  also  noch  einmal  das  bisher  Erörterte  kurz  recapitu- 
lieren,  so  hat  sich  uns  als  feststehende  Tatsache  ergeben,  daß  die 
Griechen  eine  wirkliche  Schnellschrift  besaßen,  mit  der  man  einer 
selbst  schnell  gesprochenen  Rede  folgen  konnte.  Das  wurde  im  wesent- 
lichen dadurch  erreicht,  daß  mau  erstens  die  Buchstaben  vereinfachte, 
und  zweitens,  wie  namentlich  Gitlbauer  richtig  hervorgehoben  hat, 
Abkürzungen  anwendete,  indem  man  einzelne  Buchstaben  im  Sinne  von 
ganzen  Silben  und  Wörtern  oder  Satzgliedern  gebrauchte.  Wenn  alle 
diese  Mittel  nicht  ausreichten,  so  lösten  die  Schnellschreiber  sich  ab. 
Wenn  der  erste  nicht  mehr  folgen  konnte,  so  gab  er  seinem  Nachbar 
ein  Zeichen,   der  nun  da  fortfuhr,  wo   sein  Vorgänger  aufgehört  hatte. 


II.    Die  griechische  Tachygraphie  des  Mittelalters. - 

Die  politische  und  gerichtliche  Beredsamkeit  war  längst  erstorben ; 
selbst  die  kirchlichen  Eeden  traten  bei  der  Stellung  der  Predigt  in  der 
mittelalterlichen    Kirche    zurück.      Und    doch    erlebte    die    griechische 
Tachygraphie  noch  vor  dem  Jahre   lOüO  n.  Chr.  eine  Renaissance. 
Renaissance  Zum  nachschrciben  gesprochener  Reden  wurde  sie  wohl  nur  noch 

ausnahmsweise  angewendet;  denn  dazu  eignete  sich  diese  sorgfältige 
Schrift  mit  wenig  Abkürzungen  wirklich  nicht.  Man  brauchte  die 
Tachygraphie  im  Mittelalter  als  Brachygraphie  und  als  Krypto- 


>  Wattenbach,  Schrifttafeln  VI. 

2  Draescke,  Zur  byzantin.  Schnellschreibekunst,  Byz.  Ztsehr.  20.  1911  S.  140. 
Vossen,  P.,  Griech.-tachygr.  Urkunden:  Festschr.  z.  Feier  d.  25 jähr.  Bestehens  des 
stenogr.  Vereins  „Stolzeana".     Stolberg,  Khld.  1910. 


—     285     — 

graphie.  Namentlich  zu  Randnoten  verwendete  man  sie,  wo  es  auf 
Raumersparnis  ankam;  aber  es  wurden  auch  ganze  Seiten  in  dieser 
Schrift  geschrieben.  Dabei  kam  es  wohl  nicht  so  sehr  darauf  an,  Platz 
zu  sparen,  als  eine  Schrift  anzuwenden,  die  der  gewöhnliche  Schreiber 
nicht  lesen  konnte;  so  wurde  die  Tachygraphie  als  Kryptographie  an- 
gewendet. 

Bei  dieser  Renaissance  der  griechischen  Tachygraphie  hatten  die 
mittelalterlichen  Gelehrten  weder  den  Willen  noch  die  Möglichkeit, 
genau  die  alte  Schnellschrift,  wie  sie  vor  tausend  Jahren  angewendet 
wurde,  zu  erneuern.  Schnelligkeit  war  damals  die  erste  Regel  gewesen, 
gegen  die  alles  andere  zurücktreten  mußte;  das  galt  aber  nicht  mehr  für 
das  Mittelalter.  Die  Schnellschrift  des  Altertums  hatte  ferner  niemals  nur 
Zeichen  verwendet,  die  bloß  aus  dem  System  abgeleitet  waren,  sondern 
daneben  auch  conventionelle  Zeichen  benutzt,  die  sich  z.  B.  in  Ägypten 
ausgebildet  hatten;  diese  waren  beibehalten,  wenn  sie  rasch  zu  schreiben 
waren  und  verstanden  wurden.  Im  Mittelalter  verstand  man  derartige 
conventionelle  Zeichen  nicht  mehr  und  verzichtete  zum  Teil  auf  diese 
fremdartigen  Bestandteile.  Aber  man  versuchte  den  Kern  des  Systems 
zu  erfassen  und  diesen  Kern  zu  entwickeln  und  vervollständigen.  In 
diesem  Sinne  ist  also  die  Tachygraphie  des  Mittelalters  eine  freie  Fort- 
bildung der  alten. 

Daß  diese  mittelalterliche  Tachygraphie  gelegentlich  noch  zur 
Niederschrift  des  gesprochenen  Wortes^  angewendet  wurde,  zeigen  die 
Acten  des  vierten  Concils  von  Constantinopel  vom  Jahre  869  (ed. 
Paris.  1714.  V,  1105  D);  sie  schließen  mit  den  Worten:  Tuvraq  xaq 
ffcovi/.q  ixdarov  cc7ieyodif.iavTo  raxvyoärfoi  xul  avEyvcoaüriauv  sig  km)- 
xoov  ndi'Torv. 

Selbst  höhere  Geistliche  verschmähten  es  nicht,  diese  Kunst  zu 
erlernen.  Der  Abt  Piaton  (ca.  735 — 814  n.  Chr.),  Oheim  des  Theodorus 
Studita  erlernte  tijv  Tiaidevaiv  zTjg  voraQtxTjq  fied^ödov.^  Vom  Metho- 
dius,  der  im  Anfang  des  neunten  Jahrhunderts  gelebt  hat,  heißt  es:^ 
ÖQ&oyQacfiav  zs  xal  ö^vyguifiav  xaTou^)i}-cox(hq  kx  nuiÖöq.^ 

Michael  Psellus  b.  Sathas,  Mesaion.  bibl.  4,  27  erzählt  vom  Kaiser 
Constantin  VIII.  (976 — 1028):  !Afiilei  xui  kviaq  röjv  ßaailEicov  kniaTO- 
Xüjv  avrög  vTiTjyöoevEv  [k(fi'/.ori^i.no  yc/.q  nwi  tovto),  xai  Tiäau  /eio 
ö^eta  ijTTc/.TO  rov  rd/ovq  raiv  v7ir]yo()evfiii>a}v,  xahoi  ye  roaoürovg  xac 
TijXixovTOvg  vnoyoa^pLuriui  o^vyQÜffovg  euTv/rjasv,  önoiovq  öhyaxig  ö 
ßi'og  eiöev  Ödev  %obg  rö  rä/oq  töj'  Xeyofxivcov  änovuQXovvTEq,  (Tijfieioq 


^  Mitschke,   Stenogr.  Nachschrift  einer  griech.  Kaiserrede  zu  Constantinopel 
im  Jahre  574  n.  Chr.    Arch.  f.  Stenogr.  62.   1911  S.  G4. 

■^  Migne,  Patr.  gr.  99.  804  fr.;  s.  Arch.  f.  StenogT.  62  S.  6. 
^  Migne,  Patrolog.  gr.  100  p.  124.'>b. 
*  Vgl.  Acta  Ö.  Mnrinae  ed.  Usener  p.  5. 


—     286     — 

Tial  tÖ  7i?Sj&0i  TCüV  re  hvvoiöiv  xat  rOv  )1^eo3v  ccnEaij^aivov}  In  den 
Minuskelhandschriften  aus  der  Zeit  des  Übergangs  von  der  alten  zur 
mittleren  Minuskel  finden  sich  Proben   dieser  neu  entwickelten  Tachy- 

Fiorenz  graphie  bereits  in  der  Unterschrift  des  c.  Laur.  IX,  15  (vom  Jahre  964): 
nixüo^  e^vGEv  [  =  eyoa\pEv),  tu/mz  yJ.i]oiy.o2.  iv  ixu  [,?r]yo/?'  iv  Acfoixfj 
LävvdXi  TioeaßvTeorp  ccvxi  /eio&v  {=  amauuensis).^  Ob  diese  beiden 
Geistlichen  aus  Italien  stammten,  läßt  sich  mit  Bestimmtheit  nicht 
sagen;  nicht  so  sehr  der  Name  Petrus,  als  vielmehr  Annalis  scheint 
dafür  zu  sprechen. 

London  Umfangreicher    sind    die    tachygraphischen   Partien    des  Londoner 

Nonnus-Codex  (Brit.  Mus.  Add.  18231)  vom  Jahre  972,^  der  auch  Teile 
des  Dionvsius  Areopagita  und  Gregor  von  Nazianz  enthält,*  Der  Text 
ist  in  gewöhnlicher  Schrift  geschrieben,  die  Eandnoten  sind  dagegen 
oft  ausschließlich  tachygraphisch  abgefaßt.  Schon  vorher  waren  die 
Paris  tachygraphischen  Partien  einer  Hermogeneshandschrift,  c.  Paris.  3032,^ 
den  bereits  Montfaucon  und  Bast^  benutzten,  bemerkt  worden.  Der 
c.  Vatican.  gr.  1809  wird  bei  Kopp,  Palaeogr.  er.  p.  474 '^  erwähnt.  In 
Kairo  Kairo  sah  ich  den  c.  Alexandr.  917  (Joh.  Clim.)  aus  dem  zehnten  bis 
elften  Jahrhundert;  am  Schlüsse  dieser  Handschrift  ist  eine  halbe  Seite 
tachygraphisch    geschrieben.      Die    Provenienz    dieses    Codex    ist    voU- 


*  Ohlmann,  Der  hl.  Thascius  Caecilius  Cjprian.  u.  d.  Stenographie,  s.  Arch. 
f.  Stenogr.  58.  1907  S.  35  (vgl.  239.  268  (12.  Jahrh.).  Schmidt,  Jos.,  Gesch.  der 
griech.  Tachygraphie  im  Zeitalter  der  Komnenea  (Arch.  f.  Stenogr.  56  N.  F.  1. 
1905  S.  209),  redet  fälschlich  von  einem  Tachygraphen;  im  Text  heißt  es  nur 
YQa/jfiaievg. 

2  Vgl.  Gitlbauer,  Philol.  Streifzüge  u.  ders.,  Drei  Systeme  S.  21.  Taf.  III,  24. 
Das  tachy graphische  System  des  c.  Laurent.  9,  15  stimmt  durchaus  mit  dem  des 
c.  Vatic.  1809  überein,  zeigt  aber  eine  Vorliebe,  ähnlich  ausgesprochene  Vocale  zu 
vertauschen,  daher  ist  tj,  si,  v  häufig  durch  i,  co  durch  o  ersetzt.  Auch  Um- 
stellungen unbequemer  Buchstabenverbindungen  sind  nicht  selten. 

^  Vgl.  "Wattenbach ,  Specimina  t.  XVII;  Pal.  Soc.  II,  85.  Schriftproben  bei 
Gitlbauer,  Überreste  griech.  Tachygr.  1.  1878  und  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1 
S.  128. 

"  Vgl.  Pal.  Socl,  25;  II,  28. 

^  Comm.  pal.  p.  924:  c.  Paris.  3514  nunc  notati  numero  3032  (vgl.  p.  933). 

®  Alte  Nr.  2177  und  3514,  eine  kleine  Pergamenthandschrift  von  13  x  10  cm 
(Schriftraum  9  X  6,5).  Die  152  nach  Quaternionen  geordneten  Blätter  sind  von 
einer  Hand  geschrieben,  die  dem  zehnten  Jahrhundert  augehört.  Die  Buchstaben 
stehen  unter  der  Linie,  die  Accerte  sind  eckig.  Lateinische  Randnoten  sind  im 
14.  Jahrhundert  hinzugefügt.  Montfaucons  Facsimile  (Pal.  Gr.  353)  ist  sehr  mangel- 
haft und  nicht  einmal  vollständig;  es  fehlen  z.  B.  die  tachygraphischen  Noten  von 
f.  104b.  105a.  150b.  151b.  Ic2a.  152b.  Vollständiger  sind  die  Proben  dieses  tachy- 
graphischen Codex  bei  Kopp,  De  tachygr.  vet.  p.  437,  auf  einer  besonderen  Tafel 
zusammengestellt;  daran  schließt  sich  ein  Syllabar  p.  462—06. 

'  Das  Nähere  vgl.  in  meiner  Griech.  Paläogr,*  S.  215—218.  Schriftproben  in 
Wattenbach,  Schrifttafeln  Nr.  26  und  in  meinen  Beitr.  z.  Griech.  Pal.  Taf.  4. 


—     287     — 

ständig  unsicher;  wir  finden  nicht  die  geringste  Spur,  die  nach  Italien 
und  speciell  nach  Grottaferrata  ^  weist.  Und  von  den  anderen  Hand- 
schriften, die  einmal  in  der  Bibliothek  von  Grottaferrata  aufbewahrt  fe^ratä 
wurden,  steht  durchaus  nicht  fest,  daß  sie  dort  geschrieben  sind; 
manche  sind  sicher  aus  den  Klöstern  der  Basilianer  in  Unteritalien 
dorthin  verschleppt  worden.  Aber  selbst  der  Name  einer  Basilianer- 
Tachygraphie  würde  nicht  viel  richtiger  sein;  denn  die  erwähnte  afri- 
kanische Handschrift  und  die  Tachygraphen  des  Concils  von  Constanti- 
nopel  im  Jahre  869  stehen  in  keinem  nachweisbaren  Zusammenhang 
mit  den  Basilianern  in  Unteritalien  oder  in  Grottaferrata.  Wir  haben 
also  durchaus  kein  Recht,  die  mittelalterliche  griechische  Schnell-  oder 
Kurzschrift  als  eine  Tachygraphie  von  Grottaferrata  zu  bezeichnen, 
wie  Lehmann  vorgeschlagen  hat.  In  Grottaferrata  selbst  hat  diese  Be- 
nennung allerdings  ungeteilten  Beifall  gefunden;  die  Mönche  kennen 
sogar  den  Heiligen,  dem  sie  diese  Erfindung  zuschreiben;  es  ist  S.  Nilus  s.  nüus 
der  Jüngere,  der  mehrere  Handschriften  von  Grottaferrata  geschrieben 
haben  soll.  Ob  dieser  Nilus  nun  gerade  der  Heilige  und  der  jüngere 
Heilige  ist,  wird  nicht  gesagt;  bei  einer  Handschrift  hat  man  nur  ein 
Akrostichon  (p.  312),  das  auch  nicht  einmal  richtig  die  Anfangsbuch- 
staben wiedergibt.  In  einer  zweiten  Handschrift  (p.  31(3)  ist  der  Name 
verschrieben:  /eioi  iVchoA/.  Der  Bibliothekar  des  Basilianerklosters 
zu  Grottaferrata,  Sofronio  Gassisi,  hat  dies  zu  beweisen  gesucht^  und 
Enrico  Majetti  hat  weitere  Aufschlüsse  über  die  Tätigkeit  des  Heiligen 
in  Aussicht  gestellt.^  Wie  die  Artillerie  die  hl.  Barbara,  die  Reiterei 
den  hl.  Georg  verehrt,  so  hätte  auch  die  Stenographie  in  der  Person 
des  hl.  Nilus  ihren  Schutzpatron  erhalten.  Allein  zunächst  müssen  wir 
uns  hüten,  diesem  neuen  Schutzpatron  vorschnell  einen  Cult  einzurichten; 
warten  wir  lieber  den  Beweis  ab,  daß  der  hl.  Nilus  irgend  etwas  mit 
der  Stenographie  zu  tun  hat. 

Majetti  beruft  sich  auf  den  hl.  Bartolomäus,  den  Biographen  des 
hl.  Nilus,  der  aber  nur  behauptet,  der  Heilige  habe  sich  bedient  „(Tune 
ecriture  particuliere,  formee  de  petites  letlres  serrees,  tandis  que  l'ecriture 
des  Codes  de  cette  epoque  est  en  general  en  caracteres  assez  grands  et  hien 
viarqu'es}'  Das  würde  also  einen  Schluß  auf  wirkliche  Tachygraphie 
noch  gar  nicht  erlauben,  sondern  nur  auf  gewöhnliche  Schrift  mit  un- 


*  Mentz,  A.,  Die  Entstehungszeit  des  Grottaferratasystems  s.  Arch.  f.  Stenogr. 
58.  1907  S.  1  (vgl.  140)  [2.  Hälfte  d.  3.  Jahrh.  n.  Chr.].  Auch  Johnen,  Gesch.  der 
Stenogr.  1,  redet  immer  noch  von  einem  Grottaferratasystem. 

^  Gassisi,  I  mss.  autografi  d.  S.  Nilo  Juniore,  s.  Oriens  Christianus  1904.  4 
p.  308;  über  die  Schreibertätigkeit  des  Heiligen  s.  p.  327.  342.  Selbst  der  klare 
Ausdruck  p.  351:  ö|e'cj»  bxaXhYQÜcpei,  wird  auf  Tachygraphie  bezogen. 

^  In  der  Zeitschrift  „Stenografia",  Roma  1905  Nr.  12.  Vgl.  dazu  „Stenographe 
Illustre",  Paris  1906  S.  11. 


—     288     — 

gewöhnlich  kleinen  Buchstaben.  Wenn  aber  der  Heilige  wirklich  steno- 
graphiert hätte,  so  wäre  sein  System  mit  dem  identisch,  das  sonst 
Stenographie  von  Grottaferrata  genannt  wurde;  und  wir  haben  oben 
gesehen,  daß  dieser  Name  keine  Berechtigung  hat. 

Seit  man  also  der  mittelalterlichen  Tachygraphie  und  ihren  Ver- 
tretern größere  Aufmerksamkeit  zugewendet  hat,  haben  sich  Spuren 
dieser  Schultradition  in  viel  größerem  Umfang  gefunden  (s.  o.  S.  285 — 8G), 
als  man  früher  annahm;  und  der  Annahme,  daß  diese  Renaissance 
der  griechischen  Tachygraphie  von  dem  Kloster  Grottaferrata  ausging, 
ist  dadurch  der  Boden  entzogen. 

Spuren  Xach  dem  zehnten  Jahrhundert,  in  der  Zeit,  in  der  auch  im  Abend- 

lande der  Gebrauch  der  tironischen  Noten  aufhört,  werden  die  Spuren 
der  Kenntnis  dieses  tachygraphischen  Systems  allerdings  spärlicher, 
aber  sie  verschwinden  doch  nicht  ganz.  Noch  im  Jahre  1060  ist  der 
Schluß  der  Unterschrift  des  c.  Par.  1077  (s,  Omont,  Facsim.  mss.  gr. 
datäs  pl.  XXVI)  tachygraphisch  geschrieben:  x{ai)  'r  xzi'j'^i. 

Väh^b*  Für  das  Auftreten  der  griechischen  Tachygraphie  im  zwölften  Jahr- 

hundert haben  wir  auch  noch  einige  Belege.^  Später  gab  es  keine 
Tachygraphie  mehr;  aber  einzelne  tachygraphische  Verbindungen  wurden 
immer  noch  verstanden  und  in  der  gewöhnlichen  Schrift  angewendet. 
Diese  Ausläufer  griechischer  Schnellschrift  lassen  sich  bis  ins  14.  Jahr- 
hundert verfolgen;  vgl.  Allen,  Fourteenth  Century  tachygraphy  im  Journ. 
of  Hellen.  Stud.  XI.  1890  p.  286  ff.  (pl.  IX— X),  mit  interessanten  An- 
gaben über  den  c.  Vat.-Reg.  181  vom  Jahre  1364  n.  Chr.  Hier  werden 
nicht  nur  in  einzelnen  Partien  tachygraphische  Zeichen  in  größerm 
Umfange  angewendet,  sondern  F.  284  bietet  auch  einen  tachygraphi- 
schen Schlüssel:  ioixj]VE(u  t(ov  (TTSoeäjv  yganfiUTCov  tQv  arjiia8\j]x6jv, 
in  dem  die  tachygraphischen  Zeichen  namentlich  von  Endungen  und 
Präpositionen  und  kurzen  Worten  transcribiert  werden. 

Allen  macht  bei  dieser  Gelegenheit  noch  auf  ähnliche  Listen  auf- 
merksam: c.  Vatic.  gr.  2200  (s.  IX  —  X)  mit  der  Überschrift:  atjfisTa 
und  in  Modena  den  cod.  bibl.  Estens.  II,  D.  14  (s.  XV)  und  c.  Angelican. 
C.  2,  6  (s.  XVI):    Tiva   Yf'iic/.  /aoaxTiigifTficcTU,    (TvvTOfiiaq  /äoiv   tTjq   kv 


^  Vgl.  Desrousseaux,  A.  M.,  Notes  sur  quelques  manuscrits  d'Italie,  in:  Me- 
langes  d'archeologie  et  d'histoire  de  l'ecole  frangaise  ä  Rome.  VI,  1886  p.  554; 
VII,  1887  p.  212.  Schmidt,  J.,  Zur  Greschiclite  der  griech.  Tachygraphie  im  Mittel- 
alter, im  Arch.  f.  Sten.  1899  S.  165  ff.  — ,  Tachygr.  Aufnahme  und  Überlieferung 
von  Synodal-  und  Unionsverhandlungen  im  Zeitalter  der  Komnenen,  im  Arch.  f. 
Sten.  1901  S.  103  ff.  127  ff.  172  ff.  (gegen  diese  Darlegung  wendet  sich  W.Wein- 
berger,  Zur  griech.  Tachygi'aphie  im  12.  Jahrb.,  in  der  Byzant.  Zeitschr.  XII.  1903 
S.  324).  Schmidt,  J.,  Zur  Geschichte  der  griech.  Tachygraphie  im  Zeitalter  der 
Komnenen,  im  Arch.  f.  Sten.  1905  S.  209  ff.  Wendland,  P.,  Göttinger  Gel.  Anzeig. 
CLXIII,  1901  S.  781  ff. 


—     289     — 

TCO  yod(fStv,  und  die  ahhremationes  perpulcrae  scitu,  quibus  frequentissime 
graeci  utuntur  indifferenter  et  in  principio  et  in  medio  et  in  fine  dictionis 
in  der  griechischen  Grammatik  von  Aldus  Manutius  (Venedig  1507). 

Vom  14.  Jahrhundert  an  abwärts  wurde  nicht  mehr  tachygraphisch 
geschrieben,  nur  einzelne  tachygraphische  Zeichen  wurden  noch  der 
gewöhnlichen  Schrift  eingestreut.  Diese  tachygraphischen  Abkürzungen 
in  Minuskelschrift  ^  wurden  als  solche  nicht  mehr  verstanden  und  da- 
her vielfach  entstellt.  Sie  wurden  als  rein  conventionelle  Zeichen 
nachgeschrieben;  Schreiber  und  Leser  kannten  ihren  Sinn,  aber  der 
Gedanke  war  ihnen  abhanden  gekommen,  das  mehr  als  tausendjährige 
System  kennen  zu  lernen,  das  diese  wunderbaren  Zeichen  erklärte. 
Wenn  sich  ein  Schreiber  des  14.  Jahrhunderts  noch  immer  „Tachy- 
graph"  nennt,  so  w^ar  das  nichts  anderes  als  ein  gezierter  Ausdruck 
für  Schreiber;  er  selbst  verstand,  wie  die  Handschriften  zeigen,  höch- 
stens nur  einige  tachygraphische  Abkürzungen.- 

Ob  außer  diesen  genannten  noch  tachygraphische  Handschriften  fj^^^Tachy- 
existieren,  ist  mehr  als  zweifelhaft,  obwohl  es  in  den  Jahrbb.  f.  class.  8'*?^^« 
Philologie  63  S.  219  heißt:  „Dazu  kommt,  daß  sie  [d.  h.  Hesiodhand- 
schriften  des  Konstantin  Simonides]  —  —  mit  alten  stenographischen 
Zeichen  geschrieben  sind,  welche  wenige  von  den  Europäern,  von  den 
Griechen  aber  kaum  irgend  einer  zu  lesen  vermag."  Es  wäre  inter- 
essant, Proben   dieser  Simonideischen  Tachygraphie   kennen  zu  lernen! 

Hieran    schloß    sich  früher    eine   sehr   brauchbare   „Geographische  übersfc'ht' 
Übersicht",  alphabetisch  nach  dem  Aufbewahrungsort  der  tachygraphi- 
schen Schriftstücke  geordnet;   aus  Mangel   an  Platz  muß  ich   sie  hier 
unterdrücken   und  verweise   daher  auf  das  Archiv  f.  Stenogr.  57.    1906 
S.  53  und  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  134. 

Nur  einige  Nachträge  zu  meiner  Liste  möchte  ich  hier  aufnehmen:  Nachträge 

Cairo.  Zeit  erwähnt  Wenger,  Sitzungsber.  d. 

Catalogue  general  du  musee  du  Caire  Münch.  Akad.  1911  Abh.  8  S.  6—7. 

lO(ed.Grenf.etHunt).  1903Nr.l0015.  '          . 

10121.  10141.  10258.  ^'''^• 

Maspero,  J.,   Une  demi-ligne  en  tachy-  Mentz,  Die  griech.  Tachygr.  im  c.  Par. 

graphie,     ebendort    51.    1910    p.  78  gr-   3032:   Arch.  f.  Stenogr.   57.   1907 

Nr.  67045,  p.  113  Nr.  67076.  j       S.  193. 

München.  Straßburg. 

Tachygraphische  Schrift  in  der  Münch-      Straßbg.  Pap.  herausgeg.  v.  Preisigke  1 
ner  Papyrussammlung  byzantinischer   j       Nr.  1  S.  11  Anm.  17. 


*  Siehe  unten  Kap.  Abkürzungen. 

2  So  bezeichnet  sich  im  Jahre  1333  Marcianus  als  Taehygraph;  er  schrieb: 
Joh.  Chrysost.  Coisl.  73.  Psalmen  (s.  XIV.  ineunt.)  Neap.  II  A.  2.  —  Vgl.  Vogel- 
Gardthausen,  Griech.  Schreiber  S.  288,  sowie  Arch.  f.  Stenogr.  1893  S.  79.  —  Für 
das  15.  Jahrhundert  bietet  uns  ein  Beispiel:  Lambros,  Ot  Ta/vyQÜrfoi  rov  Bijaaa- 
Qiavog  in  der  Zeitschrift  iN'e'og  'Ellrjvouvrjfiav  II.  1905  S.  334  flf. 

Gardthausen,  Gr.  Paläographie.    2.  Au8.  II.  19 


—     290     — 
Drittes  Kapitel. 

Unterricht  und  System  der  Tachygraphie.' 

I7c([v']excüTr]g    ö    xal    ITaväorjq    zcöv  xexofffirjTsvxÖTCov   Tijq    O^vovy- 

/SITÜJV 

nöXecog  8iu  Fe^iXKov  (pilov  ldno}Jk(ovi(p  (TTjfi{e)ioyQc/.(fq)  /aiQStv.    crvve- 

(TT7](jä    (TOI 

XaiQäfifKDVo:  Sovlov  tiqoq  fxd&rjcrtv  GTjfxiicov  av  kniaxuxui  b  viö^  aov 
Ai[o\vvaioq   hnl    /oövov   erij   ovo   unb   tov   kveffTcurog   fii]vbg   fl^afie- 

VCO&    TOV 

5  bxTcoxatSsxdrov  'erovg  !AvT(ovivov  Kctiaagog  rov  xvqc'ov  pna&ov  tov 

(TVfineg)co- 
VTjfievov  Tiobg  ccXh'j'kovQ  äQyvgiov  Sgaxiiöjv  ixuTOv  sYxoai  x<^9h  ioori- 
xööv,    ^1   öjv   sa/SQ    r?jv   71Qc6ti]v   dÖGiv   iv   Sga/fiaTg   TBGaaQÜxovrUr 

rijv  öe 
divrigav  Xi'jiprj  rov  Ttcctdbg  dvstXrjcpörog  xb  xofiEvrc/.Q[i'\ov  öXov  hv  öqcc- 
xlßjaTg  T\_S(7ff]aoc/.xoVT(x,  ri]V  Sa  TQirrjv  h'j'ipofiui    knl  zelei  rov  /oö- 

VOV    TOV 

10  TicciSbg   hx   Tiavzbg  Xöyov    Tte^ov    yodcpovTog  xai   dvay£ivföa[xov]Tog 

d/xe/jiTtTCog 

T^g  \öe]  Xomdg  Sga/ficcg  TeaauQÜxovTu.    häv  Sk  h'zbg  tov  /[^qIövov 

avrbv 

änccQTiarjg  ovx  ixdi^ofiai  ti]V  TiQoxsifievrjv  7iQod-s(Tiji[i]ccv,  ovx  k^övTog 

jjioi  hvTbg  TOV  XQf^vov  Tbv  nuTda  uTioanav,  uaouiiavü  §e  ff[o]<  imstcc 

[Tb]v  xQ(^\j^ov]  baag 

käv    äQyi'iay    ijfieoag    i)  fxTjvag.    [Hovg]  ii]  AvToxoÜTOQog  KaiadQog 

TlTOV    u4lXtOV  lÄdQlCCVOV 

15  ^4vTCoveivov  JSaßuffTov  Eixreßovg   ^iafiEvoid-  6 

Oxyrhynclius  Papyri  P.  IV,  ed.  Grenfell  and  Hunt  Nr.  724  p.  204 — 5. 
Lehrvertrag  Dieser  Lehrvertrag^  über  tachygraphischeir"Unterricht  vom  Jahre 

155  n.  Chr.  gibt  uns,  wie  natürlich  zu  erwarten  war,  nicht  das  System 
der  Tachygraphie  seiner  Zeit,  aber  er  gibt  uns  wenigstens  —  was  da- 
mit aufs  engste  zusammenhängt  —  Winke  über  den  Unterricht.  Der 
zweijährige  Cursus  soll  120  Drachmen  kosten,  die  in  dreimaligen  Raten 
^tarkis""  2U  Zahlen  sind:  40  beim  Beginn,  40  wenn  der  Schüler  den  Commen- 
tarius^  gelernt  hat;   und  der  Eest  ist   zu   zahlen,   wenn  er  vollständig 


^  Siehe  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1,  137. 

^  Vgl.  Wessely,  Der  Vertrag  eines  Tachygraphielehrers  aus  Ägypten,  siehe 
Dewischeits  Arch.  f.  Stenogr.  56.  N.  F.  1.  Berlin  1905  S.  36.  Der  Herausgeber 
berechnet  das  Lehrgeld  als  87  M.  60  Pfg.  entsprechend. 

^  Commentarius  ist  das  Lehrbuch;  daher  Commentarius  Gai.  Dirksen,  Ma- 
nuale latinitatis  fontium  iuris  civilis  Romanorum.    Berol.  1837.    Commentarius  = 


—     291     — 

lesen  und  schreiben  kann.  Der  Contract  zeigt  uns  nebenbei,  daß  nicht 
nur  der  Vater  Apollonius,  sondern  auch  sein  Sohn  Dionysius  Semeio- 
graphen  waren;  wenigstens  in  Ägypten  scheint  sich  also  die  Kunst  oder 
das  Handwerk  vom  Vater  auf  den  Sohn  vererbt  zu  haben. 

Die  Methode  war  bei  der  Tachygraphie  dieselbe  wie  bei  der  ge-  Methode 
wohnlichen  Schrift.  Auch  im  tachygraphischen  Unterricht  lernte  man 
erst  das  Alphabet,  dann  das  Syllabar;  und  beim  Syllabar  schritt  man 
allmählich  fort  von  den  einfachen  zu  den  schwierigeren  Verbindungen. 
Zunächst  prägte  sich  der  Schüler,  bei  dem  syllabaren  Charakter  der 
Schrift,  Form  und  Zusammensetzung  von  verbundenen  Buchstaben  ein. 
Wie  es  scheint,  war  die  Vorschrift  des  Lehrers  so  angeordnet,  daß  der 
Schüler  sich  erst  einzelne  Silben,  dann  aber  Gruppen  von  vier,  acht  usw. 
Buchstabenverbindungen  einprägen  mußte;  in  diesem  Sinne  verstehe 
TSToäg,  oaxäi^  usw.  bei  Basilius  M.  (gest.  379  n.  Chr.),  De  virginitate 
(ed.' Paris.  1730)  III  p.  618  A.: 

yiaX  WS  ö  cniHUOYQcccfiixtiv  ri'/viiv  fjic/.&fhv,  tic/.vtojv  tGjv  (TTjfisiav  rä  t/Ü- 
fiaTCC  xui  TU  övöfxara,  aklä  xat  rovgrvTtovgröüV  öxrädcov  ^ioei  xairsTQä- 
d'(i)v  iv  rfi  ipv/f/  rvTicoaäfxevog  xai  Tioög  rijv  /osiav  tü)v  VTic.yooevofxävfav 
dicc  rfjg  x^i'jog  xä  kv  ry  tpvxfj  ruTg  fiv/'jficcig  h/ysyoafxfiiva  km  rou  (Uk- 
Tov  ÖEixvvei-  xai  a  y,h  söei^s  (TTjfieia  m  yQucpeio)  /ccoä^ag-  u  de  fiydiuco 
d'ioc  xsiQog  ösixi^evra,  iv  rfj  ipv/fj  ofxcog  äTtoyeyoafifieva  ccnöxstrui-  ovrro 
xui  1}  ipv/ii  —  —  — 

ßrAA'  (bg  kxü  6  fiaß-ojv  xa  aijfjieTci  öcjxs?mcc  xov  8iayQÜcf,f.adc/.i  xuvxa, 
h)d'ri  uvxu  xTig  fjivi'jfjiijg  uv  äTtoßdlot,  (hg  (xijxexi  Xomov  rw  /qövo)  u?]- 
Ssfiiäg  uvoKfeoeiv  öxxdÖog  (y/fjfic!  /)  rvnov,  ))  övofjLUcriav  elg  fivi'jfiyv, 
ovxco  —  —  — } 

Wenn  Johnen,  Gesch.  der  Stenogr.  1  S.  143,  zur  Erklärung  der 
tachygraphischen  Schrift  bis  auf  das  System  des  Akropolissteines 
zurückgegriffen  hat,  so  können  wir  ihm  darin  nicht  folgen. 


Expositio  continua.  Commentariensis  =  Actorum  publicoram  exceptor;  s.  Commen- 
tarii  de  Ruggiero  Dizionario  epigraf.  s.  v. ;  vgl.  Thesaurus  ling.  lat.  s.  v.  commen- 
tarius  p.  ia58  =  doctrinae  vel  artis  expositio.  Ebenso  commentum  s.  Basilius,  M., 
ed.  Paris.  1730.  III  p.  618  B  (de  virginitate):  wc  ovp  xuv  firj  YQ"V>li  V  /"?  ^«  aijfista, 
ö'juwf  Toi;  a/jniaat,  tojv  arjueicop  r)  xpvyjj  öItj  unavca/ov  staTayey^a.icai,'  y.ai  6  unoÖvaag 
TÖ  ffWjU«  lÖoi  av  avi'rjv  tw  kByofiBvfi}  xoufiavio)  nüactv  xaiuyayQafinEfijv  —  —  — . 
a  commentariis  CLL.  VI,  8623—27;  commentariensis  III,  1997,  258;  collegium 
Faustinianum  commentariensium  III,  6077;  adiutores  a  commentaris.  Ephem.  epigr.  5 
p.  301  Nr.  347 — 49.  a  commentariis  vehiculorum,  Wilmanns  Exempla  1375.  com- 
mentariesi  aurariarum  delmatarum,  Wilmanns  Exempla  1416.  a  comment.  rat. 
hereditat.,  Wilmanns  Exempla  1379. 

^  Die  Erklärung  von  Mentz  „Der  ganze  Commentar  zerfiel  in  leiQÜöeg  und 
diese  wieder  in  öxiäöe;^',  Arch.  f.  Stenogr.  58.  1907  S.  135  verstehe  ich  nicht. 

*  Nestle,  E.,  Arch.  f.  Stenogr.  57.  1906,  dem  wir  diese  interessante  Stelle  ver- 
danken, sagt  S.  106:  „bei  Basilius  paßt  Octav-  und  Quartformat  nicht."  Das  ist 
selbstverständlich. 

19* 


—     292     — 

Unsere  Kenntnis  der  griechischen  Tachygraphie  ^  beruht  auf  zwei 
^rupprn'  verschiedenen  Gruppen  von  Denkmälern:  auf  den  Wachstafeln  und 
Papyrusfragmenten  aus  der  letzten  Zeit  des  Altertums  und  den  Per- 
gamenthandschriften namentlich  des  zehnten  Jahrhunderts;  und  zu 
dieser  letzteren  Gruppe  müssen  wir  auch  die  tachygraphischen  Ab- 
kürzungen in  gewöhnlicher  Schrift  rechnen.  Die  erste  Gruppe  nennen 
mttei*aiteH  ^^^^  ^^^  ^^^^  ägyptische,  die  zweite  die  mittelalterliche  oder  Bücher- 
tachygraphie. 

Zeitlich  und  örtlich  ist  der  Unterschied  groß,  und  es  wäre  zu  ver- 
wundern, wenn  er  sich  nicht  im  System  bemerkbar  machte.  Aber  eine 
besondere  Behandlung  beider  Systeme  ist  doch  untunlich,  weil  wir  von 
der  alten  Tachygraphie  nicht  umfangreiche  Proben  haben,  von  denen 
wir  nur  wenig  verstehen,  von  der  mittelalterlichen  dagegen  umfangreiche 
Stücke,  sogar  ganze  Seiten  relativ  gut  erhalten,  die  wir  häufig  bis  auf 
die  letzte  Silbe  lesen  können.  Wessely  bezeichnet  die  Tachygraphie 
des  Mittelalters  als  lesbar,  aber  die  der  Papyri  des  Altertums  als  unver- 
ständlich: „Dagegen  ist  die  ältere,  hier  vertretene  Form  der  Tachy- 
graphie, von  der  Prol)en  auf  Papyrus  aus  dem  dritten  bis  achten  Jahr- 
hundert n.  Chr.  vorliegen,  vorläufig  noch  völlig  rätselhaft," ^  Dieses 
pessimistische  Urteil  möchte  ich  nicht  ohne  weiteres  unterschreiben, 
denn  es  läßt  sich  doch  zeigen,  daß  beide  Systeme  bis  zu  einem  ge- 
wissen Grade  übereinstimmen.  Die  Tachygraphie  der  Wachstafeln  hat 
zaubefpap.'  Wcsscly  selbst  entziffert.  Als  Beispiel  wähle  ich  hier  die  magische 
Unterschrift  S.  282,  weil  wir  hier  die  kryptographische  Beischrift  stets 
zur  Controlle  der  tachygraphischen  Lesung  heranziehen  können;^  es 
sind  doch  neben  dem  Rätselhaften  auch  Übereinstimmungen  vorhanden; 
wenigstens  in  den  ersten  Buchstabengruppen. 

Die  erste  Gruppe  scheint  mir  einfach  ein  Kreuz  zu  sein;  die 
kleine  hochgestellte  ^  weiß  ich  nicht  zu  erklären.  Dann  folgt  ein 
richtiges  tachygraphisches  1  (tt),  verbunden  mit  dem  Querstrich  eines  t. 
Im  Mittelalter  hätte  man  diesen  Buchstaben  durch  zwei  Punkte  aus- 
gedrückt; hier  sehen  war,  wie  diese  Punkte  sich  aus  dem  Querstrich 
des  T  entwickelt  haben.  Über  diesem  tit  sieht  man  deutlich  ~;  das- 
kann  nur  Tiar  (nicht  tiot)  gelesen  werden.  Die  dritte  Buchstabengruppe 
bleibt  unklar;  von  dem  -ifffia  ließe  sich  höchstens  das  a  erkennen. 
Die  vierte  und  fünfte  Gruppe  dagegen  [xaXöv]  ist  recht  gut  lesbar:  die 
vierte  xa —  könnte  auch  im  Mittelalter  nicht  anders  geschrieben  werden; 


'  Darstell,  des  Systems  s.  Wessely,  Denkschr.  d.  Wien.  Akad.  1896.  IV  S.  31. 
Wessely,  C,  Krit.  Studien  z.  altgiiech.  Tacliygr. :  Arcli.  f.  Stenogr.  54.  1902  S.  1. 
Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  137. 

^  Wessely,  Stud.  z.  Pal.  u.  Pap.  3.  1904  —  1908.    Vorrede. 

^  Vgl.  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  143:  Gleiche  Zeichen  in  beiden  Syste- 
men [13  resp.  15  Buchstaben,  namentlich  Vocale]. 


—     293     — 

die  fünfte  Xov  beginnt  mit  einem  deutlichen  A,  der  kleinere  Strich  nach 
rechts  ist  allerdings  überflüssig;  aber  das  ov  wird  durch  die  gewöhn- 
liche tachygraphische  Abkürzung  ^  ausgedrückt,  die  sich  noch  in  den 
alten  Drucken  findet;  in  der  mittelalterlichen  Tachygraphie  wäre  dieses  ^ 
allerdings  direct  in  das  A  hineingelegt.  Die  letzten  drei  Worte  kann 
ich  nicht  lesen. 

Es  sind  also  Übereinstimmungen  bei  beiden  Systemen  vorhanden, 
aber  es  fehlt  doch  viel  daran,  daß  wir  die  tachygraphischen  Notizen 
des  Altertums  nach  den  Regeln  der  mittelalterlichen  lesen .  könnten. 
Ich  verweise  namentlich  auf  die  gut  erhaltene  Wachstafel  im  Brit. 
Museum  (s.  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  123),  deren  Schrift  noch 
nicht  gelesen  ist. 

Eine  wirkliche  Schnellschrift,  mit  der  man  dem  gesprochenen 
Worte  folgen  kann,  ist  nur  möglich,  wenn  man  sich  entschließt,  nicht 
das  Wort,  sondern  den  Buchstaben  abzukürzen  und  manches  anzudeuten 
durch  Form,  Lage  und  Größe.  Außerdem  aber  gab  es  allerdings  noch 
tachygraphische  Zeichen,  namentlich  Endungen,  die  in  das  System  über- 
haupt nicht  passen. 

Die  Vocale. 

„Diese  Systeme'*,  sagt  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  138  „haben 
denselben  vocalischen  und  silbenmäßigen  Aufbau  —  — .  Nur  den 
Vocalen  sind  eigene,  aus  sich  selbst  verständliche  Zeichen  zugeteilt; 
die  Consonanten  werden  nur  in  Verbindung  mit  den  Vocalen  in  be- 
sonderen Silbenzeichen  dargestellt."" 

Ein    horizontaler    Strich  ist  a,^    ein    verticaler    I:  /;    ein    dia-   Einzelne 

'  '  Formen 

gonaler  /  bezeichnet  in  der  mittelalterlichen  Tachygraphie  das 
kurze  und  das  lange  e,^  während  früher  das  €  durch  einen  Halb- 
kreis 3  ausgedrückt  wurde.  Das  0  behielt  im  Altertum  seine  ge- 
schlossene Form,  im  Mittelalter  verwendete   man   einen  Halbkreis  mit 

einem  Schwanz    c,     ,    während    das   o)    die    Form    ~    annahm;    das   v 

blieb  im  wesentlichen  unverändert:  V-  Aber  man  vermied  es  möglichst, 
diese  Buchstaben  unverbunden  anzuwenden;  man  zog  es  vielmehr  vor,  die 
Vocale  so  auszudrücken,  daß  man  dem  letzten  Teil  des  vorhergehenden 
Consonanten  die  Lage  des  folgenden  Vocals  gab;  es  gab  also  eine  a- 
Lage,  eine  /-Lage  und  eine  e-Lage. 


^  Siehe  die  Tafel  bei  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1  S.  139. 

^  Wenn  Wessely,  Ein  System  S.  33,  meint,  ,,da8  neutachygraphische  Zei- 
chen [/]  hat  durch  seine  Einfachheit  den  Schein  höheren  Alters  für  sich",  so 
kann  ich  ihm  darin  nicht  beistimmen.  Eine  so  praktische  Disciplin  wie  die 
Tachygraphie  vervollkommnet  sich  durch  den  Gebrauch. 


—     294     — 

Auch  die  vocalischen  Endungen  sind  frei  erfundene  Zeichen,  so- 
weit sie  nicht  durch  Combinierung  der  tachygraphischen  Buchstaben 
ausgedrückt  werden,  a  und  av  ist,  wie  gesagt,  eine  kurze  Horizontale, 
ungefähr  doppelt  so  lang  bedeutet  das  Zeichen  ev.  Ein  diagonaler 
Strich  von  links  nach  rechts  bedeutet  im  Altertum  wie  im  Mittelalter  ov. 
Eine  Diagonale  von  links  unten  nach  rechts  oben:  oi\  es  ist  also  das- 


achygr. 

z. 

^[i\ 

[0'.^] 

[süo] 

t.  z.  «/A 

» 

V 

'/M 

t.  Z.    Of5  + 

t.  z.  o/p 

„  „  av[X] 

?» 

•> 

'M 

+ 

^.  „  «^? 

„  .,    ovo  + 

V    V    "{^] 

verwischt 

oH 

r  ^j  «(^ 

+« 

,.  ..    al 

„  J,   o/[A] 

t.  z. 

v[.i\ 

r,  •,  »1? 

:,    „     «^ 

,,  „  oi{A] 

;>   )> 

^[.i 

r,  r  '> 

„  V    V^ 

•?   ?? 

<'.^] 

»    ,»     0? 

r    ,:     '^ 

ört„  „ 

,1  „  v? 
[öjp] 

[a)A] 

[afp] 

Fig.  71.    Tachygr.  Syllabar,  verkleinert  (Papyrus  d.  5.-6.  Jh.). 
Wessely,  Denkschr.  d.  Wien.  Akad.  1895.  45.  IV,  19. 

selbe  Zeichen  wie  bei  ?/,  nur  länger;  auch  iv  ist  leicht  damit  zu  ver- 
wechseln, deshalb  wird  hier  die  Diagonale  manchmal  etwas  gewölbt. 
ov  ist  eine  Diagonale  von  links,  die  nach  rechts  unten  in  einen  Halb- 
kreis ausläuft    vo     ;  das  entgegengesetzte  Zeichen       9     ist    ein    nach 

unten  offener  Halbkreis,  der  in  eine  Diagonale  ausläuft  und  bedeutet  oiq. 
ovq  ist  ein  energischer  senkrechter  Strich,  ähnlich  wie  /;  es  wäre  also 
interessant,  zu  sehen,  wie  nach  diesem  System  lovg  ausgedrückt  wurde. 
etg    ist    ein    nach    unten    gerichteter    spitzer  Winkel,    ähnlich  wie    ev^. 


—     295     — 

Auch  die  Endung  7;g  ist  zu  den  rein  Conventionellen  Zeichen  zu  rech- 
nen, denn  während  i]  eine  Diagonale  nach  rechts  oben  ist,  wird  tjq 
durch  eine  Diagonale  nach  rechts  unten  ausgedrückt  mit  einem  Häk- 
chen am  Anfang  und  Ende. 

Die  conventioneilen  Zeichen  werden  vielfach  mit  den  tachygraphi- 
schen  Buchstaben  combiniert;  dadurch  entstehen  tachygraphische  Grup- 
pen von  drei,  vier  und  mehr  Buchstaben.  Bei  diesen  Gruppen,  mögen 
sie  nun  aus  conventionellen  Zeichen  oder  wirklichen  Buchstaben  be- 
stehen, beobachtet  der  Schreiber,  daß  alles  vorhanden,  oder  doch  an- 
gedeutet sein  muß,  aber  in  bezug  auf  die  Anordnung  erlaubt  er  sich 
Freiheiten,  ungefähr  so  groß  wie  beim  Monogramm.  Wenn  wir  z.  B. 
das  Zeichen    für  aio    in    der  alten  Tachygraphie  verstehen  wollen,    so 

müssen  wir     c/j     auflösen  in  «^  - 1    d.  h.  oai ;   ebenso  bemerkt  Johnen, 

Gesch.  d.  Stenogr.  1,  144:' we  statt  em. 

Die  Consonanten 

sind  in  den  von  Wesselj^publicierten  Syllabaren  der  Papyrusfragmente 
und  Wachstafeln,  die  für  Übergangszwecke  zusammengestellt  sind,  etwas 
stiefmütterlich  behandelt;  man  sieht,  daß  der  Lehrer  stets  von  den 
Vocalen  auszugeben  pflegte. 

Das  B  kommt  in  unseren  Syllabaren  nicht  vor;  in  den  Leipziger 
Papyrusfragmenten  ist  es  mehrmals  voll  ausgeschrieben.  In  der  mittel- 
alterlichen Tachygraphie  verwendet  man  für  die  Verbinduog  ßa  die 
rechte  Hälfte  eines  uncialen  B  mit  einem  Horizontalstriche  als  Aus- 
gangspunkt, um  das  a  anzudeuten;  in  den  übrigen  Verbindungen 
brauchten  die  mittelalterlichen  Tachygraphen  das  cursive  ß  («)  mit 
einem  Aufstrich  beginnend. 

Das  r  wird  in  der  alten  Tachygraphie  dadurch  vereinfacht,  daß 
man  die  eine  Hälfte  wegläßt  oder  in  dem  vorhergehenden  Buchstaben 
angedeutet  sein  läßt,  so  z.  B.  bei  vy  und  coy;  ob  der  Buchstabe  wage- 
recht (s.  ovy)  oder  schräg  steht,  ist  durch  die  Umgebung  bedingt.  In 
der  mittelalterlichen  Tachygraphie  ist  der  rechte  Winkel  des  f  zu  einem 
kleinen  Halbkreis  c  abgerundet,  an  den  die  Endungen  entweder  direct 
oder  durch  Vermittlung  eines  senkrechten  Verbindungsstriches  an- 
gesetzt werden. 

A  ist  in  der  alten  Tachygraphie  nur  einmal  verstümmelt  erhalten, 
„ein  Strich  nach  links  herab  in  mittlerer  Größe".  Man  scheint  hier 
wie  später  im  Mittelalter  von  den  drei  Strichen  des  Dreiecks  nur  zwei 
beibehalten  zu  haben,  die  sich  meist  unter  einem  rechten  Winkel  treffen, 
aber  in  der  Verbindung  von  de  auch  unter  einem  spitzen;  abgerundet 
wird  er  nur  bei  dta. 


Einzelne 
Formen 


—     296     — 

Das  Z  kann  in  der  alten  und  in  der  mittelalterlichen  Tachy- 
graphie  leicht  mit  0  und  mit  E  verwechselt  werden.  Das  tachygra- 
phische  Z  scheint  aus  der  gewöhnlichen  Form  vereinfacht  zu  sein,  mit 
der  es  den  schrägen  Stamm  in  der  Mitte  gemeinsam  hat;  die  Quer- 
striche oben  und  unten  sind  aber  ersetzt  durch  ein  ziemlich  spitzes 
Häkchen  oben. 

Das  0  hat  fast  dieselbe  Form,  aber  hier  ist  das  Häkchen  runder;  und 
der  schräge  Stamm  des  Buchstabens  kann  auch  umgelegt  werden  nach 
der  entgegengesetzten  Seite. 

Das  tachygraphische  K  ist  in  beiden  Systemen  die  charakteristische 
rechte  Hälfte  des  uncialen:  ein  spitzer  Winkel,  der  sich  nach  rechts 
öffnet;  die  folgenden  Buchstaben  werden  meist  direct  angeschlossen, 
selten   durch  Vermittlung  eines  verticalen  kleinen  Verbindungsstriches. 

Das  A  ist  ein  noch  oben  gerichteter  spitzer  Winkel.  In  der  alten 
Tachygraphie  pHegt  man  die  erste  Hälfte  auszulassen,  wenn  sie  in  dem 
vorhergehenden  Buchstaben  angedeutet  war;    gelegentlich  wurde  auch 

die    zweite    Hälfte    w^eggelassen    )    il   im    Gegensatz    zu  /^    e?..      Die 

mittelalterlichen  Tachygraphen  schrieben  beide  Hälften  des  Buchstabens, 
wenn  auch  die  erste  etwas  verkümmert  und  den  Winkel  meist  ab- 
gerundet. 

Das  M  hat  im  Altertum  und  im  Mittelalter  dieselbe  Form  (ebenso 
wie  in  den  tironischen  Noten);  es  ist  die  Quintessenz  der  uncialen  Form; 
ein  lang  gestreckter  ~  vertritt  den  oberen  Winkel  und  ist  gestützt  auf 
denselben  Stamm  wie  in  der  Unciale. 

Das  N  erfordert  drei  Striche;  das  ist  zu  viel  für  den  Tachygraphen; 
dennoch  kommt  diese  Form  im  Altertum  und  im  Mittelalter  vor.  Im 
Anlaut  braucht  man  allerdings  nicht  N,  sondern  M-  Aber  am  Schlüsse 
vocalischer  Endungen  wie  ijv,  vv,  cov,  uiv,  uvv  verwendete  man  im 
Altertum  einen  Querstrich  nach  rechts  oder  links;  vielleicht  dachte 
man  daran,  daß  auch  in  der  Unciale  das  Schluß-N  durch  —  ersetzt 
wird  (  ev,  IV,  ov  [\]  und  ovv  sind  systemwidrig).  Im  Mittelalter  wird 
das  auslautende  v  ähnlich  ausgedrückt  in  ccv^  ev,  ijv,  sonst  aber  wird 
das  M  hier  in  größerem  Umfange  angewendet. 

E  ist  im  Altertum  und  im  Mittelalter  dem  Z  ähnlich:  ein  Haken 
links  von  einem  schrägen  Stamm;  die  Verwechselung  dieser  allerdings 
seltenen  Buchstaben  muß  im  Altertum  leicht  gewesen  sein;  in  der 
mittelalterlichen  Tachygraphie  pflegte  man  deshalb  das  |  durch  zwei 
diakritische  Punkte  vom   'C.  zu  unterscheiden. 

TT  hat  im  Altertum  den  ersten  und  dritten  Strich  abgeworfen :  — ; 

im  Mittelalter  nur  den.  ersten:      -\    .     Aber  im  Altertum  brauchte  man 


—     297     — 

diese  Form  nur  im  Anlaut.  Im  Auslaut  schrieb  man  meistens  eine 
lange  Diagonale  von  unten  links  nach  oben  rechts. 

P  hat  im  Altertum  und  im  Mittelalter  das  Wesentliche,  d.  h.  die 
Schlinge  oder  Kreis  beibehalten  und  manchmal  auch  seinen  Stamm. 

Beim  C  ist  in  beiden  Systemen  der  Halbmond  für  den  Anlaut 
stets  die  Grundform  geblieben,  das  tritt  namentlich  in  den  mittelalter- 
lichen Formen  deutlich  zutage.  Für  das  auslautende  a  brauchte  das 
Altertum  einen  langen  nach  rechts  ansteigenden  schrägen  Strich,  nur 
bei  7/^  senkt  sich  der  Strich  von  links  oben  nach  rechts  unten;  ovi  ist 
ein  langer  senkrechter  Strich  nach  unten. 

Bei  T  ist  der  Unterschied  groß  zwischen  der  alten  und  mittel- 
alterlichen Tachygraphie.  Das  T  des  Altertums  schließt  sich  eng  an 
die  epigraphische  Form;  im  Auslaut  bildet  es  mit  dem  vorhergehenden 
Vocal  ein  Kreuz,  +  ccr,  ähnlich  bei  7/r  und  sogar  bei  ox.  Im  Anlaut 
ist  vom  T  nur  der  Stamm  übrig  geblieben,  der  direct  mit  dem  folgen- 
den Vocale  verbunden  wird.  Im  Mittelalter  dagegen  wurde  der  r-Laut 
durch  zwei  Punkte  neben  oder  über  dem  vorhergehenden  Buchstaben 
angedeutet. 

Die  letzten  drei  Consonanten  haben  ihre  ursprüngliche  Form  im 
Altertum  und  im  Mittelalter  möglichst  getreu  beibehalten. 

0  ist  in  beiden  Systemen  (nicht  ein  Kreis,  sondern)  ein  Halbkreis, 
durchschnitten  von  einer  Senkrechten;  dieser  Halbkreis  wird  in  einzel- 
nen Verbindungen,  z.  B.  rpa  auf  einen  Viertelkreis  reduciert,  der  direct 

an  den  etwas  geneigten  Stamm  des  Buchstabens  angesetzt  wird    ^     (fu- 

+  hat  genau  die  gewöhnliche  Foriu  im  Altertum  w-ie  im  Mittel- 
alter. 

Y  unterscheidet  sich  von  <X>  dadurch,  daß  der  Halbkreis  nach 
unten  gewendet  ist. 

Mit  einem  Worte  sei  noch  auf  einen  Unterschied  der  alten  und 
mittelalterlichen  Tachygraphie  verwiesen.  Punkte,  die  den  Schreibenden 
sehr  aufhalten,  pflegten  im  Altertum  zur  Bezeichnung  von  Buchstaben 
nicht  angewendet  zu  werden,  wohl  aber  im  Mittelalter.  Durch  einen 
Punkt  pflegte  man  bei  den  Vocalen  das  ei  vom  i  zu  unterscheiden; 
zwei  Punkte  rechts  und  links  von  einer  Senkrechten  oder  Horizontalen 
bedeuten  ein  voraufgehendes  r;  auch  die  Formen  von  i;  und  |,  die 
leicht  verwechselt  werden  konnten,  wurden  dadurch  unterschieden,  daß 
man  dem  |  zwei  diakritische  Punkte  hinzufügte  und  drei  Punkte  :  sind 
im  Mittelalter  ein  conventionelles  Zeichen  für  xui.  Wir  haben  hier 
einen  neuen  Beweis  dafür,  daß  die  Schreiber  im  Mittelalter  mehr 
Zeit  hatten,  daß  damals  Schnelligkeit  nicht  mehr  als  einzig  maßgebend 
betrachtet  wurde. 


—     298     — 

Im  einzelnen  ist  hier  durch  genaues  Studium  der  Handschriften 
noch  manches  nachzuholen;  daß  aber  durch  Erschließung  der  Biblio- 
theken von  Constantinopel  bedeutende  Aufschlüsse  zu  erwarten  waren, 
wie  Johnen,  Gesch.  d.  Stenogr.  1   S.  149  meint,  ist  kaum  zu  hoffen. 


Viertes  Kapitel. 

Kryptographie. 

Die  eben  erwähnten  künstlichen  Schriftarten  der  Griechen  sollten 
durchaus  keine  Geheimschriften  sein,  sondern  vielmehr  gemeingriechisch 
werden;  unverständlich  wurden  sie  erst,  als  das  große  Publicum  sie 
ablehnte  und  bei  der  gewöhnlichen  Schrift  verharrte.  Daneben  gab 
es  aber  noch  künstliche  Schriftarten,  die  erfunden  waren,  um  nicht 
verstanden  zu  werden.  Wie  man  gesagt  hat,  die  Sprache  habe  den 
Zweck,  die  Gedanken  zu  verhüllen,  so  hatten  die  Griechen  eine  Ge- 
heimschrift, die  erfunden  war,  damit  sie  nicht,  oder  doch  nicht  von 
der  großen  Menge  verstanden  werde;  das  war  die  Kryptographie. 

Wenn  jemand  einen  Brief  auf  das  Holz  statt  auf  den  Wachsüber- 
zug der  Wachstafeln  oder  auf  die  Kopfhaut  des  Boten  schreibt^  oder 
durch  irgend  eine  Kriegslist  den  Feind  selbst  zum  Überbringer  der 
Botschaft  macht,  die  jener  aufzufangen  beabsichtigt,  oder  auch  seinen 
Brief  in  dunklen  Anspielungen  und  Redewendungen  abgefaßt  hat,  die 
nur  Eingeweihte  verstehen  können,-  so  ist  dies  allerdings  eine  geheime 
sSSÄd  Schrift,  aber  noch  keine  Geheimschrift,  ebenso  wie  die  oben  erwähnten 
*^8ch^m'  Akrostichen,  die  neben  dem  offenen  auch  noch  einen  geheimen  Sinn 
haben,  wenn  man  bestimmte  Buchstaben  in  bestimmter  Weise  ver- 
bindet. Auch  die  Verständigung  durch  Signale,  die  man  bis  in  mythi- 
sche Zeiten  zurückverfolgen  kann,  ferner  die  optischen  Telegraphen, 
wie  sie  Polybius  10,  44  beschreibt,  und  überhaupt  die  vielgestaltigen 
Zeichensprachen  fallen  weder  ins  Gebiet  der  Schrift  noch  der  Krypto- 
graphie. Dazu  gehört  vielmehr,  daß  die  Buchstaben,  die  Elemente  der 
Schrift,  infolge  einer  Übereinkunft  einen  anderen  Wert  oder  andere 
Ordnung  haben,  als  im  gewöhnlichen  Leben. 

Da  also  zwei  beliebige  Privatpersonen  sich  eine  Kryptographie 
s*^me    zurechtmachen   können,    so    ist    die  Zahl  der  Systeme  sehr  groß,^  wie 


1  Gellius  n.  a.  17,  9,  4. 

■^  Am.  Marc.  18,  6,  18;  vgl.  Suidas  s.  v.  avvd^rjuuiixüjg  {yQäq)Eiv). 

*  Acad.  des  inscr.  et  b.  lettr.  Sitzung  vom  22.  Sept.  1911:  Ruelle  lit  uue 
notice  sur  la  cryptographie  grecque,  qu'il  a  fait  suivre  d'un  tableau  synoptique 
de  39  alphabets  secrets.     II  fait  aiasi  connaitre  des  series  alphabetiques,   presque 


—     299     — 

sie  z.  B.  in  großer  Vollständigkeit  zusammengestellt  werden  in  G.  Seleni 
[Systema  integrum  cryptographiae)   Cryptomenytices  et  cryptographiae  lihri  IX, 

in  quihus  et  planissima  Steganographiae  a  lo.  Trithemio conscriptae 

enotaiio  traditur,  Lüneburg  1624,^  wo  z.  B.  p.  298  Proben  einer  voll- 
ständig alphabetischen  Schrift  gegeben  sind,  ohne  daß  auch  nur  ein 
einziger  Buchstabe  geschrieben  wäre,  wo  vielmehr  die  Buchstaben  be- 
zeichnet werden  durch  die  verschiedenen  Entfernungen  einzelner  schein- 
bar ganz  willkürlich  gesetzter  Punkte,  deren  Reihenfolge  durch  eine 
hineingemalte  Spirale  bezeichnet  wird. 

Bei  der  Entzifferung  kryptographischer  Alphabete  können  vielleicht 
manchmal  die  Alphabete  der  von  den  Griechen  beeinflußten  Völker 
auf  den  richtigen  Weg  leiten.^ 

Da  hier  alles  von  dem  Belieben  des  einzelnen  abhängt,  so  ist  es 
natürlich  oft  unmögKch,  den  Sinn  zu  erraten,  wenn  man  sich  nicht  vor- 
her auf  irgend  eine  Weise  in  den  Besitz  des  Schlüssels  gesetzt  hat, 
weil  man  sich  von  den  sehr  mühsamen  Dechiffrierungsversuchen  kaum 
irgend  ein  Resultat  versprechen  kann.  —  Wichtige  Geheimnisse  sind 
es  allerdings  meistens  nicht,  die  wir  erfahren;  die  mittelalterlichen 
Handschriften  geben  meistens  den  Namen  des  Schreibers  und  die  Zeit 
der  Handschrift;  der  Inhalt  wird  meistens  nicht  berücksichtigt. 

Die  einfachste  Art  der  Kryptographie  ist  ohne  Frage  die,  ein 
Alphabet  zu  wählen,  das  zwar  einigen,  aber  doch  den  meisten  nicht 
bekannt  ist. 

Gerade    so,    wie   ursprünglich    bei    einem    schriftlosen  Volke   jede  ßudfs't'^'^iüs 
Schrift   Kryptographie    ist,    durch    die    der  Wissende    zum   Wissenden  ^^*- ^7?'**" 

v»  1       o      1  j  grapme 

redet,  so  bildet  sich  im  weiteren  Verlauf  der  Entwicklung  eine  geistige 
Aristokratie,  die  neben  der  einheimischen  auch  noch  eine  oder  mehrere 


toutes  inedites  accompagnees  de  leur  clef,  et  il  mentionne  en  outre  une  vingtaine 
d'exemples  de  groupes  cryptogr.,  dont  la  clef  n'a  pas  encore  ete  trouvee;  s.  Revue 
Critique  Oct.  1911  p.  300. 

^  Die  ältere,  ziemlich  reichhaltige  Litteratur  über  diesen  Gegenstand  siehe 
Wehrs,  Vom  Papier  S.  650 — 651  und  dazu  Supplemente  S.  154 — 156.  Vgl.  im  all- 
gemeinen Montfaucon,  Pal.  Gr.  285 — 290  und  Lupi,  Cl.,  Manuale  di  paleografia 
delle  carte  p.  145 — 152  delle  cifre  segrete.  Thompson-Lambros,  Palaeogr.  S.  156, 
Archivalische  Ztschr.  Bd.  9.  11.  12.  N.F.  2  S.  45.  184.  u.  3.  21  (m.  Tafeln).  Ruelle,  C. 
und  Martha,  J.,  Note  relative  k  la  cryptographie  grecque:  Bull,  de  la  Soc.  des 
Antiquaires  de  France  2.-trim.  1894  p.  120—122  u.  126—127.  Ruelle,  C.  E.,  La 
cryptogr.  grecque  vgl.  Rev.  crit.  Jahrg.  46.  I.  398.  Lambros  verweist  auf  seinen 
Aufsatz  ^vußoXal  ttg  tijv  t).).rjvixf]v  xQvnToyQaqiinv,  in  der  mir  nicht  zugänglichen 
Zeitschrift  'JinEirjQlg  lov  'E&pixov  HapenKitrjfiiov  (ohne  Zahl).  Wagner,  F.,  Studien  zu 
einer  Lehre  von  der  Geheimschrift  s.  v.  Löher,  Archival.  Ztschr.  12  und  13. 

^  Vgl.  Kaluzniäcki ,  Bfitr.  z.  älteren  Geheimschrift  der  Slaven.  Sitzungsber. 
der  Wiener  Akad.  102,  I.  1882  S.  287—308.  Ewald,  Gotische  Geheimschr.:  Arch. 
f.  ältere  dtsch.  Gesch.  8.  2  S.  357—360. 


—     300     — 

fremde  Schriftarten  kennt  und  diese  anwendet  im  Verkehr  mit  seines- 
gleichen. 

Lateinische  Inschriften  in  griechischer  Schrift  sind  im  Altertum 
nicht  selten,^  Quicherat^  publicierte  eine  Probe  aus  dem  zehnten 
Jahrhundert:  souscription  en  teures  grecques  d'mi  ms.  de  Vendöme,  zugleich 
mit  einigen  Bemerkungen  über  die  Eegeln  der  Transcription. 

So  durfte  in  der  italienischen  Renaissancezeit  Vertrautheit  mit  der 
griechischen  Sprache  oder  wenigstens  Schrift  vorausgesetzt  werden  bei 
jedem,  der  auf  höhere  Bildung  Anspruch  machte.  An  diese  also  mit 
Ausschluß  des  vulgus  profanum  wendet  sich  mit  stolzer  Bescheidenheit 
der  italienische  Schreiber  in  der  Subscription  einer  Ovidhandschrift  des 
15.  Jahrhunderts:^ 

Nomev  vcov  ncovco  qvija  Ms  XavSccos  Nov  volo 
fTi]  vXrrg  (TiQs  Kovave^  ^^uqIe  rfvrjx  7]),X's. 

Eine  solche  Verwendung  griechischer  Buchstaben  ist  eine  lateinische 
Kryptographie  und  kommt  für  uns  hier  kaum  in  Betracht,  da  die 
Griechen,  soweit  ich  sehe,  sehr  selten  ein  fremdes  Alphabet  als  Geheim- 
schrift verwendet  haben.  Einen  griechischen  Hymnus  in  hebräischer 
Schrift  hat  Schwab  veröffentlicht  in  der  ßev.  des  etud.  gr.  1911   p.  152. 

Bei  den  Hellenen  hat  die  Kryptographie  eine  ganz  besondere  Aus- 
bildung und  Ausdehnung  bekommen,  weil  sie  sich  derselben  Zeichen 
bedienten  für  Buchstaben  und  für  Zahlen.  Eine  Vertauschung  lag  also 
nahe  für  kryptographische  Zwecke.  So  mannigfach  ihre  Systeme  auch 
sind,  so  ordnen  sie  sich  doch  gewissermaßen  in  zwei  große  Gruppen, 
in  eine  Kryptographie  des  Schreibens  und  eine  Kryptographie  des 
Rechnens. 

I.    Kryptographie  des  Schreibens. 
Älteste  i     j)ie  älteste  griechische  Kryptographie  beruht  darauf,  daß  die 

griechiscbe  "  '  *•       °      ^  ,, 

Kryptogra-  Ordnuuff    der  Buchstaben    vertauscht   wurde.     Ahnlich    wie    bei    akro- 

phie 

stichischer  Anordnung    der    zweite    geheime  Sinn    dem  Leser  zunächst 

verborgen  bleibt,  weil  er  die  Buchstaben  nicht  in  der  richtigen  Weise 

skytaie    ZU  gruppieren  wciß,  so  besteht  auch  das  Geheimnis  der  Skytale*  darin, 

^  Siehe  Verwünsehungstafel  von  Hadrumetum  d.  2.  Jahrb.  n.  Chr.  C.  I.  Att. 
Append.  p.  XXVI.     C.  I.  L.  VI,  2,  12006.     (Lat.  Text  in  griech.  Schrift.) 

2  Biblioth.  de  Fee.  d.  chart.  41.  1880  p.  452—453. 

'  Siehe  Libris  Auctionscatalog  S.  167.  Ähnliche  Proben  griechischer  Schrift 
für  lateinische  Überschriften  in  einer  lateinischen  Handschrift  (s.  IX — X)  s.  o. 
S.  260  (Psalt.  Cusan.). 

*  Vgl.  Archilocbus  frg.  89:  u/i'v/xei'rj  axvTÜlr].  Thuc.  1,  131,  1.  Pindar  ol.  6 
V.  90.  Der  Scholiast  bemerkt  dazu:  axvTÜXi],  $vlov  aiQoyyvXop  i^ea^evov  tnlurjxe;. 
Corn.  Nepos  vita  Pausan.  3.  Plut.  Lys.  19.  Dziatzko,  K.',  Zwei  Beitrag«?  zur  Kennt- 
nis des  antiken  Buchwesens  (als  Manuscript  gedruckt  u.  J  bering  gewidmetj.  Göt- 
tingen 1892  S.  6  —  8.  Leopold,  J.  H.,  De  scytala  laconica:  Mnemosyne  N.  S.  28.  1900 
p.  365-391. 


—     301     — 

daß  die  richtige  Ordnung  der  Buchstaben  von  bestimmten  äußeren 
Bedingungen  abhängig  gemacht  wird.  Die  spartanischen  Ephoren 
schrieben  also  ihre  geheimen  Depeschen  auf  schmalen  Streifen,  die  in 
bestimmter  Ordnung  über  einen  Stab  von  bestimmter  Form  gerollt 
waren;  diese  Depeschen  konnten  daher  nur  von  dem  Feldherrn 
gelesen  werden,  der  ebenfalls  im  Besitz  eines  entsprechenden  Stabes 
war.  Das  Wesen  dieser  Geheimschrift  besteht  also  in  der  veränderten 
Anordnung  (Umstellung)  der  Buchstaben.  Eine  ausführliche  Schilderung 
dieser  Geheimschrift  verdanken  wir  Gellius  n.  a.  17,  9,  6:  Lacedaemonii 
auiem  veteres,  cum  dissimulare  et  occidtare  literas  publice  ad  imperatores 
suos  missas  völebant,  ne,  si  ab  hostibus  forent  eae  captae,  consilia  sua 
noscerentur,  epistolas  id  genus  factas  miltebant..  7.  Surcidi  duo  erant  tcretes, 
oblonguli,  pari  crassamento,  ejusdem  longitudinis,  derasi  et  ornati  consimiliter\ 
nmts  inqjeralori  in  helkmi  proficiscenti  dabatur,  alierum  dornt  magislratus 
cum  jure,  atque  cum  signo  habebant.  9.  Quando  usus  venerat  literarum  secre- 
tiorum,  circum  cum  sur'culum  lorum  modicae  tenuitäfis,  longum  aulem 
quantu7n  rei  satis  erat,  comjMcabantj  volum,ine  rotundo  et  simplici\  ita  ut 
orae  adjiinciae  undique  et  cohaerentes  lori,  quod  jjlicabatur,  coirent.  Literas 
in  eo  loco  per  irafisversas  juncturariim  oras,  versibus  a  sumnio  ad  imum 
proficiscentibus,    insciibebant:    id   lorum   literis   ita  perscriptis  revolutum   ex 

surculo  imperatori  commenti  illius  cotiscio  mittebant hoc  genus  epistolae 

Lacedaemonii  crxvTäXijv  appellant.^ 

2.    Ein   zweites   System    behielt    die    gewöhnlichen  Buchstaben    in  B^chs*taben 
der    gewöhnlichen    Anordnung    bei,    verband    aber   mit    den    einzelnen  ^em^^si^a" 
Zeichen    einen    anderen    Sinn.     Diese    Kryptographie,    vielleicht   nicht 
jünger  als   die   eben   erwähnte,   beruht  auf  Vertauschung  der  Buch- 
staben und  scheint  aus   dem  Orient  ^  zu   stammen,     „Sie  findet  sich", 
wie   mir  Nöldeke    schreibt,    „in    einfacher    Gestalt   im  Buche  Jeremia 

nach  der  Art,  daß  der  letzte  Buchstabe  den  ersten  vertritt:  _.„_1  usw. 

(der  sogenannte  irnnS5  Atbasch),  nämlich  tJliJTÜ  für  bys.  Jer.  25,26.  51,41 
und  '^'a]?  nb   (würde    bedeuten    „Herz  meiner  Widersacher")    für  D^'^TÜS 


^  Wenn  unter  den  delischen  Weihgeschenken  (Dittenberger,  Sylloge*  588"° 
t)J(p(tfio;  axviahti  APIlh  xaaacisQov  uxvT{ä).ai)  III  6A(x/))  ^^{ni)  AAAIII  erwähnt 
werden,  so  darf  man  diese  natürlich  nicht  mit  jener  spartanischen  Geheimschrift 
in  Verbindung  bringen,  obwohl  im  allgemeinen  gerade  die  Schreibwerkzeuge  unter 
den  Weihgeschenken  nicht  selten  sind. 

*  Wie  sehr  die  Kryptographie  dem  Geiste  des  Orients  und  des  Mönchstums 
entspricht,  konnte  ich  selbst  auf  meiner  ßeise  in  den  Orient  beobachten.  Die 
Mönche  des  Sinai  und  auf  Patmos,  welche  mein  Buch  bei  der  Arbeit  in  die  Hände 
bekamen,  zeigten  für  keinen  Abschnitt  ein  besonderes  Interesse;  nur  das  Kapitel 
über  Kryptographie  machte  eine  Ausnahme,  sie  schrieben  sich  den  Schlüssel  ab 
und  der  eine  versprach  mir  sogar,  einen  kryptographischen  Brief  zu  schreiben, 
was  er  bis  jetzt  glücklicherweise  noch  nicht  getan  hat. 


—     302     — 

,,Chaldäer''  ib.  51,  1,  Diese  Stellen  sind  zwar  nicht  von  Jeremia  selbst, 
aber  doch  aus  der  Mitte  des  sechsten  Jahrhunderts  v.  Chr.;  die  ki-ypto- 
graphische  Schreibung  könnte  freilich  später  sein.  Kryptographie  mit 
reinen  altsyrischen  Ziffern  ist  namentlich  in  Unterschriften  syrischer 
Codices  beliebt,  siehe  Wright  im  Journal  of  sacred  literature  and 
bibhcal  record  1863  p.  128 — 130."  Auch  im  Koran  wird  Kryptographie 
angewendet,  manchmal  allerdings  in  der  Weise,  daß,  wie  der  Gläubige 
sich  trösten  muß,  Gott  allein  den  Sinn  verstehen  kann.^  Daß  die 
Griechen  diese  Kryptographie  anwendeten,  zeigt  der  c.  Yat.-Palat.  7 
von  der  Hand  des  Georgius  Chrysococca,^  der  einen  Schlüssel  beigegeben 
hat:  ß  =z  ci;  y  =  ß\  8=  y  usw.;^  dasselbe  Princip  war  auch  bei  den 
Caesar  ßömem  iu  Gebrauch.  Caesar^  pflegte  z.  B.  nach  Sueton  Caes.  c.  56 
seine  Briefe  an  Cicero  und  andere  so  zu  chiffrieren,  daß  jeder  Buch- 
stabe   durch    den   vierten    vertreten  wurde,    er    schrieb  also  D  statt  A, 

Augustus  E  statt  B  usw.,^  und  ähnlich  auch  Augustus  nach  Sueton,  Augustus  88: 
Quotiens  autem  per  notas  scrihil,  B  pro  Ä,  C  pro  B  ao  deinceps  eadem 
ratione  seguentis  litteras  ponit;  pro  X  autem  duplex  A. 

lü^ypfo^  ^-    ^  ährend  Cäsar    den  Wert    der  Zeichen   vertauscht   hat   nach 

ihrer  Stellung  im  Alphabet,  gibt  es  eine  griechische  Kryptographie 
(s.  Thompson-Lambros,  Palaeogr.  S.  157  A.),  welche  den  Wert  der 
Zeichen  in  einer  Silbe  wechselt. 

'ExBhojvi.d'  uxur  vi/z  iotuoxv/jtq  vor  afiivo 
d.  h.  rsksKo&tv    tcutu  tijV  XQiaxoax'iiV  tov  fiacov., 

vgl.  Papadopulos-Kerameus  Catalog  von  Jerusalem  2  S.  319. 

imte?^ü^ckt  '^'    Gelegentlich  wurden    auch  wohl  die  Vocale  unterdrückt  oder 

durch  Punkte  angedeutet.  Schon  Aeneas  von  Stymphalos,  der  nach 
A.  Hug,  Aeneas  v.  Stymph.  Zürich  1877  S.  5  zwischen  360 — 356  v.  Chr. 
lebte,  machte  31,  18  den  Vorschlag,  die  sieben  Vocale  a  bis  a  durch 
einen  bis  sieben  Punkte   zu  ersetzen  und  erwähnt  31,  11  verschiedene 


*  Kryptographie  im  Koran  s.  Nöldeke,  Encycl.  Brit.^  16  p.  604  Mohammedism. 
Über  andere  orientalische  Geheimschriften  s.  Wüstenfeld,  Eine  arabische  Geheim- 
schrift entziffert :  Götting.  Gel.  Anz.  1879  Nr.  15  S.  349—355.  Vgl.  Zeitschr.  f. 
die  Kunde  des  Morgen!.  1842  S.  349. 

^  Siehe  Vogel-Gardthausen,  Griech.  Schreiber  S.  86 — 87. 

^  Fälschlich  wollte  Gitlbauer  in  Dewischeits  Archiv  f.  Stenogr.  54.  1902 
S.  200  eine  ähnliche  Kryptographie  nachweisen. 

*  Vgl.  Gellius  n.  att.  17,  9,  1. 

^  Zu  dieser  Geheimschrift  Cäsars  schrieb  ein  Grammatiker  Probus,  den  Steup 
(de  Probis  grammaticis  p.  78  und  133)  von  dem  Berytier  dieses  Namens  unter- 
scheidet, einen  Commentar.  Gellius  n.  a.  17,  9,  5:  Probi  grammatici  commentarius 
satis  curiose  factns  de  occulta  litterarum  significatione  in  epistolarum  C.  Caesaris 
seriptura.  Es  ist  jedoch  nicht  unwahrscheinlich,  daß  Probus  in  der  Wahl  seines 
Themas  alexandrinischen  Vorbildern  folgte.      Sk^ 


—     303     — 

Arten  von  Geheimschrift,   die  im  Kriege  bei  geheimen  Sendungen  An- 
wendung finden  können. 

Aeneas  comment.  poliorceticus  hg.  von  A.  Hug  30  p.  74:  ygäcpsiv  Se 
xai  ojd's.  Tiooavv&efisvov  zu  (fonufivxa  yadfAiiccTu  kv  xevT)'jf.iaai  rii)e(T&ar 
ÖTtöcrrov  <(d"y  äv  rv/rj  Ixuarov  ov  hv  aroi^Bioiq  yoacpofiivotg  roftccvrai 
GTi/nag  elvui  oiov, 

A  I  0  N  Y  C  I  0  C  KAA  0  C 

A::  :"N:::C::  ::CK.A::'C  tööb  xul  rode  u.l.lo. 
HPAKA€IAHC(-AAC  Hug)  H  K€T  Q 
:.  P.  KA..  ::A.:C  :.  K--T:::- 

Ein  Rest  dieser  Geheimschrift  findet  sich  noch  in  der  mittelalter-  phfe°der 
liehen  Kryptographie  des  Abendlandes,  welche  die  Consonanten  unver- '^''^°^^°*^' 
ändert  ließ,  dagegen  die  Vocale  durch  den  nächstfolgenden  Consonanten  ^ 
ausdrückte  und  also  kbrplxs  statt  Karolus  schrieb,  oder  auch  die 
Vocale  durch  willkürliche  Zeichen  und  Punkte  ersetzte,  •  =  i,  :  =  a, 
i  =  e,  ::  =  0,  :•:  =  u.^  Manchmal  blieben  auch  in  der  abendländischen 
Kryptographie  einige  Buchstaben  unverändert,  so  z.  B.  in  einem  Wolfen- 
bütteler  Papiercodex  vom  Jahre  1433:^  cgnprs,  während  andere 
vertauscht  wurden: 

adehikm^oty 
mikvdea      toh 
Im  c.  Vindob.  theol.  20  und  med.  23   ist  ein  Orakel  durch  Unter- 
drückung  der  Mittelglieder    unverständlich   geworden    (s.  Lambeccius  5 
p.  37—38): 

TniT      lA  HB      A      T      IMAOKA  MAM 

Tij  itocörri  rTjg  'IvÖixrov  //  ßuaOMa  rov  'IfTfiu/j?.,  ö  xaXoi'n^voq  M(oc/.fie&, 

M  A     AAN  Tni       TN      T       nAOAT 
fxüJ.Et   öiavaroonriaeiv  yevog  rcov  IIa)Miok6y(ov  usw. 

Erst  teilweise  ist  die  von  Förster,  De  Aristolis  quae  feruntur 
physiognomicis  p.  6  herausgegebene  kryptographische  Unterschrift  des 
c.  Vindob.  phil.  231  vom  Jahre  1458  entzifi'ert:  ^(rsAfi/w»?-?;)  t[ovto)  t(6) 
ß{t)ß{?Jov)  ö{iä)  xi^iQog)  ifi.  fi.  (EfXfjLccvovijX?)  ieo{o)ß{oväxov)  x{cci)  'jiv[iv(iaxi' 

xov)  .   .  .   und  am   Schluß:    evxs(T&{e)   vnieo)  iij.[ov)  t{ov)  äfi{c(o)T[co)l{ov) 


^  Diese  Kryptographie  erwähnt  auch  Mangeart  Mss.  de  Valenciennes  50  Nr.  52. 
Auch  der  Schreiberspruch  einer  Cassiodorhandschrift:  Omnis  labor  finem  habet 
premium  eius  non  habet  finem  ist  auf  dieselbe  Weise  kryptographiseh  geschrieben, 
s.  Sitzungsber.  d.  Münch.  Akad.  1878  (Phil.-hist.  Kl.)  II  S.  74. 

^  Beispiele  lateinischer  Kryptographie  s.  Scherer,  Verzeichnis  der  Hand- 
schriften der  Stiftsbibl.  v.  St.  Gallen  S.  639  u.  d.  W.  Geheimschrift.  —  Vgl.  auch 
Kasiski,  Die  Geheimschriften  und  die  DeehifFrierkunst.     Berlin  1863. 

2  Siehe  Ebert,  Bildung  d.  Biblioth.  1  (1820)  S.  155. 

*  Es  ist  natürlich  nur  ein  Druckfehler,  wenn  Ebert  hier  ein  n  hat. 


304 


iX&vi 


Spiegel- 
schrift 


Tacliy- 
Kryptogr. 


x{ai)  T{a)7T[£i)v{ov):,  ebenso  im  c.  Havn.  2147  (s.  den  Kopenhagener  Catalog 
von  Graux  p.  78).  Namentlich  in  den  kryptographischen  Namen  der 
Schreiber  des  1 7.  Jahrhunderts  wurde  diese  Schreibweise  öfter  angewendet. 
Der  c.  Sin.  1009  vom  Jahre  lu95  ist  geschrieben  von  der  Hand  des 
!Ad-[u)i{a)a[i)ov,  c.  Sin.  851  vom  Jahre  1669:  v[Eo)rf{v)T'\ov\  c.  Sin.  1046 
vom  Jahre  1656:  v'\eo]ff{v)T{ov). 

Wenn  man  auf  diese  Weise  ein  Wort  nur  durch  die  charakte- 
ristischen Buchstaben  andeutete,  so  war  es  nur  noch  ein  Schritt  weiter 
in  derselben  Richtung,  wenn  man  alles  bis  auf  den  Anfangsbuchstaben 
beseitigte. 

Eines  der  wenigen  neuen  Motive,  welche  das  Christentum  in  die 
alte  Kunst  hineingetragen,  ist  z.  B.  der  Fisch  {r/i^vi\  der  seine  plötz- 
liche Popularität  nur  dem  Zufall  verdankt,  daß  seine  Anfangsbuchstaben 
sich  zu  den  Worten  'Iijcfov-;  Xoktto^  &eov  vioq  aar/jo  oder  (ttuvoö^ 
ergänzen  lassen.^  Derartige  Anspielungen  auf  i'/&vq'^  reichen  bereits 
bis  ins  zweite  Jahrhundert  zurück,  sie  finden  sich  schon,  wie  mir  Herr 
Prof.  Harnack  mitteilt,  in  Tertullians  Tractat  de  baptismo  c.  1  ed. 
Oehler  I  p.  619—620,  der  zwischen  190  und  200  n.  Chr.  geschrieben 
ist.  Irenäus  überträgt  den  Namen  'Itjaovg  erst  ins  Hebräische  TEÖ"»  und 
macht  dann  aus  den  Buchstaben:   Gott  nin*',  Himmel  W;'Q1D  und  Erde 

5.  Spiegelschrift.  Als  eine  Art  von  Kryptographie  ist  es  wohl 
auch  aufzufassen,  wenn  in  dem  c.  Mosq.  [349]  361  vom  Jahre  1306 
F.  260  einige  Zeilen  linksläufig  in  Spiegelschrift  geschrieben  sind,  die  dann 
aber  vorsichtshalber  von  erster  Hand  rechtsläufig  wiederholt  sind.  Nahe 
verwandt    ist    auch    eine    linksläufige    Kryptographie    in    der    Rev.   des 

.  biblioth.  14,  1904  p.  74 — 76,  die  allerdings  nicht  gerade  Spiegelschrift 
genannt  werden  kann. 

6.  Gelegentlich  benutzte  man  statt  der  gewöhnlichen  Buchstaben 
eine  andere  Schriftart  und  verwendete  die  Tachygraphie  als  Krypto- 
graphie. Wenn  auch  die  Tachygraphie  im  Altertum  weit  verbreitet 
war,  so  blieb  sie  doch  der  großen  Masse  unbekannt;  und  wenn  der 
Wissende  sich  mit  dem  Wissenden  verständigen  wollte,  mit  Ausschluß 
aller  anderen,  so  wählte  er  dazu  gelegentlich  die  tachy graphischen 
Charaktere,  die  als  eine  Art  von  Zunftgeheimnis  aufgefaßt  wurden. 
Wenn  die  ägyptischen  Notare  eine  Papyrusurkunde  beglaubigen  wollten, 


*  Siehe  Euseb.,  Constantiui  oratio  ad  Sanctorum  coetum  c.  18  ed.  Heinichen 
p.  383. 

^  Siehe  I.  B.  de  Eossi,  De  christianis  monumentis  IX0TN  exhibentibus, 
Paris  1855  (=  Pitra  Spicilegium  Solesmense  T.  III  ed.  Pitra  T.  III  p.  499  ss.). 
Griechische  Inschriften  mit  diesem  Wort  s.  C.  I.  Graec.  IV.  9076—86.  Pohl,  0., 
Das  Ichthys-Monument  von  Autun.  Berlin  1880  (mit  Facsim.).  Dölger,  F.  J.,  'I/dvg 
Rom  1910. 


—     305     — 

so  geschah  es  in  der  Weise,  daß  sie  Si'  ^nov  mit  ihrem  Namen  und 
tachygraphischer  Unterschrift  hinzufügten,  oft  mit  einem  Strich  in  der 
Mitte  oder  zwei  Strichen  am  oberen  und  unteren  Eande.  Es  war  also 
wie  im  Mittelalter  ein  richtiges  Notariatszeichen,  das  der  gewöhnliche 
Leser  nicht  verstand. 

Gelegentlich  diente  die  Tachy-Kryptographie  der  reservatio  mentalis. 
Nach  der  oben  von  Nöldeke  angeführten  Stelle  aus  Lands  Anecdota 
Syriaca  IH,  123,  14  gebrauchte  ein  monophysitischer  Bischof,  Eustathius 
von  Berytus,  Tachygraphie  als  Kryptographie,  um  seine  wirkliche  Mei- 
nung niederzuschreiben  und  doch  zu  verheimlichen. 

Tachy-  und  Kryptographie  sind  ebenso  verbunden  in  einer  Pariser 
Handschrift,  die  Omont,  Rev.  d.  bibl.  8.  1898  p.  353  und  Gitlbauer  in 
Dewischeits  Arch.  f.  Stenogr.  54.  1902  S.  194  behandelt  haben.^ 

7.  Kryptographische  Alphabete.^  Natürlich  gab  es  im  Alter- 
tum auch  eigene  kryptographische  Alphabete,  namentlich  im  Orient. 
Maspero  hat  in  Desjardins  Comptes  rendus  1871  p.  189 — 191  nach 
einem  ägyptischen  Papyrus  ein  kryptographisches  Alphabet  facsimilieren 
lassen,  das  durch  die  beigeschriebenen  griechischen  Buchstaben  erklärt 
wird.  Auch  in  den  rätselhaften  Zeichen  eines  syrischen  Codex  vom 
Jahre  650/60  (s.  meine  Beitr.  z.  gr.  Pal.  HI  Taf.  1)  dürfen  wir  vielleicht 
einen  kryptographischen  Schlüssel  erkennen.  Diese  eigens  dazu  erfun- 
denen kryptographischen  Alphabete  trotzen  durchaus  nicht  allen  De- 
chiffrierungskünsten,  sind  aber  doch  entschieden  schwerer  zu  entziffern 
als  die  oben  erwähnten  Geheimschriften. 

Natürlich  muß  es  im  Mittelalter  für  diese  mannigfachen  krypto- 
graphischen Alphabete  Schlüssel  gegeben  haben,  von  denen  wir  wenig- 
stens einen  noch  besitzen  in  der  Neapolitaner  Herodothandschrift  vom 
Jahre  1340  (III-B-l)  und  andere  in  einem  interessanten  Synaxarion 
der  Laurentianischen  Bibliothek  vom  Jahre  1331.^  c  Laurent. 

Herr  Director  Schneider  in  Duisburg  machte  mich  noch  auf  den 
c.  Baroccian.  115  aufmerksam,  der  F.  181  ^  kryptographische  Alphabete 
enthält  mit  den  roten  Überschriften:  i/.h,vixü,  öcoixaixcc,  kooyXvcpixd. 
Auch  Berthelot  gibt  nach  einem  c.  Marcianus  (Collection  des  anc.  alchi- 
mistes  gr.  1  p.  156)  eine  Reihe  kryptographischer  Buchstaben,  die  durch 
ein  gewöhnliches  Alphabet  erklärt  werden,  und  Dieterich  (Rhein.  Mus. 
N.  F.  56.  1901  S.  85  A.)  zieht  auch  noch  den  c.  Neapol.  IL  C  33  F.  7v 
heran.     Proben  einer  anderen  Kryptographie   mit  eigenen  Charakteren 


^  Desrousseaiix,  A.,  Note  sur  le  fragment  ciypto-tachygrapliiqiae  du  Palatinus 
graecus  73,  s.  Melanges  d'archeol.  et  dhist.   6.  1886  p.  544;    7.  1887   p.  212—215. 

^  Alphabeta  cryptographica  s.  Catalog.  codd.  astrolog.  gr.  8,  III.  Brüssel  1912 
(Tafel  am  Schluß). 

^  Laur.  Conv.  Soppr.  52. 
Gardthausen,  Gr.  Paläographie.   2.  Aufl.   II.  20 


—     306     — 

nach  einer  Handschrift  von  Vatopedi  siehe  Revue  des  bibliotheques  14. 
1904  p.  74 — 76  (aus  dem  12.  Jahrb.).  Über  ein  anderes  Geheimalphabet 
siehe  Papadop. -Kerameus  Catal.  v,  Jerusalem  2  S.  309  c.  203.  750; 
3  S.  84. 

Ein  besonderes  kryptographisches  System,  das  er  aber  nicht  näher 
bezeichnet,    fand    Lambros    in    zwei    Handschriften    des    Athos;    siehe 
Thompson-Lambros,  Palaeogr.  (Athen  1903)  S.  158;  er  möchte  dasselbe 
Epirotisch  epirotisch  nennen. 
Proben  Ich   begnüge    mich  hier,    einige  Proben  dieser  kryptographischen 

Charaktere  mitzuteilen,  aus  denen  man  sieht,  daß  diese  frei  erfundenen 
Zeichen  sich  doch  manchmal  an  die  Formen  des  gewöhnlichen  Alpha- 
bets anlehnen;  ich  wähle  dazu  das  Alphabet  des  oben  erwähnten 
c.  Laurentianus  ^  (nach  Paolis  Zeichnung)  zugleich  mit  einem  anderen 
Alphabet  des  c.  Bodl.  Baroccianus  50. 

a       ß       y      8        B        ^      r}  &  t        x      X      (i        v 


c.  Laur.  52 


c.  Bar.  50 


c.  Laur.  52 


c.  Bar.  50 


%•  D  '  r-  nni  ■  n-VAb-e  •  rf\in 


i        o  n        (i         G        X     V    (p      X         ip      o) 

Fig.  72. 

Folgende  Buchstaben  stehen  in  Easur:  von  dem  ersten  Alphabet  cf, 
vom  zweiten  ß  und  o. 
TaTismIne  Auch    das    Alphabet    der    Amulette,    Talismane,    sowie    auch    der 

Abraxasgemmen  ist  das  gewöhnliche  mit  kaum  nennenswerten  Ver- 
änderungen; der  geheime  Sinn  ist  hier  nicht  graphisch  ausgedrückt, 
sondern  liegt  in  der  Wendung  des  Gedankens  und  namentlich  einer 
wüsten  Zahlensymbolik.  Dagegen  gibt  Montfaucon  p.  375 — 76  Proben 
unbekannter  Schrift  aus  griechischen  Handschriften  mystischen  und 
magischen  Inhalts,  die  seitdem  noch  niemand  gelesen  hat;  doch  Mont- 
faucon fügt  ganz  richtig  hinzu:  Hamm  scüicet  figurae  tantum  observantur 
in  Codicibus:  usus  vero,  neque  ianto  dispendio  ignoratur.  Aljjhabete  einer 
magischen  Geheimschrift  siehe  Wünsch,  Jahrb.  d.  Dtsch.  Arch.  Inst. 
Ergänzungsheft  6.  1905  S.  32-^33. 

»  Vgl.  Coli.  Fiüieut.  t.  XXXVIII,  s.  Montfaucon,  Pal.  Gr.  p.  286. 


—     307     — 

II.    Kryptographie  des  Rechnens. 

8.  Isopsephie.  In  unseren  griechischen  Handschriften,  und  isopsephie 
namentlich  in  den  Unterschriften,  in  denen  der  Schreiber  sich  nicht 
sowohl  nennt,  als  versteckt,  herrscht  oft  ein  anderes  System,  das  die 
Buchstaben  durch  Zahlzeichen^  ersetzt,  die  auf  den  ersten  Blick  sich 
nicht  von  Buchstaben  unterscheiden  lassen ;  bei  den  Lateinern  wäre  eine 
solche  Kryptographie  unmöglich.     Mit   einiger  Wahrscheinlichkeit  läßt  0"^°*^'- 

•^  -^     .  "  °  Kryptogr. 

sich  auch  dieses  kryptographische  System  auf  orientalischen  Einfluß 
zurückführen.  Da  die  semitische  Schrift  kein  Episemon  für  Zahlen 
kennt,  so  lag  die  Versuchung  noch  viel  näher,  als  im  Griechischen, 
Buchstaben  und  Zahlen  zu  vertauschen;  und  dieselbe  Schreibweise 
bürgerte  sich  auch  in  den  hellenistischen  Kreisen  des  Ostens  ein. 

Unter  dem  Einfluß  orientalischer  Auffassung  entstand  jenes  Orakel, 
das  den  ersten  Teil  des  Namens  Alexander  in  dem  gleichnamigen 
Gespräch  Lucians  c.  11  so  erklärt: 

'Ex  ngcoTijg  ösixvvg  fioväSog,  rQKTaaiv  öexdSav  rs, 
Hevd-'  iregag  fiovddag,  xcci  eixoadSa  TQi<Tä()i&fjLOv, 
^AvdQog  c(?^e^i]rTjOog  öixcovvfxiriv  xExodxvx'kov. 
In  einem  Werke,  dessen  Original  wohl  noch  im  ersten  Jahrhundert 
nach  Chr.  griechisch  geschriel)en  wurde,  der  Offenbarung  Johannis,  hat 
die  Zahl  666  den  geheimen  Sinn  Nero  Caesar;  mag  man  dieselbe  nun  666 
erklären  als 

3  50 
n  200 
n  6 
1  50 
p  100 
D  60 
n    200 

666 

oder  mag  man  eine  andere  Erklärung  vorziehen,  so  sind  doch  alle 
darin  einig,  daß  diese  Zahlen  in  irgend  einer  Weise  Buchstaben  ver- 
treten. Wenn  die  Summe  der  Zahlbuchstaben  {xpfjcpog,  ccQi&fiög)  eines 
Wortes  oder  eines  rrTi/og  dieselbe  war,  so  redete  man,  von  Isopsephie^ 
und  glaubte  dadurch  eine  verborgene  Weisheit  ergründet  zu  haben. 

Die  Isopsephie  wurde  in  verschiedener  Weise  verwendet.   Leonidas  verschied. 
von  Alexandria  (s.  u.)  dichtete  Distichen,  deren  Buchstaben  als  Zahlen 


^  Die  ganze  Zahlen -Buchstaben -Theorie  wird  ausführlich  entwickelt  bei 
Hippolyt.  Refutation,  omn.  haeresium  ed.  Dunker  et  Schneidewin  4.  13.  Götting. 
1859  p.  73  ff. 

'  Vgl.  Perdrizet,  Revue  des  6t.  gr,  17.  1904  p.  350. 

20* 


—     308     — 

gerechnet,  dieselbe  Summe  ergaben  und  diese  Summe  schrieb  er  an 
den  Eand.^  Ein  Loblied  der  späteren  Zeit  trägt  geradezu  die  Über- 
schrift: eig  Tov  aytov  ^rjvav  tagiptjcfa  syxcpf.ifci.  Die  Buchstaben  einer 
Zeile  geben  die  Zahl  €/n',  5680,  die  jedesmal  am  Schluß  hinzugefügt 
ist.^  Das  gab  eine  gewisse  Garantie  gegen  Vertauschung  der  Buch- 
staben, aber  mit  der  Kryptographie  hat  dieses  Verfahren  nichts  zu  tun. 
Aber  daneben  gab  es  eine  Isopsephie  der  Eigennamen,  resp.  einzelner 
Worte,  deren  Zahlen  wert  sich  leichter  übersehen  und  berechnen  ließ. 
Diese  Zahlen  sind  kryptographiscbe  Namen  oder  Worte. 

Das  Geheimnisvolle  dieser  Ausdrucksweise  beruht  darin,  daß  die 
Zahlbuchstaben  oft  bloße  Buchstaben  zu  sein  scheinen;  aber  auch  wenn 
man  sie  richtig  als  Zahlen  erkannt  hat,  so  kennt  man  bloß  die  Summe, 
aber  noch  nicht  die  einzelnen  Posten,  aus  denen  sie  sich  zusammen- 
setzt, so  z.  B.  in  einer  pompejanischen  Wandaufschrift ^  cpiXa  l,q  doi&- 
(löq  <l)ME. 

Es  gab  sogar  Beinamen,   die  nur  isopsephisch  zu  verstehen  sind.* 

AlifiÖiCQtTOi    iTlixhjV    J^    ÖlÖTl    flSTOOl'Ixei'OV    xb    Öl'OfiCi    ai'TOV  J^    TioisL^ 

Besonders  gern  rechnete  man  die  Zahl  der  Tage  des  Jahres  heraus;^ 
365  war  N€lAOC,  aber  auch  M€I0PAC  und  ABPAEAC."^  Allein  manch- 
mal hatte  der  Verfasser  doch  Mitleid  mit  den  Lesern;  er  erleichterte 
ihnen  die  Lösung  des  Zahlenrätsels  durch  einen  Wink  und  durch 
Hinzufügung  eines  grammatischen  Rätsels  mit  gleicher  Auflösung,  z.  B. 
bei  der  Grabschrift  des  Ji[?.y7iooig: 

4  -H  10  -f  30  +  10  -f  80  +  70  +  100  +  10  +  200  =  514, 
d        i  'l  I  71         o  o  i  g 

dessen  Namen  übrigens  auch  noch  mit  Buchstaben  ausgeschrieben  ist.^ 


^  Hexameter:  2975;  Pentameter:  2332;  Summa:  5307  .eT^ 

*  Maspero  ,J.,  Catal.  gener.  du  musee  du  Caire  51.  1910  p.  57.  —  Wohin  der- 
artige Spielereien  führten,  zeigen  die  brotlosen  Künste,  womit  die  griechischen 
Mönche  sich  die  Zeit  vertrieben;  Graux  führt  in  dem  Catalog  der  Kopenhagener 
Bibliothek  S.  74 — 75  Beispiele  an,  daß  die  griechischen  Buchstaben  (ohne  Episema) 
so  in  Gruppen  geordnet  sind,  daß  die  Summe  ihrer  Zahlenwerte  immer  eine  be- 
stimmte Zahl,  z.  B.  .aily'  ergibt.  Bull.  d.  inst.  arch.  1873  p.  143  (Sparta):  Drei 
Verse,  die  siaaQi&fioig  e'neai,  die  Zahl  ßipl',  geben. 

3 'Bull.  d.  inst.  arch.  1874  p.  90. 

*  Olympiodor  in  Plat.  Ale.  in  der  Ausgabe  von  Creuzer  (Francf.  1821)  2  p.  105. 
^  „Aber  Demokritos  macht  822."    Eohde,  Griech,  Roman ^  S.  487  A. 

^  Siehe  Eohde,  Griech.  Eoman^  S.  487— 88  A. 

''  ov  61  6  ugi&ixbg  tov  iviaviov  'Äßqüaa^.  Pap.  Leid.  W.  4,  30.  Dieterich, 
Jahrbb.  f.  Philol.  Suppl.l6  S.  769. 

8  Mitt.  d.  Arch.  Inst,  in  Athen  4.  1879  S.  19  (Nikomedien). 


—     309     — 

hvea  yocififiar    e/oj,  [Te]T(jaa[v?.X]aßöq  elfii,  vösi  av, 
at  TQeTg  ai  noGJvui  §vo  yndfifiar    'e/ov<jiv  ixdari], 
ij  [A]o[/;r]//  de  xu  xqüu  xai  elaiv  ärpoyva  xu  nkvxe, 
kaxi  ödoi&fiög  Tievd-'  ixccxovxädog  [ij'jSe  dig  inxä 
xam    ovv  ^T]x[i'j~\aag  xai  yvoug  öaxig  tieq  6  yodipaq 
yv\(o\(7xbg  eatj  Movnuig  xai  ao(ft'i]g  /xiroxog. 

Diese  Grabschrift  war  sicher  ein  Wunder  von  Gelehrsamkeit  und 
Scharfsinn;  nur  schade,  daß  wir  (wenn  auch  mit  anderem  Namen)  die- 
selben Verse  und  sogar  dieselbe  Wendung  am  Schluß  bereits  finden 
in  den  Oracula  Sibyll.  1,  141 — 46.^  Wann  die  einzelnen  Teile  der 
Sibyllinischen  Orakel  entstanden  sind,  läßt  sich  oft  nicht  feststellen, 
aber  sichere  Beispiele  der  Isopsephie  haben  wir  aus  dem  ersten  Jahr- 
hundert n.  Chr. 

Zur  Zeit  des  Nero  gewann  man  Geschmack  an  diesen  gelehrten 
Spielereien;  damals  dichtete  Leonidas  von  Alexandria ^  isopsephe  Epi- 
gramme (Kaibel,  Epigr.  806).  Auch  bei  einer  ganzen  Eeihe  von  alexan- 
drinischen  Gedichten  hat  H.  Stadtmüller  ^  die  Buchstaben  in  Zahlen 
umgerechnet,  um  auf  diese  Weise  neue  Beispiele  für  die  Isopsephie  in 
der  Anthologia  Palatina  zu  gewinnen. 

Der  Helioshymnus  einer  Inschrift  von  Pergamon  (Mitt.  d.  Ath. 
Inst.  32.  1907  S.  357)  hat  die  Überschrift:  ^Ih'ov  JVe/xcovog.  AYKC. 
do/ixexxovog,  denn  1726  ist  nach  dem  Zahlenwert  =  Aihov  Ä'eixojvog 
und  äQxixixxovog\  vgl.  C.  I.  G.  3546  (=  Fränkel,  Inschr.  v.  Pergamon 
n  S.  246). 

Ahnlich  berechnete  man  im  Griechischen  und  dementsprechend 
auch  im  Koptischen  die  Buchstaben  des  Wortes  ä(xi'iv  =  99  und  ersetzte 
dementsprechend  das  Wort  durch  qö.*  qö 

Sehr  zweifelhaft  bleibt  die  Erklärung  der  rätselhaften  Buch- 
staben XMf,  besonders  auf  syrischen  Inschriften,  s.  z.  B.  Lebas-Wad-  XMr 
dington  3,  2145.  Anc.  Inscr.  in  the  Br.  Mus.  III  p.  185  Nr.  534.  Wessely, 
Studien  z.  Pal.  10.  102^^^  und  201  ^.  Clermont-Ganneau,  Revue  critique 
1879  Nr.  31  p.  93  u.  Renan,  Mission  de  Phenicie  p.  8ü9.  Mordtmann, 
Mitt.  d.  D.  Archäol.  Inst.  6.  1881  S.  12. 


1  Vgl.  Mordtmann,  Mitt,  d.  Athen.  Inst.  7,  25(j. 

^  Vgl.  Enea  Piccolomini,  Di  Leonida  Alessandrino  de  suoi  epigrammi  e  della 
isopsefia:  Rendiconti  della  E..  Accademia  dei  Lincci.  Classe  di  scienze  morali  3. 
1894  p.  357. 

3  Jahrbb.  f.  kl.  Philol.   1887  S.  .ö37;   1888  S.  353;   1889  S.  755;  1891   S.  322. 

*  qö  =  99  =  t\^Tjv.  Grenfell  and  Hunt,  O.xyrh.  Papyri  Ser.  II  Nr.  100;  VI 
Nr.  925  p.  291.  Stern,  L.  u.  Springer,  q^  d.  i.  99.  Ztsehr.  f.  ägypt.  Spr.  24.  1886 
p.  73.  102 — 103.    Vgl.  Wessely,  Die  Zahl  Xeunundneunzig:  Mitt.  a.  d  Samml.  Pap. 

Rainer  6.    1897   S.  118    (vgl.    1    S.  113), ,   Wiener  Studien  26.   1904  S.  189. 

Perdrizet,  Revue  des  et.  gr.  17.  1904  p.  357  n,  4. 


—     310     — 

Krall,  Mitt.  d.  Pap.  Erzherz.  Rainer  1.  1887,  127; ,  C.  P.  Rain. 

II  p.  5  hält  sie  für  Zahlen,  =  643  als  Andeutung  der  Worte  tj  uyiu 
TQiäg  &{eög).  Andere  erklären  XMf  =  643  =  äy(og  ö  &eög  und  die 
Anordnung  nach  Hunderten,  Zehnern  und  Einern  spricht  für  diese 
Auffassung.  Allein  dieser  Erklärung  stehen  andere  gegenüber.  Nestle,  E., 
Zur  Abkürzung  XMf  (=  Xfiiarög  Mixaijl  Faßguß)  s.  Byz.  Ztschr.  13. 
1904  S.  493.  Wessely,  Mitt.  Pap.  Rainer  1.  1887  S.  113;  6.  1897  S.  118. 

,  Wiener  Stud.  26.   1904   S.  194  [=  XMfTG  =  X^icrrov  Maoia 

yevva-  dfi/jv].  Perdrizet,  Revue  des  6t.  gr.  17.  1904  p.  357 — 58;  vgl. 
Dieterich,  Berl.  Philol.  Wochenschr.  1906  S.  510.  Smirnoflf,  Ebenda 
1906  S.  1082.  XMr  Journ.  of  Hell  Stud.  22.  1902  p.  172.  Byz.  Ztschr. 
9^  60 — 61;  11,  283.  J.  Maspero,  Catalogue  general  du  mus6e  du  Caire 
ßMA    51.  1910  p.  3  n.  —  Über  QMA  s.  Byz.  Ztschr.  5,  172. 

Auch  in  griechischen  Handschriften  wird  Isopsephie  nicht  selten 

angewendet.     „Die  Rätsel  ßovg,   cpcHg,   uydni],  aüJivi]   und  Omiov  sind 

arithmetische  Buchstaben-  und  Silbenrätsel'^  s.  Holzinger,  Sitzungsber. 

d.  Wiener  Akad.  1911.  167,  IV  S.  107—109  (m.  Erläuterungen). 

Gr.  Zahlen  9    Gricchische  Zahlen  in  abendländischer  Kryptographie. 

im  Abendl.      ^  ./  x         ■_■         i 

Ähnlich  der  oben  erwähnten  orientalischen  Kryptographie,  die  jeden 
Buchstaben  durch  die  entsprechende  Zahl  ersetzte,  gab  es  auch  eine 
entsprechende  Kryptographie  der  griechischen  Zahlen;  die  wir  aller- 
dings nicht  im  Griechischen,  sondern  nur  im  Lateinischen  nachweisen 
können.  Die  erste,  zweite,  —  —  neunzehnte  Zahl  vertrat  den  ersten 
zweiten,  —  —  neunzehnten  Buchstaben.^ 

abcdefghi      k      1       mnopqr       s      t 
1     2     3     4     5     6     7     8     9     10    11     12    13    14    15    16    17    18    19 
ußyS^gL^rjß-      i      i<z     iß    ly     i§    le     ig    i^    it]    t& 

dadurch  wurde  der  Name  des  Klosters  versteckt: 

/£  «  ly  iiJ-  a  ICC  e  lö  ty  ß-  ii]     &  ly     y  i8  la  i§  ly  ß-  a. 
Pantaleonis       in     Colonia 

Diese  Kryptographie,  die  sicher  nicht  im  Abendlande  erfunden  ist, 
hatte  allerdings  den  Nachteil,  daß  einfache  Buchstaben,  wenn  sie  den 
höheren  Zahlen  11 — 19  entsprachen,  durch  je  zwei  Zahlenbuchstaben 
vertreten  waren,  ohne  daß  sie  äußerlich  zu  einer  Gruppe  zusammen- 
gefaßt waren,  iß  konnte  mit  demselben  Rechte  als  m  oder  als  k  und  b 
gelesen  werden.  Das  erschwerte  allerdings  Dechiffrierungsversuche, 
mag  aber  doch  der  Grund  gewesen  sein,  weshalb  man  zu  einer  voll- 
kommeneren Zahlenkryptographie  überging. 


*  Kryptogi-aphie  einer  Handschrift  von  J.  v.  Tritenheim.   Biblioth.  de  l'ecole 
des  chartes  71.  1910  p.  712 — 13  (s.  den  Schlüssel  oben). 


—     311     — 


10.  Einstellige  Zahlenkryptograpliie.  Diese  Gleichstellung  ^JP^^j^j^^'J^'f® 
von  Buchstaben  und  Zahlen  wurde  schon  früh  in  ein  bestimmtes  System  tryptogr. 
gebracht  in  derjenigen  griechischen  Kryptographie,  welche  die  weiteste 
Verbreitung  gefunden.  Sie  hat  am  meisten  Verwandtschaft  mit  dem 
oben  genannten  Atbasch  (Nr.  2);  dort  wurde  der  erste  mit  dem  letzten 
Buchstaben  vertauscht,  hier  dagegen  der  erste  Zehner,  Hunderter  usw. 
mit  dem  letzten.     Es  entsprechen  sich  danach: 


9  8  7  6  5  3  2  1 

d  7j  C  ?  e  y  ß  a 

a  ß  y  S  e  ^  1]  d 

90  80  70  60  50  40  30  20 

q  71  O  ^  V  fM  ?^  X 


X 


f.1 


V 


o 


n 


tt    ß 

1 

8 

1 

€ 

ff 

1 

1 

n 

& 

txkfJLV^OTCq 


Q         G         T         V        (p        X         1p       OJ       ^{t) 


900  800  700  600  500  400  300  200 
%      CO      ip      X      ff      V      T      a 

Q         ff  T  V         ff         X       1p        CO^ 

Es  ist  also  das  oben  geschilderte  System  des  Atbasch  (s.  S.  301) 
angewendet  auf  die  in  drei  Gruppen  von  Einern,  Zehnern  und  Hunderten 
zerlegte  Zahlenreihe.  Der  oberste  entspricht  dem  untersten,  der  zweit- 
oberste dem  zweituntersten  usw.  Benutzt  sind  die  Zahlzeichen  von 
9—1  (ohne  4),  von  90—20  (ohne  10)  und  von  900—200  (ohne  100), 
weil  die  drei  Episema  g,  q  und  ^  keinen  Buchstabenwert  bekommen 
konnten,  wenn  nicht  dafür  drei  Buchstaben  ausgelassen  wären;  nur  e,v,ff 
werden  nicht  vertauscht.  Es  ist  also  ein  recht  künstliches  System,  das 
nur  einmal  erfunden  und  dann  vom  Meister  dem  Schüler  anvertraut 
ist,  und  daher  auf  eine  ununterbrochene  Schultradition  der  byzantini-  brochene 
sehen  Schreiber  schheßen  läßt.  traditiön 

In    der   kr3'ptographischen  Unterschrift    spricht   der   Schreiber   zu  ^^^^^' 
seinem  Zunftgenossen,  dessen  Kunstfertigkeit  oder  Scharfsinn  groß  genug    zunft- 

"  °  o  o         o    genossen 

ist,  das  Rätsel  zu  lösen. 

Gelegentlich  wählt  er  sogar  die  Form  des  Eätsels,  um  seinen 
Namen  zu  verewigen.  Die  Subscription  des  c,  Vatic.  103  (vom  Jahre 
1224?)  schließt: 

6fTT(  de  pioi  no6axXr]aiq  idko^  cfi'Äe; 
äfffüvu  dvi  [ß^^i]  8vg\v  äj.iETaßöXoig'^ 
rcüv  inru  Svcriv  rjTCi  dlg  aiyfiu  re'Aog. 


*  Dieser  Schlüssel  der  gewöhnlichsten  Kryptographie  findet  sich  z.  B.  im 
c.  Monac.  201  aus  der  zweiten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts. 

^  nfiEinßola  im  kryptographisohen  Alphabet  sind  von  Consonanten  nur  v  ^x.  qn, 
s.  0.  S.  311  (Mitte);  also  vielleicht  NeophytosV    Den  Schluß  verstehe  ich  nicht. 


—     312     — 

Er  ist  seiner  Sache  so  gewiß,  nur  von  Eingeweihten  verstanden 
zu  werden,  daß  er  sich  mit  diesen  zuweilen  hinter  dem  Rücken  anderer, 
z,  B.  des  Auftraggebers,  verständigt.  Ein  gewissenloser  Schreiber, 
Joh.  Nathanael,^  dem  eine  Ironie  des  Schicksals  den  Beinamen  Philo- 
ponus  gegeben,  entschuldigt  krypto graphisch  seine  Flüchtigkeit  und 
bittet,  man  möge  ihn  nicht  für  die  Fehler  verantwortlich  machen:  xal 
yccQ  (TTiovSij  ovx  sYcerrsv  kfie  xaXcog  TidvT  i^erä^eiv  (Unterschrift  des 
c.  Paris,  831  a.  1541).     Diese  gewöhnlichste  Kryptographie  ist  sehr  alt 

4.  jahrh.  mi(j  wurdc  in  einem  ägyptischen  Zauberpapyrus  des  vierten  Jahrhunderts 
bereits  angewendet^  (s.  o.  S.  282  Fig.  70). 

Kryptogr.  Auch  im  Orient  finden  wir  im  neunten  Jahrhundert  dasselbe  System. 

im  9.  Jahrb.  _  _      y 

In  einem  arabischen  Neuen  Testament  der  Vaticanischen  Bibliothek, 
das  Scholz  (bibl.-krit. -Reise  p.  126)  ins  neunte  Jahrhundert  setzt,  kommt 
die  ungenau  wiedergegebene  kryptographische  Unterschrift  vor: 

ByQaqjrj  /ei()i  xi]ovxov  diaxovov 
s.  Vogel-Gardthausen,  Gr.  Sehr.  S.  231. 

Scholz  fügt  dann  noch  S.  141  eine  zweite  kryptographische  Notiz 
mit  Auflösung  hinzu,  muß  sich  aber  hierbei  gründlich  verschrieben 
haben,  denn  obwohl  anscheinend  dasselbe  System  angewendet  wurde, 
ist  die  Stelle  in  der  dortigen  Form  wenigstens  vollständig  sinnlos. 
957—59  Auch  in  dem  c.  Patm.  171,  der  wahrscheinlich  nicht  vor  957 — 59  ge- 
schrieben wurde,  findet  sich  Foh  222  bereits  dasselbe  kryptographische 

System:   ^0Tr0NOB0    (die    letzten    vier    Buchstaben    in    Rasur), 

d.  h.  fxaQL,ccvX7]a[?),  darunter  zwei  sich  zugewandte  Pfauen  mit  den 
Worten:  0tCü€N  nOS   AS         OX 

ao  G  Bv  xa  I     &i{  =  7])Xv 

1000  Montfaucon,  Pal.  Gr.  286  publiciert  die  Subscription  des  c.  Paris.  1085 
vom  Jahre  1000  n.  Chr.,  der  so  schließt: 

'EfiTiQaxrov  aivcov  rijv  uvüyvcoaiv,  (jp/'Ae, 
Msfivrjffo  Tov  ygä^pcivroQ  kv  rqj  ßiß?J(p. 
k^'^&'(pß  g<^&  t;«q^Aw  oilvxplco  7ioß'^f\%X'x  kv  v(t'%i^  al^'xxtpkz 
kyQcccpr]  dt     /g<(>6g  Aeovrog   xh]Qixov   hv  '/(^  Q  ^  aiyvnrov 
irovq   xöff^ov  ,gffd'   lv8.   ly'  [rc.   i§'~\?     In    einem    sinaitischen    Tetra- 
evangelium (Nr.  151)  des  elften  Jahrhunderts  lautet  die  kryptographische 
Unterschrift:  xvqib  ßoi'jdei   tc5  evreXs^iJ)  ra    xul  raTieivovl^.)  yeoyQyiGj;^ 
und  in  einem  Menaeum  derselben  Zeit  c.  Sin.  614:  i^sodcjQov  fiova/ov. 


^  Vogel-Gardthausen,  Gr.  Sehr.  S.  180. 

^  Brit.  Mus.  Papyr.  CXXI  <pl.  64)>.  Krypto-tachygraphische  Schrift  3.  Wessely, 
Denkschr.  d.  Wien.  Akad.  44  (Phil.-hist.  Kl.)  1896.  IV  S.  9.  Euelle,  Kev.  crit.  1895 
p.  159.    Bull,  de  1.  soc.  des  antiq.  d.  Fr.  1894  p.  120—26. 

*  Siehe  Oraont,  mss.  gr.  dates.     Vogel-Gardthausen  Gr.  Sehr.  S.  261. 

♦  Ebendort  S.  89. 


—     313     — 

Ferner  gehört  nach  Montfaucon,  P.  Gr.  287  eine  Handschrift  der  Ba- 
silianer  in  Rom  hierher  [c.  Vat.  2050],  die  i.  J.  1 1 05  in  Calabrien  geschrieben  ii05 
wurde.  Andere  kryptographische  Unterschriften  behandelt  Montfaucon, 
Pal.  Gr.  288,  die  teils  mit  Hilfe  desselben  Schlüssels  sich  lesen  lassen, 
teils  überhaupt  noch  nicht  gelesen  sind.  Auch  in  einem  kryptographi- 
schen  Schlüssel  (a.  a.  0.  p.  286),  wo  verschiedene  Alphabete  zusammen- 
gestellt sind,  ist  dieses  weitverbreitete  System  an  erster  Stelle  berück- 
sichtigt. Sogar  auf  Inschriften  wurde  diese  weitverbreitete  Kryptographie 
angewendet,  siehe  J.  Sreznevskij,  Paleograficeskija  nabljudenija  p.  16 
nach  0  drevnich  christianskich  nadpisjach  v  Afinach  Ärchimandrita  Antonia. 
St.  Petersburg  1874  Nr.  93: 

TTE  HABAB  YA  SAX(OA)X  HGßCOECAXEA  .  .  .  YIAXGZBN 
d.  h.  KE  BOH0H  TG  AGY(AG)Y   BACIAEIGYMG  .  .  .  P  GYAMHN 

Dieselbe  Kryptographie  läßt  sich  außerdem  noch  nachweisen  in 
dem  c.  Bodl.-Barocc.  197  aus  dem  Jahre  1279,  wo  fol.  380''  und  451  1279 
der  Schreiber  ralaxtiov  6  MaSa^äxrjg^  sich  kryptographisch  unter- 
schrieben hat  ^ü-oß^Tixp^lv  l  ^Ogd%&jTß(o.  Es  ist  derselbe  Schreiber, 
der  auch  unter  den  c.  Bodl.-Laud.  29  eine  ähnliche  Unterschrift  gesetzt, 
die  noch  im  Jahre  1593  vom  Hierotheus^  copiert  wurde.  In  dem 
c.  Coisl.  168  vom  Jahre  1355  hat  sich  der  Schreiber  nicht  nur  mono-  1355 
condylisch,  sondern  auch  kryptographisch  verewigt: 

xexp^Xo}  'X  yißos^d'vXo) 

TiixQoq    ö  Ti]Xeficixog.'^ 
Der  c.  Bodl.-Canon.  87  (s.  XIV)  hat  am  Schlüsse  eine  kryptographische 
Unterschrift,  die  Gaisford  liest:  ö  yQÜxpaq  knri  tÖ  övofxa  Fv^doSog  hx 
TiöXscog  ijLE&cüV7]g.  dfiijv.^   Amphilochus,  Pal.  Beschr.  4,  6  gibt  eine  Unter- 
schrift vom  Jahre  1449: 

j[/6X^/i//Aft>q     i'^l^fjdvlfolndxxO'  xl/ndco 
veo(pVToa^i  Boofiovccxonoxannd  xpovxa(j{=  ö  xaTcndSo^]. 
Die   große  Verbreitung  dieses  Systems  beweisen  ferner  c.  Monac.  201 
s.  XIII,  250   a.  1311,    Bodl.-d'Grvill.  X,  1.  3.  13   (a.  1431),    Reg.  2674   mi 
s.  XV,  Paris.  831    a.  1541,  Monac.  154—55   (s.  XIV.  XVI).     Ungefähr  1541 


'  Diese  Stelle  inixß  falsch  abgeschrieben  sein,  denn  ein  I  kommt  in  diesem 
kiyptographi sehen  Alphabet  nicht  vor;  jedenfalls  ist  die  Transscription  falsch,  das  Y 
ist  so  viel  wie  X.  Es  wird  also  in  jeuer  Lücke  zu  lesen  sein:  E-hHOY KX  =  fiovnxov. 
Wenn  kurz  vorher  I  zweimal  durch  C  wiedergegeben  wurde,  so  ist  das  natürlich 
nur  ein  Druckfehler  für  Koppa. 

^  Siehe  Vogel-Gardthausen,  Gr.  Sehr.  S.  63. 

8  Ebenda  S.  161. 

*  Ebenda  S.  387. 

5  Ebenda  S.  97. 

«  Ebenda  S.  331. 


—     314     — 

derselben   Zeit    gehört    auch    eine    Handschrift    des    Pariser   Arsenals 
Nr.  8408  an:  Theodori  Antiocheni  s.  Mopsuesteni  commentarius  ineditus 
in  prophetas  minores,  der  mit  den  Worten  schließt: 
ö  yodipaq  avzjjv  ßißlov 

d.h.    ciVTOJViog.o .  (Tsvexccg^ 
Gerade  im  sechzehnten  Jahrhundert  scheint  diese  Geheimschrift  häufiger 
angewendet  zu  sein;    in  Madrid  allein   hat  Ch.  Graux  vier  kryptogra- 

1555  phische  Unterschriften  aus  dem  Jahre  1555  abgeschrieben:  Madrid, 
Bibl.  nac.  0.  6.  CjTillus  Alex.  a.  1555  CsfT?>i^(]fT  ip(7'W%X(f'Tv,  d.  h, 
yeojoyifp  ro)  TQvcpöJv,^  in  einem  anderen  0.  45.  Eunapius:  kyodcfr]  vnb 
X^iQoq  yecoQyiov  rovcfwv,  0.  47.  Origenes:  h/gucpr]  nuou  y&wQyico  r&> 
TOvcfciJVj  0.  32.  Origenes:  'jiaou  yecoQyico  reo  rQvcpGJv  kygäcpij.  Auch 
Langlois    erwähnt    in    seiner    facsimilierten    Ausgabe    des    Ptolemäus 

1583  S.  102  auf  dem  Athos  eine  Evangelienhandschrift  aus  dem  Jahre  1583 
mit  demselben  kryptographischen  System.     Neben   der  einstelligen  gab 
es  aber  auch  noch  eine  zweistellige  Zahlenkryptographie, 
^zlmen-"'  11-  ^^^  ähnliches  System  der  doppelstelligen  Zahlen-Krypto- 

Kryptogr.  graphie  wird  in  noch  complicierterer  Weise  von  Wessely,  Ein  neues 
System  griechischer  Geheimschrift  (Wiener  Studien  26.  1904  S.  185  ff.), 
nachgewiesen.  Eine  von  Omont  (Revue  des  bibl.  8  p.  353)  publicierte 
Subscription  vom  Jahre  1107  beginnt  mit  gewöhnlicher  Kryptographie: 

X^tQi    rov    äfiaormlov  xai    ^ivov    'Irodvvov. 

Ol    ävocyivwrfxovreq     sv/scrde    fioi    Sicc    rov  K{vQio)v. 
Es  folgt   ein   sechsstrahliger   Stern;    darunter    kevvfTfTxsxexExsdd'oo,   zum 
Schluß   eine  tachygraphische  Zeile,   die  Gitlbauer,   Studien  zur  griech. 
Tachygraphie  S.  139  transcribiert: 

ev/sa&e  (loi  'Iwavvrji  röjt  ^ivoji  xal  äixaoTG)7Mi. 
Die  rätselhaften  Doppelbuchstaben  in  der  Mitte  waren  bis  jetzt 
nicht  oder  doch  nicht  richtig^  gelesen.  Wessely  hat  nun  den  Schlüssel 
gefunden:  es  ist  die  bekannte  Zahlenkryptographie,  nur  daß  jeder  Wert 
hier  in  zwei  Hälften  zerlegt  ist.  xe.  ist  25;  xexe  =  50  =  i/;  viermal  ge- 
schrieben 100,  also:  vv.  Ebenso  qq  2  X  100  =  er;  §§:  2x4  =  »;  usw. 
Es  bedeutet  also 

h     vv     na     xexa     xexs     S§     oq 
l       (o        .         V  V         7}        q. 


^  Siehe  Vogel-Gardthausen,  Gr.  Sehr.  S.  39. 

2  Ebenda  S.  86. 

3  Vgl.  Gitlbauer  a.  a.  0.  S.  140. 


—     315     — 

Diese  Erklärung  wird  bestätigt  durch  eine  ebenfalls  von  Omont 
publicierte  Subscription  (c.  Par.  Suppl.  gr.  482)  Tom  Jahre  1105;  sie 
schließt  in  gewöhnlicher  Kryptogrophie :  Xqktts.  naoccff/ov  kvatv  röi/ 
ö(phj(iäTCov\  dann  folgt  noch 

li     xic     öd'     X6XS 
d.  h.  .      fi        9j         V  [lAfii'jv). 

Die  Buchstaben  sind  durch  Zahlen,  diese  wieder,  um  das  Ver- 
ständnis zu  erschweren,  durch  die  Addition  ihrer  Hälften  ersetzt:^ 
neben  der  bekannten  einstelligen  gibt  es  also  auch  eine  zwei- 
stellige Zahlenkryptographie,  deren  Wesen  Wessely  scharfsinnig 
erkannt  und  richtig  auseinandergesetzt  hat.  Aber  es  wäre  vielleicht 
weniger  Scharfsinn  notwendig  gewesen,  wenn  er  die  Subscription  einer 
St.  Petersburger  Handschrift  Nr.  71  vom  Jahre  1020  (nicht  1022)  ge- 
kannt hätte,  s.  Amphilochius,  Pal.  Beschr.  2,  3.  Es  ist  ein  Evangeli- 
arium,  im  Jahre  1020  vom  Mönche  Michael  wahrscheinlich  in  Salerno 
geschrieben.  Erst  nennt  der  Schreiber  sich  in  ausführlicher  Unter- 
schrift MixccT/X]^  dann  kryptographisch: 

EBY0        BÖEANOYAÜJ 
dann  folgt  dasselbe  tachygraphisch ;  schließlich: 

KK     BBft^^BB      IK^'KKÄM     KÄ^^TTÄM     PP 

II  II 

Wenn  wir  die  erste  kryptographische  und  die  zweite  tachygraphische 
Zeile  transcribieren,  so  erhalten  wir  beidemal:  fiij/ccTj).  fiovaxöi]  das 
muß  natürlich  auch  der  Sinn  der  dritten  Zeile  sein,  in  der  jeder  Buch- 
stabe durch  einen  Doppelbuchstaben  ersetzt  ist.  Es  ist  im  wesent- 
lichen dasselbe  System,  das  Wessely  gefunden  hat: 

KK  2  X  20  =  40    =  M    KK  2  x  20  =  40  =  M 

AM  30  +  40  =  70  =0 

KA  20  +  30  =  50  =  N 

JK^  (s.  u.  S.  316)  =  ^^ 

TT  2  X  300  =  600  =  X 
AM  30  +  40  =  70  =0 
PP  2  X  100  =  20  =1 

Man  sieht  also,  jeder  einzelne  Posten  hat  zwei  Stellen,  selbst  die 
Eins  (^),  die  doch  nur  durch  Addition  von  Brüchen  ausgedrückt  wer- 
den konnte.  Hier  versagt  also  eigentlich  das  System;  man  suchte  sich 
also  in  verschiedener  W^eise  zu  helfen.  Wir  kennen  nur  drei  Schreiber 
dieser  doppelstelligen  Zahlenkryptographie,  aber  jeder  hat  die  Schwierig- 
keit  in    anderer  Weise    zu   heben   versucht.     Der    eine    schreibt  statt 


BB  2  resp.  4 

X  2  = 

8=  H 

TT  2  X  300 

=  600 

=  X 

iKiK 

=  i\ 

BB  (s.  u.  S.  ; 

316) 

=  H 

IK    10  +  20   : 

=  30 

=  A 

»  Siehe  Byz.  Ztschr.  14  S.  616  ff. 

2  Vogel-Gardthausen,  Gr.  Sehr.  S.  323. 


—     316     — 

a:   (TfT,    der    zweite   //,   der    dritte  iKÖ^.     Ein  doppeltes  ^  wäre  nach 

I   I 
unserem   »System   eigentlich  so  viel  wde   B  (2x1=2).     Deshalb   sind 

die    beiden    tiefgestellten    Accente    wesentlich,    um    d\ö\  von   is^    zu 

I   I 

CC  unterscheiden,  (ra  ist  CC  (2  x  Vz)?^  "  i^^  ^^  (2  x  ^j^.  Aus  der  An- 
wendung von  C  oder  L  müssen  wir  schließen,  daß  der  Ursprung  der 
doppelstelligen  Zahlenkryptographie  in  eine  frühe  Zeit  hinaufreicht  und 
vielleicht  nicht  viel  jünger  ist  als  der  der  einstelligen,  die  bis  zum 
dritten  bis  vierten  Jahrhundert  zurückreicht. 

BB  Mit  einem  Worte  sei  neben  dem  ö^iK  auch  noch  das   BB  (für  ?;) 

in  dem  Namen  Mr/ai'il  erwähnt.  Es  läßt  sich  nicht  bestreiten,  daß 
der  Kryptograph  sich  hier  zweimal  geirrt  hat,  wenn  man  auch  nicht 
zweifeln  kann,  daß  7/  gemeint  ist.  Dieser  Buchstabe  sollte  durch  2x4 
ausgedrückt  werden;  also  entweder  durch  4  X  B  oder  durch  ÖS  in  der 
Pariser  Handschrift;  aber  BB  kann  eigentlich  nur  den  vierten,  nicht 
den  achten  Buchstaben  bezeichnen.  Wahrscheinlich  hat  der  Fehler 
seinen  Grund  darin,  daß  B  und  H  in  der  gewöhnlichen  Kryptographie 
sich  entsprechen. 

Einen  neuen  Zug  unseres  Systems  lernen  wir  durch  die  Peters- 
burger Subscription  kennen,  der  in  den  beiden  von  Omont  und  Wessely 
publicierten  fehlt.  Dort  setzte  sich  die  Summe  stets  aus  zwei  gleichen 
Hälften  zusammen,  hier  dagegen  auch  aus  ungleichen  Teilen. 

Das  ganze  Schema  doppelstelliger  Zahlenkryptographie  würde  also 
so  aussehen: 


A 

B 

r 

A 

E 

z 

H 

0 

1 

K 

A 

M 

N 

— 

0 

n 

p 

c 

T 

Y 

4) 

X 

Y 

U) 

Petropoli 

1    1 

BB(?) 

IK 

KK 

KA 

AM 

pp 

TT 

Paris. 

n 

88 

ES 

XBXB 

vv 

ergänzt : 

aa 

aß 

8ß 

ßr 

r8 

8e 

u 

n 

liv 

vv 

qa 

(TO- 

CTT 

TV 

Arabische 
Zahlzeichen 


12.  Arabische  Zahlenkryptographie.  Im  16.  Jahrhundert 
werden  auch  gelegentlich  die  griechischen  Zahlzeichen  ersetzt  durch 
arabische,  so  in  der  Subscription  des  c.  Barroc.  33:  diu  /etoog  hfiov 
51273174  lEokoq  374312174  h>  hs(  ujf(\B'  (1595).  Diese  Zeichen  sind 
auch  in  dem  neuesten  Catalog  der  Bodleiana  nicht  entziffert;  es  ist 
jedoch  klar,  daß  das  dreimal  vorkommende  74  nach  der  Construction 
des  ganzen  Satzes  nichts  anderes  sein  kann  als  ov.  Nach  dem  Sprach- 
gebrauch ist  ferner  zu  vermuten,  daß  auf  /eoews  ebenfalls  ein  Genetiv 


'  Nach  gütiger  Mitteilung  von  Herrn  Prof.  Schoene  gebraucht  der  Schreiber 
des  c.  Constan tinopol.  palatii  veteris  Nr.  1  (Hero)  fol.  70  v  einen  unter  die  Zeile 
heruntergezogeneu  Halbki-eis  im  Sinne  von  ein  Halb. 


—     317     — 

folgen  wird.  Die  viermal  vorkommende  1  ist  nur  zweimal  accentuiert, 
wird  also  wahrscheinlich  in  verschiedenem  Sinne  gebraucht  sein;  und 
da  dieses  Zeichen  von  allen  das  häufigste  ist,  wu'd  man  zunächst  an 
Vocale  denken  müssen.  Da  nun  durch  die  Endung  ov  die  anderen 
Vocale  wie  w  o  und  auch  c  ausgeschlossen  sind,  so  bleiben  für  1  nur 
c.  und  /.  Wenn  man  nun  fragt,  nach  welchem  Princip  diesen  Zahlen 
die  Buchstabenwerte  beigelegt  wurden,  so  sieht  man,  daß  die  einfach 
punktierten  mit  10,  die  doppelt  punktierten  mit  100  multipliciert  wer- 
den müssen,  um  richtig  verstanden  zu  werden.  Dem  Schreiber  standen 
für  25  Buchstaben  nur  neun  einfache  arabische  Zahlzeichen  zu  Gebote, 
mit  denen  er  haushalten  mußte : 

5  X  10  =  i/  3  X  100  =  T 

i  X  10  =  <  7  X     10  =  0 

2  X  10  =  X  4  X  100  =  i; 
7  X  10  =  o  3  X     10  X  A 

3  X  10  =  A  i  =  a 
1  =  «  2  X  10  =  ;« 
7  X  10  =  o  i  X     10  =  i 

4  Xl00  =  i;  7  X     10  =  o 

4  X  100  =  i; 

Die  Subscription  wäre  also  zu  lesen:  Siu  /eioog  ^ixov  IVixo?,dov^  ieoecog 

Tov  Aaxiov  kv  erei  ^arf<\e'. 

Gemischt  byzantinisch-arabisch  ist  ein  ^a^rablsch" 

12.   kryptographisches   System   bei  Thompson -Lambros,  Palaeogr. 

S.  156: 

7/|vi^'w]    2  3  4  5  ß  1  4a  S  d  0  a  ß  y  d'  ya  e 
Es  fehlen  also  ?/,  v,  co. 


Wie  allgemein  verbreitet  die  Kryptographie  schließlich  in  den 
letzten  Zeiten  des  Altertums  gewesen  ist,  zeigt  am  besten  die  offizielle 
Anerkennung  und  Verwendung  durch  die  christliche  Kirche. 

Es  gab  eine  Verbindung  von  gewöhnlicher  und  geheimer  Schrift, 
die  recht  eigentlich  für  das  praktische  Leben  der  Geistlichen  bestimmt 
war;  ich  meine  die 

13.    litterae   formatae,    die    durch    den  Atticus    von   Constantinonel  /'»tterae 

1       1         1        1  •  •      1  ^        •  r  formatae 

und    durch   das  nicaenische   Conen   eingeführt  sein  sollen.     Wie  näm- 
lich  im    klassischen    Altertum    ein    Gastfreund    sich   bei    dem    andern 


^  Vogel-Gardthausen,  Gr.  Sehr.  S.  349. 


—     318     — 

einführte  und  beglaubigte  durch  die  tessera  fwspitalis,^  so  stellte 
sich  auch  bei  der  Ausbreitung  der  christlichen  Kirche  ein  ähnliches 
Bedürfnis  heraus;  wenn  also  ein  Geistlicher  von  seinem  Bischof  in  die 
Fremde  geschickt  wurde,  so  brauchte  er  ein  Empfehlungsschreiben, 
Schema    (ßeiscpaßj  uud  zwar  nach  folgendem  Schema^: 

Qualiter  debeat  epistola  formata  fieri  exemplar.^ 

Graeca  elementa  litterarum  numeros  etiam  exprimere,  nullus 
qui  vel  tenuiter  graeci  sermonis  notitiam  habet  ignorat.  Ne  igitur 
in  faciendis  epistolis  canonicis,  quos  mos  latinus  formatas  vocat, 
aliqua  fraus  falsitatis  temere  agi^  presumeretur,  hoc  a  patribus 
CCCVm^  Nicaea  constitutis^  saluberrime  inventum  est  et  con- 
stitutum, ut  formatae  epistolae  hanc  calculationis  seu  supputationis 
habeant  rationem;  id  est,  ut  assumantur  in  supputationem  prima 
greca  elementa  patris  et  filii  et  spiritus  sancti,  hoc  est  TT.  Y.  A., 
quae  elementa  octogenarium  quadringentesimum  et  primum  signi- 
hcant  numeros.  Petri  quoque  apostoli  prima  littera  id  est  TT,  qua 
numerus''  octuaginta  significat,  ejus  qui  scribit  epistolam^  prima 
littera,  ejus  cui  scribitur  secunda,  accipientis  tertia  littera,  civitatis 
quoque  de  qua  scribitur  quarta,  et  indictionis,  quaecunque  est  id 
temporis,  id  est  si  decem  X,  si  undecima  XI,  si  duodecima  XII 
qui  fuerit^  numerus  assumatur.  Atque  ita  bis  omnibus  litteris 
grecis,  quae  ut  diximus  numeros  exprimunt,  in  unum  ductis,  unam 


*  Vgl.  Hermes  5  p.  371 — 378.    Ephem.  epigrapli.  1  p.  46. 

*  Dümmler,  E.,  Formelbuch  des  Bischofs  Salomo  UI.  von  Konstanz  Kr.  24. 
Eozi^re,  E.  de,  Recueil  general  des  formules  usitees  dans  l'empire  des  Francs  du 
V.  au  X.  siecle.  Deuxieme  partie  p.  909  Nr.  DCLIII.  ^Yyss,  Fr.  v.,  Mitteilungen 
der  antiquar.  GeseUsch.  in  Zürich  1853.  7  S.  30  macht  dazu  folgende  Anmer- 
kungen: 

^  Litterae  formatae  sind  in  geistlichen  Angelegenheiten  gebrauchte  Briefe, 
die  zur  Beglaubigung  in  besonderer  Form  abgefaßt  sind,  bestimmte  Chiifren  an- 
wenden. Namentlich  häufig,  aber  nicht  ausschließlich  fand  sich  diese  Form  bei 
den  geistlichen  Empfehlungsschreiben.  Nach  oft  wiederholter  Tradition  wurde 
die  Form  auf  dem  Concil  von  Nicaea  festgesetzt,  und  die  hierauf  gegi'ündete  An- 
weisung findet  sich  bei  Atticus  in  fine  sjnodi  Chalcedon.  und  in  Gratian's  Decret. 
dist.  73.  Damit  stimmt  die  hier  aufgenommene  Anleitung  fast  wörtlich  überein. 
Auch  unter  den  form.  Lindenbrog.  erscheint  sie  als  No.  134.  Walt.  c.  j.  G.  III.  456. 
Näheres  über  die  litt.  form,  bei  Du  Gange  s.  h.  v.,  Bened.  capit.  add.  quartum 
No.  154,  Bignon,  Notae  ad  append.  Marculfi  zu  c.  12  (Baluz,  cap.  II,  960).  Beispiele 
von  litt,  form  geben  auch  form.  Baluz,  40.  41.  42. 

*  Gratiani  decr.  dist.  73  mangelt  agi. 
5  Ibid.  CCCXVIII. 

^  Ibid.  congregatis. 
'  Ibid.  quae  uumorum. 

*  Ibid.  episcopi. 

®  Ibid.  mangelt  id  est  —  fuerit. 


—     319     — 

quaecunque    coUecta    fuerit    summam    epistola    teneat.      Hanc    qui 
suscipit    omni    cum   cautela   requirat  expressam.^*^     Addat  praeterea 
separatim   in   epistola   etiam   nonagenarium   et  nonum  numeros,  qui 
secundum  graeca  elementa  significant  Amen. 
Es  folgt   bei  Roziere,  Recueil  II  p.  909 — 10   zu  größerer  Deutlichkeit    Beispiel 
noch  ein  Beispiel,  das  ich  jedoch  lieber  durch  ein  freigewähltes  ersetze: 


1. 

cruxriQ 

=    80 

2. 

vlög 

=  400 

3. 

äytov 

=      1 

4. 

CtVWflU  ^ 

=    80 

5. 

BaffiXeioi 

=      2 

6. 

Evaißioi 

=  400 

7. 

'ISQCOVVfJLOg 

=  100 

8. 

KwvaruvTivovTioh 

'i  =  200 

9. 

ivö.  i 

=    10 

a 

=     1 

/* 

=    40 

n 

=      8 

V 

=    50 

Sa.  1372  =  aroß'. 


IV.   Abgekürzte  Schrift. 

Erstes  Kapitel. 


Abkürzungen. 


Allen,  T.  W.,  Notes  on  abbreviations  in 
greek  manuscripts  (m.  11  Taf.).  Ox- 
ford 1889. 

—  Compendiums  in  greek  palaeography: 
Academy  1887  Nr.  787  p.  339. 

Faulhaber,  Babylon.  Verwirrung  in 
griech.  Namensiglen,  siehe  Oriens 
Christian.  7.  1907  p.  370. 

Montfaucon,  Pal.  Qr.  341.  De  abbrevia- 
tionibus  ac  notis. 


Omont,    Abreviations    in    der   Grande 

Encyclopedie.     Paris  1886. 
—  Abbreviations    grecques   copiees  p. 

A.  Politien  et  publiees  dans  le  Glos- 

saire  grec  de  Du  Gange,  s.  Revue  des 

et.  gr.  6.   1894  p.  81  <mit  Facsim.); 

vgl.  Bibl.  de  l'ec.  d.  chartes  45  p.  134 

bis  136. 
Sabas,    Specimina    pal.    T.  IX  ff.    (am 

Schluß). 


^^  Ibid.  erpresse. 

^  Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  dieses  n  der  Anfangsbuchstabe  von  nvsv^a 
ist  und  nicht  von  Ubiqo;,  den  ein  tendenziöser  Anachronismus  der  römischen 
Kirche  in  die  Satzungen  des  Concils  von  Xicaea  eingeschoben  hat. 


—     320     — 

Thompson -Lambros,  Palaeogr.  p.  158.  |  St.  Petersb.  1896.  II.  Ausgabe  1904. 
Wilcken  s.  Grundzüge  u.  Chrestomathie  Z.  gibt  eine  alphabetische  und  eine 

1, 1.  S.  XXXIX.   Abkürzungen.  sehr     dankenswerte     chronologische 

Zereteli,  Q.,   De  compendiis  scripturae  1       Liste  der  Abkürzungen. 

codd.  gr.    Russisch  geschr.  m.  30  Taf.  | 

sdfdften  In  Basel  gibt  es   eine   grammatische  Handschrift  (F.  VI,  54)  Hel- 

vet.  67,  welche  enthält:  Abbreviafiones  quibiis  frequentissime  Qraeci  utuntur. 
Einen  interessanten  Tractat  des  Roger  Bacon,  De  subbreviationibus, 
siehe  ßyz.  Ztschr.  9  S.  480—81. 

Abkürzungen  ^  sind  ungefähr  so  alt  und  so  allgemein  wie  die  Schrift. 
Wenn  der  Schreiber  allzuhäufig  stets  wieder  dasselbe  Wort  zu  schreiben 
hat,  so  erlahmt  sein  Eifer  und  er  zieht  ein  abgekürztes  Verfahren  vor, 
indem  er  die  häufigsten  Worte  bloß  andeutet,  doch  so,  daß  der  auf- 
merksame Leser  sie  verstehen  muß. 

Da  alle  Abkürzungen  conventioneller  Natur  sind  und  nur  dann 
richtig  verstanden  werden,  wenn  alle  dieselben  Principien  anwenden,  so 
war  das  antike  Griechenland  in  seiner  großen  Zersplitterung  natürlich 
der  ungünstigste  Boden  für  die  Ausbildung  eines  einheitlichen  Systems, 
Römer  wie  die  Römer  es  schon  sehr  früh  besaßen;  diese  schrieben  statt  eines 
Wortes  seinen  Anfangsbuchstaben  und  setzten  voraus,  daß  jeder  sich 
diese  Siglen  richtig  auflösen  würde.  Später  geschah  dies  in  einer  Aus- 
dehnung, daß  Justinian  die  Anwendung  von  Abkürzungen  wenigstens 
in  gerichtlichen  Actenstücken  verbieten  mußte.  Cod.  Justinianus  1, 
17,  1  §  13  (ed.  Krüger  p.  108 — 109)  iuhemus  non  per  siglorum  eaptiones 

et  compendiosa  aenigmata codicis  textutn  consoribi  (selbst  die  Zahlen 

sollen  mit  Buchstaben  voll  ausgeschrieben  werden):  Eandem  autem 
poenam  falsitatis  coHstituimus  adversos  eos,  qui  in  posterum  leges  nostras 
per  siglorum  obscuritates  ausi  fuerint  conscribere.  Man  pflegte  damals 
abzukürzen:  noviina  prudentum  et  titulos  et  Ubroruin  numeros.  Von  den 
modernen  Völkern  gleicht  vielleicht  kein  anderes  so  sehr  den  Römern 
Engländer  in  dicscr  Beziehung,  als  die  Engländer,  bei  denen  ebenfalls  die  Siglen, 
namentlich  in  der  Titulatur  hinter  dem  Namen,  in  einer  Ausdehnung 
sich  finden,  die  vollständig  an  römische  Verhältnisse  erinnert,  die  des- 
halb aber  auch  den  Fremden  und  manchmal  vielleicht  auch  den  Ein- 
heimischen zur  Verzweiflung  bringen  kann. 

Die  Mannigfaltigkeit  der  Abkürzungen,  die  wir  fast  durch  zwei 
Jahrtausende  verfolgen  können,  da  sie  in  kalligraphischen  Handschriften 
sowohl  wie  in  cursiven  Aufzeichnungen  des  täglichen  Lebens  angewendet 
wurden,  ist  eine  ungewöhnlich  große.  Aber  da  der  Schreiber  nicht  nur 
für  sich  persönlich  schrieb,  sondern  von  seinen  Zeitgenossen  verstanden 


^  Kretschmer,  P.,  Das  Kürzuugsprincip  in  Ortsnamen  (Jagic  -  Festschrift. 
Berlin  1908  S.  553 — 556)  handelt  nicht  von  der  Kürzung  in  Handschriften,  sondern 
im  Volksmunde. 


—     321     — 

sein  wollte,  so  gelten  doch  trotz  der  Mannigfaltigkeit  und  der  Freiheit 
des  einzelnen  Schreibers  gewisse  allgemeine  Regeln  für  die  Methode 
der  Kürzung. 

Die  hieroglyphisch-conventionellen  Zeichen  und  Bilder  kann  man^eonvllitf^-' 
im  strengen  Sinne  des  Wortes  zu  den  Abkürzungen  nicht  rechnen.  °®^' 
Die  Schreiber  haben  sich  manchmal  ihre  Aufgabe  erleichtert,  indem 
sie  nicht  das  Wort  schrieben,  sondern  die  Sache  malten  (Sonne  und 
Mond,  einen  Fuß  usw.).  Dadurch  wie  durch  Abkürzungen  haben  sie 
sich  ihre  Arbeit  erleichtert,  manchmal  wurden  sie  dadurch  den  Lesern 
ohne  weiteres  verständlich,  manchmal  vielleicht  auch  nicht.  Aber  zu 
den  Abkürzungen  können  wir  diese  Zeichen  nicht  rechnen,  sie  sind 
nicht  nur  den  Abkürzungen  entgegengesetzt,  sondern  dem  Prinzip  der 
griechischen  Schrift  überhaupt. 

Hierher  gehören  noch   die  internationalen   Symbole,    die   mit   der  gy^^^'°i|' 
Buchstabenschrift  nichts  gemein  haben,  also  auch  zu  den  Abkürzungen 
nicht  zu  rechnen  sind,  z.  B.   die  Zeichen   für  die   Gestirne,  die  Sigla 
astronomica  in  unsern  Handschriften,  vgl.  Catalog.  codd.  astrolog.    gr.  8. 
III.  Brüssel  1912  p.  29  (nach  dem  c.  Paris.  2315  s.  XV). 

Nahe  verwandt  sind  manche  rätselhafte  Zeichen  der  griechischen  ^zllchln^*^ 
Papyrus-Cursive,  deren  Bedeutung  wir  kennen,  während  ihr  Ursprung 
und  die  Berechtigung  unserer  Erklärung  nicht  feststeht.  Einige  der- 
selben mögen  aus  richtigen  ägyptischen  (Hieroglyphen-) Zeichen  ent- 
standen sein,  die  in  Praxis  oft  stark  vereinfacht  und  abgekürzt  waren; 
sie  waren  den  ägyptischen  Regieruugsschreibern  ganz  vertraut,  welche 
die  einmal  recipierten  Zeichen  auch  ohne  weiteres  auch  im  griechischen 
Texte  verwendeten.^ 

Bei  den  wirklichen  Abkürzungen  sind  die  Worte  mit  Buchstaben 
geschrieben,  wenn  auch  nicht  mit  allen,  die  in  gewöhnlicher  Schrift 
notwendig  wären;  und  meistens  wurde  der  Leser  durch  ein  besonderes 
Zeichen  (Abkürzungsstrich)  darauf  hingewiesen,  daß  ein  Teil  des  Wortes 
zu  ergänzen  sei.  Das  Princip  der  Auslassung  und  Beibehaltung  hat 
im  Laufe  der  Jahrhunderte  gewechselt,  nur  der  eine  Grundsatz  hat 
fast  immer  gegolten,  daß  mindestens  der  erste  Buchstabe  des  ab-  b^uchsub'e 
zukürzenden  Wortes  immer  vorhanden  sein  mußte,  und  selbst  dieses 

^  Eine  Liste  dieser  Zeichen,  die  sich  bis  in  die  Minnskelschrift  hinein  er- 
halten haben,  s.  u.  S.  341 — 343.  —  Foat,  F.,  Sematography  of  the  greek  papyri. 
Journal  of  hellen,  stud.  22.  London  1902  p.  135:  „The  Symbols  of  Ptolemaic  papyri 
are  not,  in  origin,  arbitrary,  but  are  the  results  of  abbreviation  of  words";  p.  138: 
,,There  is  not  traee  in  this  period  of  borrowing  froni  a  System  of  taehygraphy."  — 
Index  of  Symbols  and  abbreviations  s.  Kenyon,  Greek  Papyri  in  the  Jirit.  Mus.  2. 
London  1898  p.  384.  Einige  sind  aufgenommen  in  Kenyon,  Pal.  p.  155  Symbols 
and  abbreviatons  in  non  literary  papyri.  Weshalb  Kenyon  hier  auch  Zahlzeichen 
für  90  und  900  mit  aufgenommen  hat,  ist  nicht  vei'ständlieli ,  denn  diese  Zahl- 
zeichen sind  wie  alle  anderen  nichts  als  alte  Zaldbuchstaben. 

Gardthausen,  Gr.  Paläographie.   2.  Aufl.    II.  21 


-      322     — 

Gesetz  wird  nicht  immer  beobachtet;  v.  Dobschütz,  Byz.  Ztschr.  12, 
1903   S.  536   notiert  Abkürzungen  wie   (aTooyyyvXoTiQÖfyajTtog,    (xu)x- 

BO'/opLiviiv,  bemerkt  aber  dazu,  daß  der  Schreiber überhaupt  kein 

Griechisch  konnte. 
^yFLiei  Manchmal    blieb    vom  Körper    des   Wortes    nur    der  Kopf  stehen 

(Abbreviatur    oder    Suspension),    manchmal    Kopf  und    Schwanz    (Ver- 
schwanz   schleifungcu  nach  Wilcken),  das  Innere   des  Wortes  ist  ersetzt  durch 

Gerippe  u.  eine  Zickzacklinie;  in  anderen  Fällen  bewahrt  man  auch  das  Gerippe  oder 
Wortes  in  der  letzten  Zeit  den  Rumpf  des  Wortes  (Contraction).  Ganz  anders 
sind  die  hieroglyphisch-conventionellen  Abkürzungen  zu  beurteilen  (Sym- 
bole nach  Wilcken).  Oder  wie  Traube^  sich  ausdrückt:  bei  der  Sus- 
pension bleibt  nur  der  erste  Teil  des  Wortes,  im  äußersten  Falle 
nur  der  erste  Buchstabe  stehen;  bei  der  Contraction  fällt  die  Mitte 
des  Wortes  aus  und  es  bleibt  nur  Anfang  und  Ende. 

Während  Traube  die  Contraction  aus  dem  jüdisch -hellenischen 
Gebrauch  ableitet,  will  G.  Eudberg  (Eranos,  Acta  philol,  Suecana  10 
p.  71)  die  Contraction  und  die  Abbreviation  (Weglassung  des  Wort- 
endes) auf  rein  graphische  Gründe  zurückführen;  ähnlich  E,  Nachmanson, 
ebendort  p.  108).  Wilcken  dagegen  hält  die  Nomina  sacra  (s.  u.  S.  325 j 
für  eine  freie  Erfindung  einer  bestimmten  Persönlichkeit. 

'^'''^s^rich^*'  -^^^  Abkürzungsstrich  ~  ^,  /,  <,,  D,  entweder  in  horizontaler  oder 
diagonaler  Richtung,  pflegte  in  den  meisten  Fällen  nicht  zu  fehlen,  nur 
selten  wurde  er  mit  dem  letzten  Buchstaben  verbunden,  d'iol=  ötoilxT](Tig), 
oder  in  lateinischer  Weise  durch  einen  Punkt  ersetzt:  (l>l',  aber  auch 
die  letzten  Buchstaben  des  Wortes  mit  der  Flexionsendung  wurden  zur 
größeren  Sicherheit  noch  hinzugeschrieben,  und  zwar  über  der  Linie. 
Erst  in  byzantinischer  Zeit,  sagt  Wilcken,  wird  dieser  Abkürzungsstrich 
mit  der  Hochstellung  verbunden:  c^ö^S  =  ad~e[Xcpöq). 

Tiefstellung  Auch  Ticfstellung  einzelner  Buchstaben  kam  gelegentlich  vor,  um 

den  Leser  darauf  aufmerksam  zu  machen,  daß  diese  Buchstaben  einen 
ganz  besonderen  Sinn  hätten.  Die  Mannigfaltigkeit  der  späteren  Zeit 
tritt  uns  recht  deutlich  entgegen  in  einem  von  Wessely  angelegten  Index, 
der  Proben  bietet  für  die   verschiedensten  Fälle  und  Combinationen.^ 


^  Vorles.  u.  Abh.  hsg.  von  BoU.  1.  München  1909  S.  128.  Lehre  u.  Gesch. 
der  Abkürzungen. 

^  Siehe  Wessely,  Stud.  z.  Pal.  u.  Pap.  8.  Index  S.  233:  1.  zwei  Wörter  in 
einer  Kürzung;  2.  im  Innern  zusammengesetzte  Wörter;  3.  Anfang  und  Ende  des 
Wortes  (das  Innere  unterdrückt);  4.  Kürzung  im  Wortinnern  (Zwischenteile  unter- 
drückt); 5.  Küi'zung  durch  Tiefstellung  eines  folgenden  Buchstabens;  6.  pluralisehe 
Kürzung;  7.  Suspension  durch  Hochstellung  der  letzten  geschriebenen  Buchstaben 
(a  =  /~S);  8.  Suspension  durch  beigesetzten  Abkürzungsstrich;  9.  =  Schlangen- 
linie; 10.  übergesetzter  wagrechter  Strich;  11.  übergesetzter  schräger  Strich  '; 
12.  Doppelstrich;  13.  =  Combination  von  7  u.  8;  14.  von  7  u.  9.  Suspension  ohne 
Anzeige.    Wortende  angezeigt  wie  eine  Kürzung. 


—     323     — 
Ein  einheitliches,  zusammenfassendes  Verzeichnis  aller  Abkürzungen,  ^usammen- 

^       '     fassendes 

die  im  Griechischen  vorkommen,  gibt  es  nicht,  so  erwünscht  es  auch  Verzeichnis 
wäre,  und  kann  es  nicht  geben  aus  verschiedenen  Gründen.  Zunächst 
deshalb,  weil  die  Griechen  im  Laufe  der  Jahrtausende  sehr  verschiedene 
Principien  der  Kürzung  angewendet  haben;  bald  geben  sie  den  Anfang 
eines  Wortes  und  das  Gerippe,  bald  die  Extremitäten.  In  manchen 
Fällen  kommt  das  Wort  selbst  gar  nicht  in  Betracht,  nur  der  Schluß, 
so  z.  B.  bei  den  tachygraphischen  und  Minuskelkürzungen,  weil  dieser 
Schluß  sich  bei  den  verschiedensten  Worten  wiederholt,  und  solche 
Endungen  kann  man  doch  in  eine  Linie  stellen  mit  Worten.  Bei  einigen 
Abkürzungen  schreibt  man  nicht  die  Buchstaben  des  Wortes,  sondern 
man  malt  das  Bild  (die  Hieroglyphe)  der  Sache.  Auch  die  tachy- 
graphischen Abkürzungen  würden  sich  nur  sehr  willkürlich  einordnen 
lassen.  Aus  diesen  verschiedenartigen  Bestandteilen  kann  man  also 
kein  einheitliches  Ganze  zusammenstellen. 

Ferner  ist  die  Anwendung  eine  sehr  verschiedene;  es  gibt  Ab- 
kürzungen der  Inschriften,  der  Papyri,  der  Unciale  und  der  Minuskel, 
bei  denen  nicht  nur  verschiedene  Prinzipien  der  Kürzung  angewendet 
werden,  sondern  bei  denen  auch  (derselbe  oder)  dieselben  Buchstaben 
eine  verschiedene  Bedeutung  haben  können.  Da  die  Schreiber  stets 
die  häufig  vorkommenden  Begriffe  abkürzen,  so  werden  in  einer  theo- 
logischen Handschrift  andere  Begriffe  abgekürzt  als  in  einer  rhetorischen 
oder  alchymistischen,  und  derselbe  Anfangsbuchstabe  kann  also  in  allen 
dreien  etwas  ganz  anderes  bedeuten,  je  nach  dem  Zusammenhange. 

Schließlich  kommt  auch  die  chronologische  Schwierigkeit  in  Be- 
tracht. Eine  Papyrusabkürzung  vielleicht  des  3.  Jakrhunderts  v.  Chr. 
kann  man  doch  nicht  neben  eine  Minuskelabkürzung  des  16.  Jahrhun- 
derts stellen,  die  zusammen  niemals  existiert  haben. 

Und  dennoch  ist  ein  solcher  Versuch  gemacht  worden  von   Zere-   zereteii 
teli.   Die  Abkürzungen  griech.  Handschriften  vorzüglich  nach  datierten 
Handschriften  von   St.  Petersburg    und  Moskau.     IL  Aufl.     St.  Peters- 
burg 1904  (russ.).  ^ 

In  einer  historischen  Einleitung  werden  die  verschiedenen  Arten 
von  Abkürzungen  allerdings  genannt,  aber  sehr  bald  beschränkt  sich 
dann  der  Verfasser,  wie  auch  der  Titel  angibt,  auf  die  gewöhnlichen 
Uncial-  und  Minuskelabkürzungen,  für  die  seine  Zusammenstellung 
grundlegend  ist,  durch  die  systematische  Verwertung  der  datierten 
Handschriften  in  Rußland;  die  Heranziehung  der  Papyrusabkürzungen 
ist  sehr  mangelhaft;  und  die  oben  erwähnten  Schwierigkeiten  werden 
vom  Verfasser  entweder  beiseite  geschoben  oder  ignoriert. 

Zunächst  müssen  wir  einen  Blick  werfen  auf  die  Abkürzungen  der 


^  Siehe  meine  Anzeige:  Berl.  Philol.  Wochenschr.  1905  S.  92  und  C.  Wessely, 
Wochenschr.  f.  cl.  Philol.  1904  S.  1394. 

21* 


—     324     — 

Inschriften, 
denn    es    ist   Yoranzusetzen,    daß    das,    was    inschriftlicli   erlaubt  war, 
auch  handschriftlich^  angewendet  wurde. 

Die  epigraphischen  Abkürzungen  sind  zusammengestellt  bei  Nicolai, 
De  siglis  veter.  Lugd.  Bat.  1 703 ;  Scip.  Maffei,  Graecorum  sigla  lapidaria 
coUecta  et  explicata  (ed.  Jul.  Caes.  Becellio).  Verona  1746;  Corsini, 
Notae  Graecorum  s.  vocum  et  numerorum  compendia  quae  in  Graecorum 
tabulis  observantur;  coli.,  rec,  expl.  Florenz  1749;  Franz,  Elementa  ep. 
gr,  p.  354 — 374  de  vocabulis  decurtatis;  Reinach,  S.,  Traite  d'epigr.  gr. 
Paris  1885  p.  226;  Larfeld,  W.,  Handbuch  d.  griech.  Epigraph.  2.  Leip- 
zig 1902  S.  515  Abbreviaturen; 1.  Leipzig  1907  S.  515  mit  vielen 

Beispielen  chronologisch;  Iw.v.  Müller,  Handb.  d.  class.  Altert.  P  S.  538; 
Meisterhans,  Gramm,  d.  att.  Inschr.  1888  S.  7;  Nachmanson,  E.,  Die 
schriftl,  Contraction  auf  den  griech.  Inschr.  Erauos  10.  Upsala  1910. 
S.  101— 141,  vgl.  S.  71  (Rudberg). 

Bei  den  Griechen  ist  der  Gebrauch  der  Siglen,  dieser  am  schwer- 
sten verständlichen  Abkürzung,  ein  sehr  beschränkter;  er  bürgerte  sich 
erst  unter  römischem  Einfluß  ein.  —  Doch  auch  in  früherer  Zeit 
fehlen  sie  nicht  gänzlich,  denn  die  Zahlzeichen  des  älteren  Systems 
(s.  unten),  z.  T[{ivTe),  l\[ixa)  usw.,  sind  als  Siglen  aufzufassen.  Auch  ?, 
die  Brandmarke  der  edlen  korinthischen  Rosse,  wurde  als  der  Anfangs- 
buchstabe Korinths  erklärt,  und  Abkürzungen  wie  ?0  und  IE  auf 
korinthischen  und  sikvonischen  Münzen  bestätigen  diese  Auffassung. 
Ferner  führten  die  Sikyonier  ein  Sigma  als  Schildzeichen,  das  bereits 
zu  Xeuophons  Zeiten  aufgefaßt  wurde  als  das  Sigma  im  Anfange  ihres 
Namens:  Xenoph.  hellen.  4,  4,  10  0/  Öt  LäoyeToi  öodivreg  tu  aiy[ia  xu 
eni  Tbjv  äanlöav  cog  ^ixvcov/ovg  ovd'ev  kcfoßovvTo.  Auch  die  epi- 
graphischen Abkürzungen,  auf  die  Herr  Prof.  Scholl  mich  aufmerksam 
machte,  wie  Ol:  =  oixovvn  (C.  L  A.  I  324),  KOAA:  =  Ko/J.vrevg,  YTTE: 
=  vniveo&Ev,^  zeigen,  daß  die  Griechen  schon  sehr  früh  Abkürzungen 
anwenden,  die  durch  :  bezeichnet  zu  werden  pflegen.  In  einer  Inschrift 
der  Kaiserzeit  (Mitteil.  d.  Athen.  Inst.  6  S.  172)  liest  man  sogar  EB'OA' 
=  k-jöiiGav  ö  ÖT/fioq.  Auch  Hartel  hat  in  seinen  Studien  über  attisches 
Staatsrecht  und  Urkundenwesen  I  S.  42.  43  Abkürzungen  zusammen- 
gestellt aus  Inschriften,^  deren  aber  keine  älter  ist  als  das  vierte  Jahr- 
hundert: 'noi7]{Tat),  v7To[xofTijg),  V7Te(xoiveTo),  Gurvoi[xcp),  ÖEv[TWOi), 
roi{Tog)  usw.     Das   Prinzii^   dieser  Kürzungen,   die  zunächst  selten  an- 


^  Weinbei-ger,W.,  Handschriftl.  u.  inschriftl.  Abkürzungen.  Wiener  Studien  24. 
1902  S.  1—5  (d.  S.-A.).    Mehr  Lat.  als  Griech. 

^  Vgl.  'JEqiTjj^eQL;  uo/aioL  1870  a.  415  tab.  51.  53. 

^  Vgl.  J.  Simon,  Abkürzungen  auf  griech.  Inschriften.  Ztschr.  f.  ö.  Gjmn. 
17.  1891  S.  673. 


—     325     — 

gewendet  wurden,  ist  also  klar:  bei  Raummangel  schrieb  man  von  den 
häufig  vorkommenden  Worten  nur  den  ersten  oder  die  ersten  Buch- 
staben und  überließ  es  dem  Leser,  den  Rest  des  Wortes  zu  ergänzen; 
es  ist  dasselbe  System,  das  die  Römer  anwendeten  und  noch  weiter 
ausgebildet  haben;  unter  römischem  Einfluß  gewannen  die  Siglen  in 
Griechenland  eine  größere  Verbreitung,  weil  die  Griechen  eine  Reihe 
römischer  Siglen,  namentlich  für  Eigennamen,  Ausdrücke  des  Staats- 
lebens usw.  nachahmten.^  Selbst  das  spätere  System  der  Abkürzung, 
nur  Anfang  und  Ende  zu  schreiben,  hat  man  nachweisen  wollen,  z.  B. 
BN^iAejYT.^  Es  wäre  von  großer  Wichtigkeit,  wenn  hier  ein  ganz  neues 
Prinzip  der  Kürzung  angewendet  wäre,  das  eventuell  auch  auf  Papyrus 
angeweüdet  sein  könnte. 

Zur  Unterstützung  dieser  ganz  auffallenden  Abkürzung  hat  man  sich 
nämlich  auf  entsprechende  Kürzungen  in  Papyrusurkunden  berufen:  rov 
ßa[(Ti'/,ecog)  xul  rrJöv  ßa{(jiXi)xCJv  rkxvow  (132  v.  Chr.)  Amherst.  Papyri  2 
p.  43 — 44.^  In  einem  Papyrus  (Brit.  Mus.  pap.  DCXX)  hat  man  ßaafDjg 
als  Abkürzung  von  ßaaiÄifraijq  auffassen  wollen,  allein  Kenyon,  Palaeogr. 
gr.  pap.  p.  33  n.  2  sagt:  In  reality  the  word  ist  not  contradcd  at  all,  hut 
simply  written  in  a  very  cursive  fashion;  ebenso  6iax((}.i)u(i,  Grundzüge 
u.  Chrestoni.  1,  Wilcken  1.  S.  LXIII  A.  Mit  Recht  bemerkt  R.  Meister: 
Mir  erscheint  es  jetzt  nicht  mehr  fraglich,  daß  in  der  Münzlegende 
BAIAEOZ  wirklich  die  dialektische  Schreibung  und  nicht  eine  Abkürzung 
vorliegt.^  Auch  E.  Chatelain,  Tachygraphie  syllabique.  Paris  1899. 
(Mariage  Tribulet-Tournier)  bestreitet  derartige  Abkürzungen. ^ 

Nomina  sacra.*^ 
Die  Kürzung  des  Altertums  ist  Suspension  (Beseitigung  des  Wort- 
schlusses): man  schreibt  nur  den  Kopf  des  Wortes,  den  ersten  oder 
die  ersten  Buchstaben;  in  den  christlichen  Texten  dagegen  herrscht 
Contraction:  man  schreibt  Anfang  und  Ende  des  Wortes  und  deutet  die 
Auslassung    durch    einen    darübergesetzten    Querstrich^    an,    was    der 

^  Mitteil.  d.  Ath.  Inst.  22.  1907  S.  139.  —  Rfv.  internat.  darcheol.  numis- 
matique  1.   1890  p.  16. 

-  Six,  Numism.  Chronicle  5.  188.5  p.  47  n.  20  u.  Keil,  Hermes  29.  1894  S.  320. 
Mitt.  d.  ath.  Inst.  22.  1897.  139.  Eev.  internat.  d'archeol.  numismatique  1.  1898  p.  16. 

^  Dagegen  Kenyon,  Palaeogr.  pap.  33. 

"■  Abb.  d.  Sachs,  (res.  d.  Wiss.  24.  III.    Leipzig  1904  S.  11  A. 

'"  „BÄYC  glaube  ich  einstweilen  nicht."  Traube,  Vorles.  u.  Abb.  1  S.  152  A.  1. 
V.  AVilamowitz-MöUendorf  dagegen  verteidigt  diese  Auffassung.  Byz.  Ztschr.  17. 
11)08  S.  672. 

«  Btz.  Ztschr.  12  S.  536. 

'  Dieser  bochgostellte  Querstrich  soll  den  Leser  ^val•nen,  daß  anders  zu  lesen 
ist,  als  geschrieben  steht;  er  verweist  z.  B.  auf  den  Unterschied  zwischen  Zahl 
und  Buchstaben.  In  späteren  Handschriften  hat  man  den  Querstrich  auch  bei  voll 
ausgeschriebenen  Namen  beibehalten. 


Nomina 
Sacra 


—     326     — 

orientalischen  Paläographie  fremd  ist.  Origenes  hat  diese  Kürzung 
nicht  erfunden,  aber  angewendet  meistens  für  AVorte  alttestamentlichen 
Ursprungs,  aber  auch  für  einige  neutestamentliche.  Nach  Traube  ist  diese 
Kürzung  erfunden  für  die  Übersetzung  der  LXX.  Mit  der  Stenogi-aphie, 
wie  Gitlbauer  und  Larfeld  meinen,  hat  diese  Kürzung  nach  Traube 
nichts  zu  tun.  Namentlich  bei  Büchern,  die  in  der  Kirche  verlesen 
wurden,  mochte  der  Vortragende  manchmal  zweifeln,  nicht  über  den 
Sinn  des  abgekürzten  Wortes,  sondern  über  seine  Flexionsendung,  die 
durch  den  Zusammenhang  bedingt  war.  In  diesen  biblischen  Hand- 
schriften wurden  also  die  häufigsten  Worte  abgekürzt,  aber  doch  in 
besonderer  Weise.  Die  wesentlichen  und  charakteristischen  Buch- 
staben (womöglich  Consonanten)  blieben  am  Anfang  und  Ende  des 
Wortes  stehen,  und  nur  die  füllenden  Buchstaben  der  Mitte  werden 
beseitigt;  ein  darüber  gesetzter  Querstrich  mahnt  den  Leser,  das  Feh- 
lende zu  ergänzen.  Abkürzungen  sollen  natürlich  möglichst  kurz  sein; 
wo  der  Schreiber  auch  nur  einen  Buchstaben  kürzen  konnte,  benutzte 
er  die  Gelegenheit;  MHP  =  fn'jrrjo;  aber  der  Genetiv  MPC  war  auch 
ohne  H  verständlich.  Auf  diese  W^eise  wurden  in  kirchlichen  Schriften 
die  am  häufigsten  wiederkehrenden  Worte  ^  ausgedrückt,  wie  z.  ß.  Gott, 
Vater,  Sohn,  Erlöser,  Herr,  Himmel,  nebst  den  gewöhnlichsten  Eigen- 
namen, wie  Christus,  Johannes,  David,  Israel,  Jerusalem  usw.  Diese 
eigentümliche  Abkürzungsweise  ist  zum  Gegenstand  einer  besonderen 
Abhandlung  gemacht  von  Traube,  Nomina  sacra.  Versuch  einer  Gesch. 
der  christl.  Kürzung  ^i  Quellen  u.  Unters.  2.  München  1907  S.  26.  Es 
ist  eine  grundlegende  Abhandlung,  in  der  Traube  zunächst  den  Umfang 
dieser  Kürzungen  und  dann  ihre  Geschichte  bei  den  Hebräern,  Griechen 
und  Lateinern  im  Mittelalter  und  in  neuerer  Zeit  behandelt.  Es  sind 
keineswegs  bloß  christliche  oder  theologische  Handschriften,  sondern 
z.  B.  auch  die  Zauberpapyri  kürzen  in  gleicher  Weise  die  Nomina  sacra. 
Traube  gibt  S.  56 — 57  ein  Verzeichnis  der  Papyri,  S.  64  der  Inschriften 
und  S.  66  fi".  der  Handschriften  mit  Angabe  des  Umfanges,  in  welchem  die 
Kürzungen  angewendet  werden.  Er  sagt  darüber  in  seinen  Vorlesungen 
u.  Abhandl.  hsg.  v.  Boll  1.  München  1909  S.  152:  „Es  gibt  keine  Hand- 
schrift mit  einem  christlichen  Text  in  griechischer,  gotischer,  koptischer 
und  lateinischer  Sprache,  die  nicht  die  Nomina  sacra  in  der  uns  jetzt 
bekannten  Art  zusammenzöge.  Es  gibt  aber  auch  keine  griechische 
Handschrift  des  Alten  Testaments,  die  nicht  die  Abkürzungen  aufwiese." 
Dieses  System  kirchlicher  Abkürzung  ist  mindestens  so  alt  wie 
der  neutestamentliche  Canon  überhaupt  und  mag  sich  durch  Abschreiben 

*  Siehe  Zereteli  a.  a.  0.  S.  XIII.  Handschriftlich  findet  sich  eine  Zusammeu- 
stellung  uncialer  Abkürzungen  im  Cod.  Par.  gr.  325;  s.  Bibliotheque  de  Tecole 
des  chartes  44.  1883  p.  134—136. 

*  Vgl.  Byz.  Ztsehr.   17.   1908  S.  228.  481.  672—673. 


—     327     — 

der  Septuaginta  bei  den  Griechen  eingebürgert  haben  (s.  o.  S.322).  In  einer 
christlichen  Marmorinschrift ^  vom 69. -Jahre  der  Martvreraera  =  353 n.Chr. 


wird    bereits    abgekürzt:  üPC,  YY ,  T\N^,  0C,  K€,  ANOIC,  OIAANOIC, 

also  genau  wie  später  in  den  Uncialcodices.^  Da  diese  Worte  fast  nie 
voll  ausgeschrieben  wurden,  so  hatten  sich  die  Abkürzungen  so  sehr 
eingebürgert,  daß  sie  unverändert  in  die  tachjgraphische  und  in  die 
spätere  Minuskelschrift  hinübergenommen  wurden,  und  diese  uncialen 
Abkürzungen  werden  in  der  Unciale  wie  in  der  Minuskel  und  Tachy- 
graphie  durch  einen  Strich*  bezeichnet;  nur  im  Jeremias  des  Cod. 
Sinaiticus  kommt  zuweilen  KC  und  lAHM  vor.^ 

Profane  Abkürzung. 

Das  Schluß-N^  wird  in  der  Majuskel-  wie  in  der  Minuskelschrift 
in  sacralen  wie  profanen  Handschriften  durch  ~  oder  '^  über  dem 
letzten  Vocale  ersetzt,  so  z.  B.  in  den  Hyperidesfragmenten,'^  die  ins 
zweite  Jahrhundert  v.  Chr.  gesetzt  werden;  das  ist  aber  auch  die  einzige 
Abkürzung,  die  sich  hier  nachweisen  läßt.  Für  profane  Handschriften, 
in  denen  diese  Worte  nicht  so  häufig  vorkamen,  gilt  das  Gesetz  der 
Nomina  sacra  nicht:  in  der  Ilias  bankesiana  (s.  o.  S.  101)  ist  das  Wort 
&eö^  regelmäßig  ausgeschrieben. 

In  diesen  Handschriften  wurde  überhaupt  zunächst  nicht  viel  ab- 
gekürzt; wenn  dies  geschah,  so  ließ  man  den  Anfang  und  Stamm  des 
Wortes  intact  und  ersetzte  die  Endung  durch  einen  schrägen,  selten 
gebrochenen  Strich,  /  oder  5 ;  so  zeigt  das  Palimpsest  der  Ilias,  die 
Cureton  herausgegeben,  z.  B.  Formen  wie  117175  =  lyrnovg,  TT0AYK5 
=  TioAvxTojo  usw.* 

In  den  profanen  Uncialhandschriften  ^  verwendet  der  Schreiber  ein 
schief  durchstrichenes  |  für  ^ian^v,  einen  spitzen  Winkel  für  boa/ni]\ 
xai  ist  ein  x  mit  einem  s-förmigen  Häkchen,  und  in  ähnlicher  Weise 
wird   ai   auch   im   Inlaut  geschrieben.     Wir  sehen  also   daraus,  „daß. 


1  Siehe  Bull,  de  corr.  hellen.  1.  1877  pl.  XIII. 
"  ^  Nicht  vom  68.  Jahre,  wie  Dumont  und  Neroutsos  meinten. 
^  Omont,   Un   modus   legendi   abbreviaturas.      Bibl.  de  l'ecole   d.  chartes  45 
p.  134  —  136. 

*  Contractionsstrich  s.  Traube,  Nomina  sacra.  München  1907  S.  45.  —  Rud- 
berg,  (jr.,  Zur  paläogi'.  Contraction  auf  gi-.  Ostraka. :  Eranos  X.  2  8  S.  71  — 100. 

■''  Siehe  Kenyon.  Pal.  p.  154  — 155. 

"  -V  (selten  -/i)  Vitelli,  Museo  ital.  I  p.  171. 

'  Siehe  Sauppe,  Philologus  3  S.  629. 

*  Abkürzungen  auf  Siegeln  s.  Schlumberger,  Sigillogr.  byzant.  p.  71 — 73. 

®  Wessely,  Die  Kürzungen  im  Wiener  Dioskorides-Kodex.    Arch.  f.  Stenogr. 
1907.  58  S.  33. 


—     328     — 

weDn  der  sorgfältige  Schreiber  nicht  mehr  Abkürzungen  angewendet 
hat,  dies  nicht  in  seinem  Können  lag,  sondern  in  seinem  Wollen". 

Eine  eigentümliche  Stellung  in  betreff  der  Abkürzungen  nimmt 
auch  das  Fragmentum  mathematicum  Bobiense  ein.^ 

Die  jüngste  Unciale  nähert  sich  bereits  dem  Kürzungssystem  der 
Minuskel.  Im  Inlaut  (aber  am  Schluß  der  Zeile)  wird  OC  durch  hoch- 
gestelltes   c    ausgedrückt,    K^MON    {xöafiov];    '■AFP    [ccytov    und    -o^), 

T€A  {Telog)  (Zereteli  T.  VIII),  KTIC0HCONTS  {-rai). 

Abkürzungen  der  Cursive  auf  Papyrus.^ 

Auf  Papyrus  ist  der  Unterschied  in  der  Anwendung  der  Ab- 
kürzungen natürlich  ein  sehr  großer  zwischen  den  kalligraphischen 
Rollen  litterarischer  Texte  und  den  Aufzeichnungen  des  täglichen 
Lebens;  dazu  kommt  dann  noch  in  der  cursiven  Schrift,  die  Schwierig- 
keit der  Entzifferung,  d.  h.  zunächst  festzustellen,  welche  Buchstaben 
wirklich  vorhanden  sind.  Aber  das  Princip  der  Kürzung,  die  in  grö- 
ßerem oder  geringem  Umfang  angewendet  wurde,  ist  dasselbe,  wie  wir 
es  in  den  gleichzeitigen  Inschriften  bereits  kennen  gelernt  haben:  statt 
des  Wortes  schrieb  man  den  ersten  oder  die  ersten  Buchstaben,  aber 
mit  irgend  einer  Andeutung,  daß  der  Rest  des  Wortes  zu  ergänzen  sei. 

Die  ältesten  litterarischen^  Papyrusdenkmäler  zeigen  allerdings, 
daß  die  Kalligraphen  derartige  Vulgarismen  möglichst  vermieden. 

Aber  in  der  vulgären  Papyrusschrift  des  täglichen  Lebens  herrscht 
natürlich  auch  für  die  Abkürzungen  eine  ganz  ungewöhnliche  Freiheit. 
Die  Worte  werden  gekürzt  nicht  nur  im  Innern,  sondern  namentlich  auch 
am  Ende,  ja  man  geht  sogar  so  weit,  daß  zwei  abgekürzte  Worte, 
wenn    sie  zusammenstoßen,    zu    einem   abgekürzten   Wortkomplex  ver- 


^  Siehe  Diels  im  Hermes  XII  S.  408. 

^  Fast  jede  neue  Ausgabe  bietet  eine  Liste  der  gebrauchten  Abkürzungen: 
Aristotel.  Athen,  polit.  ed.  Kenyon.  London  1891  p.  LH;  vgl.  auch  van  Herwerden 
und  van  Leeuwens  Ausg.  Leiden  1891.  S.  Berl.  Klassikertexte  4  S.  2 — 5.  S.  Agypt. 
Urkunden  zu  Berlin  1892  ff.  Kenyon,  Greek  Papyri  in  the  Er.  Museum  iff.  London 
1893.    Text  p.  251:   Index  of  Symbols   and   abbreviations ,    p.  452:   Abbreviations: 

3  p.  346  und ,  Palaeogr.  p.  154.     S.  Denkschr.   d.  Wiener  Akad.   (Phil.-hist. 

Kl.)  36  II.  1887  S.  37  u.  43—44.  Die  Abkürzungen  des  Wiener  Papyrus  Xr.  26 
V.  J.  120  V.  Chr.  hat  Wessely  zusammengestellt  in  d.  Wien.  Studien  3,  1.  1881  S.  15. 
Wessely,  Studien  z.  Pal.  8  S.  233.  Abkürzungen  f.  Maße,  Münzen,  Zahlen,  Brüche 
s.  B.  G.  U.  am  Schi.  jed.  Bd.  Wilcken,  Ostraka  1,  p.  818—819.  Grundzüge  u.  Chresto- 
mathie 1.  Wilcken  1.  S.  XL. 

^  Crönert,  W.,  Abkürzungen  in  einigen  griech.  litterarischen  Papyri  mit  bes. 
Berücksichtigung  der  herculan.  Rollen  s.  Archiv  f.  Stenogr.  54.  1902  S.  53 — 79. 
Rubensohn,  M.,  Abkürzungen  in  dem  neuentdeckten  Papp'us-Codex  des  Menander. 
Archiv  f.  Steuoffr.  62.   1911   S.  10. 


—     329     — 

bunden  werden:  o)(7^  w,-  tTi^  (B.  G.  U.  362),  Öif  {8ri[^n6aioz\  y\j.(aoy6i^, 
s.  Wessely,  Stud.  z.  Paläogr.  8  S.  233  (Index). 

Die  Urkunden  des  täglichen  Lebens  haben  Abkürzungen  bereits 
bei  Endungen  und  im  Inlaut  in  bedeutendem  Umfange  angewendet. 
Bei  kurzen,  viel  gebrauchten  Worten,  z.  B.  den  ein-  oder  zweisilbigen 
Präpositionen,  genügte  der  Anfangsbuchstabe  mit  einem  Kürzungs- 
zeichen, wie  z.  B.  /'  [yäo),  Sf  [die/.],  e'  [kni],  x  [xarci],  (x'  und  ix  [ixerc/.), 
n'  [noög],  n'  und  n  [nuim).  Aber  auch  andere  Worte  wurden  bloß 
durch  den  ersten  Buchstaben  bezeichnet:  n'  ip-^v),  y[ao),  8'  {§e)  ö  [ovxco 

oder  öfioicoi),  in  viereckiger  Form  ~  und   '^    Övofxa,   im  Plural  od  ^ 

d^-  (d'ccvaiov),  ^'  i^svyjj). 

Aber  bei  längeren  und  selteneren  Worten  genügte,  wenn  sich  die 
Ergänzung  nicht  klar  aus  dem  Zusammenhang  ergab,  der  Anfangs- 
buchstabe nicht,  man  pflegte  den  zweiten,  dritten,  vierten  hinzuzufügen 
und  den  letzten  derselben  hochzustellen  oder  auch  durch  einen  Strich 
von  verschiedener  Form  die  Abkürzung  anzudeuten:  ',  ',  '-,  3. 

zT  {(/.vTÖg)    Hakenalpha    mit    Abkürzungsstrich,    ß°{Qoä:),    y'{i'ETai). 

J"{vc(fjiig\  e  [iicaaTOs],    v  [vvv),   o  (ö;rcög),  y  [ovroa),   n  [Tigöreoov),  tO  [noo- 

xsi'fxei'ov),   7c   hat  in   der   Cursive   oft   die   Form   von    rs ;    rs  [TcenieftTiv). 

r^   {7iTj/vg),   CT)  [tiöXi^),    V  [vTiäo/cov],    &~  oder  d-li(T(avoix6q),    0"  (i^€Oü), 

/.  [lißog,  hfi/jv,  h'Toa).   /  {Xöyog  oder  XoiTioi),  /  {/OJao/oq);  auch  Liga- 

p 
turen  wurden  angewendet:    k   [xegduiov],  Ä  [ra'/MVTiov),    m  {7106g). 

Häufiger  stehen   aber  zwei,   drei,   vier  Buchstaben  auf  der  Zeile: 

yg')  oder  yg[afXfxaTEvg,  ygacpeiov,  ygccrfevg),    So,  Öiy^  [diiyouxpav), 

di°'  [-xj](Tig),  E(7  {srr/oi'),  e/  [-fievai],  rjfi  {ijfieoa),  xä  [xdiir]Xoi\  xu~  (xax 
üvbgu),  XU"  [xux'  oJxov),  xv  [xvgi'ov),  xcu  {xvgio)),  xä  {-fuj),  /.«"  (-70«- 
rfi(/,g),  ?M",  Xaoyg^{-a(fi(/.g),  /.o'  {/.otTioi). 

A&rt[A&iiVaiog),  dex/  [-c/mowtoi],  xB(f  j [xecf  a/.aicÖTijg),  xo'-,  xo'l  {-'/.r/ficc), 
löi'^  {id'icüTi]g]. 

XTij  {-(TTTjg),  xvT)  {xvgicog?),  xh]g'  {x?Jigog,  xXrjoövofiog),  livxj  [levxög). 

Doch  auch  längere  und  seltenere  Worte  werden  so  abgekürzt: 
ßrp  {ßeveffixiägiog).    fxaxgog  {naxgoTtgöfxconog),    ovfTic/J  (omi'ag  yeojgyög). 

n   [ngoaSiuyguq)6(xivoc],   71')   ngoxeiiiUvov),  tio")    [Tigamöairog),    ;)i:    {xeigö- 

ygccffov),  aviirf'Xf')    (7Vfirf(üvov(xBv  usw. 

The  letters  rpco  frvjj,(f{covöü)  are  icriUen  as  a  mcynogram,  the  fo  throtigh 
tlie  tail  of  the  rp.     Oxyrh.  Pap.  8  p.  229  Nr.  1131.  (5.  Jahrh.) 


»  Denkschr.  d.  Wiener  Akad.  42.  1893  S.  75. 


—     330     — 

/5A/i  d7]fiöaici[?)  Maspero;  von  Wilcken  erklärt  Archiv  f.  Pap.  5. 
1911   S.  446  [d'svTtoai)  {TeT(m)(xii{vov). 

Vielfach  werden  sogar  —  was  doch  eigentlich  vermieden  werden 
mußte   —   Namen    abgekürzt:    JJ^{oevixid'oq),    2:!°[xvonalov)v[)jaov),    coc/j 

Uoi'cüv,  (fcc   (liccfievcüß^,  ffX{a:oviog]. 

Natürlich  werden  auch  bei  zusammengesetzten  Worten  Zahlen 
geschrieben:    yx"^  [TQixmnia:  Arch.  f.  Pap.  1  S.  357  A.  2),    dinf  [tetou- 

X 

fi7]vog),  P  [ixaTÖVTaQ/rjg).     a  kommt  vor   in  dem   Sinne   von   TiQÖregog. 

Ausnahmsweise  wurde  auch  wohl,  wie  wir  es  bereits  in  der  sacralen 
Unciale  kennen  gelernt  haben,  zur  Erleichterung  des  Verständnisses  der 
Schluß  des  Wortes  ausgeschrieben,  s.  die  oben  angeführten  Beispiele 
BAYZ  (?),  z.  B.  ip/Tjg  [ijysfjLOvixTjg),  eq)  (ETieicp),  aajl  ((Te(77jfie(a)fiivi]v). 

Ein  Berliner  Papyrus  vom  Jahre  613  n.  Chr.,  den  Schmidt  heraus- 
gegeben, hat  im  Wesentlichen  immer  noch  das  Kürzungssystem  des 
Altertums:  ivö[ixTicüvog]  ti oo ff v()on colli] g]  v7[oyoarf[ijv]  kTHÖij/^l^ovvTtl 
/aio[eiv^  öno?i[oy<Jü^  ^tij[<tik^  (Ti[tov']  7i?ii]Q0vi.i[ei>(üv']  7i()0(7/[oixivo]v  noö- 

XBt[Tai]. 

Über  die  technischen  Abkürzungen  der  Münzwerte  s.  Hermes  22, 
633:  Wilcken,  Die  Chalkussiglen  in  der  griech.  Cursive. 

Tachygraphische  Abkürzungen  werden  in  der  gewöhnlichen  Papyrus- 
schrift nicht  angewendet;  ^  bedeutet  -t]v,  während  das  tachygraphische  ?; 
durch  /  ausgedrückt  wird;  dagegen  findet  man  hieroglyphisch-con- 
ventionelle  Zeichen,  welche  die  Sache  selbst,  nicht  die  Buchstaben  des 
Wortes  wiedergeben  wollen.  Einige  dieser  in  griechischen  Urkunden 
angewendeten  Zeichen  mögen  die  griechischen  von  den  ägyptischen 
Schreibern  gelernt  haben. 

Ein  zusammenfassendes,  vollständiges  Verzeichnis  der  Papyrus- 
abkürzungen hier  zu  geben,  halte  ich  nicht  für  möglich;  dazu  ist  die 
Zeit  noch  nicht  gekommen,  da  die  Sache  noch  zu  sehr  im  Fluß  ist 
und  jedes  Jahr  noch  neue  Funde  bringt.  Schwierig  wird  die  Aufgabe 
auch  besonders  dadurch,  daß  die  Auflösung  und  Erklärung  der  Ab- 
kürzungen oft  strittig  ist.  Der  Raum,  den  ein  solches  Verzeichnis  in 
Anspruch  nähme,  würde  ein  recht  großer  sein,  und  die  cursiven  Cha- 
raktere würden  eine  Reihe  von  Tafeln  beanspruchen,  die  mir  nicht  zur 
Verfügung  stehen.  Ich  muß  mich  deshalb  begnügen,  auf  die  oben 
genannten  Listen  und  Indices  der  Ausgaben  zu  verweisen,  aus  denen 
sich  jeder  leicht  eine  provisorische  Liste  zusammenstellen  kann. 


—     331     — 

Die  tachygraphischen  Abkürzungen^. 

Unter  tachygraphischen  Abkürzungen  kann  man  verschiedenes  ver- 
stehen: 1.  Abkürzungen  in  tachygraphischen  Texten  und  2.  tachy- 
graphische  Abkürzungen  in  gewöhnlicher  Schrift. 

1.  Da  die  tachygraphische  Schrift  eigentlich  nichts  weiter  ist  als 
eine  Abkürzung  der  gewöhnlichen  Schrift,  so  hat  man  in  tachygraphi- 
schen Texten  dieselben  Kürzungen  angewendet  wie  in  anderer  gleich- 
zeitiger Schrift.  Und  da  die  zusammenhängenden  Texte  des  Mittelalters 
meist  theologisch  sind,  so  hat  man  zunächst  die  sacralen  Kürzungen  (s.  o.) 
angewendet:  äv&Qamog,  ovgavog,  xvoio^,  Aaßid,  ifsöq  usw.  Bei  anderen 
vielfach  vorkommenden  Worten  vTiio,  Tieo,  1%),  ovv,  avrö^,  kfJTi  eivui 
schrieb  man  zunächst  das  Wort  mit  den  gewöhnlichen  tachygraphischen 
Zeichen;  aber  bald  verkürzte  und  verflachte  der  Schreiber  das  Wort- 
bild, um  sich  die  Sache  zu  erleichtern. 

2.  Wenn  man  aber  gewöhnlich  von  tachygraphischen  Abkürzungen 
redet,  so  meint  man  die  in  gewöhnlicher  Schrift^  eingestreuten  tachy- 
graphischen Zeichen,  von  denen  zuletzt  Mentz  ^  eine  Liste  gegeben  hat. 
Im  Inlaut  wird  z.  B.  das  tachygraphische  cc  ~  angewendet.  Das  sind 
aber  im  strengen  Sinne  des  Wortes  keine  Abkürzungen  sondern  En- 
dungen; denn  genau  genommen  ist  bei  — aq„  — ^v  usw.  jeder  Buchstabe 
tachygraphisch  ausgeschrieben.  Aber  diese  Endungen,  die  vielfach 
benutzt  wurden,  namentlich  auch  von  Minuskelschreibern,  die  das 
tachygraphische  System  entweder  gar  nicht  oder  nur  mangelhaft  kann- 
ten, sind  vielfach  umgebildet  und  verflacht  und  haben  daher  in  jungen 
Handschriften  eine  ganz  fremdartige  Gestalt  angenommen.^  Siehe  die 
Liste  am  Schlüsse  S.  835. 

Minuskelkürzung. 

Die  paläographischen  Abkürzungen  hat  Montfaucon  p.  345 — 46,  Du 
Gange  hinter  seinem  Glossarium  med.  et  inf  graec.  p.  3 — 23  und  Sabas 
am  Schlüsse  seiner  Specimina  palaeogr.  behandelt,  d.  h.  wesentlich  die  der 

^  Lehmann,  0.,  Die  tachygraphischen  Abkürzungen  der  griechischen  Hand- 
schriften. Leipzig  1880  (mit  10  Tafeln);  s.  meine  Anz.  Gott.  Gel.  Anz.  1880 
S.  1277 — 80.  Vitelli,  G.,  Spicilegio  fiorentino  IV  im  Museo  italiauo  di  antichitä 
classica  1883  S.  9  u.  166  (m.  1  Tafel);  vgl.  Burkhard,  Wiener  Studien  10.  1888 
S.  100  tf.  Allen,  Notes  on  abbreviations  in  gr.  mss.  Oxf.  1889  p.  28.  Der  c.  Maglia- 
bechianns  4  (II«I'3)  enthält  eine  tabula  compendioi".  tachygraph.  von  der  Haud 
aes  A.  Cocchi  (ca.  1751);  vgl.  Bast,  Comm.  pal.  p.  749,  Hermes  11  Taf.  A.  VlI. 

-  Tachygraphische  Abkürzungen  auf  Papyrus  in  Buchschrift  siehe  Berliner 
Klassikertexte  1  (Didymus)  S.  2. 

^  Tachygr.  Kürzungen  in  griech.  Handschriften.  Arch.  f.  Stenogr.  58.  1907 
S.  2;-il. 

*  Vgl.  Lehmann,  Die  tachygraph.  Abkürzungen.  Leipzig  1880.  Allen,  Notes 
on  abbreviations.  Oxford  1898.  Vitelli,  G.,  Museo  Italiano  1  p.  14  u  166  (m.  Taf.); 
sein  Text  ist  oft  schwer  mit  seinen  Abbildungen  zu  verbinden. 


—     332     — 

Minuskel.^  Auch  Villoison  (s.  o.  1  S.  7)  und  Bast  in  seiner  Conimentatio 
palaeographica  und  Wattenbach  in  dem  autographierten  Teil  seiner 
Anleitung  zur  griech.  Paläogr.  behandeln  die  Abkürzungen,  aber  keine 
dieser  Zusammenstellungen  ist  genügend.  Sakkelion  hat  in  seinem 
Catalog  der  Bibliothek  von  Patmos  eine  Liste  von  Abkürzungen  junger 
Minuskelhandschriften  gegeben  in  so  verschnörkelten  Formen,  daß  sie 
hier  nicht  berücksichtigt  sind. 

Die  chemischen  Abkürzungen  s.  Du  Gange,  Glossarium  mediae 
et  infimae  Graecitatis.  Vgl.  jedoch  Not.  et  Extr.  V.  369  ff.  386  ff.  (Mont- 
faucou,  Pal.  Gr.  p.  373),  c.  Lips.- Paulin.  66  (Collectio  chemicorum), 
c.  Marcian.  299  fol.  209 — 210,  auf  den  Sathas  die  Güte  hatte,  mich 
aufmerksam  zu  machen.  In  dieser  Handschrift  der  Chemiker  (s.  XI) 
sind  nach  Wattenbach,  Exempla  codd.  gr.  p.  13:  fitj/xeTcc  rfii  imart'iuiii 
tQv  kyxEifiivcov  kv  roTq  Te/vixoT<i  (Tvyyodfjbaai  (sie)  rwv  (piXoaöcfOiv  xai 
HäXidTU  TTii  (.ivarixTiQ  TiaoavroT^  /.syofjLev7]g  rfiKoaocpiug.- 

Auch  die  mathematischen  Abkürzungen  des  Oxforder  Euclid  vom 
Jahre  888  (Pal.  Soc.  Nr.  66)  und  des  vaticanischen  Pappus  (c.  Vat.  218 
s.  XII)  erfordern  eigenes  Studium.  Die  mathematischen  Abkürzungen 
des  c.  Vatic.  gr.  211  (s.  XII),  zugleich  mit  den  Zeichen  des  Tierkreises, 
hat  Hultsch  zusammengestellt  in  seiner  Ausgabe:  Pappi  Alexandrini 
coUectionis  reliquiae  III  p.  1 1 66 — 88  und  Correspondenzblatt  des  Kgl. 
stenogr.  Instituts  zu  Dresden  1878  Nr.  9  S.  48  f.  —  Die  übrigen  spe- 
ciellen  Abkürzungen  siehe  im  Appendix  zu  Steph.  thesaur.  ed.  Dindorf  8 
p.  354  ff.  und  Montfaucon,  Pal.  Gr.  p.  359:  De  notis  et  divisionibus  nione- 
tarum  tarn  veterum  quam  recentiorum:  item  de  divisionibus  arithmeticis  et 
earum  notis.  p.  365:  de  7iotis  tnensurarutn  et  pondei-iim  tarn  solidornm  et 
liquidorum  (vgl.  p.  370). 

^^z^ung  Das  Wesen  der  Minuskelkürzung  besteht  also  darin,  daß  man  den  letz- 

ten Teil  des  Wortes  entfernt;  beibehalten  wird  nur  der  Kopf  und  Rumpf  des 

Buchstab!^  Wortcs  z.  B.  Tic.vTCc  [navTa/ov).  Um  dem  Leser  aber  bei  der  Ergänzung 
behülflich    zu    sein,    setzt   der   Schreiber  über  den  letzten   Buchstaben 

zutg^suich  oder  den  schrägen  Abkürzungsstrich  /  die  charakteristischen  Consonan- 
ten  der  weggelassenen  Silben;  nur  ausnahmsweise  wird  dieser  Ab- 
kürzungsstrich im  Inlaute  angewendet,  so  z.  B.  xjz  für  xccrä;  zuweilen 


*  Fischer,  Job.  Fr. ,  Animadversiones  ad  .Jac.  Velleri  grammaticam  graecam 
spec.  I.     Leipzig  1798  p.  235. 

-  Berthelot,  M.,  Sur  les  notations  alchimiques:  Ann.  de  chimie  et  de  phys. 
VI  S.4.  1885  p.3T0 — 400  undCoUection  des  alchimistes  gr.  pp.  Berthelot  et  Em.Ruelle. 

Paris  1888  p.  92. ,  Introduction  ä  l'etude   de  la   chimie   des   anciens   et   du 

moyen  äge.  Paris  1889.  Tannerr,  P.,  Sur  les  abreviations  dans  les  mss.  grecs. 
Revue  Arcli.  III,  12  (1888)  p.  210— 13  (alchymistisch).  Omont.  H.,  Un  traite  de 
physique  et  d'alchimie  en  ecriture  ciyptogr.    Bibl.  de  Tee.  d.  chart.  58.  189"  p.  253. 


—     333     — 

wird    er   mit    dem    übergeschriebenen  Buchstaben  verbunden  oder  gar 
durch  zwei  Punkte  ersetzt. 

Der  Plural  wird  meistens  dadurch  bezeichnet,  daß  der  letzte  aus- 
geschriebene Buchstabe  wiederholt  wird:  xvoo  (xvoioi),  i  too/^^  [tov^ 
Too'/ovi),  ähnlich  wie  in  lateinischen  Inschriften  seit  dem  dritten  Jahr- 
hundert Augg  für  Augusti  gesetzt  wird,^ 

Abkürzungen  sind  Vulgarismen,  die  ein  sorgfältiger  Kalligraph 
namentlich  in  heihgen  Schriften  möglichst  vermeidet,  während  ein 
gleichzeitiger  anderer  Schreiber  sie  ohne  Bedenken  anwendet;  aber  trotz 
alledem  kann  man  an  datierten  Handschriften  verfolgen,  wie  sich  der 
Schatz  der  gebräuchlichen  Abkürzungen  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte 
vermehrt  hat.  Die  alte  Minuskel  verwendet  nicht  viel  mehr,  als  die 
uncialen  Abkürzungen.  Der  Schreiber  des  c.  Vindob.  phil.  314  braucht 
z.  B.  ein  hochgestelltes  o  für  die  Endung  -og,  n  für  -;ieoi,  ipi)  für  wvxTjq 
und  ein  Minuskel-^"  mit  Abkürzuugsstrich  für  Siu  wie  in  der  Cursive. 
Von  tachygraphischen  Abkürzungen  kommt  am  frühesten  yMi  vor.  Schon 
in  die  Unciale^  und  alte  Minuskel  werden  tachygraphische  Abkürzungen  •^^^^^'■^"°,-^ 
eingemischt.  Von  dem  interessanten  c.  Vindob.  phil.  314  (a.  924;  hat 
A.  Jordan  eine  Schriftprobe  anfertigen  lassen,  besonders  mit  Rücksicht 
auf  die  damals  gebrauchten  Abkürzungen.  Auf  dieser  Photographie, 
die  mir  freundlichst  mitgeteilt  wurde,  sieht  man  —  abgesehen  von  den 
tachygraphischen  Vocalen  a  und  w  —  folgende  tachygraphische  Ab- 
kürzungen: -ccq  yao  öe  eIi'oci  -ev  kari  -ijv  -//«•  -oi'  -ov  -oi^  ovv  -ovg  -cov 
-(og.  In  der  mittleren  Minuskel  aber  vermehren  sie  sich  noch  und 
finden  nach  dem  Absterben  der  Tachygraphie  noch  eine  weitere 
Verwendung.  In  dem  c.  Lond.  Add.  5107  vom  Jahre  1159  finden  wir  1159 
z.  B.  Töi^  -ojg  -oig  -ovg  -mg  -vtjg  -fiag,  im  Lond.  Add.  27  359  vom 
Jahre  1252  -Tr/g  -tieiv  -tisv,  c.  Curzon.  13  a.  1272  -oaig,  im  Harl.  5575  ii72 
vom  Jahre  1281  -Ttjg  -re^  -cov  -dig  usw.  Sehr  dankenswert  sind  daher  1281 
die  chronologisch  geordneten  Listen  von  Abkürzungen,  die  Zereteli  a.  a.  0. 
S.  143—210  gegeben  hat. 

In  welcher  Weise  und  in  welchem  Umfange  der  Schreiber  die  Abkür- 
zungen anwenden  wollte,  hing  bloß  vom  Schreiber  ab,  der  wissen  mußte, 
wieviel  er  seinen  Lesern  zumuten  konnte,  und  deshalb  in  einem  gramma- 
tischen Texte  ganz  andere  Abkürzungen  anwendete,  als  in  einem  histori- 
schen, rhetorischen  oder  mathematischen.    Montfaucon,  Pal.  Gr.  366  führt 

z.  B.   aus   dem   c.  Reg.  2724   Abkürzungen   an,  wie  a,  3T,  no,  Tilj,  Jti],  z  Erkiänlng' 
da/crv/.ovg,  ^laXuiaxag,  nödag,  Tii/^vg,  Tii'i/eig,  ardÖia,  von  denen  wenig- 
stens die  ersten  in  anderem  Zusammenhange  einen  ganz  anderen  Sinn 

'  Vgl.  AVessely,  Studien  z.  Paläogr.  8  S.  233  ff.  (Index). 

-  Z.  ß.  -Ott.-  -a;  -rjc.     Tischendorf,  Mon.  sacra  ined.  nova  coli.  V  p.  XVI. 


—     334     — 

haben  würden.  Am  meisten  wurden  natürlich  die  stets  wiederkehren- 
den stereotypen  Formeln  abgekürzt,  von  denen  oft  wie  liei  den  Siglen 
nichts  üljrig  bleibt,  als  der  Anfangsbuchstabe. 

Aber  auch  sonst  rechnet  der  Schreiber  auf  ein  Entgegenkommen 
von  Seiten  des  Lesenden.  Eine  Abkürzung  wie  daö^^  kann  mit  dem- 
selben Rechte  dEOTijroi,  deÖTjjTi,  deÖTijTc:  gelesen  werden,  nur  der 
Nominativ  würde  auch  graphisch  durch  ein  einfaches  r  sich  unter- 
scheiden lassen;  716  kann  heißen:  :TÖ/.ig,  tio'/.vq,  TiÖASfiog,  TioUfiiog,  :10h- 
rrii  und  sogar  Tco?uTeta,  obwohl  das  letzte  Wort  meist  tto/h  abgekürzt 
wird,  ßd'/lov  bedeutet  ßäu.ovrog,  -ri.  -ra,  -reg.  -rag,  während  die 
anderen  Fälle  durch  Veränderung  des  Accentes  bezeichnet  werden 
müßten.  Natürlich  sind  in  der  folgenden  Liste  nicht  alle  möglichen 
Formen  in  jedem  Falle  ausgeschrieljen,  sondern  nur  diejenigen  als 
Beispiele  herausgegriffen,  die  in  einem  concreten  Falle  verwendet 
wurden,  ohne  daß  aber  deshalb  die  anderen  Formen  mit  gleichem 
Accente  ausgeschlossen  waren.  Mit  Eecht  polemisiert  daher  Schubart  ^ 
gegen  Cobets  Behauptung:  Xunquam  vocabula  ita  deeurtantur  ut  duplici 
modo  rede  expleri  ])ossi?it,^  und  nennt  diesen  Satz  entweder  ül)erflüssig 
oder  unrichtig.  In  manchen  Fällen  aber  kann  nur  der  Sinn,  der  Zu- 
Doppeisinn  sammcuhaug  auf  die  richtige  Ergänzung  führen.  Diesellien  Al)kürzungen 
Uj^  6//  ao^  Tov  ööiov  las  Eeiske  'Zi]Tei  eig  rovg  äir/ovrag  zov  Thxoa- 
ciiov,  während  Brunet  de  Presle^  richtiger  ergänzt  t^z/re/  ilg  t/jV  äg-/],i' 
TOV  T^Toudiov,  dadurch  wurde  aus  dem  Unteroffizier  eines  Postens  von 
vier  Mann  plötzlich  der  Anfang  eines  Quaternio:  aber  an  und  für  sich 
sind  beide  Lesungen  möglich.  Auch  die  tachygraphischen  Abkürzun- 
gen^ haben  zu  Mißverständnissen  und  falschen  Auflösungen  vielfach 
Veranlassung  gegeben.  Das  beste  Mittel,  die  gewöhnlichen  griechischen 
Abkürzungen  kennen  zu  lernen,  bleibt  immer  die  Vergleichung  der 
Handschriften,  oder  der  älteren  griechischen  Drucke  mit  unseren  mo- 
dernen Ausgaben,  in  denen  die  Abkürzungen  aufgelöst  sind. 

Ein  Verzeichnis  der  Minuskela1)kürzungen  ist  natürlich  für  das 
Verständnis  der  Handschriften  notwendig;  während  man  dassell)e  nun 
früher  ordnete  nach  dem  Alphabet  der  abgekürzten  Worte,  haben 
neuerdings  Allen,  Thompson-Lambros  und  Zereteli  diese  Anordnung 
aufgegel)en  und  die  Abkürzungen  nach  ihrem  eigenen  Alphabete  ge- 
ordnet. Nur  bei  den  tachygraphischen  Al)kürzungen  hat  dieses  Princip 
Bedenken;  denn  um  eine  solche  Al)kürzung  zu  finden,  muß  man  schon 


1  Bruchstücke  zw  einer  Methodologie  S.  14. 

*  Oratio   de   arte    interpretandi    grammatices    et   critices   fundamentis   innixa 
primario  philologi  officio  p.  77. 

'  Comptes 'rendus  de  l'Acad.  (Paris)  1867  p.  167. 

*  Hermes  11  S.  443  Taf.  A. 


—     335     — 

wissen  was  sie  bedeutet;  das  unbekannte  x  wird  also  als  bekannt 
vorausgesetzt.  Wenn  ich  nun  in  der  nachfolgenden  Liste,  in  der  ich 
namentlich  an  Zereteli  anschließe,  dennoch  zu  diesem  Princip  über- 
gegangen Inn,  so  hat  das  seinen  Grund  darin,  daß  auf  einem  anderen 
Wege  sich  noch  größere  Üljelstände  bemerkbar  machen.  Ich  dachte 
daran,  die  tachygraphischen  Abkürzungen  nach  der  Form  und  Ähn- 
lichkeit zu  ordnen;  aber  auf  der  einen  Seite  haben  gleiche  oder  sehr 
ähnliche  Formen  oft  sehr  verschiedene  Bedeutung  und  manchmal  auch 
verschiedenen  Ursprung,  und  auf  der  anderen  Seite  hat  diesellje  Form 
wieder  so  verschiedene  Variationen,  daß  das  Zusammengehörige  zer- 
rissen werden  müßte. 

Endungen^  und  kurze   Worte  (meist  tachygraphisch). 

A  ist  tachygraphisch  — ;  dieses  Zeichen  wird  schon  im  Jahre  835 
in  der  Minuskel  verwendet:  fr/rjji,  da  aber  ein  einfacher  Quer- 
strich leicht  übersehen  wird,  so  wird  er  manchmal  verstärkt 
durch:  ,d'i/-^,xi^-  [xara);  beide  Formen  nebeneinander  ;~A-f-. 

—  '^-a^  -avog  -a7i?Maiog,  Bast,  Comm.  pal.  p.  796 — 97. 

AI  ist  ein  gebrochener  diagonaler  Strich  nach  links  unten,  be- 
sonders häufig  in  xal  Ko  selljst  im  Inlaut  angewendet  (n]fxt^vEt. 

9  AlC  durch  dasselbe  Zeichen  mit  (7  geschrieben  r^o-  {ralg  a.  835); 
daneljen  aber  auch  r  (eigentlich  =  t6/ij);  es  ist  das  tachygra- 
phische  a  mit  Andeutung  des  Plurals.  Doch  wird  es  nicht 
immer  hochgestellt  öofi.^  [öofiaig);  eine  unverstandene  Weiter- 
bildung ist  ^:    defTTiöv'^. 

-^  O  AN  ist  tachygraphisch  /• :  tit    [nävTcov,  a.  992).      Der    Winkel 
4    '  wird  manchmal  abgerundet,  aber  nur  mißbräuchlich  auf  den 

Kopf  gestellt  (s.  Fig.)  aotl   {aoori^oiccv  a.  1321). 

'y       ANTI  ist  nicht  nach  Thompson-Lambros,  Pal.  172,  ein  d,  son- 
dern ein  T  mit  einem  Häkchen  nach  links. 
'*C\^  ATTO  behält  seine  tachygraphische  Form,  die  allerdings  manch- 
mal stark  umgebildet  wird. 
^   Ui-öAP  (APA  s.  TTAPA)  ist  tachygraphisch  ausgeschrieben  ein  Hori- 
^    ^  zontalstrich   mit   einem   Kreis   meistens  nach  unten  (s.  Fig.) 

[i.7ii)-/c/.n{p.ov]  ßaoißdoov^);  selten  wie  b  nach  oben  gerichtet 
(s.  Fig.)  xao[Öiav). 

2^      AC  tachygraphisch  ausgeschrieben  d  {oi)§ag  a.  932  (s.  Fig.),  auch 
nach  links  verbunden  [h]nc/.i  (s.  Fig). 


)^ 


*  Vgl.  Montfaucon,  P.  G.  p.  346:  Syllabae  finales. 


—     336     — 

*^6  "h    AY  ebenfalls  tachygraphisch  (s.  Fig.)  iai{T6),  Ijei  avröi  werden 
die  ersten  drei  Buchstaben  oft  zu  einer  Ligatur  verbunden, 
„o^  -a«,  y-    -ßoh'i 


V 


'tu 


Ar        PAP  ist  r  mit  \  manchmal  mit  tachygraphischem  ^  (s.  Fig. 


/%n/   I — ^ o"  -yoacpov 


-A  -öiov  -Öjj/xog  -dajxog  ScoQog 
AA|(Öf^>l^)-f^"'^^  Bast,  Comm.pal.  p.  813. 

*7  >    A€   tachygraphisch  (s.  Fig.),    der  Winkel    ist   spitz,  wird  aber 
O  vielfach  abgerundet. 

A.  e^  AIA  ist  ein  A  mit  ^  (s.  Fig.). 

lU  JÖL  ^  ^^^^   ^^^   ersetzt   durch    einen   welligen   Abkürzungsstrich  s: 
^     '  /i,£T«  (s.  Fig.). 

— -^   -sr  -6^  -emg  -srai 

'i       H  ist  die  tachygraphisch  abgekürzte  Form  des  uncialen  Buch- 
stabens Ti'j  (s.  Fig.). 
y  /'/'EIN   ist  ein  einfacher,  meist  aber  doppelter  diagonaler  Strich 
/( .  nach  rechts  oben,  der  mit   einem  Punkt  oder  Gegenstrich 

)^  endet  (s.  Fig.),   selten  ein  diagonaler  Strich  von  links  oben 

nach  rechts  unten  (mit  Punkt  s.  Fig.). 
\ '^^       EINAI   ist  ein  diagonaler  Strich  nach  rechts  unten,  manchmal 
^-r-'         mit  zwei  Punkten  .V,  manchmal  ein  horizontaler  langgezogener 

Circumflex  zwischen  zwei  Punkten  (s.  Fig.). 
/■/:^     €CTI  ist  /  oder  •/.  (s.  Fig.). 
A/>     /  £öt/,     \  sTvai    schon    im    ersten  Jahrh.  v.  Chr.     (Oxyrhynch. 

0  Pap.  8.  1086). 

^//     €ICI,  der  Plural  wird  durch  Verdoppelung  ausgedrückt:  //. 

€CTAI  ist  ein  diagonaler  Strich  nach  rechts  unten  mit  Andeu- 
tung des  ^. 

QJ      €CTCU  ist  w  mit  Abkürzungsstrich  (s.  Fig.). 

At>     €IC  ist  ein  hochgestelltes  ^;  beim  Plural:  Verdoppelung;  wenn 

1  das  Wort  mit  Buchstaben  ausgeschrieben  wird,  ersetzt  man 
manchmal  das  Schluß-c-  durch  einen  Abkürzungsstrich:  e/g 
Ti^v  (s.  Fig.).  Auffallend  ist  das  Häkchen  mit  Punkt  darin 
(s.  Fig.),  was  leicht  mit  dem  tachygraphischen  av  verwechselt 
werden  kann. 

/V^  6K  erinnert  an  die  tachy graphische  Form;  es  ist  scheinbar 
ein  verzogenes  N. 


^ 


33 


-^ 


—     337     — 

^^  ^N   ist  tachygraphisch;    ein   spitzer  oder  rechter  Winkel  über 
der  Zeile  (s.  Fig.). 

?j  ^     €m   ist  tachygraphisch  (s.  Fig.).     Man  glaubt  noch  das  TT  mit 
angesetztem  I  zu  erkennen. 

t  t     €P  ist  tachygraphisch   ein  fast    senkrechter  Strich    unten  mit 
der  Schleife  des  P,  manchmal  dem  b  ähnlich  (s.  Fig.). 
€C    ist   ein    hochgestelltes    tachygraphisches    (t:    ^,   im  Plural 
verdoppelt;  zuweilen  mit  ••  (s.  Fig.). 

^<>/'    HrOYN  über  dem  uncialen  H  hochgeschrieben  die  tachygraphi- 

sche  Form  (s.  Fig.). 

HN  ist  ein  hochgestellter  diagonaler  Strich  entweder  nach  rechts 

oder  meistens  nach  links  t7]v  (s.  Fig.). 
HP  ist  tachygraphisch  ein  hochgestelltes  ?;  und  P  (s.  Fig.). 
5  75     HC    ist    ein    (hochgestelltes)    3  oder  ?  (s.  Fig.),  selten  das  Häk- 
chen von  rechts  oben  nach  links  unten  (r;;g  s.  Fig.). 

— ^''  -&eig 

^1^    -d-f.VT(OV 

^  ^     I  ist  nicht  tachygraphisch,  sondern  von  V  bleiben  nur  die  Punkte 

ori  (s.  Fig.). 

INA  wird  abgekürzt*  durch  I  mit  Abkürzungsstrich;  manchmal 
wird  das  a  hinzugefügt. 

IN  wird  geschrieben  und  gesprochen  wie  HN;  zum  Unterschied 
werden  bei  IN  manchmal  über  der  Zeile  zwei  Punkte  hinzu- 
gefügt. 

IC  wie  HC;  auch  hier  werden  manchmal  zwei  Punkte  hinzu- 
gefügt; manchmal  wird  IC  ausgedrückt  durch  ein  hoch- 
gestelltes ^. 

Wenn  K  abgekürzt  wird,  so  geschieht  dies  tachygraphisch  <; 
wenn  man  dann  noch  einen  Abkürzungsstrich  unten  hinzu- 
fügt 5,  so  entsteht  leicht  eine  Form  wie  |. 

— x.^  -xc/Jov 

^  C/^  KATA  ist  tachygraphisch  geschrieben   <   in  Verbindung  mit  a: 
^-=  manchmal  wird  die  letzte  Silbe  hinzugefügt  (s.  Fig.),  selbst- 

^^  verständlich  wird  es  auch  mit  gewöhnlichen  Buchstaben  ab- 

gekürzt (s.  Fig.). 

Gardthausen,  Gr.  PalUographie.    2.  Aufl.  II.  22 


—     338     — 

^  /      KAI  ist  vielleicht  das  häufigste  Wort,    seine  Formen  sind  sehr 
C^  I     .   mannigfaltig.    Ausgehen  muß  man  von  der  tachygraphischen 
Form  <  mit  Alikürzuugsstrich  /;  dieser  wird  dann  gelegent- 
lich über  die  Linie   verlängert  und  endet  mit  dem  Accent; 
außerdem  werden  noch  die  Winkel  abgerundet  [s.  Fig.). 

fj{\      A  wird  in  tachygraphischer  Schrift  oben  abgerundet  und  daraus 

c>^         wird  über  der  Linie  ein  flacher  Hall)kreis  '^,  auf  der  Zeile 

wird    die    erste  Hälfte    des    Buchstabens    abgeworfen    z.  B. 

{ßci](Tl/..    [cC7l0]fTT0'/.    (S.   Fig.). 
'■    {d/j)?.OVÖT( 

—^■'''  [av)ncißii 

— <"    -flOV 
fXy  -uevov 

juC,  -liii'ijv  (Sabas) 
f 

jU):      -Ixil'OV 

Hl    -fiivcoi' 

u 

— '"*'  -«*   -iiEi'og 
— '"'  -Hevoi 

a  T 

fXJT,    fi-^     -{.lUTCi 
u 

-f^iv     {v7io)-pLvi]fiuru   {cc7to)-ui'ijiioi'evfjiaTa 

— N   -vioq 

—  /'  -ai'd'oog 

0  ^^ 

— N€C  -vs     5  -re(T&ai 

— "  -o'-  -oh)  Bast,  Comm.  pal.  p.  795—96. 

— ^  -0^  -oxoärjjg  Bast,  Comm.  pal.  p.  814. 

—  d"  -ödoTog  Bast,  Comm.  pal.  p.  812. 
Co  -oc,  6(jtoq 

-O^'     -ÖTI/TU 

/f      Ol    ist    tachygraphisch:    {öov)loi ,    [ävtuoi    (s.    Fig.),    vgl.    Mus. 
jU?  Italiano  3.  318. 


—     339     — 

^  y  OIC  ist  ein  wagerechter  Strich,  der  mit  einem  Häkchen  (dem 
'^V^  tachygraphischen  a)  endet:  rolg;  aus  dem  wagerechten  wird 
^^  manchmal    ein    schräger    Strich  (s.  Fig.)  no/g.     Wenn    rol:: 

daneben   gelegentlich   r"  geschrieben  wird,    so   ist  das  eine 
Verwechselung  mit  tsi^. 

;^=;    OMOY    ist    hieroglyphisch    geschrieben:    ein    Kreis    oder    eine 

z.  gerade    Linie    durch   zwei   Striche  in    gleiche    Teile    geteilt 

'  (s.  Fig.),    aber    die    Hieroglyphe    wird    vereinfacht    (s.  Fig.). 

Diese  Abkürzung   gehört  also   eigentlich  gar  nicht  hierher. 

ON  ist  ein  diagonaler  Strich  von  links  oben  nach  rechts  unten  \; 
die  Verdoppelung  \\  oder  V  weist  auf  den  Accent  hin: 
-6v]  dieses  Zeichen  wird  selbst  im  Anlaut  angewendet  \'to)^. 
Am  Schlüsse  wird  es  auch  durch  ein  hochgestelltes  "  aus- 
gedrückt, jiidoxl,  was  aber  auch  -o^  bedeuten  kann:  (xüoxoi. 
XJu  OC  ist  ein  hoch-  (oder  tief-)  gestelltes  °:  {vq)hoq,  (s.  Fig.),  später 
-j^  wird  wohl  noch  ein  Abkürzungsstrich  hinzugefügt  {xoiov)xoq, 

y^  (s.  Fig.).     Stark  gekürzt  ist  'Koyoq,  (s.  Fig.). 

K-  ^o    OTI  das  gewöhnliche  o  wird  verbunden  mit  dem  tachygraphi- 
•|*         sehen  t<,    schräg    oder  vertical   (s.  Fig.).     Selten  wird    das 

r 

gewöhnliche  t  hochgestellt  (a.  835):  o. 

■ — y    -OVftlV    -OVfTCC 

p        OYN.     Auch  hier  wird  das  gewöhnliche  o  verbunden  mit  dem 

tachygraphischen  vv  (s.  Fig.). 

'£^       OYTOC   wird    in    gewöhnlicher   Schrift    durch    die  Vocale    der 

ersten  und  letzten  Silbe  ausgedrückt. 
/, 
''^      OYTCU  wird  durch  ov  mit  dem  tachygraphischen  co  ausgedrückt. 

iy^       OYTCUC   wird   durch   ov   mit    dem    tachygraphischen   oj^  aus- 
gedrückt (s.  Fig.). 

(/  ^  TTAPA  ist  nicht  zu  trennen  von  APA;  dieses  ist  ein  nach  rechts 
<^  geneigter  Anker  (s.  Fig.),  bei  nuua  wird  ein  71  vorgesetzt;  so 

schon    im  Fragm.  mathematicum    hob.    und    ebenso    in   der 

Minuskel  (s.  Fig.). 

-n^    -71EL.U 

-7i'  -neo   Museo  Ital.  1,  170  Xr.  117.     ' 
;t^.  7i-\-  -Tieo 
— ^    -Tiöhov 


—     340     — 

£  ^  Ob  TTPO  durch  ä  (jiocuTog)  ausgedrückt  werden  kann,  ist  zweifel- 
^  haft:  acco    {:ioö(TOinov?). 

TTPOC  die  etwas  umgebildete  tachygraphische  Form  findet  sich 
auch  in   der  Minuskel;    daneben  die  Anfangsbuchstaben  in 
Ligatur. 
/. 

C*^    [l)(T0X0ÜT7]q 

— '^'^-  -aroh'i 
— '^^>    -aTi]Qiov 

T  läßt  sich  bequem  mit  den  meisten  tachygi-aphischen  Endungen 
verbinden. 


— T 

-TUl 

-^ 

XU 

•\ 

TUl 

\ 

raig 

l 

ruv 

C/ 

raq 

V9 

TUV 

—  T^ 

•TE/.  -Ti/.og 

/• 

TS 

? 

req 

/•' 

TljV 

\ 

Tili 
Tl 

/ 

TIV    [ 

=  Tr/v) 

T/. 

-Ti/j]g 

— T« 

-TUrOQ,    -TOVEia&Ul 

'S 

TO 

•r 

roii 

\ 

TOI' 

o 

XOC 

X 

TOU 

S' 

TOVg 

ro 

-TijOiov  -TEüo^  Bast, 

Comm.  pal.  p.  792, 

'TV710I' 


—     341 


^^9 


C^ 


? 


TW 

TOJV 

— ^'  -vZu 

YTTEP  scheint  tachvgraphisch  oder  conventionell  zu  sein  (s.  Fig.); 
in  der  Minuskel  ist  noch  ein  P  hinzugefügt  vnio  to)v} 

YTTO  scheint  auf  dieselbe  Form  zurückzugehen. 

— (f  -(füJVj  -(fdvjjg 

iOeafjioycpoQiä^ov- 
aai  Bast  c.j).S13. 
fTVf/]-qooä 
Uü   ist  tachvgraphisch    eiji   langgezogener  Circumflex    ~,   der 

auf  der  Zeile  und  über  der  Zeile  geschrieben  wird. 
Von  CDN'^  gilt  dasselbe. 
— ^    -o)v   -cog 

— (o  -(od'rjg  -u)f)ia 

CUP  ist  tachy graphisch:  ein  langgezogener  Circumflex  mit  der 

Schleife  des  P  am  Schluß  (s.  T.). 
CüC   hat  auch  in   der  Minuskel    seine   tachygi-aphische   Form 

beibehalten. 

CüCTT€P  ist  vollständig  tachygraphisch  geschrieben. 

(ü^        -OJTCiXOi 


-f'      TIVOOV^ 


Hieroglyphisch-Conventionell. 


l 


TBTOOjßÖhoV 


L 
L 


bTovg^ 
Subtraction 

Rest 


*  Wessely,  Stud.  z.  Pal.  u.  Pap.  8.    Index  S.  22". 

*  Über  d.  äg}-pt.  Zeichen  öoa/fi.  üoovqu  usw.  vgl.  Viereck,  P.,  D.  Berl.  Ostraka: 
Areh.  f.  Pap.  1.  1901  S.  450. 

^  -{-  nvQov.  Ein  anderes  Zeichen  dieses  Wortes  ^  erklärt  Wilcken,  Grund- 
züge und  Chrestomatie  1  S.  XLI  für  nv{oov),  das  halbmondförmige  TT  gekreuzt  von 
einem  Y;  Oxvrhynchus  Papyi  1   Nr.  89,  1.  90,  1. 

*  l  =  iiüv,J  =  i'Tov;  (Philolog.  52.  1893  S.  221.  Äg.  Urk.  B.  G.  U.  4.  1905 
S.  81.     Ptouse,  On  kvxußas,  The  Class.  Kev.  20.  1906  Nr.  4,   L  =  ai[o:],  demotisch. 


—     342     — 


O 

o 

'Q 

OK) 

i 

c/ 

<L 

JQ"' 

H 

XS 


D 

V 


*ir 


HOOfXOi 

xi'x'/.og,  Haltsch 
uo'/ö^Bvov  Hiiltsch 
TieoKfeoeicc  Hultscli 
öiänsToog  Hultsch 

ToiuÖixbv  '/oöog 
i^fiiou  (a.  972) 

i'v^  (a.  972) 

aEh'ivri 

ovoavöq 

yn 

^vyöv 
difdaXfxoi 

'kaßi'oiv&Oi 
TeTOuyo'ji'ov 
Toiycovov 
7i(y.oä/.'/.?jlog 


tZ     ei-ß-et 


ooif-f/Jc,  Coli.  Fiorent. 
i'/.äarjovu 


XI 


Öuiuöviov  Montfaucon  344 

Pfund.  ?  Dittenberger, 
0.  J.  G.  II,  717 


t 

^#  /     xeoccTioi' 

T,  Tl       HETOIjTl'ig 
(iiTOlO 

(liroxoi 


ccordßij  ^ 
Öeiva 


/ 

r 

yinrai 

+ 

:iuc)c/. 

^ 

Ktuu  Eh.  Mus.  20,  550. 

! 

{=  1)  ößeAÖg   s.  u.  Zahlen 

i.^L 

//.a/fTf 

^ 

/>7o/  Y.  Jahre  888 

ccon9fioi'  V.  Jahre  888 

nach  Bu.  Jahresber.  108 

(1901,1)  S.  71:  S 

s.  Wessely,  Ein  System  S.  7  und  Arch.  f.  Stenogr.  1902  S.  4.  L  Journ.  of  Hellen. 
Stud.  22.  1902  p.  155.  Falsch  von  Letronne,  Reehercli.  p.  136  erklärt  =  '/.vy.aSa;, 
Franz.  elem.  p.  375.  Hermes  18  p.  304  und  Merriam,  The  obelisk-crab.  inser.  New 
York  1883  S.  9—12.  Droysen,  Kl.  Schriften  2,  Ö.  431 :  Siglum  L  non  est 
i.vnüäuvio;.  Lebas -"Waddington  3,  2807  hat  sogar  beides:  y.ul  i'iov:  |A  |A.  Die 
Form  h  s.  Sallefs  Ztschr.  f.  Xumisra.  11  S.  52.  Nach  Head  dagegen  griechisch: 
On  the  Egyptian  coinage  —  —  the  charakter  L  almost  always  precedes  the  date, 
and  the  same  sign  is  somtimes  found  in  Palestine  and  Phoenicia  —  —  —  it  is 
merely  a  fragmentary  and  specialized  form  of  the  initial  E  of  ETOYZ,  s.  Journ. 
Hell.  Stud.  XXII  p.  150.     Head  bist,  uum.^  p.  LXXXVI. 

1  Über  die  Abkürzung  Artabe  s.  Gott.  Gel.  Anz.    1894    S.  723   u.    726. 

2  Siehe  S.  341  Anm.  2. 


<t-       aruvoöi 

/v^      [tGjv)  Tiegt- 
fTTicouivcüv 

Vj      ayooä 

\^  •     hxaxöv- 
Tuo/oq, 


—     343     — 

7^      GVfißohxo: 
(q^      '/.oinö^ 


}  Bezeichn.    der    gleichnam. 
Mutter 

Bezeichn.    des    gleichnam. 
Vaters 

Eph.    archaiol.    III,    2. 
1884  p.  21  —  22. 


Die  uncialen  Abkürzungen  in  der  Minuskelschrift  sind  groß  gedruckt. 


a  (=  1)  ,a^  71  o(7jT0i,  ^ 

:to(oto-  Bast  c.  p.  850   t^f^""  äövvarov 

ää  nocürovi  c.i^    aWioi 


<L  1  -. 

/  \(r/iOi 
<->'    )      Bast  c.  p.  787. 

u^(/.''c/.''   roiocr/tov 
A^  L4d-av(/.aioi^  usw. 


\  ai'i'ovg 
^1°^'^  )       Sabas 


ar      l/.lTtUTtXliV 


5       W 


:Tooxeifierov  c^r/N^    '    ulvicrmi 


V 


ox 

'u     uficofiov  Sabas 
u^  ,u  äno  Sabas 

u^"  I  aTiooia 
Bast  c.  p.  796. 

Bast  c.  p.  800. 


71  TT 

dx"i  ccjioxoii'iV 

axl  c/x/i'y,  To^  Sabas 

äxo'-  äxo'/.ovd iu  Sabas 


-  P/ 

IC\.V  '      TlOOiTOfiOCOTVO 

äpLuo^'    (/.[iv.oria 

o:\iuo^'^    (^IJiaijTcoAÖg 

ä}^ni'^  dlATiuov  Villoison 

'^N  i\     :    ccvdyvcofTig 
Montf.  P.  Gr.  345. 

AM«  ' 

AN/     avayvcofruu 

A 
üv    uvÖoaq 

ccv^^''   äveTiiyoacfo^ 
Sabas. 


uvc^^>  o:va7(efi7ioinEv 

«N« ,  ccv     avaaTafjiiicc 
Sabas. 


axü       axQoarr/ii 

■S'     '        -D 
uxoi''    axotpetcc 

cci'c/.^^    livaar  (CGI  1.10V 
(y/.'/.i    d '/.'/. ij'/.o via   -«oior       Sabas 


u  uovu/og 

ÜB  ähfußiiTov  Sabas      dhfäi  c/J.Cfäßr/Toi'  dvaa     dvdßuGig 


dd    ddelfföi 


ad        aoEAfcoi 


dfi^^    u4t^ipL(x)Vioi 


di'a'A   I       dvah'ixpecoii 


(<i'(/.iy     avaoyvüOiv 


*  Vgl.  Montfaucon,  Pal.  Gr.  p.  848:  Nomina  propria  abbreviata. 


344 


avuci^i      uvc/Mtarrntu 

c/.vazo  X    avarolixov 
avp  'Avdoiov 


A   HO) 
u  vo 


TOVO- 

ßiha- 

(TilXG) 


^NOY  ocv&gconov  usw. 
äv^     avTi  Sabas 

äv^       CCVTl    TOV 

Bastc.p.  792T.V17. 
avTiAj 


iXccßov 


avU 


u  '   IdvriöxBici 

ov 
ANt  'Avti6/ou 

i 


avTicfion'ov 


l'     ~ 
ccvrpaj 

ävT^     OCl'TCOVVUl'ci 


civdv     äv&VTiuroq 

,   v'      ,     - 
aVj      avvf.irfsvTO-i 

@^)  äÖQiaxoi 

Bast  c.  p.  794. 

an  aTiöaroloi 


ccnf    än6xoi(7ig 
änaQu       änuQu'K- 
?iäxTcog 
c/.no^  ccTiod-efievoi 

ano     änöÖEinvov  Sabas 

ano'^^i  anöxoecog  [cctio- 
xoia  Sonntag  Sexa- 
gesimae). 
;. 


ccaxrjfT'^  a(TXtj(TccvTO. 
ä(TfXT    ccfTfithcov 


affco 


A 


Ttooffconov 


Montf.  R  Gr.  345. 

«r   ,    CC      TlQCüTOV 

avy'^  ccvyovfTToq 


m 


av^^     Uvd-VTlOTCiXTOV 

>      ,     .    ^j     , ,     .  Bast  c.  p.  800  T.  VI  2. 

a(p  acpsaiv 

'  ci0H  7ioo(p7]Teia 


änoli    (/.no'/.vfjut 

öl 

ocTio  '    /  d7i6?.v(rtg 

CCTlÖXj     ' 

äno'^^'^l  ccnoXvTtxöq 

o    o 

ccTifTT  änoffTohxög 

Sabas. 

äno^^^  änoarohxo^, 


äcpoo  AffooSirtjq 

B/  ßaßihxöq 
u"i  ßarrilsl  -XeTg 
ßl     ßafTiXeia  -eiog 

nx  I 

u  I    ßacTihxüjv 

u"      ßagiig 

U/     ßaQvrovog 
Bast  c.  p.  801 

ß  StvxBQog 

ujaj  öevrioovg 

B 
B  +  B    TiToaßaaÜMU 

B 

chj  cco/ij    cco/i-   -ao/og       Rev.  arch.  1877  p.  92. 

BA  ßaatXioog 
BcTo      Bc.ovdßa 
B.A-CTTA0     ßarxihxco 
nocoroanci&ocoiu) 
Spata,Pergam.greche 

ß'  ßißh'ov 


o   o 

^TTTT  dnoaTÖkcji' 


(4710        «no    TOV 

änocpa '  änocfdaeag 
c((y  I  äoyvQoiJv 
ärr  äQ&QOV 

CCOlfTTO^'^   AoffTT0TeXl]g 


■ao/ü)v 


ao 


(40/ ( so  Evg 


ao 


y.o  eoel  j 
do^^^l   äo'/ifTTociTi'jyov 

aofiav      a()Xi(jLavdo(T7]g 


—     345     — 


ßl(TE^rO{ 


ßifl^  ß/lßaro. 

u\'   BixTCOO 

ßof^     ösvreoövoixev 
ßoir   ßovlu  ßovlbrai 
ßovlj    ßovksTcct 

ß0)f    ßoi']&E(CC 

y  TQsTq 
yf  yivBxm 

n 

y  y  CO  via 
r      TQiäg 

r  yvg 

Voc   ,   \[U      TOlfTCCyiOV 

r  P    Toiyiveiccv 

r  A'''^   TQiadixöv 

r^    ydo 

Bast  c.  p.  803  T.  VI  3. 
r 
€  yerix/j  Baste,  p.  801. 

r   ^ 

cN/  yevscTiq 

ysve^^-  ysvid-hcc 

y^v",   yevvcc  I  Fswäöioq 

MN 

yeo  rsonavoii 

Tis 

V  ,    recooyiov 

N       , 
yij     yiv&tai 

yv'^  yvcöfit] 

To  ovyxicc  Not.  etExtr. 
11,  2,229.  232. 


r°  Georgius  Choirobos- 
kos,  Byz.  Ztschr.  20. 
1911,  206. 

yovvxk'iug   yovvx^iaiceg 

rPA  yQUfjificiTevg 

r  O^  yoafifiarocpvXa^ 
r  ,  fr/  yociffSTCci 
r^  ,  VoriV   rQijyooioq 
Voj    vv  rQrjyöoioq  Nva- 

(Tljq 

yavXX'*  ToiavXXccßog 

fg     TQlTixTlj 

V'ipccl^^  TOi^aXfiog 

A 

A  AlSvpLog, 

A;  A  ö  ÖEiva  Eh.  Mus. 

27    S.  381.  402;    49 

S.  41.  Reuvens  lettres 

I,  38;  II,  10. 

A  Siu 

A"    ÖUKTvXovq 

<)'  T£r«()T0g  Bast  c.p. 851 


a; 

^gß-irror« 

dhriatq,  Öei]&cü(jiev 

A^ 

di]XoT 

A?' 

dö^cc 

S% 

do      dorixij 

öl' 

86^a  (TOI 

A/  X/   Öo^o7.oyia 

A    O' 

A/ 

döcxstg 

A^ 

d'i'vufjief 

A(o 

ÖQ 

A/ 

,    dio   Aioricüooq 

^       öeij&ojfisv  Sabas. 

AAA  AaviS 

daiij    Aafiiavov  Sabas 

c>«A/ ,  A/    (hSö^acFTCii 
Aex'^l   Ö^    dExi(.ißi>ioq 
Öecj"^  ös(T7iotvijg  Sabas. 

TO/ 

dev     öevTSQovijLei'  (?) 
Sabas ;     vgl.    jedoch 
lä&y'jvaiov  1879  p.  9. 

AH^/  diiXovÖTi 

Öijf^j  ^(i    AtifiOf)i)^av7jg 

A 
AI  §t8ayixchcov 

ör^l    diöoTUi 

§1^1   Öixaiog 

dicr^i    Siä&emg 

Öiä^    Sici  Tov 
Bast  c.  p.  805. 

diccx^l  diaxorricov 

öiccxj,  Sidj   Öiaxatvijai- 
fxov  Sabas 

Öiccxo       öiaxovixo) 

oic/.x:,  oiaj  ,  L^yXj,  ox 
Öiäxovog 

8iux~    d'i<y.Td^EO}v 

öici(f)j    ÖiacpioEtv 

ötacfi    ötuffogä 

Bast  c.  p.  820 

dixj  dixuioavvi] 

nl 
dvaro    dvacoTiO) 


—     346 


A0'/   Öicf&oyyoi 
Bast  c.  p.  ÖU5. 

^  ^   d&ou  Sabas 


A«  TeTi>a(odioi' 


.  \kßaatUv( 


ßÖo^  ,  kl    bßd'ojxädoq 

N    , 
t/yMi     tyyMivia 

tyxoj  tyxco^iov 
'€Af  k8öß-i] 


eix     stxövog 
tl       tivai 

eto      eioi'ivij,  e}'oijTai 
elo'   doijvrjq 
h'  «'b  r- 


A. 
dao  ^    daoÖtyöv 

eh  Tov  azl'/ov,  arr/i^- 
uu  iöiöixaXcc  Sabas. 

eig^  cci^'  elg  roviaivovg 
Sabas 

kx    ,  txTj  bXTEvTi  Sabas 


,,«6*'     .,,        r, 

kX^  kXsyeiov 

k'Ki    kliiinov 

lU^  "Elhjm  Bast  807 

kv^  iv&u 

eh    tvixög,  kveoyitTixög 
Bast  c.  p.  807. 
oyU^    iviavTog 
Montf.  P.  G.  345. 

ivoo^  "  IvooSivov  ? 

(Sabas) 

•cV  V!  kv  vxpiaroig 
kvo)^  ivcÖTiiov 


Xäoiov 

Sabas. 


ktall 

k^ofxolo^      k^ofjio).oysT- 
G&cii  Sabas 

k^io^^'    k^eo/erai 

kooaiii   hooräffijuog 

kiia/.       krreß'Äsipsv 


TTl 


,  *? 


knei        kneidjj 
Sabas 


^xxA  '    kxxh]aiag 
kx<^      kxrffovsT 


O  ,   tx(f;     kxrfcoi'ijCftg 


hnioQ  k7iiQQi](iCi  Bast  809 
kTiiGXi   '   kTiifjxexpecog 
€mCK°  k7ii(TXonog 
kniTi^'    knirifiiov 
kniTQa'^-^     kniTou/i'ihov 
k(/^^   bQij.7]veioc 


koyo^^l,  koyo/einov 

'£(/  Erennios  Philon 
Byz.  Ztschr.  20.  1911. 
206. 

kQTi^  koYi^uxbv 

0)     „ 

eooj    eoooicro 

koOJ         ko(0T7j(Tfg 

k(jf^  kfffxev 

^a^iQ)l  tfjTiiucc  Sabas 

^0-^°/    kaneoivoj 

irjTij    kfTTieoivöv  Sabas 

narr]    1  „ 

,  \  efTriiaav 

€ÖT        J 

karooiaav  katuvoomav 
E^^>>   krioov 
'{<S/    j   £1'"   Bvayyihov 

eva-'l   evayye'/.iafxög 

ev"  Ei'äyoiog 

ev^'    ev&vg,  Bv&sia 

ev"^^^  evloyÜTE,  si'/.o- 
yi/TÖg  Sabas. 

61)"    Ev7MyiiCTIV 

6t'      '    EvKoyriTuoiu 

kv       tvhoyriGOv  babas 

ev  X;    ^     Evatßiog   Kai- 
auouug 

evarcr    Evarc/.&iog 

ei'/aoi'^^^\    ev/aoifTT/'j- 

t)fOV 


EO    i-ffooo. 


i0el  IcfiGCo  Sabas 

6  c/ei  Bast  c.p.  810-811 
cVf>   V    ico&tvöv 
kwacpOj    tatacpooov 

Bast  c.  p.  811. 

H"",  'H'v  ,  H  ^  rr/ovr 
Nicht  //W5.  Bast  c. 
p.  787.  812  T.  V.  14. 

H^^'  i]&ixbv 

H"    Ii^^^Tq  i/fiöji'  usw. 

i/sd'ü  öxrdeöoov 
H  H/"   öxT(ori'/ov 
iifie^^\  7jßeTSooi> 

'/>r+  /yyT€o  (c.  Eavennas) 

,      CO       ,  ..      , 

?;(>/        IjnOJlXO'i 


0,  .    .       , 

treoTOxior 

Q',  dxm  j        Sabas 

6*"  xfeo'/.öyo^ 

dav-        &ccvnuTOvoyov 

Öeof^j      f)eof)'c6oijrog 

d^d^  ,    6^7''  dsöd'cogog 

deo     Hocc"    Oeöd'cooog 
Houx'/Mu^ 


—     347     — 
'  6^6^^    d-wrriTO^  usw.     I  lovßei'u)  'lovßevd'/.iog 
deöcfr"  (-)(.6ffi'/.oi  \  lö''  lov/.iog 

deafiocfi    ('JsafiOffooid-    'ly*^  'iovi'104 

Coi'ö-«/  Bast  c.p.  813.    fr     Fy    r 

=■  ^  \L,   IT  li,aovi  usw. 

0KOC  ^eoTÖxog  -SlJ.   t a: 

Qov'''  Qovxv      Oovxvdi- 
f)'/jg  Bast  c.  p.  818. 

N' 

60H      l9-07jVliTlXÖg 

0C,  0Y  ifeög  &eovu5\\. 
dv  I    &vyocTri() 


lar^l  'laid'cooog 

6     .  , 

/OTO""        lfjTOÜ(XOV 

¥     "    N 

J,     I,  ICÜ,  103      '/ö> 


K^    K    xai?   S.-B.  Brln. 

Akad.  1881   S.  448. 
K/  xuuno 


Ij 

,     /     tl'Ci 

r^^ 

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1 

iSiov 

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1        iÖlÖflE/.OV 

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iai 

?    'Iai'ovdn(o 

CO 

iy 

d'exäyojva 

10 

iÖOVGU 

lEou     leoaxEiov 
/£«/    leoevg 
IHA  'I(joa/ß 
lAHM  'Ienov(Ta'/./jfi 
ixe^'    ixsTt'joiov 
i'/.a'^^^   l'/.ccfTTiioiov 

'//'  /v  AV    IvÖixrtcüi', 
-Cüi'OJ  usw. 


X/     xarovsg 

e     e'/.  ,.  .  , 

'Xj,X;    xB(fc/./.aior,-rfc/./.ii 

et  .     , 

X:X/   xecpa/.ai 

x^    xorvög 

V       ,    . 
X    xvx/.og 

-d 
xc^i     xavovaq 

xa^'    xcc&KTfia  Sabas, 

xaij   xuioög 

xaxond     xaxo-jd&eic/, 

xcc^    xci'/.hov 
Bast  c.  p.  817. 

xuVj      xuvoi)/Mq 

N' 
xcivo      xai'oi'uoxVi 

nv\ 
XUj   XCiTlVlXÖV 

xjT,   1^-^.   \^^     xurcc 

TU  n   , 

Xj   Uj    xarapaaiu 
xuTUj      xuraÖtxcca&ir- 


Wessely,  Stud.  z.  Pal.        reg  Villoison,  Bast  c. 
u.  Pap.  8  Iudex  S.  230,      p.  819. 


—     348 


xaT(/.^,  X     y.uxu- 
vvy.Tixä 


.,     otT    ,,w     j,- 

Kü)i'      j   K       Kojvazccv 

rlrog 


x^  ■  |/"  xara^iaaov         V^wvti  Kwvaiavxivovnouz 

xuTTjy^    xarijyooi'a,  y.u-    -^u    1^0^;^^ 
r/jyooog  Bast  c.p.  820 

1^     xevTOov 

Fragm.  math.  u.  Eu- 
clidhands  v.  J.  888. 

x£    '   xe'/Moig 


'ledo    dy.0(7(hfi()0V 
y/x()(H<:^  '  xsxoifiii'cog 
xell"^'   xuJmoiov 

K;     x'/./jOOV 

xh^i    xXifxaxa  Bast. 

•   N 
X/.l         X/.ll'CO(XSl' 

.  n         ,. 

xot.     xo/.cc(7iq 
Bast  c.  p.  821. 

xotV  xo(v6v 
xo  ,      xofjifxeoxiov 
xov^i    xovräxiov 
X^O      XOnivd-lOl 
xof}^   xoafia,  xörrfiog 

XOU^    XOUTVg 

KC  xvoioi 

V^    xi'oiov 

Y 
K    xvoicix/j  Meine  Bei- 
träge z.  gr.  Pal.  T.  2  mg. 

XV  ov  xvoior  ovoj.ia 


H'  /.lEfTiiinßoirov 
fi     fisyoclov 

1.1  i^Liyi(TTOi  Hultscli. 

H  fiai^ojv  Hultscli. 

/Z  fiEv  Hultsch. 


/."    ).aöv 

4f' 

-; 

i//    fxrjvog 

/^    ?.e(ov  Bast  c. 

P- 

785. 

n         . , 

- 

fx      fjLEya/.vvofisv 

?J  '/.eyoji'  Bast  c 

P- 

785. 

6 

li 

u  fiioog,  fiirrog,  fxiu.co 

Ij    h'jyovGU 

eh!  '  , 

^j         iLlEfTOV 

Ay      /.oyoii 

U^%  fx^   Murdaloi 

X  7.6yoq  Sabas. 

N 

0 

A    'lEi:iEi    Coli.  \ 

j'iorent. 

/*  nvniin 

S 

t.  XI. 

fx  (ioiQcc  Hultsch. 

Kf  '/.öycov 

f.1  f.ioi'dg  Hultsch. 

/.",  A  Aovxäg 
0 

fi/    fiorTjg 

1^^''   Kvoi'/.'/.og 


Ij      /.VfTig 

1^   '/.iysi 

K I        Ki.yf.TUi 

7w60i'^  AeövTiov,AiovTog 

N     • 
/Uta      /.(Tai'evaovmv 

Sabas. 
)J°     l  '/.eiTOVoyi'cc 

').f  J 

11^  li&og 

?U^      '/.ITi'jl' 

?.oi'"  '/.oiTiog 

n 

lov^>    '/.ovTTioa 

'/.v     AvcTi'ag,  AvGuriag 

/.i'/       /.v'/rixov 


fx°  ixaoTvi) 
jU?"'    ^aoTVot'a 

99 
jAfi  (.(doTvueg 

(üqI 
fi*^       fisacooioi' 

fiaT  Maiog 
littx     f.iuxaoifji.i(oi' 
HC^i^>  inaxaotTOv 
fiai'        uai'fivav 

MPK  Mäoxog 

(Monogr.) 

,««?■    Mdoriog 
fiao^°    uuoTVoior 
fxao^^  p    fxaoTvoixoi' 

MPTP  uäoTvoog 
(Monogr.) 


—     349     — 


fr/,  f^^'"  ] 


}  aeya/.ov 

iie^ ''  fjLETdroicci'  usw. 
«6^'''  l.ieoi()'a  Sabas. 

fl    r    j.ie(j07lBI'T>iX0(jT)'j 

N 

(UTU    {lETCCl'Oia 

a 

fiSTi'j  puravoiüjv 

|U6^?     jtltroO/'     flBTOOVfiE- 

vov  usw. 
N'      H" 

N 
uH    fiiji'atov 

Ul'i^'^     l.u'j7lOTE 

MHP  i-iijTiio 

MI  |t<//./f^  =  niilia 

1^1  f  Mi/a/i'/. 

II      N 
u;'//f ,  //      fii'ijfiiii 

[|UOi']</  M  ixovuxoi 
C. LG.  9419. 

N       ö 

HO     ,     U    ,     Xi    (XOVil 

110  ^  nui'or 
MPC  atiToö^ 
/U''^^>     pLvaTi'iutov 

N  [xuvojv  elg  t//J')  i7«/'- 
Ti]xof7Ti'jv  Byz.  Ztschr. 
2U.  1911,  206. 


N,  N   i'ecoreoo; 

N       Vl'iGOV 

o  ^ 

N  vöi/i^ia*,  röfiog,  roi^uo- 
f.ia,   voiiixov 
*  Bast  c.  p.  784. 

1^05  vojjuxo.; 

o   o 

N  N    vopii()(.iaTa 

N    VVfirfl] 

N     J^y«' 

i'  ^  vof^iiy.bv  '7i(/.G'/oi 
N  [M]  Q>  voiiocpvla§ 
NEl]  iVs^Äog 


O    OVTCOi 

A  ^ 

0  '0()'vfjGeiu. 


vexocoffifior 


VEXQCÜl 

N  'o 


J'€0         VeOTIjTC/. 
I'lj"       V)j7llCOV 

/v"^    Nixö/.aog 

(t  u 

N  N  uvayvaxJTcci  (?) 
Sabas. 

No"9  Noi^ßQtoq 

vo        voaovvTcov 

i'o^   voräoiog,   vöriov 

vv       rvxTOc, 


^    ^ei'ocfüjv 


otxovj.uvi; 
oixoi'iji, 

0/   oh/öpiEVOi 

®        I 

öxJ"'^l    I 

OAYM.  ö/.yjU^  ^    O/.i',«- 

JU,  jtt/  öfjtoiov 

s 

p 
OM   OfXiiooi 

''        N     . 

ÖN,    Ö        ÖfOpLU 

Bast  c.  p.  784.  827. 

O^VT^    O^VTÖvCOg 

■^     .     0.7r      07ll(Jl/EV 

(D  öoifTTixog  Bast  794 

öo     öo&oog 

o^  orar,  "0  ot< 

0,  ov    ovTCog 

Montf.P.G.345.  Pal. 
S0C.66.  Bast  c.p.  828. 

ov         OV()iT£oOl' 

ov()e^^i   ovdinoxB 


^Ü    b^JiXQfTTCC 


OYNIOC  ovüäviog 
OYNOC  oi'oavöq 

OVT      OVTOjg 


—     350 


fl  ivÖixridu' 
71,  Tc'^^   Tiojg 

71      71 VO 

Montf.  P.  Gr.  345. 

«    l 

71,  TT,  naoa- 

u 

71  Tiüau  Bast  c.  p.  797. 
«      f 

TT,     71    TlEUl 

71^1     'KEOI(T7lO)^LiV(Oi 

f'    rjü 

71?.  I     71^.01/.  ii^nv 

JJl  TTOEfTßeicCi 

ßs  ß\ 

71}    7l'/Ml     7lllj&VI'TIXÖiq 

Bast  c.  p.  832. 

71  7l('chv 

o 

71    TIO'/j'tij^ 

Tia     7ia'/Mri(p 

c.  Lips.  Senat.  28. 

7ia''       7l('c'/.(/J,    Jtf////' 

>T«/     Tiareoixüv  oabas 
Titti      7iai()iov 

10} 

Tic/.iT  7iavT0i'oy(p  Sabas 

,  '/■ 
7iavr  Tiarra/ov 

TTf^/'  7l(h'V0Te 

Tiao     7ia(mfTxevii 

l  ,  , 

%aoa   TxccoaMjyco,  Ttaocc- 

7ioa/.i\  ^  7iaQU/.vTixoq 

Tioa    '   Tiaoä'/.VToq 
Ticur,  Tiujr  *'"  Tiaodei'ov 


7i'-  uj  7i'/.(r/iog  ß 

TlTj  TlTj/vq,  71  ij   711 IX Eli 


TTHP,  TTPC  7iart]n 
Ttarnoq 

Tix'/.J]     7iaoax'/.}jTix6i> 

71/.  ,    7l'/.[    TllEOVarrpiÖi 

-H      .  ,        -        . 

71/.^    7t/.ijXTixog,7i/.7]mog, 

7i'/.i]0'vvrix6q 

Tll^l    7l}.0iflC0V 
7l?MV/f^°    TllaVIj&il'TOi 
S  6 

7ifi   7ie,oi(T7io)aiv(ov 
Bast  c.  p.  831—32. 

e   N 

%fxo     7iaouaoi'ij 

TTNÄ    TTNC    TTNIKOC 
7ivei'fia  -Toq  -Tixög 

710         TlÖd'ci 

71(^0)  Tiö/.ecog 

TT,    7101    ,    71011]^    TtOHjTljg 
o 

[  Tio'/jTsia  {-iTi]g] 

710   l  Tiö'/jg,  7iö/.sfiog 

\  7io'/.efjbioq  7io).vg, 

^-  ^ 
7ro£  7io'/.ve/.eov 

7ToH    '-,     ItoV!'^      Tiol- 

käxig 
Tiöki  TtöXsfiog,  7io?.ei^itog 
Tioh^     Tiohrtia 

7TO/.V     TTa/.v/ooviog 

M 

TT  7iOTup6g 

710O    7lÖoi'fj 


710  "       TTOTljOlOV 

<tt    7T(hccg 

P 

TT  Tioög,  TTOorfi'jTijg 

7TO       710U,    TTOOg 

Bast  c.  p.  789.  837, 


AP/ 
P 
TT  Tioödoouog 

n 
71 0 

7io€t^ig 

7l0i 

TtosaßEt'ciig 

P    T 

nBV 

P    P 

n€r 

TTOSfrßl'TSOOl 

7ioosyQdrf)j 

TiolAcc  Tic/.Toiöa 
7io7xiog  7iuroixiog 
7iüiog  7ichoiog 
7ioig  TiuTOig 
n7)0)og  Tiaroolog 

00 

Tcgoe  "   7ioosooTioi> 

7100       7TO0&e(TB(Og 

Tioo'"'    7Tooxei\asvov 

Z'        0   V 
7100  ,  TIO    X      Tiooaxvvii- 

fTCüfiSV 
TtQO'^^    7lQÖ(70}7TOr 

0    V  , 

710  X     Tiooaxvviiaig 

TlOOXC/}^    710071CCTÖOO)1' 
7100C0~ 

7ino"'f 

TIO^TIE^^   7lOO(T7ie(T(OUei< 
TTOO^^I    TtOÖTEOOl' 


7TOO(70l.lO(Ol' 


p    p 


'ft 


n,  n,  Ttoo ,  npoo; 

TroorfijTiig  a.  417. 
d  I.  Gr.  8628. 


■XV  °     71V/J0ÜOV 


TTT  naoa  ri,v 


o     QüyiU 

öif    QTiTior 

p 
*   yjouiov  Hultsch. 

C.  0-,  avii^'^-  ^vjjLfiaxog 
C^^,   ^"    fjäßßarov 

(Teßaari^    2.eßa(TTiuv6g 
(7  ELI    aeßaaniav 

aeßrf,   (Te^    2sßTiooi 

^eßi]oiai'6g 
Sabas. 

(reßijoT"     2^eßjjOiavög 

o-£Ö^   2f.nyiov 

u 

aj   fTitUCcirei 

H 
(T      arineiov 

CH  aT]fiuivei 
Bast  c.  p.  839. 

M 

(H   (Trjfisi(xi(Tcci,  (jiifisico- 

riov 

M 
0  (H  y  fTfjfjieTov 

Bt,      (nicht  abgekürzt) 

M 
fTH    m'jfieooi' 

CHP  (jcüt/iq 


—     351      — 

fri^>     (nÖijQOvv 
üü   (cm?)  (TEoarpin 

fTOffiOJ  2o(fOX)J,C,,(T6(pOi 

CTT  fjxcc&äoioq 

(Tili/-     <7Xi'j)miOV 

CvTT,  (je^^>  JSexrefjbßotog 

CPC   arorTiOog 

aa  (inLigat.)  ^laiwiog 


ass 
(TT        nramig 

ax       axuauo^ 


CTA    rrx('<r>ia 
Bast  c.  p.  840 

0}        u 


gyojv,  gy     .zy  i^äyoivu 
CTPOC  crxavDÖg 
(TxTtov  rrxccvoov 

Bast  c.  p.  840. 
geol  areoijcriv 
gTi^   (TTTi&og 
Cxoo   (jxocvoodeoxöxiov 
axöci)  (Txavocöaifiov, 

rrxcivocoffig  Sabas 
I  ffrerfd   axErfdvov 

CTI   fTxi/oi 
ffziXQ\  fTri/}]oöv 
fTXI/O        fTxi/oloytoc 

N 

(7X01    rixor/cTov 
CTPUJN   (TTavowv 

GXOV  ^XOV()ixOV 

ax()u}\    rrxoaxijyöv 


axocJ''    fßXnaxi/'/Mxov 

(7XV^     (jTV'/.ixOV 

avyx^,  (jvyxo^y  rrvy'''-^ 

fTvyxonij  Bast c.p.  840. 
rriCi''"  r7JV7/«Bast842. 
ö-i;U"ö-üAAa/9y/ Bast  843 
fTV/x^^  ^vfjjjiaxog 
ffvfi"'^"  (Tvi.ij:civxa 
ffvvao    avvan&oov 
fTweirrso/e'    aweinin- 
'/ixat 

rrv  ,  (7^  <7vvi]&Eg  Sabas 

<7VV        <7VVÖt<7  flog 

(Tvv^    avvd-eaig   -xog 

-&i]xij 
(TVViP    avviid^iiu 

Ö"ÖJ        G(od-i]VUi 

(7(f(j  (7(fc/.io(X(/.  Hiiltscb 

{)^   aoiuu 

J^,  T  xä'/Mvxoi' 
X   xuvxu  (sie) 

Montf.  P.  G.  345. 
xov  r°    xov  xövov 

X 

xov  xovxov  usw. 

p 

T    xooiog 

Toj  xoc/.xiZixiig 

XIJO^   TOOTtl'j 

Bast  c.  p.  846. 

TOO^>i     XOOTläotOV 

AA    ^, 
XV       TvöeiÖTig 

■naj 
X  XVTTIXÖI' 

'/. 
XV    XV/T] 


Y'  vTiiyocixpa 

j}"     VHVOVfJLSV 


v^  vnb  Bast  c.  p.  846. 

^T)    v-:i6f.Lviiixu  Montf. 

ü^  vrreoavi'reXixov  Bast 
i)^     v:T80vrpovTe 
v^^    vnsoayiov 

n   ,      TiK    71     ^  , 

i)  ^1 ,  V     ,  V  vTcaxoij 

viao    VTido/eiv 

vnsorri'i'^^'-^  vneoavvTÜu- 
xoi  Bast  c.  p.  847, 

YC,  YY  vlöi  viov 
vfTT^    vareoov 
vxpbi-    vxpco&eig 

(puoj  (fuoiaaaToi 
ff"  (faaiv  Bast  c.  p.  847. 
w ''   ffeosiv  (feoea&ai 
fpeß^,  0*^   fpeßoovuQiog 

Cpj      (f       (ftjOl 
Cpd       (fdäfTTj 

(fdey  (p&tyyovrai  Sabas 

ffl'-    Cfl'log  Cfl'/.IOi  (lil).CüV 

(pi'/M^ei'Oi  Bast  848. 

0IAANOC  ff/Ä"    (pi'/M.v- 

&oo}7iog 
OIAOMCÜP  (f'i'/.oiiiiTcoo 

0/|    (pi/Mv 


—     352     — 

p  ,  ! 

0  (fuOl'TlfTIV 

ffoi^l  (VoTvi^  WoivKiaai 
OY''    (fv'/.ov 
(fv,   <^^    (fVGiq 

,S 
(fv     cpvaecoi 

(fj(o^^  (fCJTaycoyixöv 

0COT,  0W;    0a)Ttog 
Monogr. 

J  (xccvbjv  eig)  (Uöjtu 
Byz.  Ztschr.  23,  206. 

<f>   Tlda/u 

Montf. 346.  Vgl.F.Pi- 
per:  Karls  d.  Gr.  Ka- 
lendarium  u.  Oster- 
tafel  S.  136. 

X  y.u'i.xög 

/"    /äoiv 

•/  roi/oivixov 

/"    /wo/g  xcjoioi' 

XAP  /ccoTOv'/Moiog 

i/6ooü        /eoovßixöv 

1  /Ji  ^Eoovßifx  (vgl.  aeQU 

(p'f^) 
'/oo  (Monogr.)  -/ooov 

i  /V'i^'f^oi',    /oüvog, 
I       /ovaög   Bast, 
XP  ]        c.  pal.  849. 

XoKTTÖg 

.  XovC)6(7TOuog 
(Monogr.) 

P 

X  X()i(TTÖg,/ovGog,/Qv- 

fji'ov,  XovaöfjToiJog 
r 
\B'  XoifTxov  yivvr](jig 

Byz.  Ztschr.  20. 1911, 
206. 


/f.n  Xfiiariavatv  :iäaxci 

x'  -/QÖvog 

■/()        Xnvauvüov 

0}  , 

/O    /OiOlfTllOV 

•/orf^'^       '/oriGTÖxrjTa 
XC  XoiGTÖg 
■/u    xv^c/. 

X    /wof^yov 

7ü 

X   x^^V^ov 

xjju  ,  ip^   ipiäj.o^iv 
ipa'/.^    'ipcc'/.fjiög 


* 


.  TO  .        , 

,  rpu/.  "  ii'u/.riiotov 


^       ,11 

j  '\p(iii^     -IpOJ/JilCC 

CO  tbg  Frgm.math.bob. 

N     ., 
Cü,  CU  «ö'^w,  earaxTav 

'Euclidhs.  Y.  J.  888. 

(a      (ooi),  -(po>,g,  -(poia 

Bast  c.  pal.  806. 
wo  (pf^i'i  ^  Sabas. 

r2     1 

'  oj  ävöoeg  lä&ijvaioi 

A  e\ 

(^\j    ,  fooi       ilgiytvi/g 

P      P     , 
.    Cü   JUL  (jJ'jo'-iov,   ojtja 

^   Orion.  Byz.  Zeit- 
schrift 20.  1911,  206. 

c.  Kavennas. 


353     — 


Zweites  Kapitel. 


Zahlen. 


La  numeration  grecque  s.Babelon,Traite 
d.  monnaies  1.    Paris  1901  p.  721. 

Cantor,  M.,  Vorlesungen  üb.  Gesch.  d. 
Mathem.  III.  Aufl.  1.  Leipzig  1907. 

—  Mathematische  Beiträge  zum  Kultur- 
leben der  Völker.     Halle  1863. 

Delambre,  De  I'arithmetique  des  Grecs. 

Friedlein,  G.,  Die  Zahlzeichen  und  das 
Clement.  Rechnen  der  Griechen  und 
Römer  u.  d.  christl.  Abendlandes  vom 
7.— 13.  Jahrh.    Mit  11  Taf,   Erl.  1869. 

—  Gerbert,  die  Geometrie  d.  Boethius  u. 
d.  ind.  Ziffern.    Mit  6  Taf.    ErL  1861. 

Grundzüge  u.  Chrestomathie  1 ,  Wilcken  1 , 
S.  XLV:  Zahlen. 

Gundermann,  G.,  Die  Zahlzeichen.  Prgr. 
der  Univ.  Gießen  z.  25.  Aug.  1899. 

Kieseritzky,  C,  Die  Zahlzeichen  und 
Zahlensysteme  der  Griechen  und  ihre 
Logistik.    St.  Petersburg  1877. 

Larfeld,  W.,  Handb.  d.  griech.  Epigraph. 
2.  Leipzig  1902  S.  543:  Zahl-  u.  Wert- 
zeichen. 

—  Handb.  d.  griech.  Epigr.l.  1907 S. 416: 
Zahl-  u.  Wertzeichen  (m.  Litt.). 

Lidzbarski,    Nordsemit.  Epigr.  1,    198: 


Semit.  Zahlzeichen;  s.  Löffler  a.  a.  O. 

S.  56  ff. 
Löffler,  E.,  Ziffern  u.  Ziffernsysteme  d. 

Kulturvölker  in  alter  und  neuer  Zeit 

S.  38,    m.   Litter.    S.  91.     Mathemat. 

Biblioth.  Leipzig  (Teubner)  1912  Nr.  1. 
Meisterhans,  Gramm,  d.  att.  Inschr.  1888. 

S.  8:  Zahlzeichen. 
Nesselmann,  Die  Algebra  der  Griechen. 

Berlin  1842. 
Numeration  et  sigles  numeriques:  Mem. 

pp.  la  Mission  arch.  hang,  au  Caire 

t.  9.    1892  p.  8.  fractions  p.  10. 
Pihan,    Expose    des   signes  de   nume- 
ration p.  25.  162. 
Saalschütz,  L.,  Die  Zahlzeichen  d.  alten 

Völker.  Sitzungsber.  d.  phys.-ökonom. 

Gesellsch.  zu  Königsberg  1892,  4 — 9; 

vgl.  Bu.  Jahresber.  108  (1901  I)  S.  78. 
Schultz,  W.,  Bedeutung  der  Zahlen  und 

Buchstaben  f.  d.  Altertumsforsch.  Verh, 

d.  50.  Philol.-Vers.  Graz  1910  S.  95. 
Wessely,  Stud.  z.  Pal.  u.  Pap.  8.  Index 

S.  232:  Zahlzeichen  u.  Brüche. 
Woisin,  De  Graecorum  notis  numerali- 

bus.     Kiel  1886. 


Die  Schrift  der  Zahlen  beruht  auf  einem  ganz  anderen  Prinzip 
als  die  der  Buchstaben.  Hier  wird  nicht  das  Wort  der  Sache  gemalt, 
sondern  ein  Zeichen  der  Sache,  das  für  alle  Völker  gilt,  die  dasselbe 
Zahlensystem  gebrauchen.  A.  v.  Humboldt^  nennt  die  Zahlzeichen  die 
„einzigen  Hieroglyphen,  welche  sich  bei  den  Völkern  des  Alten  Con- 
tinents  —  —  erhalten  haben''.  Mit  vollem  Eecht  gilt  dieser  Satz  für 
fast  alle  Zahlensysteme;  am  wenigsten  vielleicht  für  die  griechischen 
Zahlenbuchstaben.  Aber  auch  hier  gehören  die  numerischen  Zeichen 
zu  den  ältesten  aller  Schriftzeichen.-  Gezählt  haben  alle  Völker  eher 
als  sie  schrieben,  ebenso  sind  Zahlen  früher  geschrieben  worden  als 
Buchstaben,  denn  wir  finden  sie  schon  in  den  primitivsten  Schrift- 
systemen; es  ist  daher  wenig  wahrscheinlich,  daß  derselbe  Mann  Buch- 
staben   und  Zahlen    erfunden  habe,    wie   Prometheus    von   sich  rühmt 


1  Grelles  Journ.  f.  Math.  4  S.  205. 

-  A.  v.  Humboldt,  Grelles  Journ.  f.  Math.  4  S.  216. 

Gardthausen,  Gr.  Paläographie.    2.  Aufl.  II. 


Zahlen 

Hiero- 

^glyphen 


23 


—     354     — 

(Aeschyl.  Prometheus  v.  461).     Wenn  ein   Schütze  jedesmal,  sobald  er 
sein  Ziel  traf,   eine  Kerbe   schneidet,   so   zählt  er  nicht  nur,   sondern 
schreibt  auch  nach  dem  einfachsten  Zahlensystem, 
zawen  D^s   ältcstc   Und  primitivste  Mittel  bei  fast  allen    Kulturvölkern, 

Zahlen^  zu  schreiben,  ist  natürch  1  durch  einen  Strich,  2  durch  zwei, 
3  durch  drei  Striche  auszudrücken.-  Dieses  System  hat  man  auch  mit 
einiger  Sicherheit  in  der  uralten  Schrift  der  Kreter  erkannt;  die 
Einer  werden  durch  verticale,  die  Zehner  durch  horizontale  Striche, 
die  Hunderte  durch  Kreise  ausgedrückt.^  Ahnlich  sind  auch  die  Zahl- 
zeichen der  kypriotischen  Schrift;^  sie  zeigen  principielle  Überein- 
stimmung mit  den  phönicischen.  Die  Einer  werden  durch  gleichviele 
Striche  ausgedrückt  (in  Gruppen  zu  je  3),  die  Zehner  durch  Winkel 
oder  Halbkreise. 


1.    Zahlzeichen  durch  die  Anfangsbuchstaben  der  Zahlworte. 

(Initialzahlzeichen.) 

Ebenso  haben  es  nicht  nur  die  Römer,  sondern  auch  die  Griechen 
in  der  That  anfangs  gemacht,  wahrscheinlich  schon  zu  einer  Zeit,  wo 
die  Buchstabenschrift  ihnen  noch  völlig  unbekannt  war.  Als  sie  aber 
mit  größeren  Zahlen  rechnen  lernten,  vermißten  sie  die  Übersichtlich- 
keit und  Klarheit  und  gingen  zu  einem  neuen  Prinzip  der  Zahlen- 
schreibung über;  sie  bezeichneten  schon  von  5  an  die  Grundzahlen 
des  Decimalsystems  mit  den  Anfangsbuchstaben  der  Zahlworte  (Initial- 
zahlzeichen) und  bildeten  die  übrigen  durch  Addition.  Priscian'^  sagt 
De  figuris  numeroruni  quos  antiquissimi  habent  Codices  I,  5:  non  incon- 
gruum,  tarnen  videiur  etiam  versus  Graecos  aptissimo  de  kis  numei'is  com- 
positos  subice}-e: 

Xthci  yj  nkL^TCii'  xui  nl  fisaov  J/rci  (päoovrog 
"HpiKTV  T&v  k(p(/.fX7iv'  txaTov  S'   äoa  yra  nÜMvrai' 
AeAra  de  refivofjevoio  fierrov  xcci  nl  rpooeovro^ 
IJsvt/jxovt'   äoid-fiov  fTrjfii'jiw  xui  dexa  däXra. 
Ui  Ö'  äoa  Tievre  Tie'Aei  xaO-aoöv  xal  iwrce  h>  kariv. 


^  Vgl.  Woisin,  De  Graec.  notis  numeralibus.  Kiel  1886.  Mit  einem  litho- 
graphischen Anhang  „Sylloge  inscriptionum"  No.  1 — 5. 

^  Selbst  heute  noch  wird  diese  primitive  Bezeichnung  der  Zahlen  angewendet 
für  Würfel  und  Dominosteine. 

^  Vgl.  Xanthoudides,  '0  Kqrjxinb;  nohitcrfiog.     Athen  1904  S.  114. 

*  Ygl.  R.  Meister,  Ein  Ostrakon  aus  dem  —  —  kyprischen  Salamis.  Abb. 
der  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  27.  1909  (Festschr.)  S.  327. 

'"  Grammatici  lat.  ed.  Keil  III  p.  406.  —  Psellus,  JleQi  aoif^uwr,  s.  Revue 
des  etudes  gr.  5.  1892  p.  342. 


—     355 


II 

IM 
MM 

PI 

nii 

rill 

null 

A{exa) 

AI 

All 

AMI 

AHM 

AH 


1 
2 

3 

4 

5 

6 

7 

8 

9 

10 

11 

12 

13 

14 

15 


PI 

Pll 

Pill 

PIIII 

A 

AI 

All 

AMI 

AHM 

AP 

API 

APII 

APII 

APII 

AA 


16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 
23 
24 
25 
26 
27 
28 
I  29 
30 


AAAA  40 
p^  auch  P  50 
pn  A  60 

1^  AA  70 

P^AAA  80 
P  A  A  A  A  90 
HUxaTÖv)    100 


XUhoi)  3iuch\/  1000 


HH 

HHH 

HHHH 

P 
pH 

pHH 

PHHH 


200 
300 
400 
500 
600 
700 
800 


XX 

2000 

XXX 

3000 

xxxx 

4000 

[xl 

5000 

pix 

6000 

pixx 

7000 

pixxx 

8000 

Fxxxx 

9000 

fA{voioi) 

10000 

MM 

20000 

MMM 

30000 

MMMM 

40000 

P 

50000 

p  H  H  H  H  900  '  usw. 


Dieses  ziemlich  umständliche  System  decadischer  Zahlenzeichen,  das 
nur  bei  Kardinalzahlen  verwendet  wurde,  war  noch  in  perikleischer 
Zeit  in  officiellem  Gebrauch,  wie  die  vielen  Rechnungen  über  den 
Staatshaushalt  der  Athener  aus  dieser  und  der  nachfolgenden  Zeit  be- 
weisen. Herodian  nsoi  tcov  äoi&fiGJv:^  "Exi  r&v  atifidcov  äv  rig  (panj 
xca  ravra,  öaa  ccoi&fxov  (TrjfisTä  kazi'  xul  yuQ  xuvxa  iv  rs  rciTg  yoa- 
(focTg  T&v  ßißh'ojv  Inl  toTq  Tikoccmv  öowfXEV  yQCifföfievcc  (d.  h.  die  sticho- 
metrischen  Angaben),  ccX?m  xccl  ^öXcovi  tm  rovg  vöfiovg  .A&rjvaicov 
yociipavTi  TU  In  uoyvoiov  %ooGxiiii]ii,uxa  rovxoiq  öoco  roig  y^afifiaai 
(TEfTi}picc(Tfxkvu.  xai  arrfiMO,  öe  xicq  TiuXuiag  xccl  ipricpiafiara  xai  vöfiovq 
7io?J.ovg  ovTO)g  eariv  Evoiaitai  tu  tüv  uQi&fxüv  mjfieiu  e/ovzug. 

Dieses  älteste  System  der  Zahlzeichen  haben  die  Griechen  später 
aufgegeben,  wir  finden  es  daher  fast  ausschließlich  auf  alten  Inschriften, 
Tributlisten  usw.,  es  ist  aber  auch  für  den  Paläographen  von  Wichtig- 
keit, weil  die  großen  stichometrischen  Angaben  (s.  o.  S.  72)  z.  B.  in  den 
Volumina  herculanensia  nach  diesem  System  geschrieben  sind.^  Dieses 
System  hat  sich  lange  gehalten.  Br.  Keil,  Hermes  25  S.  319,  behandelt 
die  letzten  Spuren  des  akrostichischen  Zahlensystems  C.  I.  A.  11,  2,  985 
(Anfang   des  letzten  Jahrb.  v.  Chr.).   —   Birt,  Buchwesen   S.  203,   sagt 


^  Franz,  Elementa  epigr.  graecae  p.  347.  —  Vgl.  auch  den  interessanten  Brief 
des  Joh.  Laskaris  an  P.  de'  Medici  über  die  Formen  der  Zahlen  und  Buchstaben 
im  Florentiner  Catalog  von  Bandini  II  p.  110 — 111. 

^  Steph.  Append.  ad  thesaur.  ling.  gr.  ed.  Dind.  8  p.  345. 

^  Über  sonstige  Zusammenstellung  dieser  Zeichen  s.  Bergk  in  Fleckeisens 
Jahrbüchern  1878  S.  518:  die  Sitte,  vor  und  hinter  der  Zahl  iu{kavioi')  usw.  hinzu- 
zufügen, wird  im  täglichen  Verkehr  aufgekommen  sein,  um  bei  Schuldverschreibungen 
und  ähnlichen   Documenten  Fälschungen   der  Zeichen  vorzubeugen. 

23* 


Zwei 

Systeme 


—     356     — 

mit  Recht,  daß  dieses  System  zur  Zeit  Plutarchs  nicht  mehr  angewendet 
wurde;  aber  abgeschrieben  haben  die  Copisten  diese  Zahlen  der  sticho- 
metrischen  Angaben  bis  tief  ins  Mittelalter.  —  Die  Stichenzahlen  der 
Bibel  des  A.  T.  (d.  h.  der  Septuaginta)  und  des  N.  T.^  sind  bereits  alle 
nach  dem  jüngeren  Zahlensystem  gemacht. 

Wenn  dieses  System  nun  schon  eigentlich  aus  zwei  Systemen 
besteht,  einem  hieroglyphischen  (1—4)  und  einem  akrostichischen  (von 
5  an),  so  wird  es  in  der  Praxis  des  täglichen  Lebens  manchmal  noch 
mit  einem  dritten  combiniert.  Die  Griechen  pflegten  nämlich  nicht 
nur  bei  dem  älteren,  sondern  auch  später  bei  dem  jüngeren  Zahlen- 
wertzeichen System  die  Zahlzeichen  und  die  Wertzeichen  zu  verbinden:  während  II 
zwei  bedeutete,  hatte  das  Zeichen  =  den  Sinn  von  zwei  Obolen  usw. 
Die  sog.  Wertzahlen  der  Inschriften  T,  C,  I,  h,  P,  die  außer  der  Zahl 
zugleich  auch  noch  den  realen  Wert  bezeichen  (s.  Hermes  25  S.  609), 
kommen  der  Natur  der  Sache  nach  in  geschriebenen  Büchern  nur 
selten  vor,  aber  in  der  Pap}Tusschrift  sind  die  Wertzahlen  ganz  ge- 
wöhnlich, z.  B.   -  =  rF^  =  1  —  5  Obolen.2      Dasselbe    System    ist    auch 

vorausgesetzt  auf  dem  Abacus  der  Dariusvase  in  NeapeP  mit  den  Zahl- 
zeichen M  =  10000,  H^  =  1000,  H  =  100,  A  =  10,  [P  nach  Boeckh 
Kl.  Sehr.  6, 453  =  Drachme],*  0  =  Obolos,  <  =  1/2  Obolos.^  Femer  haben 
wir  einen  Würfel  (Mitt.  d.  Athen.  Inst.  23.  1898  S.  14)  mit  MXH,  auf 
dem  0  die  Drachme,  I  den  Obol  bezeichnet.  Die  Zahlen,  die  mit  den 
verschiedenen  Münzzeichen,  wie  z.  B.  T{d?.avTov)  zu  mannigfachen  Liga- 
turen verbunden  werden,  finden  sich  auf  Papyrus. 


'■  Siehe  Graux,  Les  articles  originaux  p.  7  6  ff. 

-  Zeichen  für  Drachmen,  Obolen,  Artaben,  ferner  füi-  Brüche  s.  Archiv  f. 
Papyrusf.  1.  1900  S.  450  Taf.  —  Obolen-  und  Chalkusrechnung  s.  Wessely,  Pap. 
Erzh.  Eainer  1.  1886. 

3  Monumenta  dell'  Instituto  IX  50—51.  —  Woisin  a.  a.  0.  Nr.  9  p.  4. 

*  Br.  Keil,  Hermes  29.  1894  S.  262,  will  hier  ein  Chifirensystem  erkennen, 
muß  dann  aber  annehmen,  der  Zeichner  habe  das  ältere  Symbol  für  Drachme  |> 
in  P  verzeichnet;  nach  ihm  bedeuten  die  Zahlen  des  Abacus  10000,  1000,  100^ 
10,  1  Dr.,  1,  V2,  V4  Obol. 

=  Böttiger,  C.  A.,  Kl.  Schriften  3  S.  9 :  Über  die  Rechentafeln  der  Alten.  — 
Boeckh,  Bemerkungen  über  einen  athenischen  Abacus.  Kl.  Schriften  6  S.  452 ff.  — 
Letronne,  Note  sur  recheile  numerique  d'un  abacus  athenien.  Eevue  Arch.III,  1  p.  305. 
Archäol.  Zeitg.  5.  1847  S.  42:  Abaeum  cum  signis.  s.  C.  J.  Gr.  S.  III  1,  488.  Einen 
Rechner  mit  beschriebener  Rechentafel,  -tisch  und  -steinen  s.  Zangemeister,  S.-B. 
d.  Berl.  Akad.  1887  S.  1021.  —  Kubitschek,  W.  D.,  Die  salaminische  Rechentafel. 
Numism.  Ztschr.  81.  Wien  1899  S.  393  <T.  24>.  —  Über  einen  anderen  Rechentisch 
aus  Akarnanien  s.  Bull.  d.  corr.  hellen.  10  p.  179.  Cantor,  Vorles.  l^  130.  —  Vgl. 
du  Bois-Reymond ,  Vom  Rechenbrett  der  Chinesen  s.  Prometheus  22.  1911    S.  65. 


—     357     — 

2.    Asiatisches  Zahlensystem. 

Ein  ganz  eigenartiges,  wahrscheinlich  asiatisches  Zahlensystem,  Haiikamass 
das   ebenfalls  für  die  niedrigen  Werte   Striche   verwendet,  findet  sich 
beim  Verkauf  von  Sklaven  angewendet  in  der  von  B.  Haussoullier  her- 
ausgegebenen   Inschrift   von    Halikarnass    (Bulletin   de   corresp.  hell.  4 
p.  295—320/  z.  B. 

CDIIII^      CDlIll^yBDl-  Dll^ 

l    EDillh     l    B  Allll^  NIM      A.  D.      ED 

I0D  BDI  AAIIIII-  AIIIIIE 

AAD(?) 
KA 

während    bei    anderen    Preisangaben    die    gewöhnlichen    Zeichen    an- 
gewendet werden.^ 

Ebenso  Newton,  Essays  on  Art  p.  427  £F.  438—439: 

I  CDlIlh         l  B 
Alllll 

AAD  f7D 

Y  (V.  178). 

Schwache  Anklänge  an  diese  Bezeichnung  sind  in  dem  Silber- 
inventar von  Oropos  (Hermes  25  S.  610)  nachzuweisen:  NHS-  und  NAS=:. 
S  gleich  ^/g  gleich  ^. 

Br.  KeiP  erklärt  die  gewöhnlichen  Buchstaben  als  Zahlen:  B  =  2, 
N  =  50  mit  ihren  Brüchen  und  mit  Wertchiffren  zur  Bezeichnung  der 
Zahl  und  der  Münze  (  l  Differenzierung  von  I).  Scharfsinnig  ist  diese 
Erklärung  auf  alle  Fälle;  ob  sie  das  Richtige  trifft,  müssen  spätere 
Funde  zeigen. 

Das  alphabetische  Zahlensystem,  meint  Keil,  sei  zwischen  550  und 
425  V.  Chr.  im  dorischen  Karlen,  vielleicht  in  Halikarnassos,  geschaffen 
worden  (a.  a.  0.  S.  280).* 


^  Siehe  Dittenberger,  Sylloge  l'^  Nr.  11. 

-  Newton,  Catalogus  of  vases  in  the  Brit.  Museum  II  Nr.  1282.  tab.  Gr.  — 
Transactions  of  the  society  of  bibl.  archaeol.  9.  1887  p.  112:  Sayce,  The  Karian 
language  and  inscriptions  p.  143  Liste  der  Zahlzeichen. 

^  Hermes  29.  1894  S.  249  ff.,  Eine  halikarnassische  Inschrift. 

*  Über  Keils  Hypothese  von  dem  Ursprung  eines  27  stelligen  Zahlenalphabetes 
in  Karien  (Halicarnass?)  s.  Larfeld  in  Iw.  Müllers  Handb.  1^  §  214ff'.  und  dessen 
Jahresber.  f.  Alt.  87  (1895.  Suppl.-Bd.)  S.  145  ff",  und  364. 


—     358     — 


3.    Buchstaben  als  Zahlen. 

Nicht  viel  jünger  als   die   Einführung   der   Schrift   mag    die   Ver- 
wendunff  der  Buchstaben  als  Zahlen  sein:^ 


u  =  1 

'/=  7 

V  =  13 

T  =  19 

ß  =  2 

&  =    8 

1=  1-i 

ü  =  20 

;'  =  3 

,  =    9 

0=15 

ff  =  21 

<3  =  4 

x=  10 

;r  =  16 

7  =  22 

£  =  5 

A=  11 

o  =  17 

x(j=23 

:  =  6 

,u  =  12 

ö-  =  18 

0)  =  24 

Bifdi°staben  ^^ch  dieseui  Schema  waren  z.  B.  die  Gerichtsiocale  und  die  ]\larken 
der  Heliasten,  wenn  auch  nicht  ohne  Ausnahme,  numeriert.^  Schon 
im  vierten  Jahrhundert  wurde  z.  B.  f  als  Zahlbuchstahe  auf  einer 
Richtermarke  verwendet,  s.  Bull,  de  corr.  hellen.  7.  1883  p.  30.  Ebenso 
sind  die  homerischen  Gesang«  gezählt  nach  der  schon  in  alexandrini- 
scher  Zeit,  z.  B.  in  der  Ilias  Bankesiana,  üblichen  Einteilung.  Es 
sind  also   bei  Homer  keine  Zahlen,  sondern  Buchstaben,  bei  Herodots 


Büchern    dagegen    haben    wir    Zahlen; 


das    sechste    Buch    ist    ?,    das 


Andere 
Systeme 


neunte  ß:^ 

Wenn  die  athenischen  Münzen  vor  den  Mondmonaten  A — N  haben 
und  die  ptolemäischen  A — Q  (1 — 24),  AA — QQ  (25—48),  verbunden  mit 
der  Aera  der  Arsinoe  II,  so  sind  das,  wie  Head,  Hist.  num.^  p.  LXXXVII 
sagt,  sequence  letters.  Auf  ägyptischen  Münzen  der  Diadochenzeit  wurden 
nämlich  die  verschiedenen  Emissionen  durch  einfache  und  doppelte 
Buchstaben  bezeichnet;^  es  scheint  demnach,  als  wenn  das  Numerierungs- 
system auf  die  Ordinalzahlen  beschränkt  wurde. 

Gleichzeitig  w^urden  aber  auch  andere  Systeme  angewendet.  Auf 
einer  bustrophedon  geschriebenen  kretischen  Inschrift,  dem  Erbschafts- 


*  Vgl.  Bast  comm.  pal.  850:  de  usu  litterarum  ad  numeros  indicandos.  — 
Selbst  heutzutage  gebrauchen  wir  noch  gelegentlich  Buchstaben  als  Zahlen;  bei 
jeder  lexikalischen  Anordnung  kommt  es  nicht  so  sehr  auf  die  Buchstaben  an, 
als  auf  ihre  Reihenfolge. 

^  Siehe  Schob  zu  Arist.  Plutus  v.  277  (ed.  Dübner  p.  339).  —  Ephem.  archaeol. 
1883  p.  106.  —  Girard,  P.,  Les  tablettes  judiciaires  du  musee  du  Varvakion.  Bull, 
de  corresp.  hellenique  t.  2  p.  523 — 539.  —  Mylonas,  C,  Deux  tablettes  judiciaires 
inedites.  Bull,  de  corresp.  hellenique  t.  7.  1883  p.  28.  —  Tessarae  judicum.  C.I.A. 
II  2  p.  347.  —  Rayet,  Tablettes  d'heliastes  inedites.  Annuaire  de  l'association 
pour  l'encouragement  des  etudes  gi'eques  1878  p.  206.  —  Rhousopoulos,  Tessare 
giudiziali.  Ann.  dell'  Inst.  33.  1861  p.  388.  —  Curtius,  C,  Rhein.  Museum.  X.F. 
31.  1876  S.  283—286.  —  Klein,  Jos.,  Jbb.  d.  Veins  v.  Altertumsfr.  im  Rheinland 
58.  1876  S.  57— 79.  —  Fränkel,  M.,  Eine  Marke  der  Thesmotheten.  Ztschr.f.  Numism.3 
S.  382—393. 

3  Vgl.  E.  NesÜe,  Berl.  Philol.  Wochenschr.  1911  S.  725—726. 

*  Siehe  Meisterhans,  Gramm,  d.  att.  Inschr.  1888  S.  X. 


—     359     — 

gesetz  TonGortyn,  finden  wir  nach  Fabricius^  zwei  verschiedene  Systeme:    Gortyn 
„Nach  dem   ersten  System  hat  jede   Columne  ihre  Nummern  (Zahlen 
von  A  bis  IB),   zu  welcher  die  Zahlen  A  — A   hinzugefügt  sind,   um   die 
den    Steinschichten    entsprechenden    Unterabteilungen    von    oben    nach 
unten  zu  bezeichnen.     So  bedeutet  C  f  sechste  Columne,   Schicht  drei 

von  oben. Wenn  man  schon  diese  Einteilung  sehr  äußerlich  nennen 

kann,  so  muß  das  zweite  System  als  geradezu  sinnlos  bezeichnet  werden. 
Bei  demselben  sind  die  gewöhnlichen  griechischen  Zahlzeichen  ver- 
wendet. Die  Zählung  beginnt  (mit  Aj  in  der  untersten  Schicht  rechts 
bei  Col.  I,  geht  horizontal  von  rechts  nach  links  durch  die  Quer- 
schichten hindurch  und  endigt  links  oben  bei  Col.  XII:  A  ist  die 
letzte  erhaltene  Zahl  zwischen  Col,  VIII  und  IX  in  der  obersten  Schicht." 

Allerdings  wird  man  zur  richtigen  Beurteilung  festhalten  müssen, 
daß  die  Numerierung  der  Inschrift  erst  später  hinzugekommen  ist,  um 
das  immer  noch  nicht  veraltete  Gesetz  eitleren  zu  können. 

Für  die  größeren  Zahlen,  von  25  an,  waren  natürlich  zwei  Buch- 
staben notwendig,  z.  B.  AA,  AB  usw.  oder  BA,  BB,  BT,  wie  es  Bohn 
in  den  Steinmetzzeichen  des  großen  pergamenischen  Altars  entdeckt 
hat.-  Jahrb.  d.  Kunstsamml.  I  S.  161,  und  ein  ähnliches  System  glaubt 
auch  Robert,  Ein  antikes  Numerierungssystem  und  die  Bleitäfelchen 
von  Dodona  (Hermes  18.  1883  S.  466  ff.)  nachweisen  zu  können,  ohne 
daß  aber  der  Nachweis  geglückt  wäre,  daß  wir  hier  wie  dort  wirklich 
Zahlen  im  engeren  Sinne  vor  uns  haben.  Eine  andere  Bezeichnung, 
nämlich  B,  Bl,  Bll,  Bill  ...  f.  PI,  fll,  rill,  ähnlich  wie  in  unseren  In- 
ventaren  und  Bibliothekskatalogen,  läßt  sich  auf  einer  attischen  In- 
schrift: Eangabe's  Antiquites  helleniques  2  Nr.  841  p.  500  nach- 
weisen, ferner  2  Nr.  870^  p.  555:  A,  B  .  .  .  Q,  AI,  Bl  usw. 

Auch  Grenzcippen  wurden  mit  Zahlenbuchstaben  bezeichnet,  s. 
Mitt.  d.  Athen.  Inst.  15.  1890  S.  265—266: 

/ag]c{^aijei'Ov  xccl  .^Alcpcc  ^xöix£i>[ov  tovtov  —  — 
ov  xai  Hhpa  äX'Aov  k/öfxevov  tov[tov  —  — 
V  xai  14'/.rfc/.   eri   kx6i.ievov  rovTo[y  —  — 
vov  xai  Z4'/.rfa  ä'/J.ov  k'/ön^vor  To\yTOV  —   — 
fiivov  xai  'Ahfu  xai  öctto  tovtov  usw.^   —  — 

Eendel-Harris  erwähnt  eine  Yerszählung  in  einem  Londoner  Homer- 
Papyrus  nach  folgendem  Schema: 


'  Mitt.  d.  Arch.  Inst,  zu  Athen  1884  S.  373.  —  Woisin,  De  Gr.  uotis  num.  p.  11. 

-  Vgl.  Puchstein,  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1888  S.  1231.  Zahlenbuchstaben 
siehe  Larfeld,  Handb.  d.  gr.  Epigr.  2.  1898  S.  546—47.  Smyly,  J.  G.,  The  em- 
ployment  of  the  aiphabet  in  greek  logistic,  s.  Melanges  Nicole  p.  515. 

^  Bronzes  grecs  ä  lettres  numerales  s.  Annuairo  de  numism.  10.  1886  p.  35". 


Grenz- 
cippen 


—     360     — 

aau  aaß  ....  uaq 
aßa  aßß  ....  aß:; 
bis  zu  ggg} 

Größere  Zahlen  lassen  sich  auf  diese  Weise  nicht  gut  ausdrücken. 
Für  die  Zahl   100  braucht    man    schon    ein   vierfaches  Alphabet;    ein 
fünf-  oder  sechsfaches   wäre  nicht  mehr  leicht  zu  übersehen  und  der 
Leser  wäre  gezwungen,  jedesmal  nachzuzählen, 
inv^ure  ^^  ^^^^  Tat  gehen  die  Tempelinventare  der  Weihgeschenke,  welche 

die    alte    Zählung   beibehalten    haben,    bis    zu  vier  Buchstaben,    statt 
des  fünften  aber  brauchen  sie  eine  andere  Schreibweise :  ^ 

c/.Dm  k(p'   ov  XU  ^0.^0. 

ä'lXo  k(p'   ov  TU     fÄ! •  — 

uXXo  kcf    ov  TU     (T usw. 

Diese  neuen  Zahlzeichen  verraten  deutlich  den  Einfluß  des  akrostichischen 
Zahlensystems,    das    damals    bereits    ganz    gewöhnlich    war.     Episema 

kommen   in    dieser   Zahlenreihe    nicht   vor;    auf    FT   folgt   gleich    fp  . 

Wenn  also  die  gewöhnlichen  Buchstaben  als  Zahlzeichen  verwendet 
wurden,  so  mußte  es  in  manchen  Fällen  zweifelhaft  bleiben,  was  als 
Buchstabe  und  was  als  Zahl  aufzufassen  sei.  Man  zog  daher  oft  vor, 
^^z^ichen^^  die  Zahlen  durch  diakritische  Zeichen  kenntlich  zu  machen.  Man  suchte 
sie  durch  Punkte  rechts  und  links  von  den  Buchstaben  zu  trennen; 
man  legte  die  Zahlenbuchstaben  auf  die  Seite,  oder  suchte  durch  Quer- 
striche oben  oder  in  der  Mitte  auf  den  Unterschied  hinzuweisen;  vgl.  Inscr. 
Gr.  Ant.  321:  <  («);  \^\  [ß);  m  {e);  \-r7\  [f]-  :I!  g)-  \\^\\  (.y).  Auf 
Inschriften  wird  die  Zahl  zuweilen  von  Doppelpunkten  eingefaßt: 
AnO:X:APAXMQN,  Ephemeris  arch.  III  3.  1884  p.  131— 132.  An  anderen 
Stellen  unterschieden  sich  Buchstaben  von  den  Zahlenbuchstaben  durch 
ein  umgebendes  Quadrat  |¥|>  C.I.  A.  II923. 

J.  Gow,  A  short  history  of  greek  mathematics.  Cambridge  1884  und 
The  greek  numercial  aiphabet,  Journ.  of  philology  12.  1884  p.  278  meint, 
die  Zahlbuchstaben  seien  zuerst  in  Alexandria  im  Anfang  des  dritten 
Jahrhunderts  v.  Chr.  gebraucht.  Zur  Zeit  des  älteren  Dionys  war  es 
in  Syrakus  bereits  gewöhnlich,  daß  die  Reihenfolge  der  Redner  in  der 
Volksversammlung  durch  Lose  bestimmt  wurde,  die  mit  (Zahlen)buch- 
staben  bezeichnet  waren.  ^ 


^  Class.  Review  8.   1894  p.  48. 

^  Siehe  Dürrbach,  Fouilles  de  Delphes.     B.  C.  H.  29.  1905  p.  540. 
^  Plutarch  Apophthegm.  III  p.  208.    Dionys   zieht  ein  Los  in  der  Volksver- 
sammlung mit  3I{ovttQ%rj(T(o). 


—     361     — 

Vielleicht  sind  auch  als  Zahlen  die  Buchstaben  aufzufassen,  die  zur 
Bezeichnung  von  Menschen,  Stadtquartieren  usw.  angewendet  wurden. 
Nach  Suidas  hatte  man  nämlich  dem  Eratosthenes  den  Beinamen  Beta 
gegeben;  ebenso  wie  die  fünf  Quartiere  von  Alexandria ^  nach  den  fünf 
ersten  Buchstaben^  benannt  waren:  Philo  in  Flacc.  ed.  M.  2  p.  255  Tievrs 
fioiQai  rTjg  nöÄsag  slaiv  irccüvvfioi  tGjv  TtocoTCov  aroix^iojv  xTjq  hyyQafi- 

flCCTOV    (fCOVTjg. 

Beabsichtigt   ist    dieser  Doppelsinn    von  Buchstaben    und  Zahlen  Doppelsinn 
z.  B.  in  dem   Epigramm  einer   Sonnenuhr:   Anthol.  Pal.  X,  43  (C.  I.  G. 
III,  5862): 

!£"!  a)Qcci  fiöxO-oig  ixavdjrarcii,   al  Se  fxBx'   aiiruc, 
Fodfipaaiv  dsixvvfxsvai  ZHGI  leyovai  ßoovoTg. 

Beabsichtigt  ist  ferner  in  den  unzähligen  mystischen  Zahlen,  die 
bei  den  Pytagoräern,^  denen  alles  Zahl  war,  den  orientalischen  Völkern 
und  den  ältesten  Christen  eine  große  Rolle  spielen,  die  in  manche 
unscheinbare  und  zufällige  Zahl  einen  tiefen  Sinn  hineinlegen,  z.  B. 
Barnab.  ep.  IX  (Patr.  apostol.  rec.  Gebhardt,  Harnack,  Zahn.  Ed.  V 
minor  1906  p.  56)  Mäd-ars  Öri  rovg  Ssxaoxrch  TtoMTOvg,  xal  Sidari]iia 
Tioiriauq  läyei  xQtaxoaiovg.  rö  Se  dexaoxTco.  I  dexa,  H  öxtco.  s/eig  'Itjrrovv. 
OTi  Öt  GxavQog  iv  reo  T  7JixsX}.ev  s/sd'  tTjv  xdoiv,  Xiyei  xccl  TQiaxoaiovg.^ 

Unbeabsichtigt  ist  dagegen  dieser  Doppelsinn  bei  dem  viel- 
besprochenen CONOB  auf  byzantinischen  Münzen.  Diese  Legende  er-  conob 
klärt  Cedren  I  p.  563  ed.  bonn.:  KißirärEg  "Ofxvag  Nöaroai  VßeöiavT 
EtveouTiovi.  Doch  Binder  und  Friedländer,  die  Münzen  Justinians  S.  9 
haben  gezeigt,  daß  diese  Ergänzung  falsch  sein  muß  wegen  der  son- 
stigen Verbindungen  AQOB.  TESOB.  TROB  zur  Bezeichnung  der 
Münzstätten  von  Aquileja,  Thessalonich,  Trier  usw.  Sie  erklären  daher 
0  B  nicht  als  Buchstaben,  sondern  als  Zahlen  =72,  weil  Valentinian  I. 


^  Tov  ß'  YQäfifiaTog  Dittenberger ,  Or.  Gr.  inscr.  2.  705.  Pseudo  -  Callisth. 
1  p.  82.  Pap.  Reinach  49,  2  (cf.  p.  240)  xoig  i[^]to"i  qpi^A^?  Maii8iag  aiQedeiac  nQÖ; 
Tij  /tat'  oUiav  linoyQacpJi  j[o]v  ßrjia  Ygäft/xaio;  und  49,  11  eV  lO)  ßrj[ioc]  j'^[«;u]uart 
nlivi^tuo  [Viei'eck]  e'xrcj  voi[sC\c>}  {vov[.  .]oj  Reinach,  voi[ei\ov  Preisigke).  Pap.  Straßb. 
34,  9.  Oxyrh.  Pap.  8  p.  182,  1110  tv  rw  ß  YQafinocTt.. 

-  Wenn  also  Josephus  b.  jud.  2,  18  sagt  eig  xb  xalovfievov  Aelxa  (v.  Alexan- 
dria), so  entspricht  das  nicht  so  sehr  der  modernen  Bezeichnung:  Berlin  NW.  usw., 
als  vielmehr:  Wien  I,  II,  III  usw. 

^  Vincent,  Revue  archeol.  1846  p.  601:  signes  numeriques.  Tannery,  P.,  Les 
pretendues  notations  Pythagoriennes.  Sur  Torigine  de  nos  chifFres,  s.  Revue  archeol. 
III,  20.  1892  p.  54. 

*  Vgl.  Clemens  alex.  ström.  VI  p.  782  ed.  Potter.  Ähnliche  Spielereien  im 
Abendland  s.  Ebert,  A.,  Allgem.  Gesch.  d.  Litteratur  des  Mittelalters  im  Abend- 
lande I  S.  624. 


—     362     — 

die  solidi  von  40  auf  72  herabsetzte.^  Der  Fall  wird  also  noch  com- 
plicierter,  weil  danach  allerdings  auf  byzantinischen  Münzen  lateinische 
Buchstaben  mit  griechischen  Zahlzeichen  verbunden  sind;  aber  bei  den 
Wertzeichen  hat  man  viel  eher  als  bei  der  eigentlichen  Legende  grie- 
chische Charaktere  angewendet,  um  Mißverständnissen  im  täglichen 
Verkehr  vorzubeugen. 
Zahlen  und  Irrefühi'end   sind  ferner  die   engen  Verbindungen  von  Zahlen  und 

Buchstaben  ,  °  ° 

Buchstaben  wie  ff  =  ror/kvEiav,  VxpaW^  =  roixpaXfxog,  äpT  —  tiocoto- 
uäoTvo  oder  gar  ßg  =  ßias^Toq,  wo  die  griechischen  Zahlzeichen  latei- 
nisch zu  erklären  sind  ^  =  bis;  g  =  sextus.  Die  Regel  ist,  daß  Zahlen 
von  den  Buchstaben  durch  einen  darübergesetzten  verticalen  oder  hori- 
zontalen Strich  unterschieden  werden.    Auch  das  ausgeschriebene  Zahl- 

geschrTe'be- "^ort  wlrd  zuweilen  durch  einen  übergeschriebenen  Strich  ausgezeichnet: 

ner  Strich  ,,o^,f5■^c^2■4o]^'  sJ' ,  s,  J.  Maspcro,  Cataloguc  gener.  du  mus.  de  Caire  51, 
p.  53.  117.  119.  Die  Striche  über  den  Zahlen  sind  mindestens  so  lang 
wie  die  Zahlbuchstaben  selbst.^  Aber  oft  fehlt  der  Strich,  an  anderen 
Stellen  findet  man  statt  dessen  2  oder  3  Querstriche,  um  auf  diese 
Weise  die  Ober-  und  Unterabteilungen  des  Textes  hervorzuheben. 
Manchmal,  aber  nicht  immer,  wird  ein  Unterschied  gemacht  zwischen 
den  Ordnungszahlen  und  Grundzahlen.  Beide  tragen  z,  B.  einen 
Doppelstrich  Palaeogr.  Soc.  Nr.  84:  rov  üyiov  äno[aT6/.ov]  io)\c(vvoi^ 
bniaTo'K[ri\  ß  ■'•'  öt//[o/]  ä  • :  - 

Nicht  immer    wurden    Zahlenwerte   auch   durch    Zahlzeichen    aus- 

^"bun"''  gßdi'ückt.  Vorsichtige  Leute  zogen  eine  Umschreibung  in  Worten  vor, 
die  durch  den  Zufall  oder  bösen  Willen  sich  nicht  so  leicht  verändern 
ließen.^  Als  z.  B.  Livia  in  ihrem  Testament  dem  Galba  sestertium  quin- 
genties  ausgesetzt  hatte,  zog  ihr  Universalerbe,  der  Kaiser  Tiberius,  es 
vor,  zu  lesen  H S  D  statt  H S  D  ,  quia  notata  non  perscripta  erat  summa.^ 

^^^dr^T  Deshalb  schreiben  die  Ärzte  öloyoa^pid'.Tcoii.  Galen  de  antidot.  I  p.  430: 
inü  d'  ojQ  'icfriv  no'iXu  xG)v  uvxr/QÜr^aiv  ijfiaQTi]tj.evag  e/st  rä^i  Tioaö- 
rrjTaq  rojv  cfuopic/.zav^  8iu  tovto  pitv  'Avdoöfia/og  ö'AoyoaiAjudzcog  avrccg 
eynarpe  fii/jLijadfxevog  MevexoaTijv.  Um  spätere  Änderungen  zu  er- 
schweren oder  vielleicht  auch  um  die  Zahlen  in  ein  Metrum  einzu- 
fügen, sind  die  Zahlzeichen  fast  gänzlich  vermieden  in  der  datierten 
Unterschrift  des  c.  Patm.  262  vom  Jahre   1192: 


^  Vgl.  Die  Vorläufer  der  Wertzahl  OB  auf  röm.  Goldmünzen  in  Sallets 
numism.  Ztschr.  7,  240  ff.  Babelon,  Les  sens  des  lettres  OB  et  PS  employees  p.  1. 
monetaires  de  l'enipire  romain.  Bull,  de  la  Societe  Nat.  des  Antiq.  de  France 
1899  p.  317. 

^  Hibeh  Pap.  1  pl.  VIII. 

^  , .Buchstäblich  geschriebene  Zahlen  überwiegen  bis  ca.  150  n.  Chr."  Lar- 
feld,  Handb.  d.  gr.  Epigr.  2.  1898  S.  562. 

*  Sueton  Galba  c.  5. 


—     363     — 

'ETe/.ei(ü&7]  i,  naooiau  ßiß'/.oq,  [ii]v\  iov'/.ico 
xC,  ijfi^oci  devxiooc  Ivd'tXTiöJvog  Öexärrj^ 
izsi  i.^axia-/i7joGT0J  inrcixoGioaro). 
ferner  des  c.  Sin.  522  vom  Jahre  1242: 

Evoe  de  zk'/.oi  exTi/^  x^f-^ovradog 
aQTi  Tosxovai]i  nevriixorru  avv  ravrij 
Tioög  ToTg  bxuxov  knxu  (Tv^fierooviJLevoig  xrh 
vgl.  auch  die  Umschreibung  der  Jahreszahl  1320  im  c.  Sin.  352  und  im 
c.  Ambros.  342  a.  1322,  des  Par.  2632  vom  Jahre  1380,  wo  die  Zahl 
6888,  d.  h.  3  X  2000  +  8  x  100  +  80  +  8  in  Worten  umschrieben  ist; 
und  um  dieselbe  Zeit  c.  Neap.  II-B-28  a.  1383;  ebenso  umschreibt  auch 
Demetrius,  der  Schreiber  des  c.  Baroccianus  1  89  (I  p.  320  des  Catalogs) 
vom  Jahre  1598   diese  Zahl  durch  Worte.     Ahnlich  in  einem  Pariser 
Herodot  (Nr.  1635)  vom  Jahre  1447: 

'Ersfji  %evTS,  7iBVTcc7i)Jii  tTjQ  dsxdSog' 

'Evvcixig  ai'Tig  zT/g  vvv  ixurovradog- 

Tag  -/ihccfjde,  ahv  öin'/Sjg  rTjg  roiädog' 

'IvdixTtcjvog  Tiähv  Ölg  tT/^  nevrädog. 
Die  frühesten  Beispiele,  wo  die  Subscription  in  dieser  Weise  geschrieben 
wurde,  bieten  wohl  eine  AViener  Handschrift  (c.  theol.  193,  bei  Lambec. 
ed.  Kollar  5,  76)  vom  Jahre  1095  und  der  cod.  Paris.  555  vom  Jahre  1263. 

4.    Buchstabenzahlen  mit  Episema.  ^ 

Da  die  Griechen  ungewöhnlich  lange  Buchstaben  statt  der  Zahlen 
verwendeten,  so  kamen  sie  schließlich  zu  der  Erkenntnis,  daß  sie  in 
den  Buchstaben  die  Elemente  besaßen  zu  einer  wirklichen  Zahlen- 
schrift. Wenn  sie  die  gebräuchlichen  und  die  außer  Curs  gesetzten  Episema 
Buchstaben  als  Zahlzeichen  für  Einer,  Zehner  und  Hunderter  verwen- 
deten, so  reichten  diese  Zeichen  für  alle  Werte  bis  900,  und  für  die 
Tausender  konnte  man  das  alte  System  der  Initialzahlen  beibehalten. 
Deshalb  wurden  alle   drei  alten  Zeichen   des  phönicischen  Uralphabets 


^  Notae  Graecorum  numerales  subsidiariae.  8.  (Hai.)  1702.  "Weidler,  J.  F. 
et  G.  J.,  De  characteribus  numerorum  vulg.  et  eorum  aet.  4.  \Yit.  1727.  Schwarz, 
C.  G.,  De  antiqua  nuineri  senarii  nota  trriarjfiov  dicta.  4.  Alt.  1734.  Gow,  The 
greek  numerical  aiphabet.  Journ.  of.  philol.  12.  1883 — 4  p.  278.  Woisin,  De  Graec. 
notis  numeralibus.  Kiel  1868  p.  38.  Larfeld,  Handb.  d.  griech.  Epigr.  2  (1898)  S.  543. 
Über  die  Formen  der  Zahlenbuchstaben  s.  Foat,  Sematogr.  of  the  gr.  Papyri.  Journ. 

of  Hell.  stud.  22.  1902  p.  145. ,  Tsade  and  öampi,  ebenda  25.  1905  p.  338.   Über 

die  Episema  eines  mathematischen  Papyrus  s.  Mem.  pp.  la  Mission  frauQ.  au  Caire  9. 
1892  p.  9.  27stelligcs  milesisches  Zahlenalphabet  s.  Larfeld,  Gr.  Epigr.  (München 
1892)  S.  544.  Über  das  Rechnen  mit  diesen  Zahlen  s.  Symly,  Mölanges  Xicole 
(1905)  p.  515.  Schmidt,  M.  C.  P. ,  Das  Eechnen  bei  den  Griechen:  Kultorhistor. 
Beiträge  1.  1906  S.  97. 


—     364     — 

Vau,  Koppa  und  Sampi  ^  wieder  hervorgesucbt  und  als  Episema  auf- 
genommen: [A]^rAESlH0IKAMN5Or?PIT..XYQT-^  Iliren 
Buchstabennamen  scheinen  diese  Zeichen  allerdings  bald  vollständig 
verloren  zu  haben  und  nur  noch  mit  ihrem  Zahlenwert  bezeichnet  zu 
sein;  im  10.  Jahrhundert  verwechselte  man  die  Namen  (s.  o.  S.  260),  die 
im  14.  bereits  verschwunden  waren.^ 

Diese  Buchstabenzahlen   wurden  von  den  Buchstaben  durch  einen 

ter  Itrich' hochgestellten  Strich  unterschieden.*  Merkwürdig  ist  nur  die  Sitte,  in 
Datierungen  die  Jahreszahl  ohne  Strich,  die  Tageszahl  mit  Strich  zu 
schreiben.^ 

Daß  die  semitischen  Lautzeichen  den  Griechen  nicht  gleich- 
zeitig auch  als  Zahlenwerte  überliefert  wurden,  geht  schon  aus  dem 
Umstände  hervor,  daß  das  als  Lautzeichen  aufgegebene  Ssade  von  den 

"^Griechen"  Griechen  als  Zahlzeichen  an  den  Schluß  der  Reihe  gestellt  wird.  — 
Wahrscheinlich  ist  das  israelitische  Ziffernsystem  dem  griechischen 
nachgebildet.  „Die  Verwendung  der  Buchstaben  als  Zahlzeichen  ist 
bei  den  Phöniciern  nicht  nachweisbar."^  Nach  einer  brieflichen  Be- 
merkung von  Nöldeke  ist  es  vielmehr  wahrscheinlich,  daß  auch  die  Phö- 
nicier  die  Anwendung  der  Zahlenbuchstaben  erst  von  den  Griechen  erhalten 
haben.  Dann  muß  dieses  Zahlensystem  also  sehr  früh  in  Hellas  selbst 
entstanden  sein,  ehe  die  später  vergessenen  Buchstaben  vollständig 
außer  Curs  gesetzt  waren.  Die  Zeit  ist  allerdings  sehr  schwer  zu 
bestimmen. 
Larfeid  W.  Larfcld,  Griech.  Epigraphik  (s.  Iw.  Müllers  Handbuch  II  1892) 

S.  544 f.; Handb.  d.  griech.  Epigr.  1.  1907  S.  419,  glaubt  schwache 

Spuren  schon  im  8.  Jahrhundert  v.  Chr.  nachweisen  zu  können;  doch  aus 
dieser  Zeit  haben  wir  noch  keine  Schriftdenkmäler.  „Mit  viel  größerer 
Wahrscheinlichkeit  aber  würd  die  Erfindung  in  die  spätere  Diadochen- 
zeit  verlegt,  wohin  die  ersten  Spuren  führen  (zuerst  in  Ägypten  seit 
266  V.  Chr.)."  "^  Jetzt  haben  wir  allerdings  Spuren,  die  älter  sind  als  die 
Zeit  Alexanders  des  Großen. 


^  Jannaris,  A.  N.,  The  Digamma  Koppa  and  Sampi  as  numerals,  The  Class. 
Quaterly  1.  London  1907  p.  37,  bezweifelt,  daß  die  Zahlzeichen  mit  den  alten 
Buchstaben  identisch  sind. 

-  Bull.  arch.  1867  p.  75  Athen,  (lastra  di  piombo). 

^  Fulgentius  de  aet.  mundi  132,  12  H.:  Zeichen  für  6  und  90  als  episemon 
et  cuf. ;  vgl.  Arcb.  für  lat.  Lexikogr.  11  S.  295;    Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1904 

S.  769.     tÖ  iTiiarifiov   q t6  ufojvvjjov  urj^uov  (J 6  ItyQ^Bvo;  j^aooocDyo  5^- 

Notices  et  extr.  des  mss.  32  I.  Paris  1886  p.  144. 

*  Beschrieben  ist  dieses  gewöhnliche  Zahlensystem  von  Julius  Africanus,  s. 
Opera  Veter.  Math.  (Paris  1693)  p.  315. 

*  Grundzüge  u.  Chrestomathie  1.  Wilcken  1  S.  XL  VI  A. 
«  Larfeid,  Handb.  d.  gr.  Epigr.  1.  1907  S.  382. 

">  Vgl.  Neue  Philol.  Wochenschr.  1892  S.  387;  Hermes  29.  1894  S.  266. 


—     365     — 

Meisterhans  (Neue  Philolog.  Eundschau  1892  S.  378)  meint:  „Die  Meisterhans 
Erfindung  ging  wohl  vom  Musiknotensystem  aus:  für  Instrumentalnoten 
benutzte  man  bekanntlich  das  sog.  dorische  Alphabet  (mit  seinem  /  usw.), 
für  die  Gesangsnoten  hingegen  das  ionische  (mit  seinem  Q);  eine 
Vereinigung  der  beiden  Notensysteme  ergab  die  27-(bzw.  26-)ziffrige 
Zahlenreihe." 

Allein  über  das  Alter  dieser  Notensysteme  wissen  wir  erst  recht 
nichts  Genaues  und  müssen  sogar  voraussetzen,  daß  ein  Zahlensystem 
älter  ist  als  ein  Notensystem.  Beiden  gemeinsam  ist  das  Streben,  außer 
den  gewöhnlichen  Buchstaben  noch  andere  allgemein  bekannte  Zeichen 
anzuwenden,  die  sich  nicht  als  Buchstaben  auffassen  ließen;  beide  haben 
daher  die  außer  Curs  gesetzten  Buchstaben  wieder  augewendet. 

Man  könnte  sich  nun  auf  das  altertümliche  Colonialgesetz  von  gesetrvon 
Naupaktos  beziehen^  aus  dem  Ende  des  5.  Jahrhunderts  bei  Röhl,  ^^"P""^*"® 
Inscr.  antiquiss.  Nr.  321,  dessen  einzelne  Abschnitte  mit  Zahlbuch- 
staben (oder  Buchstabenzahlen)  bezeichnet  sind,  die  bald  ihre  gewöhn- 
liche Stellung  haben,  bald  auf  die  Seite  gelegt  sind,  um  sie  von  den 
gewöhnlichen  Buchstaben  zu  unterscheiden;  dort  sieht  man  in  richtiger 
Reihenfolge  A,  B,  C  .  .  F,  Z  usw.  (s.  o.  S.  360).  Allein  die  Schrift  dieses 
Colonialgesetzes  ist  noch  so  altertümlich,  daß  F  und  ?  noch  als  Buch- 
staben im  Texte  verwendet  werden.  Wir  dürfen  diese  Zeichen  also  nicht 
als  Episema  auffassen,  sondern  als  gewöhnliche  Buchstaben;  jedenfalls 
kann  die  Inschrift  nichts  Entscheidendes  für  die  Existenz  der  jüngeren 
Zahlen  beweisen. 

Ungefähr  derselben  Zeit  mag  eine  rätselhafte  ionische  Inschrift  i°kropöus 
der  Akropolis^  von  Athen  angehören,  in  der  man  Spuren  des  jüngeren 
Systems  der  Buchstabenzahlen  glaubt  nachweisen  zu  können.  Die  In- 
schrift ist  nach  Köhlers  Urteil  „älter  als  der  Anfang  des  vierten  Jahr- 
hunderts, genauer  noch  als  der  peloponnesische  Krieg".  Sie  besteht 
aus  Oolumnen  von  zwei  Buchstaben(zahlen)  mit  Einern  an  erster  und 
Zehnern  an  zweiter  Stelle;  zu  den  Einern  gehört  /  und  I;  die  Zehner 
an  zweiter  Stelle  haben  ebenfalls  das  I  und  reichen  bis  M;  ob  M  nun 
aber  wie  bei  den  jüngeren  Buchstabenzahlen  50  oder  ob  es  nur  nach 
seiner  Stelle  im  Alphabet  12  (bzw.  13)  bedeutet,  ist  nirgends  gesagt. 
Br.  Keil  hat,  die  Erklärungsversuche  der  Früheren  musternd,  selbst  eine 
Erklärung  dieser  rätselhaften  Inschrift  gegeben,  bei  der  wir  uns  leichter 
von  dem  Scharfsinn  des  Verfassers,  als  von  der  Richtigkeit  seiner 
Resultate  überzeugen.  Auf  seine  Hypothese,  daß  diese  Tabelle  sich 
auf  die  attischen  Geschworenen   beziehe,  brauchen  wir  hier  nicht  ein- 


'  Siehe  Woisin,  De  Graec.  not.  numeral.  Taf.  Nr.  33. 

-  Keil,  Br.,  Eine  Zahlentafel  v.  d.  athen.  Akropolis,  s.  Straßburger  Festschr. 
d.  philoa.  Facultät  f.  d.  46.  Phiol.-Vers.  Straßb.  1901  S.  117  mit  Fcsm. 


—     366     — 

zugehen;  uns  beschäftigt  hier  nur  die  Frage,  welches  Zahlensystem  ist 
angewendet?  Wir  antworten  darauf:  Dasselbe  wie  im  Colonialgesetz 
von  Naupaktos,  d.  h.  also  die  gewöhnlichen  Zahlenbuchstaben  (mit  Ein- 
schluß von  /),  aber  ohne  S  und  ^,  Die  Inschrift  stammt  also  von 
einem  lonier,  der  das  Digamma  als  Buchstaben  und  dementsprechend 
auch  als  Zahlbuchstaben  verwendete.  Der  Beweis  ist  nicht  erbracht, 
daß  z.  B.  M  bereits  im  Sinne  der  späteren  Zeit  im  Sinne  von  50  ge- 
braucht wird;  und  wenn  er  erbracht  wäre,  so  folgte  daraus  noch  nichts 
für  die  allgemeine  Gültigkeit.  Unsere  Inschrift  ist  das  Weihgeschenk 
eines  Privatmannes,  der  seine  Erfindung  den  Göttern  weihte.  ^  Ob  sein 
Vorschlag  jemals  praktisch  wurde,  wissen  wir  nicht.  Wir  können  sein 
Zahlensystem  nicht  einmal  mit  Sicherheit  als  einen  Vorläufer  des 
später  allgemein  verbreiteten  hinstellen. 
Spuren  I^  der  Mitte  des  vierten  Jahrhunderts  war  die  neue  Zahlenschrift 

bereits  bekannt.  In  dem  ca.  351  v.  Chr.  erbauten  Grab  des  Mausollus 
fand  man  zwei  Alabastervasen  mit  der  Inschrift  H'NA  (754)  und  Z?r  (293),''' 
und  für  die  alexandrinische  Zeit  ist  kein  Mangel  an  Zeugnissen.  Auf 
Aristoteles  hat  man  sich  (z.  B.  Woisin  a.  a.  0.  S.  45;  Larfeld.  Handb. 
d.  gr.  Epigr.  1.  1907  S.  149)  vergebens  berufen.  Aristot.  probl.  15,  3: 
öici  xi  de  Tiävreg  ävß-ocoTtoi  xul  ßdoßuooi  xul  EXXr^v&q,  eiq  tu  ÖiyM. 
ccQid (jiOVGi  y.ai  oiix  eig  uVlov  cwi&fjiöv  oiov  ßyde,  eira  ndhv  hTiuvoc- 
ÖinlovGiv:  Iv  Tihre,  cJvo  nevre,  coaneo  'ivöixci,  cicjd'sxa  ovo'  av  h^wriob) 
Tiavadfisvoi  tojv  d'iza,  eircc  kxel&ev  knavadinKovaiv;  eari  fiev  yao  'ixccarog 
röjv  doid-fibjv  6  ennooa&ev  xul  ev  ))  8vo  xul  ovTog  u)J^oq  rig,  uQiü'fxovcri 
J'  ofiag  cr/Qi  rcöv  dexa.  Aus  dieser  Stelle  folgt  nur  ein  decimales 
Zahlensystem,  nicht  aber  decimale  Zahlzeichen. 

Bald  nach  dem  Tode  Alexanders  d.  Gr.  wurde  das  jüngere  Zahlen- 
system offiziell  auf  Münzen  des  Demetrius  angewendet,  s.  Finder  u. 
Friedländer,  Beitr.  z.  älteren  Münzkunde.  T.  ^T^II':  !A'/.e^c/.vdoo{i]  KA, 
d.  h.  24  Jahre  nach  der  Thronbesteigung  Alexanders.^  Ähnliches  zeigen 
auch  die  jüngeren  Münzen  der  Diadocheu. 

Daß  die  Buchstabenzahlen  im  dritten  Jahrhundert  v.  Chr.  gebraucht 
wurden,  zeigt  ein  Papyrus  vom  Jahre  259/58  v.  Chr.:'*  ißx°  =  ÖaÖexu/ovg. 
Namentlich  auf  ägyptischen  Münzen  findet  man  Zahlen  mit  Episema 
V.  J.  247/46  V.  Chr.^  Ebenso  Inschriften  mit  Buchstabenzahlen:  C.L  G. 
5127  B.  39:   erei    zT^g   kfxTtg  ßuatleiug  xl,'  (221  v.  Chr.).^     Sicher  wurde 

^  Siehe  Keil  a.  a.  0.  S.  142:  vgl.  o.  S.  270. 

-  Siehe  Newton,  Hist.  of  discov.  at  Halicarnass.  2  p.  670;  Woisin  a.  a.  0.  S.  43. 

*  Siehe  Woisin,  De  Graec.  not.  numeral.  p.  47  Nr.  56. 

*  Siehe  Revenue  laws  by  Grenfell.    Oxford  1896,  col.  53.  20  p.  242. 

^  Siehe  Svoronos,  Les  monnaies  de  Ptolemee  II  qui  portent  dates.  Rev.  belg. 
de  num.  57.  1901  p.  263. 

®  Auf  Papyrus  und  Münzen  s.  Gow,  Journ.  of  Phil.  1884  p.  284-,  Neue  Philol. 
Rundsch.  1886  S.  366. 


—     367     — 

dieses  neue  System  aber  angewendet  in  dem  Silberinventar  von  Oropos 
(ca.  200  V.  Chr.).^  „Der  athenische  Staat  verschließt  sich  der  Annahme 
des  alphabetischen  Zahlensystems  bis  in  das  1.  Jahrh.  v.  Chr.  hinein."  ^ 

Zwei   systematische  Darstellungen   dieses  Zahlensystems  aus  ganz  DareteUung 
verschiedenen  Zeiten    haben   wir    1.  in   dem   Papyrus  von  Akhmin  (s. 
Memoires  de  la  mission  arch.  fr.  au  Caire  9.  1892  p.  1)  und  2.  Notice 
sur  les  deux  lettres  arithm^tique  de  Nicolas  Rhabdas  p.p.  Tannery  (s. 
Notices  et  Extr.  des  mss.  32.  I.  Paris  1886  p.  121). 

Das  Digamma  oder  Vau  hat  in  der  älteren  Papyrusschrift  ^  noch  oigamma 

seine  ursprünglichere  Form  F  ,  C.  deren  Umbildung  wir  an  den  datier- 
ten Inschriften  im  vierten  Bande  des  C.  I.  Gr.  genau  verfolgen  können.'* 
Die  erste   Stufe  der  Fortbildung  ist  die,   daß   der  unterste  Querstrich 

sich  nach  unten    ^   oder  nach  links  hin  als  kleines  Häkchen  fortsetzt  S- 

Die  erstere  Form  konnte  in  der  Zeit  der  Minuskel  als  eine  aufgelöste 
Verbindung  von  C  T  aufgefaßt  werden.  Die  Verbindung  von  C  und  T 
kommt  schon  zur  Zeit  des  Augustus  vor,  s.  Imhoof- Blumer,  Lyd.  Städte- 
münzen S.  74  Xr.  4:  Heuzey,  Mont  Olympe  p.  473 — 74:     H"     =  (jT{oaT7j- 

yovvTog)  ist  aber  kein  Zahlzeichen.  In  der  Zeit  der  Minuskel  gebraucht 
man  ein  umgekehrtes  lateinisches  9\,  d.  h.  ein  C  und  T  in  Verbindung 
mit  dem  tiefgestellten  Accente  zur  Bezeichnung  der  Tausende. 

Da  man  den  Ursprung  der  Form  nicht  mehr  verstand,  so  identi- 
fizierte man  das  Digamma  mit  C  T  und  nannte  das  Zeichen  ariyixc/. 
nach  der  Analogie  von  aiyfia.  Der  Übergang  vom  Digamma  zum 
(jzr/jja'^  muß  schon  in  etwas  frühere  Zeit  fallen,  weil  schon  in  dem 
datierten  Uncialcodex  von  862  ein  fertiges  GTiyf.ia  für  6000  angewendet 
wird.  —  Für  die  Zeit  vom  12.  bis  zum  17.  Jahrhundert  schrieb  man 
ohne  Unterschied  der  Zeit  beide  Formen  des  arr/ixu  und  machte 
keinen  Unterschied,  ob  der  Längsstrich  den  Querstrich  darüber  be- 
rührte oder  nicht:  S,  ~,  5. 

Viel  seltener  und  unwichtiger  sind  die  anderen  beiden  Zahl- 
zeichen,^ die  beim  Scholiasten  zu  Aristophanes  Wolken  V.  23  (ed.  Din- 
dorf  IV  1,  375)  erwähnt  werden:  Koimuriaq,  innovg  ixc/j.ovv,  oi^  hy- 
'/CBXccQc/.y-TO  rö  X  (7T0IXE10V,  (IjQ  fTUfirpöodq  rovi  iyxv/ouynivovi  to  a.  rö 
ycio  a  xai  xo  /.  /uoaarröfjisvov  accv  eXsyov  xal  kötitiu.    ai  de  /aod^sig 


»  S.  Hermes  25  S.  609. 

2  Keil,  Br.,  Straßburger  Festsehr.  f.  d.  46.  Philol.-Vers.  Straßb.  1901  S.  128. 
'  Über  die  Form  des  Zeichens  ß  s.  Guido  Winter.  De  mimis  Oxyrhynchiis. 
Lps.  1906  p.  34  ff. 

*  Leeuwen,  J.  v.,  De  littera  Digamma,  s.  Mnemosyne  1891  S.  129 — 60. 

'"  Nestle,  E.,  Stigma.     Berl.  Philol.  Wochenschr.  1911  S.  319. 

«  Montfaucon  P.  Gr.  p.  570—71.     Welcker,  Kl.  Schriften  1,  373  A.  2. 


—     368     — 

ai'Tai  xai  (xv/Qi  rov  vvv  aäl^ovrai  iTii  roTg  itittoi^.  (Tv^evyvvfievov  yao 
Tov  X  xal  G  x6  ayj]\ia  rov  g  dgi&uov  Övvutui  voeiad-ai,  ov  noorjyüxai 
rö  xÖTiTiu.  xal  Tiaou  xoiq  younnurixoTi  ovrco  d'id'daxeTcci  xal  xa'/Mzai 
Koppa  xÖTiTia  ivev/jxovTcc.  Die  Form  ?  läßt  sich  nur  auf  den  ältesten  In- 
schriften und  Münzen,  z.  B.  dem  Silberinventar  von  Oropos,  das  wir 
mit  Keil  (Hermes  25  S.  609)  ungefähr  ins  Jahr  200  v.  Chr.  setzen  können, 
nachweisen.  Verbesserungsvorschläge  siehe  Lucian  adv.  indoct.  5.  Quin- 
tilian  iustit.  1.  4.  9. 

Auf  einer  pontischen  Münze  aus  der  Zeit  von  Christi  Geburt  (vom 
Jahre  0SZ)^  hat  das  Koppa  die  Gestalt  eines  oben  offenen  Rho  (P) 
<^pl.  10,  Nr.  12),  und  ähnlich  auf  einer  pontischen  Münze  vom  Jahre  ASZ 
(291  =  6  V.  Chr.),  s.  Köhne,  Mus^e  Kotschoubey  2,  p.  176.  Eine  100  Jahre 
jüngere    pontische  Münze  <(pl.  13,  Xr.  1)   hat   wieder    die    geschlossene 

Form  (?).  Das  Koppa  hat  auf  Münzen  noch  die  geschlossene  Form  q  , 
z.  B.  0    Q.  C  299  =  253  n.  Chr.  (Aera  von  707/47),  s.  Annuaire  de  la  Soc. 

de  nuniism.  et  d'arch.  8.  1884  p.  150.  Aber  in  den  Handschriften  läßt 
sich  die  geschlossene  Form  nicht  nachweisen,  statt  dessen  hat  schon 
der  c.  Sinaiticus  die  Form  «i,  später  öffnet  sich  die  Bundung  etwas 
weiter,  ohne  daß  dieses  Zeichen  sonst  andere  Umbildung  durchgemacht 
hätte, 
sampi  Das  San  oder  Sampi  S^  ^  hat  in  der  älteren  Schrift  die  einfachere 

Form  T,  m,  die  wahrscheinlich  als  Fortbildung  des  Zade  anzusehen 
ist  (s.  0.  S.  38).  Galen  beschreibt  dies  Zeichen  als  ein  Fl  mit  einem 
Strich  in  der  Mitte.  ^  Falsch  ist  also  die  Erklärung  von  Franz,  Element. 
epigr.  gr.  p.  16  nam:  ■;>  ita  ortum  esse  videtur  ut  inverso  C  inscripta  sit 
littera  Fl.  Die  Rundung  spitzt  sich  bisweilen  oben  zu  T,  wie  es  sich 
in  dem  Alphabet  von  St.  Gallen^  und  in  dem  etwas  jüngeren  des  Psal- 
terium  Cusanum  (s.  S.  260)  findet.  Ebenso  in  Papyrusurkunden  bei 
Wessely  Prolegg.  ad  pap.  graec.  p.  47.  55  und  in  der  spitzbogigen  accen- 
tuierten  Unciale,  von  der  Tischendorf,  Monum.  sacr.  inedita  nova  collect. 


^  Friedländer,  Repertorium  z.  a.  Numism.  S.  36.  9  ^^^  ^^^  parthischen 
Münzen  die  Form  ^  (Greek  coins  in  the  Br.  Mus.  Wroth  Parthia  p.  LXXVIII). 
Greek  coins  of  the  Br.  Mus.    Pontus  p.  49. 

^  Boeckh,  Staatshaushaltung  der  Athener  2,  S.  386.  Sophocles,  Greek  Lexi- 
con  974  erklärt  ausdrücklich,  daß  für  aüfini  überhaupt  kein  Beleg  existiere;  die 
Zeugnisse  für  den  dorischen  Buchstabennamen  auv  haben  mit  dem  Zahlzeichen 
nichts  zu  tun.     S.B.  d.  Berl.  Akad.  1894  S.  769  A. 

^  Galen  17,  1.  525  (ed.  Kühn):  6  tov  n  yoüu^uaTog  /aoaxirjo  t'yoiv  ood^inv 
usar/p  j'^a^uu'?»',  wc  eVtot  j'OMqoonfft  tüv  a'fvuxoaioiv  /aQaxir/oa.  T  schon  in  einer  In- 
schrift aus  Magnesia  aus  dem  2.  Jahrh.  v.  Chr.,  s.  Dittenberger,  Sylloge^  552  v  33. 
Über  'p  s.  Foat,  J.  H.  St.  26.  1906  p.  287. 

*  S.  Mitteil.  d.  antiq.  Ges.  in  Zürich  7  S.  31. 


—     369     — 

vol.  VI  ein  Facsimile  gibt:  (tti/cov  AN.  Ähnlich  ist  auch  die  Form  |i, 
welche  das  Sampi  in  unteritalischen  Handschriften  des  10.  Jahrhunderts 
angenommen  hat.  Falls  man  dem  Facsimile  von  Cousinery  trauen  darf,  Vo- 

yage  dans  la  Macedoine.  Paris  1831.  1  p.  43/43  c-Tjfid    .  N^,    so    hat 

sich  diese  Form  mit  einem  Strich  in  der  Mitte  bis  ins  15.  Jahr- 
hundert gehalten.  Ganz  eigentümlich  ist  die  Form,  welche  das  ^  in 
der  Mosaikinschrift  von  Madaba  angenommen  haben  soll  f\  oder  X, 
s.  Eevue  bibl.  1  p,  643,  allein  diese  Erklärung  bleibt  sehr  zweifelhaft. 
Wenn  "^  und  r  verwechselt  werden,  wie  im  c.  Laur.  6,  27  (Bandini  I 
p.  553),  so  ist  das  wohl  nur  ein  zufälliger  Schreibfehler. 

Nachdem  also  die  Griechen  in  alter  Zeit  versucht  hatten,  durch  die 
einfachen  oder  verdoppelten  Zeichen  des  Alphabets  auch  große  Zahlen 
zu  schreiben,  gingen  sie  zu  einem  neuen  Zahlensystem  über,  das  eigene 
Zeichen  besaß  nicht  nur  für  die  Zahlen  bis  24,  sondern  bis  1000;  das 
war  ein  wesentlicher  Fortschritt.  So  entstand  das  eigentümliche  System 
der  griechischen  Zahlenbuchstaben,  das  von  den  Neugriechen  noch  heute 
neben  der  arabischen  Zahlenschrift  angewendet  wird. 

Es  entsprechen  sich  also 

oc  =  l  /  =  10  o  =  100 

ß  =  2  X  =  2{)  o-  =  200 

7  =  3  ;.  =  30  T  =  300 

8=4:  |U  =  40  7^  =  400 

6  =  5  «/  =  50  (f  =  500 

c  =  6  I  =  ÖO  /  =  600 

:  =  7  o  -  70  xp  =100 

?/  -  8  ;i  =  80  CO  =  800 

^^  =  ^  ^  =  90       e,^t^^9oo. 

Es  ist  das  phönicische  Uralphabet  in  richtiger  Reihenfolge  mit 
den  Zusatzbuchstaben  der  Hellenen.  Die  phönicischen  Buchstaben 
sind  alle  verwendet,  nur  der  18.,  M  [s*],  fehlt  an  seinem  Platz,  denn 
auf  n  (80)  folgt  q  (90) ';  M,  m,  t  ist  900. 

Diese  griechischen  Zahlen  waren  viel  besser  und  brauchbarer  als 
die  italischen  und  genügten  einigermaßen  den  Ansprüchen  des  täglichen 
Lebens.  Eine  deutliche  Vorstellung  vom  decimalen  System  gaben  sie 
allerdings  nicht.  Daß  9  einer  anderen  Zahlenreihe  angehört  als  11, 
99  einer  anderen  als  100,  sah  man  den  Zahlzeichen  i9-,  7  und  (\{f,  ü 
nicht  an. 

Bis  zum  (o  (800)  ist  also  alles  selbstverständlich  und  in  Ordnung; 
aber  wie  ließen  sich  nun  die  höheren  Werte  ausdrücken?     Es  war  ein 


'  Eichtiger  wäre  gewesen,  f  für  90,  q  für  900  zu  gebrauchen. 
Gardthausen,  Gr.  Paläographie.    2.  Aufl.  II.  24 


—     370     — 

900  schlechter  Notbehelf,  wenn  man  im  dritten  Jahrhundert  n.  Chr.  900 
durch  ein  zweistelliges  Zeichen  ausdrückte  CüP  (800-|- 100). ^  Viel  ratio- 
neller war  es,  ein  altes  Buchstabenzeichen  ^  für  die  Zahl  900  zu  ver- 
wenden. Das  als  Buchstabe  nicht  mehr  angewendete  Zeichen  scheint 
seinen  Platz  zunächst  verloren  und  ihn  dann  am  Schlüsse  des  Ganzen 
als  Zeichen  für  900  wieder  erhalten  zu  haben. 
1000  Aber  nun   entstand   dieselbe   Schwierigkeit  auch  für  das  Zeichen 

von  1000,  und  sie  wurde  in  derselben  Weise  gelöst,  nur  daß  das  zweite 
Zeichen  nicht  neben,  sondern  über  das  erste  geschrieben  wurde.  Die 
Tausender  werden  aus  dem  letzten  Zahlenbuchstaben  ^,  m  (900)  differen- 
ziert   '^  =  1000,     A    =  1000=  m  =  1000,    ^  =  9000,   s.  Bruno  Keil. 

bei  Robinsohn,  Elephantine-Papyri  S.  84;    ebenso  fand  Haussoullier  in 

r  0 
den  Rechnungen  des  milesischen  Didymeion  die  Zahl  M  mTKB  =  39322. 
A.  Wilhelm  2  meint,  „daß  m,  ohne  solchen  Multiplikationsexponenten,  in 
der  Urkunde  von  Magnesia  ebenfalls  1000  bedeutet".  Das  bestätigt  sich. 
Auch  in  einer  langen  thessalischen  Inschrift  (Revue  de  philol.  35.  1911 
p.  134)  finden  wir  dasselbe  Zeichen  für  1000;  auch  hier  ist  der  dritte 
Strich  kürzer  als  die  beiden  vorhergehenden  n\^  Glücklich  war  diese 
Lösung  nicht  zu  nennen,  sie  wurde  auch  in  der  Tat  später  vollständig 
aufgegeben, 
looo-öooo  Für  größere  Zahlen  von  1000—9000  beginnt  später  das  Alphabet 

noch  einmal  von  vorn,  nur  daß  diese  Zahlen  nicht  wie  sonst  durch  einen 
Strich  oder  Accent  darüber,  sondern  darunter  ausgezeichnet  werden; 
und  dieser  Accent  wird  in  der  Papyrusschrift  meistens  unmittelbar  mit 

n  ^ 

dem  Zahlbuchstaben    verbunden,   '"BTA   usw.       J-j—  =3300.     \  gl. 

Cantor,  Vorles.  üb.  Gesch.  d.  Mathem.  1^.  Lpz.  1894  S.  117;  Bursians 
Jahresbericht  108  (1901.  I)  S.  60;  Larfeld,  Handb.  d.  gr.  Epigr.  1.  1907 
S.  426. 

Dieses  ist  die  Bezeichnung  der  Zahlen,  die  im  Mittelalter  bei  den 
nach  der  byzantinischen  Weltära  datierten  Handschriften  ausschließlich 
angewendet  wurde;  sie  ist  lang  und  umständlich  und  wurde  daher 
gelegentlich  abgekürzt,  indem  man  das  Jahrtausend  und  die  Hunderte 
ausließ.  Im  Evangelium  Radziwill  (c.  Monac.  329  s.  X)  findet  sich  eine 
Notiz  vom  Jahre  1278:  ijfiioa  y.voiaxii  -/(joviai  [.?'/^]7rc  und  [.•^^J/ö 
STOv^:  TV.  E'AlrjVouvr'jfiav  7.  1910  S.  151.  In  einem  c.  Laur.  IX,  15 
vom  Jahre  964  (s.  o.  S.  286)  ist  nur  die  Zahl  von  Tausend  ausgelassen: 

1  Siehe  Meisterhans,  Neue  Philol.  Rundschau  1888  S.  330—31  u.  1892  S.  378. 
■^  Sonderschriften  d.  Österr.  Arch.  Inst.  7.  Wien  1909  S.  282  A.  10. 
^  Vgl',  die  Anmerkung  von  Hauss(oulier)  p.  138 — 39. 


—     371     — 

[,?:']voß'.  Es  ist  also  genau  dieselbe  abgekürzte  Redeweise,  als  wenn 
wir  sagen:  im  Jahre  48  (statt  1848).  Daneben  findet  sich  auch  die 
neue  Schreibweise. 

Die  Myriaden  werden  durch  einen  tiefgestellten  Accent  bezeichnet:  Myriaden 
,'=10;  /  =  10000:  ;;'=  20;  ^ät  =  20000  usw.  Allein  es  gab  noch  ein 
anderes  System  nach  Montfaucon,  das  nach  dem  Schreiber  des  c.  Eeg.  2724 
[=  Paris.  1670]  vom  Jahre  1183  in  den  Rechnungen  des  kaiserlichen 
Schatzes  in  Constantinopel  angewendet  wurde.  Die  Myriaden  wurden 
durch  die  gewöhnlichen  Zahlenbuchstaben  wiedergegeben  mit  zwei  hoch- 
gestellten Punkten^:  «=  10000;  /5  =  20000;  7  =  30000  .../  =  100000; 
iß  =  120000;  ö  =  1000000  (eine  Million)  usw.;  tausend  Myriaden  ä: 
zweitausend  Myriaden  ß"  usw.  Noch  in  ganz  jungen  griechischen  Hand- 
schriften werden  die  Myriaden  durch  ^  bezeichnet,  z.  B.  /  Jc//;r  (141680).^ 

Auf  der  folgenden  Seite  gibt  Montfaucon''  dann  noch  Proben  von 
höheren  Zahlen,   es  sind   die  gewöhnlichen  Zahlenbuchstaben  mit  vier 

Punkten:  ä  =  10000000  usw.  So  hohe  Zahlen  kommen  sehr,  selten 
vor,  und  wenn  sie  vorkamen,  half  man  sich  auf  andere  Weise. 

Die   Zehntausende   oder  Myriaden   wurden  lieber  nach   dem  alten 

r 
System   durch   den  Anfangsbuchstaben   M  ausgedrückt,   M'B   sind  also 
32000. 

In    geographischen  Texten,    z.  B.    in    den  Proben,    die    Bast    am 
Schlüsse    seiner  lettre   critique  (Paris  1805)  facsimiliert  hat,    wird  MI 

A 
leicht   verwechselt    mit    MI,    der    Abkürzung    für  fxihu  =  milia.     Das 
tA{voiäg)    wird    manchmal    sehr   undeutlich   geschrieben,    fast  wie   Cü.^ 
Meistens  jedoch  verflüchtigt  sich  das  einfache  M  =  fivoioi,  ähnlich  wie 

das  tachy graphische,  oft  zu   einem  Halbkreis:    r>'Acl>A  =  54504,   oder 

zu    einem    punktierten,    unten    offenen    Kreis:    '^n    ^voioi.^      Auch     in 

dem  schon  erwähnten  mathematischen  Papyrus^  bezeichnet  ein  unten 
offener  Kreis  mit  einem  Punkt  in  der  Mitte  die  Multiplikation  mit 
10000,  also  0B  =  20000,  0r  =  30000.  Zuweilen  verschwindet  auch 
der  Halbkreis,  und   die  Myriaden  unterscheiden   sich  von  den  Einern 


^  Kryptographisch   wurde    die   Multiplication    mit    10    durch   einen,    die  mit 
100  durch  zwei  Punkte  angedeutet,  vgl.  oben  S.  317. 
"-  Siehe  Revue  des  et.  gr.  10.  1897  p.  324. 

'  Vgl.  Montfaucon  P.  Gr.  p.  XIII.     Woisin,  De  Graecor.  et  numeral.  p.  47 — 50. 
*  Siehe  Wessely,  Revue  figyptol.  4  p.  179:  c'est  le  ju  petit,  lettre  initial  de 

■^  Oxyrhyuchus  Papyri   1  p.  198  Nr.  127,  1. 

®  Vgl.  Memoires  de  la  Mission  fran^.  au  Caire  9.  1892  p.  9. 

24* 


—  372  — 
nur  durch  Punkte:  -A-  -B-  usw.,  -B-  /^  OTTZ  =  23587,  und  manch- 
mal reicht  ein  Punkt  hin,  um  außer  der  Stellung  den  verschiedenen 
Wert  der  scheinbar  gleichartigen  Zeichen  hervorzuheben,  so  Diophant. 
4,  29:  pj/.^^7rc)'  =  1507  984  und  5,  11:  ,«^9«.  ^«ct;«^  =  19915214.  Die 
höchsten  Werte  lassen  sich  aber  oft  nur  indirect  ausdrücken,  davon 
gibt  Letronne*  folgendes  Beispiel: 

Ä     XOH'€YE 

Tal.  678  (a  6000  Drachmen)  =  4068000 

Drachm.  5460  5460 

4073460  Dreh. 2 
Ein  richtiges  Lesen  dieser  Zahlen  setzt  also  Kenntnis  des  Münzsystems 
voraus,  daher  gibt  Letronne  ein  Tableau  du  Systeme  monetaire  de 
l'Egypte  sous  les  Lagides  in  seiner  Recompense  promise  usw.  betitelten 
Abhandlung  in  dem  Journal  desSavants  1833.^  Ebenso  hat  das  römische 
Münzsystem  noch  einige  Spuren  hinterlassen;  in  dem  cod.  Cantab.  D 
-X  ist  z.  B.  abgekürzt  Ev.  Marc.  14,  5  -xT  d.  h.  dtjvaoicov  ToiaxofTiaiv,  weil 
der  Stern  als  ein  durchstochenes  lateinisches  X  (d.  h.  Denar)  aufzu- 
fassen ist.  ^ 

Manchmal  wird  auch  zwischen  Addition  und  Multiplikation  nicht 
scharf  geschieden.  BK  kann  heißen  2x20  oder  auch  2-|-20;  der  Zu- 
sammenhang muß  zeigen,  was  gemeint  ist. 

Die  Wiederholung  des  Zahlzeichens    nach   dem    ausgeschriebenen 
Zahlworte    kommt   in   den  Papyri  der  Kaiserzeit  nicht    selten  vor,   s. 
Hultzsch,  Abb.  d.  Sachs.  Ges.  22  IIL  1903  S.  46. 
^z^alJien  ^^^   Ordinalzahlen    unterscheiden   sich  von   den   Cardinalzahlen 

durch  die  übergeschriebene  flectierte  Endung,  wie  sie  der  Zusammenhang 
erfordert;  häufig  ist  aber  auch  nur  "  und  zuweilen  selbst  nicht  einmal 
dieses  übergeschrieben,  so  daß  die  Grundzahlen  von  den  Ordnungs- 
zahlen nicht  mehr  zu  unterscheiden  sind.  Sehr  häufig,  sagt  Wilcken, 
Grundzüge  u,  Chrestomathie  1, 1  S.  XL  VI,  werden  die  Zahlen,  namentlich 
die  Ordinalzahlen,  dadurch  gekennzeichnet,  daß  ein  Querstrich  über 
sie  gesetzt  wird;  aber  feste  Regel  ist  es  nicht.  —  Daß  Könige  statt  durch 


1  Not.  et  Extr.  18,  2  p.  326—27. 

^  Wegen  der  anderen  auf  ägyptischen  Papyrusurkunden  vorkommenden  Zahl- 
zeielien  s.  d.  jetzt  veraltete  Sistema  de'  numeri  nelle  scritture  egiziaue  am  Schlüsse 
von  G.  di  Quintino,  lezioni  archeologiche.     Turin  1824. 

ä  Für  die  spätere  Kaiserzeit  vgl.  Wessely,  Münzwesen  d.  spät.  röm.  Kaiser- 
zeit: Wiener  Stud.  5.  1883  p.  299.  Mommsen,  Zum  ägypt.  Münzwesen:  Arch.  f. 
Papyrusforsch.  1.  1900  S.  273. 

*  Denarius  quoque  decem  librarum  nummus  per  X  perscriptam  notatur  ^, 
Gramm,  lat.  ed.  Keil  III  p.  408.  Mommsen,  Gesch.  d.  röm.  Münzwesens  S.  468. 
Ritschi,  Opuscula  IV  p.  706  A.  27.  Andere  Beispiele  bei  Marini,  Fr.  Arval.  2  p.  40; 
Mordtmann,  Rev.  Arch.  1878  Nov.  p.  318. 


—     373     — 

Beinamen  durch  Ordnungszahlen  offiziell  unterschieden  werden,  ist 
relativ  jung  und  vor  den  Jahrhunderte  alten  Dynastien  der  Diadochen 
kaum  nachweisbar.^ 

Von  Brüchen 2  pflegt  ^2  ausgedrückt  zu  werden  durch  die  Hälfte  Brüche 
eines  Quadrates  L  oder  eines  Kreises  C  und  D ,  so  z.  B.  auf  dem  Fac- 
simile  des  cod.  Palat.  281,^  gelegentlich  auch  wohli^;^  Lepsius.  Chro- 
nolog.  der  Aeg.  S.  7  erkannte,  daß  eine  Stelle  (Syncell.  Chron.  p.  82  B) 
6T1]  L.vy  zu  erklären  sei:  7  +  ^j^  +  ^/g.  In  der  älteren  Schrift  der 
Papyrusurkunden  erscheint  der  Halbkreis  noch  als  spitzer  Winkel  oder 
als  1^,  z.  B.  5  KBZ  =  22^2,  BZ  =  2^3;  außerdem  wird  auch  der  Anfangs- 
buchstabe r/(fii(Tv)  in  gleicher  Weise  angewendet,  nur  daß  derselbe,  wie 
auch  sonst  auf  Papyrus,  sich  dem  lateinischen  h  oder  h  nähert^  und 
vielleicht  als  die  Grundform  angesehen  werden  darf  für  |^=  h;  später 
wurde  auch  das  lateinische  S  angewendet. 

Die  einfachen  Brüche  werden  durch  einen  darübergesetzten  Strich  '  strich  ' 
bezeichnet:  \"  =  V3'  A' =  ^Z^.  Dieses  A'  wird  oft  abgerundet;  written 
like  0  as  often  m  numerals  c.  g.  |'o'  consiantly  =  ^64  (Kenyon).  Das  Zeichen 
sieht  aus  wie  ein  lateinisches  d;  es  wird  sogar  mit  anderen  Bruch- 
zeichen (C)  combiniert:  'd  ^j^:  a  cornhination  of  the  signs  for  Y4  ((nd  ^j^: 
Kenyon,  Pal.  p.  156.  Zwei  Inschriften  bei  Lebas- Waddington  3,  2146. 
22ib:  L4ßovotoi läo/sldov  yiß',  'AqxHc/.oq  HquxUov  fiigug  yiß',  ^aßivog 
Ma^ifxov  [s"//?']  und  Ovaßdj  fxefJOL;  toi'tov  xt.  ^ccßaco  JVccxvavio)  toitov 
d'cod'txaTov  xt  2c/.ßaco  'ixrov,  erklärt  Mommsen,  Hermes  19,  S.  292  A.: 


V3  +  V12 

Vl3 


V3  +  V12   I     Ve 

'12  I       /l2' 

Ist  der  Zähler  größer  als   1,   so  kann   man  sich  helfen  durch   ein  zu- 
sammengesetztes Wort,  wie  z.  B.  dif^ioioov  =  ^/g.^     Die  Annahme  eines 


*  Siehe  Strack,  Dynastie  d.  Ptolein.  S.  147. 

-  Über  Einzelheiten  s.  Wessely,  Prolegg.  ad  pap.  gr.  p.  4G— 47.  Baillet,  Le 
papyrus  mathematique  d'Akhmin:  Mem.  p.p.  la  Mission  franQ.  au  Caire  9.  Paris 
1892  p.  10.  Cantor,  M.,  Vorles.  üb.  d.  Gesch.  d.  Mathem.  1^  Lpz.  1894  S.  118. 
Bursians  Jahresbericht  108  (1901  I)  S.  60.  Auch  durch  Fingersprache  konnte  man 
die  Brüche  ausdrücken,  s.  Notices  et  extr.  des  mss.  32.  I.  Paris  1886  p.  148.  Über 
ein  fremdartiges  System  von  Brüchen  in  einer  „athenischen  Stiftungsurkunde"  s. 
Mommsen,  Hermes  5  S.  134 — 35.  Ebenso  fremdartig  sind  auch  griechische!?)  Bruch- 
zeichen in  arabischen  Papyrusurkunden,  s.  Karabacek,  Denkschr.  d.  Wiener  Aka- 
demie  1883.    Phil.-Hist.  Cl.  I  S.  217. 

^  XII  Schrifttafeln  zu  Wattenbach,  Anleitung  z.  Gr.  Pal.  Taf.  3;  über  dieses 
Zeichen  s.  0.  (Kryptogr.  S.  316). 

*  Deshalb  braucht  man  dieses  Zeichen  noch  nicht  von  U  {—  ß)  abzuleiten, 
wie  Woisin,  De  gr.  notis  numeral.  p.  50  wollte. 

'=  Peyron,  Papyri  graeci.    Turin  1827.    P.  II  Tav.  VI. 
®  zov  iiei>  ai]  i'ii-utjv  6i]Xovfiog,  Gramm,  lat.  ed.  Keil  III  p.  412,  10. 
"  Montfaucon,   P.  Gr.  p.  361.    Das  Zeichen  dafür,  ein  durchstrichenes  B  siehe 
Bast,  Lettre  Taf.  Nr.  4.     Brüche  s.  Wilcken,  Arch.  f.  Pap.  1.  1901  S.  358. 


—     374     — 

Bruchstrich  Biuchstriches,  die  von  Peyron  herstammt,  bestreitet  Wilcken,  Hermes 
19  S.  291  —  92.  Der  schräge  Strich  bedeutet  vielmehr  die  Summieruug 
des  Vorhergehenden.  „Der  Begriff  von  Zähler  und  Nenner  ist  den 
Urkunden  überhaupt  fremd.'*  ^ 

^"Brociir''  Compliciertere  Brüche  werden  in  unseren  Handschriften,  wie  z.  B. 

beim  Ptolemaeus,  meistens  als  eine  Summe  kleinerer  Brüche  ge- 
schrieben,  z.  B.  L'^'  =  V3  +  'U  =  'U'  ^''/'ß'  =  ^2  +  'I3  +  V12  =  'Vi2- 
Für  nY^''-'^'  {^^l^o^  kann  man  auch  schreiben :  ///  l,xi]'  01  ß'  axÖ'.  ^  Mathe- 
matiker schrieben  auch  wohl  anders,  z.  B.  oxrj  =  ^^^ly^s  nach  Wilcken, 
Grundzüge  u.  Chrestomathie  1.1p.  XL  VI. 

Smyly  zeigt   in  den  ]VManges  Nicole  (Genf  1905  p.  515),  wie   die 

Vier  species  vier  Species:  Addition,  Subtraction,  Multiplication  und  Division  bei  Ver- 
wendung der  Buchstabenzahlen  berechnet  werden.  Die  Ausführung  der 
Rechnung  wird  durch  Zeichen  unterstützt:  /  oder  V[ivsTai)  bezeichnet  die 
Summe,  L  ist  das  Zeichen  für  Subtraction,  und  der  Best  wird  bezeichnet 
durch  T\[7CiouaTi]  in  der  Form  von  o  oder  3.  Allein  diese  Zeichen 
wurden  nicht  immer   angewendet:  ZHN?  =  7  x  8  =  56. 

Stellenwert  und  Null. 
So  verschieden   die    griechischen   Systeme    der  Zahlen   waren,    so 
Stellenwert  stimmen  sie  doch  darin  überein,  daß  sie  einen  Stellenwert  der  Zahlen 

d.  Zahlen  ' 

nicht  kennen;  u  bedeutet  Eins,  gleichviel,  ob  diese  Zahl  an  erster, 
zweiter  oder  dritter  Stelle  steht.  Wenn  u  etwas  anderes  bedeuten  soll, 
so  wechselt  dieser  Zahlenbuchstabe  nicht  die  Stelle,  sondern  ein  dia- 
kritisches Zeichen  deutet  an,  daß  er  einen  anderen  Wert  hat. 

Die  Einführung  des  Stellenwertes  und  der  Null  pflegt  man  gewöhn- 
lich mit  der  Einführung  der  indisch-arabischen  Zahlen  in  Verbindung 
zu  bringen;  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade  mit  Recht.^  Aber  wir 
dürfen  doch  nicht  vergessen,  daß  die  Griechen  sowohl  den  Stellenwert 
wie  die  Null  gekannt  haben.  „Selbst  die  Existenz  eines  Null-Zeichens 
ist,  wie  das  Scholion  des  Neophytos  [s.  u.]  lehrt,  in  indischen  Ziffern 
noch  kein  notwendiges  Bedingnis  des  Stellenwertes."^  Das  gilt,  wie 
wir  sehen  werden,  in  gleicher  Weise  für  das  Griechische.  Der  Gedanke 
des  Stellenwertes^  ergibt  sich  ohne  weiteres  aus  der  Anlage  ihres 
Kechentisch  Recheutisches,    und   daß  dieser  Gedanke  den    Griechen    ganz    geläufig 

^  Grundzüge  u.  Chrestomathie  1.  Wilcken,  1  S.  XL  VI. 

^  Siehe  Gent,  Ztschr.  f.  Gymnas.  20  S.  129. 

'  Alex.  V.  Humboldt,  Über  die  bei  verschiedenen  Völkern  üblichen  Systeme 
von  Zahlzeichen  und  über  den  Ursprung  des  Stellenwertes:  Grelles  Journ.  f.  reine 
u.  angewandte  Mathematik  4.  1829  S.  226. 

*  Alex.  V.  Humboldt  in  Grelles  Journ.  f.  Math.  4  S.  219. 

'"  Boettiger,  K.  A.,  Kl.  Sehr.  3  S.  12.  Löffler,  E.,  Ziffern  u.  Ziöernsysteme. 
Lpz.   1912  S.  69. 


—     375     -- 

war,  zeigt  Polyb.  5.  26,  13:  övtco^  ydo  slaiv  oitoi  TiuQunh'jmoi  raig 
tnl  Töjv  a.ßaxkov  U'i'jCfoig'  txdvui  re  yao  xarä  t),v  tov  ipijcpi^ovTO^ 
ßovXi]aiv  äoTi  xa?.xovv  xul  ^aouvrixu  tu}mvtov  l(T%vov(Tti',  o'i  ts  ittso^ 
Tccg  uvläq  xuxu  xo  tov  ßa(Ti?,ea)q  vevfiu  fiaxäoioi  xai  tiuqoc  Tiödag 
tuetvoi  yivovrui.  Auch  Solon^  verglich  die  Günstlinge  der  Tyrannen 
mit  den  Rechensteinen :  xa\  yuQ  ixüvbiv  ixüaTtjv  nori  fxlv  7i?mco  ar/fxai- 
i'siv,  Tiore  öe  i'iTTCo.  xal  tovtcov  rovg  rvodvvovg  nork  fxkv  'ixuoTOv  AtifjU- 
iiQov  TioteTv,  Tiore  Se  ijTTfü. 

Nun  behauptet  Herodian  in  der  Tat,  daß  die  Griechen  den  Stellen-  nerodian 
wert-  beim  Schreiben  der  Zahlen  berücksichtigt  hätten,  Gramm,  lat. 
ed,  Keil  III  p.  406:  ai  dt  7ianai^iaf.ii  tovtcov  i'jvixa  fAev  ccv^siv  tovq 
äoidpiovi  Öir,,  tni  t6  de^iör  i^uoog  yivovTar  ijvixa  de.  ^letovv,  i:Tc  to 
tTEQov.  i,  yäo  Tiaoä&SfTig  txEdUv  aijfiuivsi,  oti  /oij  tovtov  tov  Ümtt(o 
(coiOnbv  cct'  ixsivov  tov  7i?<.eiovog  acpaioetv.  Er  beschreibt  also  das  Prin- 
cip  der  römischen  Zahlen,  daß  IV  4  und  VI  6  bedeutet:  aber  wir  kennen 
kein  Beispiel,  daß  auch  die  Griechen  auf  diese  Weise  ihre  Zahlzeichen 
gebildet  hätten,  weder  bei  dem  alten,  noch  bei  dem  jüngeren  System. 
Bei  den  späteren  Buchstabenzahlen  war  es  z.  B,  gleichgültig,  ob  man 
schrieb  AOP  oder  POA.  In  der  Tat  war  für  das  System  der  grie-  ^9]^^ 
chischen  Buchstabenzahlen  die  Berücksichtigung  des  Stellenwertes  nicht 
geeignet  und  unnötig,  da  jedes  Zeichen  durch  seinen  Platz  im  Alphabet 
bereits  seinen  festen  Wert  hatte.  Der  Schreiber  konnte  also  die 
Stellung  der  Hunderter,  Zehner  usw.  vertauschen,  ohne  daß  ihr  Wert 
verändert  wurde.  Für  gewöhnlich  geschah  das  allerdings  nicht,  aber 
namentlich  im  Orient  haben  die  Schreiber  bei  der  Angabe  der  Jahres-  Orient 
zahl  die  Anordnung  der  Zahlen  oft  verändert:  mitten  in  rechtsläutiger 
Schrift  wurden  die  Ordinalzahlen  linksläufig  geschrieben,'^  so  z.  B. 
eTovg  ifxv  (445  aer.  Seleuc.  =  134  n.  Chr)  auf  einer  bilinguen  Inschrift 
vonPalmyra,  C.I.Gr.  4501.  Pal.  Soc.  176;  ferner  £roü^cqo-'(=  185 n.Chr.?), 
Berytus,  Bull.  d.  corr.  hell.  3,  257  ff.  und  eTovq,  yxcö  fi^'j  yo[o]7iiov  ccx  usw. 
(24.  Sept.  512  n.  Chr.):  S.B.  d.  Berl.  Akad.  1881  S.  175.  Es  leidet  wohl 
kaum  einen  Zweifel,  daß  in  dieser  Anordnung^  der  Zahlen  orientalischer 
Einfluß  zu  erkennen  ist.     Selbst  auf  attischen  Inschriften  kommt  diese 


^  Siehe  Diogenes  Laert.  1,  59. 

-  Über  den  Stellenwert  oder,  wie  er  sagt,  den  Keim  des  Positionsgedaukens 
beim  Rechnen  der  griechischen  Mathematiker  s.  Löffler  a.  a.  0.  S.  47. 

^  de  Saulcy,  Mem.  sur  les  monnaies  des  Seleucides,  Paris  1871  p.  85  bemerkt 
zum  Jahre  PAc  (aer.  Seleuc.)  =  177  v.  Chr.:  Ici,  pour  la  premi^re  fois,  on  trouve 
des  chiffres  inversi's:  cAP  (sie).  Über  diese  Anordnung  der  Zahlen  s.  Woisin 
a.  a.  0.  S.  13—14. 

*  Eine  christliche  Inschrift  (Bull,  de  corresp.  hellenique  7.  1883  p.  29)  zeigt 
rechts-  und  linksläufige  Anordnung:  1ANNSAPI8  Fl  EN  (ü'd.)  IB,  und  Keil,  Festschr. 
z.  46.  Philol.-Vers.  Straßbg.  1901 :  i'iov;  cir  fcrw*'  xß. 


—     376     — 

Anordnung  der  Zahlen  vor,  C.I.A.  III,  1023:  Ti  äno  tTj^  TiQcorijg  &eov 
LdÖQiavov  {e)ig  !A&ijvccg  h7ii8i]ixiaq,  und  eine  Inschrift  aus  Salonichi  vom 
Jahre  155  n.  Chr.  ist  datiert  ezovg  fi7r[o]  tov  [xaT\  ur  fjL7]v6g  Usoitiov  ^V 
ebenso  auf  sicilischen,  C.  I.  Gr.  5594. 

Außer  in  syrischen  und  galatischen  Inschriften  habe  ich  diese 
s^rmen  Anordnung  noch  auf  dem  Sinai  gefunden,  selbst  bei  Handschriften  von 
wahrscheinlich  slavischer  Provenienz  (cod.  Sinai  154).  Auf  den  indisch- 
griechischen Münzen  der  Nachfolger  Alexanders  d.  Gr.  in  Bactrien  und 
Indien  2  wechselt  rechts-  und  linksläufige  Anordnung,  z.B.  PMx  =  147 
und  rOP,  AOP  173,  174  der  Seleucidenära;  auch  hier  ist  natürlich 
syrischer  Einfluß  unverkennbar.  Andererseits  darf  man  aber  auch 
nicht  vergessen,  daß  in  Inschriften,  z.  B.  von  Bithynien,  mit  Worten 
ausgeschriebene  Zahlen  ebenfalls  mit  den  niedrigsten  Werten  beginnen 
(Conze,  Reise  auf  Lesbos  S.  62):  ^  reo  TsräoTcp  xul  tßdofi7]xoffTfiJ  y.ai 
ixazocTTÖJ  (123  v.  Chr.).  „Ganz  selten  ist,  daß  Einer  zwischen  Hunderter 
und  Zehner  treten  oder  Hunderter  die  Einer  von  den  Zehnern  trennen, 
so  C.I.  G.  3443  (T7]v,  Le  Bas  III  710  agri,  1774  rßi,  1894  ayx,  Mionnet, 
Supplement  VIII,  188  Nr.  288  ido."  ^  Also  bei  nebeneinander  geschriebenen 
^^e'iDrnder  Zahlen  gab  es  keinen  Stellenwert,  wohl  aber  bei  übereinander  ge- 
schriebenen. Letronne,  Systeme  monetaire  de  l'Egypte  (Journ.  des 
Savants  1833)  gibt  Beispiele  davon,  wie  die  Stellung  der  Zahlen,  ähn- 
lich wie   beim  Eech entisch,  hinreicht,   den  Wert  der  Zahlen  zu  ver- 

_r  ^B  _E 

ändern:   AB  =  zwei  Talente   und  drei  Drachmen,    ebenso  AA  und  AT. 


Null  Die  Null*  (cifra),  d.  h.  ein  Kreis,  der  den  Platz  bezeichnet,  der 

durch  die  gewöhnlichen  Buchstaben  von  1  —  9  nicht  ausgefüllt  wird, 
mußte  den  Griechen  bei  der  Natur  ihres  Zahlensystems  fremd  bleiben. 
Aber  wenn  wir  von  dem  Zeichen  absehen,  so  ist  der  Begriff  ihnen 
durchaus  nicht  fremd  geblieben.  Sie  kannten  den  Stellenwert  und  sie 
kannten,  wie  wir  gleich  sehen  werden,  die  Null;  das,  was  ihnen  fehlte, 
imTa'hien-^  War  die  Verbindung  von  beiden:  die  Anwendung  des  Stellenwertes  und 

svstem 


1  Bull,  de   corresp.   hellenique  8.  1884  p.  463;   vgl.  Keil  a.  a.  0.  S.  121-25. 

*  Sallets  Numismat.  Ztschr.  6.  1879  S.  173. 

'  W.  Kubitschek  in  Pauly-Wisso\Ya,  Realencyclopädie  u.  d.  W.  Ära  Nr.  V. 
(S.  4  des  Separatabz.) 

*  Noch  heute  wird  das  portugiesische  cifra,  das  englische  cipher  und  das 
neuarabische  syfr  speciell  für  Null  gebraucht.  Krumbacher,  Erklärung  des  Wortes 
T^v(pim :  Boeckh,  Ges.  W.  W.  4  p.  500  A.  Krumbacher,  Woher  stammt  das  Wort 
Ziffer- Chiffer?  s.  Psichari,  fitudes  de  philologie  neo-grecque  p.  346 — 56,  Litteratur 
p.  349.     Vgl.  Revue  Archeol.  III,  24.  1894  p.  48. 


—     377     — 

der  Null  auf  ihr  Zahlensystem.^  Scheinbar  läßt  sich  allerdings  dasselbe 
Zeichen  in  demselben  Sinne  wie  unsere  Null  nachweisen  bei  den  Grie- 
chen; in  der  mathematisch -astronomischen  Gradrechnung  verwendete 
man  0[vd'efii(z  fioTocc),  um  das  Fehlen  einer  Größe  anzuzeigen.  Br.  KeiP 
erklärt  0  als  örofia,  wie  wir  N.  N.  gebrauchen.  x\ber  einmal  ist  diese 
Erklärung  nicht  sicher,  und  wenn  sie  sicher  wäre,  so  wäre  dieses 
Zeichen  doch  nicht  allgemein  bekannt  und  angewandt,  sondern  auf  das 
technische  Rechnen  beschränkt. 

Ein  anderes  Zeichen  für  Null,  nämlich  |,^  fand  Boeckh  auf  der 
vielbesprochenen  Zahlentafel  der  athenischen  Akropolis.^  Ich  begnüge 
mich  hier,  den  Anfang  zu  wiederholen: 


EN 

AN 

CA 

CA 

r  1 

II 

IM 

IN 

0M 

TA 

AA 

AA 

vgl,  Woisin  a.  a.  0.  p.  44,  Nr.  55.  Cantor,  Mathem.  Beiträge  S.  124 
protestiert  gegen  Boeckhs  Erklärung,  w^eil  der  Stellenwert  der  Zahlen  erst 
im  sog.  arabischen  Ziffernsystem  zur  Geltung  kommt,  i^ber  Keil  sagt 
mit  Recht:  ., Nicht  die  ciphra  ist  ihm  (Boeckh)  j ,  sondern  ciphrae  locum 
ienet"  Er  fügt  hinzu:  non  potest  nisi  vacui  explendi  causa  assumpta  esse. 
Boeckh  hat  sich  ebenso  richtig  wie  vorsichtig  ausgedrückt;  |  ist  nicht 
=  0,  kann  aber  statt  0  gebraucht  werden,  d.  h.  um  einen  leeren  Platz 
zu  markieren.  Von  einem  Stellungswert  in  der  dezimalen  Zahl  wußten 
die  Griechen  noch  nichts;  aber  sie  mußten  gelegentlich  andeuten,  daß 
ein  Platz  vorhanden  war,  der  nicht  ausgefüllt  werden  konnte.  Solche 
Fälle  kommen  selten  vor,  aber  doch  gelegentlich.  Oben  (S.  65)  wurde 
bereits  erwähnt,  daß  die  Worte  (-)eo}()'c6oi]og  ij  I  tb/vt]  so  geschrieben 
sind,  daß  die  leeren  Felder  zwischen  ?/  und  re/vi]  durch  einen  Strich 
getrennt  sind;  vgl.  I.  G.  S.  p.  335.  Kirchhoff  hat  in  seinen  Studien  zu 
wiederholten  Malen  auf  diesen  Gebrauch  hingewiesen;  in  einer  An- 
merkung der  dritten  Auflage  S.  63  (fehlt  in  der  vierten)  heißt  es:  „Das 
auf  der  Inschrift  von  Lyttos  —  —  vorkommende  |  fungiert  nicht  als 
Buchstabe,  sondern  als  Trennungszeichen;   und  in  der  vierten  Auflage 


^  Über  ■<\<\     zum  Ausdruck   der  Null   in   spätbabyl.  Inschriften   s.  Centralbl. 

f.  Bibl.  21.  1904  S.  269  A.  4.  Kewitsch,  Ztsclir.  f.  Assyriol.  18.  1904  S.  92  be- 
hauptet gar  nicht  die  Existenz  einer  Null  bei  den  Babyloniern. 

2  FestHchr.  f.  d.  46.  Philol.-Vers.  Straßb.  1901  Ö.  125. 

^  xtti  Lwia  Bt>  kaiLv  heißt  es  in  den  oben  (S.  354)  citierten  Versen;  das  ist 
also  das  Zahlzeichen  für  Eins;  dasselbe  Zeichen  bedeutet  auch  10,  das  ist  der 
Zahlenbuchstabe;  hier  haben  wir  ebenfalls  einen  einfachen  Strich,  der  nur  den 
Platz  ausfüllen  soll. 

*  De  inscr.  Atticae  fragmento,  quo  notae  numerales  continentur,  et  de  abace 
Pythagorico:  Kleine  Schriften  4,  493. 


—     378     — 

S.  62  A.  1 :  „Der  einlache  Strich  dient  in  [I.  G.  A.]  449  nicht  als  Buch- 
stabe, sondern  als  Worttrennungszeichen.''  ^    Nicht  als  Trennungszeichen 
^z"eichln"  möchte    ich    das  |  auffassen,    sondern    als   Füllungszeichen    eines    leer- 
bleibenden Platzes. - 

Daß  der  einfache  Strich  nicht  verstanden  oder  mißverstanden 
werden  konnte,  haben  wir  gesehen;  bei  einem  doppelten  war  dies 
schon  schwerer;  und  wahi-scheinlich  waren  es  die  Griechen  selbst,  die 
diese  Verbesserung  vorgenommen  haben,  wenn  wir  es  auch  nur  auf 
ganz  jungen  Papyrusurkunden  der  letzten  Zeit  nachweisen  können. 
„Eine  Besonderheit  der  arabischen  Zeit  ist,  daß  hier  gelegentlich  in 
II  Rechnungen  ein  schräger  Doppelstrich  //  das  Fehlen  einer  Zahl  be- 
zeichnet, also  gewissermaßen  für  Null  steht."  ^  Es  ist  durchaus  nicht 
unwahrscheinlich,  daß  dieses  Zeichen  sich  später  auch  noch  in  älteren 
Papyrus-Eechnungen  finden  wird. 

Das  Wort  sifr^  bedeutet  im  Arabischen  leer;  es  bezeichnet  einen 
Platz,  der  belegt,  aber  nicht  besetzt  ist;  dieser  Platz  wird  im  Arabischen 
durch  O,  im  Griechischen  durch  |  oder  ||  angedeutet. 

Da  die  Lateiner  die  arabischen  Zahlen  eher  als  die  Byzantiner 
verwendeten,  so  waren  sie  auch  für  die  letzteren  die  Vermittler.  Maximus 
Planudes  (ca.  1260  bis  ca.  1310)  machte  bereits  im  13.  Jahrhundert, 
allein  vergebens,  seine  Landsleute  auf  diese  Feinheit  des  indischen 
Zahlensystems  aufmerksam:  Wi](focpooia  xar'  IvSovg  i)  ?,ayofiev7]  [xeydhj, 
ridmai  Öt  xcci  'ezeoöv  rt  a/T/fia,  6  xalovai  r'Cicfoav,  xut  Ivöovq  ai]- 
jxaivov  ovSiv,  xui  xu  ivvku  de  (T/iifiaTa  xal  uvrä  'Ivdixd  kaTiv  ?/  dt 
T^itfna  '/oäcfarcci  ovTcog  0.^  Erst  im  folgenden  Jahrhundert  schenkten 
einzelne  Gelehrte  diesem  System  mehr  Aufmerksamkeit.  Neophytos 
Monachus  (bei  Boeckh,  Ges.  Sehr.  4,  500  nach  zwei  Pariser  Handschrif- 
ten) sagt:  rZi'Cfoc/.  (oder  xuüfXffQu)  iazi  xac  leyerui  to  knävco  ixdarov 
röjv  axor/EtbiV,  utio  tov  dexa  xal  rööv  xa&e^Tiq,  aQi&fiaJv  xeifievov  ojg  0 
litxoov.  ajjfjiaivet  Öe  diä  ravryjg  Tr,q  'IvöixTjq  (fCüvTjg  rb  roiovrov  rTjv 
dvaAoyiav  töjv  doi&ficöv .^ 

Zu  derselben  Zeit,  gerade  im  14.  Jahrhundert,  w^ar  der  Gedanke 

des  Stellenwertes  und  der  Null,  wenn  auch  nicht  dem  Volke,   so  doch 

den  Gelehrten  durchaus  nicht  fremd.    Sp.  Lambros  bringt  im  ]V.  E/lrjvo- 

Handscbr.  livi,(ia)v  2.  1905  S.  228  das  Beiblatt  einer  Athener  Handschrift,  das  er 


Maximus 
Planudes 


Athener 


^  Dieselbe    Anmerkung    macht    KirchhoflF   S.  78   (Knossos),    S.  155  (Gortyu), 

S.  176  (Axos)  usw. 

-  Weitere  Beispiele  I.  G.  A.  64  und  478. 

^  Siehe  Grundzüge  u.  Chrestomathie,  1.  Wilcken  1  S.  XLVI. 

*  Siehe  o.  S.  376  Wattenbach,  Lat.  Paläogr.    Autogr.  Teil  S.  41. 

5  Gerhardt,  C.  J.,  Das  Eeehenbuch  des  Max.  Planudes.    Halle  1865  S.  1. 

®  Lateinische  Übersetzung  bei  Humboldt  a.  a.  0.  S.  227. 


Indisch- 
arabisch 


—     379     — 

ins  14.  Jahrhundert  setzt,  mit  einem  ganz  eigentümlichen  Zahlensystem.^ 
Die  gewöhnlichen  Zahlenbuchstaben  von  a  bis  0-  bezeichnen  nicht  nur 
die  Einer,  sondern,  je  nach  ihrer  Stelle,  auch  die  Zehner,  Hunderter, 
Tausender:  ß[S]  =  24:  aSS  =  144.  Wenn  das  Zahlzeichen  also  seinen 
Wert  nach  dem  Platze  wechselte,  so  konnte  man  auch  die  Null  nicht 
mehr  entbehren.  In  diesem  Sinne  verwendete  man  ein  eigenes  Zeichen  '|, 
das  sicher  im  Sinne  von  Null  aufzufassen  ist:  aß'^\  (120);  7c>6c'|'|  (345, 
600).  Lambros  versucht  keine  Erklärung;  am  meisten  Ähnlichkeit  hat 
das  Zahlzeichen  mit  dem  Zahlzeichen  für  900;  allein  900  kann  nicht 
in  dem  Sinne  von  Null  verwendet  werden.  Viel  wahrscheinlicher  scheint 
es  mir,  daß  ""i  nichts  ist  als  ein  differenziertes  1,^  wie  wir  oben  in  den 
Inschriften  fanden;  dort  vertrat  es  nur  einen  Teil  der  Funktionen  der 
Null,  hier  dagegen  vertritt  es  auch  in  bezug  auf  den  Stellenwert  die 
Null  im  vollen  Umfang.  Nicht  im  Volk,  aber  wohl  bei  den  Rechnern 
von  Fach,  Mathematikern,  Astronomen  usw.  scheint  sich  dieses  Zeichen 
gehalten  zu  haben  und  gegen  Ende  des  Mittelalters  noch  einmal  wieder 
aufzutauchen. 

Eine  allgemeine  Gültigkeit  hat  dieses  Zahlensystem  nie  bekommen, 
obwohl  es  dem  gewöhnlichen  gegenüber  entschieden  einen  Fortschritt 
bedeutet,  namentlich  durch  den  Stellenwert.  Byzantinischen  Ursprungs 
scheint  es  nicht  zu  sein,  denn  es  ist  nichts  als  das  indisch-arabische 
Zahlensystem,  ausgedrückt  durch  die  griechischen  Zahlen  von  a  bis  i^. 
Es  ist  die  erste  Spur  dieses  weltbeherrschenden  Systems,  die  wir  bei 
den  Byzantinern  kennen  lernen;  daher  wäre  es  interessant,  zu  erfahren, 
ob  Lambros  die  Handschrift  mit  Recht  dem  14.  Jahrhundert  zu- 
weist. 

Dieses  griechische  Zahlensystem  war  fein  ausgebildet  und  entsprach 
allen  billigen  Anforderungen,  Als  daher  die  officielle  Sprache  Ägyptens  Ägypten 
arabisch  wurde,  im  Jahre  699,  durch  Beseitigung  der  griechischen 
Sprache  und  Schrift  (s.  o.  S.  192),  ließen  sich  die  griechischen  Zahl- 
zeichen nicht  verdrängen,  sondern  wurden  im  arabischen  Texte  bei- 
behalten. Theophan.  chronogr.  ed.  J.  Classen  1  p.  575,  12:  kTreidi]  adv- 
vc/.TOV  rfi  kxei'vcov  (d.  h.  arabische)  y'/Maay  fiovädcc  /)  dvä()(/.  /)  roiäöa  ij 
öxTo)  i'jniav  "ij  roia  yoürf^ad-ar  Öib  xat  'icog  (ji'ifieooi'  sio-iv  ovv  avToT^ 
vordoioi  XotrfTiai'ot.  Wir  haben  hier  ein  sicheres  Beispiel,  daß  Jiotarius  notarius 
den  Rechner,  nicht  allein  den  Tachygraphen  bezeichnet;  ähnlich  Martial 
epigr.  10,  62: 

Nee  calculator  nee  notarius  velox 
Maiore  quisquam  circido  coronetur. 

^  Siehe  das  Facsimile  von  Lambros  S.  229. 

*  Ein  einfacher  Strich  wird  leicht  übersehen,  daher  pflegt  man  auch  das 
Jota  durch  zwei  Punkte  zu  differenzieren. 


—     380     — 

notarius  bezeichnet  den,   der  mit  notae   schreibt,   also  Tachygraph   und 
Eechner.^ 

Die  indischen  Zahlzeichen  scheinen  die  Araber  damals  also  noch 
nicht  angewendet  zu  haben.  Es  hat  lange  gedauert,  bis  die  arabischen 
Zahlen  nicht  nur  in  Ägypten  die  griechischen  ersetzen  konnten. 

Arabische  Zahlen. 

Die  neuere  sehr  umfangreiche  Litteratur  über  dieses  Thema  siehe 
bei  Henry,  Les  chiffres:  Revue  archeol.  Juni  1879  f37)  p.  324 — 28. 

Friedlein,  Gerbert.    Die  Geometrie  des  Paoli,    Lat.    Palaeogr.    übers,   v.    Loh- 

Boethius  und  die  indischen  Ziffern.  meyer  1.  1889  S.  81 :  Arab.  Zahlen. 

Erlangen  1861.  Rostagno,   E.,    Di  iina  tavola  d'abbre- 

Hill,  On  the  early  use  of  arabic  nume-  viature    —    —    e    una   dichiarazione 

rals  in  Europe:  Archaeologia  62  p.  137  sull'  uso  delle  cifre  arabiche.  Rivista 

bis  190;   s.  Rev.  Num.  fr.  1911  p.  136.  d.  bibliot.  7.  1896,  136—153. 

LI              »    -7     IT-  r-u          A     ■  A-    u  Tannery,  P.,    Les  chiffres  arabes  dans 

Huemer.A.,  Zur  Einfuhrung  des  indisch-  ,        j^       ^                       »     ,  -   ,   ,00.; 

,.,_,,,          -          •     IT      1  les  mss,  grecs;  s.  Rev.  Archeol.  1886. 

arabischen  Zahlensystems  in   Frank-  ,,,  „        °_^     '    „    ,.     ..  ^,         ,., 

.  ,         .  T-w     1    LI     j     Ti    u     f   •    i  lll.  '   P-  35d:    daß   die   Mathematiker 

reich  und  Deutschland,   Ztschr.  f.  ost.  •■    i  c-    ^         1        ^       j-    •            -u   1 

^              -inn^  c-  inm  ahnl. Systcme  kannten,  dic  lu  gewohul. 

Gymnas.  1904  S.  1093.  ux     a    u  -t^             •  ul                      a  *. 

■'  Handschriften       nicht      angewendet 

Jordan,  L.,  Materialien  z.  Geschichte  d.  wurden 

arabischen  Zahlzeichen  in  Frankreich;  Weißenborn,  H.,  Zur  Gesch.  der  Ein- 

s.  Archiv  für  Kulturgesch.  III.  2.  führung  der  jetzigen  Ziffern  in  Europa 

Löffler,  a.  a.  O.  S.  64:    Die    indischen  durch  Gerbert.     Berlin  1892. 

Ziffern.  Woepke,  F.,    Sur    la    propagation    des 

Mannert,  C.,  De  numerorum  quos  Arab.  chiffres  indiens.  Journ.  asiatique  1863. 

vocant  Vera  orig.  C.  1  tab.    8.    1801.  tom.  1  p.  27.  234.  442. 

Viel  früher  als  die  europäischen  Völker  haben  die  Araber  das 
indische  Zahlensystem  eingeführt,  das  heute  meistens  nach  ihrem  Namen 
bezeichnet  wird.  Diese  sogenannten  arabischen  Zahlen,-  deren  Erfindung 
übrigens  die  Araber  nicht  für  sich  in  Anspruch  nehmen,  sondern  z.  B. 
Inder  vou  Massudi  mit  Recht  den  Indern  zugeschrieben  wird,  sind  erst  ganz  spät 
durch  Vermittelung  des  Abendlandes  zu  den  Byzantinern  gedrungen  und 
auch  dann  nur  spärlich  zur  Anwendung  gekommen.  Die  Annahme  der 
indischen  Zahlen  bei  den  Arabern  fällt  also  in  die  Zeit  zwischen  699 
(s.  S.  192  A.  3)  und  873/74(s.  A.  3).  Der  lateinische  Westen  ^  hat  sie  spät,  der 

^  Mitzschke,  Archiv  f.  Stenogr.  1906  S.  305:  Quintilian  uud  die  Kurzschrift. 
Johnen,  Gresch.  d.  Stenogr.  l  S.  175. 

"^  Alte  Form  der  indischen  Zahlen  s.  Boeckh,  Ges.  W.  W.  4  S.  500.  Kara- 
bacek,  Führer  durch  die  Ausstellung  S.  216 — IT  publiciert  eine  arabische  Ur- 
kunde von  873  74  n.  Chr.  mit  arabischen  Ziffern  und  zugleich  eine  Tabelle  zur 
Vergleich ung  der  indischen,  türkischen  und  arabischen  Formen;  vgl.  Gundermann, 
Die  Zahlzeichen.  Gießen  1899  S.  8:  Formen  der  Zahlzeichen  in  Indien  und  im 
lateinischen  Westen. 

^  Ewald,  P.,  Älteste  arabische  Ziffern:  Archiv  f.  alt.  deutsche  Geschichtsk. 
8,  2  S.  357.  Arabische  Zahlen  im  Abendland  s.  Bretholz,  Latein.  Paläogr.  bei 
Meister,  Grundriß  1  S-  128.     A.  Nagl,   Ztschr.  f.  Math.  u.  Phys,  34.    1889  S.  119. 


—     381     — 

griechische  Osten  noch  später  angenommen.  Wenn  z.  B.  das  Musee  de 
Cluny  ein  Diptychon  der  Theophano  besitzt  mit  der  arabischen  Zahl  937, 
so  bedarf  es  keines  Beweises,  daß  diese  Zahl  eine  junge  Fälschung  ist, 
wie  Molinier,  Hist.  g^nörale  des  arts  appliquöes:  Les  ivoires.  Paris  1896 
richtig  hervorhebt.  Dagegen  gibt  es  lateinische  Handschriften  der  so- 
genannten Geometrie  des  Boethius  aus  dem  11.  Jahrhundert  mit  indisch-  Boethius 
arabischen  Zahlen.^  Aber  diese  Handschriften  beweisen  nichts  für  den 
Gebrauch  des  täglichen  Lebens,  sondern  zeigen  nur,  daß  der  Fach- 
mann ^  von  diesem  fremdartigen  System  Notiz  nahm.  Die  byzantinischen  ^fjej^/art°g' 
Schreiber  haben  diese  arabischen  Zahlen  immer  als  etwas  Fremd- 
ländisches angesehen  und  möglichst  gemieden,  ebenso  wie  die  Eechnung 
nach  der  christlichen  Aera,  die  ebenfalls  erst  durch  abendländischen 
Einfluß  in  byzantinischen  Handschriften  Verwendung  gefunden  hat. 
Bis  jetzt  ist,  so  viel  ich  sehe,  noch  keine  byzantinische  Subscription 
selbst  nach  dem  7000  sten  Jahre  der  Weltära  fnach  1492  n.  Chr.)  be- 
kannt geworden,  in  der  die  Zahlen  der  einheimischen  Ära  von  byzan- 
tinischen Schreibern  nicht  auch  mit  einheimischen  Zahlzeichen  ge- 
schrieben wäre.  Nur  bei  jungen  Handschriften,  die  nach  christlicher 
Aera  datiert  sind,  wurden  arabische  Zahlen  angewendet.  Der  cod.  Vindob. 
phil.  151  Aristoteles  (scr.  Arias)  trägt  z.  B.  die  Unterschrift:   1427;   der 

cod.  Escur.  T.  II.  6:  h.v  Bevericcig 1495;  cod.  Monac.  31  (scr.  Georg 

Tryphon):    1546.^     Wenn   Andreas    Darmarius    beide   Systeme  mischte 
im  Escur.  0.  II,  17.  tv  zfu  mflO  (sie),  so  ist  das  nur  ein  neuer  Beweis     . 
von  der  Flüchtigkeit,  mit  der  dieser  Abschreiber  arbeitete. 


Drittes  Kapitel. 

Spiritus  und  Accente/ 

Die  Berliner  Akademie  stellte  im  Jahre  1909  für  die  Charlotten- 
stiftung die  Preisaufgabe: 

„In  den  litterariscben  Papyri  sind  so  zahlreiche  prosodische  Zeichen  ^z|°chen'^^ 
an  das  Licht  getreten,   daß  das  Aufkommen  und  die  Verbreitung  der 
griechischen  Accentuation  sich  verfolgen  läßt  —    — 


*  Siehe  Pihan,  Signes  de  numeration.     Paris  1860  p.  XX. 

*  Über  Maximus  Planudes  s.  o.  S.  378. 

^  Arabische  Zahlen  in  griechischer  Kryptographie  vom  Jahre  1595  s.  o.  S.  316. 

*  Vgl.  Göttlings  allgemeine  Lehre  vom  Accente.  Jena  1835:  Fr.  Misteli,  Über 
griechische  Betonung.  Paderborn  1875,  der  übrigens  reiche  Literaturangaben  vor- 
ausschickt, und  Lipsius,  K.  H.  Ad.,  Grammatische  Untersuchungen  §  2  S.  9  ff. 
bieten  für  unsere  Zwecke  so  gut  wie  gar  nichts.  Spiritus  und  Accente  im  Ari- 
stotelespapvrus  s.  De  republ.  Atheniensium  ed.  Herwerden  et  Leeuwen.  Taf.  III; 
in  Uncialhandschriften  s.  Gregory,  Textkritik  N.T.  2,  902.  Thompson-Lambros, 
Paläographie  S.  134.     Kenyon,  Palaeogr.  p.  28.     Daremberg  u.  Saglio,  Dictionnaire 


—     382     — 

Dazu  ist  die  erste  und  nötigste  Vorarbeit,  daß  festgestellt  wird, 
in  welchen  Fällen  die  antiken  Schreiber  und  Correctoren  die  Prosodie 
bezeichnen  und  wie  sie  das  tun  —  — 

Es  bleibt  dem  Bearbeiter  anheimgestellt,  inwieweit  er  die  Lehren 
der  antiken  Grammatiker  heranziehen  will,  oder  andererseits  Schlüsse 
auf  die  wirkliche  Betonung  und  Aussprache  machen/' 

Nach  den  S.B.  der  Berl.  Akad.  1910  S.  676  hat  ß.  Laum  in  Straß- 
burg den  Preis  gewonnen. 

Die  Arbeit  ist  also  gemacht,  aber  noch  nicht  veröffentlicht;  sie 
wird  ergänzt  durch  M.  Reil,  Zur  Accentuation  griechischer  Handschriften: 
Byz.  Ztschr.  19,  1910  S.  495 — 529,  der  sich  im  wesentlichen  auf  die 
Minuskelhandschriften  beschränkt. 


Solange  Griechisch  nur  von  Griechen  gesprochen  wurde,  waren 
Accente  gerade  so  überflüssig,  wie  z.  B.  heute  im  Deutschen;  allein 
als  diese  Sprache  sich  über  den  ganzen  Orient  verbreitete,  waren 
Sprache  und  Aussprache  gleich  sehr  in  ihrer  Eeinheit  bedroht.  Es 
^v/Byzan^'  ist  das  Verdienst  des  Aristophanes  von  Byzanz,  ein  Mittel  erfunden 
zu  haben,  um  die  Aussprache  zu  fixieren  und  durch  äußere  Zeichen 
gleiche  oder  ähnliche  Worte  unterschieden  zu  haben.  Feiner  und  ge- 
Aristarch  naucr  wurdc  dieses  Accentuationssystem  ausgearbeitet  durch  Aristarch,^ 
den  Schüler  des  Aristophanes,  dessen  Neuerungen  in  unseren  Homer- 
scholien  viel  öfter  gerühmt  werden,  als  die  seines  Lehrers,  und  dessen 
Streben  schon  dahin  ging,  alle  Worte  mit  einem  Accent  zu  versehen. 
Sein  Beispiel  fand  bald  Nachfolge.  Glaucus  von  Samos^'  unterschied 
sechs  Arten  der  Betonung:  c/vsifierij,  fiem],  tntT^Taiiivi],  xeitkcca-fievii, 
dvrai'axXaCoiJievT],  viiri],  doch  waren  die  drei  letztgenannten  nur  Modi- 
ficationen  der  7iBQi<Tn(ßfxivi]\  die  ,ti£ö-?/,  die  auch  bei  anderen  Gramma- 
tikern vorkommt,  hielt  die  Mitte  zwischen  Acut  und  Gravis.  Hier 
werden  nicht  nur  Acutus,  Gravis,  sondern  auch  der  Circumflex  nam- 
haft gemacht,  der  nach  der  Lehre  der  alten  Grammatiker  eine  Ver- 
bindung der  beiden  ersteren  sein  soll,  so  behauptet  wenigstens  Choero- 
boscus  bei  Bekker  Anecd.  II  p.  706:  ndhv  ij  ö^sTcc  awaiiTOfiivi]  rf/ 
ßageicc  rov  rvnov  tov  A  änoTslsT  o'iov  '\  Kurz  zusammengefaßt  wird 
die  Lehre  der  Grammatiker  bei  Epiphanius  ed.  Dindorf  4.  Lps.  1862 
nf.oi  fierocov  xal  (TTa&ficöv  2:  7is()i  rwv  nooaoidiöjv  rdSe'  6^eTc4  ',  danacc  , 


Glaucus  V. 
Bamos 


u.  d.  W.  Scriptura  p.  1132.  Larfeld,  W.,  Handb.  d.  griecli.  Epigr.  2.  Lpz.  1902 
S.  563  Spiritus  asper,  Accente  u.  diakrit.  Zeichen.  —  —  Handb.  d.  gr.  Epigr.  1. 
1907   S.  428. 

'  Vgl.  Lehrs,  De  Aristarchi  studiis  homericis  p.  257  —  316  und  seine  quae- 
stiones  epicae. 

^  Endlicher,  Analecta  Gramm,  p.  532. 


—     383     — 

ßu(j£toc\  xpilij',  neot(T7i(oiiiinj~ ,  uTiöaTQOcfo^  ',  fjiUxou~,  v(fkv'^,  fJoc^- 
/sla  ~ ,  v7iod'ia(TTo?J/  ,,  Kenyon,  Pal.  p.  26.  28  meint,  daß  die  Accen- 
tuation  in  größerem  Umfange  nur  durchgeführt  sei  bei  Werken,  die 
für  den  Verkauf  oder  für  größere  Bibliotheken  geschrieben  seien.  Das 
läßt  sich  nicht  beweisen;  der  individuellen  Willkür  muß  natürlich  ein 
größerer  Spielraum  bleiben.  Gerade  diejenigen,^  deren  Muttersprache 
das  Griechische  nicht  war,  hatten  ein  Interesse  an  Handschriften,  die 
relativ  richtig  accentuiert  waren. 

Auf  alle  Fälle  wird  die  Frage  nach  dem  Alter  des  Spiritus  von  Spiritus 
der  nach  dem  Alter  des  Accentes  zu  trennen  sein.  Der  Spiritus,  und 
besonders  der  Spiritus  asper,  ^  ist  bedeutend  älter  und  kaum  jünger,  ^aspe"^ 
als  die  griechische  Schrift  überhaupt,  wenn  er  auch  aus  einigen  Alpha- 
beten verdrängt  war;  der  Spiritus  lenis  wird  viel  häufiger  vernach- 
lässigt. Kirchhoff  sagt  Gesch.  d.  gr.  Alphab.^  S.  169:  „Nach  einigen 
Schwankungen  gelangte  diese  Bezeichnungsweise,  infolge  deren  der 
rauhe  Hauch  seinen  Ausdruck  in  der  Schrift  einbüßte,  im  ionischen 
Alphabete  zur  Herrschaft,  während  die  übrigen  mit  sehr  geringen  Aus- 
nahmen bei  der  älteren  Praxis  verharrten,  die  in  dieser  und  anderen 
Hinsichten  erst  durch  die  allgemeine  Annahme  des  ionischen  Alpha- 
bets verdrängt  wurde."  Man  wird  sich  daher  hüten  müssen,  die  Er- 
findung des  Spiritus  asper  irgend  einem  Grammatiker  zuzuschreiben; 
dieses  Zeichen  hatte  sich  vielmehr  in  einigen  Gegenden  in  Gebrauch 
erhalten,  fand  aber  eine  allgemeinere  Verbreitung  erst,  als  die  alexan- 
drinischen  Grammatiker  es  adoptierten  und  in  ihr  System  aufnahmen. 
Zu  den  Stämmen,  die  am  längsten  den  Spiritus  asper  in  der  Schrift 
und  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  doch  wohl  auch  in  der  Sprache  bei- 
behalten haben,  gehörten  z.  B.  die  Bewohner  der  unteritalischen  Hera- 
klea;  die  umfangreichen  Inschriften  dieser  Stadt  C,  I.  Gr.  3,5774 — 75, 
die  ins  Ende  des  4.  Jahrhunderts  v.  Chr.  gesetzt  werden,'^  zeigen,  wie  die 
Münzen  jener  Zeit  regelmäßig  den  Spiritus  asper  in  Gestalt  von  \-  haben,  H 
und  dieses  Zeichen  kann  man  nur  auffassen  als  einen  Eest  des  früher 
gebräuchlichen  H.  Taylor,  The  aiphabet  2,  86  stellt  die  Schwankungen 
auf  den  Münzen  von  Heraklea  zusammen: 

1.  HE  vor  400  v.  Chr. 

2.  HEPAKAEIQN  400—350  „     „ 

3.  hHPAKAHIQN  350—300  .,     „ 

4.  hHPAKAElQN  nach  300  „     „  * 


1  Vgl.  Oxyrh.  Pap.  II  p.  97  n. 

*  Blass,  Ausspr.  d.  Griech.  1882  S.  77  §  25.     Thiimb,  A.,  Untersuchungen  über 
den  Spiritus  asper  im  Griech.    Straßburg  1888.     Reil,  Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  484. 

3  Curtius,  Studien  IV  S.  448. 

*  Vgl.  Friedländer,  Repertorium  z.  antik.  Numism.  S.  36. 


—     384     — 

Ob  ein  ganzes  H,  auch  in  Handschriften,  als  Spiritus  gebraucht  wurde, 
ist  bekanntlich  strittig,  Ang.  Mai  behauptete  es,  sonst  wird  es  aber 
nirgends  erwähnt.  Auch  Th.  Bergk  ^  glaubt  im  Alkmanfragment  ein  H 
als  Hauchzeichen  zu  ijixojv  entdeckt  zu  haben.  Kenyon  aber  sagt 
Pal.  p.  30:  no  papyrus  is  early  enough  to  shoiv  the  letter  H  in  its  original 
use  as  an  aspirate.  Das  halbe  H  (h)  kommt,  wenn  auch  selten,  in  einigen 
litterarischen  Papyrusdenkmälern  vor,  z.  B.  im  Bacchylides.  In  dem 
Papyrus  des  Philo,^  den  Scheil  noch  ins  6.  Jahrhundert  setzen  möchte, 

ist  h  oder  ^    als   Spiritus  asper  namentlich  bei  kleinen  Wörtern,   wv, 

/ygusw.,  aber  auch  als  Interaspiration,  /eiooiji)-?/,  angewendet;  es  klingt 

daher  nicht  unglaublich,  wenn  T.  C.  Snow-^  vermutet,   daß  h   schon  in 

der   Zeit   von    Plato    angewendet   wurde.      Selbst    die    später   übliche 

»-     Form  L_  läßt  sich  bereits  auf  Inschriften  der  Kaiserzeit  nachweisen:* 

Yri€lA;  b  l€P€YC;  WyC;  l€PAnOAHCAC;  0  Uosvg  I.G.IV,  1003;  s. 
J.  Baunack,  Aus  Epidauros.  Progr.  v.  Leipzig  1890,  Nr.  533  S.  1. 

Der  oben  genannte  Grammatiker  hat  kurz  vorher  (S.  706,  18)  aus- 
einandergesetzt, wie  Spiritus  asper  und  lenis  sich  zu  einem  H  ergänzten: 
'Kc/.hv  1]  SuGEtu  avvuTiTonivr]  xfj  ipi'Af]  tvtiov  tov  H  dnoTeleT,  oiov  h  H. 
Solche  Formen  kommen  vor  in  der  llias  Ambrosiana  nach  der  neuesten 
Beschreibung  dieser  prächtigen  Handschrift  von  Ceriani,  °   auch  Blass 

(Hermes  13  S.  18)    liest    von   erster   Hand  Formen   wie    "^AflAQ!   und 

S.  21  ^AiN€CIMBP.  TAC,  S.  22  ^AM€.  „Der  Spiritus  asper  ist  häufig, 
trifft  aber,  abgesehen  von  dem  erwähnten  "-'AN,  nie  mit  dem  Accent 
zusammen;  der  Spiritus  lenis  ist  so  selten  wie  auch  sonst  und  erscheint 

nur  ein  paarmal  auf  OY,  €1  und  H."''  In  einer  Papyrusurkunde  vom 
Jahre  595  (Pal.  Soc.  II,  124)  ist  der  Spiritus  asper  durch  '  wieder- 
gegeben: d  (Artikel)  und  vog  (zweimal),  ebenso  der  Spiritus  lenis  f<T[ov]. 

In  alten  Uncialhandschriften  (c.  Sinaiticus,  Sarravianus  usw.)  fehlt 

^zeichen"   ^^^  Spirituszeicheu,  in  anderen  (c.  Alexandrinus)  ist  es  von  junger  Hand 

hinzugefügt;  selten  stammt  es  in  alten  Handschriften  von  erster  Hand.'' 

Über  die  Zeichen  in   den   alten  Uncialhandschriften  bemerkt  Tischen- 


1  Philologus  22  S.  15. 

^  Mem.  de  la  mission  archeol.  frang.  au  Caire  9.  1892, 

ä  Classical  Eeview  1889  p,  468. 

*  Inschriften  mit  dem  Spiritus  asper:  C.  I.  A.  III,  1382,  1387;  vgl.  Wilhelm, 
Sonderschr,  d.  Österr.  Arch.  Inst.  7.  1909  S.  161—62. 

^  S.  Homeri  Iliad.  pictae  frgm.  Ambrosianae  ed.  Ceriani  et  Eatti,  Mailand  1905, 
S.  0.  S.  231.    Pal.  Soc.  Nr.  39.  40— .50. 

'^  Berl.  Classikertexte  6  S,  23. 

^  Über  die  llias  Ambrosiana  s.  u.  (Accente). 


—     385     — 

dorf,  Monum.  sacra  ined.  Nova  coli.  I  p.  XXV:  Jpostrophus^  quidem  in 
ipso  codice  Friderico-Augustano  iisque  qui  ad  hunc  proxime  accedimt  in- 
venitur ;  spiriius  vero  eundem  in  modum  ponitur  in  antiqulssimis  codicihus 
muUis,  exempli  causa  in  fragmentis  evangelii  lohannei  Borgianis.  An  einer 
anderen  Stelle  (Monum.  sacra  ined.  sv.  reliquiae  etc.  Prolegg.  p.  12) 
beschreibt  er  den  Spiritus  in  den  Wolfenbüttler  Fragmenten:  Id  lüerum- 
que  magis  est  inmclum  quam  brevisslma  linea,  descendens  in  litterani,  non- 
nunquam  vero  est  fere  spiritus  lenis  qui  dicitur.  Die  Wiener  Genesis 
aus  dem  sechsten  Jahrhundert  ersetzt  den  Spiritus  durch  einen  dicken, 
nur  wenig  verlängerten  Punkt.  In  der  berühmten  Dioscorideshand-  ^^^^^ 
Schrift  in  Wien  wird  der  Spiritus  asper  und  lenis  durch  einen  über- 
geschriebenen Strich  angedeutet.  2  In  Uncialhandschriften  des  siebenten  strich 
Jahrhunderts  wird  '  (scheinbar  Acutus)  gleichmäßig  für  den  -Spiritus 
asper  und  lenis  verwendet  wie  in  dem  Papyrus  von  595  n.  Chr.  (s.  o.) 
'HM€PAIC,  y  (=  vTiw),  'OXACÜ,  '€ni,  '€0ArON.  In  den  roten  Über- 
schriften des  Neapolitaner  Dioscoridescodex  in  Wien  wird  h  in  dem 
Sinne  von  i)  gebraucht.  Eine  ähnliche  Accentuation  scheint  sich  im 
Abendlande  ausgebildet  zu  haben.  Sedulius  Scottus  (s.  o.)  gibt  Spiritus, 
Accent  und  Interpunction  einfach  durch  Punkte  wieder. 

Die  weitere  Geschichte  und  Umgestaltung  des  Spiritus  ist  bekannt. 
Der  Spiritus  asper  ist  in  der  Schrift  ebenso  häufig,  wie  er  in  der  ^agpe"^ 
Sprache  des  täglichen  Lebens  selten  war.  Hoffmann  meint  (21.  und 
22.  Buch  der  Ilias  S.  123):  „wir  werden  schwerlich  irren,  wenn  wir  an- 
nehmen, daß  in  jener  [d.  h.  Herodians]  Zeit  der  asper  vom  Volk  gar 
nicht  mehr  gesprochen  wurde."  W.  Schulze,  Griech.  Lehnworte  im 
Gotischen  (S.B.  d.  Berl.  Akad.  36.  1905  S.  746)  will  etwas  weiter  her- 
untergehen, da  ülfilas  in  seiner  Übersetzung  den  starken  Hauch  be- 
rücksichtigt. Ulfilas  aber  übersetzte  nach  einem  geschriebenen  Buch, 
nicht  nach  dem  gesprochenen  Wort;  weitgehende  Schlüsse  darf  man 
daraus  nicht  ziehen.  Im  fünften  Jahrhundert  n.  Chr.  war  nach  Thumb, 
Spiritus  asper  S.  76  der  Absterbeproceß  der  Aspiration  vollendet.  Je  Aspiration 
weniger  er  gesprochen  wurde,  desto  mehr  mußte  er  geschrieben  werden, 
während  im  Gegenteil  der  Spiritus  lenis,  der  als  selbstverständlich  vor- 
ausgesetzt wurde,  in  der  Ilias  Bankesiana  selten  ('OYA€  und  "'ATTEIPQN), 
auf  der  ersten  Tafel  meiner  Beiträge  zur  griech.  Paläogr.  (s.  o.)  über- 
haupt nicht  vorkommt.  Nur  der  Spiritus  asper  läßt  sich  an  beiden 
Stellen  häufiger  nachweisen,  selbst  mitten  in  einem  Worte,  z.  B.  xcn% 

iiyovfxhov  (c.  Mosq.  438  a.  1022),  CYNEMCüN  i^cjvm'/fxojv)  C. IG. 9715. 
Beispiele  für  eine    derartige  Interaspiration    führt  z.  B.  Hoffmann  aspir" 


Inter- 
ion 


'  So    nennt    kurz    vorher    Tisehendorf  das    Häkchen    '    bei    Consonanten- 
häufungen  (s.  u.  S.  398). 

^  Dioscorides  ed.  Premerstein,  Wessely.  Leiden  1906.  p.  160  ff.  264. 

Gardthausen,  Gr.  Paläograpliie.    2.  Aufl.   II.  25 


Form  des 
Spiritus 


—     386     — 

a.  a.  0.  S.  21  aus  dem  berühmten  c.  Venetus  A  des  Homer  an:  0  260  iioo- 
ghovroq,  269  y.a&v7ieo}^Er,  X  80  äv'uuivri.  252  ävr,xB,  261  (jvvijfiocfvvaQ, 
280  fjEYdeg.'^  Der  Spiritus  lenis  im  Inlaut  findet  sich  in  grammatischen 
Handschriften  besonders  bei  vorhergehendem  /.  Uhlig  führte  in  der 
34.  Versammlung  deutscher  Philologen  und  Schulmänner  zu  Trier  dafür 

H  H  H  .  -J         ,  .  . 

folgende  Beispiele  an:   diacpöooiq,   Siavoi'ccg,   diaaroh).   diu  ri,v  xuU.i- 

cpcoviav,  aiTiciTixi),  non]Ti]i.  TieTTOii^fierov. 

Daß  der  doppelte  Spiritus  über  oo  in  fast  allen  Uncialcodices 
fehlt,^  braucht  nicht  erst  gesagt  zu  werden  von  Tischendorf  proll.  ad 
N.  T.  ed.  VII  p,  CCLXXVI:  oö  prorsiis  inviia  codd.  audoritate  edi  con- 
suevH.^     In  Minuskelhandschriften  findet  man  ihn  schon  ziemlich  früh ; 

der  Leipziger  Josejibus  (s.  X)  hat  bereits  oo.  Nach  neueren  Unter- 
suchungen ist  diese  Beobachtung  für  die  Minuskelhandschriften  aber  in 
dieser  Allgemeinheit  nicht  richtig;  vgl,  Eeil,  Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  488, 
Schon  im  zehnten  Jahrhundert  wird  der  Spiritus  mit  dem  doppelten  o 
verbunden  nach  der  interessanten  Beobachtung  von  Schanz:'*  „Die 
Schreibung  oo  ist  dem  Clark,  [des  Plato]  eigen,  qq  dem  Venetus, 
()ö  (freilich  ist  es  hier  oft  schwer,  die  erste  Hand  sicher  zu  erkennen) 
dem  Paris,"  Ebenso  wie  beim  c.  Venetus  des  Plato  habe  ich  auch  in 
dem  Petersburger  Evangelium  V,  das  von  Tischendorf  fälschlich  dem 
Jahre  844,  richtiger  dem  zehnten  Jahrhundert  zugewiesen  wird,   den 

L 

einfachen  Spiritus  gefunden,  z.  B,  '€PPH0H.  Der  doppelte  Spiritus  über 
()Q  kommt  nach  A.  v.  Velsens  Beobachtung  auch  in  der  Venelianer 
Aristophaneshandschrift  des  zwölften  Jahrhunderts  vor,^  In  einer  Homer- 
handschrift aus  dem  neunten  Jahrhundert  fand  SittP  die  Schreibung 
Tiaöü  (E  809), 

Die  Form  des  Spiritus  ist  zunächst  die  eines  halbierten  H,  Neben 
der  rechtwinkligen  findet  sich  auch  eine  spitzwinklige  Form  z  .  Ob- 
wohl die  Ilias  Bankesiana  schon  die  mehr  abgeschliffene  Form  eines 
einfachen  rechten  Winkels  zeigt,  so  ist  doch  die  vollständigere  Form 
noch  im  Jahre  835  die  Regel;  dann  aber  wird  aus  dem  doppelten 
rechten  Winkel  ein  einfacher,  aus  der  rechtwinkligen  Form  eine  ab- 
gerundete; der  Wechsel  vollzieht  sich  im  11.  bis  12.  Jahrhundert,  obwohl 


^  Roetl,  J.  Ant.  Nr.  38  n.  Kot.  et  Extr.  5,  2  p.  471:  tnixeoioiiovr.  Kenyon, 
Palaeogr.  gr.  pap.  p.  30.  "Wessely,  Zur  unregelmäßigen  Aspiration :  Mitt.  a.  d.  Samml. 
Erzherzog  Eainer  6.    Wien  1897  S.  114. 

^  Lipsius  a.  a.  0.  19  A. 

ä  Vgl.  Cobet  praef.  N.  Test.  p.  XCVI.     Bast,  Comm.  pal.  732—33. 

*  Rhein.  Mus.  1888.  33.  S.  303. 

^  Wattenbach,  Anleitung-  S.  VI.  Beispiele  aus  dem  cod.  Lips.  der  LXX: 
tfJöviiiEf  ßoQQÜ  usw.  bei  Lipsius  a.  a.  0.  19  A. 

«  Ber.  d.  Manch.  Akad,  1888,  Philos.-philol.-histor.  Kl.  S.  263. 


—     387     — 


Wattenbach 
u.  Velsen 

Fr.  Cavalieri- 
Lietzmaun 

Pal.  Soc. 

Sabas 

Collez.  Fior. 

1037 

1006 

1021 

1057 

1054 

1055 

h     L 

1066 

1105 

1066 

1063 
1086 
1116 

1285 

nach  967^ 

1026 

1062 

10^^  Cent.  5 

1199 

10631 

1073 

(11  108) 

n "-  ^ 

11112 

1112^ 

s.  XI(T.27) 

1033 
1042 

11753 

1111 
1272 

1105 

1056 

1091 

1092 

1144 

c 

1167 
1177 

1184 
1252 

1255(?)6 

1275 

1282 

1282 

1282 

1287 

^  Eine  Handschrift  von  1063  und  1112  bat  -^  iiud  \  doch  die  spitze  Form 
ist  noch  häufiger. 

2  Der  Schreiber  vom  Jahre  1111  braucht  f-,  h,  r,  ',  '. 

^  Auf  dem  Facsimile  von  1175  überwiegen  die  runden  Formen  bei  Spiritus 
asper  und  lenis  schon  ganz  entschieden. 

*  Von  den  Tafeln  der  Palaeogr.  Soc.  zeigt  zuerst  Nr.  52  ein  Schwanken 
zwischen  der  eckigen  und  runden  Form  der  Spiritus,  und  zwar  in  der  Weise, 
daß  der  Spiritus  lenis  immer  eckig  (^  und  ~l),  der  Spiritus  asper  immer  rund  (') 
erscheint,  während  von  anderen  Handschriften  gerade  das  Gegenteil  behauptet 
wird.  Da  aber  jenes  Mailänder  Psalterium  (s.  Steffens,  Proben  Nr.  10),  dem  die 
Probe  entlehnt  ist,  nicht  im  Jahre  967,  sondern  nach  jenem  Jahre  geschrieben 
ist,  so  verliert  es  dadurch  die  Beweiskraft  für  das  zehnte  Jahrhundert.  Wenn 
die  zweite  und  dritte  von  Wattenbachs  XII  Schrifttafeln  aus  dem  Jahre  1040 
bereits  runde  Formen  zeigt,  so  ist  das  ein  Mangel  der  autographischen  Eepro- 
ductionsmethode,  hat  aber  nach  Rev.  critique  1877  p.  397  für  das  Original  keine 
Beweiskraft. 

*  Pal.  S.  II  103  (10"'  cent.)  der  Spiritus  lenis  ist  rund,  der  Spiritus  asper  eckig. 
®  Von   der  Londoner  Homerhandschrift,   die  wir  mit  den  Herausgebern  der 

Pal.  Soc.  Nr.  67  ungef.  ins  J.  1255  und  nicht  mit  den  Herausgebern  der  New  Pal.  Soc. 
Nr.  204  ins  Jahr  1059  setzen  (s.  u.),  wird  ausdrücklich  bemerkt:  Breathings  are 
round  in  form,  excepting  in  the  few  first  pages,  and  occasionally  in  other  parts 
of  the  volume,  in  which  the  rough  breathing,  and  sometimes  the  smooth  are  Square. 

25* 


—     388     — 

der  Spiritus  asper  in  runder  Form  schon  auf  Inschriften  der  Kaiserzeit 
vorkommt.^  Bei  der  Beschreibung  des  c.  Vat.  2200  (aus  dem  9.  Jahr- 
hundert) Pal.  Soc.  II  126  bemerken  die  Herausgeber:  The  hreathings  are 
to  some  extent,  but  not  uniformly,  rcctangular.  Die  Handschriften  der 
alten  Minuskel  kennen  die  eckigen  Formen,  die  der  mittleren  eckige 
und  runde,  die  der  jungen  nur  die  runden;  aber  die  archaisierende 
Schrift  der  jungen  Minuskel  bedingt  auch  die  altertümlichen  Formen 
des  Hauchzeichens,  so  z.  B.  im  Jahre  1285.  In  den  von  mir  unter- 
suchten Pariser  Handschriften  ist  es  zunächst  der  Spiritus  lenis,  der 
sich  rundet,  z.  B.  (jedoch  nur  selten)  im  P.  40  vom  Jahre  1059,  etwas 
häufiger  im  P.  1531  vom  Jahre  1112.  Im  P.  243  (a.  1133)  und  P.  891 
(a.  1136)  sind  die  runden  Formen  bereits  die  gewöhnlichen.  Als  Regel 
kann  man  hinstellen,  daß  die  Handschriften  bis  zum  Jahre  1000^ 
eckige,  nach  dem  Jahre  1300  runde  Hauchzeichen  haben. 

Accente. 

Daß  die  Accente  der  älteren  griechischen  Schrift  fremd  waren, 
braucht  nicht  erst  hervorgehoben    zu   werden.      Nur    in   jüngeren    In- 

Apices  Schriften  kommen  Apices  vor,  die  nach  L.  Stephani,  Bull.  d.  1.  cl.  hist.- 
phil.  de  l'Acad.  de  St.  Petersbourg  1849.  VI,  1  fi".  im  ersten  Jahrhundert 
nach  Chr.  auftreten,  während  Waddington  (zu  Lebas  III  n.  251)  sie 
bereits  in  einer  Inschrift  von  Jasos  vom  Jahre  188  vor  Chr.  nach- 
gewiesen hat.  Häufiger  werden  sie  jedoch  erst  im  ersten  Jahrhundert 
vor  Chr.  nach  G.  Hirschfeld,  Ztschr.  f.  österr.  Gymnas.  1882  S.  172.^ 
Aber  die  Apices,  die  in  Handschriften  nicht  vorkommen,  beweisen 
natürlich  nichts  für  die  Accentuation. 

Accente  Zwei  Stellen  bei  Athenaeus  beweisen,   daß   die  Griechen   auf  die 

Betonung  Wert  legten,  nicht  aber,  daß  sie  ihre  Handschriften  wirklich 
accentuierten:  Athenaeus  11,  70  p.  485  f.  AClTACTH.  oi  fih  ö^vvovai 
xijv  TElevTc/.iav  ojg  xccX/j,  oi  Ök  nocoo^vvovaiv,  (og  fisyältj,  und  11,  97 
p.  496  f  PYTON  t/ei  to  v  ßocc/v  xc/J  ö^vverai.  Dagegen  ergibt  sich 
aus  einer  andern  Stelle,  daß  wirklich  Aspiration,  Länge  und  Kürze  der 
Silbe  in  Handschriften  des  zweiten  Jahrhunderts  n.  Chr.  bezeichnet 
war:*  Platonicae  quaestiones  c.  10  (Plutarch  ed.  Dübner  IV  p.  1235): 
cüffTieo  TU  GToi'/üu  'TioixiXXovaiv  Ol  TU  TivtvfxuTu  xal  Tug  duffVTljTUg 
uvTöJv,  kxTuaeig  ts  xul  avaToW-g  kvicov  uvxu  xu&'  uhxu  gtoi'/üu  Ti&k- 

fieVOl,     TIU&I]     (IUX?<.0V     OVTU     xul     (TVfißsßljXÖTU    xul    ÖlU(pOOUg     fiTOI/et'cüV, 

(bg  kö/j?M(jUV   Ol   7[u).uiol,   öiu    TCüV   ixxui'd'exu   cfou^ovTeg    UTto/ocurTCog 


^  Siehe  Altertümer  von  Pergamon  8  Ö.  370  Nr.  587. 

-  Vgl.  jedoch  Pal,  Soc.  II  103  undatiert. 

3  Vgl.  C.  Keil,  Rhein.  Mus.  1865.  N.  F.  20  S.  562. 

*  Archaoologia  26  p.  50. 


—     389     — 

xai   yodcfovre^.     Von  wirklichen  Accenten   in   unserem  Sinne   ist  hier 
aber  noch  keine  Rede. 

Schließlich  erfand  man  aber  das  jetzige  einfache  Accentuations- 
S3'stem,^  das  sich  beim  Dionysius  Thrax  in  dieser  Fassung  findet:  '^^ystlmf'' 
Tövo^  krrri  cfavTii  äniiXTiOiq,  kvuof.ioviov  /)  xuru  uvuxuaiv  iv  rfj  ö^si'a, 
7/  xarcc  öiiahaixov  Iv  rfj  ßaa/sta,  ))  xurä  TiEoixluniv  kv  ry  tieokjtko- 
fiev/i.  Das  gewöhnliche  Accentuationssystem,  das  hier  von  Dionysius 
Thrax  vorausgesetzt  und  erklärt  wird,  war  im  wesentlichen  schon  fertig 
im  vierten  Jahrhundert.  Epiphanias  (ed.  Dindorf  IV  p.  3)  gibt  in  der 
Einleitung  seiner  Schrift  Tieoi  fiirgcov  xc/.i  fjra&f^iajv  §  2  vom  Jahre  392  392 
eine  Übersicht  der  damals  gebräuchlichen  Zeichen:  'Eneid'ii  Se  rtveg 
xccric  nooGcoöiuv  ean^uv  räq  youcfaQ,  xai  Tieoi  rojv  Ttoofffodiojv  Tdde. 
o^da  ',  öuftda  ^,  ßaoeia\  ifjiXij  '^,  neoKTTtojjnii'tj'^,  c{7iö(TToo(fog\  ficcxoo:', 
v(pev  KJ,  ßoaxeiu  ",  vTioÖiuaroVi]  (s.  o.  S.  382).  Es  sind  also  genau  dieselben 
Zeichen,  welche  in  der  syrischen  Handschrift  von  650/60  wiederholt  werden. ^     C50;co 

Doch  die  Erfindung  der  Accente   wurde   selten   angewendet,  viel-  Anwendung 
leicht  weil  viele  sich  glaubten  den  Schein  geben  zu  müssen,  als  seien 
diese  äußeren  Hilfsmittel  für  sie  überflüssig.     Als  Regel  kann  man  hin- 
stellen:'*  Accente   fehlen  in  den  Papyrusurkunden  und  sind  in  littera- 
rischen Rollen  ganz  sporadisch. 

Reil,  Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  479  gibt  einige  interessante  sta- 
tistische Zahlen:  Notiert  sind  [in  Wilckens  Archiv]  insgesamt  322  litte- 
rarische Papyri ,  wovon  264  accentlos,  58  (13  prosaische,  45  poe- 
tische)   accentuiert    sind;     unter    den     letzteren    finden    sich    epische 

(Homer  23 ),  lyrische und  dramatische  Fragmente.    Er  meint. 

das  alte  ursprüngliche  Accentuationssystem  sei  gewesen  ,.jede  tief  tonige 
Silbe  mit  Gravis,  die  hochtonige  Silbe  eines  Wortes  mit  Acut  zu  ver- 
sehen^'.  Vollständig  ist  dies  allerdings  nirgends  durchgeführt.  Litte- 
rarische Papyrusfragmente  mit  einer  durchgeführten,  uns  fremdartigen 
Accentuation  haben  wir  z.  B.  vom  Bacchylides  (vgl.  Hermes  13  S.  16). 
Blass  in  seiner  Einleitung  zum  Bacchylides  p.  VIII  gibt  einige  Proben: 

"mävd^ulrjq,  ß^'tjXQf^-'i  (gGDit.),  o.joif.i6deoxei,   Ts]?.evTa&eT(jc^,    ferner  Ticty-       , 
x()UTi]i,  xoccToq;^  noch  vollständiger:  OeöSojoöq^   Auch  der  neugefundene 
Pindarpapyrus  ^  ist  ähnlich  accentuiert  wie  Nr.  223  und  der  des  Bacchy- 
lides: bei  Diphthongen:  Acutus  über  dem  ersten  Vucal,  Circumflex  über 
beiden.      Manche  Worte   zeigen  Acutus    und   Gravis:    ffi?Jj(jiaTerfC4vov, 


1  Blass  2  p.  307. 

-  Siehe  meine  Beiträge  z.  gr.  Pal.  III  Taf.  1. 

^  Kenyon,  Palaeogr.  gr.  pap.  p.  28. 

*  Ähnliche  Proben  gibt  Blass,  Rhein.  Mus.  1877  S.  450  ff.     Hei-mes  13  S.  16  ff. 
Egger,  Comptes  rendus  de  TAcadeinie  des  Inscr.  et  bclles  lettres  1877. 

*  Thompson-Lambros,  Pal.  S.  13-1. 

®  Oxyrhynch.  Pap.  ed.  Grenfell  and  Hunt  V  p.  11. 


—     390     — 

(ftoEfxi'jAov^.    Gravis  auch  auf  der  vorletzten  [vöficov,  roocpov)  oder  dritt- 
letzten Silbe  i&ccpLiva,  ayaxlea). 
^GedTchte^  Besouders  häufig   wurden    die    homerischen    Gedichte   accentuiert. 

In  einem  großen  Iliasfragment  (Oxyrhynchus  Pap.  II  Nr.  CCXXIII  m. 
Fcsm.),  das  die  Herausgeber  den  ersten  Jahrzehnten  des  dritten  Jahr- 
hunders  n.  Chr.  zuweisen,  ist  die  Accentuation  in  großem  Umfang  durch- 
geführt, Avie  beim  Bacchyhdes.^  Die  Bias  Bankesiana^  dagegen,  die 
dem  zweiten  Jahrhundert  angehört,  hat  von  erster  Hand  weder  Ton- 
noch  Hauchzeichen ;  diese  sind  erst  von  zweiter  Hand  hinzugefügt,  die 
vielleicht  ins  siebente  bis  achte  Jahrhundert  gesetzt  werden  kann,  ob- 
wohl in  einem  anderen  Papyrus  vom  Jahre  730  n.  Chr.^  diese  Zeichen 
noch  gänzlich  fehlen.  Auch  in  dem  Rylands-Papyrus  1  Nr.  53  (jA.  9) 
wird  ein  Pergamentcodex  der  Odyssee  des  dritten  bis  vierten  Jahr- 
hunderts erwähnt  mit  reichlicher  Anwendung  von  Accenten  und  Lese- 
zeichen. 

In  den  Xotices  et  Extraits  des  mss.  18,  II  p.  109  ff.  PL  XII  Pap.  3 
finden  wir  Iliasfragmente  mit  reichlich  60  Accenten  und  Punctuationen 
und  andere  fp.  115),  aus  denen  ich  einige  Proben  herausgreife:^ 

TTYPÄrPHN,  (TrOBAPÖN.  OÄAACCAN.  .t]AH0OYCAN,  QPIQNOC, 

€MAXONTO,  TOl'r  IZONFr' 

KAAQ,  AYTAP 

0AYM,  TOlCI,  QPC€,  BO^N  HAE 

'€n€l0',  /.6[YK',  nOAA',  YO'.  A'€YPNAA0[r7. 

In  einem  Papyrusfragment  von  Ilias  B,  das  dem  fünften  Jahrhundert 
angehören  soll,  ist  der  Gebrauch  der  Accente  ganz  gewöhnlich.^  Von 
den  Ton-  und  Hauchzeichen  der  syrischen  Ilias,  die  wohl  mit  Recht 
ans  Ende  des  fünften  Jahrhunderts  zu  setzen  ist,  sagt  Cureton  :^  If,  is 
not  possihle  to  arrive  at  any  certain  decision,  whetJier  the  accents  were 
icritten  hy  the  original  scribe  or  added  suhsequently.  My  own  opinion  is, 
that  in  genercd  they  are  due  to  the  first  hand.  Auch  in  der  Ilias  Ambro- 
siana,  welche    die   Herausgeber^    ins  fünfte  Jahrhundert  setzen,    sind 


^  Auch  hier  zeigen  Oxytona  gelegentlich  wie  beim  BacchTÜdes  den  Gravis 
auf  der  vorletzten  Silbe:  üqpveio;;  einsilbige  haben  den  Gravis  oder,  wenn  Enclytica 
folgen,  den  Acutus:  iwv  xs:  auffallend  ist  öjQfvio,  uilqwv,  äficov  eiy\ 

-  Philol.  Museum  Cambridge  1832  I  p.  ITT  =  Wattenbach,  Schrifttaf.  Nr.  1: 
s.  0.  Fig.  45  S.  101. 

3  Revue  arch.  18T2  I  p.  14T  ff. 

^  ^'on  der  Accentuation  dieses  Papyrus  sagt  der  Herausgeber  (p.  119):  On 
peut  croire  qu'il  nous  a  conserve  la  redaction  d'Aristophane  de  Byzance. 

■'  Egypt  Exploration  fund  1889.   Hawara,  Biahmu  and  Ai'sinoe  pl.  23  —  24. 

*  Fragments  of  the  Iliad  of  Homer.    London  1851  p.  XVII. 

'  Pal.  Soc.  39.  40  usw.:  vgl.  oben  1,  231. 


—     391     — 

Accente  und  Interpunctionen  Torhanden.  Doch  Ceriani,  der  wahrschein- 
lich  glaubte,  daß  der  Ruf  der  Handschrift  darunter  leiden  könnte, 
drückt  sich  in  seiner  Beschreibung  sehr  vorsichtig  aus.  Er  sagt  von 
den  Accenten:  None  wläch  may  he  ascribed  with  certainfy  to  the  cn'iginal 
hand.  The  rough  hreatliing ,  of  rcctangular  shape,  is  marked  in  places  hy 
the  first  hand;  and  both  rougli  and  sviooth  brcathings  kavc  been  added  by 
a  later,  but  still  ancient,  hand,  bceing  frequently  of  tlie  half  H  form.  Still 
later  additiotis  have  been  madc  both  to  brcathings  and  accents,  tJie  latter 
sometimes  following  the  rules  of  the  ancients  grammarians. 

Es  ist  wohl  sicher  kein  Zufall,  daß  die  ältesten  sicheren  Spuren 
der  Accentuation  gerade  in  homerischen  Fragmenten  gefunden  werden; 
sie  sind  für  den  Homer  zunächst  erfunden  und  auf  dessen  Schriften 
angewendet.  In  den  Schollen  zu  den  homerischen  Gedichten  haben 
wir  viele  Angaben  über  die  Betonung  einzelner  Worte  bei  den  großen 
alexandrinischen  Philologen,  wie  z.  B.  zu  Ilias  .4  591  Koürr^^  de.  neoKTTtcov 
Ti,v  nobjxriv  av'/j.aß)iv\  man  kann  also  annehmen,  daß  ihre  Ausgaben 
mehr  oder  weniger  vollständig  accentuiert  waren.  Daher  muß  man 
aber  auch  hier  in  bezug  auf  das  Alter  einen  anderen  Maßstab  anlegen 
als  anderswo.  Ebenso  haben  christliche  Gelehrte,  die  Accente  zuerst 
bei  den  neutestamentlichen  Schriften  anwendeten,  so  z.  B.  schon  Eutha- 
lius  nach  Zacagni,  CoUectanea  p.  409:  ^vay/og  'cixoi  ye  t//V  ts  t6jv 
Tiocc^ecov  ßiß'/^ov  i/.fxc/.,  xul  xuifohxöjv  kniaro/Mv  uvuyvojvui  re  xtcxu 
naoarodiuv.  Allein  daß  die  alexandrinischen  Grammatiker  auch  andere 
Schriften  accentuierten,  zeigt  z.  B.  das  vielbesprochene  Alkmanfragment. 
Schon  auf  diesem  Papyrus  ^  kommen  Accente  vor,  die  den  Vorschriften 
des  Aristophanes  von  Byzanz  entsprechen.  Der  Gravis  bezeichnet  die 
Abwesenheit  einer  stärkeren  Betonung,  nicht  aber,  wie  bei  uns,  den 
gebrochenen  Ton,  so  z.  B.  Zeile  4  ßiclzuv^  Z.  5  xonvorav.  Z.  13  :iuvTGiv: 
das  entspricht  den  Eegeln  der  Grammatiker:  Job.  Philoponus  Tovixu 
'KaguyyiX(xaTU  p.  6:  Kc:&'  exc/.Grrjv  Xe^iv  kv  fiici:  av/j.aßf,  ri&ejjiev  )) 
ö^eTccv  /)  7ieoiG7icofievi]v,  kv  öi  zccTg  ?.oi7iaTg  avllaßali  ßaoeTav,  oiov  hv 
Tb)  MtvÜMog  d'evTsocc  avDMßij  ö^vverai,  ui  öe  Xoincil  ßaovvovxai'  xal 
iv  T(o  (/JJ.oTög  ij  ixiai]  7ieoifx:iccTai,  ij  Se  ttocot}]  xal  [/y]  roiri]  ßaoi'vovTai.' 
Auch  der  Schreiber  der  Londoner  Pap}Tuspsalmen,  ^  der  aber  sicher 
nicht  mit  Tischendorf  in  die  Zeit  von  Christi  Geburt  zu  setzen  ist, 
hat  Ton-  und  Hauchzeichen  angewendet,  wenn  auch  nicht  nach  einem 

uns  fremdartigen  System,   z.  B.  BOH0OC   HMQN,^  APIQ   r€N€TÖ  TÖ, 


*  Papyrus  Grecs  pl.  L  s.  Text  p.  417. 

-  Vgl.  Egger,  Sur  Apollonius  Discole  p.  287 fF.     Not.  et  Extr.  18,  II  p.  417. 
3  Brit.  Mus.  Papyr.  XXVII  =  Pal.  Soc.  38.    Gr.  Pap.  Br.  Mus.  Fcsm.  I  Nr.  144. 
Tischendorf,  Monum.  sacra  inedita  Nova  Colleetio  I  Tab.  III  n.  8. 

*  Pal.  Soc.  38. 


—     392     — 

C€,  €YAOrHCQ,  €n€NAI0HC€TAI  usw.  Tischendorf  gibt  in  Minuskeln 
und  der  gewöhnlichen  Wortabteilung  Proben^  der  Lesezeichen  dieser 
Handschrift: 

—  —  xai  yuo  nO.vxii  oi  VTiOfievorreg    rra 

ov  fjii]  y.UTai(j'/vv&(x)(7iv  aKT/vv&f.ii] 

(luv  Ol  avofiovvTeg  dicc  xerrjQ  rd^ 

odovg  aov  yvcooiaov  t.ioi  xe  xai  xaz 

Toi'.jovg  aov  di'da^ov'^fie  öSijyrjaov 

«6  ev  TT]  ahjdeiccg  aov  xcci  diöa^ov 

fii  ort  av  u  6  &i  o  acorijo  piov  xai   at 

i'Tiofievco  öhjv  t}]V  ijfieoav 

fivijaifijTi  rcüv  oiXTeio/jiojv  aov  xe 

xai  TU  f.Lii]  aov  UTto  tov  aiöjvog 

eiaiv  af.iuoTt(li  i'eÖT7]Tog  i.iov  xui 

Tag  uyvoiug  uov 
In  bezug  auf  die  Treue,  mit  der  Tischendorf  diese  Zeichen  wieder- 
gegeben, muß  ich  auf  das  früher  in  meinen  Beiträgen  z.  gr.  Paläogr.  lU 
S.  13 — 15  Gesagte  verweisen,  und  selbst  wenn  er  alle  Zeichen  genau 
wiedergegeben  hätte,  so  müßten  wir  es  dennoch  dahingestellt  sein 
lassen,  ob  auch  alle  Accente  im  gewöhnlichen  Sinne  sind.  Eine  Be- 
zeichnung wie  didu^ov'~fiE  gerade  bei  Psalmen  könnte  man  wohl  mit 
größerem  Rechte  auf  den  liturgischen  Vortrag  beziehen.  Auch  Marini- 
gibt  Beispiele  einer  fremdartigen  Accentuation,  doch  ist  die  Glaub- 
würdigkeit und  Echtheit  seiner  Inschriften,  auf  die  er  sich  beruft,  wohl 
keineswegs  über  allem  Zweifel  erhaben. 
Minuskel-  jj^  ^qj.  Minuskelcursive  ungefähr  des  achten  Jahrhunderts,   deren 

cursive  *='  .  L    .    . 

Facsimile  ich  in  meinen  Beiträgen  Taf.  I  publiziert  habe,  sind  Spiritus 
und  Accente  angewendet,  aber  doch  nur  sehr  spärlich.  Von  einer 
anderen  Probe  c,  Vat.  2200,  Pal.  Soc.  II  126,  bemerken  die  Heraus- 
geber, Spiritus  und  Accente  seien  not  systematically  used,  während  in 
der  ausgebildeten  Minuskelschrift  vom  Jahre  835^  das  spätere  Accen- 
tuationssystem  bereits  vollständig  fertig  und  in  seinem  vollen  Umfange 
durchgeführt  ist.  Die  Accentuation*  der  jüngeren  undatierten  Uncial- 
unciai-    Codices^   ist    hierbei    absichtlich    unberücksichtigt    geblieben,    weil    die 

Codices 

1  Studien  und  Kritiken   1844,   1   S.  491. 

-  Gli  atti  dei  fratelli  Arvali  II  p.  714  n.  43. 

^  Siehe  meine  Beiträge  z.  gr.  Pal.  I  Taf.  2. 

*  Über  die  Accente  der  undatierten  Pergamentunciale  s.  Montfaucon,  Pal. 
Gr.  p.  215  (s.  o.  S.  145—46).  Über  die  Accentuation  der  Nomina  sacra  s.  Reil, 
Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  493. 

'"  In  einer  Uncialhandschrift  des  neunten  Jahrhunderts,  c.  Lond.  Add.  mss. 
26,  113  <Palaeogr.  Soc.  II  3>  fehlen  sie  gänzlich,  dagegen  bei  anderen  derselben 
Zeit,  Pal.  Soc.  II  26,  heißt  es:  Breathings  and  accents  in  füll  use;  ebeuso  II,  7 
(zehntes  Jahrhundert). 


—     393     — 

Altersbestimmung  derselben  so  großen  Schwierigkeiten  unterworfen  ist  und 
gerade  das  Vorhandensein  oder  Fehlen  der  Accente  ein  Hauptkriterium 
bei  der  Bestimmung  des  Alters  gewesen  ist  (s.  o.  S.  146",  so  daß  wir  uns 
vollständig  im  Kreise  bewegen  würden,  wenn  wir  von  hier  aus  nun 
wieder  einen  Eückschluß  auf  die  Accentuation  machen  wollten.  Aber 
wir  haben  doch  eine  Anzahl  datierter  Uncialcodices,  welche  zeigen,  daß 
vom  neunten  Jahrhundert  ab  die  Accentuation  im  allgemeinen  in  Uncial- 
und  Minuskelhandschriften  vollständig  durchgeführt  wird.  Von  einer 
w^ahrscheinlich  im  Jahre  800  n.  Chr.  in  Eom  geschriebenen  Uncialhand- 
schrift  der  Dialoge  Gregors  (Pal.  Soc.  11.  81)  bemerken  die  Heraus- 
geber: Breathings  are  square,  hut  offen  not  expressed.    Aceents  normal. 

Eine  Verbindung  von  Accent  und  Spiritus  ist  ein  sicheres  Zeichen 
ganz  alter  und  ganz  junger  Handschriften.    In  einem  Papyrusfragment 

w 
der  Ilias   ,N  163)  im   Louvre   liest  man   allerdings  €0  =  to    und    bald 

\\ 
darauf  Or=  Öy,  doch    diese    Beispiele    sind    selten.     Dagegen  tauchen 

in  jungen    Minuskelhandschriften    wieder   folgende    Verbindungen    auf: 
>'    =  ",     ^  =  '',    c\    =',    -j^  =' ,  z.  B.  schon  bei  Moutfaucon  p.  320 

in  einer  Probe  vom  Jahre  1272  und  im  folgenden  Jahre  1273  wird 
bereits  der  Gravis  des  vorhergehenden  mit  dem  Anfangsbuchstaben  des 
nachfolgenden  Wortes  verbunden  (s.  xal  z  Taf.  10  i  2 . 

Von  den  Betonungszeichen  hat  eigentlich  nur  der  Circumflex  mit  dem  Circumaes 
Spiritus  gleichen  Schritt  gehalten.  Seine  Form  hat  gewechselt,  und  wunder- 
barerweise gelegentlich  sogar  die  Form    <=^   angenommen;^  für  gewöhnlich 

hat  der  Circumflex  die  Form  '^>.  Von  dem  Circumflex  sagt  Bast  comm. 
pal.  860:    Vetustissimum  Signum  circumflexi  hoc  est:    ^,  A.     Postea,   cum, 

nt  in  spiritihus angulosi  ductus  mutarentur  in  rotundos  eircitmflexus 

sie  pingebanfiir  "•  o.  Wenn  derselbe  wirklich  aus  einer  Verbindung  von 
Acutus  und  Gravis  (s.  o.  S.  382)  entstanden  ist,  so  war  die  nächste  natur- 
gemäße Stufe  der  Entwicklung,  die  er  durchzumachen  hatte,  daß  der 
spitze  Winkel  sich  abrundete;  als  dann  aber  der  Spiritus  sich  ab- 
rundete, entstand  gleichzeitig  die  spätere  Form  ~,  die  sich  nicht  weiter 
veränderte. 

Die  Zeichen  für  den  Acutus  und  Gravis  sind  so  einfach,  daß  Ver-  -^cut^^  ua.i 
änderungen  unnötig  waren,  nur  ihre  Stellung  hat  gelegentlich  gewechselt. 
Der  Accent  über  den  Diphthongen-   steht  manchmal  über  dem  ersten 

'  ~  —  Circumflex  (mit  Jota  subscr.)  o^m:  =  oo<);,  neinutsQÜi  =  TiEomisoii: 
Mem.  de  la  miss.  archeol,  franQ.  au  Caire  9.  1892. 

*  Nestle,  E.,  Zur  gr.  Accentuation  bei  Diphthonjren:  N.  Corresp.  für  d.  Ge- 
lehrten- u.  Realschulen  Württembergs  11.  1904  Heft  10. 


—     394     — 

Vocale,  so  z.  B.  in  dem  Oxforder  Plato  vom  Jahre  895  (Pal.  Soc.  Nr.  81). 
Allein  die  Regel  bleibt  doch,  daß  der  Accent  über  dem  zweiten  Vocale 
stehen  muß.  Auffallend  bleibt  ferner  die  Verdoppelung  des  Gravis, 
namentlich  über  fiev  und  de,  z.  B.  oi  fiei'  —  —  oi  de  —  —  oi  de 
(c.  Mosq.  4iy  aber  auch  über  knei,  vai ,  av  usw.,  so  z.  B.  schon  in  einem 

Uncialcodex  der  Pariser  Bibliothek  M€N,  A€,  T€  (allerdings  erst  von  zweiter 
Hand  hinzugefügt).-    Pal.  Soc.  25  a.  972  (?)  und  bei  Sabas  zum  Jahre  990 

eari  ßev  nöhg, no'/J.oTg  §i;  dadurch  widerlegt  sich  die  Auffassung 

von  Bast  (Comm.  pal.  824.  933),  daß  der  Doppelstrich  die  Beziehung 
zwischen  i^iev  und  de  hervorheben  soll,  denn  sonst  könnte  de  natürlich 
keinen  einfachen  Accent  haben;  auch  paßt  diese  Erklärung  nicht  für 
av,  kfxe,  enei,  xai ,  loinov,  fierä ,  fxi],  fiijv  usw.^  Es  sind  vielmehr  solche 
Worte,  die  bei  der  Betonung  gegen  die  anderen  zurückstehen  und  des- 
halb zum  größeren  Nachdruck  wenigstens  durch  einen  doppelten  Accent 
ausgezeichnet  werden.  An  anderen  Stellen  ist  dasselbe  Zeichen  anders 
zu  erklären,  so  z.  B.  als  liturgische  Note,*  oder  es  ist  nur  der  erste 
Strich  als  Gravis,  der  zweite  als  tachy graphische  Form  für  ov  (\)  auf- 
zufassen, wie  sie  sich  bis  in  die  späteste  Zeit  in  Gebrauch  erhalten 
hat.  —  Übrigens  braucht  kaum  ausdrücklich  hinzugefügt  zu  werden, 
daß  unsere  Handschriften  in  bezug  auf  Spiritus,  Accente  unserer  Aus- 
gaben wertlos  sind  und  bei  der  Constituierung  des  Textes  z.  B.  von 
Lachmann  und  Cobet  principiell  nicht  beachtet  werden. 


Viertes   Kapitel. 

Lesezeichen. 

Interpunktion  für  Silben-,  "Wort-  und  Satztrennung. 

Blanco,  Lor.,   Saggio  della  semiografia  Kaiser,  R.,  De  inscriptionem  graecarum 

dei  volumi  erculanesi.     Neapel  1842.  interpunctione.     Inaug.-Diss.     Berlin 

Blass^  311,  s.  Iw.  Müller.  1887. 

Braun,  W.,  Die  Lese-  und  Einteilungs-  Kenyon,  Palaeography  of  gr.  pap.  p.  25. 

zeichen  in  den  gotischen  Handschriften  ,,..,           ^     ^             .-,   ,  ,    o.-, 

■       .     .        •         ■     »/i    1     j     Vi    u  Kuhner,  Gr.  Grammatik  1  ^  317. 

der  Ambrosiana  in  Mailand.    Ztschr.  ' 

f.  dtsch.  Philolog.  30.  1898  S.  433.  Larfeld,  W.,  Handb.  d.  gr.  Epigr.  2.  Lpz. 

Grundzüge  u.  Chrestomathie  1.  Wilcken  1902   S.  563; ,   1.   1907  S.  ^8: 

1.  S.  XLVI:  Lesezeichen.  Apostroph.  Koronis  usw. 


*  Vgl.  Vitelli,  Museo  italiano  1  p.  13. 

^  Siehe  Omont,  H.,  Notices  et  extr.  des  mss.  33,  1.  1889  p.  11. 
^  Doppelaccente  s.  Reil,  Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  482.     Double  grave  accent 
often  on  ^tf,  ös,  ovdh,  ^r^öh'  rarely  yuo.     N.  Pal.  Soc.  205  (a.  11 9» j. 

*  Wattenbach,  Schrifttafeln  14  col.  IL 


—     395     — 

Lipsiiis,  K.  H.  A.,  Grammatische  Unter-  Schmidt,  K.  E.  A.,    De    origine    inter- 

suchungen  über  die  bibhsche  Graeci-  piinctionum     apiid     Graecos    [Stettin 

tat,  herausgegeb.  v.  Rieh.  Ad.  Lipsius.  1856]  p.  18. 

Über  die  Lesezeichen.    Leipzig  1863.  Steinthal,  Gesch.  d.  Sprachwissensch.  b. 

Meisterhans,    Gramm,    der  att.   Inschr.  d.  Griechen  u.  Römern  S.  694 — 700. 

1900.    S.  11:  Lesezeichen.  Thompson-Lambros,  Palaeogr.  p.  128. 
Müller,   Iw.  V.,   Handb.  d.  cl.  Altert.  1  -    1  Wessely,  D.  Lesezeichen  der  lliashand- 

311.548—49.    Interpunkt.  1  -  549.  schrift  TT"  Jahresber.  derStaatsgymnas. 

Schmidt,  K.  E.  A.,   Beiträge  zur  Gesch.  III.  Bezirk.    Wien  XXVIII.  1897. 

der  Grammatik  des  Griech.  und  Lat.  Wright,  Punctuation  in  the  [Herondas-] 

Halle  1859.  S.  506:  Von  der  Interpunk-  papyrus;   s.   Harvard -Studies  4.  1893 

tion  bei  den  Griechen.  p.  163. 

€Yni0IOY  A0HNAIOY 

(TTi^ai'Tog  t],v  Kadü'/.ov. 
TavTolöymv  xavövojv  cfev  Tihj&voi,  ijd'   cYidi'i/MV 

"OituaTu  fjisv  xixLu,}<s,  rivMV,  öcr/i^,  ivi'ov,  waor 
rTjg  Ku&ölov  de  ffioo)  ti,v  ödvv)ji'  xcciiö'/.ov. 

so  klagt  der  Dichter  eines  Epigramms^  über  die  langwierige  und  lang- 
weilige Arbeit  des  Interpungierens,  die  in  den  meisten  und  ältesten 
Schriftstücken,  die  sich  aus  dem  Altertum  erhalten  haben,  allerdings 
fehlte. 

Die  Scriptio  continua,  von  der  nicht  nur  der  Epigraphiker,  sondern  c^onTiiua 
auch  der  Paläograph  ausgehen  muß,  hat  selbst  für  den  Geübteren  ihre 
Schwierigkeiten  und  entspricht  wenigstens  den  Anforderungen  nicht, 
die  bereits  vom  Aristoteles  gemacht  werden,  Ehetor.  3,  5  (I  p.  11  ti 
ed.  Spengel):  Ö'/.ojg  öe  ösi  si'uväyvcoffTOV  sivai  ro  yeyoccfifxtvov  xat 
f.v(fou(jxov.  Eine  interessante  Stelle  über  die  fehlende  Worteinteilung 
ist  im  „Hirten  des  Hermas''.  Dort  erscheint  Visio  II  c.  1  die  Kirche 
dem  Hermas  in  Gestalt  eines  alten  Weibes  und  gibt  ihm  ein  Buch 
mit  Weissagungen  zum  Abschreiben:  ,,e/Mßov  hyoj  xai  eYg  riva  rönov 
Tov  äynov  ävu'/ooQi'iGai  j^BTeyoaU'ä/jiiii'  rrcivTa  tioo.;  yoäfifiu.  oi'/  f/voi- 
axov  ycio  Tuq  av?J.ccß(U.''  Dies  kann  doch  nicht  anders  verstanden 
werden,  als  so,  daß  Hermas  sagt,  er  habe  die  einzelnen  Buchstaben 
nicht  zu  verständlichen  Worten  sich  zusammenfügen  können  und  habe 
deshalb  die  einzelnen  Buchstaben  nachgemalt,  also  ohne  jede  Ab- 
teilungen der  Silben  geschrieben. 

Unterbrechung   der  scriptio    continua  findet    sich  in   attischen  und 
böotischen    Inschriften    von     Anfano^    des    zweiten     Jahrhunderts     nur 


'  Anthol.  Pal.  IX,  206  (II  p.  40  ed.  Dübner).     Vgl  unter  den  Buchtiteln  des 
Alexandriners  Xicanor  ntoi  011^11^1:  r^c  y.uäölov.     Müller,  F.  H.  G.  3  p.  532. 


—     396     — 

zwischen  den  vollen  Silben,  nie  innerhalb  der  Silben;  ebenso  im  dritten 
Jahrhundert.^ 

Um  das  Verständnis  und  den  Vortrag  zu  erleichtern,  fjflegte  man 
schon  zu  Aristoteles'  Zeit  zu  interpungieren.^  Daß  ein  aufmerksamer 
Leser  für  sich  oder  seine  Nachfolger  zur  Erleichterung  des  Verständ- 
nisses kleine  Zeichen   macht,  ist  so  selbstverständlich,  daß  von  einem 

der'intw-  Erfinder  der  Interpunktion,  wie  z.  B.  Aristophanes  von  Byzanz,  über- 

punktion  j^g^^p^  jj-j.j^^  ernsthaft  die  Rede  sein  kann.^ 

Aber  es  dauerte  lange,  bis  die  Wort-  und  Satztrennung  völlig 
durchgeführt  war.  Selbst  noch  in  späterer  Zeit,  als  die  Paulinischen 
Briefe  ins  Lateinische  übersetzt  wurden,  führte  die  soriptio  continua  zu 

ständuls'se  ^^"^  Wunderbarsten  Mißverständnissen,  worüber  sclion  Epiphanius 
Ancorat,  c.  74 — 75  ed.  iuxta  Petav,  Colon,  p.  80  klagt.  Es  wurden 
z.  B.  1.  Kor.  6,  20  die  Worte  äoa  rs  tov  üsöv  falsch  verbunden:  äocczs 
Tov  if^eöv  und  dieser  Unsinn  treulich  im  Lateinischen  wiedergegeben 
durch  j)ortate  deum.  Phil.  2,  4  sind  die  Worte  exucrvoi  axoTiowreq,  im 
c.  Boernerianus  getrennt:  exugtoi^  xotcowte^,  und  ähnlich  L  Kor.  9, 12 
or  xe/oiJixEiha  im  c.  Alex.,  während  Wetstein  ovx  E/nijii^&a  conjiciert. 
Das  sind  Mißverständnisse,  über  die  wir  uns  um  so  weniger  wundern 
dürfen,  als  wir  noch  heute  in  unseren  ältesten  Handschriften  ganze 
Bücher  durchgehen  können,  ohne  einen  Punkt  zu  finden;  statt  dessen 
finden  wir  aber  zuweilen,  z.  B.  schon  in  der  berühmten  vaticanischen 
Bibel,  einen  kleinen  leeren  Raum,  der  einen  Sinnabschnitt  bezeichnet. 
Aus  früherer  Zeit  kommen  allerdings  Schriftstücke   mit  durchgeführter 

trennVng  Worttrcunung  vor. 

Von  einer  Inschrift  solonischer  Zeit  bustrophedon  geschrieben 
I.  G.  A.  492  bemerkt  Kirchhoff,  Studien^  S.  24,  daß  sie  „in  ihrer  letzten 
Hälfte  ziemlich  regelmäßig  mit  einem  Doppelpunkte  (:)  interpungiert  ist'- 
und  C.  I.  Gr.  2953  zeigt,  daß  die  Interpunktion  :  bereits  sehr  alt  ist^ 
und  dementsprechend  =  auf  einem  böotischen  Denkmal,^  I.  G.  A,  165, 
Larfeld,  Sylloge  inscr.  boeoticarum  Xr.  572.  Auch  in  anderen  Inschriften, 
wie  C.  I.  Gr.  321  aus  der  Zeit  des  Kaisers  Hadriau,  und  ebenso  Nr.  974, 
in  einer  olympyischen  Inschrift  Nr.  356  (Arch.  Zeitung  1880  S.  63)  ist  das 


*  Siehe  Keil,  Br.,  Hermes  2.")  S.  .")98.  Kenyon,  Palaeogr.  gr.  pap.  p.  2G — 27. 
Meisterhans,  Grammatik  der  attisclieu  Inschr.  Berlin  1900.  De  vocabulorum  sylla- 
barumque  inter  se  distinguendarum  adiumentis.  Dioscurides  cd.  Premerstein, 
Wessely  .  .  .  p.  230. 

*  Arist.  rhet.  3,  5:  tnii  6ä  tö  nvcü,  ö  nto  ot  nolXol  crifötafioi  ovx  t/ovaii',  ovo' 
H  fii]  gridiov  öiaaii^ac,  loaTieo  xa  ' HQaxXeiiov,  tu  yrtg  'U^axleiiov  Öiaaii^ui  toyor 
öu't  tÖ  uörj).ov  ecfai  noieQco  nQody.eiKu.  iw  vtrttoop  ij  iw  noöieoof.  Vgl.  Schmidt,  C.E.A., 
De  origine  interpunetionum  apud  Graecos  p.  18. 

^  Siehe  Schmidt,  K.  E.  A.,  Beitr.  z.  Gesc-h.  d.  Grammatik.    Halle  1839  S.  .371. 

■*  A^gl.  Kirchhoff,  Studien  zur  Gesch.  d.  gr.  Alph.*  S.  13. 

^  Über  einen  geraden  Strich  |  als  Worttrennung  s.  o.  S.  377,  Zahlen,  Null. 


—     397     — 

Ende  des  Wortes  durch  einen  Apostroph  in  der  halben  Höhe  der  Buch- 
staben bezeichnet:  AlhOAYMniCÖ'  usw.;  auf  anderen  (C.I.G.  Nr.  1830 ff. 
1989)  sind  die  Worte  durch  Punkte  voneinander  geschieden.  Auch 
Seneca  sagt  in  den  Epist.  4,  10  (I  p.  161  Fickert):  nos  eiiam  cum  scri- 
himiis  interpungere  adsitevimus ;  aber  in  litterarischen  Papyrustexten  der 
alten  Zeit  (s.  Ken  von,  Palaeogr.  p.  26)  ist  Worttrennung  allerdings 
selten,^  findet  sich  aber  doch  gelegentlich  z.B.  in  der  Evdö^ov  rs/vi/^ 
(vor  154  v.Chr.),  Wattenbach,  Scr.  gr.  spec.  1. 1,  während  die  Kalligraphen 
alle  Buchstaben  in  denselben  Abständen  schrieben.  Die  Worttrennung 
wurde  dann  manchmal  durch  Punkte  über  der  Linie  angedeutet.  Nach 
Aristoteles,  Rhet.  3,  5  wurden  diese  Punkte  auch  manchmal  von  den 
Lesern  hinzugefügt.  Kenyon  sagt  Pal.  p.  26:  Perhaps  the  only  example 
of  it  [d.  h.  Worttrennung]  is  in  a  short  grammatical  ireatise,  hearijig  the 
name  of  Tryphon  icritien  not  earlier  than  the  fourth  Century  on  some  blank 
pages  in  a  ms.  of  Homer  in  the  Brit.  Museum  (Pap.  CXXVI).^ 

Den  üncialhandschriften  ist  bis  zuletzt  die  Worttrennung  fremd  undiaihand- 
geblieben;  noch  in  dem  Evangelistar  des  Priesters  Constantin  vom 
Jahre  995  findet  sich  keine  Spur  von  Wort-  oder  Satztrennung.  Nur 
die  abendländische  griechische  ünciale  nimmt  hier  eine  Ausnahme- 
stellung ein.  Die  Schottenmönche  hatten  natürlich  keine  Veranlassung, 
die  Schwierigkeiten  der  fremden  Sprache  noch  durch  die  der  Schrift 
zu  steigern;  sie  trennten  also  die  Worte  durch  kleine  Zwischenräume, 
und  dem  Sedulius  Scottus  war  auch  das  noch  nicht  genug:  er  fügte 
auch  noch  Punkte  hinzu  und  bei  größeren  Abschnitten  sogar  Doppel- 
punkte, und  ebenso  der  Schreiber  des  c.  Augiensis  von  Reichenau  (jetzt 
in  Cambridge). 

Ein  freier  Raum  in  der  Schriftzeile  kostete  nicht  nur  Platz,  son- 
dern gab  auch  der  Schrift  ein  ungleichmäßiges  Aussehen;  ein  Punkt 
oder  Häkchen  konnte  an  seine  Stelle  treten. 

Die  Griechen  begnügten  sich  schon  früh,  das  Ende  des  einen  und  Häkchen 
den  Anfang  des  anderen  Wortes  durch  '  hervorzuheben.'*     Durch  dieses 
Zeichen  wollte  man  den  Lesenden  auf  eine  Schwierigkeit  im  Vortrage 
aufmerksam    machen,    z.  B.    bei    fremdartigen   Eigennamen  Ar/vnroi\ 
ferner  bei  Vocalhäufung  (Reil  a.  a.  0.  S.  499)  oder  bei  besonders  harten 


'  Vgl.  Wright,  J.  H.,  Heroiidaea.  Boston  1893  p.  169:  Punctuation  in  the 
papyrus.     The  spaces 

»  Notices  et  Extr.  d.  mss.  18,  2  PI.  I— X. 

-  Vgl.  Reil,  Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  501:  Wortverbindung  und  -trennung. 

*  Über  diakritische  Zeichen  zur  Markierung  der  Worte  und  Silben  in  In- 
schriften aus  den  letzten  Jahrzehnten  des  vierten  Jahrhunderts  s.  Koehler  zu 
C.  1.  A.  II,  2  Xr.  834  p.  527.  Vgl.  Reil,  Byz.  Ztschr.  19.  1910  S.  495:  Das  Apostroph- 
zeichen. 


—     398     — 

Consonantenverbindungen,  Aoy'yov  und  a'üjj'/.r/yviji}  wenn  das  eine 
Wort  consonantisch  auslautete  und  das  nächste  mit  einem  oder  mehre- 
ren Consonanten  begann:  OAPAFE'.  YAQP'.  In  dem  AViener  Dioscorides. 
herausgegeben  von  Premerstein,  Wessely  usw.  Leiden  1906  p.  137 
sind  fremdartige  Namen  durch  "  ausgezeichnet:  y'Ludio't.ct  xeo^zeo  usw.. 
doch  auch  bei  griechischen  Worten  wird  dasselbe  Zeichen  angewendet: 
yuo'  ycuo'7io<i^  off&a'/.piov,  g'jieo' uuto^v.  Dafür  hat  Wessely  p.  144  ff. 
viele  Beispiele  gesammelt. 

In  dem  c.  Vatic.  2200  aus  dem  neunten  Jahrhundert  (Pal.  Soc.  II,  12: 
Fr.  d.  Cavalieri-Lietzmann  Nr.  5)  wird  das  Zusammentreffen  zweier  Con- 
sonanten manchmal  durch  einen  einfachen  oder  doppelten  Apostroph 
angedeutet.  Apostroph  oder  Punkt  wird  also  auch  im  Inlaut  angewen- 
det, 7iag-ov(j7],^  ebenso  irTT[€Q  in  einem  Papyrus^  vom  Jahre  233. 
Biblische  Beispiele  sind  von  Woide  in  den  Prolegg.  seiner  Ausgabe 
des  c.  Alexandrinus  zusammengestellt  p.  V:  ANHP'TIC.  PAP'.  HC'O'KC 
{tji  0  xvoio^)  0  und  0'APXI€P€YC  O'OYK'.  OYK".  ON"  OYN.  CQTHP' 
YAQP'.  QCnEP"OIQC"€AYTON.  CKOAHH".  Im  Inlaut:  BH0"C<MA(N, 
^<^^A^^PHNQN.  ^€0■C€M^NEI.  HP'NHC<MO.  nPOC"HN€r'K€N.  CYN- 
€*APIQ.-^ 

Selbst  in  Minuskelhandschriften,  z.  B.  dem  berühmten  c.  Ravennas 
(s.  XI)  findet  sich  noch  ov}c\  fjiöi'ov'  usw.,  was  von  den  Schreibern  wohl 
kaum  noch  verstanden  wurde.  ^  Noch  in  einer  Homerhandschrift  ^  des 
neunten  Jahrhunderts  pflegt  im  Auslaut  nach  o,  x,  ip  und  |  dieses 
Häkchen  angewendet  zu  werden:  yao\  ovx\  ^läip'  yvv^\  Wie  ein  Häk- 
chen '  den  Leser  auf  harte  Consonantenverbindungen  aufmerksam 
machen  sollte,  so  wurden  Vocalhäufungen  wahrscheinlich  durch  einen 
kleinen  Strich  '  bezeichnet.  Aus  dem  c.  Sarravianus  wird  angeführt 
AYTOY  '€OOBH0H,  und  Tischendorf  citiert  Monum.  Sacra  inedita  Nov. 
Coli.  T.  m  p.XX:  KAIHnOP€lTO',  €lCTOCCüZ€C0Ar  €in€NA€lAKQB";' 
doch  wurde  der  Leser  auf  das  Zusammentreffen  mehrerer  Yocale  auch 
durch  ein  Häkchen  aufmerksam  gemacht,  z.  B.  IMATIA'AYTQN  im 
c.  Sinaiticus. 

In  einem  Papyrus  v.  J.  542  (Pal.  Soc.  II,  113)  ist  der  Apostroph 
ersetzt  durch  einen  einfachen  Punkt  oönicov,  vBt7Mii(i[(ovoi,  in  einem 
anderen  des  achten  bis  neunten  Jahrhunderts   (Pal.  Soc.  II,  126)  durch 


1  Schubart,  Pap.  gr.  berol.  36  (a.  236  n.  Chr.). 
-  Pap.  Gr.  Br.  Mus.  4  Nr.  1332. 
ä  Not.  et  Extr.  18,  2  PL  XLY  Pap.  69  col.  c. 

*  Andere    Beispiele    ia  Tischendorfs   Vorrede    zu    den    Monum.    sacra  ined. 
Xova  coUectio  vol.  V. 

'"  Vgl.  Martin,  A.,  Biblioth.  des  ecoles  fran^.  1882.  27  p.  XIII. 

®  Siehe  Sittl,  Ber.  der  Münchener  Akad.  (Philos.-philol.  Kl.)  1888  S.  260. 

'  Vgl.  auch  den  1.  Bd.  der  Tischendorf  sehen  Sammlung  p.  XXVI. 


—     399     — 

einen  doi)pelten  Apostroph.^  Doch  kommt  dasselbe  Zeichen  auch  wohl 
schon  in  unserem  Sinne  als  Apostroph  vor:  vrf  ov,^  Corp.  I.  Gr.  2851:  Apostroph 
TovÖ'  ävi&riixi]  tvjIo[_v'];  ferner  in  einer  olympischen  Inschrift  Nr.  340, 
die  Arch.  Zeitung  1880  S.  54  in  die  zweite  Hälfte  des  dritten  Jahr- 
hunderts gesetzt  wird:  TovÖ'  iTiöv.  Ein  Apostroph  in  Gestalt  eines 
Punktes  in  der  Höhe  soll  sich  in  einem  Hesiodpapyrus  finden.^  Auch 
in  dem  Psalterium  Uspenskyanum  vom  Jahre  862  wird  der  Apostroph 
angewendet  z.  B.  '€17',  'A0'  usw. 

Erst  mit  der  Einführung  der  Minuskel  schritt  wurde  auch  die  Wort-  Minuskel 
trennung  durchgeführt,  aber  noch  keineswegs  bis  zu  ihren  letzten  Con- 
sequenzeu.  Die  ]VIinuskel  unterscheidet  sich  dadurch  von  der  Unciale, 
daß  der  Schreiber  soviel  wie  möglich  zusammenfaßt;  Zwischenräume 
entstehen  aus  graphischen  Gründen,  weil  der  Anfang  des  einen  Wortes 
sich  nicht  gut  mit  dem  Ende  des  vorhergehenden  verbinden  läßt. 
Zwischenräume  zwischen  den  Worten  sind  ebenso  groß  und  ebenso 
häufig  wie  zwischen  den  Silben. 

In  einer  vaticanischen  Platohandschrift  dagegen  (c.  Vatic.  gr.  1 
s.  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  Nr.  9)  ist  nicht  jedes  Wort  ohne  ab- 
zusetzen geschrieben;  aber  jedes  Wort  mit  Ausnahme  der  Präposi- 
tionen usw.  ist  durch  einen  Zwischenraum  von  dem  nächsten  getrennt; 
wenn  dieser  fehlt,  ist  durch  einen  Strich  oder  einen  Punkt  unter  der 
Zeile    darauf   hingewiesen:    unoroonTi    q-   e,    selbst    mitten    im    Worte 

findet  sich  dieser  Punkt  ö)    cp  «  öeIv.^ 

Die  Schlußbuchstaben  werden  mit  den  folgenden  Anfangsbuch- 
staben verbunden  oder  auch  nicht  verbunden  mehr  nach  der  Bequem- 
lichkeit des  Schreibers,  als  mit  Rücksicht  auf  das  Verständnis  des 
Lesers.  Namentlich  Präpositionen  werden  möglichst  eng  mit  ihren  ^"^^^len^'^" 
nachfolgenden  Casus  verbunden,  und  verlieren  sogar  den  Accent.  so 
z.  B.  in  dem  Euclidcodex  d'Orvill.  X,  1.  infr.  2.  30  a.  889  (rc.  888): 
ÖiariiV,  arroTov,  etariiV,  nooaäKh^'Lu  usw.,  wenn  sie,  wie  liq,  Ttgö^  usw., 
mit  einem  Buchstaben  endigen,  der  sich  leicht  mit  dem  folgenden 
verbindet,  so  trennt  sich  dieses  o-  usw.  meistens  von  seinem  Worte; 
höchstens  wird  vom  »Schreiber  oder  von  einem  aufmerksamen  Leser 
zur  eigenen  Bequemlichkeit  der  wirkliche  Zusammenhang  durch  Zeichen 
angedeutet.  Wo  fremdartige  Bestandteile  verbunden  sind,  wird  durch 
die  Diastole  oder  Hypodiastole  (,)  die  sinnlose  Verbindung  auf-  Diastole 
gelöst.     H  dt  diaaxoh}  xidtTcci.  oruv  diaaretlai  xal  dia/cooiffui  öcpei- 

*  Vgl.  Thompson-Lambros,  Pal.  136. 

-  Cozza,  Sacr.  bibliorum  vetustissima  fragmenta.     Ossan,  Syll.  Inscr.  447. 
ä  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1887  S.  809. 

*  Worttiennimg  bei  Verben  und  Substantiven  siehe  Reil,   Byz.  Ztschr.  19. 
1910  S.  508. 


—     400     — 

'/.(ofiiv  rivu  /.e|/i'  oiov  eariv,  ä^io^  im  Gegensatz  zu  tan  iVd^iog,  ferner 
ifTTi,  vovi  nicht  iarti'  ov^  (Bekker,  Anecd.  gr.  II  p.  675.  719.  745). 
Dieses  Zeichen,  das  Herodian  zuerst  beim  Homer  angewendet,  hat  sich 
in  unseren  homerischen  Handschriften  gehalten,  z.  B.  O  238  ^coov^ 
()'e,(jäü}.  288  fjii'/T    c/.Q,Tt,  478  t],v,ö\  nicht  d'haäco,  fii'/T    äori  und  rijvd\ 

Hyphen  Während  die  Diastole  trennt,  so  verbindet  das  Hyphen^  [i]  vcpkv)  ge- 
nannte Zeichen  ^  oder  ^^  (z.  B.  im  Bacchylidespapyrus),  das  nament- 
lich gebraucht  wird,  um  die  auseinander  fallenden  Teile  der  Com- 
posita  zusammenzufassen:   Bekkers   Anecdota   gr.  II  p.  699   ?/  de.  vrfev 

Titfercd,  Örav  /.£|£/^  äfjLC/.  öcfeC/Mni  Lkyiaß-ui oiov  vixölMoq,  p.  675 

*fü.6^{fio2,^  uo/t ^GTodTijyog. 

^puuu  ^^^  einfacher  oder  Doppelpunkt,  der  zur  Trennung  der  Worte  z.  B. 

schon  in  linksläufiger  Schrift  (Franz,  Elementa  Nr.  42)  vorkommt,  diente 
zur  Trennung  der  Sätze  in  dem  Papyrus  der  Artemisia.  A  colon  is 
used  (Pap.  Artemisia)  for  piirposes  of  punctuation  as  in  inscriptions  and  in 
feiv  papyri?  In  Dialogen  wird  er  aogewendet,  wenn  ein  neuer  Redner 
beginnt  (Oxyrh.  Pap.  II  p.  124  Nr.  211.  212.  228).  Auch  in  einem  Briefe, 
der  zwischen  164  und  158  v.  Chr.  geschrieben  ist,^  sieht  man  dasselbe 
Zeichen,    nur    daß    hier    die    Interpunktion    jedesmal    noch    durch    ein 

Ttogdyr^a-  z^ygltes  Zcichcn  verstärkt  wird,  nämlich  die  Tiaodyoacpog  (s.  u.),  einen 
Querstrich,  der  mit  einem  kleineren  oder  größeren,  nach  unten  gewen- 
deten Häkchen  beginnt  und  zwischen  die  Zeilen  gesetzt  zu  werden 
pflegte,  d.  h.  unter  derjenigen  Stelle,  auf  Avelche  sich  das  Zeichen 
bezieht. 

Dasselbe  Zeichen  in  demselben  Sinne  ist  auch  in  dem  Steckbrief 
vom  Jahre  145  v.  Chr.'*  angewendet.  Dieser  Querstrich  kann  noch 
verstärkt  werden  durch  einen  schrägen  Strich  am  Rande,  der  ebenfalls 
mit  einem  kleinen  Häkchen  anfängt  und  endigt;  beide  Zeichen  kommen 
sowohl  verbunden  als  einzeln  vor.^  In  einer  Inschrift  C.  I.  G.  6092 
finden  wir  am  Schlüsse  jedes  zweiten  Distichons  am  Rande  das 
Zeichen  >,  ebenso  in  einer  ägyptischen  Inschrift  mit  einem  Päan  auf 
Trajan    *")    als  Zeichen  einer  größeren  Interpunktion.^ 

Daneben  pflegte  man  größere  Abschnitte  durch  einen  hohen, 
kleinere  durch  einen  tiefen  Punkt  zu  bezeichnen:  ihe  high  stop  denoting 

^  Lipsius  a.  a.  0.  §  8  S.  112  flf.     Bast  comm.  pal.  858  —  59. 

^  Kenyon,  Pal.  p.  57. 

2  Notices  et  Extr.  18,  2  p.  319  Pap.  49. 

*  Wattenbach,  Schrifttafeln  3  Zeile  16.  17. 

^  Notices  et  Extr.  18,  2  PI.  XI  Pap.  2.  Diese  Zeichen,  wie  Sauppe  wollte, 
mit  der  stichometrischeu  Einteilung  in  Verbindung  zu  bringen,  liegt  kein  zwingen- 
der Grund  vor.  Über  dieses  Zeichen  bei  Demosthenes  s.  Weil,  Dun  signe  critique 
dans  le  meilleur  ms.  de  Demosthene.     Melanges  Graux  p.  13. 

"  Siehe  Eevue  Archeol.  III.  13.  1889  p.  71.  Vgl.  Wright,  The  naqüyqacpo;  and 
ößelög  [bei  Herondas]  s.  Havard  Studies  4.  1893  p.  177. 


—     401     — 

a  longer,  ihe  loic  stop  a  shorter  pause.  The  use  of  stops  is  said  to  have 
been  systematized  hy  Aristophanes  of  Byxantium  who  —  —  rised  a  dot  in 
the  middle  of  the  line  io  denoie  a  pause  still  shorter  than  the  low  stop} 

Aristophanes  von  Byzanz^  fing  nämlich  an,  den  homerischen  Text  "Vßyzanz' 
zu  interpungieren,  jedoch  nur  mit  drei  Zeichen,  der  tümu  arr/ixi] 
[d.  h.  Punkt  =  Te'/.eia  des  Nicanor),  v:ToaTr//.n'j  (Semicolon  =  VTrorsleia 
des  Xicanor)  und  fxeaij  aTiyi.n],  welche,  unserm  Komma  entsprechend, 
eine  Pause  im  Vortrag  andeutete.^  Wir  kennen  allerdings  nicht  das 
Zeichen  für  diese  schwächste  Interpunction,  wahrscheinlich  war  es  im 
Gegensatz  zur  vnoariyui'i^  ein  Punkt  über  dem  letzten  Buchstaben  des 
betreffenden  Wortes  über  der  Zeile;  wenigstens  wird  dieses  Zeichen 
in  der  IKas  Bankesiana  ^  in   diesem  Sinne   angewendet  und  entspricht 

einem    Komma     in     unseren    Texten:     D.    Q   553    AIOTP€0€CÖ0PA' 

556  nOAAATA'TOI0€POM€NCY AHO' NAIO'KAI  557  rAIAN"€n€r 

560    r€PON*NO€'Q.      Seine    vollständigere    Ausbildung    verdankt    das 
Interpunctionssystem   aber  dem   schon  genannten  Nicanor  und   seinem    xicanor 
Werke  neol  'lhaxT,i  (TTr/tuTi^.^    Seine  Zeichen  waren:  teXüc/.  (=  Punkt)     xtiEia 
am  Schluß  des  Satzes,  vtcoteIeiu  (=  Semicolon),  wenn  der  folgende  Satz  inozeXtia 
mit  Öt  usw.   an   den  vorhergehenden  angeschlossen  wurde,  nochrri  c/.vco  ^gcörrj  ävco 
[d.  h.    ein    Punkt   über    dem    letzten    Buchstaben    des    vorhergehenden 
Wortes)  bei  einer  Verbindung  der  Sätze  durch  fiiv — Se,  i] — //,  ov — ä'/JM. 
ferner    d'evTeoa    aro)    (•>)   bei    einer   Verbindung    durch   xai,    endlich ifir^ea «v« 
Toirj]    ävco    (<•)    bei    tL     Wenn    dagegen    der    Vordersatz    durch    ein  rsürj  üvco 
Relativum,   durch  Jj/aog,  kTtsi,  iva  usw.  mit  seinem  Nachsatze  verknüpft 
war,   so   setzte   er   einen  schrägliegeuden  Strich,   die   vno(jTi}\u)j  kvvnö- 
xoiTo^,  während   zwei  Punkte  unter  dem  letzten  Buchstaben,   die  vno- 
(TTi/fiij    ävv:r6xniT0^,    wahrscheinlich    das    Ende    einer  Parenthese    be- 
zeichneten, z.  B.   0  299:  ^(fsrixi/.     Wenn   endlich  nur  die  Stellung  von 
Vorder-  und  Nachsatz  vertauscht  war,   so  brauchte  man   ein  Zeichen, 


1  Oxyrh.  Pap.  II  p.  118  Nr.  226. 

-  Schmidt,  C.  E.  A.,  De  origine  interpunct.  p.  19.  25.  Festschrift  von  Stettin 
185G.     Vgl.  auch  —  — ,  Beiträge  z.  Gesch.  d.  Grammatik  S.  571  fF. 

'  Vgl.  Dionysii  Thracis  ars  grammatica  ed.  G.  ühlig  §4  p.  7:  I^iiyuai  sIol 
Toeig'   TE/.eia,  ^effr],  vnoanyfii^. 

*  Ch.  Graux  erklärt  diese  Interpunction  etwas  anders:  „a"  if-ksia,  o.  vno- 
(niyui)  «•  ,u6(Tj;  anyiAi,  (ponctuation  la  plus  faible).  Pour  ma  part,  il  me  semble 
bien  reconnaitre  les  trois  degres  de  ponctuation  marques  par  le  point  ä  ces  trois 
places  dans  le  Xr.  70  de  Paris,  un  manuscrit  de  luxe  admirable  au  point  de  vue 
de  la  calligraphie  corame  de  tout  le  reste." 

'  "Wnttenbach,  Schrifttafeln  Xr.  1.  Die  Interpunction  ist  natürlich  von 
zweiter  Hand. 

^  Friedländer,  L. ,  Nicanoris  neui  'IXin/Sj;  atiy^i^ii  reliquiae  emendatiores. 
Königsberg  1850.  Carnuth,  0.,  iieol  'OÖvcraetaxij:  (rtiyfiijg.  Berlin  1875.  Schmidt, 
Beitr.  S.  521. 

Gardthausen,  Gr.  Paläo^rapliie.    2.  Aufl.    II.  26 


—     402     — 

das  der  Scholiast  zum  Dionysius  Thrax  vnodiuaroXri,  Nicanor  dagegen 
ßoa-/da  SiafTro7j'i  nennt.  —  Von  diesem  Interpunctionssystem,  das 
Friedländer  auf  die  ersten  Verse  der  Ilias  angewendet  hat  (a.  a.  0. 
S.  5  —  6),  finden  sich  in  unseren  Homerhandschriften  nur  geringe  Eeste.^ 

Eine  Trennung  der  Sätze  und  Satzglieder  entsprang  daneben  aber 
vielleicht  noch  aus  einer  anderen  Quelle,  nämlich  aus  der  colometrischen 
coiometrie  Schreibweise,  —  Da  dieselbe  mit  einer  allzu  großen  Raumverschwendung 
verbunden  war,  so  schrieb  man  zunächst  so,  daß  nur  kleine  Lücken 
die  einzelnen  Cola  voneinander  trennten,  und  nun  war  es  nur  noch 
ein  Schritt,  auch  die  Lücken  zu  beseitigen  und  durch  kleine  Zeichen, 
wie  -^,  Punkte  und  Kreuze,  zu  ersetzen,  wie  man  es  z.  B.  in  dem  ältesten 
datierten  Minuskelcodex  vom  Jahre  835  sehen  kann,  wo  ein  Kreuz 
unter  einem  Punkt  den  Schluß  bezeichnet.  Dasselbe  bedeutet  ein  ein- 
faches Kreuz  in  dem  c.  Par.  62  und  c.  Vat.  gr.  354,  ähnlich  auch  im 
c.  Vat.  1067  und  c.  Colbert  700,  während  c.  Vatic.  gr.  351  jede  Unter- 
scheidung durch  zwei  Punkte  ausdrückt.  Auch  Lipsius  a.  a.  0.  70  A.  2 
stellt  eine  Reihe  von  neutestamentlichen  Beispielen  zusammen,  wo  das 
Kreuz  bald  einen  Punkt,  bald  ein  Komma,  bald  ein  Semicolon  vertritt. 
Diese  Verschiedenheit  erklärt  sich  so,  daß  ein  Kreuz  das  Ende  der 
ursprünglichen  Sinnzeilen  bezeichnet.  Da  nun  aber  die  Coiometrie  der 
Christen  für  den  Vortrag  in  der  Kirche  berechnet  war  und,  wie  nie- 
mand bezweifelt,  nur  Sinnzeilen  kannte,  so  entsprach  auch  die  Inter- 
punction,  die  an  ihre  Stelle  trat,  den  Bedürfnissen  des  Vortrags,  d.  h. 
dem  Sinne. 

Denn  wenn  auch  die  Coiometrie  Einfluß  gehabt  hat  auf  die  w^eitere 
Alter  Verbreitung  der  Interpunction,  so  war  sie  doch  sicher  nicht  die  Wurzel, 
aus  der  dieselbe  sich  entwickelte.  Die  Wurzel  ist  in  viel  früherer  Zeil 
zu  suchen. 

Schon  die  alten  Ägypter  markierten  einen  Sinnesabschnitt  durcli 
ein  ähnliches  Zeichen;  vgl.  den  altägyptischen  Brief  aus  der  Ramseszeit 
(14.  Jahrh.)  bei  Dümichen,  Gesch.  des  alten  Ägyptens  (Onkens  Allgem. 
Gesch.  in  Einzeldarstell.).  Berlin  1879  S.  274.  ,,Das  schraftierte  Zeichen 
in  Zeile  9,  welches  anzeigt,  daß  hier  ein  neuer  Abschnitt  beginnt,  ist 
im  Original  rot,  die  übrige  Schrift  schwarz."  Diese  ägyptische  Inter- 
punction mag  die  Papyrusschrift  der  Griechen  direct  beeinflußt  haben. 

Paragraphos   ^    ^— j    Die  Paragraphos^  ist  ein  kleiner  wagerechter  Strich  unten 

am  Anfang  der  Zeile,  der  auf  das  Ende  des  Sinnabschnittes  in  der  Zeile 
hinweisen  soll,  das  zugleich  durch  einen  kleinen  freien  Raum  bezeichnet 

^  Hoflfmann,  Das  21.  und  22.  Buch  der  Ilias  S.  90—91. 

*  Hermes  13  S.  16  ACTPON.  Ken  von,  Palaeogr.  pap.  p.  27  sagt  von  der 
Paragraphos:  it  marks  the  end  not  the  beginning  of  a  sentence;  vgl.  Wright, 
Herondaea.    Boston  1893  p.  1T7:  The  nnqüyoacfjo;  and  oSeiu;. 


—     403     — 

ist;  sie  wird  schon  bei  Aristuteles,  Rh  et.  3,  8  (p.  1409  A.  20)  erwähnt. 
Spaces  in  the  text,  sagt  Keuyon,  Pal.  p.  27  n.,  without  paragraphi, 
are  found  in  some  lUerary  papyri  [e.  g.  the  Ilerodas  ms.  sometimes)  and  not 
unfrequently  in  non-literanj  papyri,  especially  ihose  of  a  legal  nature.  „Am 
Anfang  der  Columnen  findet  sich  zwischen  zwei  Zeilen  mehrfach  ein 
kleiner  wagerechter  Strich,  dem  zumeist  in  der  vorangehenden  Zeile 
ein  kleines  Spatium  entspricht."^ 

Die  Papyrusfragmente  z.  B.  des  Alkman  zeigen  bereits  am  Ende 
einer  Strophe  die  Paragraphos  in  Verbindung  mit  einem  andern 
Zeichen,  ZI,  das  ßlass  für  eine  Koronis  hält,  während  nach  den  Vor- 
schriften des  Hephaestion  (p.  75  ed.  W.)  durch  die  Verbindung  beider 
Zeichen  das  Ende  einer  größeren  Einheit  von  Strophe,  Antistrophe  und 
Epode  bezeichnet  wurde,  und  die  Strophe  allein  durch  einen  daneben 
geschriebenen  Querstrich  begrenzt  werden  sollte.  In  the  Bacchylides  ms. 
[ßrst  centw'y  B.  C.)  it  marks  the  end  of  each  Strophe,  antistrophe,  and  epode.- 
In  der  Tat  ist  die  Koronis^  nahe  verwandt  mit  der  Paragraphos;  sie  KorouLs 
ist  ein  nach  rechts  gewendeter  spitzer  Winkel,  der  den  Zweck  hat,  die 
Fuge  zwischen  zwei  verschiedenen  Abschnitten  hervorzuheben;*  er  be- 
zeichnet also  wie  die  Paragraphos  das  Ende.^  In  einem  anonymen 
Comnientar  zum  platonischen  Theaetet  (Schubart,  Pap.  gr.  berol.  Nr.  31) 
sind  die  Citate  durch  die  Paragraphos  und  das  Zeichen  >  bezeichnet. 
Während  die  Koronis  im  modernen  Sinne  bei  der  Krasis  erst  in 
accentuierten  Minuskelhandschriften  vorkommt,  ist  sie  im  antiken  Sinne 
viel  älter  und  kommt  sogar  auf  Inschriften  vor.^  Hephaestion  ed. 
Gaisf.  1,  137  erklärt  den  Ausdruck  r/Js  (^s  xooojvtd'og  rovtö  hfrzi  ai]- 
iieiov  "">•  'Aeyercci  dt.  xccrä  peraffGoav  äno  r/J^  ^^  roig  nXoloig  ccvaxa- 
xafiuei'Tjg  xonrovido^-  coronis  tantum  in  fine  lihri  posita  invcnitur,  schol. 
gr.  in  Homeri  Iliadem  ed.  Dindf.  1  p.  XLVIII. 

1     Etymologisch  bedeutet  Koronis  sicher  soviel  wie  Krähenschnabel. 
1^^  und    in    der  Tat    sieht  man    am   Rande   des  Timotheus- Papyrus  ^p^p^^®"'" 
ü.      einen  Vogel.    ,,Es  wird  doch  wohl  ein  zu  einem  Vogel  stilisiertes 
Zeichen  sein,  das  die  Function  der  späteren  Koronis  erfüllt,  ob  es  eine 

1  Siehe  I.  Ant  79.  C.  I.  A.  I,  318.  Altert,  von  Pergamon  8  S.  92;  über  den 
Gebraiich  in  Handschriften  s.  Diels,  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1889  S.  G13, 

-  Kenyon,  Pal.  p.  '27. 

3  Pap.  Oxyrh.  IV  pl.  I.  1.  5.  9.  27.  36.  Isid.  Orig.  1,  21.  Wessely,  Stud.  6 
S.  148 — 49.  Zur-  Trennung  der  einzelnen  Auszüge  aus  IJasileios  —  —  dient  die 
Paragraphos,  die  manchmal  von  einem  an  die  Koronis  erinnernden  Schnörkel 
begleitet  ist.     Berl.  Klassikertexte  6  S.  23. 

*  Koronis  als  Zeichen  des  Personenwechsels.   AVessely,  Stud.  6  S.  104  A.. 301. 
'"  Martial.  epigr.  10,  1:  Si  nimius  videor  seraque  coronide  longus  —  — . 

*  Koronis  auf  Inschriften  z.  B.  C.  I.  A.  111.  1387;  s.  Wilhelm,  Sonderschr.  dts 
Ost.  Arch.  Inst.  7.   1909  S.  161— 1G2.     Sitzungsber.  der  Berl.  Akad.  1887  S.  810. 

26* 


—     404     — 

ist  und  eine  Krähe  vorstellen  will,  lasse  ich  dahingestellt.'"  ^  Diese 
naheliegende  Erklärung  ist  allerdings  angezweifelt  im  Literar.  Centralbl. 
1903  S.  1017,  wo  man  vielmehr  den  heiligen  Vogel  Ibis  erkennen  will. 
,,0b  [die  Zeichnung]  als  Eaumausfüllung,  Exlibris,  als  Eigentumsbezeich- 
nung oder  Wappen,  als  Buchschmuck  oder  als  Amulet  oder  gar  als  wirk- 
liche acpoaylq,  dienen  soll,  muß  dahingestellt  bleiben." 

Anders    urteilt    Schubart,    Pap.  gr.  Berol.  p.  VII:    Signum    avi    non 
dissimile,  quod  e  litteris  compositum  esse  videtur,  et  plus  valet,  quam  para- 
graphus,  praesertim    cum    linea   14   incipiat  exlrema  pars  earminis,  qua  de 
se  ipso  verba  facit  poeta. 
unciaic  ^^^    ^®^'    Späteren  Unciale    des  Mittelalters  wird   selbst  bei   einem 

größeren  Sinnabschnitt  nicht  immer  abgesetzt,  sondern  der  Anfang  des 
neuen  Satzes  steht  in  derselben  Zeile,  wie  der  Schluß  des  vorher- 
gehenden, und  nur  der  etwas  größere,  vorgerückte  Anfangsbuchstabe 
der  nächsten  Zeile  deutet  die  Fuge  an.  Das  kommt  schon  vor  in  der 
Genesis  Cottoniana,  die  Tischendorf  ins  fünfte  Jahrhundert  setzt,  und 
sogar  mitten  im  Wort  im  c.  Alexandrinus  Marc.  6,  35:  7io?J.oc  ^  rjd?} 
(ogag  tio).  \  Ai]i  ytvofxBvi]^;  TTooae'/.d-cov.  Der  Strich  über  dem  xai  dient 
wohl  nur  dazu,  den  Anfang  besonders  hervorzuheben.  Beispiele  aus 
Minuskelhandschriften  z.  B.  vom  Jahre  1063  s.  bei  Wattenbach,  Exempla 
codd.  gr.  p.  4:  äg  \  JJeo.,  ttoI  \  Ai);  xuv  \  Tr}v.  Viel  häufiger  sieht 
man  ähnliche  große  Buchstaben  in  der  Minuskelschrift  des  zehnten 
und  elften  Jahrhunderts,  so  z.  B.  in  der  Zosimushandschrift  cod. 
Vatic.  156. 

Das  Interpunctions  System  der  Uncialhandschriften  des  Mittelalters 
ist  sehr  einfach  entweder  durch  einen  oder  drei  Punkte  gekennzeichnet. 
Allein  man  würde  doch  den  Schreibern  dieser  Zeit  zuviel  Gelehrsam- 
keit zutrauen,  wenn  man  annehmen  wollte,  sie  hätten  noch  die  Regeln 
des  Aristophanes  von  Byzanz  angewendet. 

Die  Interpunction  2  geschieht  in  der  Regel  durch  einen  einfachen 
Punkt,  der  bald  mehr  in  der  Mitte  steht,  bald  mehr  nach  oben  oder 
nach  unten  gerückt  ist,  aber  wie  es  scheint,  mehr  zufällig,  ohne  daß 
man  berechtigt  wäre,   eine   ariyp-i]  tbIeiu,  vnoorriyfii'j  und  (16(77]  ariypn) 

nach  Art  der  alten  Grammatiker   zu  unterscheiden Der  c.  Vatic. 

drückt  die  Interpunction  .  .  .  meist  durch  einen  kleinen  Zwischenraum, 
der  c.  Sin.  zuweilen  durch  einen  Punkt  ^  in  der  Mitte  der  Buchstaben, 
noch  öfter  aber  durch  kleine  Zwischenräume  aus,  welche  der  Corrector 
öfters  zur  Beifügung  von  Punkten  benutzt  hat. 


Inter- 
punction 


^  Timotheos,  Die  Perser  hg.  von  "Wilamowitz-Moellendorf.  Leipzig  1908  S.  8; 
s.  Strzygowski,  Denkschr.  d.  Wiener  Akad.  (Phil.  bist.  Cl.)  51.  1903  Nr.  2  S.  172—73. 

-  Interpunction  durch  hohe  und  tiefe  Punkte:  N.  Pal.  Soc.  203. 

^  Interpunction  durch  einen  Punkt  s.  Dioscurides  ed.  Premerstein,  Wessely  usw. 
Leiden  190G  p.  167.     De  interpungendo  p.  284. 


—     405     — 

Die  luterpunction  der  ältesten  Minuskelhandschriften  beschränkt  ^"{„n'^^er" 
sich  übrigens  auf  das  Notwendigste:  nur  ausnahmsweise  wurden  die-^^°"skeihf3. 
selben  noch  wie  die  Uncialhandschriften  durch  einen  Querstrich  inter- 
pungiert,  wie  Haase  es  an  dem  c.  Palat.  398^  beol)achtet  hat:  Illnd 
addo,  lihrarium  absoluta  periodo^  quotiescumque  maioris  interpunctionis  notain 
e.rprimere  vellet,  in  ora  sinistra,  extra  columnam,  lineolam  transversavi  ap- 
posuisse:  quem  morem  maioris  sermonis  memhra  distingnendi  raro  reperi 
in  Codicibus,  und  Bast  fügt  hinzu:  Eundem  morem  reperi  in  vetusto  codice 
Piaton.  1807.- 

Hug.  a.  a.  0.  S.  221  erwähnt  ein  Baseler  Evangelistar,  in  welchem 
„ein  Punkt  an  der  Höhe  der  Buchstaben  das  Schlußzeichen,  an  der  ^'  Punkte 
Basis  das  Komma  und  in  der  Mitte  der  Buchstaben  das  Semicolon 
anzeigt,  was  nach  Isidor  von  Sevilla  (Origenes  1.  I  c.  19)  die  schul- 
gerechte luterpunction  ist.  Wieder  andere  haben  außer  den  Punkten 
auch  den  Beistrich,  wie  cod.  V  bei  Matthäi."  Die  luterpunction  des 
berühmten  Florentiner  Plutarchcodex  beschreibt  Montfaucon,  P.  G.  268: 
Interjiunctio  singularis  est:  maior  enim  duohus  punciis,  media  puncto  ad 
supremum  literae  latus,  minima  virgulis  designatur,  und  ähnlich  sind  auch 
die  jüngsten  Uncialhandschriften  interpungiert,  Montfaucon  sagt  p.  228:  2  Punkte 
In  hoc  codice  maior  interpunctio  superne,  minor  inferne  locatur.  \\  enige  nur. 
wie  z.  B.  die  Oxforder  Platohand schritt  vom  Jahre  895  (Pal.  Soc.  81), 
haben  einen  dreifachen,  d.  h.  einen  hohen,  mittleren  und  tiefen  Punkt, 
die  meisten  haben  nur  einen  hohen  und  tiefen,  und  bei  größeren  Ab- 
schnitten :,  •.,  -.-,  .'..  •:•,  :::,  : — ,    ^ '■  .    Fr.  d.  Cavalieri-Lietzmann  Xr.  7 

geben  eine  Probe  des  allerdings  nach  Sinneszeilen  geordneten  c.  Vat-Palat. 
gr.  44,  in  der  fast  jede  Zeile  mit  :  schließt.  Statt  unseres  Punktes 
tindet  sich  auch  wohl  ein  Komma  (,)  oder  umgekehrte  Koronis  A. 

Ein  Fragezeichen^  kommt  nach  Tischendorf ^  schon  im  neunten  J^^^^ 
Jahrhundert,  aber  wohl  nur  vereinzelt  vor,  denn  in  dem  schon  ewähnten 
Platocodex  vom  Jahre  895  ist  das  Fragezeichen  erst  von  späterer 
Hand  hinzugefügt.''  Einige  Beispiele  für  diese  Zeit  geben  Graux  et 
Martin,  Facsimile  des  mss.  gr.  en  Espagne.  Texte  p.  10.  Das  Frage- 
zeichen des  c.  Laurent.  7,  8  (saec.  X)  hat  eine  doppelte  Form    ^    9 

In  dem  c.  Laurent,  di  S.  Marco  687  a.  943  <Coll.  fiorent.  Xr.  1>  wird  l 
(aber  schwerlich  ausschließlich)  als  Fragezeichen  angewendet,  dagegen 
in  dem  c.  Marcianus  246,   welcher   derselben  Zeit  angehören  mag,  soll 


^  Bast,  comm.  pal.  860. 

2  Vgl.  Schanz,  Rhein.  Mus.  X.  F.  XXXIII.  1878  S.  303. 

»  Für  Herondas  s.  Havard  Stud.  4.  189:5,  176. 

^  Tischendorf,  Mon.  sacra  ined.  nova  coli.  II  p.  XLII;  V  p.  XVII. 

^  Pal.  Soc.  Nr.  81. 


—     406     — 

bald  ;  bald  :  als  Fragezeichen  gebraucht  sein.^  Im  übrigen  ist  die 
Anwendung  dieses  Zeichens  doch  eine  sehr  beschränkte.  Ch.  B.  Randolph, 
The  sign  of  interrogation  in  gr.  minuscule  mss.  Class.  philology  5.  1910, 
309  —  19,  untersuchte  daraufhin  fünf  Handschriften  des  elften  bis 
zwölften  Jahrhunderts.  Hinter  Fragen,  die  durch  ein  Frageprono raen 
oder  -adverb  {rig,  tioü,  tiöü^)  deutlich  charakterisiert  sind,  fehlt  das 
Fragezeichen  fast  immer,  bei  Satzfragen  mit  Partikeln  [äoa,  ov,  ///}, 
iiicoi')  ist  das  Zeichen  meistens  vorhanden;  vgl.  A.  H.,  Byz.  Ztschr.  20. 
1911  S.  295,  der  bestreitet,  daß  ;  überhaupt  als  Fragezeichen  auf- 
zufassen ist;  dieses  Zeichen  steht  hinter  Satzgliedern,  die  durch  eine 
längere  Pause    hervorgehoben  werden    sollen.     Dazu  kommt   noch   im 

Komma    neuntcu  und  zehnten  Jahrhundert  das  Komma. 
"^°Iekh*e°r"  "^iöl    älter    sind    die    anderen    Lesezeichen,    die    nur    im   weiteren 

Sinne  zur  Interpunction  gehören,  so  das  Anführungszeichen,  das 
schon  in  der  Hias  Bankesiana  in  der  Gestalt  von  ,  vorkommt  und, 
unserem  "  entsprechend,  am  Schlüsse  der  directen  Rede  des  Achilleus 
(H.  Q  551  TTA0HC0A')  gebraucht  wird.  In  späteren  Handschriften  hat 
es  die  Gestalt  von  <  angenommen  und  wird  am  Eande  bei  jeder  Zeile 
wiederholt,  so  im  c.  Sinaiticus  ed.  Tischendorf  I  Taf.  XIII:  namentlich 
bei  eingelegten  Versen  fehlt  es  selten,  um  die  Prosa  von  der  Poesie 
zu  unterscheiden.  In  neutestamentlichen  Handschriften  verwendete 
man  >  und  •>  am  linken  Rande  als  Anführungszeichen  von  alttestament- 
lichen  Citaten;^  siehe  die  Beispiele  bei  Lipsius  a.  a.  0.  S.  76 — 77.  Das- 
selbe Zeichen  wird  auch  in  dem  eigentlichen  Text  angewendet  -  als 
Koronis.  In  Commentaren  bezeichnet  >  >  am  linken  Rande  den 
zu  erklärenden  Text,  selbst  wenn  er  schon  durch  besondere  Schrift 
(Kleinunciale)  ausgezeichnet  ist.    Sodann  gebraucht  man  auch  dasselbe 

™kh°e^r  Zeichen  einfach  als  Füllungszeichen,  wenn  in  der  Zeile  nur  noch  für 
einen  oder  zwei  Buchstaben  Platz  gewesen  wäre  und  man  weder  mitten 
in  der  Silbe  abbrechen  noch  einen  leeren  Raum  lassen  wollte,  so  füllte 
mau  die  Lücke  nach  Bedürfnis  durch  7  v  (oder  D),  so  z.  B.  in  der 
berühmten  Hyperidesrolle^  des  Brit.  Museums,  dem  c.  Sarravianus  und 
c.  Sinaiticus  ed.  Tischend.  I  Tafel  I.  Daneben  verwendet  man  auch  andere 
Zeichen,  Punkte,  Strichelchen  usw.,  zu  demselben  Zwecke,  v  (sel- 
tener ^  als  Füllungszeichen  in  kalligraphischer  Schrift  s.  Class.-Texts 
from  papyri  in  the  Br.  Mus.  ed.  Kenyon  p.  42.  H.  Diels,  Theatät- 
commentar  (Berl.  Klass.  2)  p.  VIII.  AVilcken,  Arch.  f.  Papyrusforsch.  4. 
1907  S.  135  A.     Über  |  als  Trennungszeichen  ?.  o.  S.  377  Zahlen. 

^  Melangfs  Graux  552  Nr.  9. 

^  Biblical  quotations  are  indicated  by  arrowhead  marks  in  the  iiiargin.   Pap. 
Louvre  E  10295  (1.  Jahrb.).    N.  Pal.  Soc.  203. 
'^  Watteubai-h,  Sclirifttafeln  Taf.  2  col.  II. 


—     407     — 

Diese  Zeichen  sollen  also  nur  die  Gleichmäßigkeit  für  das  Auge 
herstellen,  haben  aber  nicht  den  Zweck,  wie  Lipsius  (a.  a.  0.  117  f.) 
meinte,  das  Brechen  der  Worte  zu  bezeichnen,  denn  man  findet  sie 
ebenso  häufig  zwischen  zwei  Worten  wie  zwischen  zwei  Silben,  wenn 
auch  in  einzelnen  Fällen  die  entgegengesetzte  Erklärung  nicht  aus- 
geschlossen ist;  im  c.  Mosq.  406  a.  1126  liest  man  z.  B.  u'\7i6'/.vatv. 

Am  Ende  der  Zeile  mußte  das  Wort  manchmal  gebrochen  werden, 
in  verschiedener  Weise  je  nach  der  Willkür  der  Schreiber  und  nach 
dem  vorhandenen  Eaum.  Kenyon,  Pal.  p.  31  gibt  Beispiele:  eIg  \  ay- 
ye?j.of.iii'(')v  und  el  \  (rayye/.iaQ,  rav  \  t,  ov  \  x,  tcu  \  xf  \  nur  die  kalli- 
graphische Bücherschrift  war  iu  dieser  Hinsicht  genauer,  aber  auch 
dort  findet  man  bixurr  \  xul  neben  !)iy.u  \  arui.  Ein  Trennungsstrich 
wurde  auf  Papyrus  nicht  hinzugefügt.  In  der  Minuskel  ebenfalls 
meistens  nicht;  aber  es  gibt  Ausnahmen. 

Das  Trennungs-    oder  Verbindungszeichen    zweier  Wortteile   wird  ^^^^'^^'^=s.- 
im   c.  Vat.  256  (a.   1321)   doppelt  gesetzt  am   Schluß  und  Anfang  der 
Zeile:   «itoj-  |  -vvf.tov;  und  noX-  \  -/.ä:  tiüo-  \  -yEviffTeoov. 

Wenn  dagegen  aus  Versehen  im  Texte  eine  Lücke  gelassen  war, 
so  wurde  das  Ausgelassene  am  Rande  nachgetragen  und  durch  zwei  ent- 
sprechende Zeichen  mit  dem  Texte  in  Verbindung  gesetzt.  Diese  Zeichen 
sind  natürlich  durchaus  willkürlich  und  nach  Häufigkeit  ihrer  Anwendung 
sehr  verschieden;  in  älterer  Zeit,  z.  B.  im  c.  Sinaiticus,  diente  oft  eine 
Pfeilspitze  dazu,  in  späterer:  ',  ",  '",  — ,  =  usw.,  oder  man  verwendete 
dieselben  Zeichen,  welche  die  Beziehungen  der  Marginalscholien  zu  ihrem 
Lemma  herstellten,  wozu  z.  B.  Pal.  Soc.  Xr.  25  eine  w^ahre  Musterkarte 
bietet,  während  eine  andere  Eeihe  aus  Aristojihanesscholien  von  J.  Augs- 
burger bekannt  gemacht  wurde  in  den  Sitzungsberichten  der  Münchener 
Akademie  (phil.-philosophische  Classe)  1877  S.  256.i  Bei  Umstellungen  ^'^^g^lJ^^- 
wird  manchmal  durch  ein  doppeltes  F  die  Ordnung  hergestellt,^ 
oder  die  richtige  Anordnung  durch  beigeschriebene  Zahlenbuchstaben 
wie  z.  B.  A  A  r  B  €  angedeutet.^  Oft  erklärt  auch  der  Schreiber  den 
Sinn   dieser  verweisenden  Zeichen,  so  z.  B.  im  c.  Sinaiticus:   /xe/oi  rov 

G7](IEI0V     TCOV     TütüiV     (TTC/.VOCOV     effTlV     TO      TfiAo^     TCOV     STITC/.    ffv'/MOV    TCOV 

TiEoicfffojv  xai  fit]  ovTcov  rov  eadou,'^  oder  wie  es  in  der  vielbesprochenen 
Aristodemushandschrift  heißt:  l,!}  t6  '/.itcov  tovtov  ÖTiiß^tv  (sie)  h>  oj 
a7]fielov  k(jrtv  toiovtov  o:  O  ^ 

Wenn  nun  aber  nicht  zu  wenig,  sondern  zu  viel  geschrieben  war, 
so    hatte    man    verschiedene    Mittel,    um  das  Überflüssige   zu  streichen 

^  Vgl.  auch  Lipsius  a.  a.  0.   145 — 1-16. 

*  Siehe  Jahn,  Hermes  2,  2ia. 

ä  Arch.  f.  Papyr.  1.  1901  S.  117. 

*  Serapeum  1847  S.  229. 

=  Jahrbücher  f.  class.  Pliilol.  1868.  97  S.  838. 


—     408     — 

öiTöd^^t  (ttco/-  und  SiayQckfeiv,  Bast,  Comment.  jDalaeogr.  \}.  857).  Es  wurden 
nicht  nur  einzelne  Buchstaben,  sondern  auch  ganze  Zeilen  durch- 
gestrichen, z.  B.  drei  Eeihen  am  Schlüsse  von  Notices  et  extr.  18,  2 
PI.  XXX,  34,  während  PL  XI  Nr.  2  ein  X  nach  der  Vermutung  von 
Brunet  de  Presle   demselben  Zwecke   dient,   eine  Meinung,   die  darum 

y.coavvioy  viel  ausprechendes  hat,  weil  dies  X  dann  dem  xeoavinov  entsprechen 
würde;  daher  heißt  es:  ceraunium  ponitur  quotiens  multi  versus  inpro- 
hentur  ne  per  singulos  ohelentur}  Daher  treffen  wir  bei  den  Scholiasten 
zum  Aristophanes,  Pindar  usw.  öfter  die  Wendung  ivÖEi  Öi  tov  X  oder 
/id^sTai  ovrog  ö  (rri/o^.  Auch  Eustath.  zur  Odyssee  /  170  p.  1462,  42 
gibt  dieselbe  Erklärung:  "Ors  tcul  tov  -/aQÜ-yfiuroq,  Öaov  d/oeTov  J/i'  kv 
ziüieiv  ^ß-/jvaig,  /la^ovreg  ol  nol-Trui  Tovriari  rö  A'  aroi/eTov  kvrvTiov^Evoi, 
kfT7]iji6iovi'To  ovTcog  TijV  TOV  xkofjiUToq  rpavl6TJ]Ta.^  Diogenes  Laert. 
erklärt  das  X  3,  65:    X   lai^ißcivsTcii    Tioog   rag   /.e^sig   y.ccl  rä  ayJiauTu 

neu  oKcog  Ti/r  IIXuTcovixijv  (Tvvij&eiuv X  nwiEGTiyfxivov  Tioog  rag 

kKloyäg  xulhyou(piug  (=  schön  ausgedrückte  Sentenzen)  Doch  ist 
auch  hier  die  Möglichkeit  nicht  ausgeschlossen,  dem  X  denselben  Sinn 
beizulegen,  den  es  im  Alkmanpapyrus  ^  hat,  daß  es  nämlich  eine  Stelle 
andeutet,  die  noch  des  Commentars  bedarf.'*  Wenn  daher  die  Heraus- 
geber des  c.  purpur.  Eossanensis  (Leipzig  1880)  p.  XIII  bemerken:  „Auf- 
fallend ist  die  Verwendung  des  Asteriscus^  als  Tilgungszeichen  (vgl.  das 
Facsim.  Taf.  II)",  so  ist  dieser  Asteriscus  nicht  als  das  gewöhnliche  X 
mit  einigen  Punkten  anzusehen.  Aristophanes  verwendet  dies  Zeichen  ad 
notandos  locos  quibus  sensus  deeset  (Anecd.  Paris,  ed.Eeiffersch.  p.  139). 
An  anderen  Stellen  wird  er  „gebraucht,  um  anzuzeigen,  daß  etwas  zu 
bemerken  ist"  (Lehrs,  Pindarschol.  S.  107).  Auf  eine  andere  Methode 
macht  Lipsius,  Grammatische  Untersuchungen  .  .  über  die  Lesezeichen 
S.  144,  aufmerksam,  daß  nämlich  zwei  spitze  Winkel,  z.B.  Tfo<^ßciGi'/M'^ 
Aud,  oder  zwei  Häkchen  ' — '  Anfang  und  Ende  der  zu  tilgenden  Worte 
bezeichnen.    Auch  im  c.  Vatic.  1209  sind  die  überflüssigen  Stellen  nicht 

^merT'  durchstrichcn,  sondern  gewissermaßen  eingeklammert,  z.  B.  'M..-!'.*^ 
Ebenso  pflegt  die  erste  Hand  in  dem  berühmten  cod.  Z  des  Demosthe- 
nes,  wenn  sie  sich  verschrieben  hat,  durch  DD  auf  den  Fehler  :iuf- 
merksam  zu  machen,  z.  B.  oj  avönsg  D  a&ij  D  dixcarui.    Diese  Häkchen 


^  Ztschr.  f.  d.  Altert.  1845  S.  87. 

-  Wegen  des  X  verweist  mich  E.  Hirzel  auf  Schrader,  De  notat.  p.  59,  1. 
Lehrs,  Pindarscholien  S.  104,  110.  Usener,  Götting.  Gel.  Nachr.  1892  S.  184. 
Immiseh,  Festschr.  f.  Gomperz  1902  S.  245. 

'  Not.  et  Extr.  18,  2  p.  420  A  col.  2,  25.  27;  col.  3,  15.  30. 

*  Vgl.  Schol.  zu  Eurip.  Orest.  v.  81,  zu  Sophocl.  Philoct.  201. 

*  Vgl.  Lehrs,  Pindarschol.  S.  106;  s.  u.  S.  411. 

*  Wattenbach,  Anleit.  z.  gr.  Pal.  S.  29.  Arch.  f.  Pap.  1.  1901  S.  ]  18.  510.  513. 
Hermes  38,  307. 


—     409     — 

werden  zum  Überfluß  von  der  zweiten  Hand  noch  verstärkt  durch 
übergeschriebene  Punkte:  a&i]  und  ebenso  '  (fcovif  \^  dies  ist  deshalb 
zu  viel,  weil  schon  die  Punkte  allein  denselben  Sinn  haben  würden,  Puukte 
und  schon  im  Hyperidesfragment  Nr.  14  Zeile  13  KOINQNOYC,  17,4 
N€OIÖI,  30,  8  M€NM€N  so  gebraucht  werden.  Ebenso  findet  man  im 
c.  Sinaiticus  TTOPPQT€PQT€PQ.^  In  dem  ziemlich  plump  aber  sorg- 
fältig geschriebenen  c.  Curzon.  Nr.  14  sind  die  fehlerhaften  Stellen  von 
dem  Schreiber  durch  zwei  Punkte  über  dem  Vocal  der  betrefi'enden 
Silbe  ^  bezeichnet,  z.  B.  oöij,  röv,  ijX,  was  beim  /  und  v  leicht  zu  Miß- 
verständnissen führen  kann.  In  anderen  Handschriften  werden  die 
Fehler  durch  einen  Kranz  von  Punkten*  ausgemerzt,  während  eine 
Reihe  von  Punkten  unter  der  Linie,  wie  sie  im  Lateinischen  au- 
gewendet wurde,  bei  den  Griechen  selten  oder  gar  nicht  in  dem  Sinne 
gebraucht  wurde,  nur  ava'/oivcci  [uv  außerdem  noch  durchstrichen) 
erinnert  daran  im  c.  Sinaiticus.  Dagegen  tut  ein  Strich  über  oder 
unter  den  Buchstaben  denselben  Dienst  in  dem  von  abendländischer 
Hand  geschriebenen  c.  Boernerianus  in  Dresden,  z.  B.  im  Briefe  an 
die  Römer  12,  8  tv  ti]  sv  zt],  9,  15  ^?/r«<  L.>]Tai  usw.  Eine  derartige 
Tilgung  von  Buchstaben  sollte  in  sorgfältig  geschriebenen  Handschriften 
eigentlich  nicht  vorkommen.  Bei  wichtigen  Actenstücken  pflegten 
daher  derartige  nachträgliche  Verbesserungen  ausdrücklich  vermerkt 
zu  werden,  z.  B.  in  dem  Testamentum  Dasumii  (Wilmanns  Exempla  I 
p.  105  Nr.  314:  Liturae,  inducUones ,  superindactiones,  quae  in  eo  mveniuntur, 
iani  testamenti  faciundi  et  signandi  tempore  factae  S7mt. 

Ein  langgezogener  Circumflex  '"  oder  ein  Querstrich  dient  in  der  circamfies 
Minuskelschrift  seit  dem  zehnten  Jahrhundert  dazu,  die  Eigennamen 
auszuzeichnen.  Jedenfalls  wird  bei  dem  c.  Clark,  39  vom  Jahre  895  aus- 
drücklich bemerkt,  daß  Eigennamen  noch  nicht  durch  "^  ausgezeichnet 
sind.  —  Bei  sorgfältigen  Schreibern  z.  B.  des  Papyrus  Harris  (Homer; 
findet  sich  auch  die  Bezeichnung  der  Länge  fiaxod  ~  und  Kürze  ßocc-  ^["Jg 
/eiu  der  Silbe,  außer  xo()covi\;  '  und  Siaioefrig  ;  gelegentlich  wird 
auch  der  metrische  Ictus  durch  Punkte  bezeichnet.^  ictus 

Mit  einem  Worte  seien  hier  auch  schließlich  diejenigen  Zeichen 
erwähnt,  die  überhaupt  keine  Bedeutung  haben,  sondern  nur  dazu 
dienen,  die  Feder  zu  probieren,  so  z.  B.  ein   stehendes  schwarzes  ver- 


*  Lipsius  a.  a.  0.  144. 

-  Wattenbacli,  Schrifttafeln  T.  V. 

■'  Vgl.  Yitelli,  Museo  italiano  I  p.  14. 

*  Vgl.  die  Beispiele  aus  dem  c.  Pfiris.  188  bei  Scholz,  Reise  S.  24; 

:  avinv  :        :  nu>]i' : 
'"  Blass,  Hermes  R5,  M2. 


—     410     — 

Bedeututigs-  schränkt  mit  einem  liegenden  roten  Kreuze  links  oben  in  der  Ecke  am 

Jose  Zeichen  "  _        _ 

Anfang  eines  jeden  Quaternio  in  dem  Psalterium  Uspenskyamim  vom 
Jahre  862,  oder  um  das  Auge  des  Lesenden  festzuhalten;  dazu  ver- 
wendet der  Schreiber  oft  Gruppen  von  immer  kürzer  werdenden  Strichen. 
Auch  Überschriften  werden  ähnlich  ausgezeichnet,  so  im  c.  Boernerianus : 

Tioog  Pcoficeioi«;  oder  7100g  yyPco/jiuiovgyy  und 

»»»>>»  »»  .»»» 

+    evayye'/.iov   -[-   xara    +    •    '/.ovxav  • 

»»»»»     >    »»      >         »»» 
und    fast    ebenso    bei  Unterschriften    der  Bücher,    in   denen   die  Über- 
schriften wiederholt  werden,  z.  B.  in  der  Ilias  bankesiana: 

lA  I  A]A  0^ 

^<  d3  >T 


Fünftes  Kapitel. 

Kritische  und  musikalische  Noten. 

^eichen^  Kritischc    Zeichen^  {aijf.uia)    sind    eigentlich    nur    eine    weitere 

Ausbildung  der  Interpunction:  die  einen  unterstützten  das  Verständnis, 
die  anderen  die  kritische  Behandlung  eines  Schriftstellers.  Letztere 
ist  bei  den  Griechen  nicht  älter  als  die  alexandrinische  Zeit  und  hnt 
sich  zugleich  mit  der  alexandrinischen  Bibliothek  und  Philologie  ent- 
wickelt, die  der  Kritik  Probleme  genug  geboten,  an  denen  sie  ihre 
jungen  Kräfte  üben  konnte:  und  l)ald  war  eine  Zeichensprache  erfunden, 
mit  welcher  der  Philolog  genau  genug  sein  Urteil  ausdrücken  konnte. 
Wie  die  späteren  Grammatiker  jede  Erfindung  auf  einen  bestimmten 
Namen  zurückzuführen  liebten,  su  nannte  man  auch  hier  entweder  den 
Aristophanes -  oder  den  Aristarch^  als  den  ersten,  der  die  kritischen 
Homer  Zcichcn  auf  die  homerischen*  Gedichte  anwendete;  doch  auch  andere 
Gedichte  wurden  in  ähnlicher  Weise  behandelt,   so  schrieb  Aristonicus 

Hesiod.      ,T£n^     XbJV     (77]ueio)V    TWV     tV    rfj    Qw/OvicC     HgiÖÖOV     Xcil    TCJV    zT^g    T/.KiÖOg 

xai   OSv(TGsiag,   und   ebenso   Sueton.     Doch   aus   diesen   Schriften   sind 
nur  dürftige  Auszüge   erhalten   bei  Diogenes  Laertius  3,  65 — 66:   Tieol 


^  Über  die  Notation  medizinischer  Bücher  bei  Hippokrates  durch  Anfangs- 
buchstaben des  Stichwortes  [^^(«»'Cfro»')]  s.  Anecd.  rom.  ed.  Osann  p.  55  if. 

-  Siehe  Christ-Schmidt,  Gr.  I.iteraturgeseh.  2.  I,  203. 

^  Ludwich,  A.,  Aristarchs  homerische  Textkritik.  Leipzig  1884.  1  S.  19. 
Pauly-Wissowa  2.  I  S.  866. 

*  Aristunici,  negi  ar^fieiwi'  T/.iaöo;  ed.  Friedländer.    Göttingen  1853. 


—     411     — 

Töji'  h'  ToT^  ßiß'/jotj,  atjueioüv,  Isidor  u.  a.  Hephaestion,  :ie(Ji  nijßei'coi' 
ed.  Gaisf.  1  jj.  136,  gibt  nur  die  metrischen,  nicht  die  kritischen  Zeichen 
des  Aristarch. 

Anecdotum  ßomanumi  ed.  Fr.  (3sann  (Gießen  1851)  p.  3.  iromanur 

Tcc  nuoc/.riO bueva  roTg  O^jjOtxoig  Gxi'/otz,  'Aoicrrcur/hiu  aitfieioc. 
Avayxuiov  yv&vai  Tovg  h'Tvy/üvovrcci. 

Am/Jj  ümoiarixTO^  >- 

/lirr/Sj  TieoierTTiyiiirrj  ^ 

VßsAÖi  — 

!AfTTeoi(jxog  xui'F   iavröv  >«(■ 

L4(7TSoifTxog  atxä  oßü.ov  >K  — 

Ai'Ti(jiyf.ia  D 

IdvTiaiyfxa  neoiefrziy^erov  2)- 

Keouvvioi'  T 

>-    //  ßiv  ovv  di7[}Jj  (/.:rf,oi(jrixro4  '^c/ouTiifExai  >tooc  rovg  y/.fOfTfroyoäffOv.; 

/)  treooöö^ojg  ixd'e^afjiivovg  tu  tov  Tton/rov  xai  t.ii,  xa'/.ojg'   i,  noug 

Tug  anc/.^  eio7j/jiei'aq   '/.t^etg,   /)  Tioög  xu  ivuvxiu  xai   ucc/ouei'u.  xal 

'ixeoa  a-/i!ifxaxa  'iiccfjLno'/J.u  xai  L.)]xi]nuxu.'^ 
>^    //   bi   TiEoiefTTiyfiei'?]   din'/J/    nobg   xi/.g   yoacfäg   xag  Zjjvodoxeiovg  xai 

Koäxi,xoi  xai  ai'xov  !Aoi(jxäo/ov  xai  xag  d'iooi'/o'jrratg  ai'xov.^ 
—   6  de  dße'/.og   Tioög  xa  di'fexovfisva  Lt<  xov  tioh^xov,    i'yyovi>  vevoitev- 

fieva  //  Vjioßtßh]fxivu.^ 
v<-   ö  Ö'c    dftxeoifTxog  xaiV    iavxov,   (hg  xa'/.iog   eiotjfiivov   xrTjv   ^nöiv    iv 

uixo!  Tfjj  xöno),  kVifa  iaxiv  äaxeoirrxog  juovog.^ 
)»( —  6  dt  daxeo/fTxog  fxexd   ößtkov,  ojg  övxa  ixiv  xd  emj  xov  noujxor, 

,a//  xa?Mg  öi  xstfjsva  tv  ai'xo)  xcij  xono).  dJ.L    iv  d'/Mo. 

^  Sueton  ed.  Eeifferscheid  p.  138.  AI.  Riese,  Jahrbücher  f.  class.  Philol.  1866 
S.  466.  Lexicon  Vindob.  ed.  Xauck  p.  271.  Öchrader,  Herrn.,  De  notatione  critica 
a  veteribus  grammaticis  in  poetis  scenicis  adhibita.  Bonn  1S63.  Sittl,  Berichte  der 
Münch.  Acad.  (l'hilos,-philol.-histor.  Cl.)  1S8S  S.  256.  Roemer,  Ad.,  Die  Notation  der 
alexandrin.  Philologen  bei  den  griech,  Dramatikern.  Abhandl.  d.  philos.-pbilolog. 
(Jl.  d.  Bayr.  Acad.  19.  München  18'j2  S.  629.  Wismeyer,  Jos.,  Die  durch  Scholien 
nicht  erklärten  Zeichen  der  lliashandschrift  Yenetus  A.  l'assau  ISS.").  Ab.  Blass, 
Die  Punkte  zur  Bezeichnung  des  metrischen  Ictus.  Hermes  3.ü.  1900  S.  342.  Brink- 
mann, A.,  Adcfißöa  neqieiSTiyutvov.  (-A).    Rhein.  Mus.  59.   19U4  S.  159. 

-  >-  Diple:  Athen.  Mitt.  IT  S.  273.  I.  G.  XIV  1188.  1934.  Diogen.  Laert. 
l'laton  3,  65 — 66  p.  83  ed.  Cobet.    (JtrrAi/,  noo;  lü  ööyudia  xai  r«  t'tniirxoi'ia  ID.äTot'i. 

'  diu).!}  TieQisaiiYfievt]  tioÖ:  tuc  ivioiv  Öiooltwaei;. 

*  die '/.!);  ttoÖc  tijp  (ifteiqaiv.  uße'/.ö;  neQieuttyfiaiOy  ttüÖc  tu;  sixaiov; 
ubi:ii,aH;.     Häufig  beim  Homer,  selten  bei  Pindar  (Lehr  a.  a.  U.  S.  10.5). 

"  üa T eoiaxo ;  noo;   iljv  tjnuqxiiviuv   iCjf  Öoyuuiojf. 


—     412     — 

D  rb  St   ävTiaty^u  ytud-'    iavzo    tioö^   roiig   kvif/j.c/.ynivov^   ronovi   y.ai 

anddoi'Tag. 
•)•  t6  de   avTifjiyj^iu   7ieoie<7Tiyf.iei'oi'   iiaQUTi&tTcci,   örav   TavTO/.oyij  xui 

Ti/V  ccvrtiV  diävoiuv  Öei'TSoov  Af/^.^ 
T  rö  öe  xeoavi'iov  icrri  (xev  tmv  (TTiaviojq  naoaTitfepdvoiv,  örf/.oi  Öi  y.at 

avTO  'jio'iXa.i  ^iirija^iq  Ttgög  ralg  7iooeio?]fiivaig.^ 

paristaum  Das  Anecdoton  Parisinum  de  notis,    das  von  Th.  Mommsen    ge- 

funden und.  von  Th.  Bergk,  Ztschr.  f.  Altert.  1845  S.  81,  herausgegeben 
wurde,  enthält  folgende  Übersicht: 

Notae  XXI  quae  versibus  apponi  consuerunt^ 
obelus.  >><-  astericus.  X-  asteriscus  cum  obelo.  ^  simplex 
ductus.  >  diple.  ^  diple  periestigmene.  D  antisigma.  5  anti- 
sigma  cum  puncto.  T  coronis.  7  diple  obelismene.  <^ — 
aversa  obelismene.  ^  ceraunion.  -h  obelus  adpunctus.  —  < 
obelus  cum  aversa.    7  diple  superobelata.    7 —  recta  et  aversa 

superne  obelata.     X  c^^i  ^^  i'o-     0  fi  et  ro.    T  anchora  superior. 
J^  anchora  inferior,    alogus. 

Diese  Notation  hat  sich  am  Homer  ausgebildet*  und  wurde  haupt- 
sächlich in  homerischen  Handschriften  angewendet;  die  neuerdings 
massenhaft  aufgefundenen  Papyrusfragmente  geben  davon  deutliche 
Proben.  Das  ist  der  Grund,  weshalb  die  neueren  Homerforscher  gerade 
diesen  Spuren  der  antiken  Forschung  ganz  besondere  Aufmerksamkeit 
zugewendet  haben. 

Unter  den  Tebtunis-Papvri  gibt  es  ein  Fragment  der  Ilias  [B  95 
bis  210)  aus  dem  Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  v.  Chr.,  bei  dem  bereits 
kritische  Zeichen  angewendet  sind;  doch  läßt  sich  nichts  ^^icheres  über 
das  Verhältnis  zu  Aristarchs  Ausgabe  behaupten.^  Über  den  neuen 
Papyruscommentar  zu  den  homerischen  Gedichten  (Oxyrhynchos  Papyri 
ed.  Grenfell  et  Hunt  3  p.  84  Papyr.  445)  berichtet  A.  Ludwich,  Berl. 
Philoh  Wochenschr.  1904  S.  380: 

,.Die  Randzeichen  werden  meist  im  Sinne  Aristarchs  angewendet; 
die  einfache  Diple  in  tt^  8  mal;  den  Asteriskos  setzt  der  Schreiber  nur 
3  mal.  Neben  Zn4:  hat  ti^  außer  der  Diple  noch  D;  die  Herausgeber 
erklären  dieses  Zeichen  durch  Dindorf,  Schoh  in  II.  I  p.  XL  VI:  t6  dt 


'  (ivTia iy^itt   -neo t.Ecr Tiiyne foi'   noö;   t«c   diiia;  /otjaei;   xal   f.iETa&iati;    tÜv 

»  Vgl.  Isidor,  Orig.  I  20—21.     Hephaestiou  ed.  Gaisf.  p.  143. 

*  KenroD,  Palaeogr.  gr.  pap.  p.  31.  Über  Reichtum  der  neuen  Homerfimde 
p.  138  ff. 

5  Siehe  Class.  Rev.  17.  1903  S.  4;  vgl.  Ludwicli,  A.,  Berl.  Philol.  Wochenschr. 
1903  S.  1340—42. 


—     413     — 

cci'TKTtyficc  xcci  ai  övco  cmyfxai,  orav  xurä  xo  e^T^g  dig  t]  t6  uvto  vötjficc 
xsifjievoi'.''  Ludwich  zweifelt  daran  und  verweist  auf  die  Erklärung  von 
Antisigma  bei  Dindorf  p.  XLIII  (s.  u.  S.  411).  Dagegen  besitzt  das  Museum 
von  Cairo  ein  Fragment  des  Buches  o  der  Odyssee  aus  dem  2.  Jahr- 
hundert n.  Chr.  mit  kritischen  Lesezeichen;  der  Obelos  wurde  an- 
gewendet, wo  Aristarch  einen  Vers  strich;  auch  die  Diple  findet  sich 
zweimal;  allerdings  läßt  sich  nicht  bestimmt  sagen,  in  welchem  Sinne. ^ 
Von  einem  anderen  Papyrusfragment  des  Homer  aus  dem  5.  (?)  Jahr- 
hundert n.  Chr.  sagt  Ludwich  (Berl.  Philol.  Wochenschr.  1889  Sp.  1071): 
Von  aristarchischen  Randzeichen  scheinen  nur  drei  Gattungen  vertreten 
zu  sein:  die  einfache  Diple,  die  punktierte  (gegen  Zenodotos  gerichtete) 
Diple  und  der  Obelos. 

Der  Obelus  ist  ein  kurzer  Strich,  teils  im  Texte,  teils  am  Rande,  obeius 
zur  Tilgung  von  Worten  und  Buchstaben:  ößelog  TToog  r),v  ud-kTriaiv^^ 
manchmal  deutet  er  auch  an,  daß  Buchstaben  ausgelassen  sind.^  In 
einer  Papyrusrolle  des  Britischen  Museums  vielleicht  des  zweiten  Jahr- 
hunderts V.  Chr.  mit  den  letzten  beiden  Gesängen  der  Ilias  sind  nicht 
nur  kritische  Zeichen^  angewendet,  sondern  man  hat  die  praktischen 
Consequenzen  gezogen  und  nach  Aristarchs  Atethesen  manche  Verse 
unterdrückt.^  La  Roche  (Wiener  Studien  14.  1892  S.  151)  sagt:  „Von 
aristarchischen  Zeichen  findet  sich  zu  ^^  657  der  Asteriskos.  —  — 
Übrigens  kommt  der  Asteriskos  auch  noch  anderwärts  in  Homerhand- 
schriften vor,  ohne  daß  damit  das  bekannte  aristarchische  Zeichen 
gemeint  ist.  Die  Diple  findet  sich  an  zehn  Stellen."  Dieselben  Zeichen 
sind  angewendet*'  noch  im  Mittelalter  von  dem  Schreiber  des  berühmten 
cod.  Venetus  A.  Aber  es  ist  allerdings  fraglich,  ob  sie  immer  noch 
richtig  verstanden  wurden.  Seltener  wurden  andere  klassische  Hand- 
schriften in  gleicher  Weise  notiert.  In  den  Demostheneshandschriften 
wird  z.B.  noch  der  Oljelus  angewendet  Über  den  Asteriskos  (X)  be- 
merkt Blass:^  Von  dem  Asteriskos,  der  nach  Hephästion  das  Ende  des 

^  The  iiniversity  of  Chicago,  founded  by  J.  B.  Eockefeller,  The  decennial 
publications.  Greek  papyri  from  the  Cairo  Museum  by  Edgar  J.  Goodspeed. 
Chicago  1902. 

2  Diogenes  Laert.  3,  65—66,  ed.  Cobet.  p.  83. 

'  Siehe  Wright,  Herondaea.    Boston  1893  p.  180:  the  chief  function is 

to  call  attention  to  verses  requiring  examination  for  one  reason  or  another. 

*  Siehe  Kenyon,  Pal.  p.  31:  Diple  und  asteriskos  im  Pap.  Br.  Mus.  CXXVIII, 
und  im  Oxford-Papyrus  von  Ilias  B. 

^  Siehe  Classical  texts  ed.  by  Kenyon.    London  1891. 

*  Vgl.  La  Roche,  Text,  Zeichen  und  Schoben  des  berühmten  c.  Venetus  zur 
ilias.  Wiesbaden  1862.     Wachsmuth,  Rhein.  Mus.  18  S.  178—188. 

'  Vgl.  Christ,  Die  Atticusausgabe  des  Demosthenes.     Abb.  d.  Bayer.  Akad. 
(Philos.-philol.  Cl.)  16.  1882.  (Mit  1  Taf.)     Drerup,  Philol.  Suppl.  7.  1899  S.  568. 
ä  Hermes  13  S.  16. 


—     414     — 

ganzen  Gedichtes  bezeichnete,  finde  ich  Reste  am  rechten  Eande  des 
Fragmentes. 

rifeufrische  Andere  Noten   für  das  Urteil   in  ästhetisch-rhetorischer  Beziehung 

Noten  wurden  von  ReifFerscheid  in  dem  Anecdotum  Cavense  de  notis  anti- 
quorum^  publiciert:  -f-  Lemniscus  in  acutis.  >K  Asteriscus  in  sententiis. 
Oreon  cum  palma  in  invicibilibus  acutis.  0  Theta  in  amputandis. 
Oreon  in  invicilnlibus.  —  Obelus  in  translatis.  Asteriscus  cum  palma 
in  sententia  acuta.  Z  Zeta  in  incertis.  Astragalus  in  elocutis.  V  Yfen 
in  exemplis.     K  Kappa  in  capitibus  sensuum. 

^zSche'^^  Die  Christen, 2  welche  die  Technik   der  heidnischen   Grammatiker 

auf  ihre  heiligen  Schriften  anwendeten,  verdankten  dem  Origenes  diese 
Übertragung,  und  unsere  ältesten  Bibelhandschriften  zeigen  noch  deut- 
liche Spuren  dieser  Notation,  so  z.  B.  der  c.  Marchalianus  (Cavalieri- 
Lietzmann,  Specimina  Nr.  4),  und  der  c.  Sarravianus  s.  de  Lagarde, 
Die  Pariser  Blätter  des  c.  Sarravianus:  Abhandl.  d.  Gott.  Ges.  d.  Wiss. 
V.  1.  Nov.  1879. 

Epiphanius,  der  am  Ende  des  vierten  Jahrhunderts  lebte,  gibt  [Tteot 
/xerorov  %ai  (TTa&ficÖv  §  1  ed.  Dind.  IV  p.  3)  eine  Erklärung  der  von 
christlichen  Grammatikern  angewendeten  Zeichen,  so  z.  B.  +  neoi 
XoiGTov,  €  Tisoi  T(x)v  kß-ixTjv  xh'jfTECßq.  In  seinen  Hexapla  verwendete 
Origenes  den  Asteriscus  mit  folgendem  Doppelpunkt  für  Ergänzungen 
der  LXX,  während  das  Gegenteil,  also  Athetesen,  durch  einen  Obelus 
mit  zwei  Punkten  bezeichnet  wurden.  Diese  zwei  Punkte,  die  mit 
dem  Obelus  oder  Asteriscus  verbunden  werden,  hießen  Metobelus.^ 
lemniscus  Dazu   kommen   noch  einige  mittelalterliche  Zeichen:   lemniscus  = 

virgula  inter  geminos  punctos  (sie)  jacens.  apponitur  in  iis  locis  quae 
sacrae  Scripturae  Interpretes  eodem  sensu,  sed  diversis  sermonibus  trans- 
tulerunt,^  und  nach  Epiphanius  v-f— ^  hfiviaxog  arjfxsTöv  tan  y^afifitj 
fx('ci  ine<TO?Mßovfiev7]  vnb  xEVTi]pic/.T(j3ii  ovo  fiiüq,  fiiv  kndvo)  oi'ff?]^,  zijg  de 
(/.),h]i  VTioxdro),  endlich  die  kritischen  Zeichen  des  Origenes:  xov(fia^ 
circuli  pars  inferior  cum  puncto  ponitur  in  iis  locis,  ubi  quaestio  dubia 
et  obscura  aperiri  vel  solvi  non  potest.^ 

Die  Bedeutung  des  Lemniscus  -f-  und  Hjpolemniscus  •  ist  nicht 
ganz  sicher.  Gegen  die  Auctorität  des  Epiphanius  und  teilweise  auch 
des  Isidor  von  Sevilla  definiert  sie   Field   a.  a.  0.  LVII  —  LVIII:   In 


'  Rhein.  Mus.  23,  127  f.,  vgl.  S.  131—32. 

^  Salmasius,  Cl.,  De  distinctionibus  veterum  ep.  183  iu  Sarravianis.  Ultraj. 
1687.     Vgl.  Lipsius,  K.  H.  Adelb.,  Über  die  Lesezeichen.  1863  S.  142—43. 

^  Origenes,  Hexapla  ed.  Field  I,  2  p.  LVII.  Vgl.  Migne,  Patrol.  gr.  15  p.  70 ff. 
Swete,  The  Old  Testament  in  Greek  t.  3. 

*  Ztschr.  f.  Altert.  1845  S.  81. 

5  Montfaucon,  l\  Gr.  p.  188.     Tischendorf,  N.  Coli.  III  p.  XV— XVIL 


—     415     — 


Hexaplis  piuc/endis  oheli  { — )  lemnisci  {-^)  et  hypolemnisci  (-;-)  significationem 
iinam  eandemque  fuisse,  eam  sciUcet  quae  obelo  soli  vulgo  trihuitur.  —  Im 

r       /M  p 

Mittelalter  verwendete  mau  noch  N/,  \H,  ^,  6,  CO  usw.,  die  gelegent- 
lich wohl  auch  von  den  Schreibern  selbst  erklärt  werden,  z.  B.  im 
c.  Coisl.  242,  dem  c.  Paris.  519  vom  Jahre  1007  und  c.  Mosq.  Nr.  61 
und  einem  941   auf  Patmos  geschriebenen  Codex.^ 


Die  musikalischen  Noten. 

Die    musikalischen    Noten    des    Altertums    müssen    wenigstens  Altertum 
kurz  erwähnt  werden,  da  sie  sich  in  unseren  Handschriften  der  griechi- 
schen Metriker  und  Musiker  finden. 


Abert,  H.,  Der  neue  Aristoxenosfund 
von  Oxyrhynchos:  Sammelbände  der 
internal.  Musikgesellsch.  1.  Leipzig 
1900  S.  333. 

—  Bericht  üb.  d.  Literat,  z.  gr.  Musik 
1903—08.  Bu.  Jahresber.  144.  1909 
III  pp.  1—74. 

Batka,  R.,  Allgem.  Gesch.  d.  Musik  1. 
Stuttgart  1909. 

Die  griech.  Notensysteme  s.  Iw.  Müllers 
Handbuch  d.  cl.  Altert.  2-  S.  943. 

Crusius,  O.,  Die  delphischen  Hymnen. 
Göttingen  1894.  Philolog.  53  Ergän- 
zungsheft, vgl.  S.  92  Notenzeichen, 
S.  147  Facsim. 

Daremberg  et   Saglio,    Dictionn.    s.  v. 

musica. 
Fairbanks,  A.,    A    study   of  the  greek 

paean.   Cornell  studies  in  cl.  philo!. 

12.    New  York  1900. 
Fortlage,  K.,   Das  musikalische  System 

der  Griechen  in  seiner  Urgestalt  1847. 
Gevaert,   Fr.  A.,    La   melopee   antique. 

Gent  1895. 
Greif,  F.,  Etudes  s.  la  musique  antique. 

Revue  des  et.  gr.  22.  1909  p.  89;  23. 

1910  p.  1—48;  24.  1911  p.  233  ff. 
Jan,  Die  Eisagoge  des  Bacchius.  Progr. 

V.  Straßburg  1890. 
Möhler,  A.,  Die  griech.,  gr.-röm.  u.  altchr. 

Musik.       Rom.    Quartalschrift     1898. 

Suppl.  9.    Rom  1898. 
Monro,  The  modes  of  anc.  greek  music. 

Oxford  1894. 


Pomtow,    Rhein.  Mus.   N.  F.  49.    1894 

S.  577. 
Praetorius,  F.,   Über  die  Herkunft  der 

hebräischen  Accente.    Berlin  1901. 
Reinach,  Th.,   La   musique  grecque  et 

l'hymne  ä  ApoUon.    Revue  des  etudes 

gr.  7.    1894  p.  XXIV. 

—  L'hymne  ä  la  muse.  Rev.  des  et.  gr.  9. 
1896  p.  1  ff.  Mit  Abbild,  d.  handschr. 
Reste  in  Venedig  u.  Neapel. 

—  Deux  fragments  de  musique  grecque. 
Rev.  des  et.  gr.  9.  1896  p.  186  (mit 
Facsim.);  10.  1897  p.  312  (m.  Facsim.). 

—  Fragm.musicologiquesinedits.B.C.H. 
17.  1893  p.  584;  18.  1894  p.  363. 

—  Une  ligne  de  musique  byz.  s.  Rev. 
Arch.  IV.  18.  1911  p.  282  (Aristo- 
phanes). 

Riemann,  H.,   Handb.  der  Musikgesch. 

1.    Leipzig  1904,  s.  u. 
Ruelle,  Le  fragm.  musical  d'Oxyrhynch. 

Rev.  de  philol.  1905.  III  p.  201—204. 

—  Z.  Musikpapyrus  von  Hibeh.  Rev. 
de  philol.  1907  p.  235—240. 

Tannery,  Fragm.  Philola'iques  s.  1.  mu- 
sique s.  Revue  de  philol.  28.  1904 
p.  233. 

—  S.  1,  spondiasme  dans  l'anc.  musique 
grecque.  Rev.  Arch.  IV,  17.  1911.  41; 
vgl.  Rev.  des  et.  gr.  15.  1902  p.  336. 

Thierfelder,  System  d.  altgriech.  Instru- 
mentalnotenschrift. Philologus  56. 
N.  F.  10.  1897  S.  492. 


*  Vgl.  Duchesne,  Mem.  sur  une  mission  au  mont  Athos  p.  239. 


—     416     — 

Weil,  H.,  Nouveaux  fragments  d'hymnes  Wessely,  C,  Le  papyrus  musical  d'Euri- 
accomp.  de  notes  de  musique.  Bull.  pide.  Rev.  des  etiid.  gr.  5. 1892  p.265ff. 
de  corr.  hellen.  17.  1893  p.  569;  vgl.  (mit  Facsim.)  u.  Führer  durch  die  Aus- 
Reinach  p.  584  (pl,  XXI  &  "'*).  Stellung  [der  Pap.  Erzh.  Rainer].  Wien 

—  Un  nouvel  hymne  ä  Apollon.    Bull.  1S94  S.  126  (m.  Facsim.). 

de  corr.  hellen.  18.   1894  p.  345—362  —  Papyrusfragm.  d.  Chorgesangs  von 

pl.  XII XIII.  Euripides    Orest  330f.,    mit   Partitur 

,  ,              ,  (mit  Lichtdruck).   Mitteil.  a.  d.  Samml. 

-  Unpeandelphiquea  Dionysos.  Bull.  ^  p  ^^^^  ^^.^^^  5  ^392  5.  65. 
de  corr.  hellen.  19.  1895  p.  393.  _  ^^^^^^  ^^^j^    ^^^^  ^  ^   ^37. 

Wessely,  C,  Antike  Reste  griech.  Musik  Williams,  On  a  fragm.  of  the  music  of 
s.  Progr.  des  Staatsgymn.  im  III.  Bez.  Orestes.      The    Class.    Review   1894 

in  Wien  1891.  p.  313. 

Neuerdings  haben  wir  die  musikalischen  Noten  des  Altertums 
kennen  gelernt  durch  Inschriften,  wie  den  berühmten  delphischen 
Hymnus  an  den  Apollo  und  durch  mehrere  Papyrusfragmente.  ().  Crusius^ 
glaubt  auch  die  rätselhaften  kleinen  Buchstaben  einer  Inschrift  von 
Tralles  im  Bull,  de  corr.  hellen.  7.  1883  p.  277  als  Instrumentalnoten- 
zeichen deuten  zu  können.  In  Messina  soll  sogar  ein  Stück  der  Melodie 
zu  Pindars  Oden  gefunden  sein,  das  Kircher  in  seiner  Musurgia  uni- 
versalis I  p.  542  herausgegeben  hat,  das  aber  wahrscheinlich  gefälscht 
ist^  Derartige  Noten  ^  zugleich  mit  der  Erklärung  gibt  Montfaucon, 
Pal.  Gr.  356 — 57  cap.  III  de  notis  musicis,  und  Emil  Ruelle,  Archives 
des  missions  III  s6r.  t.  IL  Namentlich  durch  neuere  Papyrusfunde  ist 
unsere  Kunde  der  antiken  Notation  erweitert;  ich  verweise  auf  den 
Orestes  des  Euripides.  Auf  eine  Erklärung  der  einzelnen  Zeichen 
können  wir  uns  nicht  einlassen;  es  sind  große  Buchstaben,  die  über 
den  betreffenden  Worten  hinzugeschrieben  wurden.  Wessely  schildert 
die  Grundzüge:  1.  Jede  notierte  Silbe  trägt  ihr  Notenzeichen  oberhalb 
zu  Anfang;  2.  haben  (zwei)  Silben  hintereinander  dieselbe  Note  gemein- 
sam, so  steht  das  Notenzeichen  nur  einmal  —  —  3.  eine  Silbe  kann 
auf  mehrere  Töne  gesungen  werden;  4.  die  Dauer  der  Töne  wird  an- 
gegeben; 5.  einer  kurzen  Silbe  des  Textes  entspricht  eine  Note  im 
Chronos  protos,  einer  langen  Silbe  eine  dopi^elt  so  lange  oder  zwei 
solche  Noten  bzw.  eine  Triole 6.  Pausen  werden  nicht  angegeben.* 

Über    die    einzelnen   Perioden  byzantinischer  Notenschrift^  vgl. 


1  Philolog.  1892.  N.  F.  4  S.  163. 

-  Über  die  musikalischen  Noten  des  Altertums  s.  Westphal,  E.,  Die  Musik 
des  griech.  Altertums.  Leipzig  1883  S.  337  fF.  und  S.  153:  Die  Erfindung  der  In- 
strumentalnoten. 

^  Boetbius,  De  musica  IV  c.  14.  Über  die  antike  gTiecbische  Buchstabeu- 
notation  s.  Riemann,  Studien  z.  Gesch.  d.  Notenschrift,  bes.  ö.  15. 

*  Mitteil.  a.  d.  Samml.  Erzherzog  Rainer  5  S.  66, 

'"  Gastoue,  A.,  Catal.  d.  mss.  d.  musique  Byz.  de  la  Bibl.  Nat.  et  de  France. 
Paris  1907,  m.  6  Taf.  u.  Bibliogi-aphie  in  der  Introduction  ä  la  Paleogr.  mus.  byz. 


—     417     — 

Riemann,  Byz.  Ztschr.  1908  S.  541  und  Sammelb.  der  Internationalen 
Miisikges.  9,  1907.   Die  beste  Einführung  in  dieses  schwierige  Studium 

Kosmas,  Kanon  eh  tiiV  'Ynanavtriv  '/.  X.  (2.  Febr.); 
s.  Riemann,  Bvz.  Xotenschr.  S.  59  (Facsini.  IV — V). 


-    h  -  oc. 


16  -  ow-  &ev    V     -     dcjo.      Äa  -  oj      ns  -  I'o-tioj'  -ro  -  rxo- 


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Lux*  •  Oo  Lip  f  U  CfOO  0-ULjÄ^-/TT)  P  Tt  '  CXJJXXi  %Jj6^ 


LuLf  p  I  oo  'ÖT^a  o^QO  <ryaLpo<Wo 


Xep-rroa^  cc-ßvanöxoxov.     flidov  i'ihoq. 
'En-e-TtÖAev-at  tiots.     fl^-u  rei/og  yao  hnd-yi]. 
'E-xci-re-oo}-&ei'  v-droo.     Aa-(<)  :Te-^o-7iov-TO-no~ 
oovv-Ti.     Kai  &e-u-ni(TTCOi  (xik:iov-rt.    .lAi-croj-usv  reo  xv- 
oi-fp.     't'v-dö^cog  ycio  ÖE-dö-^u-fTTUi.     yQi()ii   f. 

Fig.  73. 

c.  Paris.  Coisl.  22U  il'-'.  Jahrh.;. 
Gardtliausen,  Gr.  Paläographie.   2.  Aufl.   II.  27 


418 


s.  bei  Fleischer,  Neumen-Studien  1- 
Berl.  1904.  H.  Riemann,  Die  by 
vgl.  S.  96  Übersicht  über  sämtliche 

Ambros,  A.  W.,  Die  Musik  des  griech. 
Altertums  u.  des  Orients,  bearb.  von 
J.  V.  Sokolowsky.    3.  Aufl.  1887. 

Bellermann,  F.,  Die  Tonleitern  u.  Musik- 
noten   der  Griechen.     Nebst  Noten-    j 
tabellen  und  Nachbildungen  v.  Hand- 
schriften.   Berlin  1847. 

Bürchner,  L,  Der  liturgische  Gesang 
der  oriental.-gr.  Kirche:  Allgem.  Ztg. 
1903  Beilage  Nr.  222. 

Christ,   Sitzungsber.  der  Münch.  Akad.    ; 
d.  Wiss.  1870.  2  S.  240—267.  270. 

Dechevrens,  A.,  Etüde  de  science  musi- 
cale.      I.    Origine    et    formation    de    j 
l'echelle  musicale.   II.  Developpement    I 
du  principe  musical.    Systeme  modal    | 
de    Pythagore    et   des   Grecs   poste- 
rieures.      La    musique    ecclesiastique 
d.     Grecs     modernes.      La    musique 
greco-romaine   et    l'octoechos.    Avec 
appendice:     De     la    musique    arabe. 
III.  Rhythmique  gregorienne.     Docu- 
ments    et    melodies.     4  vols.      Paris 
1898-99. 

Fleischer,  Neumen-Studien  1—3.  Berlin 
1895—1904. 

Gaisser,  H.,  Le  Systeme  musical  de 
l'Eglise  grecque  s.  Revue  Benedictine 
16.  1899;  17.  1900  p.  87ff.;  auch  se- 
parat: Rome  1901. 

Hawkins,  History  of  music  I  p.  390. 

Houdard,  G.,  La  notation  dite  neuma- 
tique:  Revue  ArcheoL  IV,  18.  1911 
p.  57. 

Papadopulos-Ker.,  Bvlavi.  b'xxltja.  fjovai- 
xz/c  ty/ft^tf^t«.  Byz.  Ztschr.  8.  1899 
S.  111;  vgl.  S.  123  (Taf.  I  -IV). 

Papastamatopulos,  Joh.,  Studien  z.  alten 
griechischen  Musik  (Jenenser  Doktor- 
diss.).    Bonn  1878. 

Rebours,  J.  B.,  Traite  de  psaltique. 
Theorie  et  pratique  du  chant  dans 
l'eglise  grecque.  Paris  1906  (mit 
Transscription  in  moderner  Noten- 
schrift). 

—  Sur  la  musique  byzant.  Bulletin  de 
rinstitut  Egyptien  V  S.  3.  Alexandr. 
1909  p.  51.     Einleitung  zu  des  Verf. 


—3:    3.  Die   spätgriech.  Tonschrift, 
zant.  Notenschrift.     Leipzig    1909; 
Tonzeichen, 

Musique    byzantine    du   XII   au   XIX 
siecle  vol.  2. 
Riemann,  H.,   Handb.  der  Musikgesch. 
Leipzig  1,  II.  1905  S.  108  ff. 

—  Die  Metrophonie  der  Papadiken  als 
Lösung  des  Rätsels  der  byz.  Neumen- 
schrift.  Leipzig  1907  (Sammelb.  der 
Internat.  Musikges.  9).  Byz.  Ztschr. 
1908  S.  541-542. 

—  Die  byzant.  Notenschrift  im  10.  bis 
15.  Jahrh.  Leipzig  1909  S.  57:  Über- 
sicht der  Zeichen. 

Riesemann,  O.  v.,  Zur  Frage  der  Ent- 
zifferung altbyzantinischer  Neumen 
s.  Riemann-Festschrift.    Lpz.  1909. 

Sanctus  Romanus  veterum  melodorum 
princeps,  ex  cod.  mss.  monast.  St.  Jo- 
annis  in  Patmo  pr.  ed.  J.  B.  Pitra, 
c.  1  tav.  color.  Omaggio  giubilare 
della  Biblioteca  Vaticana  al  sommo 
pontefice  Leone  XIII.   1888. 

Tardif,  Essai  sur  les  neumes,  Biblioth. 
de  l'ecole   des  chartes  1853  p.  264  ff . 

Thibaut,  J.,  Etüde  de  musique  byzant. 
La  notation  de  St.  Jean  Damasc. 
Izvestija  russk.  inst.  w.  Konstantinop. 
3.  1898  p.  138—179  pl.  1—6;  vgl.  6. 
1901   p.  361—396. 

—  Etüde  de  musique  byzant.  Byzant. 
Ztschr.  8.    1899  S.  122. 

—  Les  traites  de  musique  byzantine. 
Byzant.  Ztschr.  8.  478;  vgl.  8.  111— 12. 

—  ByzantinaChron.  St.  Petersburg  1899. 
6  S.  1. 

—  Bessarione  v.  6.  1899—1900  p.  96. 

—  La  musique  instrumentale  chez  les 
Byzantins.  Echo  d'Orient  4  (Constan- 
tinople)  1901  p.  339. 

—  Origine  de  la  notation  neumatique 
de  l'eglise  latine.  Paris  1907,  s.  Byz. 
Ztschr.  1909  S.  217. 

Tillyard,  H.J.  W.,  A  musical  study  of 
the  hymns  of  Casia:  Byzantin.  Ztschr. 
20.  1911  S. 420— 485  (10  echte  Hymnen 
der  Casia  a.  d.  Zeit  842-867)  p.  433: 
the  music.  mit  Transcription  in  mo- 
derner Notensclirift. 


—     419     — 
Die  liturffischen  Zeichen^   oder  die  byzantinischen  Noten  sind  ^l^'jsische 

o  _  "^  Zeichen 

dazu  bestimmt,  einen  Anhaltspunkt  für  den  Vortrag  der  heiligen 
Schriften  in  der  Kirche  zu  geben,  und  werden  ebenso  wie  Anfang  und 
Ende  der  Pericopen  durch  rote  Farbe  ausgezeichnet,  damit  sie  sich 
möglichst  von  dem  schwarzen  Texte  abheben.  —  Es  ist  schwer  zu 
sagen,  wann  sich  dieses  S^^stem  ausgebildet  hat.  In  liturgischen  Frag- 
menten ^  des  siebenten  bis  achten  Jahrhunderts  (s.  Grenfell  and  Hunt, 
Amherst-Papjri  1.  1900  p.  43)  sind  diese  liturgischen  Noten  noch  nicht 
angewendet.  Auch  in  den  Rylands-Pap.  1  sind  Hymnen  des  sechsten 
Jahrhunderts  (Nr.  7),  liturgische  Fragmente  des  fünften  Jahrhunderts 
(Nr.  8),  des  fünften  bis  sechsten  Jahrhunderts  (Nr.  9)  ohne  liturgische 
Noten.^ 

Die  ersten  sicheren  Spuren  in  einer  datierten  Handschrift  finden 
sich  bereits  in  der  ältesten  Minuskelhandschrift  von  835*  und  ebenso  -^^ter 
in  Uncialhandschriften  des  zehnten  Jahrhunderts  bei  Montfaucon,  Pal. 
Gr.  p.  234  II  und  260  und  im  c.  Harl.  5589  vom  Jahre  995.  Sabas 
gibt  zwei  Proben  von  1055  und  1116.  Auch  der  im  Jahre  1221  von 
Johannes  Dalassenus  geschriebene  c.  Vind.  theol.  181  ist  noch  in  der- 
selben Weise  bezeichnet;  hier  haben  aber  diese  Zeichen  nicht  nur  oft 
die  Accente  verdrängt,  sondern  oft  auch  die  Schrift  gedehnt,^  z.  B. 

El  St  ei  £/  Bii  ß  a  cc  u  ci  d  0  i  Osrooiag  usw. 

F6tis  (Biographie  universelle  des  musiciens  I  p.  CLXIII)  bemerkt  über 
den  Zusammenhang  der  Notenschrift  in  der  abendländischen  und  morgen- 
ländischen Kirche:  Le  premier  des  ces  principes  appartient  ä  VOecident, 
tautre  para7t  avoir  paust  de  V  Orient  dans  le  Nord,  ä  une  epoque  ires- 
anterieure  ä  celle  de  l'invasion  des  peuples  septentrionaux  dans  l'Europe 
rneridionale.^  Dagegen  wird  jeder  Zusammenhang  zwischen  griechischen 
Noten  und  abendländischen  Neumen  geleugnet  von  Th.  Nisard,  Etudes 
sur  les  anciennes  notations  musicales  de  l'Europe:  Revue  arch.  V,  701; 
VI,  101.  461.  749;  VII,  129. 


^  Die  musikalischen  und  liturgischen  Zeichen  siehe  Gerberts  Scr.  eccl.  de 
musica  und  de  cantu  et  musica  sacra  II  S.  56—57  Tab.  8—9  und  S.  112  Tab.  1—9 
mit  umfangreichen  Proben  der  älteren  und  jüngeren  Noten.  Über  die  Bedeutung 
der  liturgisclien  Zeichen  siehe  Praetorius,  F.,  Über  die  Herkunft  der  liebräischen 
Accente.    Berlin  1901. 

*  Gregory,  Textkritik  N.  T.  1  S.  327.     Griechische  liturgische  Bücher. 

'  Vgl.  Schermann,  Th. ,  Der  liturg.  Papyrus  von  Der-Balyzeh:  Texte  und 
Untersuch,  z.  Gesch.  d.  altehristl.  Litteratur.  III.  Eeihe  6.  Bd.  Heft  Ib.  Leipzig 
1910  f6.— 7.  Jahrb.). 

■*  Siehe  meine  Beiträge  z.  gr.  Pal.  Taf.  2. 

^  Noten  ohne  Wortdehnung  a.  1106  bei  Amphilochius  Pal.  B.  2,  23.  Aber 
in  dem  c.  Sin.  1220  (s.  XIII — XIV)  findet  sich  bereits  Wortdehnung. 

^  Vgl.  Riemann,  IL,  Studien  z.  Gesch.  der  Notenschrift.    Leipzig  1878  S.  112. 

27* 


—     420     — 

Eiemann  hat  sich  nunmehr  bestimmt  dieser  letzteren  Ansicht  an- 
angeschlossen; er  sagt  darüber  (Byz.  Notenschrift.  Leipzig  1909  S.  33), 
es  sei  eine  falsche  Voraussetzung  gewesen,  daß  die  byzantinischen  Noten 
mit  der  abendländischen  Neumenschrift  in  der  Wurzel  identisch  sei. 
„Der  principielle  Unterschied  besteht  darin,  daß  die  Neumenschrift 
ursprünglich  nicht  die  Intervalle  der  Tonhöhenveränderung  anzeigt,  die 
byzantinische  Notenschrift  dagegen  von  Hause  aus  in  ihrem  Kerne 
gerade  durchaus  eine  Intervallschrift  ist." 

Auf  die  Bedeutung  der  einzelnen  Zeichen'  kann  natürlich  der 
Paläograph  nicht  eingehen.  Nicht  auf  die  eigentlichen  Gesänge,  son- 
dern auf  die  recitierende  Psalmodie  bezieht  sich,  was  Tzetzes,  Die 
altgriechische  Musik  in  der  griechischen  Kirche.  1874  S.  131  sagt: 
die  7ieoifrj:cofitv7j  bedeute  die  fiiarj,  die  ö^sFa  die  Terz  aufwärts,  die 
ßuQBia  die  Terz  abwärts  der  TtBoiG%(üfiivi].  Nach  Riemanns  Darstellung 
ist  die  eigentliche  Gesangsnotenschrift  von  Anfang  an  bestimmte 
Intervallschrift.  Erst  spät  erscheint  mit  derselben  combiniert  eine  der 
Neumenschrift  verwandte  Notation.  —  Daneben  gab  es  noch  ein 
'^sys^em''  jüugeres  System  musikalischer  Notierung,  die,  soviel  ich  sehe,  in 
datierten  Handschriften  nicht  vor  dem  Jahre  1284  im  c.  Harl.  5535 
vorkommt,  während  sie  in  jungen  Papierhandschriften,  z.  B.  im  cod. 
Lond.-Egerton.  2389  und  2398  ganz  gewöhnlich  ist.  Möntfaucon,  der 
Pal.  Gr.  357  eine  Probe  dieses  Systems  aus  dem  elften  (?)  Jahrhundert 
gibt,  fügt  hinzu:  lisdem  hodie  Notis  Musicis  utuntur  Graeci  in  canüt 
Ecclesiastico,  ut  a  multis  accepi  —  —  üsum  autem  Graecarum  istiusmodl 
notarum  cum  kodier no  nostro  canlu  Ecclesiastico  conferre,  non  est  prae- 
.  sentis  instituti. 


*  Houdard,  G.,  La  notation  musicale  dite  ueumatique.  Revue  Arch.  W,  IS. 
1911  p.  57  tig.  12  tableau  des  signes  de  la  notation  byzantiue. 

Interessante  Proben  byzantinischer  Notenschrift  geben  auch  die  eben 
erschienenen  Monumenta  Sinaitica  (St.  Petersburg  1912)  Nr.  43  (a.  999),  46  (a.  1039), 
58  (a.  1177),  64  (a.  1321),  65  (a.  1236),  72  (a.  1309),  75  (a.  1333),  81  (a.  1374). 


Drittes  Buch. 


Unterschriften  und  Chronologie. 


Mit  Bezug  auf  die  Schreiber  griechischer  Handschriften  verweise 
ich  auf  die  erste  Auflage  dieses  Buches  S.  293. 

Wegen  der  benannten  Schreiber  s.  Vogel  und  Gardthausen,  Die 
griechischen  Schreiber  des  Mittelalters  und  der  Renaissance.  Leipzig 
1909.    XXXIII.  Beiheft  z.  Centralbl.  f.  Biblioth.  (XII  u.  508  SS.). 

Eine  Liste  datierter  Handschriften  s.  die  erste  Auflage  dieses 
Buches  S.  342;  sie  müßte  jetzt  so  sehr  erweitert  werden,  daß  ich  sie 
aus  Mangel  an  Platz  nicht  aufnehmen  konnte;  aber  auch  Wattenbach,  An- 
leitung z.  griech.  Pal.^  S.  62  ff.  gibt  eine  chronologische  Liste  datierter 
Handschriften.  Mit  Recht  bedauert  Merk,  Stimmen  aus  Maria  Laach 
1912  S.  442  den  Mangel  dieser  Liste;  was  er  als  Ersatz  vorschlägt,  habe 
ich  im  Register  durchzuführen  versucht. 

Über  die  Heimat  der  Schreiber  s..  ebenda  S.  406. 

Ein  Überblick  über  die  wichtigeren  Cataloge  griechischer  Hand- 
schriften ist  erweitert  neu  erschienen  unter  dem  Titel:  Gardthausen, 
Sammlungen  und  Cataloge  griechischer  Handschriften.  Leipzig  1903 
(=  Byz.  Archiv  hrsg.  von  Krumbacher  Heft  3).  VII  u.  98  SS. 

Über  Reproductionen  von  Handschriften  s.  ebenda  S.  411;  vgl. 
Krumbacher,  Die  Photographie  im  Dienste  der  Geisteswissenschaften. 
N.  Jahrbb.  f.  cl.  Altert.  17.  1906  S.  601— 660;  Angewandte  Photographie, 
hrsg.  V.  Wolf-Czapek.  Berlin  1911.  IV  S.  57:  Marc,  P.,  Bibliothekswesen. 
Traube,  Vorles.  u.  Abhandl.  hrsg.  v.  Boll  1,  München  1909,  schließt 
seinen  Überblick  über  Reproductionsverfahren  mit  der  richtigen  These 
(S,  60):  1.  der  Paläograph  sollte  wie  der  Kunsthistoriker  photographieren 
können;  2.  er  sollte  Photogravüre  als  Illustration  anstreben,  und  es 
nicht  unter  Lichtdruck  tun. 

Über  das  Schwarz -Weiß -Verfahren  s.  u.  das  Schema  zur  Be- 
schreibung von  Handschriften. 


I.  Unterseliriften  der  Bücher. 

■  Erstes  Kapitel. 

Die  Unterschriften  der  Codices  nehmen  eine  ganz  besondere  Stellung 
ein;  das  ganze  Buch  ist  vom  Verfasser,  die  Unterschrift  allein  ist  vom 
Schreiber.  Tsatürlich  tritt  der  Copist  durchaus  gegen  den  Verfasser 
des  Werkes  in  den  Hintergrund;  nur  am  Schlüsse  macht  sich  wieder 
Unterschrift  das  ßccht  der  Persönlichkeit  geltend  in  der  Unterschrift,  deren  wenige 
Zeilen  für  den  Paläographen  meist  wichtiger  sind  als  ganze  Bände  von 
Wundergeschichteu  und  frommer  Betrachtung.  Es  ist  daher  um  so 
auffallender,  daß  die  griechischen  Unterschriften  nach  Montfaucon  Pal. 
Gr.  p.  39  noch  niemals  eingehender  behandelt  sind  in  ähnlicher  Weise, 
wie  die  lateinischen  durch  0.  Jahn,  Über  die  Subscriptionen  in  den 
Handschriften  römischer  Classiker^  und  von  Eeifferscheid,  De  latinorum 
codicum  subscriptionibus,-  während  die  orientalischen  von  Flügel  be- 
handelt wurden:  Eigentümlich  zusammengesetzte  Unterschriften  muham- 
medanischer  Manuscripte.^  Eine  Monographie  über  griechische  Sub- 
scriptionen von  Branco  Granic  ist  allerdings  angekündigt,  aber  bis 
jetzt  noch  nicht  erschienen.  —  Dabei  muß  man  sich  natürlich  auf  die 
wirklichen  Unterschriften  der  Copisten  beschränken:  andere,  wie  z.  B. 
h/oärfvi  -clhiviGTl  eh  Id/.B^ävdoEiav  Tiji'  ixeyä'Arjv  ^sra  le  arij  xT/q  äva- 
'Ai'j-Wecog  Tov  xv  iificDv  'Iv  Xü*  haben  für  den  Paläographen  natürlich 
keinen  Wert.  Sie  gehen  weder  auf  den  Verfasser,  noch  auf  den  Ab- 
schreiber zurück,  und  stehen  ungefähr  auf  einer  Linie  mit  dem  Scholion 
eines  Classikertextes.  Auch  die  historischen  Nachträge  des  ersten 
Schreibers  oder  der  späteren  Leser  sind  natürlich  kaum  zu  den  Unter- 
schriften   zu    rechnen.^     Leere   Blätter  wurden  vielfach    auch    benutzt. 


1  Sitzungsber.  d.  Sachs,  Ges.  d.  W.  1851  S.  327. 

-  Ind.  schol.  Vratisl.  1872—73. 

^  S.  Ztschr.  d.  D.  Morgenl.  Gesellsch.  1854  S.  357. 

■*  Vgl.  Scholz,  Bibl.-krit.  Reise  104.     Bianchini  ev.quadrupl.il  hinter  p.  DV. 

'  Vgl.  Montf.  bibl.  Coisl.  I  217  cod.  VIII.  Matthiae  biblioth.  Mosq.  notitia  et 
recensio  p.  55  cod.  55  A.  und  p.  67  A.  Hujusmodi  notae,  quae  in  ceteris  mo- 
nasteriorum  montis  Athus  codicibus  reperiuntur,  fere  sunt  valde  recentes.  Sed 
notae   codicum   monasterii  Athanasii  vetustiores  sunt  anni  1218.     y.'E'/.'/.ijy.  7,  113. 


—     425     — 

um  Ostertafeln  einzutragen,  sei  es  nun  von  erster  Hand,  sei  es  von 
einem  Spateren.  Sie  sind  für  die  Chronologie  der  Handschrift  sicher 
Tun  großer  Wichtigkeit,  wenn  der  Schreiber  verstand  was  er  schrieb; 
aber  oft  hat  der  Schreiber  unverstanden  copiert,  was  er  in  seiner  Vor- 
lage fand;  es  paßte  also  auf  vergangene  und  nicht  auf  künftige  Jahre, 
oder  wenigstens  nicht  auf  die  Jahre  des  Schreibers.  So  beruht  z.  B. 
die  Annahme,  daß  der  c.  Ambros.  B.  106  sup.  (bei  Steffens  Proben  Nr.  10) 
ca.  9ö7  geschrieben  sei,  auf  ähnlichen  Erwägungen,  während  die  Hand- 
schrift selbst  ungefähr  ein  Jahrhundert  jünger  ist.  Ebensowenig  ge- 
hören die  Anmerkungen  des  Bibliothekars  hierher,  wie  z.  B.  evoi>9-ij  kv 
rfi  öydÖTj  ß-iau  avenr/oacfog  oder  ßißXo^  rr/g  hvärrjg  ^ifrecog  id". 

Die    wirklichen   Unterschriften    der  Handschriften    tragen   zu   ver- 
schiedenen Zeiten  einen  etwas  verschiedenen  Charakter.     In  den  ältesten 
Unterschriften  überwiegt  die  Rücksicht  auf  den  Text  und  dessen  treue     Text 
Überlieferung,    in    den    späteren    Unterschriften    tritt    die    Person    des 
Schreibers  mit  ihren  frommen  Wünschen  mehr  in  den  Vordergrund.       Schreiber 

Von  der  großen  Sorgfalt  und  dem  hohen  Wert,  den  sowohl  heid- 
nische wie  christliche  Schriftsteller  —  wenn  auch  keineswegs  immer  — 
auf  einen  reinen  unverfälschten  Text  legten,  zeugen  nicht  nur  die  kri- 
tischen Zeichen  in  heidnischen  und  christlichen  Büchern,  sondern  auch 
auch  die  ausdrückliche  Bitte  um  möglichst  sorgfältige  unverfälschte  Ab- 
schriften. Der  Verfasser  beschwor  seine  Abschreiber  bei  Jesu  Christo,  ^^p*!""' 
der  wiederkommen  werde  zu  richten  die  Lebendigen  und  die  Toten, 
mit  der  größten  Sorgfalt  abzuschreiben  und  zu  collationieren,  so  z.  B. 
Irenaeus  bei  Euseb.  hist.  eccl.  5,  20,  2:  öoxl'Qco  crs  xov  fisTayoaxfjöfisvov 

t6    ßl-j?Joi'    TOVTO    XUTU    TOV    XVOl'oV    i/fiOlV    'lt](jOV  XoKTTOV    XUl  XUTa    tTj^ 

h'dö^ov  Tiaoovm'ag  ccitov.  i^g  if^o/ercci  xolvui  ^aivrag  xa\  rexoovg,  Iva 
(cvTißuXriq  6  fiSTsyQäxfico,  xul  xaroo&djarii  ccvro  rroög  rb  dvrr/oacpov 
TOVTO,  6&EV  fjSTeyoäxpco,  t:ii!ns'/Mg-  xcci  top  öoxov  tovtov  öfio/cog  (.aTc/.- 
yndxpEiq  xai  {ft)(7Eig  ii>  Tfo  ävTryoarfcp.^  Eusebius  hat  selbst  seiner 
Chronik  diese  Beschwöung  vorangestellt.  Auch  Cyrill.  Hierosol.  episc. 
Prokatechesis  wiederholt  in  der  Subscription  den  Fluch  und  bittet 
um  Gottes  willen  diese  Subscription  mit  abzuschreiben:  xal  kav  noifi^ 
(iVTlyoccrfov,  cog  kzi  xvoiov  tuvtu  Tioöynaxpov.^ 


^  Siehe  dazu  die  Bemerkung  des  Eusebius  hist.  eccl.  .ö,  20,  3. 

-  Die  feierliche  Verfluchung  muß  sich  bewährt  und  einen  gewissen  Eindruck 
auf  die  späteren  Abschreiber  ausgeübt  haben,  denn  von  den  Byzantinern  ist  sie 
auch  zu  den  Arabern  übergegangen.  Massudi  (Macudi,  Les  prairies  d'or.  Paris  1861) 
hat  den  christlichen  Fluch  ins  Mohauunedische  übersetzt  und  droht  mit  dem  gött- 
lichen Zorn  und  Trübsalen,  deren  Vorstellungen  schon  Schauder  einjagen,  allen 
denjenigen,  welche  die  Klarheit  des  Textes  verdunkeln  durch  Änderungen  oder 
auch  mar  durch  Auszüge. 


—     426 


Es  ist  eine  anerkannte  Tatsache,  daß  die  Überlieferung  nirgends 
so  genau  und  sorgfältig  ist  als  bei  den  Religionsurkunden,  deren 
Schreiber  natürlich  fast  ohne  Ausnahme  geistlichen  Standes  sind  und 
sich  durch  nachlässiges  Schreiben  nicht  nur  den  Vorwurf  der  Flüchtig- 
keit, sondern  auch  den  der  Ketzerei  und  des  Religionsfrevels  zuziehen 
Avürden;  das  gilt  für  das  Alte  Testament  bei  den  Juden,  das  Neue 
Testament  bei  den  Christen  und  den  Koran  bei  den  Mohammedanern. 
Die  Anstalten  der  alten  Christen,  sich  nach  dieser  Seite  hin  sicher 
zu  stellen,  sind  sehr  beachtenswert.  Origenes  führte  den  Gedanken 
Hesapia  durch,  den  Text  in  seinen  He.xapla^  auf  sechs  verschiedene  Weisen - 
zu  schreiben,  um  auf  diese  Weise  ein  möglichst  treues  Bild  des 
hebräischen  Originals  zu  geben,  so  daß  immer  die  eine  Columne  aus 
der  anderen  verbessert  werden  konnte,  falls  sich  einmal  ein  Fehler  ein- 
geschlichen hatte. 

Es  gab  also  kein  größeres  Lob  für  eine  Bibelhandschrift,  als  wenn 
in  der  Unterschrift  bemerkt  werden  konnte,  daß  sie  nach  einem  Exem- 
plar oder  gar  nach  dem  Autograph  des  Origenes  abgeschrieben  oder 
collationiert  sei,  und  vielleicht  trugen  auch  die  50  Bibeln,  die  Con- 
stantin  durch  Eusebius  anfertigen  ließ,  diese  Unterschrift. 

In  dem  c.  Sinaiticus  (s.  o.  S.  127)  ist  uns  die  Unterschrift  aus  dem 

Pampbiius  Exemplar  erhalten,  das  Pamphilus  im  Gefängnis,   d.  h.  also  Ende  des 

dritten  Jahrhunderts  in  der  diocletianischen  Christenverfolgung  redigiert 

hat.     Auch  Montfaucon  (P.  Gr.  p.  40 — 41)  teilt  aus  einem  accentuierten 

Uncialcodex  eine  ähnliche  Subscription  mit: 

^  Field,  Prolegg.  in  Hexapla  Origenis  Hebrew-greek  Cairo  Genizah  Palim- 
psests  from  the  Taylor-Schechter  CoUection  including  a  fragm.  uf  the  XXH  psahu 
according  to  Origen's  Hexapla.     Cambridge   1900. 

-  Diese  Hexapla,  die  man  als  das  Vorbild  des  Psalterium  Cusanum  und 
der    späteren  Polyglotten  auffassen  kann,    hatten    sechs    vollständige   Coliimuen: 


Hebräisch 

Hebräisch 

geschrieben 

Hebräisch 
Griechisch 
geschrieben 

Aquila^ 

Symmaclius 

Septuaginta 

Theodotio 

Noch  vollständiger  waren  die  Octapla.  In  welchem  Ansehen  die  Hexapla  ge- 
standen, zeigt  auch  eine  syrische  Bibel  vom  Jahre  697  (Wright,  Catalogue  of  the 
syr.  mss.  I  p.  30)  mit  ähnlicher  Unterschrift:  „This  (copy  of)  Exodus  was  also 
coUated  with  an  accurate  exemplar,  in  which  was  this  epigraph:  'The  translation 
of  the  LXX.  was  transcribed  from  (a  manuscript  uf)  the  Hexapla,  in  which  the 
Hebrew  was  collated  according  to  the  Hebrew  (text)  of  the  Öamaritans'.  —  And 
(this  manuscript)  was  corrected  by  the  band  of  Eusebius  Pamphili  as  the  epigraph 
shows;  from  which  (manuscript)  too  the  things  taken  from  the  Samaritan  text  have 
been  previously  inserted,  merely  as  an  evidence,  that  great  pains  was  taken  with 
the  copy",  vgl.  Uspenskij,  Bullet,  d.  russ.  Arch.  Inst.  C.  P.  12.  1907,  190. 

^  Wessely,  Un  nouveau   fragm.  de  la  version   grecque   du  Vieux  Testam.  p. 
Aquila:  Melanges  Chatclain   1910  p.  224. 


—     427     — 

MerüJiffd-1]^  dt  ano  ävrr/oürfov  Tov'Aßßü  'Anohvaoiov  rov  xoi- 
roßiäo/ov,  kv  (h  xaOvnöx^irc/.t^  ravTa: 

fxereh'iffO,]  ano  rCrv  xaxu  ruq,  UÖöaui  i^uTcXöJv,  xal  dia)nd-Cü,%} 
ccTio  Twv  'Qoiyevovg  c/.vrov  TEroaTilCJv,  i/.xiva  xal  uvrov  /eioi  öic6odcoTO, 
xul  axohoyoäffeTo.  (P  EvGtßtoi  iyo,  TiaoiÖjjxa.  UäuxpiLoi  xai  Emi- 
ßio^  dicoo.'hoaavTo.*  Auch  Fragmente  der  Paulinischen  Briefe,  die 
vom  Athos  nach  Paris  gekommen  sind,  geben  am  Schlüsse  des  Titus- 
hriefes  die  Subscription:  avTsßh'j.'h]  Öi  y  ß/ß/.og  rroög  rö  kv  Kuiauodu 
(cvriyoacfov  rT^g  ßi ßhofiiixiiq  tov  ayi'ov  ncißffilov,   /euji  yeyoafi^lvov 

CCVTOV.^ 

Man  sieht  also,  daß  die  Abschreiber  mit  sehr  anerkennenswerter 
Akribie  zu  Werke  gingen,  und  bereits  vollständig  sich  dessen  bewußt 
waren,  worauf  es  eigentlich  ankam.  Doch  auch  aus  späterer  Zeit  lassen 
sich  noch  kritische  Unterschriften  anführen.  Eine  kritische  Unterschrift 
unter  einem  griechischen  Uncialcodex  ist  erst  kürzlich  als  solche  er- 
kannt.   Unter  einem  Pariser  Dioscoridescodex  (Par.  2179)  steht  nämlich 

M  P 

am  Schlüsse:  I  AlCU,  was  Montfaucon  auf  einen  Schreiber  Diodorus 
beziehen  wollte.  In  der  ßevue  philol.  1877  p.  207  hat  aber  Ch.  Graux 
auf  diesen  Irrtum  hingewiesen  und  gezeigt,  daß  vielmehr  '[ojüvvm  c)icöo- 
r'iaau  zu  lesen  ist;  die  Unterschrift  bezieht  sich  also  nicht  auf  die 
Schrift,  sondern  auf  die  Textesrecension.  Auch  in  einer  Platohandschrift  ^"^*^.^- 
c.  Vat.l  ist  Leg.  V  M3  B  notiert:  riloq  züjv  Öiooffoj&kvTOJV  vno  rov  rpdo- 
rröffov  AiovTog.  Wahrscheinlich  dem  10.— 11.  Jahrhundert  gehört  z.  B. 
die  Unterschrift  unter  der  berühmten  Anthologia  palatina  an:  'iojg  ÜÖs 
(>VTeßhji'hj  Tiobg  TÖ  avTißöhv  TOV  xvnov  Mi/aij?.  xai  diojo&üd-jj  rtva, 
71  Vi,»  6t,  xäxiTvo  (TffdliiaTu  el/ei'.*^  Collationen  werden  noch  erwähnt 
im  Monac.  29  und  41 :  iiia(6,%]  xal  tovto  xutu  xb  kuvTov  noonÖTvnov 
und  Monac.  38  kv  tTtoro  avT/yad(ffp  evotjToct  xal  TavTa.  Der  c.  Bodl. 
Seiden  43  (s.  XVI)  und  Bodl.  Land.  81  (s.  XVII)  wurden  nach  der  Sub- 

'  Der  c.  Siuaiticus  bietet  statt  dessen  ^eiü^ucf^r,,  eine  Form,  die  J.  L  Hug 
Einleitung  in  die  Schriften  des  Neuen  Test.  P  S.  238  für  ägyptisch  hält;  sie  läßt 
sich  aber  auch  m  dem  abendländischen  c.  Boernerianus  nachweisen,  den  wir  bis 
jetzt  wenigstens  kein  Recht  haben  mit  Ägypten  in  Verbindung  zu  bringen. 

'  y.uitv.iäinxio  a.  Ehrhardt,  Rom.  Quartalschr.  5.  1891   S.  229  A.  2. 

^  (jj^ef  s.  Erhardt  ebenda. 

'  Über  ähnliche  Unterschriften  lateinischer  Bibeln,  welche  die  Bibliothek  des 
Eugippms  bzw.  des  H.  Hieronymus  erwähnen,  s.  Traube,  Vorles.  u.  Abh  hrsg  v 
Boll  1.  München  1909  8.  108  und  Evangelium  Gatianum  ed.  J.  M.  Heer  Frei- 
burg 1910  p.  XLIV. 

*  Omont  hat  inzwischen  die  weit  verstreuten  Fragmente  einer  anderen  Hand- 
schrift herausgegeben  in  den  Notices  et  extr.  des  mss.  1889.  33,  1  p.  53,  wo  aber 
das  letzte  Wort  aiwv  fehlt.  Es  braucht  wohl  kaum  hinzugefügt  zu  werden,  daß 
der  Schreiber  dieser  Subscription  einfach  aus  seiner  Vorlage  abgeschrieben  hat 

"  Eev.  crit.  1877  II  p.  2-48. 


recension 


—     428     — 
„-^'^      scription    abgeschrieben:    äno    c/oyaiorürov    3iß?uov.      Ebenfalls    dem 

\orlage  ^  o  _  ^  ,  i. 

16.  Jahrhundert  gehört  eine  Handschrift  des  Nicephorus  an,  dessen  von 
Fehlern  wimmelnde  Unterschrift  Duchesne  publiciert  hat,  De  codicihus 
mss.  graecis  Pii  II  in  bibl.  Alexandrina-Yaticana  p.  30  Nr.  53:  '£f.isTe- 
yoc/.(pT]  Se  uTio  ersGOv  italcciov  Sißhov  Öiu  /sioö^i  laxößov  Ejiktxotiov'/.ov 
6  xnvj^.  Jac°  Episcopopulo  scriphi  de  mano  propria  candiotto.  Auf 
Lücke  eine  Lücke  im  Text  macht  der  Schreiber  des  c.  Marciau.  229  aufmerk- 
sam mit  den  Worten:  /.vnsi  fxs.  rb  '/mtiov  llav  w  rfü.oi.  (Mitteil.  von 
W.  Meyer.)  Je  jünger  die  Handschriften  sind,  desto  älter  müssen  natür- 
lich die  Vorlagen  sein,  die  bei  der  Abschrift  benutzt  sein  sollen. 

Wichtiger  ist  aber  für  den  Paläographen  eine  andere  Art  von 
Unterschriften  der  späteren  Zeit,  in  denen  die  Treue  der  Abschrift 
nicht  mehr  erwähnt  wird.  Unterschriften  der  Schreiber  in  alten  Uncial- 
handschriften  sind  allerdings  sehr  selten  und  zuweilen  sogar  noch  ab- 
sichtlich von  den  späteren  Besitzern  der  Handschrift  getilgt.  In  dem 
c.  Laur.  6,  21  liest  man  z.  B.  noch  die  allerdings  radierte  Unterschrift 
unciaie    (fol.  206)  in  spitzbogigcr  Unciale  (vgl.  Collezione  fiorent.  Nr.  7): 

€rCD  l€P€YC  AH  I 
MITPIOC  r€rPA0A 
(nur  die  letzten  zwei  Buchstaben  sind  zweifelhaft).  Tischendorf  hat  in 
seinen  Monum.  sacr.  ined.  Nova  Coli.  I  ]).  XXV — XXVI  eine  ähnliche 
publiciert,  die  er  dem  5.  —  6.  Jahrhundert  zuschreibt:  ICO^NNOY- 
MON<NXOYC€PriOY,  die  wohl  in  bezug  auf  die  Zeit,  also  auch  die 
Form,  sehr  vereinzelt  dasteht  und  vielleicht  mit  ebenso  großem  Eecht 
auf  den  Besitzer  wie  auf  den  Schreiber  zu  beziehen  ist.  Daran  schließen 
sich  die  ältesten  datierten  Uncialcodices.  Der  c.  Vatic.  1666  vom 
Jahre  800  (s.  Cavalieri-Lietzmann,  Spec.  Nr.  6)  trägt  die  Unterschrift: 
h.Ti.KuMd-1]  8c  i\  ßiß/.og  ai'Tij  f^iijvi  ccioiAicp  ijxdör}  ü  erovq  ,cr7/.  Portiri 
Uspenskij,  Bischof  von  Kiew,  der  den  ältesten^  datierten  Minuskel- 
codex besaß,  hatte  auch  einen  datierten  Uncialcodex,  ein  Psalterium. 
jetzt  in  St.  Petersburg  (Wattenbachs  Schrifttafeln  Nr.  24,  Thompson, 
Introduction  Fcs.  49;  s.  o.  S.  143),  vom  Jahre  862  mit  der  Unterschrift: 

^v  övöfxccTi  rTjg  ccyi'ag  cc'/oc/.vrov  xai  ^coao/ixT^l^i]  roiddog  TiuTOug 
y.ul  viov  y.tu  äyiov  ni'SVfiaTog. 

iync/.(fi]  y.ul  iTe/.ei(6&7]  t6  ttccooi'  'xpa/.Tr,(Hov.  xs?.evasi  tov  äyiov 
y.ul  fiW/iaoiov  Tiaroog  Vifiöjv  IVöJs  nooiSoov  Tijg  fft'/.o/oi'fTTOv  ueya'/.o- 
nöAecog  Tißeotc/.Öog-  erovg  yöaaov,  zro,  ivS.  icc'  /skh  QeoÖ(öoov  O.c- 
'/iGTOv  ()'iaxöi'Ov  TTjg  ü.yiug  X^oiarov  tov  &60v  I^huTjv  ävc/.arc/.aeoig-  örroi 
ovv  u'Tvy/dvsTS  tv^c/M&i  VTiio  TO)i'  xcix^oyaoanivorv  %ai  boyu(Tauiv(t)V 
elg  Öö^av  lisov. 

^  Daß  der  codd.  f  in  Oxford  und  Petersburg  nicht  im  Jahre  844  geschrieben 
wurde,  wird  unten  gezeigt  werden. 


—     429     — 

Dem  9.  und  10.  Jahrhundert  gehören  daher  auch  die  wenigen 
datierten  Uncialcodices  an,  von  denen  wir  Kunde  halten-,  nämlich  ein 
Evangelistar  c.  Vatic.  Gr.  354  aus  dem  Jahre  949  ^  bei  Bianchini  Evang. 
quadrupl.  II  p.  DLXXII  vol.  I  p.  234: 

'EyodcfEi  (1.  -(^7])  ij  Tiptiu  di/.Tog 

ccvTJi   dicc  -/sioüi  tuov  Mr/a- 

),}.  fioi'cc/ov  «uuoTColov  fjiiji'c  MaoTKp   a 

ilfieocc  e'  Hjoc/.   g' 

Erovg  ,gviC'  ivÖtXT.  Z,'. 

und  eine  andere  Evangelienhandschrift  vom  Jahre  972,  richtiger  980- 
und  ein  Evangelistar  in  üncialen  von  der  Hand  des  Priesters  Con- 
stantin  im  Jahre  995^  geschrieben  mit  der  Unterschrift:  kynäffi}  biu 
'/iioo-i   Kcovazavxivov  TTosaßvrioov  fxi]vl   Mairo  x^'  ivÖ.   /;'   irovi  ,^^7  • 

Die  Subscriptionen  der  jüngeren  Uncialhandschriften  sind  bereits  ^"^PJ^p^J^^ 
nach  demselben  Schema  gearbeitet,  wie  die  der  gleichzeitigen  Minuskel-  iiandscimr- 
handschriften,  die  mit  Ruhe  und  Sorgfalt  geschrieben  sind.  Es  ist 
daher  auch  kein  Wunder,  daß  mit  der  Zeit  der  fertigen  Minuskel  auch 
die  Zeit  der  Unterschriften  beginnt.  Die  Schreiber  pflegten  stets  in 
denselben  Wendungen  fast  dasselbe  zu  erzählen.  Wenn  in  unserer 
Zeit,  die  dem  Individuum  doch  einen  ganz  anderen  Spielraum  läßt, 
die  Subscription,  d.  h.  die  Vita  hinter  Doctordissertationen  immer  das- 
selbe mit  gleichen  Worten  und  in  gleicher  Reihenfolge  sagt,  und  sich 
begnügt,  in  feststehendem  Formular  bloß  Namen  und  Zahlen  zu  ver- 
ändern, so  haben  wir  am  wenigsten  das  Recht,  uns  über  die  stereo- 
typen Wendungen  byzantinischer  Mönche  zu  wundern,  welche  ein  festes 
Schema  anwendeten,  das  älter  ist  als  alle  datierten  Handschriften  der 
Griechen  und  schon  im  Jahre  835  uns  vollständig  fertig  entgegentritt  835 
in  dem  Tetraevangelium  Uspenskyanum:  kTiku(od-r}  &eov  /doirt  ij  ieou 
avTij  xal  &eo/c4oaxTog  ßijKOi  uijri  uaico  C  ivSiXTiöJvog  ly  erovi  xöa/xov 
i^Tfxy.  ÖvocoTiGj  öi  .Tfii^r«--  ror^  ivrvy/o'-i'ovru^  [xvetav  fxov  TioisTaiiai  rov 
ynäxDuvTOi  vixoläov  afxaoTco'/.ou  aova/ov.  ÖTKog  Evooipn  eXeo^  iv  ijniocc 
xoiascog.  yivoiro  xvoie.  (>a/ji';*  eine  Unterschrift,  die  in  bezug  auf 
Inhalt,  Form  und  Anordnung  an  die  Unterschriften  der  Urkunden 
erinnert. 

Da  Montfaucon  P.  Gr.  39  ff.  reichliche  Proben  datierter  Subscrip- 
tionen mitteilt,  so  kann  ich  mich  der  Kürze  wegen  auf  eine  zusammen- 
fassende Charakteristik  beschränken. 

•  Wiener  Jiihibb.  1S4T  S  117.     Anz.-Bl.  S.  7:  s.  o.  S.  149. 
^  Catalogue  of  the  Curzon  library  p.  38. 

^  Lond.  Harl.  5589  =  Montfaucon  p.  510—11,  Pal.  Society  26-27. 

*  Unvollständig  gibt  diese  älteste  datierte  Unterschrift  der  Minuskel  bereits 
Scholz,  Bibl.-krit.  Reise  S.  145—46. 


—     430     — 

Eingangs-  i    J)[q  Unterschrift  wird   meist   durch   eine   passivische   Eingangs- 

Ibrmel  eingeleitet,  in  der  älteren  Zeit  meist  mit  hyoc/jfi]  (selten  kynärpifri) 
oder  k':ih]od}&i] ,  Öiä  '/^loo^  usw..  namentlich  das  erstere  hat  sich  bis 
in  die  späteste  Zeit  gehalten,  aber  hauptsächlich  seit  dem  11.  Jahr- 
hundert wurde  die  Subscription  vielleicht  noch  häufiger  durch  ein 
kze'/MbJifi]  [(7VV  &eo)  oder  &eov  -/äoiri]  eingeleitet,  das  vereinzelt  auch 
schon  früher,  z.  B.  a.  835  und  880,  vorkommt.  Gelegentlich  werden 
auch  beide  Ausdrücke  rerliunden,  'Eynärfii  .  .  .  xal  kTe?.eia)i')-ij,  so  z.  B.  im 
Jahre  862.  899  und  990;  oder  IleTTeoaicüTai  avr  ß-eoi  i)  &eÖTevxTOQ  avri] 
71VXt)j  pirivi Idnoihm  iS'  ijpieoci  ^',  ojocc  ^  ivdix.  te'  erovi  xöfTfiov  ,gv?i.e  {921).^ 
Ein  Plural  findet  sich  selten,  so  z.  B.  im  c.  Sinaiticus  787:  'Ets'/mco- 
xii](>av  -nana  rov  leoofiovä/ov  'IforrijCf  .  .  .  xu  (TTi/i]oc/:oia.  Sehr  ungelenk 
klingt  der  Anfang  einer  Subscription  im  Rumjanzow-Museum  cod.  13: 
Xeio  afiuQTcoXov  fiova^ov  MsIeti'ov.  Selten  ist  ein  mehr  neutraler  Ein- 
gang wie  TÜ.og  elilijcfs  und  noch  seltener  ein  activer  wie  ^ijöv'/.(og 
^xörrog  tyco  eyoccifja,-^  bei  dem  nicht  nur  die  Worte,  sondern  auch 
die  Form  des  Eingangs  und  der  Buchstaben  gleichmäßig  auf  abend- 
ländischen Ursprung  hinweisen.  Daneben  kommt  es  auch  vor,  daß  die 
Subscription  durch  ein  Gebet  oder  durch  einen  Segen  im  Namen  des 
Vaters,  des  Sohnes  und  des  heiligen  Geistes  eröffnet  wird,  so  in  dem 
uncialen  Psalterium  vom  Jahre  862  (s.  o.  S.  143  u.  428). 

StTk'des  2.  An  zweiter  Stelle  folgt  oft  der  Titel  oder  doch  die  Charakteristik 

Werkes  ^[gg  goebcn  beendigten  Werkes,  wie  z.  B.  i)  isocc  a'vrr}  xal  (fhoyäouxxoi 
{d-eÖTivevffTogj^iJV/cocfe/Jiq)  ßißXog  oder  6  öfriöruroi  xul  naxdoioq'Effoaiix; 
doch  manchmal  fehlt  auch  diese  Rubrik  gänzlich,  und  es  wird  statt 
dessen  der  Name  des  Bestellers  genannt,  manchmal  finden  wir  auch 
eines  neben  dem  anderen.  In  der  Subscription  des  c.  Vatic.  2041-^ 
tTsls(a)&7]  ij  hoä  ßißXog  avri]  d'ia  (TWÖonpiTig  yEcooyiov  äno  ana.xi-iu  usw. 
Der  Ausdruck  Öiä  avv8oo\iTji  wird  aber,  wie  es  scheint,  zuweilen  auch 
auf  die  Tätigkeit  des  Schreibers  bezogen,  z.  B.  im  c.  Mosq.  406  vom 
Jahre  1126:  §iu  fTVvdoopiTjg  hoavrtxi'ov  inovc^/ov  änaorro/.ov  xai  Ü.a- 
yjaxov  xG)v  fxova'/ojv^  aber  Ausdrücke  wie  Öiä  xötiov  xal  k^öd'ov  (c.  Sin. 
1221  vom  Jahre  1321)  können  nur  auf  den  Besteller  bezogen  werden. 

^Bestimm.'  3.   Daran  schließen  sich  die   chronologischen  Bestimmungen,  z.  B. 

fii]vi  Mako  C  ivd'ixxiojvog  ij'  exovg  xö(7f.iov  ~^T(.iy'.  meist  in  dieser  Reihen- 
folge vom  Speciellen  zum  Allgemeineren  aufsteigend:  Monat,  Jahr  der 
Indiction  und  endlich  Jahr  der  Weltaera,  an  welche  sich  dann  auch 
wohl  noch  die  Bezeichnung  der  Sonnen-  und  Mondcyklen  anschließen. 
Die  Bestimmung:  kv  exei  ist  für  uns  natürlich  von  besonderer  Wichtig- 


^  Cod.  Hierosolym.  ^tuvqov  5ö. 

-  Montfaucon,  P.  Gr.  p.  41,  237;  vgl.  Styliano.-  S.  431. 

3  Scholz,  Bibl.-krit.  Reise  S.  102. 


—     431     — 

keit;  deshalb  sei  noch  besonders  daraufhingewiesen,  daß  wir  in  jüngeren 
Handschriften  und  Drucken  statt  dessen  die  Form  finden  'EvsTiijcri,  die 
in  manchen  Fällen  nichts  weiter  bedeutet  als  ^v  erei.  ^  Gelegentlich  geht 
die  chronologische  Genauigkeit  noch  weiter  und  fügt  noch  Wochentag 
und  Stunde  hinzu,  so  z.  B.  in  einer  Subscription  des  Jahres  986:  c  r;7^ 
i.jdoi.idd'o^  i/fiioa,  (üof/  y.  Diese  übertriebene  Genauigkeit  läßt  man  sich 
immer  noch  eher  gefallen  als  das  Gegenteil,  welche  den  Wert  der  ganzen 
Subscription  aufhebt,  wenn  z.  B.  Simon  Macroduca  bei  Lambec.  VI^ 
p.  262  die  Jahreszahl  wegläßt  und  datiert:  r/}^  ^  tov  :iao6vxo4  (fe- 
ßoovao/ov,  tTi^  7iuoov(Ti]q  TtocüTiig  ii'ötxTiojvo^.  Als  chronologische  Be- 
stimmung ist  auch  die  Nennung  des  regierenden  Kaisers  aufzufassen: 
c.T<  Mavov)/?.  ßafT(?.to)q  xai  avTOxnärooog  'Po)ßC4icoi'.^  die  zugleich  ver- 
wertet werden  kann  als  Beweis  für  die  byzantinische  bzw.  europäische 
Provenienz  der  Handschrift.  In  ganz  ausführlichen  Subscriptionen  macht 
der  Schreiljer  auch  wohl  sein  Kloster  und  seinen  Abt  namhaft,  so  z.  B. 
Nicolaus  im  c.  Mosq.  96  vom  Jahre  917  t;r<  ijyovfjiivov  tov  ömcürdrov 
TtCCTOOg   ijfjLÖJV   ^evo(p(dvTog. 

4.  Dann  erst  folgt  der  Name  des  Schreibers,  wenn  er  sich  über-  scbreiber 
haupt  nennt;   aber   manchmal   verschweigt   er  demütig   seinen  Namen: 

yoäips  Tig;  olös  ^d'sög'  rivog  si'vexev]  oide  xal  uvrög. 
Koiaro)  Tsleio)  xal  Gvvioycp  i)  /doig.^ 

Meistens  aber  wagt  der  Schreiber  doch,  sich  selbst  zu  nennen,  so  z.  B. 
Nixölaog,  selten  vergißt  der  Mönch  dabei  den  Zusatz  (iiiaoTcolög  oder 
runeivog  xal  ü.ä/KTTog  Tirco/ög  und  dvd^iog.  6  iv  /^lova/oiq  oiXTOozaTog. 
Der  c.  Sin.  778  ist  geschrieben  von  der  Hand  des  Nicolaus,  tiova/ov 
xal  dhrnov  xal  klayjaxov  :iowßvxiuov.  Persönliche  Bemerkungen 
finden  sich  in  der  Renaissancezeit;  Antonius  Eparchus  gibt  z.  B.  im 
c.  Vatic.  1779  sein  Lebensalter  an:  dyovxog  avv  i9-6w  xo  ißöoixTjxotrxov 
ii'vaxov  exog.  Noch  älter  wurde  der  Mönch  Barlaam.  der  nach  der 
Unterschrift  im  Jahre  1385  eine  Florentiner  Handschrift  (Coli.  Fior. 
Nr.  6)  in  seinem  110.  Lebensjahre  vollendete. 

Um  so  auffälliger  ist  daher  die  knappe,  anders  geordnete  Unter- 
schrift in  dem  c.  Mosq.  394  vom  Jahre  932:  ^xvhavbg  didxovog 
iyoaxia  !Aoi&a  do/ie7iiGx6:Tq}  Kaifraoeiag  KannaSoxiag  exei  xöghov 
^gvfi  iv§.  %ifX7ix7]g  pufvl  ldiioi\)^'kict)  avuTikTjooj&svxog  xov  xei'xovg. 

5.  Den  Schluß  des  Ganzen  bildet  natürlich  irgend  ein  frommer 
Wunsch;  schon  auf  Papyrus  liest  man: 

^  Siehe  Lambros,  Sp.,  X.  'E'/.'/.rjvouvi]fio)v  4,  122;  .j,  116.  Omont,  Centralbl.  f. 
Bibliothek.  3.  1886  S.  4?,3. 

-  Montfaueon,  P.  Gr.'^p.  61. 

^  Ducliesne  et  Bayet,  Mem.  &iir  une  mission  au  mout  Athos  p.  2-il;  vgl. 
Anthol.  Pal.  ed.  Dübn.  II  p.  177. 


—     432     — 

svJTV/fOi;  TCO  yoarpavT[i]  xai 
?^a]fißavov[ri]  xai  avuyivco  |  gkovti^ 
und  ähnlich  in  dem  c.  Mosq.  100  vom  Jahre  993  oi  ii'zvxävovre^ 
ev/Effd-cii  rat  youtpavri  xrh  Ein  dankbarer  Leser  hat  dazu  ge- 
schrieben: uicovlu  i]  fiv)'injj  Tov  yodipavTog  tijv  ßißlov  ravTijr,  oder  bei 
Duchesne,  De  codicibus  mss.  Pii  II  p.  18  Nr.  24  (Gregor  Naz.)  lygätfi} 
ij  ipvxocftUTq,  C/.VT1]  ßi'ßXog  dia/ioog  Läß-uvaaiov  Evr&lovq  /^lova/ov  slg 
TijV  vaiav  fiovijv  tijv  vtiIq  äyiuv  Owtöxov,  xccl  Te}M(t}ß-Tiau  iiipu  aen- 
Tsußot'cp  xcc'  eTovg  g(fn  (1072  rc.   1071) 

+  Tov  ÖaxTiloiq  yoäyjccvTcc  tov  xe}{Tif.dvov 
TOV  ävayiyvcoaxovTa  t>jv  ßlßlov  TavT7]v, 
(pvlaTTCii  Tovg  ToTg,   1]  TOiocg  Tiavocyia. 

In  den  Minuskelhandschriften  finden  wir  diesen  frommen  Wunsch 
meistens  entweder  in  der  Gestalt  eines  Gebets  an  die  heilige  Drei- 
einigkeit, oder  auch  in  der  Wendung,  daß  der  Leser  gebeten  wird, 
Fürbitte  Fürbittc  einzulegen,  daß  der  Schreiber  Gnade  finde  am  Tage  des  Ge- 
richts. Dieser  Schluß  lautet  in  der  ältesten  Subscription  vom  Jahre  835: 
ÖvaoonS)  d's  ndvTag  Tovg  ivzvy/ävovTccg  fxvEiav  jxov  noielad-cci  .  .  .  onojq 
evQoifi.1  eleoq  kv  vfisQcc  xoiff&cug.  yivoiTO  xvqib.  afi/jv  (s.  o.  S.  429).  Ebenso 
bei  Sabas,  Specimina  zum  Jahre  917. 

Etwas"  weltlicher  ist  es  schon,  wenn  der  Schreiber  statt  dessen  den 
v^rzeihll^g  I'^^^i'  wegen  etwaiger  Fehler  um  Verzeihung  bittet;  so  endigt  der 
c.  Paris.  633  (a.  1186)  mit  der  Bitte:  öcroi  yovv  loinbv  kvTvy/dveTS 
TuvTijg,  (7vy[y]vcoTe  fioi  naoaxala)  eiTi  hacpdh]v  cc:iö  Te  ö^siccg,  ßaQSi'ag, 
dnofTTQÖcf'OV,  daalag  ts  xal  ipih'g  (sie)  xal  6  d^sög  acoaei  vfxag  nüvTccg. 
dfji/jv,  und  ähnlich  im  c.  Paris.  1023  vom  Jahre  1265. 

Selten  wird  in  einer  Handschrift  ausdrücklich  hervorgehoben,  sie 
^  Gd/"  sei  geschrieben  nicht  für  Geld,  sondern  aus  Lust  und  Liebe  zur  Sache, 
z.  B.  im  c.  Leuuward.  33  (Theognis,  15.  Jahrb.)  MtxccTjl.og  'AnoGTÖlrjg 
JjVL^dvTiog  TÜÖE  i^eyQccxpEV  eocoTi  ov  nBvla.^ 

In  den  letzten  Worten  gibt  der  Schreiber  auch  häufig  dem  be- 
dtrFrTude  ^^echtigtcn  Gefühl  der  Freude  Ausdruck,  entweder  darüber,  ein  Werk 
für  die  Ewigkeit  geschaffen  zu  haben,  z.  B. 

(hg  Tuig  k7Mcpoig  xaifiazog  wocc  Tiilu 
Tirjyij  TiofHivi'j,  äxog  ovau  tov  &e()ovg, 
övTCo  Tiecpvxe  xal  yoaffevcriv  jjdv  ti 
t6  zkofia  ß/ßXov,  ToFg  de.  tojv  novovpLevcov'^ 


oder 


'  Pap.  Kyl.  1  p.  187.    Vgl.  Wessely,  Stud.  z.  Paläogr.  u.  Papyrusk.  6  S.  148. 

2  Siehe  Vogel-Gardthausen,  Griech.  Schreiber  S.  306. 

^  Cod.  Vat.  905.     Abh.  d.  Berl.  Akad.  1831  Anhang  S.  71. 


-     433     — 

yQCi(f))i  dt  ffcc/vei  elg  /oövov.^  nhjnEaräTOVi.^ 
oder  auch  darüber,  die  große  Arbeit  hinter  sich  zu  haben,  z.  B.  ylvxv 
tÖ   yoä(f>eiv  ßiß/Jov  TÜ.04   anocv   c.  Paris.  1531   (a.  1112)   oder  Iöoojti 
7ioX?v(ö,  xai  Ttövrp  (Tva/edevTt  fJiöyiQ  EVQOfxiv  rö  iiÖvrazor  rü.og  (Laur.  7, 3\ 

Unzählige  Male  wiederholt  sich  der  Vers: 

ü(j7ie()  ^ivoi  /ß/poi'rr;  iÖe'iv  Tiuxoidu 
ovTcog  xal  reo  yodcpovri  ßißhov  xiloi.^ 
ein  Vers,  der  besonders  häufig  ist  in  den  Handschriften  des  11.  und 
12.  Jahrhunderts  und  der  späteren  Zeit,  aber  schon  viel  älter  sein 
muß,  weil  er  sich  ganz  ähnlich  auch  in  lateinischen  Handschriften 
nachweisen  läßt,  also  in  eine  Zeit  zurückgeht,  in  der  die  verbindenden 
Fäden  zwischen  griechischen  und  lateinischen  Schreibern  noch  nicht 
zerrissen  waren. 

Nicht  selten  wird  noch  ein  Fluch  ^  hinzugefügt  gegen  den,  der  etwa  fiucu 
die  Handschrift  dem  Kloster  entwendet.  Derartige  Flüche  sind  im 
Orient  sehr  alt  und  kommen  ähnlich  schon  in  den  großen  Felsen- 
iuschriften  von  Behistün  vor*:  Es  spricht  Darius  der  König:  Wenn 
du  diese  Tafel  oder  diese  Bilder  siehst,  sie  zerstörst  —  —  da  möge 
Auramazda  dich  schlagen,  deine  Familie  möge  zunichte  werden;  was 
du  tust,  das  möge  Auramazda  zerstören.  In  dem  Leipziger 
c.  Tischend.  IX  Fol.  14:  rb  Tiagbv  Sißliov  iariv  rov  äyiov  xui  &eo- 
ßudiazov  ÖQOvg  2ivcr  xal  öarig  vareoi'jasi  ano  zijv  i/.yiuv  fiovi^v  vu  e/ei 
rag  uoug  rCHv  äyicov  nuriocov  xccl  rTjg  axuraffXexrov  ßc/.rov,  oder  auch 

1)  ßi'ßXog  ijÖe  rTjg  fxovTjg  ccxaiiviov, 

6  yovv  atih'jGceg  fjiij  youffy  L,(oTig  ßißhjj.'^ 

Der  Mönch  Clemens  fügte  im  Jahre  1112  dem  c.  Par.  1531  fol- 
genden Fluch  hinzu:  "Orrrig  ovv  ßovhjd-fi  äoai  r/jvÖe  ri/V  ßtß?iOV  and 
rTjg  roiavrrjg  fxovT/g,  /)  evXöycog  /}  ccvevXöycog  ....  tioojtov  h'cV  xhjoovo- 


*  Fast  wörtlich  wiederholt  in  einem  Mailänder  Evangelienbuch  c.  Ambros.  93 
(B.  36  sup.)  vom  December  1022,  dem  Petei'sburger  Evangeliar  71  vom  Jahre  1020 
(was  Muralt  im  Catalog  nicht  erwähnt),  ferner  c.  Vat.  411  von  dem  Presbyter  Elias 
a.  1021.  Montf.,P.  Gr.  p.292  und  in  dem  noch  etwas  älteren  tachygraph.  c.Vat.  1809. 

2  Altpersisehe  Keilinschriften,  hrsg.  von  F.  Spiegel  (1862)  S.  37  XVI. 
^  (Deckers)  Abh.  vom  gelehrten  Buchfluche,  Halle  1751,  kenne  ich  nur  durch 
eine  Erwähnung  bei  Ebert,  Bildung  des  Bibliothekars. 

*  Ebönso  im  c.  Vat.  gr.  1809  <Wattenbach,  Schrifttafeln  Xr.  26>;  c.  Sin.  231 
(a.  1038);  c.  Sin.  805  (a.  1315);  c.  Sin.  940.  944.  1204;  c.  Coisl.  28;  c.  Paris.  214 
(a.  1316).  454.  2243;  Xeap.  11.  F.  24;  Matr.  N.  46;  Escur.  T.  III.  3  (a.  1057),  fp.  II.  7, 
X.  III.  6;  Bodl.-Cromw.  11;  Laur.  6,4;  Lips.-Paulin.  5(21a)Fol.  175;  Lips.-Senat.  3; 
ähnlich  c.  Marc.  74  vom  Jahre  1112  und  c.  Bodl.-Laud.  65. 

^  Kitchin,  Catal.  codd.  qui  in  bibliotheca  Aedis  Christi  apud  Oxonienses  ad- 
scrvantur.    Oxf.  1867  Xr.  1. 

Gardthausen,  Gr.  P.iläograpLie.    J.  Aufl.   II.  28 


—     434     — 

/jeiTO)  ävdcdefxu,  tiiV  äoav  tGjv  äylcov  ifeorföoojv  Tiariocov.  xui   //  j-uoi^ 
{.teroc  'lovdcc  zov  xal  tiooÖötov  xai  rür   '/.ociöjv  uTtoGrarojv.^ 

Außer  dem  Judas  werden  auch  wohl  noch  die  Hohenpriester  Ana 
und  Caiphas  namhaft  gemacht  (c.  Lesbiac.  Limon.  4),  doch  alle  diese 
Flüche  sind  noch  zahm  und  sanft  gegen  diejenigen,  welche,  wie  Nöl- 
deke  schreibt,  bei  ähnlichen  Gelegenheiten  von  den  Syrern  angewendet 
wurden.  Nectarius,  der  Schreiber  des  c.  Ambros.  89,  flucht  dem  Räuber 
und  wünscht  ihm  die  Ungnade  der  heiligen  Väter  des  Concils  von 
Xicaea  und  t//I'  'Ki%ou. 
schemf  Diescs   Schema  wurde   nun   allerdings   in   seinem    ganzen  Umfang 

nicht  immer  angewendet;  es  gibt  viel  kürzere  Subscriptionen,  die  bloß 
aus  dem  Namen  des  Schreibers  bestehen,  z.  B.  ^ 

X 

A     X 
/ 

oder  bloß   aus   dem  Datum,  z.  B.   bei   Sabas   zum  Jahre    1126:    Mrivi 

iavovaoioi  )M,  Ivd.  §,  drovg  c/Äd'  und  zum  Jahre  1063:  Erovg  gcfou, 
der  c.  Monac.  224  (s.  XIII)  schließt:  <i^eov  rb  dcDoov  xal  Xoi](Trocf6oov 
iiövoi,  oder  im  c.  Mosq.  366  vom  Jahre  1387  AoiQO&iov  tiövo^  xui 
■/üoii  &eov.^  Doch  werden  diese  Beispiele  lakonischer  Kürze  namentlich 
in  den  späteren  Jahrhunderten  häufiger.  Die  Form  der  Subscriptionen 
ist  so  feststehend,  daß  jede  Abweichung  auffällt;  es  ist  ungewöhnlich, 
wenn  das  Buch  redend  eingeführt  wird,  z.  B.  Ambros,  D.  56  sup.: 
liuvovijX  Tietpvxcc  TivxTi'g  zov  ßovlarov  öv  '/Ojooi  i^i'jveyxs  &i(T<jaAovix7]g 
xal  xöfffxog  dvid-oexpe  zT/g  xcovazuvzivov.  avzi]  xotTfiijcracra  ysvi'ui'cog 
nagicr/E  xoci  Tiöoicrfia  ttoJ.Icov  Tivxzidcov  u(f  av  h/d)  7ii(fvxu  zQv  -kIM- 
(TTCov  fiia.  Ferner  läßt  der  Schreiber  nach  antiker  Weise  das  Buch 
selbst  reden  in  einer  Unterschrift  bei  Montfaucon,  P.  Gr.  p.  93:  Kao- 
vävioq  II  eyoaxpE  ^vfieav  ^evog'^  usw. 
sut^rip-  Daneben  gibt   es  aber  noch  andere  Subscriptionen,  die   ebenfalls 

tionen  q^cJ^  dicscm  Schema  gemacht,  jedoch  anderen  Gesetzen  folgen,  nämlich 
die  metrischen,  welche  meist  im  iambischen  oder  auch  dem  politischen 
Verse  gebaut  sind.^  Schon  der  c.  Paris.  1470  vom  Jahre  890  hat  die 
Unterschrift: 

^  Ähnlich  im  Bull,  de  corr.  hellen.  9.  1885  p.  83—84  (Inschr.  v.  Karien). 

-  Cod.  Hierosolym.  2!iavQov  55:  Unvlo;,  Aovloz  Xq.^  fiova/ög. 

^  Platou  dialog.  Bekk.  com.  crit.  I  p.  V.  Vgl.  Eostagno  e  Festa,  Codd.  gr. 
Laur.  Xr.  9  p.  136. 

*  Vogel-Gardthausen,  Grriech.  Schreiber  S.  408. 

^  Eine  weitere  metrische  Unterschrift  vom  Jahre  972  s.  Wattenbach,  Exempla 
codd.  gr.  p.  3. 


—     435     — 

+  Mvi)(jdi]xi  rrojTeo  Örjfitovoyk  t(7jv  u'/jnr  \  ruT^  zT^i  a/odvTOv 
avxTi\uig  iTeotöxov  \  rov  kfxnövcoi  yadipccvrog  \  IdvuGTccGtov  \  ti,v  ßiß'/.or 
i]v:tso  Tulv  xeooiv  fiov  vvv  (fioro  \  xal  rcc^ov  ccvrov  h'  (iixccPcor  rf/ 
OTÜau  \  noÜMv  Tiunao'/fov   cc/j.7t/m  xjjfidTCov  Ivroov. 

(Zwei  Zeilen  radiert.) 

+  'EnavfTE  XoKjTog  öiji.uoi'o\yeiv  aa-jßdT(o-  \  xäfiov  di  Tiavei  rovg  , 
Tiövovg  iv  (TuSßchu)  I  fiijvl  ciTTOij'/.h'oj  ivd'i  XT/orog   T,   erovg  ,~rq;/.^ 

Die  metrischen  Unterschriften,  die  ini  11.  und  12.  Jahrhundert, 
wo  man  auch  auf  die  äußere  Form  der  Handschriften  wieder  mehr 
Gewicht  zu  legen  anting,  häufig  werden,  sind  zuweilen  nichts  anderes 
als  das  versiticierte  Formular,  wie  in  einer  Unterschrift  im  c.  Viud. 
theol.  193  (a.  N.  213  Lambecius  5  p.  82  : 

'EteJMCi'j&1]    (TVV    x)E(ü    XC/.1    Tu    Tia.lJOV    TIVXTIOV 

7o  TTÖvij/xu.  TÖ  (jvyYQa(if.ia,  i,  6i'Te?Jjg  Aiozrncc 
Atu  /s/oög  ocpiaoTcolov  (iova/ov  re  xai  ^ivov 
jyhjvi  Maio)  Öoid'exa,  ivÖixTiiorog  roiTtjg, 
Kvxlog  fTeXj'jvr]g  öexarog,  ijh'ov  elxag  toiti] 
'Erovg  •c^axtcr/ihu  xca  t^axojg  TTOog  rovTOig 
IJoög  di  xai  rnia  izioa  krri  rovroig  Tvy/üvEi  usw. 
Dann  folgt  ebenfalls  im  politischen  Verse  eine  Umschreibung  des  Namens 
Philippus.     Ahnlich    ist    auch    die   metrische   Unterschritt   eines   Evan- 
gelistariums  vom  Jahre  1033  (c.  Lond.  Add.   17470:  Pal,  Soc.  202): 
'II  Tüjv  äyad^GiV  Tioayfic/.TOJv  uyyü.iu:  — 
E'i'K'r\tfh  re'/.og.  fijjvi  t6j  dsxefißoäo:   — 
'Hfiiocc  /jLev  ijV  TiToäg  rTjg  bßSoudöog:  — 
'LvÖixTog  avvovaa  da  ij  devreooc:  — 
Xsfol  yüarpeiaa,  EvxEXovg  TCosaßvTeoov. 

^VVSaioV    TOVVO/KZ    TIUVTCOV    ia/OCTOV 

Oaoi  di  /o/öToi)  v'joxvnzovrtg  v6f.iO)i, 
K'  kv   '),i  kx  7[6&ov  aiovöuibig  /xe'/.eTüJvreg, 
Ei'/err&e  avrojt,  roji  xä'Kavi  noEaßvTX].  (sicj 

"Onaig  Öiä  tojv  vfiäiv  ev/töv  tcuoc/m'/oi 
XoKTTÖg  ccvt'  äffefjiv,   -jo/.XöJv  öffhindrcov 
'Iva  xai  vfxeTg  ßiG&öv   'Ai'jip'errd-e  nävTeg- 
IJao    ai'TOv  rov  ai'oovrog  xäg  auaoTiag. 

Cod.  Sin.  422  vom  Jahre  1100: 

Ilöoi^e  /s  /.vrriv  Tchjuas.'/.ijpLÜTbiv 

Aovxci  (.iovuy(Z  xui  isooa^ryo) 

Eoäxparrt  ti]vÖb  Trav/eooi'  ßiß/.or.     iv  irei  ~g/Tj. 

*  Acta  S.  Mariuae  et  8.  Christophori  ed.  H.  Usener.    Bonn  1SS6   p.  4;  vgl. 
Moutfaucon,  Pal.  Gr.  p.  41. 

28' 


—     436     — 

Besonders  häufig  ist  die  Unterschrift  nach  dem  Muster: 

lieov  djüoov  xui  N.  N.  :i6vo^. 
Kurz  faßt  sich  ebenfalls  der  Schreiber  des  c.  Escur.  y.  I.  8: 
Erxaiu'fu  y-ca  '/sio  xul  x(/.A(/.fxog  xal  fiü^av 

'L4nrf(ß  ye  '/Sj^tv  evoov  ei'/oijfTTOV  ri'/.ovg. 
Frommer  Qf(.    jjenutzten    die    mönchischen   Schreiber    die    ziemlich    umfang- 

reichen  Schluß verse  zur  Verherrlichung  christlicher  Dogmen  und  der 
eigenen  Orthodoxie:  oder  sie  schlössen  mit  einem  frommen  Wunsche, 
dessen  Erfüllung  sie  hofften  zum  Lohn  für  die  Gott  wohlgefällige 
Arbeit  Escur.  Ji'.  III.  11  (s.  XIV):  Koiart  äva^  ßo/'/d-Ei  Tfo  gm  dov/M 
Tip  yeyocKfÖTi  rijv  ßißlov  rccvrijv  oder  c.  Colb.  591  a.  1500):  cfv/.arrs. 
Toiäg  rov;  tfjioi'q  roeu  öcocTvlovg  rovi  ysynsiCförag  ti^v  dilrov  tuvti]i>. 
Eine  wahre  Musterkarte  zur  Auswahl  seiner  Leser  gibt  Michael 
am  Schluß  des  c.  Sinait.  756  in  den  verschiedenen  arixoi  slg  rü.oz 
ßißliov  und  der  Schreiber  des  Psalterium  Uspenskyanum  vom  Jahre  862 : 
lafjßoi  eig  rö  wu'/.Tr,oiov. 

liieui'iiffco  Tcij  yoo:U<avTi 

V/M/jaro)  fxova^ovTi. 
oder 

£/.£0s  TCO  ynü\i'u\>Ti  xi'ois 

ao(ficc  ToTi  avayiyvcüffxovGi 

Xf^Q'i  T^oTg  äxovovGi 

GcoTjjoia  Toiii  xsxTjJixivoig. 

Dann  folgen  noch  ü'/j.oi  iu^ißoi. 

Auch  nach  Vollendung  der  Subscription  pflegten  nun  aber  am 
Zusätze  Schlüsse  von  verschiedenen  Händen  Zusätze  gemacht  zu  werden,  meistens 
von  den  Besitzern,  die  nacheinander  ihre  Namen  eintrugen.  Manchmal 
benutzten  sie  ein  leeres  Blatt,  um  die  Geburt  eines  Sohnes  oder  einer 
Tochter  einzutragen,  manchmal  aber  sind  es  auch  geschichtliche  Er- 
eignisse von  allgemeinem  Interesse,  die  Einnahme  einer  Stadt  oder 
einer  Insel  durch  die  Seeräuber,  oder  ein  Erdbeben.^  Diese  späteren 
Eintragungen  sind  daher  nicht  nur  für  die  Geschichte  der  Handschriften, 
sondern  auch  für  die  Localgeschichte  der  Stadt  oder  des  Klosters  von 
Wichtigkeit.  Lambros  gibt  daher  im  JV.  'E/.loi'0{.Lvriixoiv  7.  1910  S.  113 
eine  chronologische  Liste  von  588  Xummern:  'Evß-vfii'jasav  i]toi  y,oo- 
vixbjv  (jr]i.iBicot.i(/.T(ov  (TvV.oyii  noojxi],  die  zeigt,  wieviel  historisches 
Material  in  diesen  späteren  Nachträgen  vorhanden  ist.  Namentlich  die 
Überfälle  der  Ungläubigen  CAyaorji'oi,  lauari'/jTat)  werden  häufig  notiert, 


*  Siehe  c.  Vat.-Ottob.  gr.  381  bei  Cavalieri-Lietzmann-Specimina  Nr.  44;  bei 
Lambros  s.  u.  Xr.  82. 


—     437     — 

ferner  die  Überführung  von  Reliquien,  Bestattung  eines  Königs  oder 
eines  Geistlichen,  z.  B.  Escur.  W.  III.  11:  'Exoifju'j&i]  ö  fxiyag  Kojxviivb^ 
y.i'o.  !A?.e^iog  fxrivl  laaioi  eh  riiV  y'  iii.do.  (»o.  i  r/"^-  ly' ]S°^\  \^  =  iv8i'axiGjvoz\. 
Tov  ßco'A?'/,  oder  Seuchen,  Sonnen-  und  Mondtinsternisse.  In  einer  Hand- 
schrift der  Leipziger  Stadtbibliothek  vom  Jahre  1172  wurde  1185  ein  Zusatz 
gemacht  über  eine  Sonnenfinsternis  am  23.  Juni  dieses  Jahres.  Sonstige 
Anspielungen  auf  Zeitbegebenheiten  in  Denkversen,  wie  sie  Oesterley 
für  das  lateinische  Abendland  zusammengestellt  hat  (Forschungen  z. 
dtschn.  Gesch.  17.  1878  S.  21  ff.),  sind  bei  den  Byzantinern  selten. 

Ferner  pflegte  es  notiert  zu  werden,  wenn  ein  Privatmann,  um  die  i>onator 
Fürbitte  der  heiligen  Väter  des  Klosters  zu  erlangen,  den  betreffenden 
Codex  ihrer  Bibliothek  geschenkt  hatte,  z.  B.  Escur.  f2.  III,  8  (s.  XII): 
l,4cfieo(ljd'T]  To  nuQov  ßiß'/jov  eh  ri,v  <je.ja(Tj.iiccv  pLoviiV  xatv  Mayydvcov 
[in  Constantinopel]  elg  arfeaiv  rujv  ijfieziuojv  äfiagriojv  e}'^  (sie)  ti^  de 
ßovhj&eü]  ä(fuioTj(7ai  ruurijv,  ivu  i'Kiüiiüarßui  raq,  äoä^  tcDv  rti)  tfeo- 
fföocov  TiccTeocov  xui  kfiov  TOV  c^i.iaoTO}?.ov.  Der  Donator  wird  auch 
genannt  Escur.  T.  III,  14  (Cyropädie,  s.  XI):  ßißliov  iiooaxe&ev  roh 
xccTii/ovfievsioiq  rj/g  ieoug  Aavoaq  [auf  dem  Athos]  tov  äyiov  u^d-avaa/ov 
TTaooc   TOV   TiuicoTUTOV   iv  leüo/novä/oig  y,vo.   'lyraTiov  tov  Ku'/.o&'cTov. 

Johannes  Rhosus^  nennt  auch  wohl  den  Besteller:  Ambros.  E.  113  Besteller 
sup.  iieTeyoccrfi]  rö  naobv  ßiß'/.iov  Öia  /etoog  (.tev  lojävvov  legecog  pcoaov 
TOV  X(njTÖg  .  ccva'/.CüfjLaai  de  tov  aoffOTchov  xul  tvöö^ov  ccvSoög  y.voiov 
yeoyoyiov  a/.e^ui'ÖniTov  .  stv  äno  TT,g  /v  yerv/jaeag  -/ihoaTOj  tstoocxo- 
fTiOfTToj  öydorjXOfTTbJ  öevTEOco  fiijvdg  iovviov  öxToxuiöexäTi]  kv  kveziaig 
und  ähnlich  c.  Flor.  103  (=  Badia  2759):  kTe'/.eioj&i]  /)   Tiaoovrra  ßiß'/.og 

TOV  CflAOrFOffOJTUTOV  Tl'/MTOJVOg  ÖtU  /etoÖg  kitOV  TOV  svTV/ovg  ieoofiovu/ov 

'/.oyylvov  kv  erei  ii^uxiaxihooTw  öxTuxoaiOfJTCö  t|//X00Tä)  cßdo^co  fi7]vl 
voei.ißoiro  ttJ  it]  ivdtXTian'og  Tolg  xai  d'ex(/.T7]g  diä  awÖnouT/g  xai  k^6r)ov 
TOV  TiavevyeveaTÜTOV  diöuoxc/J.ov  xvoiov  koc/.vvov  tov  xovToaTerfc/.vov, 
TOV  aoiaTov  xai   ccTiuQccfxiD.ov  rpiXov  (sie). 

Endlich  pflegten  auch  fromme  Leser  sich  in  der  Handschrift  zu 
verewigen,  z.  B.  in  der  Ediuburger  Handschrift  vorn  Jahre  1214: 
fjv/j(7&r]Ti  xvüie  TOV  dovAov  rrov  Kvoüj.ov  ieooÖiaxövov  tov  rijv  ßißXov 
ävayvövTog  ecog  TÜ.og. 

Zweites  Kapitel. 

Falsche  oder  gefälschte  Unterschriften. 

Die  Unterschrift  der  Bücher,  die  dem  classischen  Altertum  fremd 
ist,  hat  sich  erst  im  christlichen  Mittelalter  ausgebildet.  Die  Schreiber 
waren  nicht  mehr  Sklaven  und  Freigelassene,  sondern  meistens  christ- 


^  Vgl.  Vogel-Gardthausen,  Griecli.  Schreiber  S.  481. 


—     438     — 

liehe  Mönche,  die  sich  nannten  um  ihren  Namen  zu  verewigen,  aber 
eventuell  auch  l)ereit  waren,  Rechenschaft  zu  geben  über  das,  was  sie 
geschrieben  hatten.  Meistens  stieg  also  der  Wert  der  Handschrift 
durch  Hinzufügung  der  Unterschrift,  aber  nicht  immer. 

Durch  die  genauen  Angaben  der  Subscription  wurde  die  Hand- 
schrift gewissermaßen  festgelegt,  manchmal  gegen  den  Willen  des  Be- 
sitzers. Der  eine  hatte  manchmal  den  Wunsch,  seine  Handschrift 
jünger  erscheinen  zu  lassen,  weil  die  Art  der  Ausstattung  und  der 
Schriftzüge  aus  der  Mode  gekommen  war;  durch  die  Subscription  wurde 
seine  Handschrift  älter  als  er  wünschte,  deshalb  radierte  er  vielleicht  die 
Jahreszahl  und  den  Namen  des  Schreibers  oder  Vorbesitzers.  Mancher 
dagegen  legte  Wert  auf  ein  hohes  Alter,  und  wenn  er  dafür  keinen 
Beweis  hatte,  so  fälschte  er  einen.  Andere  Unterschriften  sind,  wenn 
auch  nicht  gefälscht,  so  doch  falsch. 
Paten  ver-  Es  ist  niemals  bestritten,  daß  die  ältesten  Daten  der  Handschriften 

schrieben  ^^^^^  einfach  Verschrieben  sind.  Ein  Eusebiuscodex  Laurentianus  6,  6 
(s.  XY)  trägt  die  Jahreszahl  492  =  c:  . . . ,  weil  der  Schreiber  nicht  dazu 
kam,  die  letzten  Stellen  auszufüllen.  Ein  Evangelistar  in  dem  Athos- 
kloster  Iberon  soll  im  Jahre  526  geschrieben  sein,  ist  aber  nach  Ptole- 
mäus  ed.  Langlois  p.  101  dem  9.  oder  10.  Jahrhundert  zuzuweisen. 
Auch  Miller,  Catal.  Escur.  p.  501  erwähnt  „Quattuor  Evangelia  sorij)ta 
anno  522'*.  Ch.  Graux  erklärt  die  falsche  Jahreszahl  in  folgender  Weise: 
//  s'agit  evideniment  du  ms.  y.  III,  5  de  l^an  1014.  Lindanus  a  fait  erreur 
cn  lisant  ^^cpjcß'  comme  s'il  y  avait  rpxß',  und  in  ähnlicher  Weise  wird 
wohl  die  wunderbare  Zahl  526  unter  einem  Evangelienbuche  des  Athos 
zu  erklären  sein.  Geradezu  unerhört  nach  Form,  Inhalt  und  Schrift- 
zügen ist  die  Unterschrift  der  Aeschylushandschrift  vom  Jahre  570  n.  Chr. :  ^ 
xui  rode  TTjg  röjv  Oearra- 
'/.ovixicov  TTÖXei  (so)  ßißhod'ii- 

(0(0(0 

xi]q,  g  o  H-     Ivö  TOtTt] 

ö  (Txevocpvka^  yleövrio^. 
Schon  die  ersten  beiden  Worte  müssen  Verdacht  erregen;  xai  rode  ro 
ßiß'/Jov  seufzt  wohl  ein  vielbeschäftigter  Lohnschreiber  der  Eenaissance- 
zeit,  aber  in  früherer  Zeit  kommt  diese  Wendung  wohl  überhaupt  nicht 
vor.  Auch  eine  Bombycinhandschrift  (c.  Sinait.  380)  des  13. — 14.  Jahr- 
hunderts trägt  die  wunderbare  Unterschrift,  die  Handschrift  sei  geschenkt 
im  September  des  Jahres  ,c:r/x  (833),  mit  falscher  Indiction.  Papadop.- 
Kerameus  (Byz.  Ztschr.  14.  1905  S.  260)  hat  gezeigt,  das  ein  c.  Athous, 
H.  Paul.  2  [129]  nicht  im  Jahre  800,  sondern  im  11.  Jahrhundert  ge- 
schrieben wurde.  2     Auch  den  c.  Escur.  12.  IV,  32  hat  man  verdächtigen 

1  Khein.  Museum  1S72.  X.  F.  27  S.  117.    Ritschi,  Opusc.  philol.  5,   194—220. 
*  Über  eine  andere  copierte  Unterschrift  s.  o.  1  Ö.  116. 


—     439     — 

wollen,  und  die  von  E.  Miller  angegebene  Zahl  ist  sicher  falsch,  s. 
Lambros,  N.'E'/.h]vo(xviJHcov  b,  108 — 11  mit  Facsimile  der  Unterschrift. 

Ferner  ist  noch  eine  Unterschrift  des  c.  Paris.  1115  zu  erwähnen  c.  Paris,  ins 
bei  Montfaucon,  P.  Gr.  p.  41  und  66:  fierey^dcpr]  de  uno  ßißliov  ei'Qs- 
&evTog  kv  rij  naluii/.  ßißhod-i'jxr}  zTjg  a.yiuq,  h)cxh]aiai  tTjq  TiQEfrßvriQag 
FcofiT]^'  öneg  ßißhov  t/odrpi]  xcci  uvzb  kv  erei  ,g(j^C'.    ^^i  ägiO^sTadai 

TOV^    /OÜVOV^     TOV     TOIOVTOV    ßlß'/JoV     ä'/Ql     XOV     ItC/.OÖVTOq,    l'C    TlOÖq    TOl^ 

■nEvxaxoaiotq.  Diese  Unterschrift  dieses  Pariser  Codex  vom  Jahre  1276 
ist  in  mehr  als  einer  Beziehung  auffällig.  Es  ist  ja  nicht  unmöglich, 
aber  immerhin  doch  befremdend,  daß  man  sich  im  Jahre  1276  im 
byzantinischen  Reich,  wo  der  Schreiber,  Leo,  lebte,  die  Vorlage  aus 
Rom  kommen  ließ:  aber  auffallend  ist  es  im  höchsten  Grade,  daß  dieser 
römische  Codex  das  Datum  759  trug,  weil  im  Abendland  überhaupt 
weniger  und  erst  später  datiert  wurde  als  im  byzantinischen  Reich,  wo 
keine  ausdrückliche  Datierung  älter  als  das  neunte  Jahrhundert  ist. 
Entscheidend  aber  ist,  was  schon  Montfaucon  gesehen  hat,  daß  jene 
römische  Vorlage  schon  aus  dem  Grunde  nicht  759  geschrieben  sein 
kann,  weil  geschichtliche  Tatsachen  aus  späterer  Zeit,  so  der  Tod 
eines  Patriarchen  von  Jerusalem  im  Jahre  768,  im  Texte  erwähnt  werden. 
Danach  wird  diese  älteste  unter  den  datierten  Handschriften  niemals 
existiert  haben. 

Weitere  Beispiele  gefälschter  Unterschriften  soll  nach  dem  Nea-  tane?  Hand- 
politaner  Katalog  der  c.  Neap.  III,  B.  22  bieten,  dessen  verstümmelte  Schriften 
Unterschrift  ,gojfi...  auf  die  Jahre  1332  —  39  führen  würde,  während 
derselbe  nach  dem  Charakter  der  Schrift  wenigstens  ein  Jahrhundert 
jünger  sein  müsse.  Wir  haben  natürlich  nicht  die  Mittel,  zu  ent- 
scheiden, ob  dieser  Verdacht  begründet  ist.  In  einem  anderen  Falle 
aber  können  wir  mit  Sicherheit  den  Vorwurf  der  Fälschung  zurück- 
weisen: der  cod.  Neap.  11,  C.  25  soll  nach  dem  Katalog  fälschlich  die 
Jahreszahl  1180  tragen,  während  er  in  der  Tat  jünger  sein  müsse. 
Diese  Handschrift  ist  datiert  vom  Jahre  ,goj7i7]',  das  ist  aber  nicht  1180, 
sondern  1380.  Unterschrift  und  Schriftcharakter  stimmen  danach  also 
aufs  beste  überein. 

Die  rote  Unterschrift  des  c.  Paris.  805  ist  dagegen  sicher  gefälscht,  c.  Paris.  sü5 
Ich  lasse  es  dahingestellt,  wann  der  Text  selbst  geschrieben;  diese  Sub- 
scription  ist  sicher  nicht  im  Jahre  ,grfoß'  (=  1064  n.  Chr.)  geschrieben, 
was  bei  der  gegenüberstehenden  schwarzen  möglich  ist.  Auch  die 
wunderbar  abgefaßte  Subscription  des  c.  Mosq.  302:  ö  T7'ivSe  yoüipag, 
Ti/V  ßiß'Aov  yodrpei  ruÖe.  kv  fi7]vt  ccnoilXio)  il  kv  erei  »gi/'q«'  ist  sicher 
gefälscht.  Matthaei  bemerkt  dazu:  Ergo  anni  Christi  1283.  Verum  hoc 
mendosiim  arbitror.  Ilis  umidaciis  nemo,  qui  plures  plurium  secutorum 
Codices  tractmiit,  mouetur.  Ein  Evangeliar  c.  Sin.  257  ungefähr  aus  dem 
1 4.  Jahrhundert  trägt  die  Subscription  (von  anderer  Hand):  'Lts?j(6&t] 


—     440     — 

biä  Xi.iQOi  Uiroov  fiovu'/ov  xal  Tioefjßvreoov  rov  ayiov  ögov^  ^iva 
ixovi  c/i.  (1102.)  Ein  Typikon  c.  Sin.  1101,  das  geschrieben  ist  im 
September  1311,  trägt  am  Schluß  von  anderer  Hand  die  Unterschrift 
gifjxß'  d.  h.  1214;  der  c.  Sin.  754  ist  im  Jahre  1177  von  Symeon  ge- 
schrieben, hat  aber  noch  eine  zweite  Unterschrift  von  jüngerer  Hand, 
worin  ein  Erzbischof  Germanus  behauptet,  dieses  Triodium  geschrieben 
zu  haben.  In  dem  c.  Escur.  Ill,  5  ist  die  Unterschrift,  wenn  auch 
nicht  gefälscht,  so  doch  falsch;  statt  ,aoid  (1144)  muß  es  heißen 
^äcfid'  (1514). 
suhlcTip-  Andere  Subscriptionen  werden  dadurch  unrichtig,  daß  der  Schreiber 

tionen  sie  gedaukculos  aus  der  Vorlage  in  die  Abschrift  mit  hinübernimmt. 
So  gibt  es  scheinbar  zwei  Abschriften  gleichen  Inhalts  und  gleichen 
Datums,  den  c.  Yindob.  theol.  193  (s.  o.  S.  435)  und  c.  Clarkianus  1, 
die  beide  am  12.  Mai  1095  geschrieben  sein  sollen,  obwohl  beide  Hand-' 
Schriften  jünger  zu  sein  scheinen;  die  Subscription  der  Wiener  Hand- 
schrift, die  Montfaucon,  P.  Gr.  p.  54  ohne  irgend  einen  Zweifel  auszu- 
drücken mitteilt,  scheint  eher  vom  Verfasser  des  Werkes,  als  von  dem 
Abschreiber  der  Wiener  Handschrift  herzurühren.  In  dem  Ptolemaeus 
cod.  Seldenianus  der  Bodleiana  B  Nr.  45,  der  nach  Hermes  15,  301  A. 
im  Jahre  1482  geschrieben  wurde,  liest  man  die  Subscription  seines 
Wiener  Originals-  'EreXeicüß-ij  i]  nagovau  ßißXog  slg  rag  7m  tov  'Oxtoj- 
ßoi'ov  ^v  erei  ^avvS'.  Osov  rb  SCjoov  Icüävvoi'  xönog  (s.  Hermes  15, 
S.  301  A.).  Auch  in  dem  c.  Vatic.-Palat.  45  (s.  XIV)  ist  eine  Unter- 
schrift vom  Jahre  1201 — 02  wiederholt.  In  dem  c.  Berol.-Phill.  1473  ist 
die  Unterschrift  aus  der  Vorlage  (c.  Paris.  1048)  einfach  abgeschrieben. 
Ferner  besagt  die  Subscription,  daß  der  c.  Monac.  30  ^  dem  Kloster  der 
Mutter  Gottes  zu  Thessalonich  gehöre;  doch  ist  dieselbe  copiert  aus 
dem  c.  Marcianus  451,^  und  in  ähnlicher  Weise  ist  auch  die  Unterschrift 
des  Georgius  Longus  im  11.  Jahrhundert  wiederholt  (c.  Laur.  6,  22), 
ebenso  wie  die  des  Constantin  Laskaris  im  c.  Havn.  1965,  um  von 
anderen  Notizen  wie  xrTi^iu  rov  ('r/iov  'Icodvvov  XovctOffTÖfiov^  ganz  zu 
schweigen,  die  weder  auf  die  Zeit  vor  noch  nach  dem  Tode  des  Chry- 
sostomus  passen.  Nicht  bloß  gewissenlose,  sondern  gerade  sorgfältige  Ab- 
schreiber mußten  sich  fragen,  ob  eigenhändige  Anmerkungen  des  Ver- 
fassers im  Archetypus  mit  copiert  werden  durften,  wie  z.  B.  in  der 
Edingburger  Handschrift  vom  Jahre  1214:  JVeöcpvTo^  evreX/jg  uova/dg 
Tioeffßvregog  xat  eyxXsiaTog  rov  Tifiiov  aruvoöv  rTjgde  r^^  rvTiix/j^  fjiov 
Öia&ijxr]g  oixei'cc  /Siot  nowETa^a  (sie). 


Katalog  I  S.  171. 

Siehe  Jacobs,  Vermischte  Schriften  7  S.  447. 

Revue  de  philol.  1877  p.  208. 


—     441 


II.  Chronologie. 

Man  muß  uatiirlich  unterscheiden  zwischen  der  Chronologie  ^  der 
Handschriften  und  der  Chronologie  der  Schreiljer.  In  geschichtlichen 
und  namentlich  chronologischen  Texten  sind  die  Zeitangaben  sehr 
mannigfaltig;  oft  werden  verschiedene  und  ungewöhnliche  Aeren  an- 
gewendet. In  einem  c.  Vat.  Eeg.  gr.  57  vom  Jahre  1359  (Sammlung 
der  Canones  von  Nicaea,  s.  Fr.  de  Cavalieri-Lietzmann,  Specimina  43] 
ist  die  Zeit  der  Concils  bestimmt  erovg  /).g  (636)  ccno  'Alc^avÖoov  kr 
fiTjvi  Asriio)  i>i  :xc)b  ff  xa'/.avriü)v  lovhwv.  Diese  Alexander- Aera  ist 
nur  sehr  selten  angewendet  (s.  I.  Ausg.  S.  389:  Laur.  28,  26).  Allein 
von  solchen  Zeitljestimmungen  sehen  wir  ab  und  Ijeschränken  uns  auf 
diejenigen,  welche  die  Schreiber  angewendet  haben,  um  ihre  eigene  Zeit 
resp.  die  der  Handschrift  genauer  zu  bestimmen.  Bei  der  Natur  unserer 
Überlieferung  versteht  es  sich  von  selbst,  daß  wir  für  das  Altertum  die 
meisten  Angaben  haben  für  Ägypten. 


^  Die  ältere  chronologische  Litteratur  siehe  bei  Ideler,  Handbuch  der  mathe- 
matischen und  technischen  Chronologie  11,  669 — 76  und  über  die  bei  den  morgen- 
ländischeu  Völkern  gebräuchlichen  Foi-men  des  julianisohen  Jahres.  Berlin  I-^IT. 
Clinton,  Fasti  Romani  2  p.  210:  Indictions,  era  of  Diocletian,  era  of  Antioch.  Giry,  A.. 
Manuel  de  diplomatique  p.  82  livre  II :  Chronologie  technique.  Kühl.  F.,  ( 'hrouoiogie 
des  Mittelalters.  Berlin  1897  S.  2.  Auch  Böckh.  Encyclopädie  u.  Methodologie  der 
philol.  Wissensch.,  widmet  der  Chronologie  einen  besonderen  Abschnitt  (S.  ::>11 — 328), 
der  aber  für  die  Epigi'aphik  von  größerer  Wichtigkeit  ist,  als  für  die  Paläographie, 
weil  die  mittelalterlichen  Verhältnisse  natürlich  weniger  als  die  klassischen  be- 
rücksichtigt werden.  —  Wegen  der  übrigen  chronologischen  Bestimmungen,  die 
in  den  Unterschriften  nicht  vorkommen,  wie  z.  B.  Epacten,  Schaltjahre,  Oster- 
grenzen  usw.,  genügt  es,  auf  das  Chronicon  paschale  zu  verweise'h,  das  bereits 
für  alle  Fälle  fertige  Tabellen  hat  (ed.  bonn.  I  p.  2.5.  27.  372.  5:54  usw.).  Erwäh- 
nuug  der  Epacten  weist  meistens  auf  aVjendländische  Provenienz,  s.  o.  die  Unter- 
schrift S.  452  und  c.  Paris  83  vom  Jahre  1167,  der  wahrscheinlich  in  Si- 
cilieu  geschrieben  wurde,  s.  Eühl,  Chronologie  S.  167.  Vgl.  im  allgem.  Jacob 
Quelques  problemes  de  comput  (Revue  de  philol.  13.  1889  p.  118.  Rühl,  Chrono- 
logie S.  183).  Für  die  chronologischen  Anschauungen  und  Begriffe  der  altchrist- 
lichen Kirche  sei  im  allgemeinen  verwiesen  auf  Fr.  W.  K.  Müllers  Dissertation: 
Die  (Chronologie  des  Simeon  ."^anqläwäjä.  Leipzig  18S9.  Wilcken,  Ostraka  1  S.  7>1: 
Die  Jahreszählung  (Wandeljahr,  Aren  usw.).  Grundzüge  u.  Chrestomathie  1. 
Wilcken  1  S.  LIV:  Chronologie,  d.  Jahr.  Grotefend,  H.,  Chronologie  in  Meisters 
Grundriß  1,  271.  Griechische  Kalender,  herausg.  von  Fr.  BoU;  vgl.  Byz.  Ztschr. 
20,  35s.  619. 


—     442     — 
Erstes  Kapitel. 

Ägyptische  Zeitrechnung. 

In  Ägypten^  ist  die  Datierung  eine  sehr  mannigfaltige.  Der  Ge- 
schichte des  Landes  entsprechend  gab  es  dort  eine  einheimische  und 
eine  griechische  Zeitrechnung.     „Es  ist  Ijekannt,  daß  das  ptolemäische 

^KaTender'  -^yP^eii  —  —  cincu  Zweifachen  Kalender,  einen  makedonischen  und 
einen  ägyptischen  gehabt  hat.^  —  —  das  makedonische  Mondjahr 
und  das  ägyptische  Sonnenjahr  liefen  zunächst  incongruent  neben- 
einander her."^  Das  einheimische  ägyptische  Jahr  war  ein  Wandeljahr 
von  365  Tagen  ungefähr  um  einen  viertel  Tag  zu  kurz,  dessen  Anfang 
in  die  verschiedensten  Jahreszeiten  fallen  konnte;  die  Sommermonate 
konnten  also  in  den  Winter  fallen  und  umgekehrt.^  Schaltmonate  gab  es 
ursprünglich  nicht.  Dieses  Wandeljahr  mußte  fixiert  werden;  das  geschah 

Augustus  aber  erst  unter  der  römischen  Herrschaft.  Obwohl  Augustus^  das  alte 
Wandeljahr  der  Ägypter  aufhob,  so  haben  Privatpersonen  dennoch 
später  noch  gelegentlich  die  alte  Rechnung  angewendet,  z.  B.  in  einem 
Horoskop  Oxyrh.  Pap.  II,  235  p.  139: 

erOkj    Tißsoiov  i.i}jvi    OiarDr^i   ü  xar\_ä  Ök  tov^ 

der  Unterschied  betrug  damals  also  ungefähr  zehn  Tage. 

Wie  lange  nicht  offiziell,  aber  im  Volke  nach  dem  altägyptischen 
Wandeljahr  gerechnet  wurde,  ist  schwer  zu  sagen.  Hohmann,  Chrono- 
logie S.  51  fi".,  verweist  auf  zahlreiche  Urkunden  mit  verspäteter  Da- 
tierung, wo  nach  Herrschern  datiert  wurde,  die  schon  Monate  oder 
Jahre  tot  waren.  Die  meisten  Fälle  sucht  Hohmann  mit  Recht  durch 
mangelhafte  Verbindung  und  die  Schwierigkeit  des  Depeschehdienstes 
zu  erklären,  aber  nicht  bei  allen  ist  das  möglich.  Das  W^andeljahr, 
das  doch  eng  mit  der  ägyptischen  Religion  zusammenhängt,  scheint  im 
dritten  Jahrhundert  doch  noch  nicht  ganz  vergessen  zu  sein.  Hohmann 
S.  62  verweist  ferner  auf  Pap.  Grenfell  II,  67:  ärto  rTjg  ly  (Pacoffi  pLijvb^ 


^  Hohmann,  Frz.,  Zur  Chronologie  der  Papyrusurkunden  (Rom.  Kaiserzeit). 
Berlin  1911  Ö.  33^  vgl.  Lit.  Zentralbl.  1912,  445,  Woehenschr.  f.  kl.  Philol.  1912,  33. 

-  Wilcken,  Ostraka  1,  781. 

^  Vgl.  Hohmann,  Chronologie  S.  83. 

*  Eine  Hilfstafel  zur  Vergleichung  der  ägyptischen  Wandeljahre  mit  Olym- 
piaden- und  christlichen  Jahren  vom  Jahre  776  v.  Chr.  s.  Pauly-Wissowa  1  u.  d. 
W.-Ära  S.  25. 

^  Ideler,  Chronologie  1.  157 — 58  verweist  auf  eine  Angabe  des  Theon  im 
Commentar  zu  Ptolemäus:  Diese  Rückkehr  {uTioxaiuaiuai;)  des  beweglichen  Thoth 
zum  festen  fand  im  fünften  Regierungsjahre  des  Augustus  statt;  s.  Hohmann, 
Chronologie  S.  49. 


—     443     — 

xaru  ao/aiov^  (aus   dem  dritten  Jahre  des  Maximinus   und  Maximus). 
„In  dem  gut  erhaltenen  Datum   fehlt  jede  Beziehung  zu  den  mr/aToi.^^ 

Neben  dieser  allgemeinen  Zeitrechnung  gab  es  nun  noch  eine  zweite 
nach    Finanzjahren,    s.    Grundzüge    u.    Chrestomathie    1.     Wilcken    1.  Finanzjahre 
S.  LVII,  die  natürlich   auf  die  Steuerbeamten   beschränkt  war,   und  es 
ist  fraglich,  ob  in  der  späteren  Zeit   das  Finanzjahr  mit  dem  altägjp- 
tischen  Wandeljahr  zusammenfiel. 

Viel  wichtiger  und  allgemeiner  w^ar  aber  in  Ägypten  die  Datierung 
nach    den  Jahren    des    regierenden  Königs,^  wobei    die  weltlichen    uud  Königsjahre 
geistlichen  Würdenträger  des  laufenden  Jahres  namhaft  gemacht  werden.- 

Kenyon,  Gr.  Pal.  p.  53  gibt  ein  lehrreiches  Beispiel  von  der  aus- 
führlichen Datierung  des  Pap.  Br.  Mus.  DCXXIII  vom  Jahre  109  v.  Chr., 
die  eine  viertel  Seite  füllt:  Ute  date  is  given  hy  the  regnal  year  of  the 
reigning  sovereign,  and  the  füll  formula  for  this  contains  not  only  the  name 
of  the  king  himself,  hut  also  a  list  of  the  priestJioods  of  all  the  defunct 
Ptolemies.  Die  Datierungen  römischer  Zeit  sind  ähnlich,  aber  nicht  so 
ausführlich.  Ein  anderes  Beispiel  dieser  ausführlichen  und  compli- 
cierten  Datierung  vom  Jahre  577/78  n.  Chr.  gibt  Wenger  nach  einem 
Münchner  Papyrus  (Sitzungsber.  d.  Münch.  Akad.  1911  Abb.  8  S.  7—8). 
Die  römischen  Kaiser^  waren  die  Nachfolger  der  ägyptischen  Könige;  ^Kai^ser^ 
nach  ihren  Regierungsjahren  wurde  in  gleicher  Weise  gerechnet.  Manch- 
mal nennen  die  Urkunden  den  vollständigen  officiellen  Namen  des 
Kaisers  und  dabei  sind  besonders  die  Ehren-  und  Siegernamen  für  die 
Zeitbestimmung  von  Wichtigkeit.^ 

Manchmal  aber  wird  der  lange  Titel  verkürzt,  wie  z.  B.  hovg  Tj'Avrm- 
i'li'ov  xov  xvoiov;  aber  die  Zahl  des  Regierungsjahrs  und  des  Monats 
fehlte  fast  niemals.  Als  erstes  Regierungsjahr  eines  Kaisers  galt  die 
Zeit  von  der  Thronbesteigung  bis  zum  ägyptischen  Neujahr,  dem 
1.  Thoth,  selbst  wenn  es  nur  wenige  Tage  waren.  So  kommt  es,  daß 
die  Urkunden  beim  Kaiser  Galba,  der  nur  drei  Vierteljahr  regiert  hat, 
von  einem  zweiten  Regierungsjahr  reden:  Flinders  Petrie,  Koptos  Lon- 
don 1896  p.  26:  LB  ^eooviov  Fülißu  avToxoäTOoog  Kairraijoi  JSsßa- 
GTOv    fjLijvug    IViov    ^eßcc(7Tov    y.K    (Oct.  Nov.  68  n.  Chr.).^      Für    Dio- 

'  Vgl.    Idelei-:    Über    die   Reduction    ägyptischer  Data    aus    den  Zeiten    der 
Ptolemäer,   und  Robiou,  Recherches   sur  le   calendrier    macedonien   en  Egypte  et     * 
sur  la  Chronologie   des  Lagides  (Mem.  presentes  par  divers  savants  ä  l'academie 
d.  inscr.  et  belies  lettres.    I  ser.  t.  9.    Paris  1878  p.  1  —  6-i). 

-  Vgl.  z.  B.  den  Böckh'schen  Papyrus  vom  Jahre  104  '5  v.  Chr. 

'  Liste  nach  Kaiserjahren  datierter  i'apyrusurkunden  s.  Hohmann,  Chrono- 
logie S.  1  ff. 

*  Von  Septimius  Severus  ab  wird  jeder  Kaiser  auch  EvasBi,:,  von  Caracalla 
ab  auch  Eviv/j];  genannt,  entsprechend  dem  römischen  Pius  Felix.  Hohmann, 
Chronologie  S.  34. 

5  Vgl.  C.  I.  G.  4957. 


—     444     — 

cletian^  wird   regelmäßig  ein  Jahr  mehr  gerechnet  als  für  seinen  Mit- 

augustus,  acht  Jahre  mehr  als  für  die  Caesares denn  Diocletian 

hatte  am  IT.Xov.  284  den  Thron  bestiegen,  die  Caesares  am  I.März  293. 

Gegen  diese  Zählung  der  Königsjahre  treten  die  anderen  Rech- 
nungen in  Ägypten  durchaus  in  den  Hintergrund.  Als  aber  zur  Zeit 
Diocletians,  als  vier  Kaiser  das  Reich  regierten,  die  Datierung  nach 
Kaiserjahren  zu  umständlich  wurde,  kehrte  man  wieder  zu  den  alten 
Consulatsjahren  zurück.-  Constantin  bestimmte,  daß  in  allen  Gesetzen 
und  Erlassen,  die  rechtsgültig  sein  sollten,  das  Consulpaar  des  Jahres 
genannt  sein  mußte  (c.  Theodos.  1,  1,  1).  Si  qua  posthac  edicta  sive  con- 
stitutiones  sine  die  et  consule  fuerint  deprehensa,  auctoritate  careant  (a.  322 
nach  Christi  Geb.). 

Wenn  der  Kaiser  oder  kaiserliche  Prinzen  Consuln  waren,  so 
wurden  diese  natürlich  an  erster  Stelle  genannt;  später  (seit  541; 
kamen  Privatleute  überhaupt  nicht  mehr  zu  dieser  Würde;  das  Con- 
sulat  wurde  dauernd  mit  der  Kaiserwürde  vereinigt  und  Justiniau'^ 
bestimmte,  daß  nach  Kaisern,  Consuln  und  Indictionen  datiert  werden 
sollte. 

Corpus  iuris  civ.  ed.  Schoell  1899  p.  284. 

Nov.  47  c.  1 :  sancimus  eos  quicumque  gestis  ministrant,  sive  in 
iudiciis  sive  uhicumque  conßeiuntur  acta  et  tahellioms  —  —  — .  hoc 
modo  incipere  in  documentis: 

Imperii  illius  sacratissimi  Augusti  et  imperatoris  anno  toto, 
et  post  illa  consulis  appellationem  qui  illo  anno  est  et  tertio  loco  indictionem 
mensem  et  diem.  ...  Si  qua  uero  apiid  Orientis  Jiahiiatores  aut  alios  homines 
observatio  custodiatur  in  civitatum  temporibus,  neque  huic  inuidenius. 


ZAveites  Kapitel. 

Ägyptische  Aeren. 

Nur    in    der  Übergangszeit    unter  Augustus   hat    man    neben    den 

Königsjahren  noch   eine    besondere  Jahresrechnung   durchgeführt.      Es 

"^Aera^^   ist  Unzweifelhaft,   daß   man  wie  in  Syrien  die  Actische   Aera,    so   in 

Ägypten  eine  ägyptische  Siegesaera  anwendete.*   Man  hat  nämlich  aus 


^  Rhein.  Mus.  62,  492. 

-  Datierung  nach  Consulaten  auf  Papyrus  s.  Hohmann.  Chronologie  S.  22. 

*  Diese  Bestimmung  Justinians  hat  Hohmann,  Chronologie  S.  38  A.,  über- 
sehen, wenn  er  behauptet,  im  Jahre  „510  waren  Datierungen  nach  byzantinischen 
Kaisern  gar  nicht  im  Gebrauche". 

*  Siehe  Kaestuer,  0.,  De  aeris  quae  ab  imperio  Caesaris  Octaviani  constituto 
initium  duxerint.     Lps.  1890  p.  79  ff. 


Consulats 
aera 


—     445     — 

Cass.  Dio  51,  19,  6  schließen  wollen,  daß  auch  die  Eroberung  von 
Alexandria  am  1.  Aug.  des  Jahres  30  zum  Ausgangspunkt  einer  neuen 
Aera  gemacht  sei,  aber  Mommsen,  R.  St.  R.  2^  S.  804  A.  2  hat  gezeigt, 
daß  damit  mir  die  Königsjahre  des  Augustus  in  Ägypten  gemeint  sein 
können.  Als  erstes  Königsjahr  des  Augustus  galt  der  Zeitraum  vom 
1.  Thoth  (29.  August)  724/30—725/29.  Außerdem  gab  es  eine  Rechnung 
nach  der  Kratesis  Augusti.^  In  meinem  Augustus  2,  457 — 58  suche  ich 
nachzuweisen,  daß  beide  Aeren  identisch  sind,  während  Wilcken^  beide 
unterscheidet;  die  eine  soll  am  1.,  die  andere  am  29.  August  des 
Jahres  30  v.  Chr.  begonnen  haben, ^  was  doch  im  täglichen  Leben  zu 
Mißverständnissen  führen  mußte. 

Die  Consulatsaera  wurde  selten  angewendet,  z.  B.  auf  einem  Schul- 
dictat  über  die  Opferung  der  Iphigenie  (Piniol.  Supplem.  5  S.  48).  Die 
Consulatsjahre  werden  aber  in  den  letzten  Zeiten  des  Altertums 
zugleich  mit  der  diocletianischen  Aera  erwähnt,  wo  es  auf  eine  beson- 
ders genaue  Datierung  ankam,  so  z.  B.  in  Zacagni's  Collectanea  mouum. 
vett.  (Rom  1698)  T.  I,  535:  'E(Ti]fiEicoa(/.ni]v  äxoiß&q  tov  /növov  rov  (xao- 
rvolov  Tlc/.v'/.ov  ccjoarÖLov.  xai  uno  t>%'  vnuTEiai  tstccotij^  ^tv  Ldoxc/.diov, 

T0/T7]i  ÖiOl'CüoloV  /J-e/Ol   T//S   "HUQOIXTI]^  TUVT1]q,  V-HaXHUi.  1lO0}Tr]i  AkoVTO^, 

Avyovarov,  ivdiXTiojvog  ScüÖexäri]^,  E'jiicpi  e*  Aiox/.rjTiuvov  oo8'  eri]  |;''. 
öj^  eivai  TU  Tic/.vra  änb  rTjg  rov  ^forTjoog  ■i]fxoJv  nuoovaiui  f^e/oi  tov 
Tcooxsijuevov  erovg  er/;  xeroaxÖGia  i^/jxovTf/.  ovo,  wo  übrigens  die  Er- 
wähnung des  ETiirpi  den  ägyptischen  Ursprung  verrät. 

Provincialaeren. 

Von    einer   localen    oder  Provincialaera,^  wie  wir  sie  auf  Münzen ^'■•''''°"'»i- 

aera 

und  Inschriften  bis  in  die  spätesten  Zeiten  des  klassischen  Altertums 
antreffen,  lassen  sich  auf  Papyrus  nicht  viele  Spuren  nachweisen;  vgl. 
Grundzüge  und  Chrestomathie  1.  Wilcken  1  S.  LXI:  Stadtäeren.  Locale 
Aeren  ägyptischer  Städte  kennen  wir  in  Oxyrhynchos.  Papyrusurkunden 
mit  der  Aera  von  Oxyrbynchus  [vom  Jahre  360— 618  n.  Chr.]  s.  Hoh- 
mann,  Chronologie  S.  29—30:  Datierung  nach  der  Aera  von  Oxy- 
rbynchus. Über  die  beiden  Aeren  von  Oxyrhynchos  s.  Oxyrh.  Pap.  I 
Xr.  125  introd.  und  VI,  914  n.  13:  fjqy  [xai)  a^ß  =  a.  616—17.  Oxyrh. 

»  B.  G.  U.  I,  174.  Pap.  Loml.  III,  699  u.  826.  Pap.  Greuf.  II,  40.  Papiri  gr. 
e  latini  1.  Firenze  1912  Nr.  36a:  ..  .  -aolI  TaaiTUQay.offiov  t»/,-  [KaiaaQog  >«^«r»yo"e]w> 
x^eov  vi'ov  [a.  11  — 19  n.  Chr.]. 

-  Ostraka  1,  788.    Grundzüge  und  Chrestomathie  1.    Wilcken  1  S.  LVII. 

^  Vgl.  Wessely,  Wiener  Studien  24.  1902  S.  391.  Hohmann,  Chronologie 
S.  46  ff. 

*  Entspricht  dem  Juni,  während  die  12.  Ind.  erst  im  September  beginnt. 

'"  Vgl.  Kubitschek  bei  Pauly-Wissowa  u.  d,  W.-Aera.  Siehe  die  Litteratur 
bei  Böckh  a.  a.  0.  328  A. 


Aera 
martyrum 


—     446     — 

Pap.  VI  p.  327  Nr.  999;  vgl.  Index  p.  348.  Hohmann,  Chronologie  S.29, 
bemerkt  dazu:  Es  gab  [in  Oxyrhynchos]  zwei  [Aeren],  eine  datierte 
von  324,  die  andere  von  355  —  —  —  die  früheste  Datierung  nach 
diesen  Aeren  findet  sich  zurzeit  in  Oxyrh.  I,  93  vom  Jahre  362.^  Aber 
daneben  wurde  in  ägyptischen  Urkunden  auch  gelegentlich  nach  fremd- 
ländischen Aeren  gerechnet.  Ein  Kaufcontract  bei  Wilcken,  Tafeln 
Nr.  XVI  ist  datiert  nach  dem  462.  Jahre  der  ascalonitischen  Aera 
(359  n.  Chr.).  Besonders  ausführlich  ist  die  Datierung  des  Pap.  Cairo 
Nr.  10062:-  Daled  i?i  the  34  ih  year  of  Jusiinian,  the  19  year  after  ihe 
consulship  of  IHaviiis  Basilius ,  in  the  year  237  =  206,  9th  indidlon 
(A.  D.  560). 

Diocletianische  Aera. 

Viel  weiter  verbreitet  war  eine  fortlaufende,  zusammenhängende 
Aera,  die  wir  noch  auf  den  allerjüngsten  Papyrusurkunden  finden, 
z.B.  Eevue  archöol.  1872,  I  p.  147: 

txovq  AioxXT]  ßa(7i?>.svg  vvu  xai  erovg  JSccoaxoivoi'  öTü. 

Diese  diocletianische  Aera^  in  Ägypten,  die  mit  dem  Jahre  seiner 
Thronbesteigung,  284,  anfängt,  hielt  man  später  für  die  seiner  Christen- 
verfolgung; es  ist  die  aera  marlyrum,  wie  man  sie  jedoch  erst  um  die 
Mitte  des  siebenten  Jahrhunderts  zu  nennen  pflegte.  Kirchhoff  hat 
allerdings  zwei  Inschriften  aus  dem  Jahre  487  und  492  im  C.  I.  G.  9210 
bis  9211  hierher  ziehen  wollen,  die  aber  beide  anders  zu  erklären  sind.^ 
Als  Ägypten  arabisch  geworden  war,  durften  und  konnten  die  Christen 
nach  den  Jahren  der  Kaiser  nicht  mehr  rechnen,  aber  sie  bedienten 
sich  noch  der  diocletianischen  Aera,  die  nun  officiell  als  Aera  der 
Märtyrer  bezeichnet  wurde.  Nach  dieser  Aera  rechneten  besonders 
die  christlichen  Kopten;  ihre  Handschriften,  deren  Proben  Hyvernat 
veröffentlichte,  sind  noch  bis  ins  vorige  Jahrhundert  nach  der  Aera 
martyrum  datiert.  Das  Jahr  dieser  Aera,  die  nach  Lauth  (Münch. 
S.-B.  1877  S.  226)  sogar  bis  heute  fortdauert,  beginnt  mit  dem  29.  August. 
d.  h.  dem  ersten  Thoth  des  ägyptischen  Kalenders.  Tischendorf  ^  sagt  von 


»  Vgl.  jedoch  Oxyrh.-Pap.  VII,  1056  vom  Jahre  360/61. 

-  Siehe  Catalogue  gener.  du  musee  d.  Caire  10.  1903  p.  10. 

^  Letronne,  De  l'Ere  de  Diocletien.  Memoires  de  Facad.  10  p.  208  ff.  —  — , 
Origine  et  caractere  de  l'ere  de  Diocletien;  s.  Letronne,  Inscr.  de  l'J&gypte  2,  217. 

Nilles,  N.,  Das  Patriachat  von  Alexandrien Seine  aera  martyrum.    Ztschr.  f. 

kathol.  Theolog.  1897.  732 — 36.  Papyrusurkunden,  datiert  nach  der  Aera  Dio- 
cletians  s.  Hohmann,  Chronologie  S.  30. 

*  Eine  alexandrinische  Inschrift  (Bull,  de  corr.  hell.  16.  1892  p.  72)  ist  datiert 
XA~  C  C  I  I  1 1.  Dazu  bemerkt  Neroutsos:  Le  sigle  XA^  qui  signifie  l'ere  dio- 
cletienne,  est  suivie  des  signes  CCI  I  I  I,   qui  correspondent  ä  Tan  -188  apres  J.-C. 

^  Notitia  editionis  cod.  Bibliorum  Sinaitici  p.  65. 


—     447     — 

einem  coptischenManuscript:  hanc  temporis  notam praebet :  xaru  -/oorov  rcov 
ayicüv  fiaoTVücov  Js^]  annus  autem  martyrum  6G9 respondel anno  953p.  C.n} 
Außerhalb  Africas  rechnete  man  im  Mittelalter  aber  sehr  selten  nach 
der  diocletianischen  Aera,  und  es  ist  bloß  eine  gelehrte  Reminiscenz, 
wenn  sie  i^lötzlich  in  Handschriften  des  14.  Jahrhunderts  mit  anderen 
wieder  angewendet  wird. 

Die  letzte  ägyptische  Inschrift  mit  Jahren  der  Märtyreraera  stammt 
aus   dem  Jahre  1181  n.  Chr.;   s.   Seymour  de  Eici,   CR.  de  l'acad.  d. 

inscr.  et  b.  1.   1909  p.  160:  De  tonies  les  inscriptions  grecque  datees 

aucune  de  far.on  certaine  est  plus  recenle. 

In  den  jüngsten  Papyrusurkunden  Ägyptens,  die  in  griechischer 
Sprache  abgefaßt  sind,  kommt  es  auch  wohl  vor,  daß  bloß  nach 
mohammedanischer  Aera  gerechnet  wird,  so  z.  B.  im  Pap.  XCV  des  ^^**^^™^^'^' 
British  Museum;  hier  heißt  es  nach  der  Übersetzung  in  Law  Magazine 
and  Law  Review  1859  p.  243:  ,.In  the  name  of  the  Father  ond  the  Son 
and  the  Holy  Ghost.  Wriüen  in  tke  vionth  Pharmouthi,  in  the  5th  Indiction, 
the  year  of  the  Saraeens  164."^ 

Im  christlichen  Mittelalter  waren  Staat  und  Kirche  in  Byzanz  so 
fest  organisiert,  daß  locale  Aeren  nicht  aufkommen  konnten:  nur  wenige 
hatten  diesen  beiden  Gewalten  gegenüber  ihre  Selbständigkeit  behauptet, 
wie  z.  B.  die  Armenier,  und  diese  hatten  in  der  Tat  eine  nationale 
Aera.  Zomarides^  gibt  eine  griechische  Subscription  aus  dem  Jahre 
,g^i?.d'  [1226  n.  Chr.)  und  eine  armenische  mit  dem  Jahre  675;  die 
einzige,  die  ich  kenne.     Die  Differenz  beträgt  also  551  Jahre.'* 

Weltaera. 

Die  einfachste  Zeitrechnung,  die  wir  fast  bei  allen  Naturvölkern 
finden,  ist  entschieden  die  nach  Monaten  und  später  nach  Jahren.  Es 
setzt  schon  eine  weitere  Entwicklung  voraus,  wenn  die  Jahre  zu  Gruppen 
oder  Aeren  zusammengefaßt  werden;  die  Rechnung  nach  Königs-  oder 
Consuljahren  konnte  man  nur  für  Vergangenheit  und  Gegenwart  be- 
nutzen, die  nach  einer  Aera  dagegen  auch  für  die  Zukunft.  Von  allen 
Aeren  ist  die  Weltaera  entschieden  die  großartigste  und  einheitlichste, 
und  von  allen  Weltaeren  war  die  im  byzantinischen  Reiche  gültige  weit- 
aus die  wichtigste.^ 


*  Vgl.  die  griechische  Subscription  des  Codex  vom  Jahre  979  S.  150. 
2  Vgl.  oben  1  S.  76.  78. 

^  Die  Dumbastfhe  Evangelien -Handschrift  vom  Jahre  1226.  Leipzig  1904. 
Über  die  armen.  Zeitrechnung  vgl.  Rühl,  Chronologie  S.  218  §  30;  v.  Gebhardt  u. 
Harnack,  Texte  u.  Untersuch.  1904.  26.  IV  S.  185—86. 

*  Vgl.  oben  S.  252. 

^  Ygl.  Rühl,  Chronologie  S.  194. 


—     448     — 

■\veitjahre  Die  EechnuDg  nach  Jahren  der  Welt  i>t  dem  Altertum  ebenso 
fremd  wie  den  ersten  Jahrhunderten  des  christlichen  Mittelalters.  Für 
die  Vertreter  des  classischen  Altertums  ist  die  Welt  entstanden,  nicht 
geschaffen;  nach  dem  Alten  Testament  dagegen  hat  Gott  die  Welt  ge- 
schaffen, also  in  einem  bestimmten  Zeitpunkt,  mit  dem  man  zeitlich 
alles  in  Verbindung  bringen  kann,  was  in  der  Welt  passiert  ist.  Es 
ist  eine  gewaltige  lückenlose  Kette,  an  die  vieles  gehängt  werden  kann, 
wenn  auch  ihr  Anfang  in  der  Luft  schwebt.  Mit  Recht  sagt  daher 
Rühl,  Chronologie  S.  195:  „Das  byzantinische  Weltjahr  ist  ein  wahr- 
haft genialer  chronologischer  Gedanke.    Die  ersten  Spuren hnden 

wir  in  dem  sog.  Chronicon  paschale  —  —  das  zwischen  630  und 
641  n.  Chr.  geschrieben  zu  sein  scheint  —  —  das  erste  Beispiel  des 
amtlichen  Gebrauchs  —  —  in  den  Acten  der  Trullanischen  Synode 
von  691.*-  Ihr  Anfang  ist  willkürlich,  aber  im  praktischen  Gebrauch 
war  sie  der  christlichen  Zeitrechnung  entschieden  vorzuziehen.  Gibbon^ 
bedauert,  daß  die  Ijyzantinische  Weltaera  nicht  in  allgemeinen  Gebrauch 
gekommen  ist.-  C'est  au  debut  du  VII^  siede  seulement,  que  nous  con- 
statons  pour  la  premüre  fois,  d  Bijzance,  la  preoccupation.  et  l'efude  des  eres 
inondiales  et  chretieyines.^ 

Verschied.  ggf  ^g^  Byzantinern  herrschte  diese  Weltaera  in  Staat  und  Kirche 

A\  eltaeren  •' 

und  wurde  von  ihnen  z.  B.  auch  in  Sicilien  eingeführt.  Selbst  nach 
der  Eroberung  von  Constantinopel  hielt  sich  hier  diese  Aera;  wurde  aber 
von  beiden  Seiten  durch  die  mohammedische  Rechnung  und  Aera 
Christi  eingeschränkt.  Die  Rechnung  war  keineswegs  einheitlich;^  wenn 
wir  von  der  jüdischen  Weltaera^  absehen,  so  gab  es  außer  der  byzan- 
tinischen noch  eine  ägyptisch-alexandrinische,  die  zuweilen  neljen  einer 
anderen  vorkommt:  c.  Taurin.  XXVII  b  V.  7:  ccco  tov  ,Bxijot'  erovi  rov 
xöcffiov  fjieXQ'  «Toy^  ,^ts'  xuxä  xov^  lA'/.t^uvÖoeii,  xaru  ök  'Pcof.ia(ovi 
fZTxa'.  —  Kuru  roi'c  1.4'/.s^avöoeTi  bezieht  sich  auf  die  alexandrinische 
Weltaera,  deren  Epoche  der  1.  September  5493  v.  Chr.  ist;^  xarcc  de 
Pcof^idiov^  auf  die  gewöhnliche  constantinopolitanische  Aera  mit  der 
Epoche  vom  1.  September  5509. ''  Gemeint  ist  also  das  Jahr  812/13.  Dieses 
Beispiel    ist    aber    nicht    der    Subscription    eines    Schreibers    entlehnt; 


*  Hist.  of  the  decline  and  the  fall  of  tlie  Eom.  emp.  London  17S8.  eh.  40. 
t.  4  p.  121,  ed.    London  17S8. 

-  Ideler,  Chronologie  2  8.  465. 

'  Revue  de  philol.  31.  1907  p.  ]54. 

*  Über  die  verschiedenen  Arten,  die  übrigens  für  die  Paläographie  nicht  in 
Betracht  kommen,  vgl.  Serruys,  D.,  De  quelques  ei*es  usitees  chez  les  ehroniqueurs 
byzantins:  Eevue  de  philol.  31.  1907  p.  151—189;  Notices  et  Extr.  6,  II  p.  501—2. 

'"  Ideler,  Handb.  d.  math.  u.  techn.  Chronologie  I  p.  543.  581. 
^  ßeductionsregeln  bei  Ideler  a.  a.  0.  II  S.  440. 
^  Ideler  a.  a.  0.  II  S.  461. 


—     449     — 

diese  rechneten  liloß  nach  der  Weltaera  von  Constantinopel;  bis  jetzt 
ist  wenigstens  kein  Beispiel  bekannt,  daß  die  alexandrinische  oder  eine 
andere  Aera  angewendet  wurde.  Daher  ist  Eühls  Vorschlag.^  für  das 
Uspenskijsche  Psalterium  die  alexandrinische  Aera  des  Panodoros  zu- 
grunde zu  legen,  entschieden  zu  verwerfen.  Auch  A.  Jacobs  Annahme 
(Revue  de  philol.  35.  1911  p.  96),  daß  byzantinische  Schreiber  andere 
Weltaeren  angewendet  haben,  ist  nicht  wahrscheinlich.  Ich  nehme  lieber 
einen  Schreib-  oder  Rechenfehler  an,  als  die  Anwendung  einer  ungewöhn- 
lichen Weltaera  in  den  Unterschriften  der  Codices. 

Um  zu  zeigen,  in  welchem  Verhältnis  diese  Aera  zu  den  anderen 
steht,  diene  folgender  Svnchronismus:^  synehroais- 

■  o  ^  ums 

Weltaera 


Jahre  Abrahams 


n.  Chr.      Aera  mart.      Constant.      Alexand.      Jüdisch  bei  Euseb.  Hegira 

800  517  6309  6293        4562  2816  184 

Wenn  es  schon  mit  voller  Sicherheit  bewiesen  ist,  daß  Christus  nicht 
in  dem  Jahre  geboren  wurde,  auf  welches  die  christliche  Aera  basiert,  so  ist 
es  noch  viel  weniger  fraglich,  daß  der  Ansatz  der  Weltschöpfung  sowohl 
der  Byzantiner  wie  der  Alexandriner  und  Juden  falsch  ist,  also  auf  bloßer 
Fiction  beruht.  Der  erste  Ring  dieser  Kette  schwebt  also,  wie  Ideler  II 444 
sagt,  vollständig  in  der  Luft;  und  obwohl  alle  Weltaeren  aus  dem  Alten 
Testament  abgeleitet  sind,  so  ist  doch  der  Spielraum,  welcher  der  Will-  blT^dfJser 
kür  des  Einzelnen  gelassen  ist,  ein  sehr  großer.  In  der  Art  de  verifier  Rechnung 
les  dates  ist  eine  Tafel  zusammengestellt  für  die  verschiedenen  Ansätze 
der  Weltschöpfung,  die  über  2000  Jahre  untereinander  differieren.  Nach 
Des-Vignoles  (in  der  Vorrede  zu  seiner  Chronologie  de  l'histoire  sainte) 
zählen  die  einen  3484,  die  anderen  gar  6984  Jahre  von  Adam  bis  auf 
Christus.  Zwischen  diesen  beiden  Extremen  bewegen  sich  die  ver- 
schiedensten Ansätze,  deren  Zahl  weniger  groß  sein  würde,  wenn  alle, 
wie  die  Byzantiner,  den  von  ihrem  Standpunkt  ganz  consequenten  Ge- 
danken beachtet  hätten,  daß  das  erste  Jahr  der  Welt  auch  zusammen- 
treffen müsse  mit  einem  ersten  Jahr  des  Sonnen-  und  Mondzirkels  um  von 
einem  proleptischen  (zurückdatierten)  ersten  Indictionsjahre  zu  schweigen. 

Je  größer  nun  aber  die  Mannigfaltigkeit  der  verschiedenen  Ansätze 
ist,  desto  sicherer  kann  man  bei  zwei  übereinstimmenden  Berechnungen 
auf  eine  innere  Verwandtschaft  schließen,  wie  solche  zwischen  der  ge- 
wöhnlichen Aera  der  Byzantiner^  und  der  des  Chronicon  paschale  besteht,  tantiuer^u" 
das  seinen  Abschluß  unter  dem  Kaiser  Heraclius   scheint  erhalten  zu  chronicon 

pasch. 

haben.     Wenigstens    stimmen    in   diesen   beiden   Systemen   die  Jahres- 


'  Chronologie  S.  193  u.  Byzant.  Ztsehr.  1895  S.  588—89. 

-  Nach  Montfaucon,  P.  Gr.  39  wurde  sogar  die  Gründung  der  Hagia  Sophia 
zur  Basis  einer  Aera  gemacht. 

=>  Vgl.  Bühl,  Chronologie  S.  194. 
Gardthausen,  Gr.  Palüograiihie.    2.  Aufl.  II.  29 


—     450     — 

zahlen  vollständig  überein;  nur  der  Tag  des  Jahresanfangs  ist  ein 
anderer,  weil  das  Jahr  des  Chronicon  paschale  mit  dem  21.  Mürz.^ 
das  der  byzantinischen  Aera  am  1.  September  beginnt.  „Das  macht 
jedoch  für  das  Osterfest  einen  Unterschied  von  einem  Jahre,  welches 
die  byzantinische  Aera  weniger  zählt,  als  das  Chronicum  paschale."  ^ 
Eeduction  Für  die  Eeduction  von  byzantinischen  Weltjahren  auf  unsere  jetzt 

übliche  Aera.  wie  sie  in  der  beigegebenen  chronologischen  Tabelle  für 
die  Jahre  800 — 1600  durchgeführt  ist.  muß  man  immer  festhalten, 
daß  die  Jahre  der  Welt  sich  mit  den  unserigen  nicht  decken,  weil  sie 
am  1.  September  beginnen.  Für  die  Praxis  ergibt  sich  daraus  die 
Regel,  daß  bei  einem  Datum  vom  1.  Januar  bis  31.  August:  5508,  da- 
gegen vom  1.  September  bis  31.  December:  5509  subtrahiert  werden 
muß.  Diese  Regel  ist  so  selbstverständlich,  daß  mau  nicht  begreift, 
warum  sie  bis  jetzt  so  wenig  beachtet  ist,  daß  fast  alle  Datie- 
rungen in  unseren  älteren  griechischen  Katalugen,  bei  Montfaucon, 
Du  Gange,  Muratori,  Wattenbach,  im  Corims  Inscr.  Gr.  IV, ^  iii  ^^'^ 
ersten  Publicationen  der  Pal.  Society  usw.  daraufhin  noch  einmal  unter- 
sucht werden  müssen. 

Die  christliche  Aera,* 
Christi. Aera  (jjg  jj^  Abendlande  durch  Dionysius  Exiguus  eingeführt  wurde,  ist  den 

.^uf  zweifelh.  "^  . 

inschr.  Byzantinern  vollständig  fremd.  Es  gibt  z.  B.  keine  Papyrusurkunde, 
die  nach  Jahren  Christi  datiert  wäre.  Im  Corp.  Inscr,  Gr.  IV  p.  297  ist 
allerdings  eine  Inschrift  datiert  cctiö  IdSap,  ,?xcc,  äno  de  Xqkttov  (fnZ, 
welche  die  Gründung  des  Klosters  auf  dem  Sinai  gerade  mit  dem 
Regierungsantritt  des  Justinian  in  Verbindung  bringt,  allein  diese 
Gründungsurkunde  des  Klosters  ist  sicher  gefälscht;  die  Herausgeber 
des  C.  I.  G.  geben  das  Facsimile,  und  man  sieht  sofort,  daß  diese  Buch- 
staben nicht  dem  Anfang  des  6.,  sondern  vielleicht  dem  1 3.  Jahrhundert  ^ 
angehören;  und  dasselbe  gilt,  wie  mir  Loth  versicherte,  von  dem  ara- 
bischen Text  dieser  bilinguen  Inschrift,  den  Lepsius  in  seinen  Briefen 
aus  Ägypten  zuerst  veröffentlicht  hat;  man  kann  also  höchstens  dieser 


^  d.  h.  dem  Frühlingsäquinoctium.  Über  den  Anfang  des  griechischen  Jahres 
im  März  und  September  s.  Notices  et  Extr.  11,  2  p.  ISO  u.  371*;  de  Eossi,  Inscr. 
ehr.  1  p.  CI. 

-  Piper,  Karls  des  Gr.  Kalendarium  und  Ostertafel  S.  120. 

^  Eitter,  Jul.,  De  compositione  titnlorum  christianoriim  sepulcralium  in  C.  I.  G. 
editorum.     Berlin  1877  S.  13. 

*  Vgl.  Eühl,  Chronologie  S.  198;  Serruys,  D.,  De  quelques  eres  usitees  chez 
les  chroniqueurs  byzantins:  Eevue  de  philol.  31.  1907  p.  151  — 189;  s.  dagegen 
Gregoire,  Bjz.  Ztschr.  1909  p.  500. 

'"  Vgl.  jedoch  Gregoire,  Sui-  la  date  du  monastere  du  Sinai  BCH  31.  1907 
p.  327.  Gregoire  setzt  die  Gründung  in  die  Zeit  Justinians,  die  gefälschte  In- 
schrift ins  16.  Jahrhundert:  vgl.  v.  Dobschütz,  Byz.  Ztschr.  15.  1906  p.  24-1 — 45. 


—     451     — 

Inschrift  entnehmen,  daß  im  13.  oder  1 6.  Jahrhundert  auf  dem  Sinai  neben 
der  Weltaera  auch  die  christliche  bekannt  gewesen  sei.  Fast  ebenso  sehr 
befremdend  ist  eine  von  Wetzstein^  abgeschriebene  Torinschrift:  rovxo 
t6  i'iio&voov  hTi&r}  tv  /növoig  H/Jov  ev/.u3sfTT(dT0i')  ijyovfilevov)  ß{i]vi) 
[ov/Ja  xe  ivd'.{t)}e{Tiöivog)  is  rov  srovg  nevTaxomoarov  jotaxoGrov  '^xtov 
yJvoi)ov  'I{7](j)oi'  X{of(rT]ov  ßam'/.Evovroq.  Nach  Piper ^  soll  diese  Aera 
basiert  sein  auf  das  Todesjahr  Christi  785  a.  u.  =  32  n.  Chr.  Durch 
Addition  von  31  würde  sich  also  das  Jahr  567  ergeben.  Näher  läge 
es  wohl,  an  das  Jahr  537  und  eine  nachlässige  Rechnung  in  Jahren 
nach  Christi  Geburt  zu  denken.  Die  Echtheit  der  Unterschrift  kann 
nicht  angezweifelt  werden,  wohl  aber  die  Richtigkeit  der  Ergänzungen. 
Waddington,  Yoyage  arch^ol.  2413a  hat  die  Inschrift  richtiger  publiciert:  waddington 
sie  ist  nach  der  Aera  von  Bostra  datiert  und  stammt  aus  dem  Jahre  641. 
Waddington  polemisiert  zunächst  gegen  die  Ergänzung  Kirchhoffs:'* 
Ce  savant  est  d'avis,  que  Vcre  employee  ici  est  l'cre  chrefienne,  mais  sans 
avoir  des  exemples  plus  eoncluants.  on  ne  peut  admettre  Vusage  de  cette  ire 
en  Sijrie  au  septicme  siede.  Au  surplns  la  portion  de  l^inscription  relative  ä 
rituUction  a  ete  copiie  ifiexactement  par  21.  Wetzstein  et  jusqiöl  ce  quon  en 
alt  une  meilleure  copie  faut  rapporter  a  Vrre  de  Bostra  cette  date  coinme  tontes 
les  autres  de  la  province  d'Arabie.  Waddington  bezieht  ßafTi/.evoi'TO^  '/.  Xo. 
auf  die  weltliche  Herrschaft.  Die  Christen  vom  Haurän  konnten  nicht 
mehr  die  byzantinischen  Kaiser  und  wollten  noch  nicht  die  Kalifen  als 
ihre  weltlichen  Herrscher  bezeichnen;  sie  wählten  deshalb  eine  neutrale 
Ausdrucksweise. 

Eine  andere  Inschrift  im  C.  I.  Gr.  IV  8680  p.  315:  dj:ö  xrirrerog 
xorrpov  [-liT^j  (}i.o  Öi  XoKjTOv  exovi  w[Ä]()"  ist  in  Constantinopel  ge- 
funden und  muß  daher  auch  nach  byzantinischer  Weise  berechnet 
werden.  An  beiden  Stellen  aber  stehen  die  Jahre  der  Welt  an  erster 
und  die  der  christlichen  Aera  erst  an  zweiter  Stelle  und  verschwinden 
dann  für  lange  Zeit  fast  gänzlich  aus  den  byzantinischen  Datierungen. 
Auffallend   bleibt  die  Weihinschrift   der  Hagia  Sophia   aus  dem  Jahre    ^^T* 

"  ^  _  Sophia 

630:  X/.  iiExa  tö  gcot/joiov  trog  kyxuiviärrifi}  6  vabg  ovrog  xTig  äyiug 
^offi'ag  bei  Pittakis,  l'anc.  Ath.  387  wegen  der  fehlenden  Weltaera  und 
der  Stellung  der  Jahreszahl;  man  könnte  annehmen,  daß  die  Eingangs- 
worte nicht  erhalten  sind.  Aber  Pittakis  ist  verdächtig.^  Eine  kre- 
tische Inschrift  vom  Jahre  1292  (C.  I.  Gr.  8759),  datiert  CßA  (Jahre  der 
Welt  und  acHB  (nach  Chr.),  unterliegt  gleichfalls  gewichtigen  Bedenken; 
denn  das  erste  C  muß  in  S~  und  das  H  in  q  verwandelt  werden.     Und 


^  Siehe  Keil  u.  Delitzsch,  Biblischer  Commentar  IV,  2  lob  S.  517. 
-  Siehe  bei  Keil  u.  Delitzsch  a.  a.  0.  S.  517. 
*  Ausgewählte  Inschriften  p.  260. 

^  Siehe  Hopf,  Griechenland  im  Mittelalter  und  in  der  Neuzeit  S.  114. 

29* 


—     452     — 

selbst  wenn  die  Inschrift  doch  echt  sein  sollte,  so  würden  sowohl  Zeit 
als  Ort  derselben  auf  abendländischen  Einfluß  schließen  lassen,  ebenso 
unteritaiien wie  in  einer  unteritalischen  Urkunde,  die  im  Jahre  1139  für  König 
Eoger  ausgefertigt  wurde:  ivd'.  3'  unb  xTiq  &EO(fVTia(i  \_,ao'Ld'\  dies  ist 
eben  abendländische,  nicht  byzantinische  Rechnungsweise.  Ein  Evan- 
geliarium,  c.  Vatic.  2138  (s.  Cavalieri-Lietzmann  Nr.  17j,  das  im  Jahre  991 
in  Capua  geschrieben  wurde,  ist  zuerst  nach  der  Weltaera  [,?]üqi^  datiert, 
in  zweiter  Linie  nach  christlichen  Jahren  ^(\cc\  das  ist  natürlich  nicht 
auffallend  bei  der  unteritalischen  Provenienz.  Die  Bibliothek  des  Lam- 
beth  Palace  besitzt  in  Nr.  528  ein  Evangelium  vom  Jahre  1160[?)  klein- 
asiatischer Herkunft  ^X.  Pal.  Sol.  Nr.  5)  datiert  äno  X.v.  «o|,  dessen  Zeit 
nach  Jahren  Christi  angegeben  sein  soll;  ehe  wir  diesen  ganz  vereinzelten 
Fall  als  richtig  anerkennen,  wäre  zunächst  zu  untersuchen,  ob  nicht 
vielmehr  f^y|(?)  zu  lesen  ist,  dann  hätte  man  damals  archaisierende 
Schrift  angewendet. 

Im  übrigen  muß  man  daran  festhalten,  daß  bis  zur  Eroberung 
Constantinopels  durch  die  fränkischen  Kreuzfahrer,  ja  bis  zum  14.  Jahr- 

^^hTs!'°'  hundert  die  Spuren  der  christlichen  Aera  in  den  byzantinischen  Hand- 
schriften sehr  selten  und  nicht  einmal  sicher  sind:  z.  B.  in  c.  Escur.  H*. 
IV,  26  (s.  XII):  eroü5  g  ,  .  .  .  Xokttov,  und  was  noch  auffallender  ist, 
der  wohl  in  Italien  geschriebene  c.  Vatic.  gr.  341  (a.  1021)  xai  äno  Iv 
■/v  'icog  (T/JIJ.SOOV  axd"  öfxov  cctio  xrlaecoq  x6(T(xov  ezT]  c\~ffxd,  wo  das 
Jahr  1021  gesichert  ist  durch  die  Zahl  von  Indiction,  Sonnen-  und 
Mondcyclus;  axi^  richtet  sich,  wie  immer  die  christlichen  Jahre  bei  den 
gr^aph^Q  Chronographen,  nach  dem  entsprechenden  Weltjahre,  so  daß  beide  un- 
wandelbar um  5500  differieren.  Anderwärts  handelt  es  sich  um  Hand- 
schriften, die  sicher  im  Abendlande  geschrieben  waren,  wie  z.  B.  ein 
griechischer  Vertrag  zwischen  dem  Abte  von  Grottaferrata  und  dem 
Domcapitel  von  Lübeck,  der  abgeschlossen  wurde:  iv  r(jj  /oov'  rov 
xvoi'ov  ij^div  Itjaov  Xokttov  y,aoxf-' ,  iv  fxrjvl  low'  lÖ'}  In  chrono- 
logischen Tabellen  selbst  des  elften  Jahrhunderts,  wie  sie  z.  B.  Piper, 
Karls  des  Großen  Kalendariiim  und  Ostertafel  S.  121,  probeweise  ver- 
öffentlicht hat,  kann  die  Berücksichtigung  christlicher  Aera  nicht  auf- 
lallen, da  außer  den  Jahren  der  "VVelt  und  Christi  noch  die  Indiction. 
die  Sonnen-  und  Mondcyclen,  die  Epacten,  die  Daten  des  Osterfestes 
und  der  Fasten  usw.  in  großer  Vollständigkeit  berücksichtigt  werden. 
Eine  Madrider  Handschrift  0.  73  soll  nach  Millers  Katalog  allerdings 
im  Jahre  ciav'  (1250)  geschrieben  sein;  bis  zu  einer  genaueren  Unter- 
suchung des  Originals  wird  man  aber  gut  tun,  sich  nicht  allzusehr  auf 

u.'jahA.  diese  Angabe  zu  verlassen.  Im  14.  Jahrhundert  kommt  die  christliche 
Aera  wieder  vor,  aber  nur  als  eine  unter  vielen.    Als  z.  B.  der  c.  Laur. 


*  Leverkus,  Urkundenbuch  d.  Bist.  Lübeck  S.  2G4. 


—     453     — 

28,  26  (Collez.  Fiorent.  Nr.  13.  25)  fertig  wurde,  waren  verflossen:  seit 
Erschaffung  der  Welt  6822.  nach  Christi  Geburt  1314,  nach  dem  ersten 
Jahre  des  Philippus  Aridäus  1638,  nach  Augustus  1343,  nach  Dio- 
cletian  1030  Jahre.  Aber  der  erste  Schreiber  vom  Jahre  886  benutzte 
zur  fortlaufenden  chronologischen  Bezeichnung  nicht  etwa  die  Jahre 
Christi,  sondern  die  Alexanders  oder  des  Philippus  Aridäus,  wie  im 
Canon  des  Ptolemäus.  Christi  Geburt  wurde  also  bei  ausführlichen 
chronologischen  Berechnungen  von  den  Byzantinern  mit  berücksichtigt, 
aber  Urkunden  des  täglichen  Lebens  und  Handschriften  datierte  man 
nicht  darnach. 

Daran  schließt  sich  in  zeitlicher  Reihenfolge^  der  c.  Par.  Suppl. 
gr.  G16,  der  f.  366b  richtig  datiert  ist  ,cfo«/}  (1340  n.  Chr.),  diese  Zahl 
ist  f.  la  wiederholt,  jedoch  mit  dem  unrichtigen  Zusatz  }'jtoi  ay.n]. 
Bei  einer  solchen  Differenz  ist  in  dubio  die  byzantinische  Zahl  immer 
richtig;  in  diesem  Falle  aber  wird  diese  Voraussetzung  zur  Gewißheit 
durch  den  Zusatz  der  Indiction  (f.  367b):  \vS.  T/.  Ein  Äschyluscodex 
vom  Jahre  1344,  der  früher  den  Florentiner  Benedictinern  angehörte, 
trägt  nach  Montfaucon,  P.  Gr.  p.  70  die  Unterschrift:  ^no  rov  fjLsyd'/.ov 
KcovrrravTivov  slfT/  /oövoi  (d.h.  Jahre)  ,«|tt;j[?],  o^tio  de  rou  defTTiörov 
XQKTTOv  KTfiÖ,  cc-jib  ök  Tj/i  xTiascog  xÖGfxov  ,gcov^j.  Im  Jahre  1408  über- 
brachte Manuel  Chrysoloras  eine  Handschrift  des  Dionysius  Areopagita 
als  Geschenk  des  Manuel  Paläologus  nach  Paris.  Sein  Vermerk  in 
diesem  Codex  ist  daher  nach  byzantinischer  und  nach  abendländischer 
Weise  datiert:  ^  eret  cctco  xriaecaq  xörrfiov  k^ccxoffiofjrtp  £|  xal  dsxrho). 
(<Tc6  naox(x)(jeroi  de  rov  xvgiov  /i'/.iorFTfi')  TeToaxomorrTfo  öySöq}.  Der 
c.  Paris.  2650,  der  noch  im  Jahre  1428  von  seinem  Schreiber  nur 
nach  byzantinischem  Stile  datiert  war,  erhielt  im  Jahre  1460  eine 
Notiz  seines  neuen  Besitzers  Constantin  auf  Chios:  s/c  t6  Aarinxbv 
exoi  eiq,  tu    ccv^'. 

Gegen  das  Ende  des  byzantinischen  Reiches  mehren  sich  die 
Datierungen  nach  christlicher  Aera:  einen  Abschnitt  bildet  auch  in 
dieser  Beziehung  die  Eroberung  Constantinopels.  Viele  Schreiber 
flüchteten  zunächst  auf  die  Inseln,  besonders  Creta,  von  da  nach 
Italien;  sie  lebten  hier  in  Elend  und  Abhängigkeit,  und  in  den  Hand- 
schriften, die  sie  auf  Bestellung  schrieben,  mußten  sie  sich  natürlich 
auch  in  dieser  Beziehung  der  abendländischen  Sitte  fügen.  Doch  setzten 
sie  meistens  auch  dann  noch  immer  das  Jahr  der  Weltaera  hinzu,  die 
in  der  griechischen  Kirche  und  also  auch  in  Rußland  gebräuchlich 
war  bis  zum  Ende  des  17.  Jahrhunderts. 


*  Nach  gütiger  Mitteilung  des  Herrn  Dr.  Koetschau. 
-  Montfaucon,  P.  Gr.  p.  56. 


—     454     — 
Drittes  Kapitel. 

Verschiedene  Cyclen. 

Daß  die  in  Agyi^ten  gebräuchliche  Bezeichnung  des  Jahres  nach 
dem  regierenden  König  ihre  Mängel  hatte,  läßt  sich  nicht  leugnen. 
Ein  30.  oder  40.  Königsjahr  können  wir  allerdings  leicht  bestimmen,  weil 
nur  wenige  Herrscher  so  lange  regiert  haben;  aber  ein  1.  oder  2.  Königs- 
jahr bietet  oft  große  Schwierigkeiten,  wenn  z.  B.  der  Königsname  nicht 
genannt  oder  zersört  ist.  Die  Weltaera,  die  man  später  anwendete,  um 
Zweideutigkeiten  zu  vermeiden,  war  noch  nicht  erfunden;  und  doch 
machte  sich  das  Bedürfnis  geltend,  das  Jahr  noch  auf  eine  zweite,  von 
den  Königsjahren  unabhängige  Weise  zu  bezeichnen.  Deshalb  ver- 
einigte man  die  Jahre  zu  Gruppen,  die  nach  Verlauf  von  15 — 30  Jahren 
stets  wieder  von  vorn  anfingen.  Diese  Gruppen  beruhten  im  Altertum 
auf  wirtschaftlicher,  im  Mittelalter  auf  astronomischer  Grundlage. 

Indictionen. 

;   .  A 

Die  Indictionsangaben.^  'IN  (s.  o.  S.  347),  die  bei  genaueren 
Datierungen  der  späteren  Zeit  niemals  fehlen-  durften,  beziehen  sich 
auf  eine  Periode  von  15  Jahren,  nacli  der  alle  chronologischen  Be- 
stimmungen des  täglichen  Lebens  gemacht  zu  werden  pflegten.  Sowohl 
bei  den  Byzantinern  als  im  Abendlande  bezeichnet  Indiction  meistens 
Cycius  ein  Jahr,  seltener  den  ganzen  Cyclus  von  15  Jahren  (s.  u.  Lefebvre); 
doch  scheint  es  vereinzelte  Beispiele  vom  Gegenteil  zu  geben:  freilich 
die  Wendung  im  C.  I.  G.  4,  9262  (a.  1212):  xuru  Öif>eir(>n(dnoi>  ivdixTov 
xvx'/.ov  beweist  schon  des  Verses  wegen  nichts. 

Eine  Jahreszählung  nach  fünfzehnjährigen^  Cyclen  war  deshalb 
^gruppeu^"  ^i^ß  S6^i'  unvollkommene,^  weil  es  nach  Verlauf  kurzer  Zeit  bereits 
zweifelhaft  wurde,  auf  welchen  fünfzehnjährigen  Indictionscyclus  das 
betreffende  Datum  zu  beziehen  sei.  Viel  sicherer  hätte  sich  der  In- 
dictionscyclus bezeichnen  lassen  durch  Hinzufügung  des  Herrscher- 
namens, man  redet  z.  B.  von  constantinischeu  Indictionen;  aber  das 
geschieht  nur  ausnahmsweise,  z.  B.  im  Chronicon  paschale  (ed.  hon.  II 

*  Vgl.  Idelcr,  Handb.  d.  Chronologie  2  S.  347;  Eühl,  Cliroaologie  S.  ITÜ; 
Grundzüge  u.  Chrestora.  1,  Wilcken  1  S.  LIX.  222;  Hohmann,  Chronologie  S.  170. 

-  Die  Zahl  pflegt  vor  der  Indiction  zu  stehen.  Horoskop  v.  Antinoe.  Pap. 
gr.  e  lat.  1.  Firenze   1912  Nr.  22:  ]  [tiov;)  zkoxh,unt>ov  &'  u'ny.Tiot'[o;. 

^  Über  höhere  Indictiouszahleu  s.  ii.  Ö.  462  A.  3;  Wessely,  Studien  z.  Pal.  2 
S.  33;  Wilcken,  Archiv  2  S.  393—94. 

*  Aber  ahsolutehj  useless,  wie  Kenyon,  Pal.  gr.  pap.  p.  59  sagt,  darf  man  sie 
doch  nicht  nennen.  Bei  mancher  mittelalterlichen  Handschrift  ist  die  Indiction 
entscheidend  für  die  IJestimmuns;  des  Jahres. 


—     455     — 

p.  218,  vgl.  216)  dr.-To  t//^  /}  kTKVEfi/jffeco^  rTji  iTii  Muvoixiov.  Ebenso- 
■\venig  finden  wir  bei  den  Byzantinern  ein  Beispiel  einer  Zählung  der 
Iridictionsgruppen,  wie  es  sich  im  Abendlande  nachweisen  läßt. 
Helperich  von  St.  Gallen  (1090  n.  Chr.)  gibt  an,  daß  71  X  15  Indictions- 
jahre  nach  Christi  verflossen  seien.  ^  Honorius  von  Autun,  De  imagine 
mundi  II  c.  23,  spricht  von  74  abgelaufenen  Kreisen,  er  schrieb  also 
im  75.  (=  1123/37).  Doch  wird  diese  Zählung  der  Gruppen  begünstigt 
durch  die  Rechnung  nach  Christi  Geburt,  die  den  Griechen  fehlte.^ 

Über  den  ursprünglichen  Sinn  und  den  Anfang  dieser  Indictions-  yä/u^?- 
rechnung  waren  die  Byzantiner  gerade  so  unsicher,  wie  wir  heutzutage,  '«'^"'='10 
das  ergibt  sich  aus  der  ganz  unrichtigen  Erklärung  des  Cedren  und 
des  Constantin  Porphyrog.  de  themat.  2,  2.  8:  'Ivöixtiojv  tovt'  -cGtiv 
Ircocricov,  7/  Tiaot  rö  jixriov  v(xi]-  Öiu  tovto  uo/exui  fxev  'IvSixt/cov 
uTio  TiQcoTijij  xccl  xcira'U]yet  fie/Qi  le  .  .  diu  tu  rov  IdvTMVtov  avvdo- 
■/ovTu  yereat^cci  AvyovGT(o  rro  Kuiaaoi  f.ii'/Qi  rov  is'.  Ebenso  falsch 
ist  die  Angabe,  daß  die  Indictionsreclmung  so  alt  sei,  wie  das  Kaiser- 
reich: Chron.  paschal.  ed.  Dindorf  (1832)1  p.  355:  ^^;r6  tiocotov  sroug  Faiov 
'Iov?jov  Kcciaaooi  xal  räiv  Tiooxeifiirojv  vnärcov  ylsTitdov  xai  fD.dyxov, 
i'iyovv  iß'  xui  avxTii  rov  uormiaiov  fiijvog,  !Ai'TioxeTg  rovg  tavrcov  /od- 
vovg  UQi&fxovai,  xal  al  Höixrot  öi  /()i]fjLari^eiv  'ijo^c/.vro  üno  Tiodtrrji 
xal  avrTig  rov  yoomuiov  f.ujvög.  Auch  diese  Angabe  des  Chronicon 
paschale,  daß  die  Indictionen  bis  auf  Julius  Cäsar  zurückgehen,  ist 
sicher  falsch;  hier  können  wir  wirklich  einmal  das  argumentum  ex 
sllentio  anwenden:  wenn  man  schon  im  ersten  Jahrhundert  v.  Chr.  nach 
Indictionen  gerechnet  hatte,  mußten  dieselben  bei  damaligen  und  spä- 
teren Historikern,  auf  Münzen,  Inschriften,  Urkunden  sich  nachweisen 
lassen;  wir  finden  aber  bis  zum  Beginn  des  vierten  Jahrhunderts  nicht 
die  leiseste  Spur,  und  es  scheint  sogar,  daß  noch  im  Jahre  396^  die 
Indictionsbezeichnung  der  Erklärung  bedurfte:  ivvärrjg  Ivdixnatvoq  rT/g 
':ierrexaiöexa£r7]oixTjg  Tieoiööov. "* 

Sehr  schwer  ist  es,   die  ursprüngliche  Bedeutung  der  Indictionen 
zu  ermitteln.     Savigny  in   seiner  Zeitschrift  für  geschichtliche  Rechts-    savignr 
Wissenschaft  1828  S.  375  ff.  ^  knüpft  die  Indictionsrechnung  an  eine  von 
ihm  angenommene  fünfzehnjährige  Steuerperiode.    Die  schwachen  Seiten 
der  Savigny  sehen  Beweisführung  hat  Mommsen   bloßgelegt,^    — ■    „Der  >[ommsen 
Anfangspunkt,  den  der  Chronist  gewählt  hat,  hängt  wahrscheinlich  eng 


1  Pez,  Thes.  anecd.  T.  II  P.  2  c.  23  p.  207 :  Qualiter  inveniantur  anni  ab  In- 
carnatione  Domiui. 

*  Scaliger,  De  emendatione  teinp.  lib.  V  p.  501—06  ed.  Col.  AUobr.  1629. 
^  Zacagni,  Collect,  moniim.  vet.  p.  5:56  n.  2. 

*  Zacagui,  Collectauea  monum.  vet.  p.  536. 
■'   =  Vermischte  Schriften  2  S.  130. 

®  Abh.  d.  Sachs.  Gesollsch.  d.  W.  I.  Bd.  d.  phil.-hist.  Classe.  1850  S.  578—79. 


—     456     — 

mit  der  Osterfeier  in  Eom  zusammen."  Seit  dem  Sieg  des  Constantin 
über  den  Maxentius  (312,  28.  October)  stand  es  dem  christlichen  Bischof 
frei,  das  Osterfest  feierlich  zu  verkündigen,  es  mußte  also  eine  Oster- 
tafel  entstehen.  —  „Ist  dies  richtig,  so  liegt  es  sehr  nahe,  die  Be- 
Palchae  nennung  indictio  selbst  auf  die  indictio  Paschae  zu  beziehen  und  die 
ganze  Indictionenrechnung  mit  den  Paschalcyclen  und  den  Vorausver- 
kündigungen des  nächsten  Osterfestes  in  Verbindung  zu  bringen." 

Doch  gegen  diese  Ergänzung  indictio  paschae,  die  sich  allerdings 
durch  das  Jahr  312  empfiehlt,  spricht  der  Umstand,  daß  dann  Be- 
ziehungen existieren  müßten  zwischen  den  15jährigen  Indictionsperioden 
mit  den  19-,  95-  bzw.  532  jährigen  Ostercyclen  und  daß  wir  auf  diese 
Weise  nicht  erklären  können,  weshalb  die  Ostercyclen  im  Frühjahr, 
die  Indictionen  dagegen  im  Herbst  beginnen.  —  Dagegen  spricht  ferner 
der  Sprachgebrauch  sowohl  bei  abendländischen  als  bei  griechischen 
Schreibern;  die  ersteren  übersetzen  Indictio  mit  der  Römer  Zins- 
zahl; die  zweiten  brauchen  nicht  nur  i7iivefi,r](Tii^  als  synonym  mit 
ivdixridjv,  sondern  wollen  die  ganze  Institution  bis  auf  Julius  Cäsar 
zurückführen.  Wenn  das  nun  auch  sicher  falsch  ist,  so  beweisen  die 
oben  erwähnten  Stellen  wenigstens,  daß  byzantinische  Chron.ographen 
des  frühen  Mittelalters  diese  Rechnung  nicht  als  kirchlich  und  christ- 
lich auffaßten,  denn  sonst  hätten  sie  dieselbe  nicht  in  vorchristliche 
Zeit  zurückverlegen  können.  —  Die  Vermutung  von  A.  Mommsen  (Berl. 
Philol.  Wochenschr.  1887,  10.  Sept.  S.  1156)  braucht  kaum  erwähnt  zu 
werden:  Es  entstand  der  Indictionencyclus  vermutlich  durch  Halbierung 
der  Triakontaeris,  die  wir  aus  der  Inschrift  von  Rosette  kennen.  Ptole- 
mäus  Epiphanes  (t  181)  heißt  daselbst  xvQioq  rgtcixavTaeoidcov. 
Rossi  Ferner  haben  wir  einen  Erklärungsvorschlag  von  G.  B.  de  Rossi 

(Inscr.  christl.  1  p.  XCVII:  de  cyclo  indictionum),  der  trotz  des  latei- 
nischen Namens  die  Indictionen  auf  Ägypten  zurückführen  möchte,  weil 
wir  dort  die  ältesten  Angaben  finden  und  das  Chronicon  paschale 
alexandrinum  schon  vor  dem  Jahre  312  Indictionen  anführt;  und  diese 
Auffassung  ist  bis  zu  einem  gewissen  Grade  durch  die  neuen  Papyrus- 
funde bestätigt. 

Die  Frage  nach  dem  Ursprung  und  Wesen  der  Indiction  ist  näm- 
lich durch  die  massenhaften  Funde  der  Papyrusurkunden  in  den  letzten 
Decennien  in  ein  neues  Stadium  getreten.  Irgendwelche  Beziehungen 
zum  christlichen  Cultus  sind  nirgends  gefunden;  das  neue  Material  hat 
vielmehr  im  wesentlichen  den  Grundgedanken  der  Savigny  sehen  Auf- 
fassung bestätigt;  die  Indiction  ist  bedingt  durch  die  Steuerverfassung, 
die  in  den  verschiedenen  Provinzen  des  Reiches  verschieden  war.  Daß 
sie  mit  den  Steuern  in  Verbindung  steht,  leidet  keinen  Zweifel.^ 


^  V7t{6q)  i'itQyvo{iy.ü)i-)  l  itdiixiiwvo;)  Oxyrli.  Pap.  8.   1138  p.  23". 


—     457     — 

Ganz  eigenartig  waren  die  Steuerverhältnisse  Ägyptens,  und  ebenso 
eigenartig  die  Indictionen  dieses  Landes.  Gelegentlich  werden  die 
ägyptischen  Indictionen  nach  einem  bestimmten  Ort  des  Landes  hinter 
der  Angabe  des  Ausstellungsortes  der  Urkunden  bezeichnet,  z.  B.  IvÖ.  kn 
L4o(7ivotTov,^  es  lag  also  nahe,  die  Indictionen  Ägyptens  mit  dem  Nil  in 
Verbindung  zu  bringen,  der  für  die  Ernte  und  die  Höhe  der  Steuern  maß- 
gebend war.  Aber  eine  solche  Bezeichnung  war  bis  jetzt  nicht  nachzu- 
weisen. Nun  fand  aber  Wessely  in  einem  Wiener  Papyrus  i^vSj  NeD.ov 
T/Js"  cc  i'vd';/^  und  meinte  darin  einen  sicheren  Beweis  für  die  Nilindiction  NiUndicUon 
gefunden  zu  haben.  Allein  Wilcken^  leugnet  die  Nilindiction  und  er- 
klärt Ns("/.ov  für  einen  Personennamen.^  Seine  Erklärung  ist  möglich, 
aber  nicht  notwendig,  und  bei  dem  schlecht  erhaltenen  Papyrus  ist 
eine  sichere  Ergänzung  kaum  denkbar.  Dagegen  hatte  Wessely  schon 
vorher  einen  anderen  gut  erhaltenen  Papyrus  publiciert  (Mitteil.  a.  d. 
Samml.  d.  Papyrus  Erzherzog  Rainer  1 — 2.  1886  S.  26,  Wessely,  K.. 
Zur  Nilindiction  S.  28): 

TOKTxaidexäTrjg  l'vdixrttTjvoi  JVei?^ov  rTjg  iaofjievTjg^ 
r€(Tf7aos(TxaiSsxdTi]g  ivÖix    VTiko  ^sgtüjv  TSfTrrdoojv 
roirov  /ovaov  voßiafidria  öxtü)  roixov  .  .  . 
(Saec.  IV/V.)    Hier  wird  wirklich  eine  Nilindiction  erwähnt.    Die  Steuer- 
verhältnisse  in  Ägypten   waren  ganz   eigenartig  und   rechtfertigen  den 
Ausdruck  „ägyptische"  Indiction,  und  da  die  Höhe  der  Steuern  von  der 
Höhe   der  Nilschwelle  abhing,  so   scheint   es  durchaus  erklärlich,  daß 
man  die  ägyptische  auch  als  Nilindiction  bezeichnete. 

Die  ägyptische  oder  Nilindiction.® 

In   Ägypten   ist    die   Kopfsteuer''    uralt;    wir   können   sie   von    der  Kopfsteuer 
Regierung    der    Ptolemäer    bis    in    unsere    Zeit    verfolgen.      Auch    der 
ärmste  Ägypter'*  hatte  im  Altertum  einen  Kopfzins '^  den  Behörden  zu 


*  Vgl.  die  Beispiele  bei  Wessely,  Prolegg.  p.  48 — 49. 
-  Wessflj,  Studien  z.  Pal.  u.  Pap.  8,  306  Nr.  1003. 

^  Grundzüge  u.  Chrestomathie  1,  1  S.  LXI. 

*  Ich  verweise  z.  B.  auf  3'edoc  Öiay.oio:,  Rev.  ilgypt.  3  p.  172  Nr.  IV. 

'"  Wesselv,  der  diesen  Abschnitt  durchzulesen  die  Güte  hatte,  verglich  den 
Wiener  Papyrus  aufs  neue.  Er  bemerkt:  lao^ift];  ist  doch  wohl  iirovfiät'rj;  gleich- 
zusetzen. 

''  Vgl.  Grundzüge  u.  Chrestomathie  1.  Wilcken  S.  192  ff. 

^  Cunningham,  Memoirs.  R.  Irish  Acad.  11.  Dublin  1905  p.  173  Census  Papers; 
p.  177  The  earliest  known  example  of  a  xar'  oixiav  (tTJoyQaq)^,  s.  Wilcken,  Ostraka 
1,  231   vnäQ  ).nio'/0(((pinc. 

^  Stern,  Ztschr.  f.  äg.  Spr.  1884  S.  160:  Die  Indictionenrechnung  d.  Kopten. 
Krall,  Recueil  de  travaux  6,  1.  —  — ,  Die  ägyptische  Indiction:  Mitt.  d.  Pap. 
Erzh.  Rain.  1—2,  1887.  12. 

^  Oxyrh.  Pap.  8  p.  180  Nr.  1109:  Selectiou  of  boys  {tnixinat:)  list  of  paying 
a  reduced  poU-tax  of  12  drachmae. 


—     458     — 

zahlen,  daher  gehörten  genaue  Listen  der  Einwohner  zu  den  wichtigsten 
Erfordernissen  der  streng  bureaukratisch  durchgebikleten  Verwaltung. 
Die  Zahl  der  Steuernden  schwankte  natürlich;  aber  die  Lücken,  die 
der  Tod  gerissen,  wurden  unter  gewöhnlichen  Verhältnissen  mehr  als 
ausgeglichen  durch  den  Überschuß  der  Geburten.  AVenn  ein  Kind  sein 
14.  Jahr  erreicht  hatte,  wurde  es  in  die  Listen  der  Steuerzahlenden  ^  ein- 
getragen^  aber,  wie  es  scheint,  noch  nicht  in  die  eigentliche  Stammrolle, 
iimg^aiie'  soudem  zunächst  in  die  Listen  des  Zuwachses;  und  erst  alle  14  Jahre, 
14  Jahre  ^rgjj^^  gjjjg  ncue  Volkszählung  den  wirklichen  Stand  der  Bevölkerung 
festgestellt  hatte,  wurden  beide  Listen  vereinigt,  indem  die  Behörden 
eine  neue  Stammrolle  ausarbeiteten,  in  der  jeder  Ägypter  von  nun  an 
blieb.-  In  den  Berliner  Papyrusurkunden  Nr.  26,  53—55,  57—60,90,95, 
97,  115—20,  122—23,  125—31,  137—38,  154,  182,  224— 25 ^  haben  wir 
periodische  Volkszählungs-  und  Censusangaben  für  sämtliche  Einwohner 
Ägyptens,  die  sich  alle  14  Jahre  wiederholten,^  im  zweiten  Jahrhundert 
z.  B.  103/04,  117/18,  131/32,  145/46  usw.  Wessely,  Die  jüngsten 
Volkszählungen  und  die  ältesten  Indictionen  in  Ägypten,^  vervollständigt 
diese  Angaben  für  das  folgende  Jahrhundert  und  weist  auf  Volks- 
zählungen hin  im  Jahre  201/02,  215/16,  229/30,  243/44,  257/58  usw., 
die  sich  bis  in  die  Zeit  des  Tiberius^  zurück  verfolgen  lassen, 
steuerjahi-  Das   ägyptische   Indictionsjahr  ist   also   ein    wirkliches   Steuerjahr, 

hat    aber    ursprünglich   keinen    15  jährigen   Cyclus''    und    beginnt   auch 
nicht    mit    dem    1.  September,    wie    die    späteren    Indictionen.^      Daß 


^  Nach  AYilekeu,  Ostraka  1,  242  waren  die  Männer  vom  14.,  die  Frauen  vom 
12.  Jahre  an,  beide  bis  zum  65.  Jahre,  kopfsteuerpflichtig.  Nach  Grundzüge  u. 
Chrestomathie  1,  Wilcken  1,  95  waren  die  Frauen  von  der  Kopfsteuer  frei. 

2  ,,Es  gab  auch  vjreoETau,  s.  m.  Studien  4  (S.  15)  438.  495.  431.  581.  464. 
490.  550."    AVessely, 

3  Vgl.  Krebs,  Berl.  Philol.  Wochenschr.  1894  S.  638. 

*  Census  return:  Pap.  Reinach  49;  Oxyrh.  Pap.  8,  1110—11.  Über  die  Form 
dieser  Listen  s.  iTj  y.ai'  oixiur  (inoyQnq^jj  io{v)  ß  [Yoü/juaio;],  Pap.  Ox.  8  p.  182  Nr.  1110. 
vgl.  Wilcken,  Hermes  28,  230. 

^  Wesselj,  Instrumentum  census  a.  245  p.  Chr.:  Melanges  Nicole  1905  p.  555. 

,  Studien  z.  Pal.  u.  Papyrusk.  1.  2  S.  26 — 85-,  vgl.  Wilkeu,  Arch.  f.  Papyrusf. 

2  S.  392—94. 

^  Vgl.  S.  Eitrem,  Philol.  71  N.  F.  25.  1912  S.  24  —  27:  die  älteste  sicher 
datierte  ägypt.  Urkunde  für  die  von  Augustus  geregelte  y.at'  or/.iav  (iTToyorKpi],  die 
wahrscheinlich  seit  dem  Jahre  9  v.  Chr.  jedes  14.  Jahr  stattfand. 

'  Fünfzehnjährige  Steuerperioden  sind  für  das  Ägypten  des  2.  und  3.  Jahr- 
hunderts bis  jetzt  noch  nicht  erwiesen.    Wilcken,  Hermes  21  S.  286. 

*  Die  Litteratur  über  die  14 jährigen  Volkszählungen  gibt  Wessely:  Viereck, 
Philologus  52,  219.     Kenj'on,    Classical  Review  7.  1893,  110;   Catalog  2,  20.  150. 

Wilcken,  Sitz.-Ber.  Berl.  Akad.  1883,  897. ,  Philologus  52,  564. ,  Hermes 

28,  230. ,  Ostraka  1  S.  438.     Grenfell-Hunt,  Oxyrh.  Pap.  II,  177.     Meyer,  P., 

Heerwesen  109.    Wessely,  Epikrisis:  Sitz.-Ber.  Wien.  Akad.  152,  9. ,  Studien 

z.  Paläogi-.  2  S.  26. 


—     459     — 

die  älteste  ägyptische  Indiction  etwas  anderes  war,  als  die  spätere 
byzantinische,  die  mit  dem  1.  September  begann,  zeigen  namentlich 
bestimmte  Zusätze,  die  erläuternd  (auf  Papyrus)  hinzugesetzt  werden, 
wie  z.  B.  am  Anfang  oder  Ende  des  Indictionsjahres,  die  sich  über  ver- 
schiedene Monate  des  ägj-ptischen  Jahres  verteilen.  ^  Die  Verschieden- 
heit wird  aber  namentlich  bestätigt  durch  eine  in  Constantinopel  auf- 
gesetzte Urkunde  von  551  n.  Chr.  (Pap.  Cair.  Cat.  67032):  ini  lovviov 
^uivbi  TTii  äoTiuxi  TB<7(jao[c/.>{UiÖsx(/.ri]i'\  k'jivspu'iaECüq,  xax'  AiYvnriovq, 
dt  7ievTexafd[exa:T)ig].  Die  Frage  ist  nur,  ob  der  Anfang  der  neuen 
Indiction  an  ein  festes  Kaien derdatum  geknüpft  war  oder  nicht.  Die  K^fender- 
Xilschwelle  ist  gewissermaßen  fest  und  doch  beweglich.  datum? 

Wilcken  (Hermes  19  S.  293  — 99;  21  S.  277  — 86)  behandelt  die 
Frage  auf  Grund  einiger  bis  jetzt  unedierten  Berliner  Papyrusurkunden, 
die  allerdings  verbieten,  den  Indictionsanfang  der  jüngeren  ägyptischen 
Urkunden  mit  einem  unveränderlichen  Tagesdatum  in  Verbindung  zu 
bringen.^  Dieser  Auffassung  von  Wilcken  hat  sich  auch  Hartel,  Die 
griech.  Papyri  d.  Erzh.  Eainer  S.  75  A.  43,  angeschlossen.^  Er  hat  (Wiener 
Studien  5.  1883  S.  8  ff.)  auf  eine  Papyrusurkunde  hingewiesen  vom 
22.  Pachon*  =  (16.  Mai)  des  Jahres  487  n.  Chr.  mit  dem  Zusatz  rü.ei 
TTji  Öexärviq  ivd{ixTion'oq),  was  sich  allerdings  auf  die  byzantinische, 
mit  dem  1.  September  beginnende  Indiction  nicht  beziehen  kann,  die, 
wie  Hartel  meint,  in  Ägypten  sich  überhaupt  nicht  nachweisen  läßt 
(a.  a.  0.  S.  9).  Er  sucht  es  vielmehr  wahrscheinlich  zu  machen  (S.  12), 
daß  das  ägyptische  Indictionsjahr  fünf  Tage  vor  der  Sonnenwende, 
d.  h.  mit  der  „Nacht  des  Tropfens",  den  14. — 15.  (bzw.  13. — 14.)  Juni 
beginne.  Diese  Nacht  bezeichnet  den  Beginn  der  Nilschwelle,  von  deren  Niischweiie 
Ausfall  wieder  die  Ernte  und  also  indirect,  wie  noch  heutzutage,  die 
Steuern,  d.  h.  die  Indiction  abhängig  war,  „Der  Pachtzins  wird  be- 
rechnet von  (auf  Grund)  der  Höhe  der  Nilschwelle"  (Griech.  Papyri 

Gießen  1  Nr.  37  S.  13).^ 

Vollständig  befriedigend  ist  diese  Auffassung  allerdings  nicht,  denn 
die  Herausgeber  der  Papyri  Grenfell  2  p.  129,  weisen  darauf  hin,  daß 
der  Eintritt  der  Nilschwelle  sich  doch  nur  um  wenige  Tage  verschiebt, 
der  Beginn  der  ägyptischen  Indiction  aber  um  Monate.    Jedenfalls  steht 


*  Vgl.  Wilcken,  Hermes  19  S.  294;  Wessely,  Prolegoinena  p.  18. 

-  Krall,  Neue  koptische  u.  griech.  Papyrus  (S.-A.  d.  Recueil  de  travaux  rela- 
tifs  ä  la  Philologie  et  a  Tarcheol.  egyptiennes  et  assyriens  VI  (1884),  fasc.  l/II 
p.  18—23. 

^  Vgl.  Ptühl,  Chronologie  S.  80  [rc.  180]— 183;  Steru,  C,  Die  Indictioneurech- 
uung  der  Kopten:  Ztschr.  f.  ägypt.  Sprache  u.  Altert.  1884  S.  160. 

*  In  Wirklichkeit  vom  2s.  Pachon  (k;,).     Wessely. 

'"  Über  den  Ausdruck  HTioÖiüiTco  trot  fcV  urjiii  Tluvvi  (Zeit  der  Ernte)  vgl.  Wessely, 
Mitt.  Pap.  Erzli.  liaiu.  1   S.  28. 


—     460     — 

es  fest,  daß  die  ägyptische  Indiction  nie  im  AVinter,  sondern  stets  im 
Sommer  begann.  Der  Anfang  der  Indictionen  fällt  meistens  in  die 
Monate  Pachon,  Payni,^  Epiphi  (ca.  Mai— Juli),  aber  auch  die  folgenden 
Monate  bis  zum  Thoth  und  Paophi  sind  nicht  ausgeschlossen.^  Kein 
Mensch  wird  also  heutzutage  noch  an  der  alten  Ansicht  festhalten,  daß 
die  ägyptische  Indiction  an  einen  bestimmten  Monat  gebunden  sei^;  die 
Menge  der  Urkunden,  die  das  Gegenteil  beweisen,  ist  zu  groß;  sie  sind 
gesammelt  von  Wilcken,*  am  vollständigsten  bei  Hohmann,  Chronologie 
S.  40  [zk/M  Februar — August).  S.  41  (do/ii  Ivdixnojvoi  April — October).^ 
Ob  dies  auch  schon  für  die  ersten  Indictionscyclen  Geltung  hat, 
ist  schwer  zu  sagen.  Nach  Seeck  a.  a.  0.  S.  289  „fiel  im  Anfang  des 
vierten  Jahrhunderts  bei  den  Ägyptern  das  Finanzjahr  noch  mit  dem 
bürgerlichen  Jahre  zusammen'';  er  meint  S.  291,  daß  die  Trennung  der 
ägyptischen  Indiction  von  dem  Kalenderjahr  in  die  Zeit  zwischen  345 
und  355  fällt.  Später  war  der  Anfang  des  ägyptischen  Steuerjahres  der 
1.  Pharmuthi  (27.  März).^ 

Neben  Anfang  und  Ende  der  Indiction  ist  häufig  auch  von  einer 

Indiction  „^euen"  Indiction  die  Rede. '^  G.  Lefebvre,  Receuil  d.  Inscr.  grecque- 
chretiennes  d'Egypte.^  veröfi"entlichte  interessante  Inschriften  von  Philae, 
besonders 

Nr.  597:  s:ii  cpa  Ti]q  veaq  t]  tvd(ixTicovog)j 
Nr.  596:  erei  (f.  i.  ß.  tT/Q  Ijißll  ivdix{Ticovog), 

Gregoire  die  dann  von  Gregoire  besprochen  und  auf  christliche  Jahre  bezogen 
wurden  arec  plus  daudace  que  de  bonheu?:  Mit  mehr  Glück  hat  Serruys 
sie  behandelt.^  Er  sammelt  zunächst  die  sieben  Urkunden  mit  veug 
IrÖixricüvo^  und  betont,  daß  dieser  Ausdruck  sich  nicht  auf  das  In- 
dictionsjahr,  sondern  auf  den  Indictionscyclus  bezieht.     0.  Seeck,  Ent- 


^  uQXfj  und  xeIbi  bei  den  Indiction sangaben  bezog  Wilcken  (Hermes  19  S.  295) 
im  engeren  Sinue  auf  den  Tag,  hat  dann  aber  in  derselben  Zeitschrift  21  S.  279 
diese  Deutung  zurückgenommen. 

-  Wenger,  Sitz.-Ber.  d.  Münch.  Akad.  1911.   8.  Abh.  S.  7. 

^  Ginzel,  Chronologie  1  S.  233  denkt  allerdings  an  den  Monat  Payni  als 
Anfang  der  Indictionen. 

*  Beispiele  für  no/Ti  usw.:  Epiph.  bis  Thoth,  Paophi  s.  Hermes  21  S.  280 — 81. 
'"  Ich  vermisse  nur  in  dem   letzten  Abschnitt:   Nicole  papyrus  de  Geneve  1 

Nr.  11  p.  15  /i»/»'t  dnslxp  rrj;  eviv/co;  eiatovarj;  bväirjg  veag  (V(5[t^xifw»'oc  (Epiph.). 
MeaoQi]  la  0  ivö.  ('tQ/fj,  Oxyrh.  Pap.  VI,  995  p.  326  (5.  Jahrb.).  Paophi  8.  rio/jj 
(Kopt.  Pap.)  Eev.  Egypt.  1  p.  102  A.  1  =  p.  103;  27.  [«]?(/f//)  •  •  •  ösxäir];  ii'ö  tv  ao 
vom  Jahre  591.    Rev.  Egypt.  3  (nicht  4)  p.  172. 

6  Ztschr.  f.  ägypt.  Spr.  22.  1884  S.  162. 

'  veaz  iv8iy\iLiüvo;.  4.  Jahrb.  Preisigke,  Griech.  Urk.  Kairo  Nr.  20  S.  17. 
Amberst.  Papyri  2  p.  169:  t  väa;  rjiot  xß  LvÖiy.{uü)fo)g,  also  über  15;  s.  u.  S.  464. 
Arch.  f.  Papyrusf.  2,  135. 

*  Revue  de  ITnstr.  publ.  en  Belgique  51.  1908  p.  202—05. 
»  Revue  de  Philologie  33.  1909  p.  71. 


—     461     — 

stehung  der  Indictionen:  Dtsch.  Ztschr.  f.  Gesch.  12.  1894/95  S.  279 
und  Wessely,  Stud.  z.  Paläogr.  u.  Pap.  2  S.  23 — 35  haben  gezeigt,  daß 
in  Ägypten  dem  14jährigen  Steuer-  ein  löjähriger  Indictionscyclus 
folgte,  was  dann  zu  Verwechselungen  Anlaß  gegeben  hat.  Man  könnte 
also  meinen,  ?y  veu^  Ivöixr.  sei  der  15jährige.  Von  einer  alten  Indiction 
neben  der  neuen  ist  nie  die  Rede.  Von  der  neuen  sprach  man  auch 
nur  in  der  Übergangszeit,  später  nur  einfach  von  der  Indiction. 
Allein  Wessely  bemerkt  dagegen:  ..Meiner  Meinung  nach  ist  dies  nicht 
die  Bezeichnung  der  neuartigen  Indiction,  sondern  die  eines  neuen, 
anfangenden  15jährigen  Cyclus  im  Gegensatz  zu  dem  vorherigen,  ab- 
gelaufenen, daher  die  Gleichsetzung  von  (^  via^  mit  ^  Ivör  Dann  schlägt 
Serruys  eine  Verbesserung  vor,  die  richtig  zu  sein  scheint:  serruys 

Xr.  597:  knhf  u  rT/g  r(  vku^  ivÖ. 
Nr.  596:  hniicp  i.  ß.  tTj^  jl'ßll  ivd. 
Gregoire  (Rev.  d.  philol.  33.  1909  p.  79)  hat  dann  auch  seinen  Vorschlag 
zurückgezogen. 

Schließlich  also  wurde  dieser  ägyptische  Cyclus  durch  die  römische 
Verwaltung  verändert.  Man  begreift,  daß  die  römische  Regierung  die 
Steuerverhältnisse  Ägyptens  denen  der  übrigen  Provinzen  zu  assimilieren 
bestrebt  war.  In  der  römischen  Republik  galt  es  als  Regel,  daß  jedes 
fünfte  Jahr  ein  Census  römischer  Bürger  abgehalten  werden  sollte.  Das 
Kaiserreich  hatte  allerdings  bald  die  alte  feierliche  Art  des  Lustrums 
abgeschafft;  aber  die  Listen  über  den  Stand  der  Bevölkerung  weiter 
zu  führen,  gebot  das  eigene  Interesse  der  Regierung.  Daneben  ent- 
wickelte sich  ein  municipaler  Census,  der,  von  Quinquennalen  geleitet, 
wenigstens  stellenweise  Beziehungen  zum  Reichscensus  der  Bürger 
gehabt  zu  haben  scheint. - 

Um  diese  verschiedenen  localen  Schätzungen  Roms,  der  Colonien 
und  Provinzen  zu  vereinigen,  brauchte  man  nur  überall  den  15  jährigen 
Cyclus  auszudehnen;  das  waren  drei  Censusperioden^;  und  in  Ägypten 
brauchte  man  nur  den  üblichen    14  jährigen^  Cvclus   um   ein  Jahr  zu  löjährige 

'>  _         "  öteuer- 

verlängern.    In  Rom  waren  solche  15  jährige  Steuercyclen  schon  gewöhn-     cycien 
lieh.   Zunächst  hatten  einige  Kaiser,  wie  z.  B.  Trajan,  die  Steuerrück- 
stände  nach    15  Jahren    erlassen;    das   war   unter    seinen  Nachfolgern 
eine    ständige    Einrichtung    geworden.      „Aus    dieser    Niederschlagung 


Römischer 
Census 


'  Siehe  Wilcken,  Archiv,  f.  Pap.  2,  393  —  94. 

-'  Vgl.  Xeumann,  J.,  De  quinquennalibus  eoloniarum  et  municipiorum.  Lips. 
1S92  p.  62—65. 

*  Seeck,  0.,  Ztschr.  f.  Geschichtswiss.  12.  1896  S.  280,  hat  nachgewiesen,  daß 
die  15  Jährigen  Cycien  in  kleinere  Abteilungen  von  fünf  Jahren  zerfelen.  Über 
15jährige  Steuei-perioden  in  Ägypten  160,  174  189  n.  Chr.  s.  Wessely,  Sitz.-Ber.  d. 
Sachs.  Ges.  d.  AViss.  87.  1885  S.  270. 

*  Bezweifelt  von  Wilcken,  Grundzüge  u.  Chrestomathie  1,  1  S.  224. 


—     462     — 

[der  Forderungen]  ist  nach  einer  Anordnung  Hadrians  vom  Jahre  118 
eine  von  15  zu  15  Jahren  eintretende  Gesamtrevision  der  Restforde- 
rungen hervorgegangen.''^  Vielleicht  wurde  bei  dieser  Vereinigung 
römischer  und  ägyptischer  Rechnung  —  deren  Zeitpunkt  wir  später  zu 
erörtern  haben  —  der  lateinische  Name  indlctio  in  Ägypten  eingeführt. 
Das  Wort  selbst  ist  natürlich  älter.  Der  diocletianische  Maximaltarif 
von  Megalopolis  (Journal  of  hell.  stud.  11.  1891  p.  318 — 19)  nennt 
z.  B.:  x?.cciiivi  <7ToaTtcoTtxii  ivSixTicovc/J.ii  xc/JMarri. 

Obwohl  wir  nun  den  Cyclus  sowohl  bei  den  Römern  ^  als  auch 
namentlich  bei  den  Ägyptern  linden,  scheint  es  doch,  als  ob  man 
in  Ägypten  an  dem  Fortbestand  des  Cyclus  gezweifelt  habe.  Nach 
Wessely,  Stud.  z.  Palüogr.  1  S.  35  wird  die  Indiction  des  Jahres  329  als 
die  „XVII.  Indiction  zugleich  III.  Indiction"  augesetzt.  —  —  Jeden- 
falls ist  das  Weiterzählen  der  Indictionsjahre  für  den  Anfang  des 
IV.  Jahrhunderts  n.  Chr.  erwiesen."  Es  gibt,  wenn  auch  nur  für  kurze 
Zeit,  Doppeldatierungen  von  Indictionsjahren,  die  nach  15  fortlaufen, 
und  andere,  die  mit  diesem  Jahre  wieder  anfangen.^ 

ind^üfnen  ^^^^  führt  uus  auf  die  Frage,  wann  denn  eigentlich  die  Rechnung 

/  nach  Indictionen^    begonnen  hat.""     Seeck  vermutet,   daß  die  erste  In- 

diction schon  297  begonnen  habe";  von  größerer  Bedeutung  ist  die  Frage 
nicht,  da  die  15  jährigen  Indictionscyclen  nicht  fortlaufend  durchgezählt 
werden;  allein  es  wäre  doch  immer  von  Interesse,  zu  erfahren,  ob  die 
Indictionen  schon  15  Jahre  früher  begonnen  haben,  als  man  bis  jetzt 
annahm.  Der  Grund,  weshalb  Seeck  a.  a.  0.  S.  295  den  Anfang  der 
Indictionen  im  Jahre  312  leugnet,  ist  schwach:  weil  die  entsprechende 
Angabe  des  Chron.  pasch,  für  das  Jahr  42  v.  Chr.  nicht  richtig  sein 
kann,  deshalb  müsse  auch  die  zweite  vom  Jahre  312  n.  Chr.  (s.  u.) 
falsch    sein.     Dann   müßte    man    allerdings    aus    diesem   Grunde    noch 


^  Mommsen,  Staatsrecht  2^  S.  1015;   vgl.  A.  4. 

-  Schiller,  Gesch.  d.  röm.  Kaiser.  1,  2  S.  621.  653  A.  4.  Wilcken,  Sitz.-Ber. 
der  Berl.  Akad.  1883  S.  906.  918. 

^  Wessely,  Studien  z.  Paläogr.  2.  1902  S.  26:  Die  jüngsten  Volkszählungen 
u.  d.  ältesten  Indictionen  in  Ägypten;  S.  33:  daoijsi'ij;  i'~  iröty.iiiovo;  i'/ioi  y~  t''<^ 
(=  329);  S.  34:  tr  Ijiot  ß"  rsag  ivöiy.i'  (=  343).  Arch.  f.  Pap.  gr.  2,  393.  Über  ein 
19.  Indictionsjahr,  das  Wilcken  annimmt,  s.  S.  463.  Ein  18.  Indictionsjahr  (siehe 
Weiuberger,  Eendiconti  d.  R.  Acc.  d.  Lincei  1894  p.  895)  war  falsch  gelesen,  siehe 
Krebs,  Äg.  Ztschr.  1894  S.  87;  A^gl.  o.  S.  454  A.  3. 

*  Vgl.  Hohmann,  Chronologie  S.  26:  Datierungen  nach  Indictionen  [354 — 717]. 

•  Krall,  Die  ägypt.  Indiction,  Mitt.  d.  Pap.  Erzh.  Eainer  1.  1887  S.  12,  be- 
handelt die  Frage,  ob  die  griechisch-römische  Indiction  schon  als  altpharaoniseh 
nachzuweisen  ist. 

•^  Vgl.  auch  Arch.  f.  Papyr.  5,  226.  256.  Seeck,  O.,  Die  Entstehung  des  In- 
dictionencyclus:  Dtsche.  Ztschr.  f.  Gesch.-Wiss.  1894.  12  S.  279.  Rhein.  Mus.  62. 
1907,  492. 


—     463     — 

manche  andere  Angabe  des  Chronicon  paschale  verwerfen.  Aber 
W.  Liebenam  gibt  in  seinen  Fasti  consulares  S.  125  eine  ludictionen- 
tabelle,  die  wirklich  bereits  mit  dem  Jahre  297  beginnt.^  Allein  der 
Pap.  Amherst  2  (1901)  Nr.  138  kann  das  nicht  beweisen.  Er  stammt 
aus  einem  13.  Indictionsjahre  und  dem  Consultatsjahre  Kaiser  Con- 
stantin  VII.   und   Constantius   Caesar,  also  aus  dem  Jahre  326  n.  Chr. 

Ferner  verweist  mich  Wessely  noch  auf  Preisigke,  Griech.  Pap. 
Straßburg  1,  9:  Lücke  E7ri(p]ocve(jTaT[ov]  Kuiaaoo^  zo  a"  ni]vi  ffao- 
{.lovih  u"  njq  ÖExarrn  ird'ixviojvog,  \fO  aber  der  Herausgeber  selbst 
schwankt  zwischen  307  und  352  n.  Chr.  Außerdem  hat  man  sich  be- 
rufen auf  Gizeh-Papyrus  Nr.  10476,  t6  kvearoj^  cxo^  xaoTiöJv  tTh  svtv- 
/oi'i  C  vic'ti  i'iToi  x3  ivdty.[rtüJi>oq),  unter  den  Consuln  Vulcacius  Rufinus 
und  Flavius.^  Dieser  Papyrus  bezieht  sich  nicht  auf  die  Jahre  333  oder 
334,  sondern  Vulcatius  Rufinus  und  Flavius  Eusebius  waren  Consuln 
des  Jahres  347 ;2  die  7.  resp.  22.  Indiction,  von  der  die  Rede  ist, 
muß  also  dem  Jahre  348  entsprechen.  Ausgangspunkt  ist  also  nicht 
312,  sondern  327.  Das  Schwanken  der  doppelten  Rechnung  hat  also 
in  der  Mitte  des  vierten  Jahrhunderts  noch  fortgedauert. 

Wilcken'*  zieht  dann  noch  einen  anderen  Papyrus  als  Beispiel 
heran:  Gizeh-Papyrus  10520:  e]}.aßov  'xuo  vfxwv  xai  kveßci'AÖfirjv  el^  rö 
7igox[a  lacune  of  15 — 20  letters] iif'^ II  IvÖixnöjvoq  ly^  näyov.  All  ihat 
remains  of  ihe  date  is:  yjficüv  KrüVüTUvrivov  xui  Aiy.ivviov  2LBßaaTcij\j>. 
Aus  diesem  ganz  verstümmelten  Text^  will  er  schließen,  daß  der  Cyclus 
nicht  312,  sondern  297  begonnen  habe,  und  meint  damit  die  Annahme  3i2 od. 297 
von  Seeck  S.  279  stützen  zu  können,  daß  schon  im  Jahre  297  ein  In- 
dictionscyclus  —  wahrscheinlich  der  erste  —  begonnen  hat. 

Es  bleibt  also  schließlich  nur  noch  der  Leipziger  Papyrus  (I  S.  225) 
Nr.  84  bei  Mitteis  übrig,  der  eine  5.  Indiction  vor  dem  Jahre  303  be- 
weisen soll;  es  heißt  dort:  r{7jS}  aivTiii)  e  tvÖix{Ti6voq).  Es  sind 
Quittungen  über  Getreidesteuer  von  verschiedenen  Händen;  Mitteis 
glaubt  18  unterscheiden  zu  können.  Auch  die  Zeit  ist  verschieden, 
nach  dem  Herausgeber  stammen  die  meisten  aus  dem  19.,  andere  aus 
dem  18.  oder  21.  Jahre  Diocletians.  Die  ersten  Schreiber  (Col.  I — V) 
datieren  nur  nach  Kaiserjahren;  gegen  den  Schluß  (Col.  VI)  wird  drei- 
mal nach  Indictionen  (ohne  Kaiserjahre)  datiert  von  13.  und  14.  Hand. 
Es  versteht  sich  also  von  selbst,    daß   der  Schluß   mit   den  Indictions- 


^  Siehe  dort  auch  die  neuere  Litteratur. 

^  Arch.  f.  Papyrusf.  2,  135. 

^  Chron.  Min.  ed.  Mommsen  III  p.  521.  Oxyr.  Pap.  1190.  W.  Liebenam,  Fasti 
cons.  S.  3G. 

*  Vgl.  Arch.  f.  Papyrusf.  5.  1909  S.  226. ,  Grundzüge  u.  Chrestomathie 

1,  1   S.  223. 

^  Die  Indictionszahl  stand  wahrscheinlich  in  der  Lücke  hinter  i^c,. 


—     464     — 

angaben  später  nachgetragen  ist  und  zwar  wahrscheinlich  im  Jahre 
316n.  Chr. ,  im  ersten  Indictionscyclus,  der  überhaupt  gezählt  wurde. 
Für  Seecks  Hypothese  beweist  unser  Papyrus  also  nichts. 

Wir  kennen  bis  jetzt  kein  sicheres  Beispiel  der  Indictionsrechnung, 
das  älter  wäre  als  das  4.  Jahrh.  n.  Chr.    Ein  bestimmtes  Jahr  erhalten 
wir  durch  das  Chronicon  paschale,  das  beim  Jahre  312/13  n.  Chr.  an- 
merkt: IvÖixTioüvcoi'  Kon'GravrtviavbJv  ivTEVtJ-Ev  äo-/))  (ed.  Dind.  II,  522), 
wodurch    indirect    zugegeben    wird,    daß    die    früheren  Indictionen  von 
312      49  V.  Chr.  bis  312  n.  Chr.   nur   zurückberechnet  waren.  ^     Dieses  Jahr 
hat  bis  jetzt  mit  Recht  als  die  Basis  der  Indictionsrechnung  gegolten. 
Schon  das  dritte  Jahr  des  ersten  Cyclus  wird  erwähnt  in  dem  Papyrus 
von   Gizeh  Inv.  Nr.  10485:   dritte   Indiction  unter   den   Consuln   Volu- 
314      sianus     und    Annianus    (314    n.    Chr.),^       Dann    folgt    Corpus    Papyr. 
Eaineri  I,  10  (Führer  Nr.  279):  10.  Indiction  (Beziehung  auf  den  Kaiser 
321—22  Licinius  und  seinen  Sohn)  also  vor  324,*^  wahrscheinlich  321 — 22.    Aus 
dem   Jahre  323   stammt   eine  lateinische  Inschrift  C.  I.  L.  X,  407,   auf 
die  Seeck  hinweist,   eine  Schatzungsliste  von  Volcei,  in   der  aber  eine 
Indictionsangabe  nicht  gemacht  wird. 

Seeck  gibt  im  Rhein.  Museum  62.  1907  S.  519  den  Wortlaut  meh- 
rerer von  Jouguet  veröffentlichten  Papyrusurkunden  der  11. — 12.  In- 
diction, die  den  Jahren  323  und  324  n.  Chr.  entsprechen.  Vollständiger 
hat  Jouguet    sein  Material   veröffentlicht  in  den  Pap.  de  Theadelphie. 

315-326  Indictionen  werden  erwähnt  in  Nr.  29  (315/16),  Nr.  31  (319/20),  Nr.  28 
(320),  Nr.  30  (322),  Nr.  50  (324),  Nr.  37  (vers  326?)*  Vielleicht  ist  es 
nicht    überflüssig,   darauf  hinzuweisen,    daß   z.  B.   eine   genau   datierte 

ohnrind.  I-i'kunde  vom  22.  Januar  307  (Pap.  de  Theadelphie  pp.  Jouguet.  Paris 
1911  p.  60)  und  eine  vom  3.  April  (ebd.  p.  81)  eine  Indiction  nicht  er- 
wähnen; ebensowenig  Nr.  41  (p.  196)  vom  Jahre  309. 

Auch   die   christliche   Kirche  hat   sich   schon  früh   der  Indictions- 

formatae  rechuung  bedient  in  den  oben  (S.  317)  erwähnten  Utterae  formatae.  Im  J.  325 
wurde  das  Formular  dieser  Beglaubigungsschreiben  durch  das  Concil 
von  Nicaea^  festgesetzt  und  eingeführt,  das  an  neunter  Stelle  die  Zahl 
des  laufenden  Indictionsjahres  verlangt.  Da  dies  nun  die  einzige 
chronologische  Angabe  in  dem  ganzen  Schema  ist  und  Änderungen  des 
Formulars  nie  gemacht  sind  und  auch  mit  bedeutenden  praktischen 
Schwierigkeiten  verknüpft  gewesen  wären,  so  ist  auch  die  Ausrede  ab- 


^  Siehe  Rühl,  Fr.,  Die  coustantinischen  Indictionen:  Jbb.  f.  class.  Philol.  1888 
S.  789—92.  Wenn  Rühl,  Chronologie  S.  182,  meint  das  Jahr  312  n.  Chr.  astro- 
nomisch begründen  zu  können,  so  ist  darauf  nicht  viel  zu  geben. 

*  Siehe  Amherst-Papyri  2  p.  169. 
^  Vgl.  Liebenam,  Fasti  p.  120. 

*  Vgl.  die  Anm.  p.  212. 

5  Hefele,  Conciliengeschichte  1-  S.  870  can.  XXXIV  (XXXII). 


—     465     — 

geschnitten,  daß  die  Indictionszahl  etwa  in  späterer  Zeit  erst  ein- 
geschoben wäre.  ^  Es  ist  dabei  für  unsere  Frage  gleichgültig,  ob  der 
Briet"  des  Atticus  von  Constantinopel  über  die  litterae  formatae  echt 
oder,  wie  Hefele-  meint,  unecht  ist.  Baronius^  entschied  sich  für  die 
Echtheit.  In  der  Tat  konnten  litterae  formatae  unter  die  öffentlichen 
Beschlüsse  des  Concils  nicht  aufgenommen  werden;  denn  wer  eine 
Geheimschrift  einführen  will,  darf  nicht  zu  gleicher  Zeit  auch  den 
Schlüssel  dazu  publicieren.  Natalis  Alexander^  hat  bereits  auf  einen 
Kirchenvater  aus  dem  letzten  Drittel  des  vierten  Jahrhunderts  hin- 
gewiesen, den  Optatus  Milevitanus,  der  bezeugt,  daß  diese  geistlichen  ^j^^'^^j^^^^^^^ 
Empfehlungsbriefe  zu  seiner  Zeit  nicht  nur  im  Gebrauch,  sondern  im 
allgemeinen  Gebrauch  waren.  Früher  nahmen  die  neueren  Gelehrten 
hauptsächlich  daran  Anstoß,  daß  hier  zum  ersten  Male  die  Indictionen- 
rechnung  vorausgesetzt  war.  Aber  jetzt  läßt  sich  die  Sache  nicht  mehr 
beanstanden,  seit  wir  in  Papyrusurkunden  ältere  Beispiele  besitzen, 
und  es  steht  der  Annahme  nichts  im  Wege,  daß  die  Indictionsbezeich- 
nung  schon  im  Jahre  325  üblich  gewesen  sein  muß.  Wichtig  sind  auch 
für  die  ältesten  Indictionen  die  Ausführungen  von  Grenfell  und  Hunt, 
Amherst-Papyri  2.  London  1901  p.  168  Xr.  138,  zu  einem  Papyrus  vom 
Jahre  326.  Etwas  jünger  ist  der  Papyrus  Erzherzog  Rainer  Nr.  1581  3-6 
(Führer  Xr.  288):  7.  Pachon,  Consulat  des  Marcellinus  und  Probinus 
(=  341  n.  Chr.).  14.  Indiction.  Für  Ägypten  kommen  dann  die  cop-  34i 
tischen  Inschriften,  welche  Seyffarth  mit  lateinischer  Übersetzung  ver- 
öffentlichte, kaum  in  Betracht.^  Über  den  Genfer  Papyrus  Xr.  11  vom 
Jahre  350  (s.  o.  S.  460  A.  5);  Papyrus  vom  12.  Januar  355  (=  Youngs  350 
Hieroglyphics  Xr.  46).^ 

Jüngere  Zeugnisse  für  die  Anwendung  der  Indictioneurechnung 
brauchen  wir  nicht  anzuführen;  es  sei  nur  verwiesen  auf  die  datierten 
Gesetze  des  c.  Theodosianus  aus  den  Jahren  356 — 359  usw. 

Die  anderen  Indictionen.^ 

Was  sich  also  in  Ägypten  bewährt  hatte,  wurde  dann  auch  auf 
die  anderen  Provinzen  des  Reiches  übertragen,  wenn  auch  mit  Ver- 
änderungen.    .,Wie  für  Ägypten   die  Vollendung  der  Ernte   im   Payni 


^  Hefele,  Coneilicngeschichte  1-  S.  810  Anm.  3;   S.  771  (Synode  v.  Laodicea). 

*  Conciliengeschichte  1^  S.  375. 

^  Annales  eccles.  ed.  Theiner  4  p.  151  Nr.  163. 

^  Hist.  eccles.    Paris  1699  t.  4  p.  249. 

'■"  Ztschr.  d.  Dtschn.  Morgenl.  Ges.  4   S.  256  VII.  a.  346:  Abinde  Diocletiauo 
[sie]  anno  LXII.     Secundum  cursum  Indictionis  anno  IV. 

ß  Siehe  Not.  et  Extr.  d.  mss.  18,  2  p.  260 

^  Siehe  Grotefend,  Chronologie  in  Meisters,  Grundriß  1  S.  284 :  Abendländische 
Indictionen. 

Gar  dt  hausen,  Gr.  Paläographie.    2.  Aufl.  II.  30 


—     466     — 

den  Beginn   des  Steuerjahres   bezeichnete,  so  ward  im  übrigen  Reiche 
der  September,  in  den  die  Vollendung  der  Ernte  fiel,  der  erste  Monat 
des  Indictionsjahres."^     Die  lateinischen   Gesetze   des   c.  Theodosianus 
zeigen  diese  Rechnung  in  Rom  und  in  den  westlichen  Provinzen, 
^^(üction  Daß  die  römische  Indiction  am  1.  September  begann,  läßt  sich 

nicht  bezweifeln,  das  ergibt  sich  aus  einer  römischen  Grabschrift  vom 
Jahre  522  (s.  de  Rossi,  Inscr.  christ.  1   Nr.  979): 

Depositus  est  sub  d.  IIl.  Id.  Äugustar. 

Symmacho  et  Bo'etio  VY.  CC.  Cos. 

in  fine  Ind.  XV. 

constanti- Jq  Cons tautinop el  dagegen  scheint  die  Indiction  im  5.  Jahrhundert 

nopel  i  o    o 

mit  dem  24.  September  gewechselt  zu  haben  nach  einer  Inschrift  aus 
Nicomedia  vom  Jahre  452  (Bull.  d.  corr.  hellen.  2.  1878  p.  289):  tv 
dvd[iy.Tia)Vt)  e'  7ih]oovfi{evT])  (xrjvt  -2'£>tt«,m,jo[/w]  }cß'  (unter  den  Consulii 
Sporacius  und  Herculanus).  Wenn  die  Indiction  erst  am  22.  September 
zu  Ende  ging,  so  ist  das  sicher  dieselbe,  die  Beda,  De  rat.  temp.  46, 
im  Auge  hat:  Incipiunt  indictiones  ab  VIII  Kai.  Od.  (24.  September).  Der- 
selbe Indictionsanfang  galt  also  für  Constantinopel  schon  in  der  Mitte 
des  5.  Jahrhunderts.  Wessely,  Prolegomena  p.  50,  erwähnt  einen  ägyp- 
tischen Papyrus  Rainer  D.  75  unbestimmter  Zeit,  der  auffallenderweise 
nach  der  Constantinopoütaner  Indiction  datiert  sei: 

fxj]]vog  dcod  id  [ivd{iXTtcovog)'] 
ag/7j  T?/(s)  avT{i]g)  ivld[ixTiG}voq)]. 

Der  ägyptische  Monat  Thoth  entspricht  allerdings  dem  September;  aber 
deshalb  dürfen  wir  die  Indiction  noch  nicht  constantinopolitanisch 
nennen.  Die  ägyptische  Indiction  konnte  mit  verschiedenen  Monaten 
(s.  0.)  beginnen:  einer  von  diesen  war  auch  der  September,  s.  Wilcken, 
Hermes  21  S.  281. 

In  der  späteren  Zeit  haben  Rom  und  Constantinopel  denselben 
Indictionsanfang,  den  1.  September,  mit  dem  auch  die  griechische  Kirche 
noch  heute  ihr  Jahr  beginnt.  Scahger,  De  emendand.  tempore  (ed.  Col. 
Allobrog.  1629  p.  503),  behauptet,  daß  die  am  1.  September  beginnen- 
den Indictionen  erst  mit  Justinian  anfangen.  Jedenfalls  kennen  die 
byzantinischen  Schreiber  der  späteren  Zeit  nur  den  1.  (nicht  den  24.)  Sep- 
tember als  Jahresanfang. 

Gothofredus  glaubt  nun  allerdings  im  c.  Theodosianus  vier  ver- 
schiedene Indictionen  herauszufinden:  die  italische  vom  Jahre  312,  die 
orientalische  von  313  und  zwei  afrikanische  von  314  und  315,  und 
ihm  folgt  Savigny  (s.  o.).  Doch  diese  Theorie  hat  sich  nicht  bewährt 
und  wird  wohl  zum  Teil  auf  Schreib-  oder  Rechenfehler  zurückzuführen 


>  Krall,  Mitt.  d.  Pap.  Erzh.  Rainer  1  S.  21. 


—     407      — 

sein,  die  gerade  bei  IndictionsaDgaben  häufig  vorkommen.  Biener  bei 
Ideler  II  S.  354  —  55  glaubt  höchstens  eine  eigene  afrikanische  vom 
Jahre  313  annehmen  zu  können,  und  auch  diese  kommt  für  die  grie- 
chische Paläographie  nicht  in  Betracht,  denn  die  Byzantiner  haben  nur 
die  erstgenannte  vom  Jahre  312  angewendet,  die  auch  im  Ahendlande 
die  gewöhnliche  war. 

Da  die  byzantinische  Indiction  mit  dem  1.  September  ihren  Anfang 
nahm,  so  fällt  Anfang  und  Ende  des  Indictionsjahres  keineswegs  mit 
dem  unsrigen  zusammen.  Daß  Montfaucon  diesen  Umstand  kannte, 
geht  deutlich  aus  einer  Stelle  hervor,  die  er  Pal.  Gr.  p.  363  abdruckt: 
'IfTTtov  Öti  ij  YvöiXTog,  i'iTig  xa/Mzai  xcA  kTCiviin]cnq,^  äoxi.Tui  aei  fÄtö 
T/7-'  nocüTi/g  Tov  ^eTireiu-joiov  iLDjvög,  öcrko/erai  dt  loyq  kr<7jv  öexaTievrs 
y.((i  :T'/.7]oovTai,  xui  7Td?.iv  vnoGTokffei  xai  lar/hxui  ■:xod)Ti],  sowie  in 
seiner  Eecensio  Pal.  Gr.  p.  XIV.  und  doch  hat  er  bei  der  Reduction 
chronologischer  Angaben  keine  Rücksicht  darauf  genommen.  Daß  beide 
Worte  vollständig  synonym  gebraucht  werden,  zeigt  Amherst-Papyrus  2 
p.  183  (a.  592):  kv  reo  rpaofjiovi^i  fxi]v}  r/}^  nuoovain  \ß\v8^xÜT'r\q,  ivSix- 
riovoi  bx  viojv  x[aon(7j\v  tT,q  ctvi'  &8cp  Öcodexchi].;  irTiveni'jrreojg  ccwnso- 
ifiirroS).  Wenn  es  sich  um  die  Berechnung  der  Indiction  eines  christ-  a^in^^ct""! 
liehen  Jahres  handelt,  muß  man  stets  8  hinzuaddieren  ;^  doch  empfiehlt 
es  sich,  überhaupt  diese  Berechnung  nicht  an  den  Jahren  der  christ- 
lichen, sondern  der  Weltaera  vorzunehmen. 

Die  Sitte,  Indictionsangaben  zu  machen,  welche  das  byzantinische 
Reich  überdauert  hat,  ist  für  den  Historiker  um  so  wichtiger,  als  bei 
byzantinischen  Urkunden  die  Indictionen  an  die  Stelle  der  Unter- 
schriften treten:  i.i)]vo/.oysTi'  heißt  seit  dem  elften  und  zwölften  Jahr-  inivoioyeiv 
hundert  geradezu  so  viel  wie  unterschreiben;  erst  durch  Hinzufügung 
der  Indiction  gaben  die  Kaiser  ihren  Urkunden  Rechtskraft,^  während 
es  früher  nicht  Sitte  war,  daß  die  Kaiser  bei  ihren  Urkunden  selbst 
das  Datum  hinzufügten.^  Schon  Augustus  hatte  seine  Briefe  mit 
wunderbarer  Genauigkeit  datiert,  nach  Sueton  Aug.  50  (ed.  Roth  p.  61): 
Ad  epistoLas  omnis  horarnm  quoque  momenta  nee  diel  modo  sed  et  noctis, 
quihus  datae  signiftcarentur,  addebai,  und  Justinian,  Nov.  47  c.  1  verordnet, 
daß  die  öffentlichen  Actenstücke  datiert  sein  mußten  nach  1.  dem 
regierenden  Kaiser,  2.  den  Consuln  und  3.  der  laufenden  Indiction. 


^  tniiäuijui:  wird  in  diesem  Sinne  schon  in  einer  Inschrift  von  Megara  vom 
Jahre  402  gebraucht;  vgL  Lebas-Waddington  2  Nr.  38. 

-  Sume  aunos  Domini,  quotquot  fuerint  in  praesenti,  et  hie  adde  Regu- 
läres III  illos  scilicet  annos  qui  praecesserant  de  indictione,  qua  natus  est  Do- 
minus.    Pez,  Thesaurus  anecd.  II,  2  p.  208;  vgl.  u.  Ö.  471  A.  1. 

^  Cautum  est  ut  nuUus  Über  ratus,  nuUum  Principum  edictum  ratum  habe- 
retur,  quod  indictionem  non  praeferret.     Pez,  Thesauru.s  anecd.  II,  2  p.  208. 

*  Vgl.  Mommsen,  Sitzungsber.  d.  sächs.  Ges.  d.  "Wiss.  1851  S.  .374  Aum.  9. 

30* 


—     468     — 

Sonnen-  und  Mondcyclen.^ 

Periodea  Wenn  clas  Jahr  gerade  52  A\'oeheii  hätte,   so   würden  Wochentag 

und  Datum  stets  zusammenfallen,  wenn  es  genau  365  Tage  hätte,  so 
würde  diese  Übereinstimmung  wenigstens  jedes  siebente  Jahr  wieder 
eintreten.  Da  nun  aber  einerseits  das  Jahr  noch  etwas  größer  ist, 
andererseits  auch  die  eintretenden  Schaltjahre  dieses  Zusammentreffen 
hinausschieben,  so  fallen  erst  nach  28  Jahren  Wochentag  und  Datum 
^cvdu°'  wieder  zusammen.  Diese  Periode  nennt  man  daher  den  Sonnen- 
cyclus,  der  von  dem  Abte  Dionysius  erfunden  sein  soll,  obwohl  diese 
Entdeckung  sich  eigentlich  von  selber  macht  durch  bloßes  Notieren  der 
Daten  und  Tage. 
Mondcycius  Der  Moudcvclus  ist  ein  Zeitraum  von  235  synodischen  Monaten, 

die  sich  fast  vollständig  mit  19  Sonnenjahren-  decken;  erst  nach  Ab- 
lauf dieser  Periode  fallen  wieder  die  Mondphasen  auf  dasselbe  Datum. 
Diese  Entdeckung  des  Orients,^  die  sich  nicht  von  selbst  macht,  sondern 
längere  Beobachtungen  und  astronomische  Kenntnisse  voraussetzt,  soll, 
und  zwar  auf  Grund  zuverlässiger  Überlieferung/  Meton  (im  fünften 
Jahrhundert  v.  Chr.)  in  Athen  eingeführt  haben.^  Die  Mondcyclen  wurden 
im  Privatleben    besonders    aus    astrologischen   Gründen   beobachtet,   s. 


1  Pez,  Thesaurus  aneed.  II,  2  p.  209.  Eülil,  Chronologie  S.  63  u.  133.  Grote- 
fend,  H.,  Chronologie  in  Meisters  Grundriß  1  S.  271  SonnencTclus,  Sonntagsbuehst., 
S.  273  Mondcyclus. 

-  Eine  yoovoyooccfiu  tneuy.uiÖey.aanjoiöo;  xaiit  aa).i/>>rir  s.  Chronicon  paschale 
ed.  Dindorf  I  p.  534.  P.  Suppl.  620:  Methodus  inveniendi  lunam  (cf.  c.  Helvet.  130); 
920:  de  cyclo  solari  et  lunari,  indictione,  inveniendo  Paschate  tempore  ventis  diebus 
criticis,   cf.  921.     fidifoÖoi  Öi'   >]g  yotj   ipTjcp<(^usit'y  xai  ^Ev)oi(jy.etr   y.vxloi'  Tijc  ae'/.i^ii^: 

c.  Ambros.  82;  vgl.  die  Tabelle  bei  Rühl,  Chronologie  S.  184 — 85.  Byzantinische 
Rechnungen  diu  x'i^v  ^etfoÖoi'  rov  tjuegoevoediov  findet  man  in  den  Briefen  des 
Rhabdas,  die  nicht  nur  wegen  der  Rechnungsweise  und  chronologischen  An- 
schauung, sondern  auch  wegen  Terminologie  von  Interesse  sind :    Xotices  et  Extr. 

d.  mss.  32  I.  Paris  1886  p.  192. 

^  Der  Gedanke  eines  Mondcyclus  stammt  aus  dem  Orient;  vgl.  Academie 
de  inscr.  et  heiles  lettres.  Seance  du  12.  Sept.  1884;  s.  Revue  critique  1884  p.  248: 
M.  Oppert  lit  un  memoire  sur  Une  Inscription  assyrienne  eoncernant 
les  cycles  lunaires.  II  y  a  plus  de  vingt  ans,  M.  Oppert  decouvrit  dans  les 
inscriptions  du  roi  Sargon  la  mention  dun  grand  cycle  lunaire,  dont  I'une  des 
revolutions  se  terminait  en  Tan  712  avant  Jes.-Chr.  Plus  tard  il  acquit  la  con- 
viction,  que  le  cycle  n'etait  autre  que  la  periode  de  1,805  ans  au  22,325  lunaisous 
apres  laquelle  la  serie  des  eclipses  lunaires  se  represente  dans  le  meme  ordre. 

*  Ideler,  Handb.  d.  Chronologie  2,  313.  608. 

^  Über  die  Einführung  des  metonischen  Cyclus  in  Athen  s.  Unger,  Sitzungsber. 
d.  Münch.  Akad.  1878  I  S.  97  ff.;  Usener,  Rhein.  Mus.  X.  F.  34  S.  391  ff.;  Droysen, 
Hermes  14  S.  5S8 — 89.  Usener  entscheidet  sich  für  das  Jahr  312  y.  Chr.  Dürr,  Ab- 
handlungen d.  arch.-epigr.  Seminars  d.  Univ.  Wien  IL  1881  S.  90 — 103:  Mommsen, 
Aug.,  Chronologie.  Leipzig  18S3;  Schmidt,  Ad.,  Der  attische  Doppelkalender,  s. 
Jbb.  f.  cl.  Philol.  129,  1884  S.  649—741. 


—     469     — 

z.  B.  Petroii.  Satir.  c.  30:  altera  [iahula  habehat  iuscripiian]  lunae  cursum 
stellarumque  septem  imagines  pictas\  et  qui  dies  boni.  qiiiqiie  incommodi 
essent,  distinguente  bulla  notabantur.  Sehr  selten  sind  dagegen  heidnische 
Inschriften  der  Kaiserzeit,  die  nach  dem  Monde  datiert  sind.  Mommsen, 
Eöm.  Chronologie^  S.  312,  erwähnt  z.  B.  eine  Inschrift  vom  Jahre  205: 
X  k.  Junfias;  lun(a)  XVIII  die  Jovis. 

Da  die  heiligen  Väter  des  Concils  von  Xicaea  für  das  Osterfest,  Osterfest 
statt  es  wie  Weihnacht  auf  ein  bestimmtes  Datum  zu  fixieren,  eine 
möglichst  unpraktische  und  complicierte  Berechnung  nach  dem  Voll- 
monde genehmigt  hatten,'  so  war  der  Mondcyclus  natürlich  für  den 
christlichen  Festkalender  von  großer  Wichtigkeit.  Die  laufende  Zahl 
des  Mondcyclus  wurde  daher  in  den  spätmittelalterlichen  Kaiendarien 
meist  durch  goldene  Tinte  ausgezeichnet  und  erhielt  wahrscheinlich 
aus  diesem  Grunde  den  Namen  der  güldenen  Zahl.  Die  Wichtig-  ^^^alT^ 
keit  dieser  Zahlen  wird  auch  der  Grund  sein,  daß  in  den  Sul)scriptionen 
öfter  die  Zahlen  des  Sonnen-  und  Mondcyclus  hinzugefügt  werden, 
c.  Par..  83:  iv  erei  reu  cc%6  xricrecoi  xörr^iov  ,Txo^  IvS.  ü  i,hov  xi'yj.cu 
iß,  ae/.iivrji  C  (1167  December). 

Wohl  die  älteste  Erwähnung  in  datierten  Unterschriften  findet  sich  in 
dem  c.  Laur.  11,  9  unteritalischer  Provenienz  vom  Jahre  1020  {s.  Collez.  1020 
Fiorentina  t.  37)  und  einem  St.  Petersburger  Evangelistar  Xr.  71  aus 
Salerno  vom  Jahre  1020:^  t/oäffij  /eioi  Mi/c^.i//.  —  ^.lova/ov  xai  ieoico^ 
kv  erei  ,?cfy.i'i  IvÖ.  y',  Qxv.  S'  Qa',^  und  in  dem  schon  genannten  vati- 
canischen  Psalter  (cod.  graec.  341)  vom  Jahre  1021:  y.cd  c\i.o  iv  /v  ecog    1021 


fTi'jfieooi'  ,c/.y.d'  öfiou  änö  y.riaeo)^  xörrfxov  inj  ,zrfxd  x  i,hov  l-  xi  ([ /,j" 
Ivd.  A,  wo  sämtliche  Zahlen  harmonieren;  das  Jahr  christlicher  Aera  ist 
oben  erklärt  worden.  Ebenso  steht  in  einem  vaticanischen  Codex  (1650),  den 
Theodorus  Siculus  1037  (nicht  1027)  für  den  Bischof  Nicolaus  geschrieben  lo?.: 
hat:  fci'  etu  äzo  xrirreco^  xödfiov  ir.  ,grfin8  ivi)'.  e  xi'.  rre'/..  0'  xv.  ^  xcc'.^ 
Ferner  gehört  hierher  ein  in  Unteritalien  geschriebener  c.  Vat.  2002  vom 
Jahre  1052  (September),  von  Constantin  geschrieben:  ,zrf^u.  iv8.  c  if/Jov  i052 
xvx'/.ov  fj  c  xi'x'/.ov  e  (es  sollte  heißen  Tj  und  c).^     Der  c.  Nan.  22  vom 


*  Piper,  Kirchenrechnung.  Berlin  1841.  Kalteubrunner,  Die  Vorgeschichte 
der  Gregorianischen  Kai  ender  reform.  Öitzungsber.  d.  Wien.  Akad.  1876  p.  289 — 414 
und  im  folgenden  Jahrgange:  — ,  Die  Polemik  über  die  Gregorianische  K;ilender- 
reform.  Kruseh,  B.,  Der  84jährige  Ostercyclus  mit  rijäbrigem  Saltus.  Leipzig 
1879  — ,  Studien  z.  christl.-mittelalterl.  Chronologie.      Leipzig  1879. 

-  Muralto.  E.  de,  Catalogus  codicum.     St.  Petersb.  1840  p.  13  C. 
^  Verschrieben  oder  vei'druckt  für  la',   wie  auch  in  dem  neuen  Katalog  von 
1864  abgeändert  ist. 

*  Duchesue  u.  Bayet,   Memoire  sur  iine  mission  au  mont  Athos  p.  240.  241. 
'"  Vgl.  Bianchini,  Evaug.  quadr.  II  post  DV;    Mentz,  Byz.  Ztscbr.  17.  190S 

S.  473  A. 


—     47U     — 

Jahre  1083  ist  datiert  ivÖ.  g'  xvx'/..  0  la  xvxL'^iZ.     Man  könnte  also 
geneigt  sein,  in  der  Angabe  der  Sonnen-  und  Mondcyclen  eine  Eigenart 

Italisch?  italischer  Handschriften  zu  sehen.  Aber  dagegen  spricht  ein  c.  Athous 
(Lavra  o.  Xr.)  vom  Jahre  1084  mit  Angabe  von  Sonnen-  und  Mond- 
cyclen und  der  c.  Sin.  401  vom  Jahre  1086,  geschrieben:  i,Uov  xvj  id\ 
(ixvj  ü  iTOVi  ,SOSÄ,  und  auch  von  der  Unterschrift  des  c.  Burney.  21  ^ 
[a.  1292):  "Erov^  ,go)  ([  xix'/.ov  z^,  S  ^t'^^-o«^  ^t)'j  vojiuxov  (pdaxa  ari' 
(d.  i.  länoi'/.iov)  «',  ti^iioa  Z',  ;^p/(7r/c^i'/x6f  'jdaya.  drn:'  c',  //  an  (d.  i. 
änoxgku]  (feßgovaalov  i'  können  wir  mit  "Wahrscheinlichkeit  behaupten, 
daß  sie  im  Peloponnes  von  der  Hand  des  Theodor  Hagiopetrites  ge- 
schrieben wurde.  Auch  bei  dem  c.  Sin.  805  vom  Jahre  1315  mit  der 
Unterschrift  gwx;"  iv8.  ly  ^  x^'l  lü-  (T  x^'j  3  weisen  die  arabischen  An- 
merkungen auf  orientalische  Provenienz. 

Ein  Pariser  Palimpsest  vom  Jahre  1272  (Par.  443)  trägt  die  Unter- 
schrift: trez  ,gxV7i  iv§.  Te  xvxAog  ijh'ov  §  xvx'/.o^  as.h'ivr]g  ig,  und  ähn- 
lich in  einer  Homerhandschrift  aus  Kleinasien  in  der  Laurentiana:- 
iv  eT{s]i  gU'vß'  ivd.  ß'  xiyJ.ov  rov  ij/.iov  rirugrov.  xul  rov  dgöfiov  ri/s 
ath'jVTjq,  i-ßd'ofiov  (=  1244).  Nur  wenige  Jahre  jünger  ist  der  c.  Vatic- 
Ottob.  381  vom  Jahre  1282  fnicht  1252,  Scholz)  d.h.  ,gipc/,  CC'Q'f>'- 

i4.jahrh.  Für  das  14.  Jahrhundert  verweise  ich  auf  c.  Nan.  98,  den  der  Mönch 
Germanus  1321  geschrieben:  ,gcoxd'.  >,}Jov  xvxlog  xe  rT/g  /jE/.i'ji'j]q  if  und 
cod.  Nan.  179  vom  Jahre  1354:  ,gcD^ß'  Ivö.  ^'  aih'jviiq  xvx'/.og  y'  ij.iov 

lö.jahrh.  xvx'i.oi  ß' .  Die  Subscription  des  c.  Vat.-Pal.  195  (a.  1431)  schließt: 
xi'x'/.og  ffsgavyovg  (sie)  i/'/.iov  nifiTiTog  avd-tg.  rerccorog  xal  vvv  ö  xvx?>og 
TT,i  (jüJivi]g.  Der  c.  Taurin.  CLXXV.  b.  IL  29  ist  geschrieben:  ,g%\JiU  i])uov 
xvx'/.ov  S  ae'/.i/viti  xix'/.ov  Ty  ivÖ.  y  (1440);  der  c.  Mosq.  19:  .g^TijH  ivd. 
H,  (^  ;</  /«  C  ^^'l  ^  tl.  h.  im  Jahre  1475.  Einen  Beleg  für  das  folgende 
Jahrhundert  gibt  der  c.  Colb.  638:  zö  äno  rov  -/gtarov  arog  ,(/.<fi.y  iv8.  g. 
i//.(axov  xix'/.ov  Ty  ae.'/.i]viaxov  xix'/.ov  la. 

Die   Zahlen  des  Mondcyclus  werden  nicht    so   sehr    im    täglichen 

Leben,   aber  doch  von  Fachleuten  vervollständigt    durch  Angabe    des 

■de^iiuov   {hafxi'/.iov\  z.B.  in  einem  c.  Athous  526  [A".' E/.h]vonvrifxo)ii  7.  1911  p.  169): 

,^^4^'  ivö.  la    it'/uov  xvx'a.  i'Z'  xal  TT,g  cre/JjVijg  g',  \)-efxi'/.iov  xt]'.    „Es  ist  das 

Alter,  mit  dem  der  Mond  in  ein  Jahr  des  Mondzirkels  eintritt die 

modernen  Chronologen  übersetzen  das  mit  Fundamentum  oder  Radix  lunae.''  ^ 
In    noch    viel    größerer    Vollständigkeit    findet    man    die    chrono- 

ostertaiein  logischen  Angaben  in  unseren  Handschriften  der  Ostertafeln.^  von  denen 


^  Ich  eitlere   das  Original,   nicht   die  verfehlte  Transscription   des  Katalogs. 

-  Conv.  soppr.  52,  s.  Wattenbach,  Schrifttafeln  II.  Text  S.  12. 

3  Kühl,  Chronologie  S.  162—63. 

*  Schwartz,  E.,  Christliehe  u.  jüdische  Ostertafeln:  Abhandl.  d.  Götting.  Ges. 
d.  "SViss.  X.  F.  VIII.  3.  Philol.-hist.  Kl.  Berhn  19Uj.  Grotefend,  Chronologie  in 
Meisters.  Grundriß  1  S.  279  OstercTclen. 


—     471     — 

Piper  ^(s.  0.  27  namhaft  macht.  Da  dieselben  nicht  in  der  Form  der  abend- 
ländischen Tabellen  angeordnet,  sondern  nach  einem  eigenen  Schema  an- 
gelegt sind,  so  kann  die  älteste'  griechische  Ostertafel  (c.  Bodl.  D.  4.  I) 
ungefähr  vom  Jahre  950  als  Beispiel  dienen,  um  so  mehr,  da  dieselbe 
noch  in  Uncialen  und  ohne  Abkürzungen  geschrieben  ist: 

X  6  (T  f.L  o  V 

er  0  q     ,g  vv  d 
l  V  Ö  i  y.T  I  0)  V  o  q    6. 
ii  X  i  o  V     X  V  X  /.  o  i     id. 
[a  e)  ?.  7'j  V  7]  g     x  v  x  k  o  q     i  1] 
(  //       U  71  o)  X  o  i  CC      (f  E  ß  o  [o  v)  CC  O  l  - 
[o   v)     ß.      v  o  n    l  X  6  r      7t  CC  fT - 
['/  a     a)  u  o  T  i  o  V    sTa     ij  fi  e  • 
{(ja)    y     X  o  i  <7  r  i  ci  V  üj  V 
{jiKCi]/a   naoTiov  /.. 
[ßC  7j)iJ.eowv  TTfe 
ißd'oficc     VE 

Da  die  Ostertafel,  wie  die  ältesten  überhaupt,  in  einen  Kreis  ein- 
geschlossen ist,  so  wurde  bei  dem  beschränkten  Raum  und  der  Ver- 
trautheit mit  der  Sache  bald  sehr  compendiös  geschrieben,  z.  B,: 

d.  h.  croi',-  ,z-//.Ö  [=  1126  n,  Chr.) 
ivÖtxTiojvo^  8,  if/Jov 
xvx/.oq  xc.  aE/Jjvrii  xvxloq  y. 
UTioxoEU  (pEßoovc/.oiov  id'  vof.uxöv- 
7iu<7/a  cc7roT]XXiov  T  ijfiEoa  ^. 
/oiarucvojv  Tic/M'/a  d7ioi]?Mov 

ICC 

ij   71EVti]X0(Tt)i  (xcdcp    '/. 

über  das  Verhältnis  der  verschiedenen  chronologischen  Cyclen^  zu- 
einander und  zur  Weltaera  hatte  Prof.  v.  Gutschmid  die  Freundlichkeit, 
mir  zu  schreiben: 


6^ 

,=-Aö 

Iv' 

S,  6 

x^ 

xg. 

a  ^^'  r- 

C(7l 

0 

e    -T.         u 
l     10,   vo 

TXlCCj''^- 

U7l 

07}^'-    7,    lf 

t 

TtaG'^-   cenoif' 

tu 

'/ 

% 

ficcio)    '/. 

*  Karls  d.  Gr.  Kalendarium  und  die  Ostertafel  S.  126.  130.  Rühl,  Chrono- 
logie S.  107.  113ff.  165.  Mentz,  A.,  Beitr.  zur  Osterberechnung  bei  den  Byzantinern. 
Dissert.  Königsberg  1906  (mit  kritischer  Ausgabe  d.  byzant.  Texte),  —  — ,  Zur 
byzant.  Chronologie:  1.  Osterreform  zur  Zeit  Justinians:  3.  Eeduction  byzant. 
Daten.     Byz.  Ztschr.  17.  1908  S.  471. 

-  vo^   nria^  (oder    auch    (fuf/-)    ist    nicht    das    wirkliche   jüdische    Osterfest, 
sondern  weiter  nichts  als  die  Ostergi-enze. 
^  Rühl,  Chronologie  S,  157  A.  6. 


—     472     — 

^'ideler^^  "  —  —  ^ier   ist  allerdiDgs    bei  Ideler    eine    empfindliche  Lücke. 

Das  AVeltjahr  z.  B.  6948  =  1439/40  nach  Chr.  hat  nach  unserer 
abendländischen  Rechnung  die  Charakterismen  21  des  Sonnenzirkels. 
XVI  güldne  Zahl.  Die  Charakterismen  dieses  Jahres  4  und  XIII 
passen  nur  auf  die  Jahre  1171  und  1703,  und  können  vereint  nur 
alle  532  Jahre  wiederkehren:  sie  eignen  immer  dem  32.  Jahre  eines 
532  jährigen  Cyclus,  ganz  unabhängig  von  dessen  Epoche.  Xun  ist 
es  aber  ein  Mangel,  wenn  Ideler  die  bei  uns  im  Abendlande  übliche 
Epochisierung  des  Sonnenzirkels  und  der  güldenen  Zahl  so  vorträgt, 
als  wenn  es  sich  um  etwas  allgemein  Gültiges  handelte.  Sie  entspricht 
sogar  im  Abendlande  nur  für  die  güldene  Zahl  den  von  Dionysius 
Exiguus  und  Beda  in  ihren  532  jährigen  Cyclen  gegebenen  Jahresquali- 
täten; wann  die  Epochisierung  des  Sonnenzirkels  auf  das  Jahr  9  v.  Chr. 
aufgekommen  ist,  sagt  Ideler  nirgends:  sie  paßt  weder  auf  den  532- 
jährigen  Cyclus  des  Dionysius,  noch  auf  die  des  Victorius  und  der 
Alexandriner.  Beide  können  gar  nicht  dieselben  Jahresqualitäten 
gegeben  haben,  welche  jetzt  üblich  sind.  Erst  Scaliger,  soviel  ich 
weiß,  hat  durch  Schaffung  des  künstlichen  Epochejahres  4713  v.  Chr. 
beide  unter  einen  Hut  gebracht,  sowohl  den  Sonnenzirkel  als  die 
güldene  Zahl.  Bei  den  Byzantinern  also  anderen  Epochisierungen  beider 
Zeitkreise  zu  begegnen,  muß  man  sie  von  vornherein  erwarten.  War  das 
Jahr,  welches  am  1.  September  1439  beginnt,  das  32.  eines  532jährigen 
Cyclus,  so  sind  die  früheren  Epochenjahre  eines  solchen  die  Jahre, 
welche  am  1.  September  1408,  876,  344  n.  Chr.  und  189,  721,  1253, 
1785,  2317,  2849,  3381,  3913,  4445,  4977,  5509  v.  Chr.  beginnen. 
Der  1.  September  5509  v.  Chr.  ist  aber  bekanntlich  das  Epochejahr  der 
constantinopolitanischen  Weltaera.  Von  da  bis  zur  Epoche  der  In- 
dictionen  1.  September  312  sind  aber  5820  Jahre  verflossen,  die  388  mal 
durch  15  teilbar  sind,  so  daß  also,  wie  Ideler  bereits  gesehen  hat,  der 
1.  September  5509  zugleich  Epoche  eines  proleptischen  Indictionscyclus 
ist.  Ein  Epochejahr  zugleich  für  den  Indictionscyclus,  für  den  28  jäh- 
rigen Sonnenzirkel  und  für  die  güldene  Zahl  kehrt  nur  alle  7980  Jahre 
wieder.  Die  Byzantiner  haben  demnach  den  genialen  Gedanken  der 
julianischen  Periode  —  denn  nichts  anderes  ist  diese  Periode  —  bei- 
nahe ein  Jahrtausend,  ehe  Scaliger  sie  in  die  Chronologie  einführte, 
verwirklicht.  Die  einfache  Division  der  Weltjahre  xcctcc  'Pojjjioh'ov^ 
durch  15,  28,  19  ergab  also  die  jedesmalige  Qualität  des  Jahres. 
Machen  wir  die  Probe  am  Weltjahr  6948,  welches  ein  3.  Indictionsjahr 
war  (vom  1.  September  312  bis  ebendahin  1439  verflossen  1127  Jahre 
oder  75  Indictionen  -f  2  volle  Jahre).  Die  Division  durch  15  ergibt 
den  Rest  3,  das  Jahr  der  Indiction;  die  durch  28  den  Rest  4,  das  Jahr 
des  Sonnenzirkels;  die  Division  durch  19  den  Rest  13.  die  güldene  Zahl.*' 


—     473     — 
Viertes  Kapitel. 

Monate  und  Tage. 

Die  Monate. 

Die  große  Mannigfaltigkeit  der  Monatsbezeichnung  bei  den  ein-  ^^o^nat^^ 
zelnen  griechischen  Stämmen  und  Städten^  kommt  für  den  Paläo- ^^^^^^''^^^^ 
graphen  kaum  in  Betracht,  da  die  Papyrusurkunden  fast  alle  in  Ägypten 
geschrieben  sind;  so  finden  wir  dort  nur  die  in  Ägypten  üblichen 
Monatsnamen  verwendet.  ^  Selten  wird  der  Monat  nach  allen  in  Ägypten 
üblichen  Angaben  bestimmt,  z.  B.:  TieuTTTtj  i,uiof/.  xurä  (TvoofiaxeÖöva^ 
Tiaväfiov  fii]vöq,  i,Tig  /.iyoiro  uv  •nccc/  oci'/vnTi'ou  kniff  i  s  (num.  om.  /■'  1, 
192),  :ic(oc{  Se  öcoucaoig  i,  noo  tokTjv  xa/.arSojv  iovh'ojv.  P  1.  80.  192. 
Oec.  comm.  in  Acta.^ 

In  den  griechischen  Urkunden  wird,  wenn  auch  nicht  ausschließlich, 
so  doch  ganz  vorwiegend,  die  ägyptische^  Monatsbezeichnung  angewendet. 


Ägyptisch-römische  Monate  nach  Liebenam. 
Fasti  cons.  S.  126. 
Gemeinjahre  j  *  Scbaltjahrsbeginn 


Macedonische  Monate 


29. 

Aug. 

=  6. 

fc'rr  ayo^McV»^ 

&(üif 

29. 

Aug. 

30. 

Aug. 

=  1. 

eö)&' 

Aio: 

0uw(fi 

28. 

Sept. 

29. 

Sept. 

'ATXBllaTo; 

'A&VQ 

28. 

Oct.       ' 

29. 

Oct. 

Avdvaio; 

Xoiay. 

27. 

Xov. 

28. 

Nov. 

Ueoiiio; 

Tvßi 

27. 

Dec. 

28. 

Dec. 

1         JvfXTOo; 

JJe/cQ 

20. 

Jan. 

27. 

Jan. 

i 

s.<'.i'öiy.ö: 

0UUEVlütt 

2ö. 

Febr. 

26. 

Febr. 

=  1. 

011  ft. 

'Aoieui'jio: 

0aouovtii 

27. 

März 

29. 

Febr. 

=  4. 

0nu. 

Aaiaioz 

Hu/ MV 

26. 

April 

1. 

März 

=   1, 

.    0au. 

IIhvei^io; 

Ha  i'fi 

26. 

Mai 

27. 

März 

=  1. 

(I^aiHi. 

Äüio; 

Enitp 

2:). 

Juni 

usw. 

wie 

im 

JToQniaro; 

J/einogrj 

25. 

Juli 

Gemeinja 

hr. 

'  r.isoSeoEiuio; 

fcVi 

luyöiuepaiil- 

•■>)  2i. 

Aug. 

'  Monate  der  Hebräer,  Ägypter  und  Athener  s.  Denkschr.  d.  Wiener  Akad. 
(philol.-hist.  Kl.)  öl.  1903  Nr.  II  S.  18.  Antike  Monatslisten  s.  Larfeld,  Handb.  d. 
gr.  Epigr.  1.  1907  S.  301:  vgl.  auch  den  Artikel  von  Bischoff  über  die  griechischen 
Monatsnamen  mit  H  bei  Pauly-Wissowa.  Ein  neues  Werk  darüber  ist  angekündigt 
von  Pareti.  Ginzel,  F.  K.,  Chronologie  2.  1911  S.  333:  Attische  und  nichtattische 
Monatsnamen.  Über  das  ägyptische  Sonnen-  und  Mondjahr  s.  o.  S.  442.  BoU,  Fr., 
Griech.  Kalender:   Sitzungsber.  d.  Heidelbg.  Akad.  I.  II.    1910—11.      Kubitschek, 

Kaltuderstudien:  Jahreshefte  d.  Üsterr.  Arch.  Inst.  8.  1905  S.  108. ,  Wiener 

Studien  34.  1912  S.  347. 

-  Eühl,  Chronologie  S.  216. 

ä  Centralbl.  f.  Bibl.  10.  1893  S.  67. 

*  Meyer,  E.,  Abli.  d.  brlu.  Akad.  1907.  AVileken,  Ostraka  1  S.  807:  Die  ägyp- 
tischen  Monate. ,  Grundzüge  u.  Chre.stomathie  1 ,  1  S.  LVI. 


—     474     — 

.,Die   \^eränderungen  der  Daten    beginnen    bereits    in    dem    einem 
julianiscben  Scbaltjabr  voraufgebenden  Jabre,  also: 
1.  Tbotb  3  n.  Chr.  =  30.  Aug.,  weil  4  n.  Chr.  ein  Scbaltjabr  ist,  ebenso 
1.  Thoth  2  V.  Cbr.  =  30.  Aug.,  ^\ei\   1  v.  Cbr.  ein  Scbaltjabr  ist." 

In   den    Inscbriften    scheinen    sich    die    alt  ägyptischen  Monats- 
namen bis  tief  in  das  Mittelalter    gebalten    zu  haben;    eine    Inschrift 
vom  Jahre    1157   (Bull,   de   corr.  hell.  27.    1902  p.  457)  erwähnt  noch 
Macedon.  ^qj^  Namen  Tvji.    Aber  nach  der  macedonischen  Eroberung  finden  wir 

Monate  »  .         .  ,      . 

auch  die  Monate^  der  neuen  Herrn  namentlich  in  officiellen  Urkunden.- 
Wenn  wir  auch  im  allgemeinen  über  die  Bedeutung  der  macedonischen 
Monatsnamen  nicht  im  unklaren  sind,  so  ist  doch  namentlich  über  den 
Synchronismus  mit  fremden  Kalendern  manche  Frage  zweifelhaft.  Wir 
haben  nun  allerdings  eine  sehr  alte  Urkunde,  Pap.  Paris.  Nr.  4,  Fragm. 
contenant  les  noms  des  mois  attiques  et  des  mois  macödoniens.  <^pl.  XII), 
die  derartige  Zweifel  yielleicbt  hätte  lösen  können,  wenn  es  eine  Doppel- 
liste w^äre;  statt  dessen  aber  sind  es  zwei  selbständige  Listen,  die  nicht 
angeben,  welche  Monate  sich  entsprechen.  Häufig  sind  die  mace- 
donischen Monatsnamen  in  Ägypten  nicht  angewendet,  und  Letronne 
meinte  noch,  niemals  allein.  Das  ist  jetzt  aber  nicht  mehr  richtig:  We 
noiü  have  doxens  of  dates  in  Macedonian  months  onlij,  hut  earlier  than  what 
Letronne  had  examined.^ 
^M^nal^^  Nach  der  römischen  Eroberung  ersetzten  die  römischen  Monats- 

namen die  macedonischen,  und  es  ist  auffallend,  daß  in  einem  Papyrus 
aus  der  Zeit  von  Christi  Geburt  selbst  der  Name  Sextilis,  der  im 
Jahre  746  8  durch  den  Namen  Augustus  ersetzt  wurde,  immer  noch 
angewendet  wurde:  a.  d.  XIIX  Sextilias.*  Während  der  römischen 
Herrschaft  bürgerten  sich  die  römischen  Monatsnamen  immer  mehr  ein 
und  fanden  im  Mittelalter  in  griechischen  Handschriften^  allgemeine 
Verwendung:  da  die  Byzantiner  aber  ihre  Etymologie  nicht  kannten,  so 
sind  die  Namen  oft  stark  entstellt  und  es  ist  mehrfach  der  Versuch  ge- 
macht, zu  den  antiken  griechischen  Monatsnamen  zurückzukehren. 

Auch  die  späteren  Wandlungen  des  ägyptischen  Kalenders  spiegeln 
sich  natürlich  in  den  Urkunden  wider.  Um  den  Kaiser  Augustus  zu 
ehren,  wurde  z.  B.  ein  ägyptischer  Monat  nach  seinem  Ehrennamen 
genannt:    rov  fiiinöq   ^fjarrrov^  (=  Thoth),    s.  Aristot.  Athen,  pol.  ed. 

1  fcV  uijp{l)  riEoiiilov)  iß'  lfd.  L.    Rev.  Bibliqiie  12.  1903  p.  279. 

-  Eobioii,  Recherches  s.  le  calendrier  macedonien  en  Egypte :  Mem.  presentes 
par  divers  sav.  ä  lacad.  d.  inscr.  et  b.  lettr.  I,  9.  Paris  1878  p.  1 — G4-,  p.  22  Liste 
der  ägyptischen  und  macedonischen  Monate. 

^  MahafFy,  Cunningham  Memoirs  8.    Dublin  1891  p.  4  u. 

*  Oxyrh.  Pap.  4  p.  233—34  (about  A.D.  1): 

'"  LatySev,  B.,  Menologii  anonymi  byzantiui  (s.  X)  quae  supersunt  fasc.  I, 
s.  Byz.  Ztschr.  21,  239—46. 

®  ,u',''ö.-  -Vf'ou  ^sSaaiov.     Flinders  Petrie,  Koptos  Pap.    1896  p.  26. 


—     475     — 

Kenyon  p.  XIII;  vgl.  Kenyon,  Gr.  Pap.  Br.  Mus.  2  p.  283  (Index);  Letronne, 
Inscr.   de  rj]gypte   1  p.  81;    Hohmann,  Chronologie   S.  63:   Die   ägypt. 
Monate    mit    IChrennamen.     Entsprechende   Ehren    erhielten    auch    die     namen 
späteren  Kaiser.     Ein  Monat  'Aöoit/.voq  wird  in  einer  Papyrusroile  des 
zweiten  Jahrhunderts   erwähnt,  s.  Wilcken,  Tafeln  Nr.  XI  (II.  Col.  9\^ 

Es  gibt  bekanntlich  Kalender  antiker  Städte,  deren  Monate  aus- 
schließlich nach  den  Mitgliedern  des  Julischen  Kaiserhauses  benannt 
sind,^  die  aber  für  den  Paläographen  nicht  in  Betracht  kommen.  Auch 
Domitian  wollte  die  Monatsnamen  reformieren.'^ 

Manchmal  findet  man  in  Subscriptionen  der  Handschriften  die  Monare ' 
Monate  mit  ihren  altgriechischen  Namen  bezeichnet,  was  sich  in 
der  Litteratur  schon  1308  bei  Georgios  Pachymeres  (vgl.  II  p.  146. 249 
ed.  Bonn)  nachweisen  läßt.  „Er  meinte  mit  seinen  attischen  Monaten 
überall  bestimmte  julianische  Monate."  Gemistos  Plethon  (1355 — 1450) 
machte  den  Vorschlag,  „einen  lunisolaren  Kalender  nach  athenischem 
Vorbild  einzuführen"  —  — *  practische  Bedeutung  hat  er  jedoch  nicht 
erlangt.  Man  wollte  die  unverständlichen  lateinischen  Monatsnamen 
abschaffen  und  zu  den  classischen  Bezeichnungen  der  alten  Griechen 
zurückkehren,  ohne  zu  bedenken,  daß  attische  Monatsnamen  sich 
niemals  genau  auf  das  julianische  Jahr  anwenden  lassen,  das  doch 
bei  den  Byzantinern  Geltung  hatte.  "Ohne  Gewalt  ließ  sich  das  nicht 
machen.  Georgios  Pachymeres  hatte  die  Liste  benutzt,  die  Tzetzes  in 
seinem  Commentar  zu  Hesiods  Werken  und  Tagen  V,  502  gegeben 
hatte. 

Theodorus  Gaza,  dem  die  Humanisten  meistens  folgen,  identi- 
ficierte  in  seinem  Werke  tieoI  pupojv  in  Petavii  Uranologium  p.  154 
den  Hekatombaion  nicht  wie  Pachymeres  mit  dem  Januar  sondern  mit 
dem  Juni.  Um  die  Verwirrung  voll  zu  machen,  gab  es  noch  ver- 
schiedene andere  Listen;  ich  erwähne  nur  die  Menologien  im  Anhange 
von  Stephanus  Thesaurus  lingue  graeca.^ 


'  AVilcken,  Ostraka  1  S.  809:  Monate  mit  Ehrennamen. ,  Grundzügc  ii. 

Chrestomathie  1  Wilcken  1   S.  LVI:  Monate  (ägyptisch). 

*  Vgl.  Bull,  Jbb.  f.  kl.  Altert.  1908  1  S.  115;  Goetz,  Thesaur.  gloss.  fase.  2 
p.  692. 

*  Heer,  Monatsnamen  der  Kaiserzeit.     Philulogus  Supplem.  9.  1901  Ö.  161. 

*  Rühl,  Chronologie  S.  22. 

'"  Vgl.  die  'Ofu^nra  fjiijfän'  bei  C.  F.  Matthaei,  Glossaria  gr.  minora  1  p.  86 
u.  Stephan,  Thesaur.  Append.  8  p.  361.  Giry,  A.,  Manuel  de  diplomatique  p.  131, 
Des  dates  de  mois  et  de  jour.  Mpoutouras,  A. ,  T«  ö»'6(/cei«  icov  firj^wv  iv  xf, 
Xeoe'/.'/.ijfixj].  Athen  1910.  Vgl.  Tannery,  F.,  Les  nonis  de  mois  antiques  chez  les 
byzantins;  s.  Eevue  Areheol.  188T.  III  ser.  t.  9  p.  22  (p.  2".  Parallel-Liste  der 
Monatsnamen  der  Menologien,  bei  Pachymeres  und  Gaza),  ßühl,  Chronologie  S.  2;^. 
Voltz,  L.,  Bemerkungen  zu  byzantin.  Monatslisten:   Byzantin.  Ztsehr.  4.   1895.  547. 


476     — 


Eömer 


Pachymeres 


Th.  Gaza 


Menologien 


Januar 

Hekatombaion 

Gamelion                  ' 

Maimakterion 

Februar 

Lenaion 

Elaphebolion 

Poseideon 

März 

Kronion 

Munrchion 

Gamelion 

April 

Boedromion 

Thargeliou 

Anthesterion 

Mai 

Pyanepsion 

Skirophorion 

Elaphebolion 

Juni 

Maimakterion 

Hekatombaion 

Munychion 

Juli 

Anthesterion 

Metageitniou 

Thargeliou 

August 

Poseideon 

Boedromion 

Skirophorion 

September 

Gameliou 

Maimakterion 

Hekatombaion 

October 

Elaphebolion 

Prunepsion 

Metageitniou 

November 

Munrchion 

Anthesterion 

Boedromion 

December 

Skirophorion 

l'oseideon 

Pyanepsion 

Die  Schreiber  von  Handschriften  haben  erst  seit  der  Renaissance- 
zeit diese  pseudo  -  attischen  Monatsnamen  angewendet  und  folgen 
iionS^te  meistens  dem  Th.  Gaza.  Der  c.  Oxon.  Corp.  Chr.  22  („s.  XV  exeunte-') 
ist  geschrieben  im  Pyanepsion  (October),  c.  Par.  831  a.  1541  im  Ela- 
phebolion (Februar),  c.  Par.  1691  a.  1548  im  Hekatombaeon  (Juni). 
Aber  es  gibt  auch  ältere,  die  anders  datieren.  Eine  Handschrift  von 
Grottaferrata  (Catalog  p.  263 — 64),  wahrscheinlich  unteritalischer  Pro- 
venienz wurde   geschrieben   H7]iu  'YTieoßsQEra/fp   des  Jahres  1114. 


Tag  und 
Stunde 


Tag  und  Stunde. 

Der  Tag  ^  pflegte  im  Altertum  außer  bei  Festen  keinen  besonderen 
Namen  zu  haben.  Die  Tage  wurden  gezählt,  aber  nicht  benannt;  nur 
beim  Kaiser  pflegte  man  eine  Ausnahme  zu  machen.  In  Ägypten  wie 
in  anderen  Provinzen  des  Orients  Avurden  die  Geburts-  und  Gedenk- 
tage des  Kaisers  als  ^sßcc(TTc/.i  bezeichnet.^  Blumenthal,  Arch.  f.  Pap. 
5,  1911  S.  342,  sagt  mit  Recht,  ,.daß  hier  [in  Asien]  jeder  erste  Tag 
des  Monats  ^eßarm)  geheißen  hat.  Mommsen  hat  angenommen,  daß 
das  auch  in  Ägypten  so  gewesen  ist''. 

Der  erste  Tag  des  zweiten  ägyptischen  Monats  (paojcpi  hieß  noch 
im  Jahre  68  n.  Chr.  nach  der  Livia  'lov'/Ja  ^eßanrii.  s.  Dittenberger. 
Or.  gr.  inscr.  669  A.  6. 

Auch  bei  der  genauen  Datierung  der  mittelalterlichen  Handschriften 
wurde  manchmal  Tag  und  Stunde  angegeben:  der  c.  Vatic.  354  wurde 
von  dem  Mönche  Michael  vollendet  uriv\  Maorico,  a',   i]i.isocc  e,  cooa  c' 


'  Vgl.  Grotefend,  Chronologie  in  Meisters  Grundriß  1  S.  297:  Tagesbezeich- 
nung, Tageseinteilung. 

-  ZeBnuii]  als  Tag  s.  C.  I.  L.  I-  p.  330.  Hohmann.  Clironologie  S.  44:  Tage 
mit  Ehrenbezeichnung.  Jouguet,  P.,  Inser.  gr.  de  Denderah  et  le  jour  de  Sebaste 
en  Egypte:  Bull,  de  corr.  hellen.  19.  1895  p.  .^23.  Wileken.  Ostraka  1,  800.  812. 
Blumenthal,  Arch.  f.  Papyr.  5.  1911,  H3T.  341:  vgl.  jedoch  Pap.  Oxyrh.  II  p.  2S4  n.  5. 


—     477     — 

eroi'^    :vi'^'  irö/xT.  'C'.   —  i,i.dnu,   dem  lateinischen    feria  entsprechend, 
bezeichnet  natürlich  den  Wochentag;   ij/xeoa  Tie/jiTiTij  ist  also  bei  den  Wochentag 
Byzantinern  ebenso  wie  bei  den  heutigen  Xeugriechen  Donnerstag. 

Der  Tag  wurde  namentlich  von  den  mönchischen  Schreibern  viel- 
fach nach  seiner  kirchlichen  Feier  bezeichnet  z.  B.  'Ywojai^  tov  tiuiov 
(TTuvoov  (14.  Sept.),  deshalb  gibt  ßühl,  Chronologie  S.  82  eine  Skizze 
des  griechischen  Kirchenjahres.  Während  die  Lateiner  im  Mittelalter 
meistens  nach  den  Heiligen  den  Tag  bezeichneten,  z.  B.  Peter  und  Paul, 
Mariae  Lichtmeß  usw.,  pflegten  die  Byzantiner  nicht  nach  den  Heiligen 
zu  datieren,  wenn  ihr  Tag  auch  feststand  (s.  Rühl,  Chronologie  S.  100). 
Die  Sonn-  und  Festtage  dagegen  w^urden  manchmal  nach  den  Peri- 
kopen  des  Tages  bezeichnet.^ 

Die  siebentägige  Woche  hat  die  mittelalterliche  Kirche  aus  dem 
Altertume  herübergenommen,  aber  die  Bezeichnung  nach  Göttern  und 
Planeten  aufgegeben.  Die  Tage  wurden  nicht  mehr  wie  früher  be- 
nannt,^ sondern  meistens  einfach  gezählt^:  Sonntag  xvotaxi],  Montag 
d'evTeoa,  Dienstag  zoirrj,  Mittwoch  TezdoTTj,  Donnerstag  ni^nri],  Freitag 
TianuaxEvi'i,  Sonnabend  frdßßuzov^ 

Selbst  die  Stunde^  wird  manchmal  hinzugefügt;  der  Mönch  Atha-  stunde 
nasius  beendigte  den  c.  Marc.  53  vom  Jahre  968:  ntjrc  jHyovara)  d'  ivd. 
lü  erat  ^gvog'  ij/xioci  y'  ojqcc  y'.  Ein  Evangelienbuch  c.  Ambros  B.  56  sup. 
a.  1023  schließt  mit  erovi  SOAA  ivd.  l  etg  rag  xft  Aexsfjißoiov  fir/vög 
—  —  iiiik[oa)  ^  (ooci  0.  Ein  anderes  von  Patmos  trägt  die  Unterschrift: 
'cTt/.s.icö&ri  fii]Vi  dxTCoßo.  l  Tifiioa  6  oioa  T]  ivÖ.  trovg  ,gffH^- 

Was  ö'joci  bedeutet,  sieht  man  deutlich  aus  der  Unterschrift  des 
c.  Sin.  1115:  'Ers}.sicüi)-i]  i,  ßt'ßXog  aiirrj  ^rivl  ^enTeußoiq)  ly,  h>  itfxiua 
(Tußßdriüj  ojou  y,  sig  '/.v/vixbv^  rov  rifiiov  aruvoov  und  Laur.  56,  16 
(s.  Anecd.  varia  ed.  Schoell  u.  Studemund  1  p.  167  n.  2)  geschr.:  fiTivlt] 
IVoefißoüp  lif-doci  S'  TOV  avzov  f.n]v6g  Iv  oioci  i/j  iifikou  S. 


*  In  dem  e.  Vatic.  gr.  65  (Isocrates)  ist,  was  selten  geschiebt,  der  Kalender- 
heilige  namhaft  gemacht:  ftrjvi  uttoüILov  xt  ü'Ö.  ü  tov  uyiov  Afceoy.ov  tisi  ^~tfua  (106:?); 
vgl.  Rühl,  Chronologie  S.  102— 1U4). 

^  I.  G.  S.  444,  411  n.  Chr.  ']ueofi  21a'/.i,vrj;.  Über  Bezeichnungen  wie  Liqp^oötr»^; 
und  "AqtM;  i'/^ioa  s.  Rühl,  Chrono!.  S.  60  A.  2. 

^  Schürer,  Die  siebentägige  Woche.  Ztschr.  f.  neutestam.  Wiss.,  heraysgeg. 
v.  I'reuschcn  0.  1905  S.  17  gibt  nach  dem  C.  I.  G.  datierte  Inschriften  (seit  694 
n.  Chr.)  mit  Zählung  der  Wochentage. 

*  Über  die  Frage,  auf  welchen  Wochentag  fiel  ein  gegebenes  julianisches 
Datum,  vgl.  Rühl,  ChronoL  S.  62.  70 — 71. 

'  Über  die  Stunde  der  Byzantiner  vgl.  Mentz,  Byzant.  Ztschr.  17.  1908 
S.  471  ff.  (II). 

*  Av/fixü  sind  die  Gebete,  die  (tV  nO  i<jneoivo))  bei  Licht  verlesen  werden; 
die  erste  Stunde  beginnt  also  mit  Sonnenuntergang  oder,  wie  die  katholische  Kirche 
sagt,  mit  Ave  Maria. 


—     478     — 

Eine  derartige  Angabe  des  Wochentages,  die  uns  meistens  ziem- 
lich gleichgültig  sein  kann,  wird  wichtig,  wenn  die  Jahreszahl  aus  irgend 
einem  Grunde  ausgelassen  oder  ausgefallen  oder  auch,  wie  dies  öfter 
vorkommt,  ausradiert  ist;  denn  aus  dem  Datum  in  Verbindung  mit 
Wichtigkeit  anderen  Angaben,  z.  B.  der  Indiction  oder  des  Regierungsjahres  eines 
ungenannten  Kaisers,  läßt  sich  das  Jahr  der  Welt  oder  Christi  be- 
rechnen, und  selbst  wenn  die  Jahreszahl  vollständig  intact  und  leserlich 
ist,  kommt  es  sehr  häufig  vor,  daß  diese  Zahl  sich  mit  der  Indiction  oder 
mit  den  anderen  ausdrücklichen  Angaben  nicht  in  Einklang  bringen  läßt; 
und  in  solchen  Fällen  ist  es  zur  Ermittelung  des  Fehlers  von  entscheiden- 
der Wichtigkeit,  ob  die  Übereinstimmung  von  Datum  und  Wochentag 
diese  oder  jene  Angabe  bestätigt,  denn  es  ist  durchaus  unwahrschein- 
lich,   daß    der  Schreiber    sich  in   dieser  Beziehung  geirrt  haben  sollte. 

Die  Zahl  der  in  Betracht  kommenden  Jahre  wird  nun  bei  dieser 
für  den  Paläographen  so  wichtigen  Rechnung  zunächst  dadurch  ver- 
ringert, daß  erst  nach  sechs  Jahren  (wenn  wir  einmal  von  den  Schalt- 
buc°hstaben  J^^^'^^  abscheu)  ein  Jahr  wiederkehrt,  das  denselben  Sonntagsbuch- 
staben  hat.  Für  die  Herstellung  des  mittelalterlichen  Kalenders  und 
namentlich  für  die  Berechnung  des  Osterfestes  war  es  wichtig,  zu  wissen, 
auf  welchen  Tag  der  1.  Januar  gefallen  und  wie  viele  Tage  dann  noch  bis 
zum  ersten  Sonntag  des  neuen  Jahres  verflossen  seien.  Fiel  der  I.Januar 
auf  einen  Sonntag,  so  führte  das  Jahr  den  Sonntagsbuchstaben  A,  war 
es  ein  Montag,  Dienstag  usw.,  so  wurde  er  mit  G,  F  usw.  bezeichnet.  Nur 
die  Schaltjahre  hatten  zwei  Sonntagsbuchstaben,  von  denen  der  erstere 
bis  zum  24.  Februar,   der  zweite   für  den  Rest  des  Jahres  gültig  war. 

Teilt  man,  sagt  Ideler/  die  sämtlichen  Tage  des  Jahres  vom 
1.  Januar  an  in  Perioden  zu  je  sieben  Tagen  und  bezeichnet  die 
Tage  einer  jeden  der  Reihe  nach  mit  den  immer  wiederkehrenden 
sieben  Buchstaben  A,  B,  C,  D,  E,  F,  G,  so  wird  der  Buchstabe,  der 
jedesmal  auf  den  Sonntag  trifft,  der  Sonntagsbuchstabe  des  Jahres 
genannt.  Fängt  z.  B.  das  Jahr  mit  einem  Sonnabend  an,  so  ist  B 
der  Sonntagsbuchstabe,  weil  dann  der  2.  Januar,  der  immer  mit  B 
bezeichnet  wird,  ein  Sonntag  ist. 

Sickel,  Die  Lunarbuchstaben  in  den  Kaiendarien  des  Mittelalters,^ 
unterscheidet  zwei  i\.rten  der  Sonntagsbuchstaben:  „Als  litterae  domi- 
nicales  bezeichnen  die  meisten  neueren  Chronologen,  wie  Pilgram, 
Waillv,  Greswell  u.  a.,  zwei  Arten  von  Buchstaben,  die  man  besser 
buchstaben  ^^ch  im  Namcu  unterscheiden  sollte:  1.  als  litterae  feriales,  d.  h.  die- 
jenigen Buchstaben,  welche  in  allen  Jahren  den  Monatstagen  in  gleicher 
Weise  beigegeben  werden  (1.  Januar  A  bis  31.  December  A),  um  ihre 

^  Handbuch  der  Chronol.  2,  185;  vgl.  Rülil,  Chronologie  S.  65  u.  66  Tabelle 
der  Sonntagsbuchstabeu  und  Sounenzirkel. 

2  Sitzungsberichte  d.  Wiener  Akad.  (Phil.-hist.  Cl.)  38.  1868  S.  156  A.  2. 


—     479     — 


Einteilung  in  siebentägige  Wochen  anzudeuten;  2.  als  litterae  domini- 
cales:  sie  geben  an,  auf  welchen  unter  den  Ferialbuchstaben  und  auf 
welche  der  durch  ihn  bezeichneten  Monatstage  in  einem  gegebenen 
Jahre  die  Sonntage  fallen."  Rühl,  Chronologie  S.  64,  nennt  die  einen 
Tages-,  die  anderen  Sonntagsbuchstaben.  —  Da  diese  ganze  Berech- 
nung auf  dem  28jährigen  Sonnencyclus  basiert,  so  kann  man  ohne 
allzu  große  Mühe  sich  aus  der  Tabelle  der  Sonn ency den  am  Schlüsse 
den  Sonntagsbuchstaben  alten  Stiles  berechnen;  bequemer  ist  aber  die 
auch  für  unsere  Zwecke  sehr  brauchbare 

Tabelle  der  Sonntagsbuchstaben 
nach  Grotefend,  Handbuch  der  histor.  Chronologie  S.  52. 


Jahrhundert  n.  Chr. 

Jahre 

0 

100 

200 

300 

400 

500 

600 

über  Hundert 

700 

800 

900 

1000 

1100 

1200 

1300 

1400 

1500 

1600 

1700 

1800 

1900 

— 

0   28 

56 

84 

DC 

ED 

FE    GF 

AG 

BA 

CB 

1   29 

57 

85 

B 

C 

D     E 

F 

G 

A 

2 

30 

58 

86 

A 

B 

C 

D 

E 

F 

G 

3 

31 

59 

87 

A 

B 

C 

D 

E 

F 

4   32 

60 

88 

GF 

AG 

BA 

CB 

DC 

ED 

5   33 

61 

89 

D 

E 

F 

G 

A 

B 

C 

6   34 

62 

90 

C 

D 

E 

F 

G 

A 

B 

7  i  35 

63 

91 

B. 

C 

D 

E 

F 

G 

A 

8   36 

64 

92 

AG 

BA 

CB 

DC 

ED 

FE 

GF 

9   37 

65 

93 

i   ^ 

G 

A 

B 

C 

D 

E 

10   38 

66 

94 

1   E 

F 

G 

A 

B 

C 

D 

11 

39 

67 

95 

D 

E 

F 

G 

A 

R 

C 

12 

40 

68 

96 

CB 

DC 

ED 

FE 

GF 

AG 

BA 

13   41 

69 

97 

1   A 

B 

C 

D 

E 

F 

G 

14 

42 

70 

98 

i   G 

A 

B 

C 

D 

E 

F 

15 

43 

71 

99 

F 

G 

A 

B 

C 

D 

E 

16 

44 

72 

ED 

FE 

GF 

AG 

BA 

CB 

DC 

17 

45 

73 

C 

D 

E 

F 

G 

A 

B 

18 

46 

74 

B 

C 

D 

E 

F 

G 

A 

19 

47 

75 

A 

B 

C 

D 

E 

F 

G 

20 

48 

76 

GF 

AG 

BA 

CB 

DC 

ED 

FE 

21 

49 

77 

E 

F 

G 

A 

B 

C 

D 

22 

50 

78 

D 

E 

F 

G 

A 

B 

C 

23 

51 

79 

C 

D 

E 

F 

G 

A 

B 

24 

52 

80 

BA 

CB 

DC 

ED 

FE 

GF 

AG 

25 

53 

81 

1   G 

A 

B 

C 

D 

E 

F 

26 

54 

82 

F 

G 

A 

B 

C 

D 

E 

27 

55 

83 

1'   E 

F 

G 

A 

B 

c 

D 

—     480     — 

deT.Mo^atT-  ^Qil  nun  die  Zahl  der  Monatstage  in  jedem  Jahre  die  gleiche  ist, 

aoiänge  §0  ergibt  sich  für  den  1.,  8.,  15.,  22.,  29.  jedes  Monats  nach  Idelera.  a.  0. 
S.  186  folgendes  Schema  der  Ferialbuchstaben,  das  auch  für  die  Schalt- 
jahre paßt,  wenn  man  nur  beachtet,  daß  hier  die  Tage  vom  24.  Februar 
bis  1.  März  mit  dem  folgenden  Buchstaben  bezeichnet  werden: 

Januar    A  Mai  B  September  F 

Februar  D  Juni  E  October       A 

März        D  Juli  G  November    D 

April       G  August  C  December    F 

Wenn  sich  auf  diese  Weise  der  Kreis  der  möglichen  Jahre  durch 
die  Sonntagsbuchstaben  verengert  hat,   so  wird   er  noch  kleiner  durch 
die  Indictionsangabe;   denn  nur  wenige  der  gefundenen  Jahre  werden 
die  geforderte  Indictionszahl  haben. 
Beispiele  Machcu  wir  also  die  Probe   an  dem   ebenerwähnten  c.  Vatic.  354, 

dessen  Jahreszahl  als  unbekannt  vorausgesetzt  wird;  gegeben  ist  nur 
Donnerstag  der  erste  März  eines  siebenten  Indictionsjahres  »bei  einer 
Handschi'ift  vom  Schriftcharakter  des  10. — 11.  Jahrhunderts. 

Zunächst  notiert  man  sich  nach  der  hinten  angehängten  chrono- 
logischen Tabelle  die  siebenten  Indictionsjahre  dieser  Zeit:  904.  919. 
934.  949.  964.  979.  994.  1009.  1024.  1039.  1054.  1069.  1084.  1099.  Da 
nun  nach  der  Ideler  sehen  Tabelle  (s.  S.  480)  der  erste  März  stets  den 
Ferialbuchstaben  D  hat,  so  ist  in  unserem  Falle  Donnerstag  =  D, 
Freitag  =  E,  Sonnabend  =  F,  Sonntag  =  G.  Also  paßt  die  Verbindung 
von  Monats-  und  Wochentag  für  alle  Gemeinjahre  des  28jährigen 
Cyclus,  die  den  Sonntagsbuchstaben  G  haben,  und  da  der  erste  März 
später  liegt  als  der  Schalttag,  auch  für  diejenigen  Schaltjahre,  in  denen 
der  Sonntagsbuchstabe  G  an  der  zweiten  Stelle  steht.  Die  Grotefend- 
sche  Tabelle  zeigt  nun,  daß  dieses  im  zehnten  Jahrhundert  geschehen  ist: 
904.  932.  960.  988.  —  910.  938.  966.  994.  —  921.  949.  977.  —  927. 
955.  983.  —  Im  folgenden  Jahrhundert:  1005.  1033.  1061.  1089.  — 
1011.  1039.  1067.  1095.  —  1016.  1044.  1072.  —  1022.  1050.  1078. 

Vergleichen  wir  nun  diese  Liste  mit  der  obigen  Indictionsreihe, 
so  fallen  beide  nur  zusammen  in  den  Jahren  904.  949.  994.  1039, 
während  ein  derartiges  Zusammentreffen  wie  bei  dem  ersten  Beispiele 
im  zehnten  Jahrhundert  nur  einmal  möglich  ist:  Dienstag,  den 
4.  August  968  in  einem  elften  Indictionsjahr. 

Derartige   Rechnungen    geben    uns    die    Möglichkeit,    eine    ganze 

Eeihe    undatierter  Handschriften    zu    datieren,    wie    folgende  Beispiele 

zeigen: 

Handschrif-  lu  einem  anderen  Falle  ist  die  Jahreszahl  wirklich  unbekannt.  Nach 

d!n?emi    Montfaucon,  P.  Gr.  p.  349  trägt  der  c.  Par.  857  (s.  o.  S.  51)  die  Subscription : 


—     481     — 

'ETs)M(6dij  ij  Tiaoovrjcc  dü.xoq  kv  rf,  fiovtj  rov  revi]aiov^  8ia  /eioog 
L4&uvci(Tiov  (/.^aoTcoXov  ij,i]Vi  (iisvoovaoiqj  i.itTaxaiÖExc/.Trj,  rif^ioK  nefiTirr] 
ivdixTuovog  ö'?  Der  17.  Februar  fällt  nun,  wie  eine  ähnliche  Rechnung 
zeigt,  im  13.  Jahrhundert  nur  einmal  auf  einen  Donnerstag  in  einem 
vierten  Indictionsjahr,  nämlich  im  Jahre  1261.  Wir  gewinnen  also  zu 
den  beiden  schon  bekannten  datierten  Codices  von  der  Hand  des 
Athanasius  (c.  Par.  2654  a.  1273  und  c.  Par.  2408  z.  T.  ca.  1273)  noch 
einen  dritten  vom  Jahre  1261  (s.  Omont,  Eevue  Grit.  1888  p.  358). 
Wenn  aber  der  c.  Par.  2292,  der  durch  seine  Monokondylien  ohne 
Jahreszahl  merkwürdig  ist,  vom  Athanasius  1261  geschrieben  wurde, 
so  muß  auch  der  c.  Monac.  201  (s.  XIII)  ungefähr  gleich  alt  sein,  weil 
derselbe  ebenfalls  von  Athanasius^  geschrieben  ist  und  mit  Mono- 
kondylien ohne  Jahreszahl  schließt.  Da  derselbe  in  einem  zehnten 
Indictionsjahr  beendet  wurde,  so  hat  man  eigentlich  nur  die  Wahl 
zwischen  1252,  1267  und  1282.  —  Die  Handschrift  ist  also  wahr- 
scheinlich 1267  geschrieben. 

Etwas    schwieriger    ist    die    Bestimmung    des    neutestamentlichen 
codex  r,   der   durch  Tischendorf  teils  nach  Oxford,  teils  nach  Peters-    codex  r 
bürg    gekommen    ist.     Das    Petersburger    Evangelium  V  (Xr.  13)    trägt 

die    Unterschrift    (Fol.   99a):     €T€A€lCÜ0    H    A€ATOC    AYTH    MHNI 

NO€MBPicü   KZ  I  IN   H  :  HM€PA  :  G  :  CUPA  :  B  •: -><■  . 

Wenn  der  27.  November  auf  einen  Donnerstag  fiel,  so  war  der 
nächste  Sonntag  am  30.  November,  der  mit  dem  Buchstaben  E  be- 
zeichnet wird,  weil  der  1.  December  immer  den  Buchstaben  F  hat. 
Mit  Hilfe  der  Grotefend  sehen  Tabelle  ergibt  sich  die  obere  Reihe  von 
Jahren.  Daneben  muß  man  aber  noch  auf  den  November  Rücksicht 
nehmen.  Wie  früher  ausgeführt  wurde,  entsprechen  die  Daten  vom 
I.September  bis  31.  December  dem  vorhergehenden  byzantinischen  Jahre. 
Der  27.  November  entspricht  also  in  Wirklichkeit  nicht  dem  achten, 
sondern  dem  siebenten  Indictionsjahre.  Da  nun  ein  accentuierter  Uncial- 
codex  mit  aufrechtstehender  Schrift  nur  dem  (neunten  oder)  zehnten  Jahr- 
hundert angehören  kann,  so  kommen  folgende  Indictionsjahre  in  Betracht. 

11:  805.811.       816.822.        833.839.  q  ,  ,   850.        861.867.872.       878.  oqo  ^^ 

VII.  Indl  814^  829^  '         859^  87jÜ 

E:  906.917.       923.928.  qq.   945.       951.956.962.       ^1^.  ^„^    984.990. 


VII.  Ind.  904.  919.  949.  964.  994. 


*  Nicht  rulrjulov:  Vogel-Gardtliausen,  Gr.  Schreiber  S.  11- 

2  So  liest  Montfaucou,  P.  Gr.  349 — 50   den  Schluß   des  Monokondylion,   die 

Züge  desselben  scheinen  mir  früher  auf  die  vorgeschlagene  Lesung  ii'ÖLüiiCjvog  < 

zu  führen,  doch  kommt  im  13.  Jahrhundert  überhaupt  keine  Conjunction  vor,  die 

diesen  Anforderungen  Genüge  leistet. 

^  Die  Zusammengehörigkeit  dieser  Namen   i.st  nicht  zu  ersehen   aus  Vogel- 

Gardthausen,  Griech.  Schreiber  S.  10  u.  11. 

Gardthausen,  Gr.  Paläographie.    2.  Aufl.  II.  31 


—     482     — 

Auch  Tischendorf  hat  das  Alter  des  codex  f  ^s.  Pal.  Soc.  II,  7) 
zu  berechnen  versucht,  er  läßt  seinen  Lesern  die  Wahl  zwischen  844 
und  950.  Eine  dieser  Annahmen  muß  falsch  sein;  denn  844  hat  die 
siebente,  aber  950  die  achte  Indiction.  Das  zweite  kommt  weder  in  der 
oberen  noch  in  der  unteren  Reihe  vor,  weil  Donnerstag  nicht  auf  den 
27.,  sondern  auf  den  28.  November  fällt.  —  In  dem  anderen  Jahre  844 
treffen  allerdings  die  geforderten  Charakterismen  zu.  Allein  der  cod.  f 
kann  nicht  älter  sein,  als  das  Psalterium  vom  Jahre  862  (s.  o.  S.  443). 
Wenn  man  das  Facsimile  bei  Scrivener:  A  piain  introduction  to  X.  T.^ 
1874  PI.  XI  (40)  mit  den  datierten  Alphabeten  unserer  dritten  Tafel 
vergleicht,  so  sieht  jeder,  daß  das  neunte  Jahrhundert  gänzlich  aus- 
geschlossen ist,  daß  der  codex  f  in  einer  Zeit  geschrieben  ist,  wo  die 
rechts  geneigte  Unciale  sich  bereits  wieder  aufrichtete.  Da  Scriveners 
Einleitung  ins  Xeue  Testament  in  Deutschland  nicht  gerade  häufig 
anzutreffen  sein  dürfte,  so  ist  es  vielleicht  nicht  überflüssig,  auf  ein 
anderes  Facsimile   derselben  Zeit    zu  verweisen.     In  seinen  Anecdota 

Sacra  et  profana  Tab.  I,  IV  hat  Tischendorf  eine  KAI  Ol  CTPATICÜTAI 
beginnende  Probe  facsimiliert,  die  große  Ähnlichkeit  zeigt  mit  der 
Schrift  des  codex  f  in  Petersburg.  Die  Handschrift  ist  also  sicher 
nicht  älter  als  das  zehnte  Jahrhundert,  und  da  wir  die  Wahl  haben 
zwischen  934  und  979,  so  spricht  die  größere  Wahrscheinlichkeit  ent- 
schieden für  das  letztere  Jahr.  Für  das  zehnte  Jahrhundert  sprechen 
endlich  einige  rote  Randbemerkungen  in  Minuskeln  F.  13  u.  23  von 
derselben  Hand  und  Farbe,  welche  die  liturgischen  Xoten  dem  Texte 
hinzufügte. 
ssherHo^m'er  Durch  eine  ähnliche  Berechnung  sieht  man  auch,  daß  der  Town- 
leysche  Homer  (c.  Burn.  86,  Pal.  Soc.  67)  nicht  wie  die  Herausgeber 
meinen,  entweder  1210  oder  1255  geschrieben  sein  muß.  Die  Hand- 
schrift wurde  beendigt  on  Saturday  the  18th  of  September  in  the  13 th  In- 
diction.^ Auch  hier  muß  der  September  beachtet  werden.  In  Wirk- 
lichkeit ist  die  Handschrift  also  in  einer  zwölften  Indiction  beendet. 
Ich  habe  mich  in  der  ersten  Auflage  für  das  Jahr  1344  entschieden, 
und  dieses  Jahr  entspricht  allen  Anforderungen,  es  hat  den  Sonntags- 
buchstaben  C  und  die  zwölfte  Indiction. 

12.  Ind.  1314.  1329.  ^^aa  1359. 

1344. 


C:    1305.  1311.    1316.  1322.    1333.  1339.      '  1350. 

12.  Ind. 1374.     1389. 

Cl    1361.  1367.  1372.     1378.     1489.  1395. 

Inzwischen  haben  sich  aber  Oskar  Lehmann,    Hermes    14.  1879, 
408  und  E.  Maas,  ebend.    19.  1884  S.  275    für    das   Jahr    1059    ent- 


^  Siehe   das  Facsimile   der  Unterschrift  New.  Pal.  Soc.  Nr.  204.     E.  Maunde 
Thompson,  Classical  Review  2.  1888  p.  103,  setzt  die  Handschrift  ins  13.  Jahrhundert. 


—     483     — 

schieden.  Auch  die  New  Palaeogr.  Soc.  hat  unter  Nr.  204  dieselbe 
Homerhandschrift  noch  einmal  herausgegeben,  offenbar  um  das  Datum 
corrigieren  zu  können.  Sie  entscheidet  sich  jetzt  ebenfalls  für  das 
Jahr  1059.  Auch  dieses  Jahr  hat  wohl  den  richtigen  Sonntagsbuch- 
staben und  die  richtige  Indiction  (12.). 

12.  Ind.  1^..      1029.  1044. 

1014. 


C:     lOOiJ.  1008.       1025.    1031.  1036.  1042.    1053. 

12.  Ind.  ,^-rt  1074.         1089. 

1059. 


C:  ■  1064.  1070.    1081.  1087.    1092.  1098. 

Nach  dieser  Eechnung  wären  also  die  Jahre  1014  und  1059  mög- 
lich. Allein  beide  Annahmen  scheinen  mir  paläographisch  ausgeschlos- 
sen zu  sein;  aber  auch  die  von  mir  berechnete  Zahl  1344  scheint  das 
Richtige  nicht  zu  treffen.  Wenn  die  Handschrift  vollständig  ohne 
Datum  wäre,  hätten  wir  sie  wahrscheinlich  ins  12.  bis  13.  Jahrhundert 
gesetzt. 

T.  W.  Allen,  Journal  of  Philology  19.  1908  p.  62—68,  hatte  aus- 
geführt, daß  die  Handschrift  aus  rein  paläographischen  Gründen  nicht 
älter  sein  könne,  als  aus  dem  Ende  des  12.  oder  dem  Anfange  des 
13.  Jahrhunderts;  damit  dürfte  er  ungefähr  das  Eichtige  getroffen  haben. 

Schließlich  sei  mit  einem  Worte  noch  auf  die  chronologische 
Wichtigkeit  der  späteren  Nach-  und  Einträge  der  Handschriften  hin- 
gewiesen, welche  nicht  nur  für  die  Vorgeschichte  der  Handschrift, 
sondern  auch  für  die  Bestimmung  des  Alters  in  Betracht  kommen;  sie 
sind  oft  datiert  und  geben  einen  Terminus  ante  quem  undatierter  Hand- 
schriften; vgl.  Lambros,  'Evdv(jn](7Eon'  i,toi  /oovtxojv  (Tr/fisicofidrojv 
(TvXloyjj  TiQcÖTf].  IV.  'EXXi]vofiv7'jficov  7.  1911,  113,  der  Proben  gibt  von 
dem  mannigfaltigen  und  reichen  Inhalt  dieser  Nachträge  verschiedener 
Besitzer  und  Leser  der  Handschriften. 


3r 


Anhang. 

Jedes  eingehende  Studium  einer  Handschrift  beginnt  am  besten 
mit  einer  detaillierten  Beschreibung/  die  im  Verlaufe  der  Arbeit  durch 
Beispiele  vervollständigt  wird.     Dazu  empfiehlt  sich  folgendes 

SCHEMA. 

leschleibg'     I-    Signatur  (alte  und  neue).    Inhalt.    Anfang  und  Ende.    Miscellan- 
einer  Hs,  haudschrift?     Gut  oder  schlecht  erhalten.     Schon  früher  collatio- 

niert?  Bibliographisch  genaue  Angabe  des  Collationsexemplars. 
Zeit  und  Ort  der  Collation.  Titel  des  Buches  und  der  einzelnen 
Abschnitte  in  griechischer  Fassung.  Handschrift  früher  mit  anderen 
zusammengebunden  ? 
IL  Schreibmaterial.  Papyrus,  Pergament,  Bombycin,  Papier.  — 
Höhe  und  Breite  des  Codex  und  des  Schriftraums. ^  Zahl  und 
Anordnung  der  Blätter.  Quaternionenzahlen  und  Custoden  vor- 
handen oder  abgeschnitten.  Linien  und  deren  Verhältnis  zur 
Schrift.  Zahl  der  Columnen  und  Zeilen.  Tinte.  Farbe. 
III.  Schriftcharakter.  Jahrhundert  oder  Jahr.  Zahl  der  Hände. 
Sorgfalt  der  verschiedenen  Schreiber.  x4.nfang  und  Ende  der  ver- 
schiedenen Hände  (mit  Angabe  der  Seitenzahl).  Angabe  ihres 
Unterschiedes.  Majuskel,  quadratisch,  spitzbogig,  geneigt  usw. 
Kirchliche  Unciale,  hohe  und  tiefe  Buchstaben.  Ligaturen.  Mi- 
nuskel, geneigt,  steil,  rund,  eckig,  stark  verschlungen.  Ober- 
zeilige  Schrift?  Vorgerückte  Buchstaben.  Ligaturen.  Iota  sub- 
scriptum.  Imitation  älterer  Schrift.  Umfang  der  Abkürzungen. 
Interlinear-  und  Marginalglossen  und  -Noten  in  Kleinunciale  ?  von 
erster  Hand?  rot  oder  schwarz.  Beigeschriebene  Varianten.  Lieb- 
lingsfehler. Initialen,  bunt,  stilisiert.  Bilder  und  Ornamente. 
Charakteristik.     Zahl    der  Farben.     Wechsel    in    der  Schrift    und 


^  Vgl.  die  Sylloge  vocabulorum  ad  conferendos  demonstrandosque  Codices 
graecos  utilium  von  Alfr.  Jacob;  Revue  Archeol.  1883.  III  ser.  1  p.  209  0".  Auch 
E.  M.  Thompson  gibt  ein  Schema  zur  Beschreibung  von  Handschriften:  s.  Chissical 
Eeview  1  p.  217  f. 

2  Wenn  die  Handschriften  nicht  paginiert  waren,  habe  ich  z.  B.  auf  dem 
Sinai  auch  die  Dicke  derselben  einfach  gemessen. 


—     485     — 

der  Tinte  zu  notieren.  Correcturen  und  Rasuren,  von  welcher 
Hand  ausgeführt?  Bucheinteilung.  Worttrennung.  Accente,  eckig 
oder  rund,  verbunden  m.  Buchst.  Interpunction.  Liturgische  u.  andere 
Zeichen.  Orthographische  Eigentümlichkeiten.  lotacismus  usw. 
IV.  Geschichtliches.  Schluß  auf  die  Vorlage?  Stichometrische 
Angaben.  "Wiederholte  Lücken  und  Lückengruppen.  Umstellungen. 
Subscription.  Directe  ProvenienzangabeUj  indirecte  durch  Erwähnung 
historischer  Ereignisse.  Notiz  über  Jahr,  Ort.  Arbeitszeit  und  -preis. 
Einband.     Wappen.     Bibliotheksnotizen  und  -Stempel. 

Ist  der  Text  ganz  abzuschreiben  und  herauszugeben,  so  verweise  Abschreiben 
ich  im  allgemeinen  auf  G.  Waitz,  Wie  soll  man  Urkunden  edieren? 
Sybels  bist.  Ztschr.  1860,  438  und  Roth  von  Schreckenstein,  Wie  soll 
man  Urkunden  edieren?  Tübingen  1804.^  Vieles  findet  natürlich  ohne 
weiteres  auch  auf  Handschriften  Anwendung.  Das  Abschreiben  und 
CoUationieren  der  Abschrift  kann  man  sich  jetzt  oftmals  ersparen  durch 
die  billige  Schwarz-Weiß-Photographie,  die  in  den  meisten  Fällen  voll- 
ständig ausreicht;  die  meisten  größeren  Bibliotheken  besitzen  selbst 
die  nötigen  photographischen  Apparate  und  lassen  gegen  billige  Ent- 
schädigung die  gewünschten  Copien  anfertigen.^ 

Für  das  CoUationieren  gelten  folgende  Regeln,  die  sich  schließlich  '^ni^en" 
jeder  selbst  sagen  kann,  aber  meistens  nicht  sagt,  ehe  die  Praxis  ihn 
darauf  geführt  hat:  Man  wähle  zum  Vergleichen  die  beste  kritische 
Ausgabe,  die  es  gibt,  womöglich  mit  dem  vollständigsten  kritischen 
Apparat,  der  gedruckt  ist.^  Ist  eine  solche  nicht  vorhanden,  so  sucht 
man  sich  ein  möglichst  kleines  Format  mit  breitem  Rande,  oder  man 
läßt  auch  sein  Collationsexemplar,  das  am  besten  in  seine  einzelnen 
Bogen  zerlegt  wird,  mit  weißem  Papier  durchschießen,  damit  selbst 
für  die  Vergleichung  vieler  Handschriften  dasselbe  Exemplar  genügt, 
denn  auf  diese  Weise  controllieren  sich  die  neuen  durch  die  alten 
Varianten;  dabei  ist  es  notwendig,  bei  jeder  neuen  Handschrift  auch 
eine  Tinte  von  anderer  Farbe  anzuwenden.  Die  Varianten  in  den 
eigentlichen  Text  einzutragen  ist  nicht  rätlich,  hier  genügt  ein  beliebiges 
.Zeichen,  dem  ein  anderes  am  Rande  genau  entspricht,  so  daß  über 
die  Zusammengehörigkeit  von  Text  und  Varianten  kein  Zweifel  ob- 
walten   kann.      Unwesentliche    oder    stets    wiederkehrende    Varianten 


1  Stählin,  Editionsteehnik.    N.  Jahrbb.  f.  kl.  Alt.  23.   1909.  393  ff. 

^  Thomspu,  P.,  Handschriftenphotographie.  N.  Jahrbb.  f.  kl.  Alt.  25.  1910,  616. 
ßabe,  H. ,  Handschriften-Photographie:  Brl.  Philol.  Wochenschr.  1912  Nr.  1  und 
1913  Nr.  ],  mitgenauen  Angaben  über  die  einzelnen  Bibliotheken.  Marc,  P.,  Die 
Photogi-aphie  im  Dienste  socialer  Aufg. :  Wolf-Czapek,  Angewandte  Photographie 
1911  T.  4,  57—76. 

'  Über  CoUationieren  und  Collationsexemplar  vgl.  die  praktischen  Ratschläge 
von  0.  Stählin,  Editionstechnik:  N.  Jahrbb.  f.  kl.  Altert.  23.  1909,  405. 


—     486     — 

brauchen  nicht  notiert  zu  werden,  dann  muß  aber  immer  durch  einen 
ausdrücklichen  Vermerk  im  Anfang  darauf  hingewiesen  werden.  Da- 
gegen empfiehlt  es  sich,  für  späteres  Nachschlagen  Anfang  und  Ende 
von  jeder  Seite  der  Handschrift  im  Collationsexemplar  zu  vermerken. 
Die  Größe  der  etwa  vorhandenen  Lücken  muß  man  nicht  in  Centi- 
metern,  sondern  durch  die  Zahl  der  Buchstaben  angeben,  welche  die- 
selbe ausfüllen  würden.  Bei  starken  Abweichungen  ist  Abschreiben 
besser  als  Collationieren.  —  Wo  die  Züge  undeutlich  und  rätselhaft 
sind,  ist  es,  wenn  es  sich  nur  um  wenige  Buchstaben  handelt,  am 
"'^nung'^  '  besten^  das  Ganze  durchzuzeichnen,  was  auch  sonst  nicht  versäumt 
werden  sollte,  weil  ein  solches  Facsimile  später  ganz  anders,  als  eine 
noch  so  genaue  Beschreibung  ein  Bild  von  dem  Charakter  und  dem 
Ductus  einer  Handschrift  zurückzurufen  imstande  ist.  Solche  Durch- 
zeichnungen macht  man  am  besten  in  ümrißzeichnung,  wenn  die  Schrift 
nicht  allzufein  ist;  so  hat  z.  B.  Angelo  Mai  seine  Durchzeichnungen 
nicht  nur  gemacht,  sondern  sogar  meistens  auch  publiciert,  und  bei 
Zusammenstellungen  einzelner  Worte  verschiedener  Blätter,  wie  z.  B.  in 
meinen  Beiträgen  zur  Gr.  Pal.  III  Taf.  1 — 2,  empfiehlt  sich  diese  Me- 
thode auch  heute  noch. 


Jledoöog  fcV  avi'TOfiia  nüg  Sei  evQSiv 
ToiiQ  y.vx).ovg  tov  fj'/.lov,  ir/g  aelijvrjg  xal 
tijg  u'SixJov. 


c.  Vindob.  med.  29. 


Chronologische  Tabelle. 


I.  Indiction  (beginnend  mit  dem  1.  Sept. 
des  vorhei-gehenden  Jahres): 

313 
328 
343 
358 
373 
388 


Arcadius  395—408. 
Theodosius  408—450. 

Marcianus  450 — 457. 

Leo  I.   6  Maxülrjg  457 — 474. 
Leo  II.  474. 

Zeno  474—476.  477—491. 
Basiliscus  476—477. 

Anastasius  I.  491 — 518. 

Justinus  I.  6    @q<}^  518—527. 
Justinianus  I.  527 — 565. 

Justinianus  II.  565—578. 


403 

418 
433 

448 

463 


478 

493 

508 

523 

538 
553 

568 
Tiberius  II.  Constantin.  578—582. 

583 
598 


I.  Indiction: 
Mauricius  582—610. 
Heraclius  610—641. 


Heracl.  Constantin  III.  641. 
Heracleonas  641. 
Constans  II.  641—668. 


Constantin  IV.  668—685. 
6  Ilcoycopäiog 


613 

628 


643 

657 


673 
Justinian.  IL  681  —  695.  705—711. 

688 
Leontius  695—698. 
Tiberius  IIL  698—705. 
Philepicus  Baq8äv)]g  711—713. 

703 
Anastasius  IL  713—16. 
Theodosius  III.  716—717. 
Leo  III.  6  "laavQog  717 — 741. 

733 
Constantin  V.  741—775. 
(Artavasdes  741—743) 

748 
Leo  IV.  775—780. 

763 

778 
Constantin  VI.  6  UoqcpvqoYsvvrjiog 
780—797. 

793 
Irene  797—802. 

808 


Über  Indictionen  von  312  n.  Chr.  an  s.  Kubitschek  u.  d.  W.  Aera  in  Pauly- 
Wissowa's  Eealencyelopädie  1,  666  S.  31  d.  S.-A.  Vgl.  die  ausführlichen  Tabellen 
in  14  Columnen  bei  Giry,  A.,  Manuel  de  diplomatique  p.  176:  table  chronologique. 
Liebenam,  Fasti  consulares  S.  125. 


—     488     — 


Jahre 

Jahre 

Jahre 

Jahre 

der  Welt. 

Christi. 

In- 

Sonnen 

•  Mond- 

der  Welt. 

Christi. 

In- 

Sonnen- 

Mond- 

1.  Sept. 

1.  Jan.     dietion.    cyclus. 

cyclus. 

1.  Sept. 

1.  Jan. 

diction. 

cychis. 

cyclus 

—31.  Aug. 

—31.  Dec. 

1. 

Sept.— 31. 

Aug. 

—31.  Aug. 

—31.  Dec 

.=r»/' 

800 

8 

8 

19 

^zr/.ct' 

823 

1 

3 

4 

,?rö' 

801 

9 

9 

1 

.^r/^' 

824 

2 

4 

5 

Nicephorus 

I.  6  Aoy 

JÖe'r? 

,-. 

.?r/f' 

825 

3 

5 

6 

yCri' 

802 

10 

10 

2 

,^tIÖ' 

826 

4 

6 

7 

^grta' 

803 

11 

11 

3 

^gi'/.e' 

827 

5 

7 

8 

,crt5' 

804 

12 

12 

4 

/~r/.=;' 

828 

6 

8 

9 

.?«/ 

805 

13 

13 

5 

Theophilus. 

,gnö' 

806 

14 

14 

6 

,?i'~' 

829 

7 

9 

10 

^grtfi' 

807 

15 

15 

7 

^zür^' 

830 

8 

10 

11 

,?Ttg' 

808 

1 

16 

8 

^gi'.O' 

831 

9 

11 

12 

jZTU 

809 

2 

17 

9 

,~r«' 

832 

10 

12 

13 

/?rt'/' 

810 

3 

18 

10 

,rr//a' 

833 

11 

13 

14 

Stauracius 

25.  Juli  b 

s   1. 

Oct. 

,^n'ß' 

834 

12 

14 

15 

Michael  I. 

0  'Pay'^oißi 

!?• 

.'WY 

835 

13 

15 

16 

,?u6' 

811 

4 

19 

11 

,zifid' 

836 

14 

16 

17 

^zir/ 

812 

5 

20 

12 

,~Tixe' 

837 

15 

17 

18 

Leo  V.  6  L 

iqiiEvio:. 

.?r^?' 

838 

1 

18 

19 

^zrjjtt' 

813 

6 

21 

13 

/^r«,' 

839 

2 

19 

1 

,cixä' 

814 

7 

22 

14 

^ffifirj' 

840 

3 

20 

2 

.-rxj-' 

815 

8 

23 

15 

,ZTfi6' 

841 

4 

21 

3 

,?rx(3' 

816 

9 

24 

16 

Michael  III. 

und  Theodora 

,gr>«e' 

817 

10 

25 

17 

,?rj'' 

842 

5 

22 

4 

y?r^?' 

818 

11 

26 

18 

,?"'«' 

843 

6 

23 

5 

.crz;-' 

819 

12 

27 

19 

.?"';^' 

844 

7 

24 

6 

Michael  II 

,?"7' 

845 

8 

25 

7 

,~:n(Tj' 

820 

13 

28 

1 

jZirÖ' 

846 

9 

26 

S 

,=TX6' 

821 

14 

1 

2 

^ZTl't 

847 

10 

27 

9 

,gr/.' 

822 

15 

2 

3 

,ZTl>Z.' 

848 

11 

28 

10 

Vgl.  Muralt,  Ed.  de,  Essai  sur  la  Chronographie  byzantine  .  .  de  395—1057 
(Petersb.  1855).  Sabatier,  J.,  Monnaies  bjzantiues  (Paris  1862)  T.  I  p.  1—21. 
Hopf,  C,  Geschichte  Griechenlands  im  Mittelalter  (Leipzig  1868).  Grote,  H., 
Münzstudien    B.   9.      Stammtafeln    (Leipzig    1877)    S.   436-49. 


—     489     — 


J.  d.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

© 

C 

J.  d.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

G 

C 

,^tv^' 

849 

12 

1 

11 

,gvtt' 

893 

11 

17 

17 

,Zivrj' 

850 

13 

2 

12 

,gvß' 

894 

12 

18 

18 

,^ivb' 

851 

14 

3 

13 

.^W 

895 

13 

19 

19 

.5^^ 

852 

15 

4 

14 

,?vö' 

896 

14 

20 

1 

,?r|«' 

853 

1 

5 

15 

^gve' 

897 

15 

21 

2 

,?rs^^' 

854 

2 

6 

16 

,gv?' 

898 

1 

22 

3 

.=rsy 

855 

3 

7 

17 

,=V:' 

899 

2 

23 

4 

Michael  III. 

allein. 

,=:^n' 

900 

3 

24 

5 

,?rs^<5' 

856 

4 

8 

18 

,zv6' 

901 

4 

25 

6 

,cr|£' 

857 

5 

9 

19 

,~^'i-' 

902 

5 

26 

7 

.?r|=' 

858 

6 

10 

1 

,gvitt' 

903 

6 

27 

8 

,gr|;' 

859 

7 

11 

2 

,ZVlß' 

904 

1 

28 

9 

^^il»?' 

860 

8 

12 

3 

,~viy' 

905 

8 

1 

10 

.?r|ö' 

861 

9 

13 

4 

,~vid' 

906 

9 

2 

11 

,?ro' 

862 

10 

14 

5 

^gvie' 

907 

10 

3 

12 

^groa' 

863 

11 

15 

6 

,gvi-g' 

908 

11 

4 

13 

,?fO|?' 

864 

12 

16 

7 

,zvu' 

909 

12 

5 

14 

.?ro;'' 

865 

13 

17 

8 

.?l'"f 

910 

13 

6 

15 

Michael  III. 

und  Basilius  I 

,=vi.e' 

911 

14 

7 

16 

,c,iob' 

86G 

14 

18 

9 

Alexander. 

Macedoü.  Dynastie  86" 

—1057 

,gu/.' 

912 

15 

8 

17 

Basilius  I.  6 

Maxeöd) 

V  {Ks(f 

(dag). 

Constantinu;- 

VII.  0 

IIOQ 

fvqoyei 

'fTjTo; 

/Croe' 

867 

15 

19 

10 

—959. 

^grec- 

868 

1 

20 

11 

^zv/.u' 

9;  3 

1 

9 

18 

/Cro?' 

869 

2 

21 

12 

,=vy.ß' 

914 

2 

10 

19 

^crc?' 

870 

3 

22 

13 

^gvy-Y' 

915 

3 

11 

1 

,croÖ' 

871 

4 

23 

14 

,gvx8' 

916 

4 

12 

2 

/~rrt' 

872 

5 

24 

15 

,gvy.e' 

917 

5 

13 

3 

,=;r77«' 

873 

6 

25 

16 

^gvy.g' 

918 

6 

14 

4 

,gm^| 

874 

7 

26 

17 

^g^y--^' 

919 

7 

15 

5 

^cm^' 

875 

8 

27 

18 

Eomanus  I. 

6  Ähxan 

rjvö; 

920—944. 

^CITIli' 

876 

9 

28 

19 

,gv/.t]' 

920 

8 

16 

6 

^grne' 

877 

10 

1 

1 

^gvxd' 

921 

9 

17 

7 

ß^nz' 

878 

11 

2 

2 

,gvl' 

922 

10 

18 

8 

,'^m^ 

879 

12 

3 

3 

,gv'/.u' 

923 

11 

19 

9 

^qinrj' 

880 

13 

4 

4 

,gv}.ß' 

924 

12 

20 

10 

,qTnd' 

881 

14 

5 

5 

^gv'l.y' 

925 

13 

21 

11 

.=rq' 

882 

15 

6 

6 

,gv}.d' 

926 

14 

22 

12 

,~Xf\lt' 

883 

1 

7 

7 

,gv}.e' 

927 

15 

23 

13 

.grq^r 

884 

2 

8 

8 

,gv'i.g' 

928 

1 

24 

14 

.?rqr' 

885 

3 

9 

9 

,gvK' 

929 

2 

25 

15 

Leo  VI.  o  (pü6(TO(pog. 

,gv}.Tj' 

930 

3 

26 

16 

,grqt)' 

886 

4 

10 

10 

,gv).& 

931 

4 

27 

17 

,=^«1^' 

887 

5 

11 

11 

,~vf^' 

932 

5 

28 

18 

.?f<i?' 

888 

6 

12 

12 

,gvuu' 

933 

6 

1 

19 

,?rqr 

889 

7 

13 

13 

,gvfjß' 

934 

1 

2 

1 

/?'<!'/ 

890 

8 

14 

14 

,=^wr' 

935 

8 

3 

2 

/^TQ'^' 

891 

9 

15 

15 

,gv/jö' 

936 

9 

4 

3 

gv' 

892 

10 

16 

16 

,gvua' 

937 

10 

5 

4 

—     490 


J.  d.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

© 

€ 

J.  d.  Welt. 

.T.  Chr. 

Ind. 

© 

C 

,CVfiQ' 

938 

11 

6 

5 

^gvnc:' 

978 

6 

18 

7 

,=w'i' 

939 

12 

7 

6 

,i=,vn':! 

979 

7 

19 

8 

.^wn 

940 

13 

8 

7 

yCvnq' 

980 

8 

20 

9 

j^v^Ö' 

941 

14 

9 

8 

^c;vTid' 

981 

9 

21 

10 

j^vv' 

942 

15 

10 

9 

,^v<\' 

982 

10 

22 

11 

^gvpu' 

943 

1 

11 

10 

^gi;(j«' 

983 

11 

23 

12 

Stephanus  u. 

Constantinus  VIII 

16.  bis 

^^y^ß' 

984 

12 

24 

13 

20.  Dec. 

,^v(\y' 

985 

13 

25 

14 

^zvvß' 

944 

2 

12 

11 

^=v(\6' 

986 

14 

26 

15 

^-vvy' 

945 

3 

13 

12 

,gv(\k 

987 

15 

27 

16 

^gvvö' 

946 

4 

14 

13 

/?^Q?' 

988 

1 

28 

17 

^zvvt' 

947 

5 

15 

14 

.cuql'' 

989 

2 

1 

18 

,~vi'=:' 

948 

6 

16 

15 

.=^1'^'/' 

990 

3 

2 

19 

j~vt'~' 

949 

7 

17 

16 

^ci^qÖ' 

991 

4 

3 

1 

,=.vvrj' 

950 

8 

18 

17 

.?';p' 

992 

5 

4 

2 

,?vvd' 

951 

9 

19 

18 

,g.gp«' 

993 

6 

5 

3 

.?vr 

952 

10 

20 

19 

mß' 

994 

7 

6 

4 

,~V$(t' 

953 

11 

21 

1 

,?n' 

995 

8 

7 

5 

,=v^ß' 

954 

12 

22 

2 

.?<fö' 

996 

9 

8 

6 

,^v^Y 

955 

13 

23 

3 

/=<J»e' 

997 

10 

9 

7 

^gv^Ö' 

956 

14 

24 

4 

y^qt";' 

998 

11 

10 

8 

y=^yS^' 

957 

15 

25 

5 

/=^9>" 

999 

12 

11 

9 

,?v^=' 

958 

1 

26 

6 

/=?"/' 

1000 

13 

12 

10 

Eomanus  II. 

,g(pß' 

1001 

14 

13 

11 

yCt^f-'' 

959 

2 

27 

7 

y-f-' 

1002 

15 

14 

12 

,?^^'/ 

960 

3 

28 

8 

^gqiiit' 

1003 

1 

15 

13 

,=vSfi' 

961 

4 

1 

9 

,cq>iß' 

1004 

2 

16 

14 

,gvo' 

962 

5 

2 

10 

.?<f"r' 

1005 

3 

17 

15 

Basilius  11.  u 

Cons 

tantiuus 

IX.  1 

5.  März 

^C(jPtt)' 

1006 

4 

18 

16 

bis  16.  Aug. 

^gqDte' 

1007 

5 

19 

17 

Nicephorus  IL  6 

^UHÜ;. 

y^ffi-^' 

1008 

6 

20 

18 

/?"0«' 

963 

6 

3 

11 

j?<fit~' 

1009 

7 

21 

19 

,=voß' 

964 

7 

4 

12 

^gqpt//' 

1010 

8 

22 

1 

,=vof 

965 

8 

5 

13 

,?(pid' 

1011 

9 

23 

2 

^cvoö' 

966 

9 

6 

14 

j^(fit' 

1012 

10 

24 

3 

^gvoe' 

967 

10 

7 

15 

^gcpxu' 

1013 

11 

25 

4 

,gvo^' 

968 

11 

8 

16 

y^f'-'^ß' 

1014 

12 

26 

5 

Johannes  I. 

6   Tü^iiffur/g. 

;?(p>(r' 

1015 

13 

27 

6 

,=^yo'^' 

969 

12 

9 

17 

j^cpxÖ' 

1016 

14 

28 

7 

,^VOTj' 

970 

13 

10 

18 

,g(fAB 

1017 

15 

1 

8 

^gvoft' 

971 

14 

11 

19 

^ccjDxg' 

1018 

1 

2 

9 

<=,vn' 

972 

15 

12 

1 

^cgDJti,'' 

1019 

2 

3 

10 

ßvna 

973 

1 

13 

2 

^gqox;/' 

1020 

3 

4 

11 

jCvnß' 

974 

2 

14 

3 

,c.q)-A& 

1021 

4 

5 

12 

^gvnf' 

975 

3 

15 

4 

m^' 

1022 

5 

6 

13 

1  Basilius  11. 

ö  Bovlrugoxiovog  - 

-  1025. 

ßcfla! 

1023 

6 

7 

14 

1  Constantiuus  IX. 

—  1028 

,g(f>Ly 

1024 

7 

8 

15 

^gvnÖ' 

976 

4 

16 

5 

Constantinus 

^  IX.  allein. 

^qvne' 

977 

5 

17 

6 

.'^(p^-r 

1025 

8 

9 

16 

491 


J.  d.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

O 

C 

J.  d.  Welt 

J.  Cbr. 

Ind. 

O 

€ 

^^(p'/.d' 

1026 

9 

10 

17 

.^foß' 

1064 

2 

20 

17 

,zq)}.E' 

1027 

10 

11 

18 

,^(P0Y' 

1065 

3 

21 

18 

KomanuB  II] 

.    b  Ä{} 

'VQOno 

vlov. 

,^(poö' 

1066 

4 

22 

19 

^^cp)^^' 

1028 

11 

12 

19 

Eudocia 

V   /luhtaarj 

vi/  u. 

Michael  VII. 

,Z(pK' 

1029 

12 

13 

1 

,^(pos' 

1067 

5 

23 

1 

,=<pW 

1030 

13 

14 

2 

Komauus 

IV.    Aioy 

tV^c. 

,g(p).d' 

1031 

14 

15 

3 

,?(poz' 

1068 

6 

24 

2 

.=w' 

1032 

15 

16 

4 

,?(po'^' 

1069 

7 

25 

8 

,g(p(ia' 

1033 

1 

17 

5 

,Z(pOI]' 

1070 

8 

26 

4 

Michael  IV. 

ö  JIacp}.aywp. 

Michael 

VII.  ü  n 

nqanii'axrig. 

j?wß' 

103-t 

2 

18 

6 

,~-(po6' 

1071 

9 

27 

5 

.?wr' 

10.^5 

3 

19 

7 

,^(pn' 

1072 

10 

28 

6 

,Z(fud' 

1036 

4 

20 

8 

^zq>nu' 

1073 

11 

1 

7 

.~W^' 

1037 

5 

21 

9 

m>nß' 

1074 

12 

2 

8 

,^(f,U^' 

1038 

f) 

22 

10 

,zq)nf 

1075 

13 

3 

9 

j^ifU  'l' 

■1039 

7 

23 

11 

,z(pnÖ' 

1076 

14 

4 

10 

,?w/ 

1040 

8 

24 

12 

,Z<f)T[t' 

1077 

15 

5 

11 

Michael  V. 

ö   Kuln 

cfuni;. 

Zoe  u 

.  Theo- 

Nicephorus  III.    6 

Boioiiüirjg. 

dora. 

^gqDTig' 

1078 

1 

6 

12 

,^(ffi6' 

1041 

9 

25 

13 

jZipn'i' 

1079 

2 

7 

13 

Constantinuf 

X.    6 

3IofOfi('t/o;. 

Zoe  u. 

,Z(pnrj' 

1080 

3 

8 

14 

Theodoi 

a. 

Alexius  I.    6  Ko^vrjvö;. 

,?<f*'' 

1042 

10 

26 

14 

^ccpnff 

1081 

4 

9 

15 

j^(pi'u' 

1043 

11 

27 

15 

^^(f< 

1082 

5 

10 

16 

.^'ft'ß' 

1044 

12 

28 

16 

■    /?<icq«' 

1083 

6 

11 

17 

,^<p*'r' 

1045 

13 

1 

17 

.??q,5' 

1084 

7 

12 

18 

,g^vd' 

1046 

14 

2 

18 

m'^y' 

1085 

8 

13 

19 

j^<f>Vt' 

1047 

15 

3 

19 

,=(p(\^' 

1086 

9 

14 

1 

^^<pvq' 

1048 

1 

4 

1 

.?7qe' 

1087 

10 

15 

2 

^cq)v'l' 

1049 

2 

5 

2 

,?(f<i?' 

1088 

11 

16 

3 

/=;?""/' 

1050 

3 

6 

3 

.=(p^'i' 

1089 

12 

17 

4 

^ciQpvtl' 

1051 

4 

7 

4 

/?^<1V' 

1090 

13 

18 

5 

.C(pf'  ^ 

1052 

5 

8 

5 

,?grqö' 

1091 

14 

19 

6 

/?'jc^w' 

1053 

6 

9 

6 

,?/ 

1092 

15 

20 

7 

Theodova. 

.?/"' 

1093 

1 

21 

8 

.?'fs^^' 

1054 

7 

10 

7 

,~xß' 

1094 

2 

22 

9 

,~(fW 

1055 

8 

11 

8 

.=xr' 

1095 

3 

23 

10 

Michael  VI. 

6  ye^af  uno 

^tQUTlOJTiy.OV. 

.^?.^' 

1096 

4 

24 

11 

.•<P^^' 

1056 

9 

12 

9 

/?/«' 

1097 

5 

25 

12 

Komnenen 

1057- 

-1185. 

.'^■/M 

1098 

6 

26 

13 

Isaak  I.    Ko 

mnenus 

.=/r 

1099 

7 

27 

14 

/=^<Jf^e' 

1057 

10 

13 

10 

y?/»?' 

1100 

8 

28 

15 

.^V^~' 

1058 

11 

14 

11 

,^yß 

1101 

9 

1 

16 

Constantinus  XI.    6 

Aovxu 

c. 

/=/'' 

1102 

10 

2 

17 

,?vi:' 

1059 

12 

15 

12 

>?/'«' 

1103 

11 

3 

18 

.?v^v' 

1060 

13 

16 

13 

,^x^ß' 

110t 

12 

4 

19 

.?fs^ö' 

1061 

14 

17 

14 

,^y.^y' 

1105 

13 

5 

1 

.?<?"' 

1062 

15 

18 

15 

.'^y.^^' 

1106 

14 

6 

2 

^CfpOrt' 

1063 

1 

19 

16 

.^^y-^' 

1107 

15 

7 

3 

492     — 


J.  d.  AVeit. 

J.  Chr. 

Ind. 

0 

<t 

J.  d.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

O 

S 

,^Xt~ 

1108 

1 

8 

4 

,^xAr' 

1155 

3 

27 

13 

/=/'" 

1109 

2 

9 

5 

.?/f«5' 

1156 

4 

28 

14 

,^X^l' 

1110 

3 

10 

6 

,~xU' 

1157 

5 

1 

15 

.=/'ö' 

1111 

4 

11 

7 

,^x^=' 

1158 

6 

2 

16 

.-xy 

1112 

5 

12 

8 

,=xl~ 

1159 

7 

3 

17 

,^yy-(t' 

1113 

(> 

13 

9 

.=xW 

1160 

8 

4 

18 

^^x:4' 

1114 

7 

14 

10 

,^x^^->' 

1161 

9 

5 

19 

.?/></ 

1115 

8 

15 

11 

/=/o' 

1162 

10 

6 

1 

,c/y.8' 

1116 

9 

16 

12 

,c/oa' 

1163 

11 

1 

2 

,^xy-^' 

Ul- 

10 

17 

13 

,^Xoß' 

1164 

12 

8 

3 

Johannes 

li. 

/?/ifor' 

1165 

13 

9 

4 

/C;^'«?' 

1118 

11 

18 

14 

/?/0Ö' 

1166 

14 

10 

5 

,c///-i' 

1119 

12 

19 

15 

,?;^06' 

1167 

15 

11 

6 

z?/*"?' 

1120 

13 

20 

16 

.?/o?' 

1168 

1 

12 

7 

,cyxB' 

1121 

14 

21 

17 

.^X.o'~ 

1169 

2 

13 

8 

,^X'*'  ^ 

1122 

15 

22 

18 

,=Xori' 

1170 

3 

14 

9 

P'/)m' 

1123 

1 

23 

19 

.~Xo6' 

1171 

4 

15 

10 

.-x.iß' 

1124 

2 

24 

1 

,==xn' 

1172 

5 

16 

11 

.-xM' 

1125 

3 

25 

2 

-yjin 

1173 

6 

17 

12 

.^x^^' 

1126 

4 

26 

3 

,?X^ß' 

1174 

7 

18 

13 

,<z-/ls' 

1127 

5 

27 

4 

,=X^f 

1175 

8 

19 

14 

,^xM' 

1128 

6 

28 

5 

,~XnÖ' 

1176 

9 

20 

15 

,-x.K' 

1129 

7 

1 

6 

^zyns' 

1177 

10 

21 

16 

i'^xM 

1130 

8 

2 

7 

,^X^~ 

1178 

11 

22 

17 

,-xlO' 

1131 

9 

3 

8 

,~X<' 

1179 

12 

23 

18 

1132 
1133 

10 
11 

4 
5 

9 
10 

Alexius  II. 
.=X^'/ 

0  IIOQ 

1180 

fVQoyevvrjto:. 
13    24 

19 

.^Xfß' 

1134 

12 

6 

11 

jZynd' 

1181 

14 

25 

1 

.-x^r' 

1135 

13 

7 

12 

.=xf\' 

1182 

15 

26 

2 

,^Xt^^' 
.^Xf^'i' 

1136 
1137 
1138 
1139 

14 

15 

1 

2 

8 

9 

10 

11 

13 
14 
15 

16 

Andronicus 

I. 

1183 
1184 

1 
2 

27 

28 

3 

4 

/"?/."'/' 

1140 

3 

12 

17 

Angeler. 

.=Xf^O' 

1141 

4 

13 

18 

Isaak  II.  0 

'Ayyslo: 

1185- 

-95  u.  1 

203—4 

.'xy 

1142 

5 

14 

19 

,<=x^r' 

1185 

3 

1 

5 

Manuel  I 

,c/q<5' 

1186 

4 

2 

6 

.?/»'«' 

1143 

6 

15 

1 

/?/<;£' 

1187 

5 

3 

7 

,=XJ'ß' 

1144 

7 

16 

2 

,=;^q?' 

1188 

6 

4 

8 

/=/»'/ 

1145 

8 

17 

3 

.=/t;" 

1189 

7 

5 

9 

.c/rö' 

1146 

9 

18 

4 

/=/Qv' 

1190 

8 

() 

10 

/?/''«' 

1147 

10 

19 

5 

.?/q^' 

1191 

9 

7 

11 

/=/*'?' 

1148 

11 

20 

6 

,^v' 

1192 

10 

8 

12 

.^JiT"?' 

1149 

12 

21 

1 

,~Xp(t' 

1193 

11 

9 

13 

,-/»"/ 

1150 

13 

22 

8 

,^wß' 

1194 

12 

10 

14 

.?/"ö' 

1151 

14 

23 

9 

Alexius  III 

.?;^r 

1152 

15 

24 

10 

/?V'/ 

1195 

13 

11 

15 

z"?/^«' 

1153 

1 

25 

11 

,gif>d' 

1196 

14 

12 

16 

.=/l^' 

1154 

2 

26 

12 

,q\pe' 

1197 

15 

13 

17 

-      493 


J.  d.  Welt 

J.  Chr. 

Ind. 

© 

C 

J.  d.  AVel 

J.  Chr. 

Ind. 

© 

C 

/?V?' 

1198 

1 

14 

18 

y?'/'^'/' 

1230 

3 

18 

12 

.?Vr 

1199 

2 

15 

19 

Johann  v. 

Brienne  (Balduin  v.  Courtenai). 

,^^l' 

1200 

3 

16 

1 

.?V^-Ö' 

1231 

4 

19 

13 

,=tpd' 

1201 

4 

17 

2 

/?'/'."' 

1232 

5 

20 

14 

.-n»-' 

1202 

5 

18 

3 

,zxf)ua 

1233 

6 

21 

15 

Isaac  II. 

und  Alexiuö  IV. 

,=wß' 

1234 

7 

22 

16 

,gyjiu' 

1203 

6 

19 

4 

,^wr' 

1235 

8 

23 

17 

Alexius  V.    6  JIov(ji 

lovfflog. 

,z(ffid' 

1236 

9 

24 

18 

25.  Januar  bis 

13.  Apri 

1. 

3  Jahre  Interregnua 

. 

Lateiner 

1204-1261. 

(Balduin  von  Courtenai.) 

Balduin  v. 

Flandern  1204—5. 

jClpfiB' 

1237 

10 

25 

19 

.^'P^ß' 

1204 

7 

20 

5 

/CV^?' 

1238 

11 

26 

1 

IG  Monate  Interregnum. 

.=W'" 

1239 

12 

27 

2 

Heinrich  v 

Plaudern. 

Balduin  v. 

Courtenai. 

=pr' 

12U5 

8 

21 

6 

,'=wn' 

1240 

13 

28 

3 

Griechen 

in  Nicaea. 

.gyji-id' 

1241 

14 

1 

4 

Theod.  I 

.    Laskaris 

1206—1 

222. 

,Z}pp' 

1242 

15 

2 

5 

,z-[pi6' 

1206 

9 

22 

7 

^ZXfftn' 

1243 

1 

3 

6 

jZyjia' 

1207 

10 

23 

8 

^zipi'ß' 

1244 

2 

4 

7 

.?V"?' 

1208 

11 

24 

9 

,zij/vy' 

1245 

3 

5 

8 

.=:i/"." 

1209 

12 

25 

10 

,zxpv6' 

1246 

4 

6 

9 

.=V-'''?' 

1210 

13 

26 

11 

,zrpye' 

1247 

5 

7 

10 

^gi//iö' 

1211 

14 

27 

12 

zil'fz' 

1248 

6 

8 

11 

y^V"*' 

1212 

15 

28 

13 

,zipv'i' 

1249 

7 

9 

12 

^(^xpxu' 

1213 

1 

1 

14 

^zipvri' 

1250 

8 

10 

13 

jCipxß' 

1214 

2 

o 

15 

pxpvd' 

1251 

9 

11 

14 

z?'/"'/ 

1215 

3 

3 

16 

.?vr 

1252 

10 

12 

15 

10  Monate  Interregnum. 

,?i/'f«' 

1253 

11 

13 

16 

^=;!//z(5' 

1216 

4 

4 

17 

,^wW 

1254 

12 

14 

17 

•i  Jahre  In 

terreguum 

Theod.  II.  Dukas  in 

Nicaea 

—   12 

58. 

Peter  v.  Courtenai. 

,^wh' 

1255 

13 

15 

18 

jZtpy.b' 

1217 

5 

5 

18 

,ci/'^(5' 

1256 

14 

16 

19 

,cipy.z' 

1218 

6 

6 

19 

y^l^^e' 

1257 

15 

17 

1 

,?ip>i~ 

1219 

7 

7 

1 

Joh.  IV. 

in  Nicaea  — 

-  1259 

/?'/'>"'/' 

1220 

8 

8 

2 

.?V^?' 

1258 

1 

18 

2 

Robert  v.  Courtenai. 

Michael 

VIII.  Palaeologus, 

6  Mey 

af  in 

,?ipi<(y 

1221 

9 

9 

3 

Nicaea  —  1261. 

Job.  iir. 

Dukas.    6 

BanYlrj 

;  in 

Xicaea 

^^W^'i' 

1259 

2 

19 

3 

—  1 

255. 

.?«/'^'/' 

1260 

3 

20 

4 

.=y^'^-' 

1222 

10 

10 

4 

Pf 

1 1  a  e  0 1 0  g  e  n 

1261- 

-1453. 

^zip'/.u 

1223 

11 

11 

5 

Michael 

VIII. 

.=w 

1224 

12 

12 

6 

.?Vlö' 

1261 

4 

21 

5 

,^wW 

1225 

13 

13 

7 

yT^O' 

1262 

5 

22 

6 

^zxplö' 

1226 

14 

14 

8 

,zxpon 

1263 

6 

23 

7 

Z\p'l.E 

1227 

15 

15 

9 

,~ipop' 

1264 

•    7 

24 

8 

3  .Tahre  Interregnum 

y?V0/ 

1265 

8 

25 

9 

(Balduin  v. 

Courtenai.) 

^ci/'od' 

1266 

9 

26 

10 

.?V^-?' 

1228 

1 

16 

10 

,Ztp06' 

1267 

10 

27 

11 

>~v^-^" 

1229 

2 

17 

1  1 

,^H>oz' 

1268 

11 

28 

12 

494'     — 


J.  (1.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

© 

d 

J.  d.  AVeit. 

J.  Chr. 

Ind. 

0 

C 

.?V0-" 

1269 

12 

1 

13 

,caj>ffc' 

1317 

15 

21 

4 

jCyjor/ 

1270 

13 

2 

14 

^zojy.z' 

1318 

1 

22 

5 

,=^H'od' 

1271 

14 

3 

15 

jZOjy.':' 

1319 

2 

23 

6 

/?(/'^' 

1272 

15 

4 

16 

,g(oar/' 

1320 

3 

24 

7 

^Clpnn' 

1273 

1 

5 

17 

,=coy.ß' 

1321 

4 

25 

8 

,gyjnß' 

1274 

2 

6 

18 

^cwT 

1322 

5 

26 

9 

.cy/ny' 

1275 

3 

7 

19 

^gwln' 

1323 

6 

27 

10 

^gipnö' 

1276 

4 

8 

1 

,~(o).[i' 

1324 

7 

28 

11 

^zyme' 

1277 

5 

9 

2 

^qcoly' 

1325 

8 

1 

12 

,gyj7iz' 

1278 

6 

10 

3 

,c.(olb' 

1326 

9 

2 

13 

,^yjn':' 

1279 

7 

11 

4 

jZojW 

1327 

10 

3 

14 

,zxpnrf 

1280 

8 

12 

5 

Andronicus  III. 

,gipTid' 

1281 

9 

13 

6 

,=rw/g' 

1328 

11 

4 

15 

Andronicus 

II. 

^gojAl'' 

1329 

12 

5 

16 

,~n' 

1282 

10 

14 

7 

,zo}b/' 

1330 

13 

6 

17 

^=ip^n' 

1283 

11 

15 

8 

,QMie' 

1331 

14 

7 

18 

,?np' 

1284 

12 

16 

9 

,zcou 

1332 

15 

8 

19 

/5VQ/ 

1285 

13 

17 

10 

^'gojlin' 

1333 

1 

9 

1 

,^y:qö' 

1286 

14 

18 

11 

,gii}^uß' 

1334 

2 

10 

2 

,^n'¥ 

1287 

15 

19 

12 

,=co^iy' 

1335 

3 

11 

3 

M'^^' 

1288 

1 

20 

13 

,~(j)^b' 

1336 

4 

12 

4 

,?¥"i" 

1289 

2 

21 

14 

,zio^s' 

1337 

5 

13 

5 

.=VQ'?' 

1290 

3 

22 

15 

^gcjfiz' 

1338 

6 

14 

6 

.?nd' 

1291 

4 

23 

16 

^quu  1'' 

1339 

7 

15 

7 

/?w' 

1292 

5 

24 

17 

,Z(OU )/' 

1340 

8 

16 

8 

,?w«' 

1293 

6 

25 

18 

Johannes 

V. 

,?<^ß' 

1294 

7 

26 

19 

^qcofx  ff 

1341 

9 

17 

9 

,=m' 

1295 

8 

27 

1 

/?w' 

1342 

10 

18 

10 

^ZOiÖ' 

1296 

9 

28 

2 

\zcovn' 

1343 

11 

19 

11 

^gojt' 

1297 

10 

1 

3 

,qm'ß' 

1344 

12 

20 

12 

/?W?' 

1298 

11 

2 

4 

[Johannes 

VI.  Cantacuzenus  — 

1355; 

y^W-' 

1299 

12 

3 

5 

,gwj'j'' 

1345 

13 

21 

13 

,~(orj' 

1300 

13 

4 

6 

,zo}i'd' 

1346 

14 

22 

14 

,g(o6' 

1301 

14 

5 

7 

^ziovk 

1347 

15 

23 

15 

^gcüi' 

1302 

15 

6 

8 

,<;o}f~' 

1348 

1 

24 

16 

,gajf«' 

1303 

1 

7 

9 

jZcov'i' 

1349 

2 

25 

17 

,gcüiß' 

1304 

2 

8 

10 

,zuvi; 

1350 

3 

26 

18 

.gaiy' 

1305 

3 

9 

11 

^zcüvß' 

1351 

4 

27 

19 

,gwtö' 

1306 

4 

10 

12 

.=co^' 

1352 

5 

28 

1 

^zwie' 

1307 

5 

11 

13 

^gco^n' 

1353 

6 

1 

2 

/?wtg' 

1308 

6 

12 

14 

,=t'J^{'>' 

1354 

7 

2 

3 

,g(oi~ 

1309 

7 

13 

15 

^gcüSy' 

1355 

8 

3 

4 

J^fOiTj' 

1310 

8 

14 

16 

,?co^Ö' 

1356 

9 

4 

5 

,go}id' 

1311 

9 

15 

17 

,roj|fc' 

1357 

10 

5 

6 

jZCoa' 

1312 

10 

16 

18 

,?(0^=' 

1358 

11 

6 

7 

^zw/.n' 

1313 

11 

17 

19 

,=(',i: 

1359 

12 

7 

8 

,ziüy.rt' 

1314 

12 

18 

1 

,ZO)^l/' 

1360 

13 

8 

9 

,gwx;'' 

1315 

13 

19 

2 

,zco§ff 

1361 

14 

9 

10 

^qaxö' 

1316 

14 

20 

3 

.COJO' 

1362 

15 

10 

11 

495     — 


J.  d.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

O 

C 

1   J.  d.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

0 

C 

,gcooa' 

1363 
1364 

1 
2 

11 
12 

12 
13 

1   .g^*ö' 
1   .g^j«' 

1411 
1412 

4 
5 

3 

4 

3 
4 

,gcüo/ 

1365 
1366 

3 
4 

13 

14 

14 
15 

1413 
1414 

6 

7 

5 
6 

5 

6 

,Z(O0S, 

1367 

5 

15 

16 

1   .g?^'</ 

1415 

8 

7 

7 

,qaoQ' 

1368 

6 

16 

17 

!   .g^>^<^' 

1416 

9 

8 

8 

^gcjoi" 

1369 

7 

17 

18 

.,g^'<6' 

1417 

10 

9 

9 

ßuori 

1370 

8 

18 

19 

/g^'fg' 

1418 

11 

10 

10 

^gcoofl' 

1371 

9 

19 

1 

.gS^Jtl" 

1419 

12 

11 

11 

,gcon' 

1372 

10 

20 

2 

/g/^'«'•/ 

1420 

13 

12 

12 

,gcontt' 

1373 

11 

21 

3 

.g^>«ö' 

1421 

14 

13 

13 

,ganß' 

1374 

12 

22 

4 

.g^^/ 

1422 

15 

14 

14 

,gconf' 

1375 

13 

23 

5 

.g?^^-«' 

1423 

1 

15 

15 

,g(07jd' 

1376 

14 

24 

6 

.g^¥' 

1424 

2 

16 

16 

,gw7ie' 

1377 

15 

25 

7 

Johannes 

VII. 

^gwnc' 

1378 

1 

26 

8 

.g^¥ 

1425 

3 

17 

17 

,goj7i'C' 

1379 

2 

27 

9 

.g^Aö' 

1426 

4 

18 

18 

^gco^T]' 

1380 

3 

28 

10 

.g^Ae' 

1427 

5 

19 

19 

,gcon6' 

1381 

4 

1 

11 

.gS>^ig' 

1428 

6 

20 

1 

,cojq' 

1382 

5 

2 

12 

,g^Ar 

1429 

7 

21 

2 

,cojqa' 

1383 

6 

3 

13 

.g^A»?' 

1430 

8 

22 

3 

/g«Q(^' 

1384 

7 

4 

14 

.g?^'?ö' 

1431 

9 

23 

4 

,gojqö' 
^gwqe' 

1385 
1386 
1387 

8 

9 

10 

5 
6 

7 

15 
16 
17 

,g/>^/*' 

.g^i««' 

.gS^^,5' 

1432 
1433 
1434 

10 
11 
12 

24 
25 
26 

5 
6 

7 

/^wq?' 

1388 
1389 

11 
12 

8 
9 

18 
19 

1435 
1436 

13 
14 

27 
28 

8 
9 

.gwq»/' 
Manuel  II. 

1390 

13 

10 

1 

/g^i^g' 

1437 
1438 

15 
1 

1 
2 

10 
11 

,go}(\(y 

1391 

14 

11 

2 

.g^,"i" 

1439 

2 

3 

12 

,g5^' 

1392 

15 

12 

3 

/g^;«'?' 

1440 

3 

4 

13 

z?^«' 

1393 

1 

13 

4 

.g5^i«ö' 

1441 

4 

5 

14 

.g^^' 

1394 

2 

14 

5 

.g^^"' 

1442 

5 

6 

15 

.55^/ 

1395 

3 

15 

6 

.g^»!»'«' 

1443 

6 

7 

16 

1396 
1397 

4 
5 

16 
17 

7 
8 

1444 
1445 

7 
8 

8 
9 

17 
18 

,55^?' 

1398 

6 

18 

9 

y^%vÖ' 

1446 

9 

10 

19 

.g^;-' 

1399' 

7 

19 

10 

j^%vs' 

1447 

10 

11 

1 

.g5^'?' 

1400 

8 

20 

11 

Constantinus  XII. 

Dragiises. 

.g^ö' 

1401 

9 

21 

12 

,g^vg' 

1448 

11 

12 

2 

.g^t' 

1402 

10 

22 

13 

.g^«^;' 

1449 

12 

13 

3 

,g^'a' 

1403 

11 

23 

14 

.g'^»"?' 

1450 

13 

14 

4 

.g?^^t^'  ■ 

1404 

12 

24 

15 

.g^'^ö' 

1451 

14 

15 

5 

,g^tr' 

1405 

13 

25 

16 

.g^r 

1452 

15 

16 

6 

.g^f^' 

1406 

14 

26 

17 

,g?^V 

1453 

1 

17 

7 

.g^^te' 
.g5^tg' 

1407 
1408 
1409 

15 
1 
2 

27 

28 

1 

18 

19  • 

1 

Einnahme  von  Constantinopel 
J.  d.  Welt.     J.  Chr.      Ind.  0 
,g^|,ä'   1454  ,avv8'         2  18 

8 

/g^i»?'' 

1410 

3 

2 

2   i 

.g^^/ 

1455  ^nvve' 

3  19 

9 

496 


J.  a.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

© 

£ 

J.  d.  Welt. 

3.  Chr. 

Ind. 

0 

c 

.?^l«5' 

1456 

^nvv^' 

4 

20 

10 

my' 

1505 

jUCps' 

8 

13 

2 

.?^fe' 

1457 

^nvv'l' 

5 

21 

11 

;:i6' 

1506 

,u(p^' 

9 

14 

3 

.?^sV 

145S 

/JtVPlf 

6 

22 

12 

M^' 

1507 

,u(pi' 

10 

15 

4 

.=^>fr 

1459 

^avvb' 

7 

23 

13 

M=5' 

1508 

/xcpif 

11 

16 

5 

.??^^'?' 

1460 

jUV^' 

8 

24 

14 

Mi' 

1509 

,ct(pd' 

12 

17 

6 

.?^?6' 

1461 

^nv^u 

9 

25 

15 

Ml' 

1510 

^ucfii! 

13 

18 

7 

.=  ^0' 

1462 

/tv^ß' 

10 

26 

16 

/üd' 

1511 

ft(fia' 

14 

19 

8 

,~^Oft' 

1463 

/tv^y' 

11 

27 

17 

X-'^' 

1512 

,U(flß' 

15 

20 

9 

.?^oi5' 

1464 

/tv^ö' 

12 

28 

18 

^Cxu 

1513 

jUcpty' 

1 

21 

10 

/C^O/ 

1465 

/ev^e' 

13 

1 

19 

,':-Aß' 

1514 

/tq)id' 

2 

22 

11 

.?^0(^' 

1466 

,av^=' 

14 

2 

1 

>y' 

1515 

^ucpis' 

3 

23 

12 

,g'^08' 

1467 

,"'v^i' 

15 

3 

2 

;y.d' 

1516 

/itgrtg' 

4 

24 

13 

.?^oc' 

1468 

/evSr/ 

1 

4 

3 

/:xs' 

1517 

/«?"s' 

5 

25 

14 

.=^0:' 

1469 

/tv^fi' 

2 

5 

4 

^'Züz.' 

1518 

,a(pir/ 

6 

26 

15 

.?^o»/ 

1470 

^avo' 

3 

6 

5 

l'i^'i' 

1519 

,a(pid' 

7 

27 

16 

.=:^o6'' 

1471 

/tvou' 

4 

7 

6 

X-'^r,' 

1520 

^aq)7t' 

8 

28 

17 

,?'^n' 

1472 

^avoß' 

5 

8 

7 

,>(i' 

1521 

/KpXu' 

9 

1 

18 

.^'^na 

1473 

juvoy' 

6 

9 

8 

:o' 

1522 

jx(pxß' 

10 

2 

19 

.?^"^' 

1474 

^UVOÖ' 

7 

10 

9 

,:iu' 

1523 

uqrAy' 

11 

3 

1 

.';^"/ 

1475 

/(voe' 

8 

11 

10 

.;-¥' 

1524 

^n(f>xd' 

12 

4 

2 

.?^"«5' 

1476 

/evog' 

9 

12 

11 

xh' 

1525 

/((py.s' 

13 

5 

3 

.?5^7ifc' 

1477 

jUvol' 

10 

13 

12 

;:}.ö' 

1526 

jUcpxz' 

14 

6 

4 

,?^^?' 

1478 

^avorf 

11 

14 

13 

Xls' 

1527 

/tcpx'^' 

15 

7 

5 

.?5^^r 

1479 

flvod' 

12 

15 

14 

xw 

1528 

^ug)>ii/ 

1 

8 

6 

,?9^7i'/ 

1480 

flvn 

18 

16 

15 

;a';' 

1529 

^ntp-AQ' 

2 

9 

7 

.?5^"^' 

1481 

juvnu 

14 

17 

16 

xw 

1530 

/tcpl' 

3 

10 

8 

.='^< 

1482 

^uvnß' 

15 

18 

17 

;:/.(¥ 

1531 

^u(filn' 

4 

11 

9 

.?^q«' 

1483 

/wny' 

1 

19 

18 

/^i"' 

1532 

^affl.ß' 

5 

12 

10 

.?5^qt-^' 

1484 

/evnd' 

2 

20 

19 

,'lua' 

1533 

,u(f>ly' 

6 

13 

11 

.?^q/ 

1485 

/tvne' 

3 

21 

1 

M 

1534 

jUCpW 

7 

14 

12 

.=^q<5' 

1486 

jUVTI^' 

4 

22 

2 

,W 

1535 

^acple' 

8 

15 

13 

.??^qe' 

1487 

/evnC' 

5 

23 

3 

;:uö' 

1536 

,u(p}.g' 

9 

16 

14 

,~^q?' 

1488 

^uvnif 

6 

24 

4 

/i>e' 

1537 

fltpXl! 

10 

17 

15 

,?^q," 

1489 

^avnd' 

7 

25 

5 

/C/^5' 

1538 

^acphi' 

11 

18 

16 

.?^q'/ 

1490 

jUvq' 

8 

26 

6 

y^.W^'' 

1539 

^ucpW 

12 

19 

17 

.?S^qÖ' 

1491 

^«wQ«' 

9 

27 

7 

Xm' 

1540 

^acpfi' 

13 

20 

18 

/* 

1492 

,(tv(\ß' 

10 

28 

8 

/Ci"Ö' 

1541 

/tcpfiu' 

14 

21 

19 

jW 

1493 

/jivqy' 

11 

1 

9 

X^' 

1542 

^afffiß' 

15 

22 

1 

Xß' 

1494 

/iV(\Ö' 

12 

2 

10 

p'U 

1543 

.»WY 

1 

23 

2 

'.W 

1495 

,aiiqe' 

13 

3 

11 

.>ß' 

1544 

^n(pfid' 

2 

24 

3 

..'•5' 

1496 

^«11(55' 

14 

4 

12 

,>r' 

1545 

/icq)jjs' 

3 

25 

4 

/-^' 

1497 

^«uq.' 

15 

5 

13 

;:p6' 

1546 

,a(f){iz' 

4 

26 

5 

/^'"S' 

1498 

/(V(\l/' 

1 

6 

14 

/Ct's' 

1547 

,uw'i' 

5 

27 

6 

/'^'= 

1499 

^uv(\d' 

2 

7 

15 

X^?' 

1548 

/"Ti"'/ 

6 

28 

7 

/>/' 

1500 

^acp' 

3 

8 

16 

;;< 

1549 

^acpfid' 

7 

1 

8 

•-^' 

1501 

^acf.«' 

4 

9 

17 

>>i 

1550 

^acpv' 

8 

2 

9 

^a' 

1502 

,u(pß' 

5 

10 

18 

;yff 

1551 

^n<fvtt' 

9 

3 

10 

lüa 

1503 

,acf)y' 

6 

11 

19 

X^' 

1552 

,i(ffvß' 

10 

4 

11 

Mß' 

1504 

,(*(pÖ' 

7 

12 

.  1 

;cw 

1553 

/«qp*'/ 

11 

5 

12 

497 


J. 

d.  Welt. 

J.  Chr. 

Ind. 

© 

C 

J.  d.  Welt. 

J.  Chr. 

Jnd. 

© 

C 

:i¥ 

1554 

acppö' 

12 

6 

13 

^'Cne' 

1577 

jOctfo'i' 

5 

1 

17 

:^^r' 

1555 

(X<f)vt' 

13 

7 

14 

/C^?' 

1578 

^acpor/' 

6 

2 

18 

:;^ö' 

1556 

a(pvz' 

14 

8 

15 

x^: 

1579 

^acpoO' 

7 

3 

19 

:^e 

1557 

aq)vl' 

15 

9 

16 

X'^'i' 

1580 

jn(fn' 

8 

4 

1 

;i=' 

1558 

ncpvrf 

1 

10 

17 

;c.nft' 

1581 

pffina! 

9 

5 

2 

■:l;' 

1559 

(tq)v6' 

2 

11 

18 

.tq' 

1582 

fliffTlß' 

10 

6 

3 

;^'/' 

1560 

«qcl' 

3 

12 

19 

,i:qa' 

1583 

^atpiiy' 

11 

7 

4 

:W 

1561 

a(f)^u' 

4 

13 

1 

M 

1584 

,«q>nd' 

12 

8 

5 

r'o' 

1562 

acp^ß' 

5 

14 

2 

X^r' 

1585 

^ncpne' 

13 

9 

6 

.'oa' 

1563 

acp^y' 

6 

15 

3 

X^^' 

1586 

jaffiTi^ 

14 

10 

7 

■:oß' 

1564 

a(p^ö' 

7 

16 

4 

.i'qe' 

1587 

ja(fn'C 

15 

11 

8 

:oy' 

1565 

acp^e' 

8 

17 

5 

.tqg' 

1588 

,aq>nt]' 

1 

12 

9 

:od' 

1566 

ttcp^g' 

9 

18 

6 

X<i' 

1589 

^arpnd' 

2 

13 

10 

lot 

1567 

acp^^' 

10 

19 

7 

X^v 

1590 

/«</'q' 

3 

14 

11 

Cog' 

1568 

acp^rf 

11 

20 

8 

,tqö' 

1591 

^aqpqa' 

4 

15 

12 

~ot' 

1569 

acpW 

12 

21 

9 

X^' 

1592 

,acfCiß' 

5 

16 

13 

;<)rj' 

1570 

atpo 

13 

22 

10 

/??«' 

1593 

/«vq/ 

6 

17 

14 

Cod' 

1571 

acpoa' 

14 

23 

11 

XQß' 

1594 

,aq(\d' 

7 

18 

15 

■In' 

1572 

ttcpoß' 

15 

24 

12 

Xqt' 

1595 

^aqoqe' 

8 

19 

16 

ÜTia' 

1573 

occfOf' 

1 

25 

13 

Xn^' 

1596 

,«ffq?' 

9 

20 

17 

:nß'^ 

1574 

acpoö' 

2 

26 

14 

Xq^' 

1597 

jOtqi(\c,' 

10 

21 

18 

Cny' 

1575 

acpos' 

3 

27 

15 

Xq^' 

1598 

^«qcqr/ 

11 

22 

19 

:nd' 

1576 

atpo^' 

4 

28 

16 

Xq'^' 

1599 

,a(pqd 

12 

23 

1 

QffTiSQ  ^ivoi  xaioovffi  narQiSa  ß?ie7isiv, 
Ovrcog  xai  roig  xäfivovcn  ßißXiov  TEA02. 


Gardthausen,  Gr.  Paläograpbie.    2.  Aufl.    II. 


32 


Nachträge. 

S.  9.  Plato  (Philebus  p.  18  B  und  Phaedrus  p.  274  D)  erwähnt  den  Gott  der 
Schreiber  0ev&:  aocpaxsQov;  Atyvmiovc  y.al  nvrjuoviy.uTeqov;  naoe^ei.  fjyi'i/jrj,'  re  vi)/) 
xal  aocfing  cpüofxaxov  svQsd-Tj. 

S.  10.  Danzel,  Th.  W.,  Die  Anfänge  der  Schrift.  Leipzig  1912.  (Beitr.  zur 
Kulturgesch.,  herausgeg.  von  Lambrecbt.)  C.  MeiuhofF,  Zur  Entstehung  der  Schrift. 
Ztschr.  f.  ägypt.  Spr.  u.  Alt.  49.  1911  S.  1. 

S.  13.  Kret.  Linears j^stem.  Einen  Ausgangspunkt  für  Erklärungsver- 
suche bietet  Tontäfelchen  aus  Knossos  Jahrb.  d.  Arch.  Inst.  1911,  264  Fio-.  u 
denn  dort  ist  das  Linearsystem  verbunden  mit  bildlichen  Darstellungen,  zwei 
Stierköpfen  und  einem  Henkelgefäß. 

S.  22.  Während  des  Druckes  erhalte  ich  eine  Abhandlung  von  K.  Schinii- 
eisen,  Buchstabenschrift,  Lautwandel,  Göttersage  und  Zeitrechnung  in  der  Zeit- 
schrift Mannus  3.  1911  S.  97  flf.  Eine  Discussion  dieser  Phantasien  ist  aus- 
geschlossen; der  Verfasser  leitet  das  Alphabet  ab  von  indogermanischen  Runen; 
da  wäre  nun  natürlich  eine  wissenschaftliche  Untersuchung  über  das  Alter  der 
Eunen  notwendig,  aber  diese  Vorbedingung  fehlt;  ebensowenig  erfahren  wir  wo 
denn  die  Runen  zu  suchen  sind,  die  älter  wären  als  die  Mesah-Inschrift. 

S.  24.  Nach  Head  Hist.  num.«  p.  801  sieht  man  Cadmus  auf  den  Münzen 
von  Tp-us  giving  the  aiphabet  to  the  Greeks  (EAAHNEC,  KAAMOC).  Catalogue 
of  gr.  coins  Br.  Museum.  Phoenicia  1910  p.  293  <pl.  XXXV,  1>. 

S.  25  A.  001^1X6;  ö'evQOf  ygäfifiaTa  di.e^äoyn.  Kritias  bei  Athenaeus  ed. 
Dind.  1   p.  63.    A  50  (p.  28  c), 

S.  28.  Kalumu  s.  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1911,  II,  976.  1142.  Halevy, 
Revue  semitique  1912.  20,  1. 

S.  31.  Daß  die  Tradition  der  Gesetze  eine  mündliche  war,  zeigt  das  Amt 
eines  vofiqiSö:.     Strabo  12  p.  539;  vgl.  Athenaeus  14  p.  619  b. 

S.  32.  Olympioniken  s.  Einleit.  in  das  Altert,  v.  Gercke  u.  Norden  3.  07 
(Lehmann). 

S..41  A.  5.  Vertauschung  von  ®  und  Q  s.  Wilhelm,  Mitt.  Ath.  Inst.  23 
1898,  483  A. 

S.  46  A.  5.  Über  fisiayqäcpeiv  handelt  ausführlich  C.  Richter,  De  legum 
Platonicarum  libris  I  II  III.  Greifswald  1912  p.  11;  vgl.  Kretschmer,  Gr.  Vasen - 
inschr.  S.  103;  Lichtfield,  H.  W.,  The  attic  aiphabet  in  Thucydides:  A  note  on 
Thuc.  8,  9,  2:  Harvard  Studies  23,  1912,  129. 

S.  53—54.  Thompson,  Introduction  to  gr.  and  lat.  pal.  (1912)  p.  318  gibt 
eine  Ligaturentafcl  nur  für  die  lateinische  Cursive,  während  sie  für  die  griechische 
eben  so  nötig  gewesen  wäre. 


—     499     — 

S.  57.  Dölger,  Fischsymbol  1,  372  A.  3,  verwirft  die  Annahme,  daß  das 
Monogramm  Christi  aus  dem  Mithras-Cultus  stamme,  ohne  einen  ernstlichen  Ver- 
such zu  machen,  die  vorchristlichen  Münzen  und  Inschriften  zu  erklären.  X  und 
P  sind  natürlich  der  Grund,  weshalb  das  Monogramm  auf  Christus  bezogen  wurde ; 
aber  entstanden  ist  es  in  der  vorhergehenden  Zeit.  Mit  Recht  sagt  daher  Harnack, 
Mission  u.  Ausbreitung  des  Christent.  2-  S.  1906  !S.  312:  der  Fund  bestärkt  m,  E. 
nur  den  längst  bestehenden  Argwohn,  daß  das  „Christusmonogramm"  fremden 
Ursprungs  ist. 

S.  81,  Stichometrische  Angaben  in  den  Handschriften  des  Gregor  Naz.  siehe 
Sajdak,  De  codd.  gr.  in  Monte  Casino.     Klrakau  1912  p.  53—57. 

S.  91  A.  Thompson,  E.  M. ,  An  Introduction  to  gr.  and  lat.  pal.  Oxford 
1912  p.  572  ff. 

S.  104.     Turranius  6—4  v.  Chr.  BGU..  4  Nr.  1198—99. 

S.  113—14.  Wallies,  Rhein.  Mus.  67.  1912  S.  639  verweist  noch  auf  zwei 
andere  Stellen  des  Jo.  Philoponus  zu  Aristot.  Anal.  Post.  1,  13  und  Anal.  Prior.  5,  9: 
i^oüfpeiv  ö^vQVY/ov  Tj  ffiqoYyvXov  /uoaxTrjoa-^  vgl.  Nestle  ebendort  S.  142. 

S.  118.  Vorzügliche  Nachbildungen  erläutern  auch  Breccia's  Iscrizioni  gr.  e 
latine  des  Museums  von  Alexandria  s.  Catalogue  generale  d.  antiq.  egypt.  57 
Nr.  1 — 568.  Le  Caire  1911;  vgl.  auch  Morgan,  J.  de,  t^t  s.  1.  decadence  de  l'ecri- 
ture  gi'ecque  dans  l'empire  perse  sous  la  dynastie  des  Arsacides:  Revue  Arch.  IV, 
20.  1912  p.  1,  p.  18:  Alphabete. 

S.  120.     Initialen,   groß  und  vorgerückt   Pap.  Oxyrh.  9.  1200  pl.  VI  (a.  266). 

S.  125  A.  3.  lOLoaü  y.ai  TtTQuaaü  s.  Merk,  Stimmen  aus  Maria  Laach  1912 
S.  444. 

S.  128—29.     Hermas  s.  Pap.  Oxyrh.  9,  1172. 

S.  138.     Freer-Evangelien  N.  Pal.  Society  201—2;  vgl.  Br.  Mus.  Pap.  46. 

S.  150.     c.  Sinait.  213  vom  Jahre  967  s.  Monum.  Sinait.  T.  41. 

S.  163.  Darapsky,  Gebundene  Schrift.  Arch.  f.  Stenogr.  62.  1911  S.  68 
(griech.  u.  lat.). 

S.  202  Fig.  59.  Denselben  Papyrus  of  the  highest  palaeographical  value  hat 
auch  Thompson,  Introduction  in  gr.  and  lat.  palaeogr.  (Oxford  1912)  p.  182  Fig.  41 
ausgewählt,  und  fügt  dann  noch  einen  ähnlichen  aus  dem  8.  Jahrhundert  hinzu 
p.  183  Fig.  42. 

S.  227.  Proben  ai-chaisierender  Schrift  bei  Sittl,  Sitzungsber.  der  Münch. 
Akad.  (Philos.-philol.-hist.  Cl.)  1888  S.  258,  Graux  -  Martin ,  Mss.  gr.  d'Espagne 
Texte  p.  94  pl.  13  (c.  Escor.  Q  I,  16)  und  Sabas,  Specimina  pal.  t.    }^\  v.  J.  1593. 

S.  229.  Mikroskopisch  ist  auch  die  Schrift  des  c.  Sin.  108  (s.  XIII— XIV): 
Mon.  Sinait.  T.  82;  der  Herausgeber,  der  sonst  Alles  transscribiert  hat,  verzichtet 
hier  vollständig  auf  eine  Lesung.  Diese  Schrift  hätte  bei  der  Wiedergabe  ver- 
größert werden  müssen. 

S.  271.  Thompson,  E.  M. ,  Introduction  to  gr.  and  lat.  palaeogr.  Oxford 
1912,  575. 

S.  276.     Mentz,   Beitr.  z.  Gesch.  der  Tiron.  Noten.     Arch.  f.  ürk.  4,  1912  S.  3. 

S.  280.  Eunomios  s.  W.  Weinberger,  Tu  Evi'Ofiiov  youixuaTd.  Wiener  Studien 
34,  1912,  S.  74.  der  i'yvoixd  schreiben  möchte. 

S.  413.  obelos)  found  both  in  the  text  and  on  the  margin  —  —  usually 
drawn  from   right  to  left  obliquely   downward.     Havard  Stud.  4.  1893,  180.     Der 

32* 


—     500     — 

Obelos  bezeichnet  in  Handschriften  des  Gregor  Xaz.  propositions  heterudoxes,  que 
l'orateur  va  refuter.     Mel.  Graux  p.  14  n. 

S.  429.  Als  Vorbild  für  die  Subscriptionen  der  Bücherschreiber  mögen  die 
kurzen  Unterschriften  der  Notare  gedient  haben,  z.  B.  di  emu  Damian(n)  eteleiothh. 
Amherst  Pap.  Nr.  CL  (a.  592). 

S.  475.  Monate  nach  der  kaiserlichen  Dynastie  benannt  s.  Catal.  codd. 
astrolog.  gr.  2  (1900)  p.  143. 

S.  476.  Doppeldatierungen  der  Monate  sind  nicht  gerade  häufig;  vgl.  'Exa- 
TO^ißaibifog  fiTjvbc  xairt  'A&Tji>alov;,  öv  lovviov  gcoiia'icrii  y.a'/.ovaiv.  Georgias  Hermo- 
nymus:   N.'ED.TjfOfivrjficov  4.   1907,  327. 

S.  481  A.  1.  Über  Galesion  s.  Weinberger,  Sitzungsber.  d.  Wien.  Akad.  161, 
IV.  1909,  10  A.  2. 


Register. 


Abc,  goldenes  62. 

—  -Denkmäler  35  A. 
Abbreviationes  320. 
Abbreviatur  322. 
Abendland  257.  397. 
Abkürzungen  230.  241.  257.  317. 

—  alchymistiscbe  323. 

—  auf  litter.  Pap.-Denkm.  328  A.  3. 

—  cursive  328. 

—  der  Engländer  320. 

—  der  Minuskel  331. 

—  der  Eömer  320. 

—  für  Münzen ,  Maße  usw.  328  A.  330, 

—  mathematische  332. 

—  monogrammatische  50. 

—  Principien  der  323. 

—  profane  327. 

—  rhetorische  323. 

—  tachy graphische  271.  288—89.  331. 

—  theologi.sche  323. 
Abkürzungsstrieh  321—22.  332. 
Abrahams  Jahre  449. 
Abraxas  308  A.  7. 

—  -gemmen  306. 
Abschrift  162. 
Abt  431. 

Abu-Simbel  34.  48. 
Acacius  131. 

Accente  145—46.  230.  381.  388. 

—  hebräische  419  A. 
Acut  382.  389.  393. 
Addition  372.  374. 
ÄdQicti'ö^-  475;  s.  a.  Hadrian. 
Ägypten   170.  246. 

—  arab.  Eroberung  172. 
Ägypter  10.   17.  402. 
ägyptische  Unciale  250  A. 
ägyptisch-koptisch  250. 
Aelius,  P.  Actiacus  278. 
Aera  Äctiaca  444 — 45. 

—  Alexanders  441. 

—  locale  445. 

—  martyrum  446. 

—  mohammedanische  446 — 47. 

—  Welt-,  veschied.  Arten  449. 
Aeren,  ägyptische  444. 

—  armenische  447.  450  fF. 


Aeren,  ascolitanische  446. 

—  christliche  449. 

—  von  Bostra  451. 
Aeschylushandschrift  438. 
Ätzschrift  10. 
ÄYaqiqvoi  436. 
Äxani'lov  navi]  433. 
Akropolis-Stein  264.  291. 

Zahlentafel  365.  377. 

Akrostichen  62. 
akrostichische  Zahlen  354. 
alchymistische  Abkürzungen  322  A. 
Alexandria,  Stadtquartiere  361. 
alexandrinische  Curialschrift  250. 

—  Gelehrte  391. 

—  Schreiberschule  125.  251. 

—  Unciale  250. 
Alkmanpapyrus  391.  403. 
Allegorien  134. 

Allen,  T.  W.  4s3. 
Alphabet  7. 

—  ältestes  44. 

—  attisches  45 — 46. 

—  der  Inschriften  83.  87. 

—  Dissimilierung  40. 

—  dorisches  365. 

—  gemeingriechisches  83. 

—  ionisches  45.  365. 

—  ohne  geschriebene  Buchstaben  299. 

—  ohne  Schrift  7. 

—  Reform  des  35. 

i    —  Vereinfachung  40. 
Alphabeta  cryptographica  305  A.  2.  806. 
alphabetisches  Zahlensystem  357. 
Ambrosianische  Ilias  126.  390. 
äfiezäßola  (yQÜ/xiJttitt)   des  kryptogr.  Al- 
phabets 311   A.  2. 
ufiT/i'  309.  315. 
Ammonius  130. 
Amoriter  22. 
Amphilochius  73. 
Amulette  306. 
anacyclici  versus  64. 
Anakrostichen  63. 
Analphabeten  9. 
avanoÖKXfiöc  64. 
anchora  412. 


-      502 


Anecdoton  Cavense  414. 

—  Parisin.  412. 

—  Eoman.  411. 
(iveifiivTj  382. 

Anfangsbuchstabe  120—21.  321. 
„Anfassen"  167. 
Anführungszeichen  40G. 
Angaben,  bibliographische  70. 
angelsächsisch  47.  262. 
Annalis  286. 
ui'iai'ttyj.aiofiepj]  382. 
Anthe.sterion  476. 

(iviißoXiv,  Tiqb:  lö  427. 

fii'Tt/yQucpop   162.  425.  427. 

Antilegomena  128. 

Antiquarii  163. 

Äviifnyua  411.  412. 

Antoninus   127. 

Antonius,  M.  162. 

«jw,  71001X1],  ÖeviäQa,   tqIu^   401. 

t6  fft'Cü^'v/^ot^  (Tti^siof  364  A. 

ÄnBÜ.aio;  473. 

ucpcovn   1.   311. 

Aphrodito-Pap.    192. 

Apices  388. 

aTioYQtcfiij  y.ni    oiy.iai'  4.58  A. 

Apolinariu.s  427. 

Apostroph  397  A.  398—99. 

nnwTooffjo;  383.   389. 

Arabische  Cur.sive    188. 

- —  -griech.-latein.  256. 

—  Zahlenkryptographie  316. 
Aramäisch  25 
nQ/rtLoyoücpo;  163. 
archaische  Formen  90. 
archaisierende  Schrift  226 — 27.  388: 

Nachahmung. 
Arethas-Codex  211.  431. 
Aristarch  382.  412. 
Aristophan.  byz.   382.  401. 
Aristoxenosfund  415. 
Armenisch  47.  252.  262.  447. 
Artaben  356  A 
ArtemLsia  92.  160. 
Äojt^iiTio;  473. 
asiatisches  Zahlensystem  357. 
Aspiration  385. 
Assimilierung  165. 
Assyrer  10.  17. 

Asteriscus  408.  411.  412.  413.  414. 
Asterius  281. 
Astragalus  414 
Astronomen  379. 
Astronomica  sigla  321. 
Atbasch  801. 
Ä&nvnaiov  Aavqa  437. 
Athanasius  131. 

—  Brief  des   182. 

—  Mönch  483. 
ÄiTiy.ii   yoüijunTn  46. 
Atticus  V.   C.  P.  465. 
Ausgabe  81  A.  413  A. 


Attischer  Ursprung  d.  Tachygr.  273. 

Aidvaio;  473. 

Auflage,  Begriff  der  70. 

Aufstrich  188. 

Auftact  166.  185. 

Auguralwissenschaft  93. 

Augustus    174—75.   302     442.    453.   455. 

467.  474. 
Auramazda  433. 
Authentica  162. 
autographe  Unterschriften  192. 
Autographon  162. 

Bacchylides  93.  111.  889.  400. 

ßaoaia   382.   389.  409.  420. 

Barnabasbrief  128. 

Barockzeit  226. 

ßaai;  99. 

Batiffol  254—55. 

Bei]c  N.  115. 

Behistün,  Inschr.  von  433. 

Bellerophon  30. 

BeschreibstoflF  7.  161. 

Beschwörung  425. 

Besteller  des  Buches  430.  437. 

Bibelhandschriften  117. 

—  bilingue  259. 
bibliographische  Angaben   70. 
Bibliothecar  425. 

ßißlo:  ':coT/;  433. 
Bilderschrift  6.  7.   17. 

—  mykenische  22. 
Bindestrich   166. 
Birt  80.  125  A. 
Blass  78. 

Bleiplatteu  169.  171  A.  359. 
Blindenschrift  4. 
Boedromion  476. 
Boethius  381. 
Bombyciu  227. 

—  -Codices  69. 
bouclage  249  A. 
ßqnyeia  383.   389. 
Brachygraphie  266—67.  269.  284. 
Brandis,  J.   16. 

Brandschrift  7. 

Brebeuf  5. 

Briefschrift  84.  162.   186.   198. 

Bronceaxt  13. 

Brüche  356  A.  373. 

Buch,  das  älteste  91  A. 

druck  241. 

riuch  433  A. 

—  geschriebenes    voniehmer    als    ge- 
drucktes 241. 

—  redend  434. 
Schrift  84.  203. 

—  —  kalligi'aphische  217. 
Buchstaben  7. 

—  achtundzwanzig  263. 

—  als  Zahlen  358. 


503 


Buchstaben,  Anordnung  der  48. 

—  auf  die  Seite  gelegt  360. 

—  Auswahl  u.  Anordnung  der   25. 

—  eingehängte  185. 

—  epigraphische  Formen  90.  94  A. 

—  Erfinder  der  24. 

—  -formen  des  c.  Sin.   128. 

—  für  Menschen  u.   Stadtquartierc  361. 

—  hohe,  tiefe  u.  mittlere   112.  186.  189. 
219.  229. 

—  -namen  25. 

—  phönicische  267. 

—  -schrift  5.  19. 

—  —  reine  19. 

—  übereinandersteheude  52. 

—  vergessene  364. 
zahlen  362. 

—  —  mit  Episema  363. 
buchstäblich  geschr.  Zahlen  362 — 63. 
Bücherkrüge  171. 

bulgarisch  47. 
Bureau  278. 
fiuviTTooqrjöoi'  46.  48.   59. 


Cadmus  24.  26;  s.  Nachtr. 
Caesar  302. 

Caesarea,  Bibl.  v.  127.  427. 
Cäsur  54.  167.  193. 
calamus,  breit  119. 

—  spitz   114. 

L.  Calpurnius  Piso   103. 

Camarin  153. 

canons  110. 

Canzleischrift  183.   198. 

Capitalschrift  84. 

Casia  418. 

Cataloge  der  Handschriften  428. 

Celtiberisch  47. 

Census  458.  461. 

X  408  A. 

Chalkus  356  A. 

y(to(x-/iirjoi<yf.iain   288. 

Charakteristik  des  Buches  430. 

yaqny.iifQ  6  Isyöfievo;  364  A. 

/eiüo&saia  251. 

Chemische  Abkürzungen  322. 

XtuCeif  408. 

Chigi-Vase  41  A. 

Chinesen  10. 

XMr  309. 

/m  308. 

A'oi'«/«   473. 

Chronicon  paschale  448.  449.  464. 

Chronographen  452. 

Chronologie  441. 

Chronologische  Bestimmung  d.  Hs.  430. 

—  Liste  171.  515. 
Chiysostomus  440. 

—  The  Eton  241  A. 
cifra  377. 


Circumflex  389.  393.  409. 

Clementiuen  ]  29. 

clerc  9. 

Clermont-Ganneau  42. 

Codex,  ältester  datierter  d.  Minuskel  428. 

—  d.  Unciale  428. 

cod.  Alexandrinus  112.  128.  129.  384. 

Nr.  917:  286. 

Ambros.  B.  106.  sup.  426. 

—  Augiensis  258. 

—  Barocc.  306.  316. 

—  Beratinus  141. 

—  Bezae  199. 

—  Bornerianus  258. 

—  Caesariensis  140. 

—  Clarkianus  81.  386. 

—  Colbertinus  I:   122. 

—  Constantinop.  pal.  veter.  316  A. 

—  Ephraemi  Syri  121.  128. 

—  FVederico- August.   123. 

—  r  150.  386.  428  A.  481. 

—  A  258  A. 

—  H   75.  141. 
Unterschr.  74. 

—  Holkam-hall  259. 

—  Laud.  258. 

—  Laurent  IX  15. 

Conv.  soppr.  305 — 6. 

—  London  Br.  Mus.  Add.  18.  231. 

—  Marchalianus  251.  414. 

—  Paris.  Coisl.  200:  417. 

—  Petropol.  71.  315. 

—  Kossanensis  140. 

—  Sangallensis  A  259. 

—  Sangermanensis  259. 

—  Sarravianus   121.  384.  414. 

—  Sinaiticus  121—22.  251.  384. 
Alter  125. 

—  —  Provenienz  124. 

—  Theodosianus  466. 

—  Vaticanus  121.  129. 
Reg.  181  S.  288. 

—  —  (Aristophanes)  386. 

—  Venetus  (Plato)  386. 
A.  413. 

—  Zacynthius  141  251. 
CoUationieren  425.  427. 
Colometrie  72.  77.  401. 

—  inschriftl.  75  A. 

Colonialgesetz  von  Naupaktos?  365  —  66. 

—  von  Salamis  49. 
Columnenbreite  68. 
Columnenzahl  68.  126 
commentarius  290 — 91  A. 
compcudiosa  acnigmata  320. 
Concil,  Trullanisch  448. 

—  von  680   192. 

—  von  Carthago  129. 

—  von  Laodicea  129. 

—  von  Nicaea  132.  317.  434.  464. 
CONOB  361. 

Conservatives  Element  d.  Sehr.  83. 


—     504 


Consonanten  4.   295  (s.  Vocale);    vgl. 

äqjcova. 
Constantin  444.  453.  469. 
Constantins  Bibelliandschriften  125.  426. 

—  Schreiber,  469. 
Constantinopel  209.  252 

—  erobert  218.  225    452. 
Consulatsaera  445.  467. 
contiguite  42. 
Contraction  322. 
Cophe  260. 

Copie  162. 

Crusius,  O.  416. 

Curialschrift  250. 

Cursive  84—85.  159.   162.   163. 

—  arabische  188. 

—  attische  169. 

—  Ausläufer  198. 

—  Ende  der  189. 

—  in  Uncialhandschriften  199. 

—  Perioden  172. 
Cyclen,  Versch.  454. 

—  14  jährig  458. 

—  15 jährig  458. 
Cylinder-Inschr.  81  A. 
Cypem  30. 
cyrillisch  47.  262. 


Jaiffioc  473. 

Darius  Hystaspes  433. 

Dariusvase  356. 

öuaeia  382.  389. 

daavTTj;  388. 

Datierung  der  Handschriften  144. 

röm.  Zeit  443. 

Deciuialzählung  13.  366. 

Dehnung  der  Worte  419. 

Delphi  13. 

delphische  Verbindungstafel  268. 

/Ulla  361. 

Demetrius,  Schreiber  428. 

Demostheneshandschrift  413. 

Denar  X-  372. 

Deutsche  Schrift  47. 

öiaßärr],  96. 

diagonaler  Querstrich   194. 

ÖiayQuqpaiv  408. 

Diamantschrift  210. 

Diastole  399. 

di  emou  283.  500. 

differences  provinciales  255. 

Digamma  35.  36. 

Diliporis  308. 

öifiÖQiov  373. 

Diocletiau  446.  453. 

Diodorus  427. 

Dionysius  277.  468. 

—  von  Syracus  360  A. 

dicoQitoyaa  427. 

Jio}  473. 

Dioscorides  134.  258. 


ÖLnlünitt  268. 
Ömiri  411.  412. 
Diskos  des  Iphitus  32. 

—  von  Phaistos  12. 
Dissimilierung  165. 
Division  374. 

Dodona,  Bleitafeln  v.  359. 
Donati,  V.   123. 
Donator   437. 
Doppeldatierung  500. 

—  der  Indict.  462. 
Doppelpunkt  400. 
Doppelsinn  334. 
dorische  Wanderung  29. 
do^ai  72. 

Drachmen  356  A. 

Drakon  31. 

Dreieck  60. 

Druck,  ältester  griech.  datiert  240  A. 

Druckschrift  7.  87.  241. 

—  moderne  241. 

Drucktypen,  erfunden  v.  Manutiii-  241. 
Ductus  244. 

Egerdir  252. 

Ehrhard  74.   113.   130.  142. 

eingehängte  Buchstaben  185. 

Einklammern  408. 

t'y.inai;  388. 

Elaphebolion  476. 

Elias  Presbyter  433  A. 

Emissionszahlen  358. 

Enacöse  260. 

Ende  der  Arbeit  433. 

'^EvsTLijai  431. 

Entwurf  162. 

Epacten  441  A. 

innfoi.iavrj  473. 

Epigraphische  Charaktere  94  A.  133. 

tnifs^ijffic  455. 

'EnUp  473. 

Epiphanias  414. 

Episema  363. 

—  ohne  Namen  364. 
Episimon  260.  311. 
inneinfiEvi]  382. 
Eratosthenes  B  361. 
Erfinder  der  Buchstaben  24. 

—  der  Druckschrift  241. 

—  der  Schrift  5  A.  2. 
Eteandros  17. 
Eteokreter  14. 

tiovz  L  341—42  A. 

Etruskisch  47. 

Euagrios  113. 

Euclides,  Archont  4H. 

Euclidhandschrift  399. 

Eudocia  65. 

IlvÖö^ov  jex''']  64. 

Eugenia  257. 

Eugippius  427  A. 

Eunomios,  tachygr.  280;  s.  Naclitr. 


505 


Euripides  82.  92. 

—  Antiope  73.  93. 

—  Melanippe  117. 

—  Orestes  416. 
Euscbius  130.  426  A.  427. 
Eustathios  280.  305. 
Euthalios  74  ff.  130.  391. 
Euzoius  131. 

Evans,  A.  J.  11.  13.  21. 
exceptores  279. 
Exlibris  404. 

Faliskisch  47. 
Familienpapiere  172. 
Ferialbuchstaben  480. 
Figurengedichte  67. 
Finanzjahre  443.  460. 
Flaggensig-nale  7. 
Flavius  Arrianus   278. 
Fluch  des  Schreibers  42.5  A.  433. 
Format  der  Handschriften  119.  229. 
Fragezeichen  405. 
Freerhandschriften  138—40. 
Freude  über  das  Ende   432. 
Füllungszeichen  64.  378.  406. 
P'ürbitte  432. 

Funde,  zusammenhängend  171. 
furchenförmig  48;  s.  bustrophedon. 

(xalater  170  A. 

Gallisch  47. 

(xamelion  476. 

Geheimschrift  298.465;  s.  Kryptographie. 

Gemistos  Plethon  475. 

(jj-enesius  481. 

Georgios  Pachymeres  475. 

Georgisch  47.  252.  262. 

Gerinanicus,  Edict  162.  165  A. 

Gerraanus,  Mönch  470. 

Gesangsnotenschrift  420. 

Geschichte  9. 

Geschichtsforschung  9. 

Geschworene,  attische  365. 

Gesetze,  geschi-iebene  31. 

Getreidesteuer  463. 

nivBini)  374. 

Glagolitza  47.  205. 

Glaucus  V.  Samos  382. 

Glossare  259. 

—  Andegavense  259. 
Gomperz  264 — 67. 
rogniaio.  473. 

Gortyn,  Gesetze  von  31.  48.  359. 
Gothofredus  466. 
gotisch  47.  262. 
Götter,  schreibende  1 1 . 
(rourmont,  G.  de  241  A. 
y()ttfj.uui  45 — 46. 
YQÜuudia   18  A.  274. 

—  ut.B^avdoifa  251. 

—  Evvofiiov  280;   s.  Nachtr. 


j'cxi/yurtr«  y.exoXotfjfiBVtt  (?)  206. 

—  oreof«  288. 
YQrtfi^ttievg  ßaaü.iy.o;  184. 
Grammatik,  Lehrb.  264. 
YQnuiAuiiy.li  jj.  J£vy.leidijf  46. 
YQnfiurtTiaög  280. 
grammatische  Speeulation  263. 
yQnfijjaioyoaqjo:  280. 
graphische  Speeulation  263. 
Graux,  Ch.  79.  81.   155. 
Gravis  382.  389.  393. 

—  verdoppelt  394. 
greco-lombarde  255. 
Gregoire  460. 
Gregor  v.  Nazianz  73. 
Gregors  Dialoge  393. 
Gregory  123. 
Grenzcippen  359. 

Griechisch  u.  Lat.  verwechselt  187. 

—  Cursive   nicht   abhäng.  v.  Rom.   187. 

—  Gottesdienst  im  Abendl.  257. 

—  Schrift  abgeschafft  192.  379. 
Grottaferrata  287. 
Grundformen  der  Unciale  90. 
Grundstriche  119. 
Gutschmid,  A.  v.  471 — 72. 


H  cod.  74. 

Haarstriche  119.  148.  153.  185. 

Hadrian,  Steuer-Erlaß  462. 

Hälfte  373. 

Häkehen  397. 

Härte  1  459. 

Hagiopolites  (David)  72. 

Hakenkreuz  57. 

Halbkreis  (=  >/.,)  316. 

Halbmond  95. 

—  -förmige  Buchstaben  120. 
Halbvocale  35. 
Halikarnass  357. 
Handschriften,  biblische  117. 

—  datierte  145.  147.  423.  428  s.  u.  515. 

—  nicht  für  Geld  432. 

—  profane  117  A.  2. 
Ä&vo  473. 
Hauchzeicheu  37. 
hebräische  Zeichen  260. 

für  gi-iech.  Worte  300. 

Hegemonios  280. 

Hegira  449. 

Heimat  des  Schreibers  423. 

Heiratsvertrag  vom  Jahre  310    92. 

Hekatombaion  476;  s.  Nachtr.  500. 

Helioshymnus  309. 

tlli/fiy.ü  yonufidTa  305. 

Henkelinschriften  13. 

Henochbuch  150. 

Hephaestion  413. 

Heraklea  383. 

herculaneusia  volumina  71.  80.  103. 

Hermas  112.  128—29.  395. 


—     506 


Hermogeneshandsehrift  286. 

Hei'odian  354 — 55. 

Herodot  358. 

Hesiod  410. 

Hesychius  130. 

Hethiter  16. 

Hexameter,  Silben  des  80. 

Hexapla  414.  425;  s.  Origenes. 

Hieroglyphen  7.  11.  14.  20.  353. 

—  asiatische  1 6. 

—  der  Hittiter  12, 

—  kretische  12. 

Hieroglyphik,  mittelamerikanische  10. 

iSQOY'/.vqixu  j'^iijU^orra   305. 

hieroglyphisch  321. 

Hieronymus  73—74.  427  A. 

Hilgenfeld  126. 

Histiaeus  48. 

Hoffraann  126. 

Hohmann  442.  462. 

oloYQafi^aioc  362. 

Homer  30.  358.  390.  391.  393.397.410.482. 

—  Odyssee  413;  s.  Rias. 
Homerfunde  412  A. 
homerischer  Vers  79 — 80. 
Honorata  135—36. 
Hörnchen  167. 
Hrabanus  Maurus  67. 
hufeisenförmige  Überschrift  62. 
Humboldt,  Alexander  v.  24. 
Hymnen,  delphische  416. 
'TnsoßsQSTnio;  473.  476. 
VTteQETet;  458  A.  2. 
Hyperides  93. 

vq)Ev  383.  389.  400.  414. 
vnodittiTTob'/  383.  389.   399. 
vnoYQCt^liniEVQ  285. 
Hypolemniscus  414. 
VTioarj/AsioviTi^ctt  272. 
VTioaiif^ij  401. 
VTTOTsleifii  401. 


Jacob,  A.  94.  449. 

Jambulus  263. 

IX0YI  63.  304;  s.  Nachtr.  zu  S.  57. 

Ictus  409.  411  A. 

Ideenschrift  5. 

ideographisch  13, 

Jernstedt,  V.  117.  248,  251. 

T.  Jlqkttov  ßnaü.Evovio:  451. 

Ilias  413. 

—  Ambrosiana  384. 

—  bankesiana    81.    101.    102.    358.   386. 
401.  410. 

—  in  nuce  277. 

—  Tie^t  'Thnx^c  aiiYurjg  401. 
Inder  47.  65.  67, 

indictio  paschae  456. 
Indiction  50.  454. 

—  africanische   466. 

—  ägyptische  466. 


Indiction,  älteste  464. 

—  altpharaouische  462  A, 

—  Anfang  der  462. 

—  ^'QXiii   rf^-f'  ^^59 — 60. 

—  constantinisch  454.  464  A. 

—  fehlt  a.  307—309:  464. 

—  italische  466. 

—  in  Constantinopel  466 — 67. 

—  mit  festem  Datum  459. 

—  neue  460. 

—  römische  466. 
ifdixiiojin).!^  462. 
Indische  Ziffern  374.  378. 
Individualität  des  Schreibenden  !S4. 
Indogermanen  23. 

Initialen  120.  128. 
Initialzahlen  354.  363.  371. 
Inschriften,  Abkürzungen  324. 

—  älteste  attische  33. 

—  —  griech.  erhaltene  33. 

—  altertümliche  griechische  29. 

—  eines  Teppichs  7. 

—  facsimiliert  118. 

—  Schliemanusche  15. 

—  von  Göttern  oder  Heroen  33. 
Inseln  der  Seligen  263. 
Instrumentaluoten  365. 
Interaspiration  385. 
Interpunktion  394. 

—  selten  128.  404. 
Intervalle  420. 

Schrift  420. 

Johannes  427, 

—  graecus  260. 

—  monachus  428. 
Jota  adscriptum  242. 

—  inscriptum  243. 

—  subscriptum  243. 

—  suprascriptum  243. 
Isidor  von  Sevilla  414. 
'I(Tiun/])uittL  436. 
i(j6ipri(ptt  fc^xw^ut«   308. 
Isopsephie  307. 
idöaii/o;  70;  s.  nokvcni/o;. 
Italisches  G-riechisch  202. 

—  Provenienz  469.  470. 

—  Stämme,  Schrift  bei  den  34. 
Judas  434. 

'lovlin  2^s8niTTii  476. 
Juliana  1.34—135. 
Julius  Cäsar  455. 
Justinian  320,  466. 
Justinus   241. 


Kaiserbrief  162.  186,  198. 
Kaisemamen  431. 
Kalender,  griech.  441  A.  476. 
—  lunisolar.  475;  s.  auch  Monate. 
Kalligraphen  68. 

y.a).hYQ(tqirt  (schön   ausgedr,   Sentenzen) 
408. 


507     — 


kalligraphische  Büchersehrift  20(). 

Kalumo  28.  H4;  s.  Nachtr. 

Kanzleischrift  160.  163. 

Karlen  857  A. 

y.dcQxii'oi  aii/oi,  64. 

üftifhjfiuin  72. 

Keilschrift,  assyi'ische  20. 

xsxXnfffiepr]  882. 

Kenyon  160. 

xecpulaiu  72. 

xeqai'riop  408.  411.  412. 

keulenförmige  Buchstaben  120.  137. 

atovrjSöv  58 — 59. 

Kircher  416. 

kleinasiatische  Handschriften  252. 

Kleinasiens  Besiedelung  30. 

Kleinunciale  116. 

Kleobis  und  Biton  88. 

Klerus  9. 

Königsnamen  m.  Ordinalzahlen  373. 

xüht  78.   74. 

Komma  406. 

Kopfsteuer  457. 

xönov,  8iu  430. 

Koppa  514;  s.  Cophe. 

Kopten  192. 

Koptisch  47. 

koptische  Formen  133.  251. 

—  Nationalschrift  248.  262. 
Koronis  403.  409. 
Kosmas,  Kanon  417. 
XQÜT7]aig  KaitTotqoi  445  A. 
Kreis  60. 

—  -förmige  Buchstaben  95. 
Kreta  29.  48. 

Kreuz  60. 
Ki'oatisch  47. 
Krösus  34. 
Kronion  476. 
xQvcpla  414. 
Kryptographie  7.  298. 

—  auf  Inschriften  818. 

—  des  Rechnens  307. 

—  des  Schreibens  300. 

—  epirotische  806. 

—  magische  306. 

Tachygraphie  282  Fig.  70.  304. 

—  Zahlen-,  einstellig  311. 

—  —  zweistellig  314. 
kryptographische  Alphabete  305  Fig.  72. 
Kyprioten  30.  48.  49  A. 

Kypselos,  Inschrift  des  33. 
lade  83. 


Jjabarum  57. 

Labdalon  96. 

Lagarde  22.  28. 

Lambros,  Sp.  114.  378.  436.  483  usw. 

langobardisch  262. 

lateinisch  47. 

lateinische  Nationalschrift  246. 


Lautschrift  5. 

Lebensalter  des  Schreibers  431. 
Lefebvre,  G.  460. 
Lehrvertrag,  tachygr.  278. 
Leipziger  Pap.  (tachygr.)  282. 
lemniscus  414. 
Lenaion  476. 
Leonidas,  alexandr.  307. 
Leser  487, 

—  dankbarer  432. 
Lesezeichen  394.  414. 
Xrj&Tjc  (f)ÜQ(xaau  1 ;  s.  Nachtr. 
librarii  163. 

Ligatiir  53.  137.  167.   241. 

—  mittelbare  53.  168  A. 
Lineares  Schriftsystem   13. 
Linearschrift,  ältere  und  jüngere  13. 
linksläufig  48. 

XiiöyQiKfo;  88  A. 
littera  beneventana  258. 
litterae  274. 
■ —  feriales  478. 

—  formatae  317.  464—65. 

—  priscae  35  A. 
litterarisch,  nichtlitterarisch  160. 
liturgisch.  Noten  394. 

—  Vortrag  392. 

—  Zeichen  419. 
Löwe,  Bild  eines  60. 
Lohn  der  Arbeit  486. 
Acjioc  478. 

Lose  mit  Buchstaben  360  A. 
Xvxvixöi'  477. 
Ludwich,  A.  412. 
Lunarbuchstaben  478. 
Lykien  30.  170. 
Lykisch  47. 
Lykurg   31. 

Maecenas  276  A. 
Märtyreraera  447. 
May^avwv  fxopri  437. 
Magische  G-eheimschrift  306. 
Mailänder  Psalter  387  A. 
Maimakterion  470. 
Majuskclcursive  85.  87.  163.  170. 

—  n.  kalligraph.  164. 

—  römische  175. 
Ijax()ä  888.  389.  409. 
Manuel  Chrysoloras  453. 
Manutius,  Aldus  241.  289. 
Marcusevangelium,  letzte  Verse  128. 
Massudi  380. 

Mathematiker  379. 
mathematische  Abkürzungen  822. 

—  Fragmente  146. 
MausoUus,  Grabmal  366. 
Maximus  Planudes  378. 
Me/io  473. 

MEI0PAC  308. 
(irjvoloyeiv  467. 
Menoloffien  475. 


508     — 


merovingiscli  262. 
Mesa  27. 
Mesastein  44. 
UEffT]  382.  401.  420. 
MeacjQi'i  473. 
Messenier  33. 
Metageitnion  476. 

fisiayouqeip  46  A.  5.  428;  s.  Xachtr. 
fieTaa/ijUaiiCea&ai   41.  263. 
(iei8h)(f)i^ij  427. 
Methodius  285. 
Meton  468. 

metrische  Subscriptionen  434 — 35. 
Metrophonie  418. 
Michael  427.  429. 

mikroskopische  Schrift  229;  s.  Nachtr. 
J/iva'ixbi'  (jxsvog  13. 
rainoische  Cultur  29. 
Minos   12.  14. 
minuscule  penchee  210. 
Minuskel    86—87.    188.    190.    204.    399. 
401.  405.  432. 

—  alte  208—9.  216. 

—  datierte  208.  429. 

—  Heimat  der  209. 

—  junge  225. 

—  mittlere  216—17. 

—  Unterarten  210. 

—  Verhältnis  zur  Cursive  205. 

—  —  zur  Unciale  205. 

—  Verschiedenheit  der  alten  210. 
Minuskelcursive   85.  163.  170.   186.  188. 

190.   198.  200.  210. 

—  byzantinische  191.  199  Fig.  58. 

—  letzte  vom  Jahre  996:  204. 

—  stilisiert  205. 
Mißverständnisse  396. 
Mithrascult  57. 
Mittelalter  9. 
Mommsen,  Th.  373. 

Monate  447.  473;  s.  Nachtr.  500. 

—  ägyptische  473. 

—  griechische  475. 

—  macedonische  474. 

—  ps.-attische  477. 

—  römische  473 — 74. 
Mondcyclen  430.  467. 
Monogramm  54. 

—  Christi  57—58. 

—  lateinische  56. 
Monokondylien  50.  313.  481. 
Monumentum  Aneyran.  79. 
Multiplication  372. 
Multiplicationsexponent  370.  374. 
Muhammedan.  Zeitrechnung  448. 
Mumienkästen  172. 
fiovvöy.niQog  206. 

Mxmychion  476. 
Münzen  7.  358. 
Musiknoten  365.  415. 
ixvaiiiirj  (pü.oaocpia  332. 
Myriaden  371. 


Nachahmung   älterer  Schrift  10b;    s.  a. 

archaisierende  Schrift. 
Nachträge  der  Handschriften   425.  4S3. 
Natalis  Alexander  465. 
Nationalschrift  244  ff. 

—  lateinische  253. 
Neapel  257. 
NEIAOC  308. 

—  Personenname  457. 
Nenner  374. 
Neographie  240. 
Neophytos  374.  378. 
Nero  Caesar  307.  309. 
prjTi]  382. 

Neugriechisch  47.  87.  241.  369. 
Neumen  418.  419. 
Nicaea,  Concil  von  434. 
Nicanor  395.  401. 
Nicolaus  Cusauus  259 — 60. 
Nil-indiction  457. 

—  -schwelle  459.  ■ 
Nilus,  S.  287. 
vofiinbv  7r«ö"/«  470. 
Nomina  sacra  325 — 26. 
Normalexemplar  70.  72. 
notae  274;  s.  Nachtr.  276. 

Notare  279.  283.  304;  s.  Nachtr.  500. 

Notariatszeichen  305. 

»/  voTUQixl]  ^eti-odo;  285. 

notarius  379. 

Notation,  medicinische  410  A. 

Notenschrift  7.  365.  417. 

Null  374.  376. 


0(vdauLa)  377. 

OB  362  A.  1. 

ößeXo;  411.  412.  413.  414;  s.  Nachtr. 

o'berzeilige  Schrift  208.  211.  216. 

Obolen  356  A. 

Ogham  7. 

oxTÜös;  291  A. 

Olympioniken  32. 

QMA  310. 

Omont,  H.  241.  314  usw. 

onciale  anguleuse   110. 

—  liturgique  110. 

—  romaine  110;  s.  Unciale. 
Optatianus  66. 

Optatus  Milevitanus  465. 
Ordinalzahlen  358.  372. 

—  linksläufig  375. 
Ordnungszahlen  358. 
Oreon  414. 

Orient  252. 

Origenes  73.  326.  425. 

—  Hexapla  127—28.  425. 
Originalia  162. 

Originalreseripte,  kaiserl.  77 — 78.  162. 
Ornamentik  6. 

Orthograph  171. 

6g&oyQa(pia  (gewöhnl.  Sehr.)  285. 


509 


Oskisch  47. 

Osterbriefe  250. 

O.-^terfe.st  469. 

Ostertafeln  426.  470  A.  4.  471. 

Oval  95. 

Om}.i8  192. 

oBeiu  382.  389.  420. 

ö^vyQacpitt  285. 

oSvyQucpog  274 — 75. 

Oxyrhyuchofi,  Aeren  445. 

o^vqvy/o:  yuon/.Ti'jQ  113 — 115;  s.  Xachtr. 

Oxytouä  390  A. 

P  =  pagina  81. 
TT  156.  514. 
ünybjv  473. 
Paläographie,  Ende  240. 

—  wii^senschaftl.  83. 
Paläologus  56. 
Palästina  252. 
Palamedes  3.  4.  35. 
Tlujjevog  473. 

Pamphilus,  Biblioth.  des  131.  426  A. 

Pampliylien  170. 

Panares  290. 

Pandecten,  florentin.  258. 

Panechotes  278.  290. 

Panodorus  449. 

Papadiken  418. 

Papierciirsive  87.  200. 

Papyrus  Aphrodito  202 — 3. 

brief,  Fälschung  30. 

—  chemiscber  109. 

—  -cursive  201. 

—  Gizeb  463. 

—  Leij^zig  463. 

psalter  76.  109.  391. 

—  Rylands  131—32. 
Schrift  20.   161. 

texte,  littcrariöche  389.  397. 

—  -uncial  91.  92. 

—  und  Pergamentschrift  251. 

—  von  Ravenna  20:;^. 
nnoäyoacpoc  400.  402.  403  A. 
Parallelogramm  der  Kräfte  54.  166. 
Partialstichouietrie  81. 
Pasigrai)hie  263. 

Paijlus  monachus  434. 
navii  465.  473. 
Pergamenischer  Altar  359. 
PergauK-nt-cursive  87.   198. 

—  -haudschriften  d.  Bibel  117. 

—  —  profane  117. 
.Schrift  91. 

—  -unciale  119. 

—  -Urkunden  204. 
Il{t(}ibau)  374. 

7j 6Qiyu('t(peif  408. 

Perikles  272. 

TtEQiaTTojuei'Tj  382.  389.  420, 

IIt{)iiio;  473. 

persönliche  Bemerkungen  431. 


Peruaner  9. 

pesüqim  74. 

Petri-Evang.  u.  Apokalypse  91. 

JlaiQog  286. 

—  6  üyiog  256.  319  A. 
Pflanzenbuch  186. 
(pauepoj&  473. 
0aü)(fi  473.  476. 
qx'tQfiaxof  l.TjdrjC  3. 

—  (ipt'j/jiijg  s.  Nachtr.  zu  S.  9. 
0ttouovtft  473. 

Philippus  Aridaeus  453. 

Philodem  71.  103. 

Philoxenus,  Ps.-  259. 

phonetisch  13. 

(fuvovvia  1 ;  s.  Vocale. 

Phönicier  24 — 25. 

Phrygisch  47. 

Pictographie  13. 

Pilcher  22. 

Pindar  mit  musik.  Noten  416. 

—  -papyrus,  accentuiert  389. 
Piaton,  Abt  285. 

Piatons  Phaidon  93. 

—  vatic.  Handschrift  399. 
nXivitriÖöv  59. 

Tivevf.iuia  388. 

nöÖeg  46. 

Polyeuctus  136. 

no).vaTi/o;  70;  s.  laödTiyo:. 

Poseideon  476. 

Präkoptisch  186.  248. 

Präposition  68. 

Präjjositionen  399. 

Präslavisch  151. 

Prätorius  36. 

Premerstein,  A.  v.  265.  398. 

Privatabschrift  84. 

Prometheus  8.  358. 

Pronajjides  49. 

I^rosodische  Zeichen  381. 

nobJTrj  üi'Cü  401. 

Protokollanten  272. 

Protokolle  50. 

TiQotÖTvnov  427. 

Proviuzialaeren  445. 

Pruukschrift  115.   140.  153. 

ifjal^oi   72. 

Psalterium  Cusanum  258.260.  368  Fig.  66. 

—  Uspensk.  143.  436.  449;  s.a.  Papyrus- 
Psalter. 

yjr/(pog  307. 

^t/.//  383.  389. 

ipü.oYQtttpin  206. 

Wojfiaiog  256. 

Ptolemäus  S.  d.  Glaucias  172. 

Punkt  385.  400.  405.  409. 

Purpurhandschriften  140. 

Pyauepsion  476. 

Quadrat  60. 
Querstrich  372. 


51U 


Quinquennalen  461. 
Quipuschrift  10. 

Radziwill-Evang.  153.  370. 
Rahmen  156. 
Randglossen  144. 
Raumzeilen  72.  82. 
Ravenna  171  A.  257. 

—  Papyrus  184. 
Rechenstein  375. 
Rechentisch  356.  374. 
Rechner  356  A. 
Reduction  d.  Weltjahre  450. 
Regierungscanzlei  184. 
Reichscensus  461. 

Reihenfolge  der  Buchstabenteile  165. 

Reinschrift  162. 

QrjfiaTU   71. 

Qrjastg  72. 

Renaissance-Codex  240. 

Reproduction  d.  Handschriften  423. 

Rhegium  254.  256. 

Ricci,  Ö.  de  250  A. 

Richtermarken  358  A. 

Riemann,  H.  415.  416.  420. 

Ritschi,  Fr.  78. 

Qco^aixä  YQu^i^aiu   305. 

-Ftofioitog  statt    ^^ojfxawg  256. 

'I-'co/Aoiiovg,  Halft  472. 

Romanisch  47. 

Rossano  149.  254. 

Rückstände  der  Steuern  461. 

Rundbogen  113.  144.  154, 

Runen  7.  22.  47.  187  A.;  s.  Nachtr. 

Rylandspapyri  131  —  32.  390. 

I,  cod.  78. 

Sampi  39. 

2:(xv  39.  514. 

^aQttxnivöf,  fc'roc  446. 

säulenförmig  58. 

Schaltjahre  441  A.  442.  473—74. 

Schanz  81. 

Schatzungsliste  vom  Jahre  323:  464. 

<rxeöäoitt  279  (vgl.  I.   158.   159  A.). 

iT/^oX)]  X.  aiy.  Hstqov  256  A. 

Scholion  425. 

Scholz  246. 

Schottenmönche  258. 

Schreiben,  eine  Kunst  6. 

—  Gott  des  s,  Nachtr.  zu  S.  9. 
schreibende  Götter  11. 

—  Heroen  33. 
Schreiber  425. 

—  benannte  423. 

—  Schutzpatron  der  88. 

—  unbenannt  431;  s.  Lebensalter. 
Schi-eiberschule,  ägyptische  139. 

—  alexandrinische  125.  251. 

—  unteritalische  256. 
Schreibschrift  87. 


Schreibübung  162. 
Schrift  3.  5.  83. 

—  abendländische  23. 

—  abgekürzte  319. 

—  ägyjitische  19. 

—  alte  neben  der  neuen  46. 

—  Alter  der  ägyptischen  26. 

—  —  der  babylonischen  26. 

—  —  der  griechischen  28. 

—  —  der  phönicischen  27. 

—  altgriechische  44. 

—  altkretische  11. 

—  Anwendung  der  31. 

—  -arten  in  Hellas  11. 

—  —  imbekannte  10. 

—  —  —  griechische   15. 

—  —  zwei  eines  Schreibers  149.  159. 

—  attische  46. 
behelfe  10. 

—  datiert  s.  u.  513. 

—  dauernd  8. 

—  des  täglichen  Lebens  204. 

—  fremdartige  263. 

—  geheime  298. 

—  Geschichte  der  griechischen  17. 

—  Gruppen  der  griech.  44. 

—  indische  23. 

—  kretische  21. 

—  künstliche  262. 

—  kypriotische  16. 

—  linksläufig  48. 

—  -losigkeit  10. 

—  Mannigfaltigkeit  der  7. 

—  mikroskopische  229.  277;    s.  Xachtr. 

—  mykenische  14. 

—  National-  der  Griechen  43. 

—  ohne  Buchstaben  7. 

—  ostgriechische  44. 

—  phönicische  17. 

—  rechtsläufige  49.  263. 

—  romanische  9. 

—  russische  9. 

—  semitische  23. 

—  senkrechte  263;  s.  auch  slavisch. 

—  Stammbaum  griechischer  47. 

—  südamerikanische  10. 

—  syllabisehe  13. 

—  -Systeme,  selbständige  10. 

—  troische   15. 

—  türkische  9. 

—  und  Cultur  9. 

—  und  Geschichte  9. 

—  westgriechische  44. 

—  zweispaltig  69. 
Schlußverse  433.  436. 
Schultraditiou  311. 
Schutzpatron  d.  Stenogr.  ?  287. 
Schwarz-weiß- Verfahren  423.  485. 
scriptio  continua  68.  395. 
Zeßa<ji6i  474.  476. 

Sedulius  Scotus  258.  430. 
Seeck,  0.  460.  461. 


511     — 


Seismograph  7. 

aeliÖeg  71. 

asXicrt  loiaaut;  69. 

iTi/iLtad[i]xn  288. 
iji/fieia  274.  277.  332. 

{TI]HElOYQ(t(fil-/J]    TS^VI]    291. 

arjuet(>YQ('t(fo;  274. 
uij/jeiwi',  Öii\  276.   279. 
Semitisch  47. 
Sendschirli  28. 
Septuaginta  826. 
sequence  letters  358. 
Serruys  110.  114. 
Sextilis  474. 
Sibilanten  37. 
Sibyllin.  Bücher  62—63. 
Sicilien  448. 
Siegel  7. 

—  -abkürzungen  327  A.  8. 
sigla  824. 

—  astronomica  321. 
Siglen  325. 

siglorum  cai^tiones  320. 

—  obscuritas  320. 
2:iY^(f.  39.  311.  514. 
Signal  7. 

Silbenkryptügraphie  802. 
Silberinventar  v.  Oropos  357. 
Simonides,  Konst.  35.  289. 
Simplex  ductus  412. 

Sinai  833.  450. 

Sinneszeilen  72.  82. 

Skirophorion  476. 

Skytale  300. 

slavische  Schrift  149—50.  156. 

—  Völker  9. 
Sloken  71.  79. 
Smith,  a.  16. 
Solon  875. 

Solonische  Gesetze  48. 
Sonnencyclen  430.  449.  468. 
Sonntagsbuchstaben  478—79. 
Sophia,  Hagia  451. 
Sorgfalt  der  Aiisführimg  217. 
Spaltung  der  Buchstaben  41. 
(T7r«jj«y,««r«  54. 
Speculation,  grammatische  263. 

—  graphische  263. 
Spiegelschrift  304. 
Spiralen  60. 
Spiritus  381.  383. 

—  asper  385. 

—  Form  (eckig,  rund)  387. 

—  -zeichen  222.  229. 
Spitzbogen  113.  144.   147. 
Sprache   8.  4. 

—  u.  Schrift  54. 
(TnvQiööv  58  —  59. 
Stammrolle  458. 

steile  Stellung  der  Buchstaben  256. 
Stein,  schwarzer  34. 
Steininschriften  158. 


Steinmetzzeichen  359. 
Stellenwert  874. 
stelzbeinig*»  Formen  2U3. 
Stephauus  H.  241. 
Steuerjahre  443.  457.  466. 
Steuerperiode  455.  461. 
aii/ot  71. 

—  äxxL   72. 

—  xuQxü'oc  64. 

Sticho-  und  Colometrie  70. 
stiehometrische  Zahlen  72.  354 — 55. 

beseitigt  71. 

Stichos,  Normal-  80. 

Stigma  867. 

<JiiYfj.ij  401. 

(Tioixeiu  18  A.  24.  25. 

Strich,  übergeschr.  862.  364.  373.  379  A. 

—  I  377. 

—  'l   379. 

—  II  378. 

—  -System  22. 
(jrQOYYv),ö(Txijuoc  88  A.   115. 
Stimde  der  Arbeit  431.  476—77. 
Stylianus  211.  431. 
subscripta  originalia  162. 
Subscriptionen  424. 
Subtraction  374. 

Suspension  322. 

Svastica  57. 

Syllabar  17.  291  Fig.  71. 

syllabarer  Charakter  der  Schrift  16. 

Syllabe  54. 

Symbole  321. 

(jvfißolaLOYQnqiog  283. 

avvnlluY^tuioYQnfpog  283. 

(Tvi'ÖQO/Arjc,  öuit  430. 

Synode,  trullanische  448;  s.  Concil. 

(TVfitsijei.g  YQai.ifi6iio}v  9. 

(Jvvbij^niiKwg  YQ^(psii>  298  A.  2. 

Syrer  144 — 45. 

Syrien  252. 

avQiit  YQ'^I^I''"^'*  147. 

(TvacoXai  388. 

Tachygraphie  7.  87.  206.  270. 

—  ägyptische  292. 

—  Lehrgeld  f.  290. 

—  mittelalterliche  284.  292. 

—  im  Orient  284. 

—  römische  276. 
Tachygraphin  274  A.  2. 
tachygraphische  Consonanten  293. 

—  Freiheit  der  Anordnung  295. 

—  Methode  291. 

—  Syllabar  298  Fig.  71. 

—  Vocale  295. 

—  Zeichen  257. 

—  —  außerhalb  des  Systems  293. 
la/i^orW/ioc  275.  280—81.  285. 
Tachy-Kryptographie  804.  305. 
Tag  u.  Stunde  476. 


512 


Tagesbuchstabeu  479. 
Talismane  306. 
Tatiiieriiug  10. 
Tausende  370. 

—  ausgelassen  370. 
Taylor,  Is.  18  A.  39. 
Telegraph  7. 

Ts).eia  (Tiiyuij   AOL 

Tell-el-Amarna  21.  26. 

Tempelinventar  360. 

leiQuÖe;  291. 

Tetrapia  des  Origenes  427. 

xeiQi'aTi,  eV  279  (s.  0.  I,   157.   159). 

TBTQnaau   125. 

Thargelion  476. 

xtsushof  470. 

&su)db}Qi]o;  877. 

—  /}  i{i^X''>j)  65. 
Theodoros  Gaza  475 — 76. 

—  Hagiopetrites  470. 

—  Schreiber  428. 

—  Siculus  469. 
Theologie  108. 
Theophaiio  381. 

Theuth  s.  Nachtr.  zu  S.  9. 

0(l}ä-  466.  473. 

Thracien  246. 

Thucydides  82. 

Tiefstellung  322. 

Tierkreis  332. 

Timokrates  171. 

Timotheus-Papyrus  91.  92  A.'403  Fig. 44. 

tironische  Noten  276;  s,  Nachtr. 

Tischendorf  123.  482. 

Titel  verkürzt  443. 

Todesanzeigen  209. 

TÖfo;  389. 

Totalstichometrie  81. 

Townley  scher  Homer  387  A.  482. 

Traian   1 62. 

Tralies,  Inschriften  von:  416. 

Trennungszeichen  377 — 78.  407. 

TQKFffn  y.ul  TSToaaaä   125. 

Tropfen,  Nacht  des  459. 

Tißt  473     74. 

Turrauius  93.  104.  107;  s.  Nachtr. 

Typen,  bewegliche  12. 

Typi  regii  gr.  241  A. 

Tzetzes  475. 


Ueberschriftsmajuskeln  157. 

umbildendes  Element  der  Schrift  83. 

Umbrisch   47. 

Umstellungszeichen  407. 

uncia  89  A. 

Uncialcursive  169. 

Unciale  84.  87.  88.  206. 

—  ägyptische  250  A. 

—  älteste  254. 

—  alexaudrinische  125.  250  A. 

—  „biblische"   118. 


Unciale,  kalligraphische  119. 

—  Klein-  116.  158. 

—  koptische  116. 

—  liturgische  153. 

—  Papyrus-  91.   101. 
datiert  104.  515. 

—  Pergament-  116.  122.  142. 

—  rechtsgeneigte  111.  138.  143.  148. 

—  spätere  404;  s.  a.  onciale. 
Uncialhandschrift,  älteste  254. 
Undatierte    Handschriften    zu    datieren 

480. 
Unteritalien  253 — 55. 
Unterschrift,  eopiert  438.  440. 

—  der  Bücher   424. 

—  des  cod.  H  74. 

—  des  cod.  Sinait.  127. 

—  gefälschte  437—38. 

—  radiert  438. 

Uralphabet,  phönicisch  35.  369. 
Uriasbrief  30. 

Uspenskij  Poi-firi  108.  143.  147.  199.  209. 
Utopien  263. 

Vasen,  Inschriften  der  34.  169. 
Verbindung  167. 
Verbindungsstrich  167—68.  407. 
Verfall  der  Schrift  83. 
Verstümmelung  der  Buchstaben  165. 
Verszählung  359 — 60. 
Verzeihung,  Bitte  um  432. 
Vierliniensystem  170.  188.  190. 
Virgilianus  versus  80. 
Vocale  35.  294. 

—  durch   Punkte   ersetzt   303;    s.   qpco- 
voiH'Td  (rri   tmit). 

—  lange  und  kurze  36. 

—  und  Consonanteu  4. 

—  unterdrückt  302.  304. 
Vogel  403;  s.  Coronis. 
Volksschrift  83. 
Volkszählungen  458. 
voll,  hercc.  71.  80. 

Wachstafeln,  tachygr.  282—83.  293. 

Walid  s.    OvaliÖ. 

Wandeljahr  441  A.  442. 

Wartenberg  22. 

Wasserzeichen  7. 

Weihgeschenk  (Inschrift)  270.  366. 

Weltaera  430    447.  449. 

—  alexandrinische  448. 

—  constantinopolitanische  448.  449. 

—  d.  Chron.  Paschale  449. 

—  jüdi.sche   448. 
Wertzeichen  356. 
westgotisch   262. 
Wessely  247.  322.  416.  461. 
Wilcken  322.  459.  463  usw. 
Wilhelm,  A.  370. 
Wochentag  431.  476, 


—     513 


Worttrennung  396. 
Wunsch,  frommer  431. 

Xenophon  266.  272.  273. 
c^uvöimg  473. 

Zähler  374. 

Zahl,  güldene  469. 

—  -System,  alphabetisches  367. 

—  —  decimales  366. 

—  -zeichen,  decimale  366, 

römische  189.  369.  375. 

Zähler  374. 

Zahlen  353. 

—  -aiphabet,  milesisches  363  A. 

—  alte  72.  354. 

—  arabische  380. 

—  Buchstaben-Theorie  307. 

—  durch  Buchstaben  320.  362. 

—  griechische  192  A.  310.  324. 

—  indisch-arabische  379. 

—  linksläufig  375. 


Zahlen  mit  Episema  363. 

Schrift  270. 

Symbolik  306. 

tafel  365.  377. 

—  übereinander  376. 

—  wiederholt  372. 
Zakir  28.  34. 
Zaleukos  31. 

Zauberpapyri  282.  292.  312. 
Zeichen,  bedeutungslose  410. 

—  fremde  47. 

—  kritische  410. 

—  musikalische  415. 
Zeilen,  Anordnung  der  58. 

—  Länge  der  68. 
Zeitrechnung,  ägyptische  442. 
Zereteli  247.  323. 

ZH0I  361. 

Zierschrift  210. 

ZifiFer  376. 

Zusätze  der  Handschriften  436.  485. 

Zusatzbuchstabeii  35.  41. 

Zweiliniensystem  170.  190. 


Buchstaben. 


A  90.  94.  103.  104.  126.  133.  145.  174. 
175.  186.  192—93.  211.  218.  230.  265. 
294. 

—  tachy graphisch  218. 

—  Hakenalpha  174.  176.  192.  329. 

B  41.  43.  94.  105.  133.  152.  174.  175. 
186.   193.  211.  218.  231.  266,  294. 

—  D  förmig  176. 

—  ufömiig  177  A.  193. 

r  40.  120.  165.  177.   193.  211.  219.  232. 

295. 
A  94.  105.   120.   126.   133.   152.  155.  177. 

186.   193.  212.  220.  232.  295. 
()    188.  193. 
E    45.    90.    94—95.    105.    120.    133.    165. 

166.  175.  177—78.  186.  188.  193.212. 

220—21.  232.  294. 

—  hakenförmig  221. 

G  neql  xbiv  td'vwv  414. 
El  194.  212.  221.  233. 
Digamma  35. 
Vav  36. 
F  41. 

—  als  Zahl  358.  361.  366.  367. 
Zain  37.  39. 

Z   95.  105.   145.   152.  155.   194  212.  221. 

233.  296. 
Z  in  incertis  414. 
H   45.   96.    105.  112.  174.  178.  194.  213.   1 

221.  234.  294  (311).  | 

—  erfunden  von  Simonides?  35.  37.         ' 

Ga  rd  thausen,  Gr.  Paläographio.    2.  Aufl.  II. 


B  40. 

0  41.    96.    105.    112.  120.   145.   152.  155. 

178.  194.  213.  221.  234.  296. 

0  45. 
h  40. 

1  105.   133.   179.   194.  213.  221.  234.  265. 

—  das  stumme  241. 
V  137  A.  1.  213. 

K  41.   96.    120.    137.   166.  175.   179.   186. 

194.  213.  234.  296.  414. 

A  40.   96.    165.   166.   179.    194.  213.  222. 
234.  296. 

—  Doppel-  166. 

Aäi^ißda  neoisvtiYfJti'OP  411  A. 

M  96,  106.^128.   133.   155.  158.  173.  174. 

179.  186.  195.  213.  222.  235.  266.  296. 
0  3I{vQioi)  371. 

IL  249. 

N  90.   97.    112.    158.  175.  180.   195.  214. 

222.  285.  266. 
O  296. 

—  Schluß-  203.  214.  222. 

—  treppenföriiiig  97,  174, 
E  41. 

—  erfunden  von  Simonides?  35.  38.  40. 
43,    93.    97.    103.    106.    133.    166.    180. 

195.  214.  223.  235.  296. 
+  =  X  41. 

Öaraech  37.  40. 

0   36.    41.   97.    113.   146.  147.    180.  185. 
195.  214.  223.  236.  294. 
33 


514     — 


Doppelomikron  101, 

O  =  Q  37. 

0  =  D  329. 

OY  187.   180.   196.  215.  223.  236. 

n  90.    97.    106.   166.   173.  180.   196.  215. 

223.  236.  266.   296.  =  C  41  A. 
Zade  M  m  37—38. 
9  41.  361.  367—68. 
xonnaiiai,  xonnaqjÖQOi  39. 
P(=  p.:  81)  97.   106.   133.  137.  152.  155. 

165.  180.  196.  223.  236.  297. 
QQ  386. 

Schin  I  37.  39. 
Sainpi  39.  361.  367—68.  369. 
San  39. 
aafufÖQcti  39. 
S   45.    90.   98.    106.    120.    133.    166.    174. 

181.   186.  196.215.223.238.297(311). 
(Tff  202. 

CT  112.  181.  196.  224.  238.  367. 
T  99.  107.  120.  137.  152.  165.  166.  173. 

174.    181    (=  Y).   196.   215.  224.   238. 

266.  297. 
TT  202.  215.  224. 
T  bei  den  Phöniciern  42  A. 


T  xeQavviop  412. 

Y  36.  41.  45.  99.  107.  133.  137.  154. 
165.  174.  182.  197.  215.  225.  239.  265. 
294. 

r  137  A.  1. 

Yfen  414. 

cj)  35.  36.  41.  43.  99.  107.  166.  174.  182. 

197.  225.  239.  297. 
fi  et  ro  412. 
X  43.    100.  128.  133.  145—46.  197.  225. 

239.  297. 

—  kritisches  Zeichen  408. 
chi  et  ro  412. 

-\-  nSQL  JLqKJTOv  414. 

V  41.  43.  46.  100,  197.  225.  240.  297. 

—  erfunden  von  Simonides?  35. 
>|<  43.  44. 

ß  36—37.  41.  46.  90.  93.  100.  107.  112. 
113.  128.  174.  182.  197—98.  203.  225. 

240.  294. 

—  erfunden  von  Sinaonides?  35. 
®  37. 

O  37. 

CO  =  800:  369. 

CüP  =  900:  370. 


Datierte  Schrift. 


Jahr     Seite 

Jahr 

Seite 

Jahr 

Seite 

Jahr 

Seite 

310  V.Chr. 

92. 

501 

144. 

861-62 

147.  200  A. 

221.224.225. 

300    92. 

509 

144. 

201. 

230.  430. 

285/84  273. 

511 

144. 

862 

143.147.367. 

991 

255. 

284/83  92. 

512 

144.  375. 

428.430.436. 

992 

335. 

281/80  181. 

514 

283. 

482. 

993 

255.  432. 

269    95. 

522 

466. 

880 

430. 

995 

151-52.  429. 

259/58  366. 

542 

194-95.  197. 

888 

222.332.342. 

996 

189.  204. 

254/53  172. 

398. 

348. 

ca. 1000 

155. 

221    366. 

560 

446. 

890 

210.215.434. 

1001 

223, 

211/10  172. 

180. 

570  (?) 

438. 

895 

219.  224  A. 

1006 

207. 

145    97. 

577/78 

443. 

405. 

1007  (?) 

118.  252. 

132    825. 

586 

145. 

896 

218. 

1009 

224. 

17    105. 

592 

467.  500. 

897 

159. 

1018 

252. 

8—4  104. 

106. 

595 

195. 

899 

430. 

1020 

256.315.469. 

6  V.  Chr. 

368.499. 

599 

191. 

914 

218.  220-21. 

1021 

452.  469. 

17  n.  Chr. 

175. 

600 

211.  220-21. 

222-23. 

1022 

385. 

45    118. 

605 

257. 

224  A.  239. 

1023 

477. 

49    182  A. 
66    104. 
68    443. 

616/17 

633 

650-60 

445. 
195-96. 
145.  389. 

916 
917 
924 

210.  252. 
431.  432. 
912  220-'^! 

1027 
1030 

219.  220-21. 

224-25. 

225. 

78/79  179. 

675 

145. 

932 
941 

335.  431. 

254. 

405. 

149.  429. 

212.  223-24. 

471. 

219.  220-21. 

222.  224  A 

225.  228. 

210. 

150. 

220-21.  222. 

286. 

1033 

433  A.  435. 

88    104- 

-5. 

680 

192.211.233. 

1037 

218.  223-24. 

97    177. 

178. 

697 

146. 

943 
949 
950 

230.  469. 

134    375. 
155    290. 
166    178. 

379. 

698 

700-05 

707 

188. 

202-03. 

188. 

1040 
1045 
1052 

222. 
218. 
469. 

185    183. 
209    183. 
219/20  184. 
221    183. 
253    363. 
255/56  131. 
289    184. 

375. 

710/11 

718 
719 
759  (?) 
800 

188.  192. 
194-95.  196. 
203. 

188.  203. 
145. 
439. 
147-48.  153. 

953 

954 
959 
964 

1055 
1057 
1059 

1060 
1063 
1064(?) 

213.  419. 

433  A. 

223.232.237. 

388. 

218.  236-37. 

387.  477A.1 

439. 

325  465. 

326  465. 

242.254.428. 

967 

150.  499. 

1071 
1083 

221.223.432. 
221.224.228. 

341    465. 

819 

204  A. 

968 

477. 

231.237.239. 

346    102. 

188. 

822 

259. 

971 

221. 

1084 

470. 

350    193-94.  195. 

827 

209. 

972 

218.221.224. 

1086 

207.432.470. 

197. 

465. 

832 

209. 

230.286.342. 

1095 

363.  440. 

355    465. 

835 

204.  206. 

394. 

1100 

435. 

356-59  465. 

208-09.  214. 

975 

217  A. 

1104 

236. 

411    142.477A.2l 

222.232  339. 

979 

150.  482. 

1105 

313. 

452    466. 

392.429.432. 

980 

150-51. 

1107 

314. 

464    144. 

839 

162  A.  195 

981 

217  A. 

1112 

235-36.  237. 

474    144. 

bis  196  A. 

983  (?) 

255  A. 

387  A.  388. 

487    191. 

446. 

844  (?) 

150. 

986 

225.  431. 

433. 

492    446. 

856 

148. 

990 

207.218.219. 

1114 

476. 

33* 


—     51G 


Jahr 

Seite 

Jahr 

Seite 

Jahr 

Seite 

Jahr 

Seite 

1116 

419. 

1226 

252.  447. 

1294 

229  A. 

1390 

235. 

289.240 

1124 

232-33.  234. 

1231 

230-31.  234- 

1296 

231.236.237. 

ca.  1400  229. 

237-38. 

35.  236.  238. 

239. 

1402 

237. 

239. 

1126 

430.434.471. 

1239 

477. 

1306 

227.  304. 

1420 

239. 

1128 

231.  238. 

1242 

363. 

1309 

226. 

1428 

453. 

1133 

237.  388. 

1244 

470. 

1311 

313.  440. 

1431 

313. 

470. 

1136 

232.234.388. 

1250(?) 

452. 

1315 

433  A.  470. 

1438 

237. 

1139 

334. 

1252 

333. 

1316 

235.  238-39. 

1440 

470. 

ca.  1153  256. 

1255 

230-31.  234. 

433  A. 

1445 

231. 

1157 

148. 

236-37.  238. 

1320 

363. 

1447 

363. 

1159 

236.  333. 

387. 

1321 

232-33.  235. 

1449 

313. 

1160(?) 

452. 

1261 

481. 

238-39.  244. 

1458 

231.235.239. 

1164 

231.  237-38. 

1263 

363. 

430.  470. 

303. 

239. 

1265 

158  A.  432. 

1322 

363. 

1469 

231. 

1167 

238.  469. 

1272 

333.393.470. 

1327 

227. 

1470 

381. 

1172 

231-32.  233- 

1273 

231.233.234 

1330 

232. 

1475 

470. 

34.  256.  437. 

-35.  236-37. 

1331 

231.  305. 

1482 

437. 

440. 

1175 

256.  387. 

288-39.  240. 

1340 

453. 

1492 

237. 

239. 

1186 

232-33.  234 

393.  481. 

1344 

453. 

1495 

381. 

236. 

1275 

226  A. 

1354 

470. 

1496 

234. 

239. 

1192 

362. 

1276 

232.  439. 

1355 

313. 

1500 

436. 

1196 

218.  230. 

1278 

370. 

1360 

240. 

1514 

440. 

232-33.  234- 

1279 

313. 

1362 

238. 

1533 

470. 

35.  236-37. 

1281 

333. 

1364 

288. 

1541 

313. 

476. 

239. 

1282 

470. 

1371 

235.237.239. 

1548 

476. 

1202 

226  A. 

1283  (?) 

439. 

1380 

363.  439. 

1555 

314. 

1214 

437.  440. 

1285 

387-88. 

1383 

363. 

1565 

52. 

1221 

231-32.  234- 

1292 

253.256.451. 

1385 

431. 

1583 

314. 

35. 

470. 

1387 

434. 

1595 

316. 

Taf.  1. 


6 

10 

15 

Ecole  pratique 
des  liautes  et. 
Annuaire  1906 

p.  26—27. 
Timoth.  Artem.  Phaed 
4.-3.Jh.  v.Chr. 

Ele- 

phautine 

Pap. 

T.  III 

a.  311/10 

Pal. 

So- 
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II 180 
V.160 
v.Ch 

Gr.  Papyrus 
Br.  Mus. 

2,6. 
354     733 
8-4    l.Jh 

v.Ch.  n.Ch 

Volumina 
herculan. 

vor  79  n.  Chr. 

Gr.  Papyrus 

Br.  Mus. 

141. 

88  n.  Chr. 

BGU 

I  14C 

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n.Ch 

Pal.  Society 
153.  !  126. 
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10 


15 


Papyrus-Uncialo. 


Verlat;  von  VEIT 


Taf.  1. 


5 

10 

15 

4iJahrh.v.air. 

a.311/10 

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v.Chr. 

8-4 
vChr. 

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n.Chr. 

vor  79  n.Chr. 

88n.Chr. 

99100 
n.Chr. 

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Jahrh.  Jahrh. 

200-295 
n-Chr. 

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10 
Papyrus-Unciale. 


15 


IMP.  in  Leipzig. 


Taf.  2. 


C.  I.  Gr. 

8607 

cod.  Sinait. 

Dioscorides 
Vindob. 

cod. 
Theod. 

Lond. 
17148 

Add. 
17134 

Lamb. 
VIII- 

S.  863 

Lond. 
Add. 
12134 

ca.  330 

ca.  400 

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Verlag  von  VEI 


Taf.  2. 


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OXIP.  in  Leipzig. 


Taf.  3. 


Fragm. 
mathem. 
bobiense 

s.  VIII. 

Psalt.Usp, 

a.  862 

Par.  510 

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Bodl.  D. 

4.  I. 

a.  950 

Curz.  83 
a.  980 

Harlei. 
5589 
a.  995 

Mosq.  226 

(Liturg.) 

s.  XI. 

Psalt. 
Cusan. 

(Abendl.) 

8.x. 

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Taf.  4  a. 


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M.  Petri  P. 

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II  123,  125 

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710 

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Verlag  vou  VEIT  &  Gl 


Taf.  4  b. 


Minuskel- Cursive. 


in  Leipzig. 


Taf.  5. 


5 

10 

16 

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254 

a.  880 

Pal.  Soc. 
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a.  888 

Par.  1470 
a.  890 

Clark.  39 

a.  895 

Par.  451 
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Verlag  von  VEIT 


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in  Leipzig. 


Taf.  6. 


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a.  950 

Bodl.  E  2,  12 
a.  953 

Par.  70 
a.  964 

Lond.  Add. 
18231 
a.  972 

Par.  438 
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Älittlere  Minuskel. 


Taf.  7. 


5 

10 

15 

Coisl.  265 
a.  1037 

Par.  223 
a.  1045 

Par.  40 
a.  1059 

Par. 

1477 
1060 

Par.  1598 
a.  1071 

Par.  1078 
a.  1083 

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Mittlere  Minuskel. 


15 


Verlag  von  VEIT  A  C  ; 


Taf.  7. 


3Iittlere  Minuskel. 


.  in  Leipiig. 


Taf.  8. 

6 

10 

15 

Par.  1324 
a.  1104 

Par. 
1531 
1112 

Par.  1116 
a.  1124 

Par. 

2983 

1128 

Par. 
243 
1133 

Par.  891 
a.  1136 

Lond. 

Add.  5107 

a.  1159 

Par.  Suppl.  612 
a.  1164 

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P.  in  Leipzig. 


10 


Mittlere  Minuskel. 


15 


Taf.  9. 


6 

10 

15 

Lips.  Senat. 

II  25 

a.  1172 

Par.  633 
a.  1186 

Vind.  theol.  19 
a.  1196 

Vind.  th. 

181 
a.  1221 

Par.  997 
a.  1231 

Par.  194  A. 
a.  1255 

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Tachygrapliisches  Syllabar. 


Verlag  tou  VEIT  4  COMP,  in  Lolpüg, 


University  of  California  Library 
Los  Angeles 

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